Wilhelm Waetzoldt: Dürer und seine Zeit

Titelseite von Wilhelm Waetzoldt: Albrecht Dürer und seine Zeit.

Am 19. 12. 1987 kaufte ich mir dieses Buch in einem Wiener Antiquariat um 300 Schilling, damals ein durchaus deftiger Preis. Jetzt, fast 30 Jahre später, habe ich das Buch endlich gelesen.

Entstanden ist es vor rund 80 Jahren, erschienen 1938 bei George Allen & Unwin Ltd., London, als „Phaidon-Ausgabe“, gedruckt wurde es allerdings in der Offizin Haag-Drugulin in Leipzig.

Der Autor

Hinter dieser Edition steckt eine Geschichte, die ich gerne genauer wüsste. Hier nur meine Vermutungen: Wilhelm Waetzoldt (1880-1945) war bis 1933 Direktor der Staatlichen Museen Berlin, wurde von den Nazis seines Amtes enthoben. Die dahinter steckenden Anschuldigungen finanzieller Unregelmäßigkeiten konnte er entkräften. 1934 wurde er Ordinarius für Philosophie an der Universität Halle.

Ein Nazi war Waetzoldt also nicht, sehr wohl aber eine Person, die sich offenbar irgendwie mit dem Regime arrangierte, um nicht ausrangiert zu werden. Seine Bücher über Dürer und Holbein sowie sein Jugendbuch „Du und die Kunst“ waren vermutlich recht populär, das Jugendbuch soll sogar an die Hitlerjugend verteilt worden sein (https://dictionaryofarthistorians.org/waetzoldtw.htm).

Zeitbedingtes

Seinem Dürerbuch merkt man stellenweise an, in welcher Zeit es entstanden ist, nicht nur, wenn darauf hingewiesen wird, dass der Frauenmarkt in Nürnberg nun Adolf-Hitler-Platz heiße, sondern auch dann, wenn Waetzoldt immer wieder das Deutschtum Dürers betont und ihm aufgrund seiner Herkunft bestimmte Eigenschaften zuschreibt. Hier weht – in durchaus zurückhaltender Weise – der Zeitgeist aus dem Buch. Sieht man aber davon ab, liest man es mit Gewinn.

Kapitel nach Themen

Waetzoldt schreibt keine Biographie, sondern ein nach Themen geordnetes Buch mit Kapiteln wie: „Selbstcharakteristik“ (über Dürers Selbstbildnisse), „Religiöse Bildwelt“, „Bildnis“, „Landschaft“, „Dürer und Luther“, „Dienst und Freiheit“ (über die für Maximilian I. geschaffenen Werke), „Mit Zirkel und Richtscheit“ (über Dürers kunst- und militärtheoretische Schriften). Das Buch enthält aber auch das Kapitel „Grenzen der Liebe“, wo Waetzold jene Aspekte von Dürers Werk beleuchtet, die er für schwach und überholt hält.

Ein „richtiges Buch“

Der Inhalt des Buches ist aber nur ein Aspekt, der andere die wunderbare Gestaltung dieses Buches. Es ist eines der schönsten Bücher, die ich besitze und die ich kenne. Schon das Aussehen entspricht einem „richtigen Buch“: stattlich, ohne riesig zu sein, dick, mit einem großzügigen Seitenspiegel, der im Weißrand Marginalien zulässt (Stichwörter zum Inhalt und Abbildungsverweise), eine schöne, gut lesbare Schrifttype und angenehmes Papier.

Ausgezeichnete Abbildungsqualität

Ein Kunstbuch braucht Abbildungen, und in dieser Hinsicht ist das Buch für die damalige Zeit eine Spitzenleistung: auf rund einem Dutzend schwarzen Seiten sind Farbabbildungen eingeklebt; die zweite Hälfte des Buchs besteht aus einem Abbildungsteil aus hervorragenden Kupfertiefdruck-Tafeln, und in den Text sind Reproduktionen von Holzschnitten eingestreut, die sich auf dem rauen Papier des Textteils besonders gut machen.

Musterbeispiel für gelungene Buchkunst

Dieses Buch ist also ein Musterbeispiel für gelungene Buchkunst, und es ist kein Wunder, dass es auch nach dem Krieg noch mehrere Auflagen erlebt hat. Die weite Verbreitung hat dazu geführt, dass man es heute bei ZVAB zum Spottpreis erwerben kann.

Wilhelm Waetzoldt: Dürer und seine Zeit. Phaidon-Ausgabe. George Allen & Unwin Ltd., London, 1938. 591 Seiten.

Bild: Titelseite von Wilhelm Waetzoldt: Albrecht Dürer und seine Zeit.

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Anne und Olaf Meinhardt: Transsibirische Eisenbahn

Wolfgang Krisai: Wien Hauptbahnhof, Tuschestift, Buntstift, 2014.

Dieser Bildband über die Transsibirische Eisenbahn behandelt sowohl die Route von Moskau nach Peking über die Mongolei als auch die klassische Route nach Wladiwostok. Die Bahn durch die Mandschurei und die Baikal-Amur-Magistrale werden als Alternativrouten zumindest erwähnt.

Die Autorin und der Autor haben für das Buch ein halbes Jahr recherchiert, sodass es Impressionen vom Sommer wie vom Winter zu lesen und zu sehen gibt. Sie haben auch die unterschiedlichen Züge von den einfachsten Liegewagen bis zum Luxuszug „Zarengold“ ausprobiert.

Zu jedem wichtigen Ort an der Bahn haben sie Interessantes zu erzählen, sodass man Lust hätte, an allen diesen Orten ein, zwei Tage zu verbringen.

