Stephan Füssel: Die Gutenberg-Bibel

Das Gutenberg-Denkmal am Lugeck in Wien.
Das Gutenberg-Denkmal am Lugeck in Wien. (Foto: buchwolf)

Die Faksimile-Ausgabe der Gutenberg-Bibel des Taschen-Verlags enthält einen Kommentarband von Stephan Füssel:

Jede Gutenberg-Bibel ein wenig anders

Zunächst stellt der Autor Gutenberg vor, dann die Gutenberg-Bibel, dann genauer das Göttinger Exemplar, das als Vorlage für das Faksimile diente. Man muss bedenken, dass jede der 180 42-zeiligen Gutenberg-Bibeln ein wenig anders ist, da es nicht nur kleine Unterschiede im Druck gibt, auch im bedruckten Material (nämlich Pergament oder Papier), vor allem aber in der buchkünstlerischen Gestaltung und im Einband, da Gutenberg ja mittelalterliche Handschriften nachahmte und daher nicht nur schwarzen Text vorsah, sondern rote Initialen und Anfangszeilen der biblischen Bücher (die ein „Rubrikator“ von Hand eintragen musste, da Gutenberg schnell erkannte, dass zweifarbiger Druck zu aufwändig wäre (erst seine Kompagnons Fust und Schöffer druckten dann zweifarbig)) und schön gemalte Initialen und anderen Buchschmuck, den ein Buchmaler einzufügen hatte. Außerdem musste der Käufer das Buch – im Falle der Gutenberg-Bibel waren es sogar zwei Bände – nach eigenen Vorstellungen binden lassen.

Wichtigste Urkunde zu Gutenberg

Der Kommentarband stellt auch das wichtigste urkundliche Dokument zum Leben Gutenbergs vor, das sogenannte „Helmaspergersche Notariatsinstrument“, in dem ein Gerichtsschreiber den Ausgang des Rechtsstreits zwischen Gutenberg und seinem Geldgeber Johannes Fust genau notierte. Als nämlich die 42-zeiligen Bibeln 1455 fertig waren, zerstritten sich die beiden und trennten sich, wobei Gutenberg Fust ziemlich viel Geld zahlen und allerlei Material (z. B. Schrifttypen) überlassen musste, mit denen Fust dann gemeinsam mit dem von Gutenberg abgeworbenen Druckergesellen Peter Schöffer eine eigene, sehr erfolgreiche Druckerei eröffnete.

Möglicherweise führte aber gerade dieses Zerwürfnis zur schnelleren Verbreitung der neuen Technik, da Gutenberg seinem Konkurrenten schaden wollte, indem er möglichst viele Drucker ausbildete, die dann in andere Städte gingen und dort Druckereien eröffneten.

Malanleitung

Der Kommentarband stellt auch ein wichtiges Hilfsmittel für die Buchmaler vor, das „Göttinger Musterbuch“, in dem Buchmalern genau erklärt wird, wie und mit welchen Farben sie die Verzierungen der Bibeln malen könnten. Das Göttinger Exemplar wurde ganz offensichtlich nach diesem Musterbuch illuminiert.

49 noch erhalten

Im Anhang findet sich eine Liste der Standorte der 49 noch erhaltenen Gutenberg-Bibeln, eine davon in der Österreichischen Nationalbibliothek. Außerdem gibt es eine Liste der im Internet frei verfügbaren digitalen Editionen der Gutenberg-Bibel.

Stephan Füssel: Die Gutenberg-Bibel von 1454. Kommentar zu Leben und Werk von Johannes Gutenberg, zum Bibeldruck, den Besonderheiten des Göttinger Exemplars, dem „Göttinger Musterbuch“ und dem „Helmaspergerschen Notariatsinstrument“. Taschen-Verlag, Köln, 2018. 114 Seiten.

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Thomas Klupp: Wie ich fälschte, log und Gutes tat

Wolfgang Krisai: Logo des Erlanger Poetenfests 2018 mit Wolfram-Denkmal aus Wolframseschenbach.

Thomas Klupp erlebte ich beim Erlanger Poetenfest im Sommer 2018, und dort kaufte ich auch seinen neuen Roman, den er dort vorstellte: „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“.

Kurz gesagt, ist der Roman eine Kreuzung aus „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf (was Modernität, Schülersprache und „Unmoral“ betrifft) und Heinrich Spoerls „Die Feuerzangenbowle“ (was die flotte Abfolge lustiger Schülerstreiche betrifft).

Der Ich-Erzähler und Held des Romans ist Benedikt Jäger, 15 Jahre alt und Gymnasiast am Kepler-Gymnasium in Weiden in der Oberpfalz nördlich von Regensburg. Seine Freunde nennen ihn „Dschägga“.

Er ist ein Tennis-As und spielt in der schulischen Tennismannschaft, die im Vorjahr eine Tennis-Meisterschaft gewonnen hat und nun, Anfang September und Anfang des Romans, dafür als Belohnung eine Ballonfahrt über Weiden hinweg machen darf. Tolles Erlebnis für alle beteiligten Burschen.

