Alex Beer: Der zweite Reiter. Ein Fall für August Emmerich

Wolfgang Krisai: Alex Beer, gezeichnet auf der Buch Wien 2018.

Alex Beer (Pseudonym für Daniela Larcher, eine Vorarlbergerin, die in Wien lebt und unter ihrem wirklichen Namen mehrere Vorarlberg-Krimis geschrieben hat) lernte ich bei einer Lesung im Rahmen der Wiener Kriminacht 2018 kennen. Frau Beer las aus ihrem zweiten August-Emmerich-Krimi vor.

Bei der Buch Wien trat sie kurz darauf ebenfalls auf, auch dort hörte ich mir ihre Lesung an, kaufte dann die Taschenbuchausgabe des ersten Emmerich-Romans, „Der zweite Reiter“, ließ ihn signieren und las ihn jetzt auch.

Der Held: eine unglückliche Person

August Emmerich ist eine unglückliche Person, mit Granatsplitter vom Ersten Weltkrieg im Knie, mit einer Freundin, deren Mann im Krieg vermeintlich gefallen ist, im Lauf des Romans, der 1919 spielt, aber wieder auftaucht (woraufhin sich die Freundin, die eigentlich Emmerich liebt, verpflichtet fühlt, zu ihrem angetrauten Ehemann zurückzukehren) und einem Posten als „Polizeiagent“ in Wien.

Als Polizeiagent arbeitet er in Zivil sozusagen als Detektiv. Sein Vorgesetzter Sander, ein überaus arroganter Typ, verlangt, er solle einen Ring von Schmugglern und Schwarzhändlern ausheben. Emmerich und sein junger Mitarbeiter Winter, der sich im Lauf des Krimis vom Greenhorn zum mutigen Polizisten mausert, am Ende aber von einem Verbrecher niedergefahren wird (er überlebt, aber was aus ihm wird, erfährt man wohl erst im zweiten Roman), verfolgen tatsächlich einen Schmugglerboss. Aber ohne Erfolg. Stattdessen stoßen sie auf eine Leiche, deren Ermordung die Eingangsszene des Romans darstellt.

Ermittlungen auf eigene Faust

Emmerich glaubt im Gegensatz zum Gerichtsmediziner (einem jungen Schnösel) nicht an Selbstmord und sucht auf eigene Faust nach dem Mörder, mit dem Hintergedanken, bei Erfolg hoffentlich in die Abteilung „Leib und Leben“ befördert zu werden.

Um sein schmerzendes Knie ruhig zu stellen, verfällt Emmerich auf Heroin, das damals in Tablettenform als Schmerzmittel gebräuchlich war, und wird süchtig danach.

Die Suche nach dem Mörder wird zu einer abenteuerlichen Sache, da Emmerich selbst ins Visier des Mörders gerät. Dieser ermordet nach und nach eine ganze Reihe von Männern und sogar eine Kellnerin, die in einem Lokal zuviel mitbekommen hat.

Eine große Hilfe ist Emmerich dabei ausgerechnet der Schmugglerboss, der sich als ein ehemaliger Kollege aus dem Waisenhaus erweist und Emmerich in höchster Not zu Hilfe kommt und dann seine Unterwelt-Verbindungen spielen lässt, um den Mörder ausfindig zu machen.

Die Handlung ist sehr abwechslungsreich und ziemlich spannend.

Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs

Am Ende erweist sich Emmerichs Vorgesetzter als der eigentliche Verbrecher: Er war im Krieg Kommandant einer Einheit, die äußerst brutale Kriegsverbrechen begangen hat. Nach dem Krieg wurde ein Kommission eingerichtet, die – ohnehin nur halbherzig – Kriegsverbrechen aufklären sollte. Da Sandner fürchtet, aufzufliegen, lässt er durch einen noch loyalen und völlig skrupellosen ehemaligen Soldaten alle Mitglieder der damaligen Truppe umlegen und die mitwissende Kellner ebenfalls. Auch Emmerich und Winter sind auf der Abschussliste.

Doch dank der Hilfe seines Schmuggler-Freundes kann Emmerich den wahren Verbrecher entlarven und festnehmen lassen. Emmerich, der zwischendurch selbst unter Mordverdacht verhaftet und eingesperrt worden war (durch eine kühne Flucht kam er wieder aus dem Gefängnis), ist nun entlastet.

Gut recherchiertes Zeitkolorit

Alex Beer hat, soweit ich das beurteilen kann, gut recherchiert und bringt viele interessante Details aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Auch sprachlich ist der Roman akzeptabel, auch wenn damals sicher niemand „Einen schönen Abend!“ gewünscht hätte und natürlich auch mein Lieblings-Unwort „zögerlich“ vorkommt.

Den Titel hat der Roman vom zweiten Reiter der vier apokalyptischen Reiter, vor dem Emmerich durch eine Wahrsagerin gewarnt wird.

Alex Beer: Der zweite Reiter. Ein Fall für August Emmerich. Kriminalroman. Blanvalet-Verlag, Verlagsgruppe Random-House, München, 2017. 382 Seiten (ohne die umfangreiche Leseprobe aus dem zweiten Roman).

Bild: Wolfgang Krisai: Alex Beer, gezeichnet auf der Buch Wien 2018.

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Michail Schischkin: Auf den Spuren von Byron und Tolstoi. Eine literarische Wanderung von Montreux nach Meiringen

Ein Freund hat mir Michail Schischkin: „Auf den Spuren von Byron und Tolstoi. Eine literarische Wanderung von Montreux nach Meiringen“ geschenkt. Ich wurde neugierig, vor allem des Familiennamens des Autors wegen: Schischkin. Dabei hat dieser nichts mit dem von mir geliebten Maler Iwan Iwanowitsch Schischkin zu tun. Oder vielleicht doch – hinsichtlich der Begeisterung für die Natur.

Missolunghi … Astapowo … ?