Natürlich wird auch die alte Baikalbahn, die heute noch mit Dampf-Sonderzügen aufwartet, beschrieben, da sie eine Touristenattraktion ist.

In Sonderkapiteln werden z. B. der Bau der Transsib, die russischen Straflager und ihre Rolle beim Eisenbahnbau, der Sonderzug „Zarengold“, das Eisenbahnmuseum in Nowosibirsk, die russisch-orthodoxe Kirche  oder die russische Küche vorgestellt.

Tolles Buch! Interessanter Text, wunderbare Bilder – die von einem  „typischen Mann“, dem immer wieder Frauen mit langen nackten Beinen ins Bild gelaufen sind, fotografiert wurden.

Anne und Olaf Meinhardt: Transsibirische Eisenbahn. Durch die russische Taiga zum Pazifik. Aktualisierte und überarbeitete Ausgabe. Bruckmann, München, 2014. 183 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Wien Hauptbahnhof, Tuschestift, Buntstift, 2014. – Von Wien aus könnte man per Bahn direkt zum Ausgangpunkt der Transsibirischen Eisenbahn fahren: mit dem Schlafwagen-Kurswagen der Rusisschen Eisenbahnen nach Moskau.

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Uwe Tellkamp: Die Schwebebahn. Dresdner Erkundungen

Wolfgang Krisai: Blick vom Biergarten am Dach des Yenidze in Dresden, Tuchestift, Buntstift; 2015.

In Dresden kaufte ich mir 2015 dieses schön gemachte Buch, in dem der Dresdner Uwe Tellkamp über seine Heimatstadt schreibt und zu dem der Dresdner Fotograf Werner Lieberknecht eine Menge Schwarzweißfotos beisteuerte.

Mühsam zu lesen

Das Buch hält aber leider nicht, was es auf den ersten Blick verspricht. Tellkamps Text ist – ganz im Gegensatz zu seinem wunderbar geschriebenen Roman „Der Turm“ – unsäglich mühsam zu lesen, und die Fotos sehen zwar gut aus, mehr als fast beliebige Impressionen aus Dresden sind sie aber auch nicht.

Was ist nun das Ärgerliche an Tellkamps Stil?

Er reiht und reiht und reiht Satzfetzen, fast wie Notizen und Stichwörter, aneinander, streut gelegentlich ein paar vollständige Sätze ein, und bald geht es wieder weiter in diesem Notizbuchstil. Oder es kommen gewaltige Satzmonster daher, ohne Rhythmus und Schwung, holprig, mit sperrigen Begriffen und nur Dresdnern geläufigen Bezeichnungen.

Ein beliebig herausgegriffenes Beispiel:

„Die Ostdeutschen hatten Hunger, kaum zu beängstigenden Freßgelagehunger nach Leben, nach Reisen. Sie wollten alles sehen, alles begreifen, alles nachholen, was sie versäumt hatten, alle Träume, und sofort, die in Hermann Haacks geographischen Atlanten eingesperrt gewesen waren. Ich hatte meinen Winkel auf dem Dachboden mit Landkarten tapeziert, dort hockte ich und reiste die schönsten Reisen der Welt, vor mir ein Lederkoffer, aus seinem Exil hinter den Tontöpfen gefischt, über und über bedeckt mit Hotelaufklebern in den musikalischen Farben der Belle Époque: Karl-May-Grün, das Ocker von Kairo, Wüstenblau, Weiß wie die Mauern der Souks, Indisch und Nanking-Gelb, Pompejanisch Rot, Amazonasfalter-Violett … Auf der Prager Straße lud ein Kran Container ab, Vorposten der Deutschen, Dresdner, Commerzbank. Begegnungen. Anna. Wir tanzen wie die Steptänzer, Fred Astaire ist gut, sehr gut sogar, dieser Kerl mit dem Heuschreckenleib und dem allzu bescheidenen Grinsen. Faunpalast, Parklichtspiele, Schauburg, der Fabelname eines längst geschlossenen Nickelodeons: Alabastra, Filmbühne Wölfnitz, die während einer Vorstellung abbrannte, die U. T.-Lichtspiele in der Waisenhausstraße, Dedrophon-Theater und Institut Kosmographia, Hansa-Lichtspiele … die Namen, die farbigen Traumschneisen, die die tschechischen und Ernemann-Projektoren ins erwartungsvolle Kinodunkel schlugen; Schwarzweißfilme im Hauptbahnhofkino, wo es orangefarbene Tapete gibt und eine Bommelmütze ein Heizungsleck abdichtet.“ (S. 97f)

Worum geht es inhaltlich?

Uwe Tellkamp präsentiert uns seine kunterbunt durcheinandergewürfelten Erinnerungen an das Dresden vor und kurz nach der Wende, die unverständlicher Weise „Erkundungen“ genannt werden. Er setzt dabei gewissermaßen voraus, dass wir seine engen Verwandten sind und daher ohnehin wissen, wie das so war, und uns daher mit ein paar andeutenden Stichwörtern zufriedener geben, als wenn er ausführlich schildern würde. Es tauchen alte Verwandte, Freunde, Lehrer, aber auch die Klavierlehrerin auf, daneben Dresdner Originale wie jene russische Matrone, die im Winter vor dem Heizhaus der russischen Kaserne stand. Die Mängelwirtschaft der letzten Jahre der DDR wird angedeutet, doch wirklich politisch wird das Buch zum Glück nie.