Sargnagel

In der Schule läuft aber nicht alles toll. Sie bekommen einen extrem strengen Mathe- und Physik-Lehrer namens Scharnagl, genannt Sargnagel, der ihnen schwer zu schaffen macht, obwohl er selbst an Krebs leidet und es nicht mehr lange machen wird.

Um seine Eltern nicht zu enttäuschen und deren Gunst nicht zu verlieren, hat Jäger sich ein gefinkeltes System der Fälschung schulischer Leistungen ausgedacht. Er hat die schulischen E-Mails auf einen eigenen Account umgeleitet, von wo aus er nur die unverfänglichen an seine Eltern weiterleitet. Noten von Schularbeiten und Tests, aber auch zu unterschreibende Hausübungen und ganze Zeugnisse fälscht er, wobei er auch zum souveränen Unterschriften-Fälscher geworden ist. Niemand kommt ihm je drauf.

Schummeln ist natürlich an der Tagesordnung, wobei Jäger Glück hat, da er neben der zwar unattraktiven, weil fetten, aber sehr gescheiten Margarete sitzt, die ihn einmal sogar aus einer hoffnungslosen Mathe-Situation rettet, wodurch Jäger erkennt, dass Margarete ihn offenbar liebt. Mehr wird daraus aber nicht.

Küsst super

Jäger ist noch „Jungfrau“, was ihn gewaltig stört. Das ändert sich während des Romans auch nicht, obwohl er eine Art „Freundin“ hat, nämlich ein flottes Mädchen namens Marietta, älter als er, die ihn engagiert hat, um vor ihren Freundinnen nicht ohne Freund dazustehen. Sie küsst super – aber darüber hinaus tut sich zwischen den beiden nichts, und die ganze Geschichte ist auch von seiten Mariettas auf wenige Wochen befristet. 

Auch die Mutter, Monika, spielt in seinem Leben eine wichtige Rolle. Sie stammt von einem Bauerndorf, hat sich aber – dank ihres Geld scheffelnden Ehemanns, der ein unermüdlich operierender Chirurg am Weidener Krankenhaus ist – in der Hierarchie des Ortes hinaufgearbeitet, wobei Sohn Benedikt ihr eifrig beim Flunkern und Angeben helfen musste. Was er, als notorisch begabter Fälscher und Lügner, gerne macht, zumal er jedesmal Geld von der Mutter zugesteckt bekommt.

Flüchtlinge verschwinden aus dem Roman

Die Mutter ist eine wichtige Figur beim örtlichen Lions-Club und veranstaltet Charity-Partys für von Lions betreute Flüchtlinge. Diese spielen zwar anfangs eine Rolle, verschwinden aber dann weitgehend aus dem Roman.

Dass Jäger auch in dubiosen Lokalen rumhängt und kifft, ist selbstverständlich. Die Eltern ahnen nichts davon.

Der Roman besteht eigentlich aus einer Aneinanderreihung von Episoden, wo Jäger in Schwierigkeiten gerät und sich immer wieder mit knapper Not retten kann. Ich kann hier nicht alle aufzählen.

Originell ist z. B., wie Jäger nach einem gewonnenen Tennismatch in Grafenwöhr seinen Freund Vince vor einer Verprügelung durch einen Hühnen der gegnerischen Mannschaft rettet, woraufhin die beiden quer-garten-ein durch den Ort flüchten.

Physiktest „umschreiben“

Um sich eine bessere Note bei einem wichtigen Physik-Test zu erschummeln, bekniet Jäger seinen Tennis-Kollegen Jiri, für ihn – gegen Geld (im Endeffekt muss Jäger Jiri ein neues iPhone X kaufen und dafür das Geld erst auf abenteuerliche Weise auftreiben) – den Test zu machen: Jäger fotografiert den Angabezettel, schickt ihn Jiri, der am WC ist und schnell die Lösung auf ein Blatt schreibt und am WC deponiert, dann soll Jäger aufs WC gehen und die Lösung abholen. Doch Prof. Sargnagel vereitelt das, indem er Jäger aufs Lehrer-WC schickt. Wenn dieser Test schiefgeht, würde die Schule seine Mutter verständigen – durch einen persönlichen Anruf eines Lehrers – und dann würde diese die Wahrheit über die schlechten Leistungen ihres Sohnes erfahren. Also muss Jäger sich eine Lösung einfallen lassen. Diese ist dann Höhepunkt und Schluss des Romans: ein Einbruch bei Professor Sargnagel, wo Jäger und zwei Freunde die am Vormittag geschriebenen Physiktests „umschreiben“, von Sargnagel erwischt werden, aber gerade noch unerkannt flüchten können. Auch diesmal werden sie nicht ausgeforscht.

Gutes?

Wie Jäger „fälschte und log“, das ist nun klar. Aber wo „tat er Gutes“? Das fällt vergleichsweise dünn aus. Denn er ist ein guter Kumpel, hält zu seiner Tennismannschaft, er hilft seiner Mutter beim Aufbau eines gefakten Images, ebenso Marietta, aber richtig gute Taten sind da nicht dabei. 

