Karl Heinz Ritschel: Salzburg. Anmut und Macht

Wolfgang Krisai: Die Georg-Trakl-Alle von Alexander Steinwendtner in Salzburg Nonntal

Karl Heinz Ritschel, von 1964 bis 1995 Chefredakteur der Salzburger Nachrichten, hat eine ganze Menge Bücher über Salzburg geschrieben. Dieser kleine, aber dicke Band bietet eine kurzweilige und informative Zusammenschau und eignet sich damit bestens für das, was ich mit der Lektüre bezwecken wollte: meine Salzburg-Kenntnisse auffrischen und erweitern, anlässlich einer Projektwoche, die ich heuer begleitete. Was mir allerdings nicht gelungen ist: dieses Buch bereits vor der Projektwoche fertigzulesen. Jetzt, im Nachhinein, würde ich am liebsten gleich wieder hinfahren, um all das zu sehen, von dem Ritschel erzählt und das ich noch nicht wahrgenommen habe.

Salzburg von der Steinzeit bis heute

Das Buch verwendet die Geschichte Salzburgs von der Steinzeit bis in die Gegenwart als grobe Grundstruktur, weicht davon aber ab, wenn es angebracht ist. Die einzelnen Abschnitte sind jeweils einem Thema gewidmet, sei es einem Zeitabschnitt (etwa die Römerzeit), sei es einem Bauwerk (dem Dom) oder einer Persönlichkeit (natürlich: Mozart) oder gleich mehreren (den Bischöfen zwischen Marcus Sittikus und Colloredo, letzterem wird dann ein eigenes Kapitel gewidmet). Es sind bei weitem nicht nur die jetzt erwähnten herausragenden Themen, sondern viele, die nicht ganz so nahe liegen, man denke nur z. B. an die Erhardikirche in Nonntal, an den Arzt Paracelsus oder den Dichter Georg Trakl.

Von einem Salzburg-Fan für Salzburg-Fans

Das Buch schrieb ein Salzburg-Fan für Salzburg-Fans, daher werden die dunklen Kapitel der Salzburger Geschichte (die Vertreibung der Protestanten, der Bau der Staatsbrücke durch Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg…) nicht breit ausgeführt.

Illustriert ist der Band mit Reproduktionen farbiger Kunstwerke, die Salzburg darstellen, von der Salzburg-Ansicht in Schedels Weltchronik bis zu einem Blick auf den Kapuzinerberg von Werner Otte (1922-1996).

Für Salzburg-Liebhaber ein äußerst lesenswertes Buch!

Karl Heinz Ritschel: Salzburg. Anmut und Macht. Verlag Anton Pustet, Salzburg – München, 1995. 480 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Die Georg-Trakl-Alle von Alexander Steinwendtner in Salzburg Nonntal. – Nicht im Buch, da erst 2014 aufgestellt, aber trotzdem sehenswert, zumindest für Trakl-Fans. Die „Allee“ aus mannshohen bedruckten Steintafeln befindet sich westlich des „Unipark Nonntal“.

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Ursula Poznanski: Schatten. Thriller

Wolfgang Krisai: Salzburg, Kapitelplatz mit St. Peter, 2013

Das ist nun schon der vierte Thriller um die Salzburger Ermittler Beatrice Kaspary und Florin Wenninger. Im vorhergehenden wurden die beiden ein Paar. Nun wurde es für die Autorin offenbar Zeit, die unerfreuliche Situation mit Beatrices Ex-Mann, dem Widerling Achim, einer Veränderung zuzuführen, denn wenn die Reaktionen einer Figur allzu vorhersehbar und gleichförmig werden, packt den Leser die Langeweile. Und das wäre doch der Tod eines Thrillers…

Mit Nebenfiguren wird aufgeräumt

Also räumt Poznanski mitten im Buch mit Achim auf. Nie wieder wird er der sein, der er war. Wie er allerdings werden wird, erfahren wir in diesem Roman noch nicht. Es muss ja einen Grund geben, den nächsten zu kaufen.