Das Buch erschien erstmals unter dem Titel „Montreux – Missolunghi – Astapowo“ im Jahr 2002 im Limmat-Verlag. 2012 wurde es im Rotpunkt-Verlag neuerlich und unter anderem Titel aufgelegt. Vermutlich, weil man fürchtete, die Orte Missolunghi und Astapowo könnten beim heutigen Lesepublikum keine Assoziationen mehr wecken.

Missolunghi? Da ist Byron gestorben. Astapowo? Das ist jene Bahnstation in der russischen Einöde, wo der greise Leo N. Tolstoi auf der Flucht vor seiner Frau von einer Krankheit niedergeworfen wurde und gestorben ist.

Montreux … ?

Was haben die beiden mit Montreux zu tun? Beide Autoren unternahmen, durch einige Jahrzehnte voneinander getrennt, von Montreux aus eine Bergwanderung durch die Schweiz bis Meiringen und hinterließen darüber Aufzeichnungen.

Eine Woche wandern, 400 Seiten schreiben

Michail Schischkin, der als Autor eines Buches über „Die russische Schweiz. Ein literarisch-historischer Reiseführer“ (auf Russisch 2000 erschienen, auf Deutsch 2003) über die Schweizbesuche russischer Schriftsteller bestens Bescheid wissen musste, machte sich selbst auf den gleichen Weg, um über seine Erfahrungen und die seiner berühmten Kollegen ein Buch zu schreiben. Sieben Tage dauerte die Wanderung, das buchförmige Resultat hat 400 Seiten. Das ist eine noch beachtlichere Ausbeute als jene Theodor Fontanes, der über 14 Tage Schottland immerhin 200 Seiten geschrieben hat (siehe meinen Beitrag zu Th. Fontane: Jenseit des Tweed).

Schischkin nützt allerdings die modernen Möglichkeiten, indem er statt eines Notizbuchs seinen Laptop mitführt und bei jeder Rast an seinem Buch weitertippt. (Wieweit danach noch zu Hause daran ergänzt wurde, verrät er nicht.)

Tolstoi … Byron …

Wer nun einen detaillierten Wanderbericht erwartet, wird allerdings enttäuscht. Schischkin hält die Passagen über seine eigene Wanderung ziemlich kurz und widmet sich dafür mit großer Ausführlichkeit Tolstoi, aus dessen Tagebuch viel zitiert und über dessen Leben und Schaffen sehr viel erzählt wird. Gleich danach folgt, mengenmäßig, Byron, doch auch andere große Geister kommen zu Ehren: etwa der Russe Karamsin, der aus Genf stammende Jean-Jacques Rousseau oder der Deutsche Friedrich Nietzsche.

Man lernt in diesen Passagen nicht nur den Blick dieser Männer auf die Schweiz kennen, sondern vor allem sie selbst. Von Byron konnte mir Schischkin noch viel Neues erzählen, von Tolstoi weniger. Trotzdem waren diese Abschnitte durchaus interessant.

Noch interessanter allerdings sind jene Passagen, die von Schischkins Erfahrungen in der Sowjetunion (er wurde 1961 in Moskau geboren), im Russland nach der Wende und in der Schweiz (wo er seit 1995 lebt) handeln.

Russland … Schweiz …

Amüsante und lehrreiche Aspekte kann Schischkin vor allem dem Gegensatz zwischen der Schweiz und Russland abgewinnen. Das ist wie schwarz und weiß. Wobei allerdings die Schweiz nicht immer weiß ist. Schischkin hat einst seinen Bruder in einem sowjetischen Arbeitslager besucht und zum Vergleich später ein Schweizer Gefängnis (nur wer seine Gefängnisse kenne, kenne ein Land wirklich), und das Schweizer Gefängnis sei komfortabler gewesen als z. B. ein russisches Hotel für Schriftsteller. Kein Wunder, dass die Auffassungen von Recht und Gesetz in beiden Ländern einigermaßen unterschiedlich sind. Der Schweizer könne dem Gesetz und seinen Exponenten, also den Behörden, vertrauen, während der Russe die geschriebenen Gesetze zu umgehen versucht, sich jedoch, will er irgendetwas erreichen, nach ungeschriebenen Gesetzen richten muss, die ihm z. B. vorschreiben, mit wieviel Rubel welcher Beamte zu schmieren ist. In der Schweiz herrsche jahrhundertelange Stabilität, während in Russland innerhalb der letzten hundert Jahre kein Stein auf dem anderen geblieben sei.

Die dunklen Seiten der Schweiz

Die dunklen Seiten der Schweiz hingegen sind vor allem im Bankwesen zu finden, das zur Geldwäsche und für allerlei Verbrechertum missbraucht werde. Den Mythos von Wilhelm Tell nimmt Schischkin genüsslich auseinander. Die politischen Wirren zu Zeit Napoleons werden dem unwissenden Leser vor Augen geführt. Und Schischkin berichtet mit Sinn fürs Absurde davon, wie das Schweizer Sozialsystem von angeblichen Asylanten missbraucht wird.

Die Schönheiten der Alpen

Diese Seiten der Schweiz kontrastieren mit den Schönheiten der Alpen, die Schischkin ebenfalls schildert, sehr häufig eben durch die Augen seiner Gewährsmänner. Denn höchstpersönlich erlebt er die Alpentäler und Bergdörfer natürlich eher als Brennpunkte des Tourismus. Aber sogar in unmittelbarer Umgebung weltberühmter Wasserfälle oder Gipfelblicke gilt: Kaum weicht man ein paar Schritte von den touristischen Heerstraßen ab, ist man allein.

Schischkin schrieb dieses Buch auf Deutsch, es gibt kein russisches Original wie von allen seinen anderen Publikationen. Das ist eine erstaunliche Leistung, auch wenn man annehmen darf, dass LektorInnen den einen oder anderen Fehler ausgemerzt haben. Der Text liest sich jedenfalls sehr angenehm und flüssig, sodass der vergnüglichen Horizonterweiterung der Leserin bzw. des Lesers nichts im Wege steht.

Ohne Bilder …

Im Zeitalter von Google-Maps verzichteten Autor und Verlag auf die Beigabe von Landkarten oder Abbildungen. Wodurch einem schmerzlich bewusst wird, wie schlecht die Qualität der Darstellung von Wegen und Topographie in Google Maps immer noch ist. 