Trotzdem, ein unterhaltsamer Roman, der auch wegen seiner flotten „Jugendsprache“ gut zu lesen ist. Natürlich ist es eine künstliche Jugendsprache (wie Thomas Klupp beim Gespräch in Erlangen auch zugab), aber sie funktioniert.

Thomas Klupp: Wie ich fälschte, log und Gutes tat. Roman. Berlin-Verlag, München/Berlin 2018. 253 Seiten.

Bild Wolfgang Krisai: Logo des Erlanger Poetenfests 2018 mit Wolfram-Denkmal aus Wolframs-Eschenbach. – Anlässlich des Besuchs in Erlangen besichtigten wir auch das nahe Wolframs-Eschenbach, daher das Denkmal in diesem Bild.

Ein Kommentar

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„Es sind vortreffliche Italienische Sachen daselbst“. Louise von Göchhausens Tagebuch ihrer Reise mit Herzogin Anna Amalia nach Italien

Wolfgang Krisai: Rokoko-Berline, sogenannter "Prinzen- oder Damenwagen", Wagenburg, Schloss Schönbrunn, Wien. Federzeichnung, 2017.

Meine Frau schenkte mir diese wissenschaftliche Ausgabe von „Louise von Göchhausens Tagebuch ihrer Reise mit Herzogin Anna Amalia nach Italien vom 15. August 1788 bis 18. Juni 1790“. Es ist der Band 72 der „Schriften der Goethe-Gesellschaft“ und vom Wallstein-Verlag in gediegener Weise gestaltet.

Interessant kommentierte Ausgabe

Das eigentliche Tagebuch umfasst 148 Seiten, darüber hinaus gibt es eine Einleitung, editorische Erläuterungen, einen äußerst umfangreichen Sachkommentar und ein kommentiertes Personenverzeichnis.

Die Idee, die Personen normalerweise nicht im Kommentar zu kommentieren, sondern im Personenverzeichnis, ist sehr praktisch, da man ja häufig nicht beim ersten Auftreten der Person gleich etwas nachschauen will, sondern vielleicht erst beim fünften oder zehnten. Allerdings ist die Kommentierung im Personenverzeichnis deutlich weniger ausführlich als die zu den Sachthemen im Sachkommentar, wo die Informationen oft geradezu ausufern, vor allem, wenn es um Kunstwerke geht, die besichtigt und genannt werden.

Einige Seiten des Originals sind abgebildet, sodass man auch von der Handschrift Göchhausens einen Eindruck bekommt. Auch ein von Goethe gezeichnetes Porträt der Autorin ist enthalten.

Scharfes Mundwerk, aber nüchternes Tagebuch

Louise von Göchhausen war eine kleine, verwachsene Frau, die lange Jahre die Hofdame der Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach war und nur wenige Monate nach deren Tod 1803 ebenfalls starb. Sie war beliebt, weil sie einen scharfen Verstand und ein offenbar nicht weniger scharfes Mundwerk hatte.

Das goutierte möglicherweise aber nicht jeder, denn im Kommentar zum 1. 12. 1789 (Aufenthalt war gerade in Rom, an diesem Tag erfuhr man vom Selbstmord des jungen Sängers David Heinrich Grave) wird vermutet, Louise von Göchhausens ständige Sticheleien gegen den Sänger hätten zu dessen Tod beigetragen und darüber sei es zu einem ernsten Zerwürfnis mit der Herzogin gekommen (wovon wieder Goethe ein Jahr später in einem Brief etwas andeutet). Im Tagebuch wird davon nichts gesagt, denn Gefühle und Kommentare sind daraus generell ausgespart.

Genaue Chronistin des Tagesgeschehens

Göchhausen vermerkt genau, aber in aller Kürze, was jeden Tag gemacht wurde, wo man übernachtete, wo man einkehrte, welchen Vergnügungen man sich hingab.

Die Herzogin liebte die Musik (komponierte sogar selbst), daher hatte sie Musiker – zunächst einen Schweizer Komponisten, der sich aber bald beurlauben ließ, und dann eben diesen unglückseligen Grave – in ihrer Entourage, wie übrigens auch einen Arzt, einen Koch, einen italienischen Cicerone, eine Kammerfrau, eine Kammerjungfer, einen Hofmarschall und die Hofdame Göchhausen umfasste.

Eigentlich inkognito

Die Herzogin reiste inkognito unter dem Namen Gräfin von Allstedt, konnte das Inkognito aber vor allem in Rom nicht mehr aufrecht erhalten.

Die Reiseroute – am vorderen Vorsatzpapier auf einer Landkarte abgebildet – verlief von Weimar über Regensburg, München, Innsbruck, Verona, Mailand, Parma, Florenz, Pisa, Siena, Viterbo nach Rom, wo man länger blieb, dann weiter nach Neapel, nach einem Monat zurück nach Rom, dann bald wieder nach Neapel, wo man dann lange blieb – mit Ausflügen nach Paestum, auf die Insel Ischia, nach Andria (dort aber merkwürdiger Weise nicht zum Castel del Monte!), zurück ging es dann über Rom, Ancona, Bologna, Venedig, Padua, Verona, Innsbruck, Augsburg, Nürnberg nach Weimar. In Venedig erwartete sie Goethe, der dort schon ein Monat zu früh eingetroffen war, und begleitete sie dann nach Hause.