Ein ähnliches Schicksal ereilt in diesem Roman übrigens aus Beatrices ewig unzufriedenen Vorgesetzten. Er wird im nächsten Roman durch eine neue Figur ersetzt werden müssen.

Konfrontiert mit der eigenen Vergangenheit

Dieser Roman lässt sich zunächst eher mäßig spannend an. Ein gefinkelter Mörder, der Lust daran hat, mittels geschickt gestreuter Hinweise Beatrice mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren, treibt sein Unwesen. Man könnte sagen: Schön, dass er Personen aus dem Weg räumt, die Beatrice unsympathisch sind. So zum Beispiel diesen Markus Wallner, der als erstes dran glauben muss. Ein Ausbund an Widerlichkeit, charakterlicher Zwillingsbruder von Achim.

Die Vergangenheit, der sich Beatrice nun neuerlich stellen muss, gibt der Figur neue Facetten: Wir erfahren, dass Beatrice einst Lang hieß, in Wien studierte und mit einer reichlich arroganten, von sich bis zum Platzen überzeugten Kommilitonin in einer WG zusammenlebte, mit Evelyn. Ausgerechnet, als Beatrice, sonst eher ein Mauerblümchen, eine Nacht mit ihrem Angebeteten David Zimmermann verbringt, ruft Evelyn um drei Uhr früh an und fragt, ob Beatrice, von ihr „Hase“ genannt, sie von einer Party abholen könne. Beatrice lehnt ab.

Als sie am nächsten Tag zu Hause ankommt, entdeckt sie Evelyn in deren Zimmer: tot, grausam verstümmelt, in einem Blutbad.

Das war vor 16 Jahren. Seither macht Beatrice sich Vorwürfe, dass sie Evelyn nicht abgeholt hat. Dann wäre diese wohl nicht gestorben…

Aus „Hase“ wird Polizistin

Das grauenvolle Erlebnis wirft Beatrice völlig aus der Bahn, sie gibt ihr Studium auf, trennt sich von David und wird in Salzburg Polizistin.

Das ist allerdings eine erstaunliche Kehrtwendung für eine Person, die von ihrer Freundin als „Hase“ eingestuft wird. Eine Polizistin müsste doch wohl eher „Tiger“, „Wolf“ oder zumindest „Fuchs“ sein. Inzwischen ist Beatrice all das auch geworden. Man fragt sich, wie das möglich war. Ganz einfach: Evelyn hat Beatrice falsch eingeschätzt, sie war niemals bloß ein „Hase“.

Von diesem Spitznamen erfährt Beatrice erst im Lauf dieses Romans, als sie den einstigen Mord an Evelyn, der damals nicht aufgekärt wurde, sich nun als Ermittlerin vornimmt, um zugleich den alten und den neuen Fall zu lösen. Evelyn hat ein Tagebuch hinterlassen, das Beatrice nun lesen kann.

Spannung ab Seite 130

Für den Leser liegen die Fäden, die später verknüpft werden, hier noch so weit auseinander, sodass der Roman auch nicht richtig spannend werden will. Das ändert sich buchstäblich mit einem Schlag, als der Täter auf Seite 130 Beatrice selbst ins Visier nimmt.

Ab dieser Stelle wird nicht mehr nur aus Beatrices Sicht erzählt, sondern mehrheitlich aus der Sicht Florins, der beunruhigt ist, als Beatrice nicht am Fundort der Leiche einer besonders unsympathischen Person, die man als Leser schon lange kennt, eintrifft. Florin muss nun auch die Sorge für die beiden Kinder Beatrices übernehmen und will dies gemeinsam mit Achim machen, der sich allerdings nicht gerade kooperativ verhält. Nur – nicht mehr lange.

Die restlichen 280 Seiten des Romans sind so spannend, dass sie der Bezeichnung Thriller alle Ehre machen.

Auch wenn der Krimi in Salzburg spielt, ist er doch kein typischer Regionalkrimi, da Poznanski mit Salzburger Flair äußerst sparsam umgeht. Hie und da ein Hinweis, ein Schauplatz, das muss genügen.