Michail Schischkin: Auf den Spuren von Byron und Tolstoi. Eine literarische Wanderung von Montreux nach Meiringen. Rotpunktverlag, Zürich, 2012. 407 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Der Montblanc in Wolken. Aus einem Reisetagebuch von 2010. Tuschestift, Buntstift.

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Oliver Pötzsch: Der Spielmann. Die Geschichte des Johann Georg Faustus

Bild: Wolfgang Krisai: Mittelalterfest Mödling. 2018.Als ich neulich in einer Wiener Buchhandlung war, entdeckte ich unter den historischen Romanen Oliver Pötzsch: „Der Spielmann. Die Geschichte des Johann Georg Faustus“. Da ich kürzlich mit einer Klasse den Faust behandelte, zog mich der Titel gleich magisch an. Ich kaufte das Buch – und las es sofort.

Der Roman ist nur der erste Teil eines Zweiteilers, der zweite Band soll 2019 erscheinen.

Faust – realistisch

Pötzsch macht den Versuch, das Leben Fausts realistisch darzustellen, so weit dies geht. Denn um die Gestalt des Taufels kommt er natürlich nicht herum, will er auch gar nicht, logischer Weise.

Der Teufel ist in diesem Fall ein „unsterblicher“, geheimnisvoller Magier, dem Johann Faust zum ersten Mal in seiner Kindheit in seiner Heimatstadt Knittlingen bei einem Kirtag begegnet. Seither geht dem Buben diese Gestalt nicht mehr aus dem Kopf.

Teufel Tonio als Retter

Der Zauberer, Tonio hießt er, hilft Johann bald aus einer Patsche, in die er geraten ist, weil er sich in Margarete, die Tochter des reichsten Bauern des Orts, verknallt hat. Margarete erwidert zwar die Liebe, aber sie werden ertappt, und Johanns kaltherziger Vater, der ihn hasst, weil er gar nicht sein Kind, sondern das eines Gauklers ist, mit dem sich seine Frau eingelassen hat, jagt ihn davon.

In einem Wirtshaus wird Faust wieder aus einer Patsche befreit – von Tonio, der ihn daraufhin mit sich nimmt, als Lehrling.

Faust fährt mit dem Magier kreuz und quer durchs Land, überall treten sie als Gaukler und Wahrsager auf. Faust lernt Handlesen und bemerkt, dass er aus der Hand den nahen Tod mancher Leute sehen kann. 

In einem abgelegenen Turm hat Tonio ein Winterquartier. Dort betreiben die beiden Studien, Tonio allerdings geheim, was Fausts Neugier reizt.

Teuflische Verstrickung

Im Lauf der wendungsreichen Handlung, die Faust mit Margarete wieder zusammenführt oder ihn als Chef einer Gauklertruppe nach Venedig gelangen lässt, gerät Faust immer tiefer in die teuflische Verstrickung, deren Drahtzieher Tonio ist.

Immer dort, wo Tonio auftaucht, verschwinden kleine Kinder. Als Faust in Nördlingen mit einem Initiationsritual in eine Bande von Teufelsanhängern aufgenommen werden soll, bemerkt er auch, wozu die Kinder gebraucht werden: deren Blut wird im Rahmen der Teufelszeremonie getrunken. Entsetzt kann er sich dem Geschehen durch Flucht in letzter Minute entziehen. Das geschieht etwa in der Mitte des Romans. Tonio scheint ihn danach aus den Augen verloren zu haben – doch das erweist sich als eine Täuschung. Faust scheint ihm nicht zu entkommen.

Peinliche Modernismen

Der Roman ist recht gut geschrieben, wenn auch einige peinliche sprachliche Modernismen stören: Mehrfach heißt es z. B. „zögerlich“, einmal sogar sagt Tonio, sie hätten „alle Zeit der Welt“. So etwas ist natürlich grauenhaft, zumal es offenbar weder Autor noch Lektor seltsam vorkommt.

Goethe-Zitate

Lustig für Kenner des Goethe’schen Faust sind die gelegentlich eingestreuten Goethe-Zitate: „Blut ist ein ganz besond’rer Saft“, „Johann, mir graut’s vor dir“, usw. Für Nicht-Kenner sind die Zitate in einem Anhang aufgelistet.

Gespannt bin ich, wie Pötzsch die Handlung vorantreiben will. Alles ist offen. Er könnte sich an die Handlungsfülle von „Faust II“ halten, dann kann er leicht wieder 800 Seiten zustande bringen. Die große Frage ist dann: Wird Faust – wie im Volksbuch – vom Teufel geholt oder wie bei Goethe doch noch erlöst?

Oliver Pötzsch: Der Spielmann. Die Geschichte des Johann Georg Faustus. List/Ullstein-Verlag, Berlin, 2018. 783 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Mittelalterfest Mödling. 2018.

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Die Rückkehr der Legion. Römisches Erbe in Oberösterreich. OÖ. Landesausstellung 2018, Katalog

Wolfgang Krisai: Römische Stadt am Magdalensberg, ca. 30. n. Chr. , Bleistift, 1997.

Ausstellungen verlocken oft, sich mit einer Materie näher zu befassen. Man kauft den Katalog – und liest ihn dann nicht. Denn eigentlich hätte man ihn VOR dem Ausstellungsbesuch schon lesen sollen, dann hätte man mehr von der Ausstellung gehabt. 

Ausstellungskatalog schon vor dem Ausstellungsbesuch gelesen

Erstmals habe ich nun tatsächlich einen Katalog bereits vor dem Ausstellungsbesuch gelesen, nämlich den zur oberösterreichischen Landesausstellung 2018 „Die Rückkehr der Legion. Römisches Erbe in Oberösterreich“ in Enns/Lauriacum, Schlögen und Oberranna.