Die Reise beanspruchte die Weimarer Staatsfinanzen empfindlich, zumal die Herzogin die geplante Reisezeit von einem Jahr fast um ein weiteres Jahr überzog. Aber es gefiel ihr in Neapel dermaßen…

Erstaunliche Aufnahmekapazitäten

Absolut erstaunlich ist die Aufnahmekapazität der Herzogin und der Hofdame, was Kunstwerke betrifft. Praktisch jeden Tag wird irgendeine Sehenswürdigkeit besichtigt, manchmal auch mehrere, und in den Kirchen, Klöstern und Palästen (die, sofern der Besitzer abwesend war, offenbar problemlos zugänglich waren) wurde nach bedeutenden und weniger bedeutenden Gemälden Ausschau gehalten. 

Darüber hinaus empfing die Herzogin fast täglich Künstler, die ihr Zeichnungen vorlegten, von denen sie gelegentlich welche kaufte, oder die sie porträtierten. So etwa Angelika Kauffmann, Tischbein, aber auch den Maler Verschaffelt und viele andere.

Gesellschaftsleben

Täglich wurde in Gesellschaft gespeist, der Koch war also eine wesentliche Figur in der Reisegesellschaft. Und am Abend ging man in die Oper, in ein Konzert, ließ sich vorsingen oder vorspielen oder spielte und sang selbst. In den wenigen stillen Stunden schrieben sowohl die Herzogin wie auch die Hofdame an ihren Tagebüchern. 

Von Lektüre ist nie die Rede, möglicherweise wurden aber Reiseführer (sofern es solche schon gab) konsultiert. Jedenfalls hätte man nicht so viele Kunstwerke besichtigen können, wenn man nicht im Vorhinein von deren Existenz erfahren hätte.

Die Natur spielt ebenfalls eine geringere Rolle. So spektakuläre Naturschauspiele wie aus dem Vesuv hervorquellende Lava, zu der man extra hinaufstieg bzw. -getragen wurde, oder Wasserfälle, Schluchten oder Ähnliches besichtigten die Reisenden aber sehr wohl.

Eigene Kutsche, fremde Pferde

Die Gruppe reiste in zwei eigenen Kutschen, nur die Pferde wurden an den Poststationen gewechselt, manchmal mussten auch welche zusätzlich vorgespannt werden, um Berge zu überwinden. Diese Kutschen waren sicher nicht gerade bequem im Verhältnis zu heutigen Fortbewegungsmitteln. Außerdem konnten sie umstürzen (was einmal geschah, wobei aber niemand verletzt wurde) oder Räder konnten zu Bruch gehen (was öfter geschah). Vor dem Regen schützten sie jedoch offenbar ausreichend, auch Kälte ließ sich ertragen.

Insgesamt eine äußerst interessante Lektüre. Man möchte gleich mehr über Louise von Göchhausen oder Anna Amalia erfahren.

„Es sind vortreffliche Italienische Sachen daselbst“. Louise von Göchhausens Tagebuch ihrer Reise mit Herzogin Anna Amalia nach Italien vom 15. August 1788 bis 18. Juni 1790. Hg. u. komm. v. Juliane Brandsch. Schriften der Goethe-Gesellschaft, Band 72. Wallstein-Verlag, Göttingen, 2008. 518 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Rokoko-Berline, sogenannter „Prinzen- oder Damenwagen“, Wagenburg, Schloss Schönbrunn, Wien. Federzeichnung, 2017. – Mit einer Zeichnung von Anna Amalias Reisekutsche kann ich nicht aufwarten, aber zumindest von dieser schönen Kutsche aus der Wiener Wagenburg.

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Josef H. Reichholf, Johann Brandstetter: Symbiosen. Das erstaunliche Miteinander in der Natur.

Wolfgang Krisai: Mädchen mit Hund in der Dordogne. Tuschestift, Buntstifte, 2014.

Diesen Band kaufte ich mir – nach den „Haustieren“ –, weil ich vor einigen Jahren im Haus der Natur in Salzburg eine Ausstellung mit den Illustrationen Johann Brandstetters zu diesem Band gesehen habe.

Schön illustriert, aaaber …

Die Ausstellung war großartig, die Bilder sind es ebenfalls. Aaaaber: Die Originale sind etwa A2 groß, abgebildet sind sie jedoch etwa im Format A4. Da die Bilder viel ohnehin schon schwer lesbare Handschrift enthalten, die zu allem Überfluss noch mit Bleistift aufs Papier gehaucht ist, kann man die Schrift auf den Bildern im Buch einfach nicht lesen. Der Verlag hat sich auch nicht die Mühe gemacht, Teilvergrößerungen mit den Schriftpassagen abzubilden. Das ist ein wirklich ärgerlicher, schwerer Mangel dieses ansonsten großartigen Buches.