Durch die Andeutungstechnik ist es für den nun doch nicht mit Tellkamp verwandten Leser sehr schwer, in dem Wust den Durchblick zu behalten. Ich habe ihn jedenfalls verloren, weshalb mir weder das Figurenarsenal noch die Schauplätze, die ich von unserer kurzen Dresden-Reise zumindest oberflächlich kenne, lebendig geworden sind.

Tellkamp zuliebe und wegen der schönen Gestaltung des Buches – und aus Prinzip – biss ich mich bis zum Ende durch.

Uwe Tellkamp: Die Schwebebahn. Dresdner Erkundungen. Mit Fotografien von Werner Liederknecht. Insel-Verlag, Berlin, 4. Auflage, 2011. 165 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Blick vom Biergarten am Dach des Yenidze in Dresden, Tuchestift, Buntstift; 2015.

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Michael Büker: Ich war noch niemals auf Saturn. Eine Reise durchs Universum

Wolfgang Krisai: Die Wiener Urania. Tuschestift und Buntstift, 2015.

Michael Büker, Physiker in Dresden, ist auf unterhaltsame Präsentation von Wissenschaft spezialisiert. In diesem locker erzählten Taschenbuch nimmt er den Leser auf eine informative und zugleich unglaublich anschauliche „Reise“ durch das Universum mit.

Erstaunlicher Wissenszuwachs über das Weltall

Man erfährt in groben Zügen den aktuellen Stand der Astronomie und der Weltraumforschung im Jahr 2016. Es ist erstaunlich, was sich auf diesen Gebieten in den letzten zehn bis zwanzig Jahren getan hat. Allerlei Raumsonden und Weltraumteleskope haben unser Bild von den Planeten und Sternen ungeheuer bereichert, auch wenn nicht jede Mission von Erfolg gekrönt war. Das Sonnensystem wurde um zahllose Himmelskörper, die dank der verbesserten Teleskope sichtbar wurden, ergänzt – was allerdings Pluto seinen Status als Planet gekostet hat. Nun befindet er sich in Gesellschaft zahlreicher Zwergplaneten, von denen einige sogar größer sind als er, die im Kuyper-Gürtel außerhalb der Neptun-Umlaufbahn um die Sonne kreisen.

Im Inneren der Sterne

Auch die Vorgänge im Inneren der Himmelskörper werden geschildert, wo es zu wilden Zusammenballungen von Materie kommt und Expansionsdruck durch die Kernfusion und Schwerkraft gegeneinander kämpfen, bis ein Stern entweder zu einem schwarzen Loch wird oder langsam auskühlt.

Strandlektüre mit wissenschaftlichem Mehrwert

Das große Plus des Buches ist der lebendige, anschauliche Stil. Strandlektüre mit wissenschaftlichem Mehrwert, sozusagen.

Der Nachteil ist die karge Bebilderung, die sich auf einige lustige Grafiken beschränkt. Büker rechnet wohl damit, dass der moderne Leser sofort sein Smartphone zückt und die reichlich angegebenen Internetquellen nach Bildern durchforstet.

Lauter Internet-Quellen

Diese Liste der Quellen bot für mich ein Aha-Erlebnis: Internetquellen überwiegen bei weitem, vorbei ist die Zeit von Literaturverzeichnissen, die voller Papierbücher sind, zumindest in sich so rasch weiterentwickelnden Sparten wie der Astronomie, wo der gesamte Informationsfluss schon ins Internet migriert ist.

Weiterführende Bücher

Trotzdem kaufte ich mir gleich einmal ein schöne Papierbuch zum Thema „Weltall“: ein Dorling-Kindersley-Jugendbuch. Hier wird in schönen Graphiken aufbereitet, was Büker in Worten dargestellt hat. Und ein anderes Buch voller wunderbarer Fotos aus dem Weltall bekam ich geschenkt: „Juwelen des Universums“.

Michael Büker: Ich war noch niemals auf Saturn. Eine Reise durchs Universum. Illustrationen: Veronika Mischitz, Kirschvogelkantine. Ullstein-Taschenbuch, Ullstein, Berlin 2016. 396 Seiten.

Weltall. Das Universum in spektakulären Bildern. Reihe DK Wissen. Dorling Kindersley, München 2016. 208 Seiten.

Rhodri Evans: Juwelen des Universums. Die spektakulärsten Bilder aus dem All. Frankh-Kosmos, Stuttgart 2016. 192 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Die Wiener Urania. Tuschestift und Buntstift, 2015. – Zufällig war ich mit meinem Skizzenbuch zugegen, als im Sommer 2015 am helllichten Tag die Kuppel der Sternwarte der Wiener Urania geöffnet und das darin befindliche Fernrohr sichtbar wurde. – Die Urania ist heute eine Volkshochschule und ein Kino, geplant wurde das Gebäude vom Otto-Wagner-Schüler Max Fabiani, die Eröffnung fand 1910 statt. In der Kuppel der Sternwarte befindet sich ein 8-Zoll-Fernrohr der Firma Zeiss.

 

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Peter Prange: Ich, Maximilian, Kaiser der Welt

Wolfgang Krisai: Drei Figuren vom Grabmal Kaiser Maximilians in der Innsbrucker Hofkirche. Tuschestift, 2009.

Peter Prange stellte 2014 seinen neu erschienenen historischen Roman über Kaiser Maximilian I. in Wien vor, und bei dieser Gelegenheit kaufte ich das Buch und ließ es signieren. Jetzt habe ich es gelesen, und zwar im Rekordtempo, so spannend war es.