Interessantes Begleitbuch zur Ausstellung

Dieses Buch ist eigentlich kein Katalog, wie man ihn kennt: die erste Hälfte eine Ansammlung staubtrocken geschriebener wissenschaftlicher Artikel, die zweite eine mehr oder weniger gut kommentierte Reproduktionensammlung der Ausstellungsobjekte. Für die Landesausstellung ist man einen bewusst anderen, an der Besucherin bzw. Leserin, am Besucher bzw. Leser orientierten Weg gegangen: Man produzierte ein interessantes, gut bebildertes Sachbuch für interessierte Laien, das Wissenschaft für NichtwissenschaftlerInnen erschließt. (Übrigens ist das Buch auch gar nicht so teuer wie sonst Kataloge von Ausstellungen dieses Kalibers: 18.- €.)

Moderne Archäologie

Was wird erschlossen:

Wie die moderne Archäologie überhaupt zu Ergebnissen kommt, nicht nur durch Grabungen, sondern auch durch verschiedene Formen nichtinvasiver Forschung wie Geomagnetik- und Georadar-Aufnahmen.

Überblicksmäßig erfährt man von der Herrschaft der Römer in Noricum.

Der Limes wird vorgestellt. 2018 hat man bei der UNESCO beantragt, die in Österreich gelegenen Teile des Limes als Weltkulturerbe aufzunehmen.  Das brachte auch der Archäologie großen Schwung, denn die Funde am Limes müssen ordentlich erschlossen sein, damit so ein Antrag fruchtet.

Enns = Lauriacum

In Lauriacum (heute: Enns) war in einem großen Kastell die Legio II. Italica stationiert. Rund um das Kastell gab es zivile Siedlungen und Gräberfelder, wie das auch in Carnuntum der Fall war.

Der Aufbau des Kastells wird genau dargestellt, das Leben darin und rundherum, Essen, Trinken, Baden (für die Römer besonders wichtig), die Haustiere, die Münzfunde, die Grabstelen (häufig sehr aussagekräftig), die Wandmalereien, deren Reste entdeckt wurden, die verschiedenen Handwerke, dabei vor allem die Ziegelhersteller; die Batterie von neun Kalkbrennöfen in unmittelbarer Lagernähe, von denen einer musterhaft ausgegraben wurde.

Schlüsse aus Grabfunden ziehen

Interessant auch, welche Schlüsse man aus Grabfunden ziehen kann und wie in einigen Fällen sogar Enthauptungen feststellbar sind. Ja, sogar aus Resten verbrannter Leichname kann man noch allerlei erschließen.

Relativ wenig erfährt man über die Religion, und das, obwohl in Lauriacum der Heilige Florian sein Martyrium hatte, worauf natürlich schon ausführlich eingegangen wird.

Genau erfahren wir, wie man heutzutage aus Schädelfunden das Aussehen der lebenden Menschen rekonstruieren kann, was am Beispiel einer Frau und eines Mannes gemacht wurde.

(In diesem Kapitel wird von einem Museum in Holland, „Hildes Haus“, berichtet, wo das Museumskonzept auf solchen Rekonstruktionen basiert. Das klingt sehr interessant.)

Schlögen und Oberranna: kleinere Fundstätten

Nach dem ausführlicheren Teil über Lauriacum behandelt das Buch die Fundstätten in Schlögen und Oberranna.

In Schlögen an der berühmten Donauschlinge befand sich ein kleineres römisches Kastell, das ziemlich genau erschlossen und ergraben werden konnte. Daneben gibt es zivile Bauten, wovon vor allem ein kleines römisches Badehaus, eine Mini-Therme gewissermaßen, im Mittelpunkt der jüngsten Forschungen stand. Die Ausgrabungsstätte wurde jetzt mit einem sogenannten Schutzbau überdacht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Eine römische „Burg“

Das gleiche gilt für die überraschend gut erhaltenen Reste einer römischen „Burg“ mit vier dicken, runden Ecktürmen, dem „Burgus“ von Oberranna. Teile dieses Burgus waren jahrhundertelang der Keller eines Wirtshauses, das jedoch im 20. Jahrhundert zusperren musste und verfiel. Die Gemeinde Engelhartszell, auf deren Gebiet Oberranna liegt, konnte das Grundstück erwerben, das desolate Wirtshaus wurde abgerissen, der römische Unterbau ausgegraben und ebenfalls mit einem Schutzbau überdeckt. 

Blick aufs Umland

Das Buch blickt auch über die „Grenzen“ der Landesausstellung hinaus, indem es auf weitere Fundstätten in Österreich und Südbayern kurz eingeht: die Städte Iuvavum/Salzburg, Ovilava/Wels und Cetium/St. Pölten; auf die zahlreichen Vici (Dörfer) und die ebenso zahlreichen Villae Rusticae (Gutshöfe). Das Leben in römischen Bauernhöfen veranschaulicht übrigens ein ebenfalls erwähntes neues Römermuseum in Altheim.

Den Abschluss des Bandes bildet ein kursorischer Überblick über das heute noch lebendige römische „Erbe“, sei es in der Sprache, in der Architektur, der Literatur, der Badekultur („Thermen“ erfreuen sich heute größter Beliebtheit) oder dem Weinbau.

Die Abbildungen

Während die Texte der Kapitel sehr gelungen und leserfreundlich sind, hat das Buch eine schwache Seite: die Texte zu den Abbildungen. Diese sind manchmal zu knapp und zu ungenau, besonders dann, wenn etwa auf Landkarten verschiedenfärbige Grundrisse eingezeichnet sind – und man die Bedeutung der Farben nur erahnen kann. In einigen Karten ist zumindest die Kartenlegende des Originals mit abgebildet, sodass man mit einer Lupe lesen könnte, was da steht.

Sehr gut hingegen, dass abgebildete Inschriften prinzipiell mit einer die häufigen Abkürzungen vervollständigenden Umschrift und in deutscher Übersetzung versehen sind. Lateinkenntnisse braucht man also keine, obwohl mich die spannende Darstellung der römischen Welt bedauern lässt, dass ich im Lateinunterricht als Jugendlicher nicht besser aufgepasst habe…

Die Abbildungen selbst sind sehr interessant und instruktiv. Besonders anschaulich wird der Forschungsgegenstand durch die abgebildeten Computer-Rekonstruktionen des Bauwerke. Erhellend ist auch, dass immer wieder Fotos von den Grabungs- und sonstigen Forschungsarbeiten eingestreut sind.