Ausspracheprobleme

Mit dem Namen der Polizistin mühe ich mich schon seit dem ersten Roman ab: Wie spricht man Beatrice Kaspersky eigentlich aus? Es gibt da mindestens drei Möglichkeiten allein für den Vornamen: italienisch „Beatritsche“, französisch „Beatriiiß“ oder dessen eingedeutschte Version „Béatriß“. Letzterer gebe ich den Vorzug, denn dann klingt Béatriß Kaspérsky vom Rhythmus her genauso wie Ursula Poznanski. Außerdem enden beide Namen auf „-ski“ bzw. „-sky“. Das wird doch nicht ganz zufällig so sein.

Ursula Poznanski: Schatten. Thriller.Wunderlich im Rowohlt-Verlag, Reinbek, 2017. 413 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Salzburg, Kapitelplatz mit St. Peter, 2013. – Die goldene Kugel mit männlicher Figur darauf ist Teil des Kunstwerks „Sphaera“ von Stephan Balkenhol aus dem Jahr 2007. Die zugehörige weibliche Figur entdeckt man nur, wenn man weiß, wo sie sich befindet – jedenfalls nicht auf diesem Bild.

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Clemens M. Hutter: Christian Doppler. Der für die Menschheit bedeutendste Salzburger.

Christian Dopplers Geburtshaus in Salzburg. Foto: W. Krisai, 2017

In der Salzburger Dombuchhandlung kaufte ich mir diese Biographie über den bedeutenden Salzburger Christian Doppler.

Radar-Messung und Ultraschall-Untersuchung

Es ist jener Mann, der den Doppler-Effekt entdeckt hat. Hutter zeichnet das eher wenig ereignisreiche Leben dieses Mannes nach, ergänzt die Biographie aber mit historischen Hintergründen aller Art, die manchmal etwas weit hergeholt sind, und vor allem mit für Laien verständlichen Darstellungen all jener Aspekte von Physik und Technik, für die der Doppler-Effekt eine maßgebliche Rolle spielt. Dazu zählen etwas die Entfernungs- und Bewegungsmessung von Sternen und anderen Himmelsobjekten, die Radarfallen auf der Straße, das Radar überhaupt oder die Ultraschall-Untersuchungsmethode. Alles Bereiche, die im heutigen Leben eine große Rolle spielen. Hutter bezeichnet Doppler daher als den „für die Menschheit bedeutendsten Salzburger“.

Doppler wurde 1803 im Haus gegenüber dem Salzburger Landestheater geboren, an dem heute eine große Gedenktafel prangt. Sonst war die Stadt mit Ehrungen ziemlich sparsam, wenn auch in der jüngsten Zeit das Bewusstsein von der Bedeutung Dopplers allmählich steigt.

Ein Talent in Mathematik und Physik

Dopplers Eltern waren relativ wohlhabende Steinmetze. Es war bald klar, dass der schmächtige Christian sich nicht als Nachfolger des Vaters eignete, daher durfte er das Gymnasium besuchen und später studieren. Sein Talent auf dem Gebiet der Mathematik und Physik wurde bald erkannt, er hatte Förderer, die ihm Stellen zunächst als Gymnasiallehrer in Prag, später als Dozent und Professor an der Universität Wien verschafften.

Dopplers Pech war, dass seine Entdeckung im 19. Jahrhundert nicht auf fruchtbaren Boden fallen konnte, weil man technisch nicht in der Lage war, sie zu nützen.

Intrigen an der Uni

Seine Gegner auf der Uni behaupteten erfolgreich, der Doppler-Effekt sei ein Hirngespinst. Erst Albert Einstein stellte endgültig klar, dass Doppler recht gehabt habe und seine Entdeckung bahnbrechend gewesen sei. Da war Doppler jedoch schon mehr als 50 Jahre tot, denn er starb bereits 1853.

Das Buch ist kurzweilig zu lesen und äußerst interessant. Es rückt das Bild von Salzburg als der „Mozart-Stadt“ ein wenig zurecht, müsste man doch nun wohl mit gleichem Recht „Doppler-Stadt“ sagen.