Im Endeffekt muss daher Reichholfs Text für sich stehen, die Illustrationen dienen nur der Trennung der Kapitel und der ganz, ganz oberflächlichen Hinführung zur jeweils veranschaulicht werden sollenden Symbiose.

Dreißig Symbiosen + eine, die nicht funktioniert

30 Symbiosen stellt Reichholf vor: den Honiganzeiger, der die Menschen für sich arbeiten lässt, „Rehe und Gänse auf weiter Flur“, natürlich „Mensch und Hund“, „Madenhacker, Büffel und Co.“, „Wildschweine und Trüffeln“, „Blüten und Insekten“, Blattschneiderameisen, Bromelienfröschchen (das sind knallrote, winzige Pfeilgiftfröschchen, die ihre Brut in den wassergefüllten Trichtern der Bromelien aufziehen), allerlei fleischfressende Pflanzen, diverse Symbiosen im Meer, die Flechten als Symbiose von Alge und Pilz und zuletzt, als 31., leider derzeit überhaupt nicht funktionierende Symbiose jene von „Stadt und Land“.

Was einem als Durchschnittsmensch der Gegenwart überhaupt nicht bewusst ist, wird in der 31. „Symbiose“ angerissen: Die moderne Argarindustrie (Landwirtschaft kann man das ja überhaupt nicht mehr nennen) ist die größte Bedrohung der Umwelt der Gegenwart. Vergiftung mit Pflanzenschutzgiften, extreme Überdüngung, Massentierhaltung, Rodung der Regenwälder für Sojaproduktion, deren Produkte in Europa an Tiere verfüttert werden, Überproduktion, Vernichtung von Lebensräumen für Wildtiere, usw. usw. usw. Unbemerkt und doch vor aller Augen wird der Planet von der Landwirtschaft ruiniert!

Man lernt und lernt und lernt

Reichholf erzählt über die Symbiosen so interessant und kurzweilig, wie man es sich nur wünschen kann. Man lernt und lernt und lernt dazu. Und genießt gleichzeitig die schöne, von Judith Schalanski gestaltete Aufmachung des Bandes.

Ich vergönne es dem Mattes & Seitz-Verlag, mit der Reihe „Naturkunden“ bis in die Mainstream-Buchhandlungen vorgedrungen zu sein.

Josef H. Reichholf, Johann Brandstetter: Symbiosen. Das erstaunliche Miteinander in der Natur. Reihe: Naturkunden Nr. 35, hg. v. Judith Schalanski, Mattes & Seitz, Berlin, 2016. 298 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Mädchen mit Hund in der Dordogne. Tuschestift, Buntstifte, 2014. – Mensch und Hund, auch das ist eine Symbiose.

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Maren Gottschalk: Johannes Gutenberg. Mann des Jahrtausends.

Wolfgang Krisai: Mainz, Kaiserdom. Zeichnung, 2014.

Maren Gottschalks Biographie über „Johannes Gutenberg. Mann des Jahrtausends“ ist ein für Laien geschriebenes, sehr gut lesbares und anschauliches Buch, das sich im Programm des Böhlau-Verlags wie ein Fremdkörper ausnimmt. Hoffentlich ist ihm trotzdem Erfolg beschieden.

Zumal es sehr schön gestaltet und gediegen gemacht ist: Hardcover, Fadenheftung, Lesebändchen, mit vielen Farbabbildungen, zweifärbigem Druck und moderner Typographie. Außerdem ist es sehr informativ, denn man erfährt nicht nur viel über Gutenberg selbst, sondern auch detaillierte Informationen darüber, wie der Buchdruck damals funktionierte, von der Herstellung des Schrifttypen bis zum „Marketing“ für die Gutenberg-Bibel.

Was mir besonders in Erinnerung ist:

Henne Gensfleisch

Gutenberg hieß Henne Gensfleisch und stammte aus einer wohlhabenden Mainzer Patrizierfamilie. 

In Mainz gab es immer wieder Revolten der Handwerker gegen die Patrizier, die ihrerseits dem Erzbischof die Herrschaft abgerungen hatten. Wenn es den Patriziern in Mainz „zu heiß“ wurde, zogen sie aus, die Gutenbergs in ihr Haus in Eltville am gegenüberliegenden Rheinufer.

Gutenberg studierte in Erfurt, das zum Bistum Mainz gehörte. Das ist zumindest das Wahrscheinlichste, und immerhin wird um 1420 ein Student Johannes de Alta Villa vermerkt. Das könnte er gewesen sein.

Heiltumsspiegel

Dann taucht er in Straßburg auf (1443-44), wo er sich als Geschäftsmann betätigte und Heiltumsspiegel herstellt, eine spezielle Form von Pilgerabzeichen, die er in Aachen verkaufen will.

Außerdem muss er sich schon in Straßburg mit der Druckkunst befasst haben.

Grammatik und Kalender

Zwischen 1444 und 1448 gibt es keine Nachrichten über ihn, 1448 ist er in Mainz ansässig. Dort gründet er eine Druckerei, druckt bereits einige kleinere Schriften, unter anderem eine lateinische Grammatik, den „Donat“, und Kalender. 