Die Rückkehr der Legion. Römisches Erbe in Oberösterreich. OÖ. Landesausstellung 2018. Hrsg. v. Amt der OÖ. Landesreg., Direktion Kultur, Trauner Verlag, Linz, 2018. 263 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Römische Stadt am Magdalensberg, ca. 30. n. Chr. , Bleistift, 1997. Mit einem Bild von der Landesausstellung kann ich noch nicht aufwarten, ich war ja noch nicht dort, dafür habe ich mich selbst einmal als „Archäologe“ betätigt und mir zeichnerisch vorgestellt, wie die Ausgrabungsstätte am Kärntner Magdalensberg zur Römerzeit ausgesehen haben könnte.

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Peter Rühmkorf: Des Reiches genialste Schandschnauze. Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide.

Wolfgang Krisai: Schausteller beim Mittelalterfest in Eggenburg 2017. Tuschestift.

Im Zug meiner Beschäftigung mit Walther von der Vogelweide bin ich auf eine interessante Neuerscheinung gestoßen, habe sie sofort bestellt und gelesen: Peter Rühmkorf: „Des Reiches genialste Schandschnauze. Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide.“

Das Buch dokumentiert Rühmkorfs Beschäftigung mit Walther sehr genau. Er hatte nämlich vor, eine Oper über die Minnesänger zu schreiben – wozu es nie kam. Stattdessen entwickelte sich aus dem Projekt ein längerer Essay über Walther von der Vogelweide, der in diesem Band von S. 93 bis 154 reicht, erstmals jedoch in dem Band „Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich“ 1975 veröffentlicht wurde.

Walther der Gegenwart neu vermitteln

Rühmkorf stellte damals fest, es gebe keine brauchbare Nachdichtung der Gedichte Walthers, also machte er sich selbst daran, für seinen Essay einige beispielhafte Gedichte zu übertragen. Das gefiel ihm bald so sehr, dass er weit mehr übertrug, als für den Essay nötig war, und überhaupt mit dem Gedanken spielte, das Gesamtwerk Walthers auf diese Weise neu zu erschließen.

Rühmkopfs Walther-Übertragungen füllen den ersten Teil des Buches von Seite 11 bis 92. Die Gedichte sind jeweils mittelhochdeutsch und neuhochdeutsch nebeneinander gestellt, außerdem mit wissenschaftlichen Anmerkungen und Lesehilfen versehen. 

Rühmkorf wollte Walther nicht einfach übersetzen, das sei bisher noch niemandem so gelungen, dass nichts Papieren-Verstaubtes herausgekommen sei. Man müsse Walther, den alte Mythenbildungen vom 19. Jahrhundert bis in die NS-Zeit dem Menschen von heute verdächtig machen, der Gegenwart neu vermitteln, und zwar nicht durch neue Mythenbildung:

„Warum nicht noch einmal dort mit dem Vermitteln = Übertragen anfangen, wo der Dichter überhaupt als Dichter faßbar wird: bei seinen Gedichten. Warum sich nicht noch einmal neu auf jene erstaunenswerten Lieder, Gesänge, Sprüche und Pamphlete einlassen, die doch gewiß nicht nur Studierstoff sind, sondern poetischer Reizstoff, Leuchtstoff, Erregungsstoff, Wirkstoff. […] dann beginnt sich allmählich ein Individuum vor uns zu entfalten: fast zeitgenössisch in seinen zwischen Privatpassionen und politischen Leidenschaften zerteilten Interessen und weit zerklüfteter, womöglich schillernder, als es sich unsere datenverarbeitende Schulweisheit träumen läßt“ (S. 100).

Staunenswerte Pointensicherheit

Rühmkorf gelingt dies in erstaunlichem Maße. Es ist ein Genuss, seine schnoddrigen Übertragungen zu lesen, insbesondere, wenn man die mhd. Fassung dagegen hält und sieht, mit welch staunenswerter Pointensicherheit Rühmkorf zu Werke geht. Ein Beispiel: der Sangspruch „Mir ist verspart der sælden tor“ (S. 22/23):

Das Paradies ist mir versperrt,

da steh ich nackt und ausgesperrt:

müßig, noch weiter an das Tor zu klopfen.

Erklär mir einer die verkehrte Welt:

daß rechts und links von mir der Regen fällt,

und von dem Segen trifft mich nicht ein Tropfen!

Der milde Herr von Österreich

tränkt einem warmen Regen gleich

die Leute und das ganze Land.

Das streckt sich hin wie eine satte Wiese,

mit Blumen überreich bestückte.

Wenn mir davon EIN Blättchen pflückte

die mächtige Gönnerhand,

weißgott, in welchen Tönen ich sie priese!

In diesem Sinne: Walther, Dichter, Musikant.

Die letzten vier Verse im Original: bræche mir ein blat dar under / sîn vil milte rîchiu hant, / sô möhte ich loben die lichten ougenweide. / hie bî sî er an mich gemant. – Vor allem der letzte Vers hat’s mir angetan. Walther sagt „Damit sei er an mich erinnert“, und Rühmkorf verwendet dafür ein Redewendung, die dem Angesprochenen zutraut, selbst zu verstehen, was mit dem ganzen Gedicht gemeint ist: Dreh den Hahn der Fördermittel auch für mich auf!

Es geht auch ums Geld

Rühmkorfs Begeisterung für Walther rührt von einer ähnlichen Lebenssituation her. Rühmkorf sah sich als einen immer wieder um Anerkennung und vor allem schlicht um Geld ringenden Dichter, der sich nicht zu gut sein darf, jede sich bietende Gelegenheit zu pekuniär honorierter Produktion zu ergreifen. Genau das Gleiche kann man aus Walthers Liedern herauslesen, der sich immer wieder beklagt, dass seine Gönner zu wenig freigebig seien. Dennoch lassen sich weder Walther noch Rühmkorf ihre „genialen Schandschnauzen“ mit Maulkörben versehen.