Tod in Wiener Neustadt

Von Maximilian I. hatte ich nur eine äußerst vage Vorstellung, die nun etwas stärker konturiert wurde. Allerdings behandelt der Roman praktisch nur die Jahre von seiner Brautwerbung um Marie von Burgund bis zu seiner Erhebung zum Kaiser des Römischen Reichs Deutscher Nation. Er beginnt mit dem Tod Maximilians in Wels. Dieser war gerade auf dem Weg nach Wiener Neustadt – wo er nun begraben liegt. In seiner Todesstunde lässt Prange u. a. zwei Personen um ihn sein, denen er in seinem Roman eine zentrale Rolle zugewiesen hat: Rosina von Kraig, seiner Geliebten, und Kunz von der Rosen, seinem Hofnarren.

Künstlerische Freiheit

Historisch inkorrekt lässt Prange diesen Kunz sogar noch das Ende des Romans erleben, wo er in die Zukunft, nämlich bis zur Kaiserkrönung Karls V. in Bologna, ausgreift, obwohl Kunz im selben Jahr wie Maximilian, 1519, starb. Künstlerische Freiheit.

Doch damit ist auch schon das Problem eines solchen Romans angerissen: Als Leser, der kein Maximilian-Experte ist, weiß man nie, was historisch wahr und was vom Autor erdichtet ist. Daher müsste man nun eigentlich „zum Drüberstreuen“ Hermann Wiesfleckers fünfbändige Mammut-Biographie Maxmilians lesen, um vergleichen zu können.

Unerfreulicher Ränkeschmied

Kunz von der Rosen macht Prange, offenbar auch hier entgegen der historischen Wahrheit, zu einem unerfreulichen Ränkeschmied, der jahrelang im Sold der Franzosen Maximilian zu schaden versucht. Max kommt nie dahinter, ja, er hat nicht einmal den leisesten Verdacht, dass sein gewitzter Hofnarr (auch das war Kunz eigentlich nicht, sondern nur der bunte Vogel des Hofes), den er sogar in den Adelsstand versetzt und immer wieder mit geheimen Aufträgen bedacht hat, eigentlich ein Verräter ist. Für die Erzeugung von Spannung im Roman ist diese Umdeutung der Figur jedoch von größtem Nutzen.

Die Liebe der Staatsraison geopfert

Rosina von Kraig macht Prange hingegen zur großen Liebe von Maximilian. Schon der Jugendliche verfällt dieser schönen jungen Frau, der er ewige Liebe schwört. Als die Staatsraison den jungen Thronfolger zwingt, eine standesgemäße Ehe einzugehen, trennen sich die Wege von Max und Rosina für einige Zeit. Rosina gerät in einer Truppe von Schaustellern und zieht mit ihnen durch die Welt. In Gent stößt sie wieder auf Max, der sie unbedingt als seine Mätresse haben will.

Bildschön, sportlich, blitzgescheit: Marie von Burgund

Verheiratet ist Max nun ja mit Marie von Burgund, einer bildschönen, sportlichen und blitzgescheiten Frau, in die er sich, ganz gegen seine Erwartung (Kunz hat sie ihm im Auftrag der Franzosen als hässliche Hexe dargestellt), bis über beide Ohren verliebt hat. Marie weckt in Max Seiten, die er bisher noch nicht entwickelt hatte, so seine sprachlichen Fähigkeiten, das Interesse an Kunst, Musik und Literatur und vor allem an der Politik. Das Herzogtum Burgund, das Maries Vater Karl der Kühne zu hoher weltpolitische Bedeutung führen konnte, ist nämlich ein höchst umstrittenes Gebiet: Kaiser Friedrich III., Maximilians Vater, will es im Römisch Deutschen Kaiserreich haben, der französische König Ludwig reklamiert es für Frankreich, und im Land selbst kämpfen aufständische Handwerker unter Jan Coppenhole mit Maximilian um die Regierungsgewalt. Marie und Max sind fest entschlossen, Burgund zusammenzuhalten und nicht in die Hände der Franzosen fallen zu lassen. Es kommt zu einer jahrzehntelangen Abfolge von Kriegen, die Max zum Teil gewinnt, da er ein tollkühner Kämpfer und innovativer Stratege ist, zum Teil verliert, weil er immer zu wenig Geld und damit zu wenig Söldner hat.

Tödlicher Sturz

Marie von Burgund kommt früh zu Tode. Prange gibt Max, Rosina und Kunz daran die Schuld: Kunz hat – wieder im Auftrag des Feindes – den Sattelgurt Maries angeritzt; Rosina hat Max gezwungen, sich zu ihr zu bekennen; Max hat dieses Bekenntnis lange aufgeschoben, doch eines Tages gesteht er Marie sein Verhältnis zu Rosina doch. Marie galoppiert wutentbrannt davon, setzt über einen breiten Graben, das Pferd strauchelt, der Sattelgurt reißt, Marie fliegt in hohem Bogen davon, schlägt hart auf und stirbt wenige Tage darauf an ihren Verletzungen.

Rosina sucht das Weite und begeht sogar einen Selbstmordversuch, der aber statt zum Tod zum Verlust jeglicher Erinnerung an Maximilian führt. Ausgerechnet Kunz findet die Halbtote und holt gleich Max’ Erzfeind Coppenhole, dem er sie als Faustpfand gegen Max empfiehlt. Coppenhole verliebt sich in Rosina, die sich nun Barbara nennt, und heiratet sie sogar. Allerdings erlangt sie ihr Gedächtnis wieder und kommt Coppenhole auf die Schliche. Mit einem, der sie jahrelang belogen hat, will sie nicht länger zusammen sein. Coppenholes Tage sind aber ohnedies gezählt, denn im Zuge der Kriegswirren wendet sich Gent gegen seinen ehemaligen Führer und lässt ihn köpfen.