Allen Spuren nachgegangen

Zahlreiche Illustrationen bereichern das Buch. Das geht bis zu einer Abbildung jener Elektrolok der „STEG“ (Salzburger Eisenbahn Transportlogistik GmbH), auf der Unterschrift und Porträt Dopplers prangen. Man sieht: Der Autor ist allen Spuren Dopplers nachgegangen.

Clemens M. Hutter: Christian Doppler. Der für die Menschheit bedeutendste Salzburger. Verlag Anton Pustet, Salzburg, 2017. 173 Seiten. Broschiert, fadengeheftet.

Foto: Christian Dopplers Geburtshaus in Salzburg. W. Krisai, 2017

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Schloss Ambras Innsbruck

Wolfgang Krisai: Schloss Ambras bei Innsbruck. Tuschestift, Buntstift, 2017.

Im Kunsthistorischen Museum kaufte ich mir ein schmales Bändchen zum Schloss Ambras in Innsbruck.

Das 68 Seiten dünne Werkchen liest sich gut und gibt einen schönen ersten Überblick über das, was einen bei der Besichtigung des Schlosses erwartet: Architektur, Gartenkunst, Kunstkammer-Objekte, Habsburger-Porträts, ein Glasmuseum und eine Ausstellung von Postmeisterporträts der Taxis-Bardogna.

Schloss Ambras Innsbruck. Hg. v. Sabine Haag. KHM-Museumsverband, o. J., 68 Seiten, zahlreiche Farbabb.

Bild: Wolfgang Krisai: Schloss Ambras bei Innsbruck. Tuschestift, Buntstift, 2017.

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Jaan Kross: Wikmans Zöglinge

Wolfgang Krisai: Zwei Gymnasiasten beim Zeichenunterricht. Ölkreide, ca. 1995.

Ein neuer Roman des estnischen Autors Jaan Kross (1920-2007)! Zehn Jahre nach seinem Tod und 30 Jahre, nachdem Kross ihn zu schreiben begann, endlich auf Deutsch. Da ich schon mehrere Romane von Kross mit Begeisterung gelesen habe, musste ich natürlich zuschlagen – und das Buch auch gleich lesen.

Autobiographisch

Das Wikmansche Gymnasium in Tallinn ist der Hauptschauplatz, der zu Beginn, im Jahr 1937, 17jährige Schüler Jaak Sirkel die Hauptfigur. Da dämmert dem Leser natürlich sehr schnell, dass es sich um einen autobiographischen Roman handeln könnte. Das Nachwort von Cornelius Hasselblatt bestätigt diese Vermutung.

Gymnasiastenroman

Man kann sich also mit Vergnügen in einen breit ausladenden Gymnasiastenroman vertiefen, der bestens unterhält und einen zunächst nicht unbedingt mit Tiefgang behelligt. Damals hatte jeder Lehrer und jede Lehrerin – in Wikmans Knabengymnasium gab es auch weibliche Lehrkärfte – nicht nur seinen bzw. ihren Spitznamen, sondern vor allem ausgeprägte Marotten, einen sehr individuellen Sprachduktus und natürlich die unterschiedlichsten „pädagogischen“ Methoden, eine Meute Siebzehnjähriger in Schach zu halten.

Einen guten Teil des „Amüsemangs“ bei der Lektüre bezieht man von der Fähigkeit des Schülers Penn, die Lehrer nachzuahmen. Und der Übersetzerin Irja Grönholm, diese kuriosen Akzente und Sprechweisen kongenial ins Deutsche zu übertragen.

Gleich zu Beginn erinnert Direktor Wikman, nach dem das Gymnasium benannt ist, an die hehren Ziele seiner Schule im noch nicht lange unabhängigen Estland: „‚Wir, die Esten, sind so wenige, dass das Ziel eines jeden Esten  oder zumindest eines jeden Wikmanschen Gymnasiasten – in der Onstärblichkeit liegen muss!‘“ (S. 12)

Schülerstreiche

Wenige Seiten weiter geht es schon um den ersten einer Reihe mehr oder weniger harmloser Schülerstreiche: Religionslehrer Tooder wird mit einer Ladung Magnesium, das im Papierkorb gezündet wird, fast geblendet. Der Schüler, dessen Aufgabe es war, den explodierenden Papierkorb dem Lehrer unter die Nase zu halten, wird vorläufig der Schule verwiesen: Juss Pukspuu. Im nächsten Schuljahr würde man ihn nur dann weiter das Gymnasium besuchen lassen, wenn er zu Schulbeginn in allen Fächern eine Prüfung über den versäumten Stoff ablege.