Briefwechsel mit Peter Wapnewski

Den dritten Teil des Buches füllt der Briefwechsel Rühmkorfs mit dem Germanistikprofessor Peter Wapnewski, den er um Rat hinsichtlich seines Walther-Vorhabens gebeten hat und der gerne bereit war, mit dem Dichter in einen angeregten Gedankenaustausch zu treten. Die beiden treffen sich auch mehrmals (Rühmkorf musste dazu von Hamburg bis fast nach Karlsruhe fahren, wo Wapnewski lehrte), und es entwickelt sich fast eine richtige Freundschaft zwischen den beiden. Die allerdings auch etwas aushalten muss, da Wapnewski große Vorbehalte gegen den Essay Rühmkorfs anmeldet und Rühmkorf darauf sehr empfindlich reagiert. Geglättet wurde das wieder durch sehr positive gegenseitige Rezensionen: Rühmkorf rezensiert Wapnewskis Buch über den Minnesang, Wapnewski „Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich“.

Die Briefe mitsamt den beiden Rezensionen reichen von Seite 161 bis 228.

Schließlich folgt ein ausführliches Nachwort des Herausgebers Stephan Opitz, an das sich die Lebensdaten von Walther, Peter und Peter anschließen.

Ein überaus interessantes Buch, das einem Walther tatsächlich lebendig macht und zudem Einblick in die spannende Entstehungsgeschichte von Rühmkorfs Übertragungen und Essay gibt.

Peter Rühmkorf: Des Reiches genialste Schandschnauze. Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide. Hg. v. Stephan Optiz unter Mitarb. v. Christoph Hilse. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung in Verbindung mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach. Wallstein, Göttingen, 2017. 279 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Schausteller beim Mittelalterfest in Eggenburg 2017. Tuschestift.

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Tanja Kinkel: Das Spiel der Nachtigall

Wolfgang Krisai: Ruine Mödling. Tuschestift, Buntstift, 2017.

Die Vorbereitung auf meinen Deutschunterricht war der Anstoß, mich mit Walther von der Vogelweide zu beschäftigen. Dabei stieß ich auf Tanja Kinkels opulenten biographischen Roman und las ihn sofort mit großem Genuss.

Kinkel schildert Walthers Leben von seiner Ankunft in Wien bis zur Ankunft Friedrichs II. in Deutschland. Sie lässt also Kindheit und Jugend Walthers genauso weg wie seine letzten Lebensjahre.Trotzdem füllt der Roman noch mehr als 900 Seiten.

Wie geht das, wo man doch über die Biographie Walthers ziemlich wenig Gesichertes weiß?

Walther, ein politischer Influencer

Tanja Kinkel denkt sich Walther als einen sehr einflussreichen, auf der politischen Bühne immer präsenten und sogar mitgestaltenden Sänger. Das übertreibt die Bedeutung Walthers wohl, andererseits macht es aber plausibel, warum Walther von Kaiser Friedrich II. schließlich sogar ein Lehen bekommen hat (was nur noch im Nachwort des Romans erwähnt wird). Wenn dieses Lehen mehr als ein Schrebergarten war, dann war Walther durchaus ein bedeutender Mann, und das wohl nicht nur seiner dichterischen Leistungen wegen. Vielleicht ist es wirklich denkbar, dass Menschen im Umfeld der Herrscher diese durchaus beeinflussen konnten. Immerhin waren die mittelalterlichen Staaten ja keine modernen Staaten mit gigantischen Einwohnerzahlen, einem Gewirr von Institutionen und Politikern, die man als Normalsterblicher niemals von Angesicht zu Angesicht sah. Wenn eine Weltstadt damals so groß war wie heute bestenfalls eine größere Bezirkshauptstadt, dann ist es durchaus denkbar, dass man die Herrscher ebenso „kannte“, wie man als Bürger einer kleinen Stadt heute den Bürgermeister kennen kann. Und beeinflussen, wenn man geschickt genug ist.

König und Gegenkönig

Die Zeiten waren damals reichlich unsicher. Nach dem Tod von Kaiser Heinrich VI. wird Philipp von Schwaben zum deutschen König gewählt, obwohl es schon einen solche gab, nämlich den gerade dreijährigen Friedrich II. Bald jedoch wählte eine gegnerische Fraktion von geistlichen und weltlichen Fürsten den Welfen Otto zum Gegenkönig, und es entspann sich eine Dauerfehde zwischen den beiden, die erst durch die Ermordung Philipps zu Ende zu gehen schien. Denn nun hat Otto freie Bahn, lässt sich von Papst Innozenz III. zum Kaiser krönen, wird jedoch schon bald vom selben Papst fallengelassen zugunsten des inzwischen fünfzehnjährigen Friedrich II. Im Roman kündigt sich bereits an, dass dieser dann erfolgreich die Herrschaft in Deutschland an sich reißen kann und Otto in die Bedeutungslosigkeit verdrängt.

Im Roman werden diese Vorgänge, gespickt mit Intrigen, diplomatischen Spielchen, verräterischem Seitenwechsel und gelegentlichen Mordanschlägen, drastisch geschildert.

Liebe zu einer Ärztin

Doch Tanja Kinkels Roman ist nicht nur ein politischer Roman, aus dem man die Zeitverhältnisse plastisch kennenlernen kann, sondern auch ein Liebesroman. Die Autorin erfindet eine jüdische Ärztin, Judith aus Köln, die Walther in Wien eher zufällig kennenlernt. Judith geht zur Ausbildung nach Salerno, wo auch Frauen Medizin studieren konnten. Sie wird die Leibärztin der Frau von König Philipp, der Byzantinerin Irene.