Dafür musste er alle nötigen Geräte, Materialien und Fertigkeiten erst einmal entwickeln, was sicher nicht von heute auf morgen gegangen ist: Stahlstempel und Handgießgerät, Winkelhaken und Setzschiff, Farbe und Druckerballen, die Druckerpresse. Als Schrift wählte er die Textura.

Die Gutenberg-Bibel

1450 nahm er die Gutenberg-Bibel in Angriff, mit Johannes Fust, der ihm viel Geld dafür lieh, und dessen Ziehsohn Peter Schöffer, und einigen hervorragenden Mitarbeitern seiner Druckerei.

Die Gutenberg-Bibel wurde ein absolutes Meisterwerk, manche meinen, das schönste Buch, das je gedruckt wurde. Die 180 Exemplare waren noch vor dem Druck verkauft, was Enea Silvio Piccolomini in einem Brief erwähnt. Und 1987 wurde eine Gutenberg-Bibel um 9,75 Mill. DM verkauft (also fast 5 Mill. Euro), ein Preis, den kein anderes gedrucktes Buch je erreichte.

Zerwürfnis und Prozess

Noch während des zwei Jahre dauernden Drucks der Bibel entzweite sich Gutenberg mit Johannes Fust und Peter Schöffer. Er verlor einen Prozess gegen sie, musste ihnen viel Geld zurückzahlen und zwei Druckerpressen samt allem nötigen Material überlassen. Damit gründeten die beiden sogleich eine eigene Druckerei, die ebenfalls Meisterwerke hervorbrachte.

Sollte Fust gedacht haben, er könne ein Monopol auf das Drucken erringen, so machte ihm Gutenberg einen Strich durch die Rechnung. Dieser lehrte nämlich viele Menschen die Druckkunst, sodass bald in ganz Deutschland und Europa Druckereien aus dem Boden schossen, zuerst in Bamberg, Straßburg, Frankfurt, bald auch in Subiaco und Rom.

Gutenberg starb 1468 als begüterter Mann, sein Grab ist nicht erhalten.

Übrigens habe ich Maren Gottschalk bei der Buch Wien 2018 erlebt, wo sie einen halbstündigen, äußerst interessanten und kurzweiligen Vortrag über Gutenberg hielt.

Maren Gottschalk: Johannes Gutenberg. Mann des Jahrtausends. Böhlau, Köln u.a., 2018. 160 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Mainz, Kaiserdom. Zeichnung, 2014.

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Alex Beer: Der zweite Reiter. Ein Fall für August Emmerich

Wolfgang Krisai: Alex Beer, gezeichnet auf der Buch Wien 2018.

Alex Beer (Pseudonym für Daniela Larcher, eine Vorarlbergerin, die in Wien lebt und unter ihrem wirklichen Namen mehrere Vorarlberg-Krimis geschrieben hat) lernte ich bei einer Lesung im Rahmen der Wiener Kriminacht 2018 kennen. Frau Beer las aus ihrem zweiten August-Emmerich-Krimi vor.

Bei der Buch Wien trat sie kurz darauf ebenfalls auf, auch dort hörte ich mir ihre Lesung an, kaufte dann die Taschenbuchausgabe des ersten Emmerich-Romans, „Der zweite Reiter“, ließ ihn signieren und las ihn jetzt auch.

Der Held: eine unglückliche Person

August Emmerich ist eine unglückliche Person, mit Granatsplitter vom Ersten Weltkrieg im Knie, mit einer Freundin, deren Mann im Krieg vermeintlich gefallen ist, im Lauf des Romans, der 1919 spielt, aber wieder auftaucht (woraufhin sich die Freundin, die eigentlich Emmerich liebt, verpflichtet fühlt, zu ihrem angetrauten Ehemann zurückzukehren) und einem Posten als „Polizeiagent“ in Wien.

Als Polizeiagent arbeitet er in Zivil sozusagen als Detektiv. Sein Vorgesetzter Sander, ein überaus arroganter Typ, verlangt, er solle einen Ring von Schmugglern und Schwarzhändlern ausheben. Emmerich und sein junger Mitarbeiter Winter, der sich im Lauf des Krimis vom Greenhorn zum mutigen Polizisten mausert, am Ende aber von einem Verbrecher niedergefahren wird (er überlebt, aber was aus ihm wird, erfährt man wohl erst im zweiten Roman), verfolgen tatsächlich einen Schmugglerboss. Aber ohne Erfolg. Stattdessen stoßen sie auf eine Leiche, deren Ermordung die Eingangsszene des Romans darstellt.

Ermittlungen auf eigene Faust

Emmerich glaubt im Gegensatz zum Gerichtsmediziner (einem jungen Schnösel) nicht an Selbstmord und sucht auf eigene Faust nach dem Mörder, mit dem Hintergedanken, bei Erfolg hoffentlich in die Abteilung „Leib und Leben“ befördert zu werden.