Grausamkeit und Depression

Maximilian hat nämlich inzwischen mit Frankreich Frieden geschlossen – nach haarsträubenden Vorkommnissen zwar, aber was fordert nicht alles die Staatsraison im Verein mit einem leeren Säckel! Nun kann er sich, inzwischen zum Deutschen König gekrönt, an die Befriedung der Ungarn machen. In diesem Feldzug, den er zusammen mit seinem Sohn Philipp dem Schönen unternimmt, zeigt sich Maximilians widersprüchliche Persönlichkeit besonders krass: ungeheure Entschlossenheit im Kampf, hohe Qualität als Heerführer, Menschenkenntnis einerseits, plötzlich hervorbrechende unmenschliche Grausamkeit und tiefe Depressionen andererseits. Philipp, der dies erstmals miterlebt, ist von seinem Vater mehr als enttäuscht.

Ins Gedächtnis eingebrannt

Alles dies und noch viel mehr – erzählt Peter Prange in kurzen Kapiteln, die immer mit einem unaufdringlichen Cliffhanger enden und den Leser zum Weiterlesen zwingen. Die Figuren, allen voran Marie und Max, treten plastisch und lebendig vor die Augen des Lesers, der jedoch genauso den Gauner Kunz von der Rosen verwünscht und die vom Schicksal gebeutelte Rosina bedauert. Nach 650 Seiten haben sich die historischen Persönlichkeiten von Friedrich III. bis Karl V., von Karl dem Kühnen zu Ludovico il Moro, von Maximilians Schwester Kunigunde bis zu seiner Tochter Margarethe genauso wie die Hauptfiguren selbst ins Gedächtnis des Lesers gegraben, was einem bloßen Geschichtsbuch wesentlich weniger leicht gelingen würde. Und genau deshalb liest man einen historischen Roman.

Peter Prange: Ich, Maximilian, Kaiser der Welt. Historischer Roman. Fischer Scherz, Frankfurt a. M. 2014. 671 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Drei Figuren vom Grabmal Kaiser Maximilians in der Innsbrucker Hofkirche. Tuschestift, 2009. – Kaiser Maximilians beeindruckendes Grabmal in der Innsbrucker Hofkirche besteht aus einem Sarkophag und an die 30 überlebensgroßen Metallfiguren, den sogenannten „Schwarzen Mandern“ (obwohl auch einige Frauen darunter sind) sowie einer Reihe von Porträtbüsten. Absolut sehenswert.

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Cordula Koepcke: Lou Andreas-Salomé

Wolfgang Krisai: Der Winterpalast (heute: Ermitage) in St. Petersburg. Tuschestift. 2016

Anlässlich des im Herbst 2016 herausgekommenen biographischen Spielfilms „Lou Andreas-Salomé“, dessen Premiere ich im Wiener Filmcasino miterlebte, las ich eine bei mir schon länger im Regal wartende Biographie über diese „Muse“ der Zeit um 1900.

Cordula Koepcke beschreibt Lous Leben und Werk in angemessener, manchmal schon übertriebener Ausführlichkeit, sodass man ein lebendiges und facettenreiches Bild dieser außergewöhnlichen Frau erhält. Außergewöhnlich ist sie vor allem durch ihren Intellekt, mit dem sie Größen wie Nietzsche oder Freud anregende Gesprächspartnerin und – im Falle Freuds – Kollegin sein konnte, und durch ihr ungewöhnliches Verhältnis zur Sexualität und zu Männern.

„Kein Sex!“

Lou hielt sich nämlich jahrzehntelang an die Devise: „Kein Sex!“ Das galt sogar für ihre Ehe mit dem namhaften Orientalisten Friedrich Carl Andreas, die sie nur unter dieser Bedingung eingegangen war. Sehr zum Missvergnügen des Ehemannes, der gehofft hatte, es handle sich dabei um eine Mädchenschrulle, die sich mit der Zeit legen werde. Als Lou eisern blieb, kam es einmal zu einer versuchten Gewaltanwendung des Ehemanns gegenüber der schlafenden Frau, die dann ihrerseits, halb erwacht, den Eindringling kräftig würgte. Keine erfreuliche Sache. Andreas zeugte später mit der Haushälterin eine Tochter, die Lou im Alter betreute und von dieser ganz in die Familie aufgenommen wurde. (Im Film wird sie als Adoptivtochter bezeichnet, im Buch ist davon nicht die Rede.)

Der von Lou erhoffte und entgegen aller damals herrschenden Konvention auch realisierte Vorteil der asexuellen Männerbeziehung war, dass sie mit mehreren Männern platonische Freundschaften mit höchstem geistigem Anspruch pflegen konnte.

Heiratsantrag eines Pastors

Das begann schon in ihrer Jugend, wo sie den faszinierenden evangelischen Pastor Hendrik Gillot kennenlernt und bei ihm eine Art privaten Religionsunterricht bekommt, da ihr der offizielle Konfirmandenunterricht nicht zusagt. Während Lou in Gillot gleichsam einen Gott sieht, ist es umgekehrt nicht ganz so. Der – verheiratete! – Pastor macht dem fünfzehnjährigen Mädchen einen Heiratsantrag, angesichts dessen Lou aus allen Wolken fällt und vor Gillot die Flucht ergreift. Dennoch bleibt eine lange, lose Beziehung, und Gillot traut Lou – allerdings zähneknirschend – schließlich sogar höchstpersönlich mit Andreas.