Der mieseste Typ des Buches

Von ihrem Onkel, dem zum Christentum übergetretenen Kaufmann Stefan, ebenfalls aus Köln, wird sie immer wieder geschickt benützt in einem intriganten politischen Spiel, mit dem die Kölner Kaufleute in die Wirren der Politik eingreifen. Bei einer gemeinsamen Fahrt nach Frankreich wird Judith in einer blasphemischen Zeremonie von dem Grafen Otto, dem späteren Kaiser, mit Gilles, einem Soldaten, „verheiratet“. Otto ist der mieseste Charakter im ganzen Buch, und die Feindschaft mit Judith ist der Rote Faden der Handlung.

Judith nützt die scheinbare Ehe mit Gilles, der sich als Homosexueller erweist, zu ihrem Vorteil: Von Gilles wird sie sexuell nicht belästigt, und er unterstützt sie in ihrer Tätigkeit als Ärztin.

Verleumdung – Befreiung – Lüge

Bei einem längeren Aufenthalt in Braunschweig kommt es zu einer Verleumdung, Gilles wird eingesperrt und verurteilt. In letzter Sekunde kann er von Walther, der sich rechtzeitig eingestellt hat, aus dem Gefängnis befreit werden. Judith, Gilles, Walther und dessen Freund Markwart fliehen eiligst aus der Stadt. In Bamberg, wo sie Zuflucht finden, kommt es zu einer schrecklichen Wendung: Gilles wird von einem zornigen Ritter niedergemacht und büßt dabei beide Beine ein. Judith hätte ihn vielleicht retten können, wenn Walther ihr nicht vorgelogen hätte, Gilles habe sich in den Süden abgesetzt, um ein neues Leben zu beginnen.

Mit dieser Lüge im Hintergrund beginnt ein fragiles Zusammenleben von Walther und Judith.

Jahre später kommt die Wahrheit an den Tag, und die beiden trennen sich nach einer hasserfüllten Szene. Grund dafür ist Gilles’ plötzliches Auftauchen, das von Onkel Stefan inszeniert wurde. Gilles war nämlich jahrelang ein „Ausstellungsstück“ einer Gauklertruppe, die auch Krüppel zur Schau stellte.

Als Judith die Wahrheit über Gilles Verschwinden erfährt und ihm wieder begegnet, kauft sie ihn frei und lebt wieder mit ihm zusammen. Bis Gilles in einer brenzligen Situation sein Leben für Judith opfert.

Der Roman wäre kein Unterhaltungsroman, wenn Judith und Walther nicht am Ende wieder zusammenfänden.

Die literarische Seite

Die Literatur und Musik, bei Walther ja eins, spielen im Roman keine geringe, wenn auch nicht die wichtigste Rolle. Immer wieder streut Kinkel Walther-Gedichte ein (man erfährt nicht, von wem die Übersetzung stammt). Sie beschreibt, wie sehr Walthers Gedichte auf das Publikum gewirkt haben und wie weit sie sich verbreitet haben.

Walther findet immer wieder Gönner in höchsten Kreisen, die es lieben, einmal nicht nur die braven Minnelieder konventioneller Art, sondern lebensvolle Liebeslieder und vor allem ätzende politische Sangsprüche zu hören. Dass Walther auch mehrmals die Seiten wechselte, wird durch den Gang der Handlung durchaus verständlich.

Der Dichter des Nibelungenlieds

Sehr interessant auch die Begegnung mit dem Dichter des Nibelungenlieds, das ja zu Lebzeiten Walthers entstanden ist. Man weiß in der Literaturwissenschaft nicht, wer es geschrieben hat. Tanja Kinkel erlaubt sich eine sehr originelle Lösung: Bei ihr ist der Autor nicht ein Kleriker aus dem Umfeld des Bischofs Wolfger von Passau, sondern – dieser selbst! Aus seiner Kanzlei stammt auch die einzige urkundliche Erwähnung Walthers, nämlich dass dieser Geld für einen Pelzmantel bekommen habe. Bei Kinkel bekommt er nicht das Geld, sondern gleich den Pelzmantel.

Südtiroler? Niederösterreicher?

Was mich als in Niederösterreich Lebenden natürlich ein bisschen schmerzt, ist Tanja Kinkels Wahl des Geburtsorts Walthers. Um die Ehre, jenen Vogelweiderhof, von dem Walther stammt, zu besitzen, streiten sich ja mehrere Gebiete, unter anderem die Zwettler Gegend in Niederösterreich und die Gegend um Bozen in Südtirol. Kinkels Walther stammt aus Letzterer.

Auf der Burg Mödling

Ebenfalls schmerzlich ist, dass Walthers vermuteter Aufenthalt auf der Burg Mödling bei Wien nicht in den Roman Eingang gefunden hat… Die Wahrscheinlichkeit, dass Walther in Mödling war, ist jedenfalls höher als die, dass er aus dem Waldviertel stammt. Wenn man daher zur Burg Mödling hinaufsteigt, die heute eine Ruine und als solche ein schönes Ziel für Spaziergänge ist, wandelt man auf Walthers Spuren, wie einem eine große Gedenktafel auf der Burg bewusst macht.

Tanja Kinkel: Das Spiel der Nachtigall. Roman. Droemer-Verlag, München 2011. 924 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Ruine Mödling. Tuschestift, Buntstift, 2017.

 

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Jakob Wassermann: Faber oder Die verlorenen Jahre

Wolfgang Krisai: Mann im Restaurant. 2013. Bleistift.

„Faber oder Die verlorenen Jahre“, erstmals veröffentlicht 1924 bei S. Fischer, ist ein Roman über schwierige Menschen, die mit ihrem Leben kaum zurechtkommen. Diese Menschen sind Eugen Faber, seine Frau Martina und deren Haushälterin und Freundin Fides.

Flucht aus Sibirien

Eugen Faber kehrt zu Beginn des Romans nach sechs Jahren Gefangenschaft und Flucht im Jahr 1920 nach Hause zurück. Er war bereits ganz am Anfang des 1. Weltkriegs in russische Kriegsgefangenschaft geraten und nach Sibirien verschleppt worden, von wo ihm eine abenteuerliche Flucht nach China gelang, von wo er nun endlich nach Hause zurückkehren konnte. Seit Längerem schon steht er aber mit seiner Frau in brieflichem Kontakt. Allerdings ist seine Frau keine große Briefschreiberin, sondern berichtet nur trockene Fakten.