Um sein schmerzendes Knie ruhig zu stellen, verfällt Emmerich auf Heroin, das damals in Tablettenform als Schmerzmittel gebräuchlich war, und wird süchtig danach.

Die Suche nach dem Mörder wird zu einer abenteuerlichen Sache, da Emmerich selbst ins Visier des Mörders gerät. Dieser ermordet nach und nach eine ganze Reihe von Männern und sogar eine Kellnerin, die in einem Lokal zuviel mitbekommen hat.

Eine große Hilfe ist Emmerich dabei ausgerechnet der Schmugglerboss, der sich als ein ehemaliger Kollege aus dem Waisenhaus erweist und Emmerich in höchster Not zu Hilfe kommt und dann seine Unterwelt-Verbindungen spielen lässt, um den Mörder ausfindig zu machen.

Die Handlung ist sehr abwechslungsreich und ziemlich spannend.

Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs

Am Ende erweist sich Emmerichs Vorgesetzter als der eigentliche Verbrecher: Er war im Krieg Kommandant einer Einheit, die äußerst brutale Kriegsverbrechen begangen hat. Nach dem Krieg wurde ein Kommission eingerichtet, die – ohnehin nur halbherzig – Kriegsverbrechen aufklären sollte. Da Sandner fürchtet, aufzufliegen, lässt er durch einen noch loyalen und völlig skrupellosen ehemaligen Soldaten alle Mitglieder der damaligen Truppe umlegen und die mitwissende Kellner ebenfalls. Auch Emmerich und Winter sind auf der Abschussliste.

Doch dank der Hilfe seines Schmuggler-Freundes kann Emmerich den wahren Verbrecher entlarven und festnehmen lassen. Emmerich, der zwischendurch selbst unter Mordverdacht verhaftet und eingesperrt worden war (durch eine kühne Flucht kam er wieder aus dem Gefängnis), ist nun entlastet.

Gut recherchiertes Zeitkolorit

Alex Beer hat, soweit ich das beurteilen kann, gut recherchiert und bringt viele interessante Details aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Auch sprachlich ist der Roman akzeptabel, auch wenn damals sicher niemand „Einen schönen Abend!“ gewünscht hätte und natürlich auch mein Lieblings-Unwort „zögerlich“ vorkommt.

Den Titel hat der Roman vom zweiten Reiter der vier apokalyptischen Reiter, vor dem Emmerich durch eine Wahrsagerin gewarnt wird.

Alex Beer: Der zweite Reiter. Ein Fall für August Emmerich. Kriminalroman. Blanvalet-Verlag, Verlagsgruppe Random-House, München, 2017. 382 Seiten (ohne die umfangreiche Leseprobe aus dem zweiten Roman).

Bild: Wolfgang Krisai: Alex Beer, gezeichnet auf der Buch Wien 2018.

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Michail Schischkin: Auf den Spuren von Byron und Tolstoi. Eine literarische Wanderung von Montreux nach Meiringen

Ein Freund hat mir Michail Schischkin: „Auf den Spuren von Byron und Tolstoi. Eine literarische Wanderung von Montreux nach Meiringen“ geschenkt. Ich wurde neugierig, vor allem des Familiennamens des Autors wegen: Schischkin. Dabei hat dieser nichts mit dem von mir geliebten Maler Iwan Iwanowitsch Schischkin zu tun. Oder vielleicht doch – hinsichtlich der Begeisterung für die Natur.

Missolunghi … Astapowo … ?

Das Buch erschien erstmals unter dem Titel „Montreux – Missolunghi – Astapowo“ im Jahr 2002 im Limmat-Verlag. 2012 wurde es im Rotpunkt-Verlag neuerlich und unter anderem Titel aufgelegt. Vermutlich, weil man fürchtete, die Orte Missolunghi und Astapowo könnten beim heutigen Lesepublikum keine Assoziationen mehr wecken.

Missolunghi? Da ist Byron gestorben. Astapowo? Das ist jene Bahnstation in der russischen Einöde, wo der greise Leo N. Tolstoi auf der Flucht vor seiner Frau von einer Krankheit niedergeworfen wurde und gestorben ist.

Montreux … ?

Was haben die beiden mit Montreux zu tun? Beide Autoren unternahmen, durch einige Jahrzehnte voneinander getrennt, von Montreux aus eine Bergwanderung durch die Schweiz bis Meiringen und hinterließen darüber Aufzeichnungen.

Eine Woche wandern, 400 Seiten schreiben

Michail Schischkin, der als Autor eines Buches über „Die russische Schweiz. Ein literarisch-historischer Reiseführer“ (auf Russisch 2000 erschienen, auf Deutsch 2003) über die Schweizbesuche russischer Schriftsteller bestens Bescheid wissen musste, machte sich selbst auf den gleichen Weg, um über seine Erfahrungen und die seiner berühmten Kollegen ein Buch zu schreiben. Sieben Tage dauerte die Wanderung, das buchförmige Resultat hat 400 Seiten. Das ist eine noch beachtlichere Ausbeute als jene Theodor Fontanes, der über 14 Tage Schottland immerhin 200 Seiten geschrieben hat (siehe meinen Beitrag zu Th. Fontane: Jenseit des Tweed).