Geboren 1861 in St. Petersburg

Die Geschichte mit Gillot spielte sich in Lous Geburtsort St. Petersburg ab, wo sie 1861 als Tochter eines deutschstämmigen Generals im Gebäude der Generalität gegenüber dem Winterpalast, der heutigen Ermitage, zur Welt kommt. Sie hat mehrere Brüder, mit denen sie zeitlebens ein inniges Verhältnis verbindet.

Wohngemeinschaftsprojekt „Dreieinigkeit“

Da Lou unbedingt studieren will, muss sie nach Zürich gehen, der einzigen Universität Europas, wo damals auch Frauen studieren durften. Sie lernt dort Paul Rée kennen, einen jungen Philosophen, der mit Friedrich Nietzsche befreundet ist und diesen mit Lou bekannt macht. Lou träumt davon, mit den beiden Männern in einer platonischen WG, genannt „Dreieinigkeit“ zu leben. Große Aufregung in der Familie! Doch Lou gibt nicht nach und will ihren Traum partout realisieren. Und das, obwohl ihr sowohl Rée als auch Nietzsche nacheinander Heiratsanträge gemacht haben. Die sie selbstverständlich zurückgewiesen hat. Nietzsche ist dadurch allerdings verstimmt, zudem arbeitet seine intrigante Schwester Elisabeth im Hintergrund eifrigst gegen die von ihre gehasste Lou, sodass aus der „Dreieinigkeit“ nichts wird.

Malwida von Meysenbug

Lou erkrankt an einer Lungenkrankheit (die sich nach einigen Jahren wieder verliert) und muss auf Anraten der Ärzte einige Zeit im Süden verbringen. Sie geht mit ihrer Mutter nach Rom, wo sie die einflussreiche Malwida von Meysenbug kennenlernt, die sie unter ihre Fittiche nimmt und mit vielen wichtigen Persönlichkeiten bekannt macht. Auch Malwida versucht Lou von der Wohngemeinschaftsidee abzubringen – vergeblich.

Paul Rée und Friedrich Carl Andreas

Kaum wieder zurück im Norden, zieht Lou mit Rée in Berlin zusammen. Rée ist so ein dezenter und höflicher Herr, dass das Experiment sogar einige Zeit gut geht. Rée leidet allerdings still vor sich hin, und das umso mehr, als Friedrich Carl Andreas auf den Plan tritt, der Lou augenblicklich fasziniert und für sich gewinnt. Unter der schon genannten Bedingung.

Es dauert allerdings nicht lang, bis Lou wieder einen anderen Mann behext, diesmal den Politiker Georg Ledebour, der sich einige Monate energisch um sie bemüht. Lou ist hin und her gerissen zwischen Andreas und Ledebour, entscheidet sich schließlich aber für ihren Ehemann.

Rainer Maria Rilke

Einige Jahre später tritt jener Mann in Lous Leben, durch dessen Biographie ich sie kennenlernte: Rainer Maria Rilke. Er ist wesentlich jünger als sie, schreibt ihr künstlerisch unausgegorene Liebesgedichte und bringt in ihr Saiten zum Schwingen, die sie bisher standhaft unterdrückt hatte. Gemeinsam reisen sie zweimal nach Russland, beim zweiten Mal überraschen sie den wenig begeisterten alten Tolstoi auf seinem Landgut. Sie begeistern sich beide für das russische Landleben und sehen in Russland jenes Land und jene Kultur, die zwischen West und Ost vermitteln und damit dem Westen wichtige Anregungen aus dem Osten bringen könne.

Rilke und Lou verleben auch einige Wochen auf einem Landhaus, genannt „Loufried“, in Bayern, wo es dem erotisch erfahreneren Rilke schließlich gelingt, Lou zum Bruch ihres Grundsatzes zu bringen. Für Lou erschließt sich damit erst die Welt der Liebe. Rauschhafte Wochen, die eigentlich nach Ewigkeit schreien – aber dafür ist Lou nicht geschaffen. Schon bald beginnt Rilke sie zu langweilen, und die beiden trennen sich wieder.

Erst einige Jahre später nimmt Rilke den Kontakt brieflich wieder auf, und bis zu seinem Tod ist Lou dann eine einfühlsame Beraterin in Krisenzeiten. Der Kontakt wird großteils brieflich gepflegt, auch wenn es immer wieder zu – nun wieder platonischen – gemeinsamen Reisen kommt.

Haus „Loufried“ in Göttingen

In Erinnerung an jene schöne Zeit mit Rilke nennt Lou das Haus, in das sie mit Andreas nach dessen Berufung an die Universität Göttingen zieht, ebenfalls „Loufried“. In diesem Haus am Rande Göttingens führt Lou, sofern sie nicht gerade auf einer ihrer ausgedehnte Reise ist, ein zurückgezogenes Leben. Sie pflegt einen dem ihres Mannes diametral entgegengesetzten Rhythmus: Während Andreas abends und die halbe Nacht über Vorlesungen hält – im Erdgeschoß – und danach bis zum Morgengrauen arbeitet, dafür aber den Tag verschläft, bemüht sich Lou um einen gesunden Lebensstil nach den Vorstellungen der damaligen „Naturmenschen“ und den ihr von ihrem Arzt wegen ihrer Herzbeschwerden vorgeschriebenen Regeln: gesund essen, Bewegung machen, früh ins Bett gehen.

Dieser Arzt ist übrigens ein weiterer ihrer Liebhaber: der Wiener Friedrich „Zemek“ Pineles. Er begleitet sie als ihr „Leibarzt“ immer wieder auf Reisen.