An eine Sekte verloren

Diese haben aber schon genügt, um Eugen das Schlimmste fürchten zu lassen: dass er seine Frau an eine Art Sekte verloren habe.

Deshalb geht er zu Beginn auch nicht zu ihr, sondern zu seinem ehemaligen Lehrer und Freund Fleming und danach zu seiner Mutter Anna. Diese Mutter ist ein spezieller Fall: Sie war eine Feministin der ersten Stunde, militante Vertreterin der antiautoritären Erziehung ante litteram und ist nun eine schwierige Pensionistin, die im Haus ihrer Tochter Maria, die einen reichen Konservativen geheiratet hat, eine gerade noch geduldete Person ist.

Der diebische Neffe

In diesem Haus gibt es auch noch den Sohn von Eugens Bruder Roderich, Valentin, der etwa in der Mitte des Romans aus dem engen Leben ausbricht und verschwindet, später auftaucht und ein Diamantencollier aus der Schmucklade Marias stiehlt, das dieser von ihrer Schwiegermutter geliehen worden war. Valentin wird allerdings schnell überführt und dann von Fides, die ihn geschickt beredet, zur Herausgabe des Schmuckes überredet. Diese Szene ist ein entscheidender Punkt im Leben Eugens, der bei der Ausforschung und Überführung des Diebes mitgewirkt hat.

Entfremdung

Eugen ist nämlich inzwischen natürlich doch nach Hause zu seiner Frau Martina zurückgekehrt, doch er muss feststellen, dass ihm seine Frau entfremdet ist. Da sie aber nichts erzählt, bleibt ihm völlig schleierhaft, was ihn an ihre neue Aufgabe bindet: Sie ist zuständig für die Auswahl jener obdachlosen Kinder, die in ein von einer „Fürstin“ geleitetes Kinderdorf aufgenommen werden. Die Fürstin übt auf ihre Umgebung eine Wirkung aus, die jener eines Sektengurus ähnlich ist. Man traut ihr geradezu Wunder zu, jedenfalls aber die Kraft, jeden Menschen allein durch ihre Gegenwart und ihre Worte grundlegend zu verändern. So hat sie nicht nur Martina, sondern auch Fides in ihren Bann gezogen. Fides allerdings hat die Fürstin die Stelle bei Martina verschafft, die für ihren Sohn Christoph während ihrer Abwesenheit eine Betreuungsperson braucht.

Eugen beachtet Fides zunächst kaum. Er widmet sich eher seinem kleinen, kaum mehr als sechsjährigen Sohn, der manchmal mit unglaublich altklugen Reden irritiert. Seine Mutter hat Eugen auch eine Stelle als Beamter verschafft, in der er für irgendwelche baulichen Angelegenheiten zuständig ist, was seinem Beruf als Architekt immerhin ungefähr entspricht.

Offenheit – Nähe – Kuss

Nach einigen Monaten fährt Martina mit der Fürstin nach London, wo sie mit Geldgebern verhandeln. Während dieser zwei Wochen kommt es – wenig überraschend – zu immer tieferen und intimeren Gesprächen zwischen Fides und Eugen. Fides erzählt ihm ihre unglückliche Lebensgeschichte, Eugen eröffnet ihr Einblicke in seine gegenwärtigen Beziehungsprobleme mit Martina. Diese Offenheit stellt eine solche Nähe her, dass es kein Wunder ist, dass Eugen in der angespannten Situation nach Valentins Diebstahl so froh ist, dass Fides diesen zur Vernunft bringen konnte, dass er sie schließlich umarmt und küsst.

Am nächsten Tag kommt Martina verfrüht aus London zurück. Sie merkt sofort, dass hier irgendetwas geschehen ist. Fides wiederum sucht bei der Fürstin Rat, die nun Eugen zu sich bittet.

Flucht vor der Entscheidung

Fides schlägt Eugen vor, Martina solle entscheiden, ob Eugen bei ihr oder bei Fides bleiben solle. Die Fürstin rät Eugen überraschender Weise dazu, die Beziehung zu Fides bis zu Neige durchzuleben, jetzt, wo sie schon einmal angefangen sei.

Völlig aufgewühlt verlässt Eugen die Fürstin und quartiert sich vorläufig bei Fleming ein. Als er seine Sachen von zu Hause holen will, trifft er dort die beiden Frauen an. Er sagt, dass er hier nicht bleiben könne, sondern dass Fides bei Martina bleiben müsse.

Martina reagiert „mit einem Ton zwischen Schmerz und Jubel, klindlichem Schmerz und strahlendem, geheimnisvollem Jubel: ‚Fides, wach auf! Fides, wach auf! Weißt du es denn? Hast du’s gehört? Er ist fort, der Liebste! Der Aller-Allerliebste ist von mir fortgegangen…‘ / Und sie küsste Fides und lachte und schluchzte dabei. Es war wie Verrücktheit. / Fides sah sie mit schwerem Blick verwundert an und senkte das Haupt.“ (S. 394)

Sehr offenes Ende

Das ist das Ende des Romans. Der seltene Fall eines sehr offenen Roman-Endes. Denn Fides kann doch wohl nicht bei Martina bleiben, wie sich Eugen das vorgestellt hat. Aber kann sie zu Eugen ziehen? Das verbietet ihr der Respekt vor Martina. Und diese? Ist sie nun froh, Eugen los zu sein, oder wird sie gerade vor Schmerz verrückt?

Der Roman ist in einer gut lesbaren Sprache geschrieben, kein Wunder, dass Wassermann zu seiner Zeit zu den meistgelesenen Schriftstellern deutscher Sprache gehörte.

Jakob Wassermann: Faber oder Die verlorenen Jahre. Roman. Nachwort von Insa Wilke. Manesse, Zürich, 2016. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. 411 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Mann im Restaurant. 2013. Bleistift.

 

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