Schischkin nützt allerdings die modernen Möglichkeiten, indem er statt eines Notizbuchs seinen Laptop mitführt und bei jeder Rast an seinem Buch weitertippt. (Wieweit danach noch zu Hause daran ergänzt wurde, verrät er nicht.)

Tolstoi … Byron …

Wer nun einen detaillierten Wanderbericht erwartet, wird allerdings enttäuscht. Schischkin hält die Passagen über seine eigene Wanderung ziemlich kurz und widmet sich dafür mit großer Ausführlichkeit Tolstoi, aus dessen Tagebuch viel zitiert und über dessen Leben und Schaffen sehr viel erzählt wird. Gleich danach folgt, mengenmäßig, Byron, doch auch andere große Geister kommen zu Ehren: etwa der Russe Karamsin, der aus Genf stammende Jean-Jacques Rousseau oder der Deutsche Friedrich Nietzsche.

Man lernt in diesen Passagen nicht nur den Blick dieser Männer auf die Schweiz kennen, sondern vor allem sie selbst. Von Byron konnte mir Schischkin noch viel Neues erzählen, von Tolstoi weniger. Trotzdem waren diese Abschnitte durchaus interessant.

Noch interessanter allerdings sind jene Passagen, die von Schischkins Erfahrungen in der Sowjetunion (er wurde 1961 in Moskau geboren), im Russland nach der Wende und in der Schweiz (wo er seit 1995 lebt) handeln.

Russland … Schweiz …

Amüsante und lehrreiche Aspekte kann Schischkin vor allem dem Gegensatz zwischen der Schweiz und Russland abgewinnen. Das ist wie schwarz und weiß. Wobei allerdings die Schweiz nicht immer weiß ist. Schischkin hat einst seinen Bruder in einem sowjetischen Arbeitslager besucht und zum Vergleich später ein Schweizer Gefängnis (nur wer seine Gefängnisse kenne, kenne ein Land wirklich), und das Schweizer Gefängnis sei komfortabler gewesen als z. B. ein russisches Hotel für Schriftsteller. Kein Wunder, dass die Auffassungen von Recht und Gesetz in beiden Ländern einigermaßen unterschiedlich sind. Der Schweizer könne dem Gesetz und seinen Exponenten, also den Behörden, vertrauen, während der Russe die geschriebenen Gesetze zu umgehen versucht, sich jedoch, will er irgendetwas erreichen, nach ungeschriebenen Gesetzen richten muss, die ihm z. B. vorschreiben, mit wieviel Rubel welcher Beamte zu schmieren ist. In der Schweiz herrsche jahrhundertelange Stabilität, während in Russland innerhalb der letzten hundert Jahre kein Stein auf dem anderen geblieben sei.

Die dunklen Seiten der Schweiz

Die dunklen Seiten der Schweiz hingegen sind vor allem im Bankwesen zu finden, das zur Geldwäsche und für allerlei Verbrechertum missbraucht werde. Den Mythos von Wilhelm Tell nimmt Schischkin genüsslich auseinander. Die politischen Wirren zu Zeit Napoleons werden dem unwissenden Leser vor Augen geführt. Und Schischkin berichtet mit Sinn fürs Absurde davon, wie das Schweizer Sozialsystem von angeblichen Asylanten missbraucht wird.

Die Schönheiten der Alpen

Diese Seiten der Schweiz kontrastieren mit den Schönheiten der Alpen, die Schischkin ebenfalls schildert, sehr häufig eben durch die Augen seiner Gewährsmänner. Denn höchstpersönlich erlebt er die Alpentäler und Bergdörfer natürlich eher als Brennpunkte des Tourismus. Aber sogar in unmittelbarer Umgebung weltberühmter Wasserfälle oder Gipfelblicke gilt: Kaum weicht man ein paar Schritte von den touristischen Heerstraßen ab, ist man allein.

Schischkin schrieb dieses Buch auf Deutsch, es gibt kein russisches Original wie von allen seinen anderen Publikationen. Das ist eine erstaunliche Leistung, auch wenn man annehmen darf, dass LektorInnen den einen oder anderen Fehler ausgemerzt haben. Der Text liest sich jedenfalls sehr angenehm und flüssig, sodass der vergnüglichen Horizonterweiterung der Leserin bzw. des Lesers nichts im Wege steht.

Ohne Bilder …

Im Zeitalter von Google-Maps verzichteten Autor und Verlag auf die Beigabe von Landkarten oder Abbildungen. Wodurch einem schmerzlich bewusst wird, wie schlecht die Qualität der Darstellung von Wegen und Topographie in Google Maps immer noch ist. 

Michail Schischkin: Auf den Spuren von Byron und Tolstoi. Eine literarische Wanderung von Montreux nach Meiringen. Rotpunktverlag, Zürich, 2012. 407 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Der Montblanc in Wolken. Aus einem Reisetagebuch von 2010. Tuschestift, Buntstift.

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