Sigmund Freud

Diese führen sie für längere Zeit nach Paris, aber auch nach Wien, wo sie schließlich jenen Mann kennenlernt, der ihre zweite Lebenshälfte geistig bestimmt: Sigmund Freud.

Lou wird schnell in den engsten Kreis der Schüler Freuds aufgenommen und steigt bald vom Rang der Schülerin zu jenem der Kollegin auf, mit der Freud in regem Austausch, sei es mündlich, sei es brieflich, steht. Lou beginnt selbst die Psychoanalyse zu praktizieren und hat bald in Göttingen eine Menge Patienten. Sie verfasst psychoanalytische Essays, die sich vor allem mit Fragen der Religion und der Kunst auseinandersetzen und in der Zeitschrift „Imago“ erscheinen.

Die Schriftstellerin

Schriftstellerische Tätigkeit ist von allem Anfang an ein wichtiger Teil ihres Lebens. Sie schreibt Erzählungen, Romane, Essays und Kritiken. Eigentlich sind das immer ganz persönliche, private Werke, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, doch wenn es an Geld mangelt – was vor der Berufung ihres Mannes nach Göttingen durchaus vorkommen konnte – muss sie sich über solche Bedenken hinwegsetzen. Die Essays und Kritiken sind ohnehin für die Veröffentlichung und zum Gelderwerb geschrieben.

Da gibt es zum Beispiel den Roman „Das Haus“, aber auch die Erzählung „Ruth“, die Rilke immerhin so beeindruckte, dass er seine Tochter danach benannte. Auf nichtfiktionalem Gebiet gibt es z. B. Bücher über Nietzsche oder „Die Erotik“.

Einige Werke wurden erst aus dem Nachlass veröffentlicht. Als Nachlassverwalter gewinnt Lou in ihren letzten Lebensjahren einen jungen Mann, der sich zunächst wegen psychologischer Beratung an sie wandte, bald aber zum Freund und intensiven Gesprächspartner wurde: Ernst Pfeiffer.

Lebensrückblick

Mit ihm sah sie auch ihre in den Dreißigerjahren entstandenen Memoiren durch, die allerdings erst 1979 als „Lebensrückblick. Grundriß einiger Lebenserinnerungen“ erschienen.

Von den diktatorischen Maßnahmen der Nazis nahm Lou kaum noch Notiz, sie blieb vor Nachstellungen verschont, obwohl sie die „jüdische“ Psychoanalyse betrieb. Die Patienten wurden allerdings merklich weniger.

Schließlich stirbt Lou 1937 eines sanften Todes.

Ich habe noch kein Werk Lou Andreas-Salomés gelesen. In der Biographie wird ausführlich aus ihren Werken zitiert, sodass man einen Eindruck von Lous reichlich exaltiertem Stil bekommt, der wohl zeittypisch ist. Es wundert mich nicht, dass jemand, der so schreibt, eine Beziehung zu Rilke haben konnte.

Cordula Koepcke: Lou Andreas-Salomé. Leben. Persönlichkeit. Werk. Ein Biographie. Insel Verlag, Frankfurt, 1986. Insel Taschenbuch 905. 463 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Der Winterpalast (heute: Ermitage) in St. Petersburg. Tuschestift. 2016. Gegenüber diesem Gebäude wurde Lou Andreas-Salomé geboren.

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Annemarie Schimmel: Friedrich Rückert

Wolfgang Krisai: Friedrich Rückert. Skizze nach einer Büste in der Ausstellung "Der Weltpoet", Erlangen. Tuschestift, 2016.

Die Orientalistin Annemarie Schimmel (1922-2003) gab in den 80er-Jahren eine zweibändige Auswahlausgabe der Werke Friedrich Rückerts im Insel-Verlag heraus. Die darin enthaltenen Einführungen scheint sie 1994 bei Herder etwas erweitert auch als separate Biographie veröffentlicht zu haben. 2015 ist der Band in einer aktualisierten Neuausgabe bei Wallstein erschienen, gerade rechtzeitig vor dem 150. Todestag des Dichters 2016.

Vom Umfang her ist die Biographie mit ihren rund 150 Seiten in kürzester Zeit zu bewältigen, und auch inhaltlich und stilistisch stellt sie ein Musterbeispiel einer knappen, aber umfassenden Einführung zu Leben und Werk eines Dichters dar.

Übersetzer aus 44 Sprachen

Friedrich Rückert (1788-1866) wird 2016 mit einer Ausstellung und vielen Veranstaltungen gefeiert und damit gewissermaßen „wiederentdeckt“, und Schimmels Biographie kann in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielen: Sie ist nämlich aus der Sicht der Orientalistin geschrieben, nicht aus jener der Germanistik. Sie würdigt daher mit höchstem Lob die ungeheure und bis heute gültige Übersetzungsleistung Rückerts, der Werke aus 44 Sprachen, vor allem orientalischen, ins Deutsche übertragen hat.

Orientalische Dichtung erschlossen

Darunter befinden sich nicht nur Teile des Korans, sondern auch Gedichte des Hafis, die Makamen des Hariri und viele weitere wichtige Werke der persischen, arabischen und indischen Dichtung. Die Übersetzungen seien immer mustergültig, da es Rückert gelinge, nicht nur zu übersetzen, sondern die poetische Form der Originale, ja sogar fast unübersetzbare Wortspiele so weit wie möglich in der deutschen Sprache nacherlebbar zu machen. Auf diese Weise habe Rückert für den deutschen Sprachraum die orientalische Dichtung erschlossen, wie dies in keiner anderen Sprache geschehen sei.

Zehntausende Gedichte

Annemarie Schimmel betrachtet Rückerts immense Produktivität an eigenen Gedichten, die in die Zehntausende gehen, aus dem Blickwinkel seiner Übersetzertätigkeit: Man könne nicht trennen – hie deutscher Dichter, hie Übersetzer -, denn Rückerts ununterbrochenes Dichten sei einerseits die Voraussetzung für die Sprachbeherrschung, die er auch in seinen Übersetzungen und gerade da gezeigt habe, andererseits hätten die Formen der orientalischen Dichtung auch auf den ungeheuren Formenreichtum seiner eigenen Gedichte zurückgewirkt.

Ein lyrisches Tagebuch

Rückert schrieb Gedichte über alles und jedes, fast wie ein lyrisches Tagebuch. Sein Alterswerk wird derzeit in zehn Bänden unter dem Titel „Liedertagebuch“ im Rahmen der historisch-kritischen Ausgabe bei Wallstein herausgegeben.

Vielfach ging es ihm darum, eine Weisheit pointiert in Worte zu fassen, aber er dichtete genauso über Alltagsdinge, über seine Kollegen, vor allem aber über seine Frau und seine Kinder.

Berühmt sind ja die rund 400 „Kindertotenlieder“, in denen er seinem Schmerz über den Tod zweier seiner zehn Kinder durch Scharlach freien Lauf lässt, und die Gustav Mahler in knapper Auswahl vertont hat.

Liebesgedichte an seine Frau

Auch seiner Frau widmete er Unmengen von Liebesgedichten, beginnend mit dem Band „Liebesfrühling“. Luise Wiethaus-Fischer hatte er bei seinem Gastgeber in Coburg, wo er an der fürstlichen Bibliothek Forschungen unternahm, kennen gelernt. Sie blieb bis zu ihrem Tod 1857 seine große Liebe, führte aber auch mit Umsicht den Haushalt und „managte“ ihren Dichter-Gatten. Sie war keine der „großen Frauen“ der Romantik, aber vor diesen hatte Rückert ohnehin eine gewisse Scheu.

Seine Weisheitsdichtung nannte Rückert „Die Weisheit des Brahmanen“. Dabei handelt es sich nicht, wie man annehmen könnte, um Übersetzungen aus dem Indischen, sondern um Rückerts eigene Lebensweisheit. Der titelgebende „Brahmane“ steht hiebei für einen Weisen schlechthin, jenseits aller Religionen.

Rückert befremdete manchen strengen Protestanten oder Katholiken durch seine tolerante Einstellung in Fragen der Religion. Jenseits der einzelnen Religionen suchte er einen Weg zu Gott und schrieb darüber in seinen Gedichten.

Weniger tolerant war Rückert in politischer Hinsicht, wo er sich ganz auf die Seite des deutschen Nationalismus, wie er im Kampf gegen Napoleon aufkam, stellte. Dementsprechend „geharnischt“ war seine Dichtung, und mit Napoleon-Freunden wie Goethe wurde er, zumindest politisch, nicht warm.

Professor für Orientalistik

Seine Karriere als Universitätsprofessor für orientalische Sprachen hatte nur zwei große Abschnitte: die Jahre an der Universität Erlangen und jene an der Universität Berlin. An beiden Universitäten lehrte er ohne große Begeisterung, da ihm das Unterrichten nicht lag. Seine Stärke lag darin, sich in kürzester Zeit neue Sprachen so weit anzueignen, dass er die in dieser Sprache geschriebenen Werke lesen, verstehen und übersetzen konnte. Darin hatte er eine seltene Hochbegabung. Kein Wunder, dass er der lästigen Lehrtätigkeit im kalten Berlin schließlich zu entkommen trachtete, sich 1848 pensionieren ließ und sich auf sein Landgut in Neuses (heute ein Stadtteil von Coburg) zurückzog und dort seinen Interessen und seiner Familie lebte.

Rückerts Haus in Neuses ist übrigens seit einigen Jahren als Museum zugänglich.

Der Dichter dürfte auch einen deutlichen Hang zur Melancholie gehabt haben. Er litt darunter, dass er als Doppelbegabung keine seiner beiden Seiten – die des Dichters und die des Orientalisten – zu höchster Entfaltung bringen konnte.

Fand sich zu hässlich und zu groß

Daneben war er auch mit seiner äußeren Erscheinung unzufrieden: Er fand sich hässlich und zu groß. Immerhin maß er zwei Meter, was neben seiner bei weitem kleineren Frau besonders aufgefallen sein musste. Eines seiner Stehpulte konnte ich in der Gedenkausstellung in Erlangen besichtigen: Es ist mindestens 160 cm hoch. Nichts für kleine Leute! Auf einer der in den Band eingestreuten Schwarzweißabbildungen sieht man eines dieser Stehpulte (S. 95).

Annemarie Schimmel: Friedrich Rückert. Lebenslauf und Einführung in sein Werk. Aktualisierte Neuausgabe. 2. Auflage. Wallstein, Göttingen 2016. 157 Seiten.

2016/17 läuft unter dem Titel „Der Weltpoet“ eine äußerst sehenswerte Ausstellung über Friedrich Rückert: in Schweinfurt 8. April – 10. Juli 2016, im Stadtmuseum Erlangen 24. Juli – 26. Dezember 2016 und im Kunstverein Coburg 14. Jänner – 17. April 2017.

Bild: Wolfgang Krisai: Friedrich Rückert. Skizze nach einer Büste in der Ausstellung „Der Weltpoet“, Erlangen. Tuschestift, 2016.

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