Allein schon die estnischen Namen haben ja ziemliches Heiterkeitspotential, muss ich sagen. Anfangs sind sie noch schwer zu merken, doch mit der Zeit bessert sich das.

Jaak, der Klassenprimus – es ist ja schon interessant und käme in der deutschen Literatur niemals vor, dass der Klassenprimus der Held eines großteils heiteren Schülerromans ist; Verachtung schulischer Leistung als „Strebertum“ scheint in Estland damals nicht aktuell gewesen zu sein –, Jaak also überlegt sich eine Lösung, wie man dem mit den bevorstehenden Prüfungen heillos überforderten Juss helfen könnte, und gewinnt seine Mitschüler dafür, den ebenfalls ausgezeichneten Klassenkollegen Riks Laasik dafür zu bezahlen, dass er Juss von nun an bis zur Prüfung Nachhilfestunden gebe. Die Bezahlung dient dazu, den Verdienstentgang auszugleichen, den Laasik durch die Stunden erleidet. Laasik ist Sohn einer mittellosen Witwe, die sich gemeinsam mit der ganzen Familie durch Besenbinderei über Wasser hält. Laasiks Freizeit ist also von früh bis spät mit Besenbinden ausgefüllt.

Liebesgeschichte

Juss und Laasik sind einverstanden, und die Stundengeberei grundiert den Großteil des Romans. Sie ist Voraussetzung dafür, dass Jaak Juss’ Zwillingsschwester Virve kennenlernt, als er Riks bei Pukspuus einführt. Sofort ist Jaak von Virve verzaubert, und damit beginnt eine der schönsten und traurigsten Liebesgeschichten, die ich je gelesen habe.

Was sich zunächst vielversprechend anlässt, gerät nämlich schnell in Turbulenzen. Nicht nur Jaak hat sich in Virve verguckt, sondern auch der an sich staubtrockene Riks, und Virve hält es anfangs geschickt in Schwebe, wem sie ihre Gunst gewährt. Schließlich aber gewinnt Jaak, und Virve trifft sich mit ihm in abgelegenen Cafés, denn ein Wikmanscher Gymnasiast dürfte keinesfalls in Mädchengesellschaft in der Stadt von einem Lehrer ertappt werden.

Riks bleibt dennoch eine ständige Quelle der Eifersucht, die Jaak befällt, weil Riks ja ständig um Virve herumscharwenzeln kann.

Das Abschlussjahr

Schließlich kommt der Beginn des nächsten, für Jaak und seine Mitschüler letzten Schuljahrs. Juss besteht die Prüfungen dank Riks’ Tutorium, geht aber aus Stolz trotzdem von der Schule ab. Direktor Wikman ist inzwischen gestorben und von Direktor Puhm, einer schwammigen, etwas langsamen, vom Bildungsministerium an die Schule strafversetzten Figur ersetzt.

Während Wikman eine Autorität war, die sogar den Siebtklässlern Respekt abnötigte, ist Puhm – bald nur noch „Duhm“, von „dumm“ abgeleitet, genannt – selbst Zielscheibe von Streichen und Frechheiten. Denn auch in der Achten Klasse reißen die Streiche nicht ab.

Schließlich gerät allerdings Riks bei der Ausführung eines Dienstes für die Mädchenschule (er soll die Lösungen der zuerst bei den Burschen, dann bei den Mädchen vom gleichen Professor abgehaltenen Mathematik-Arbeit eiligst zur Mädchenschule bringen, wo Virve ihn bereits erwartet) unter die Straßenbahn und erleidet einen Schädelbasisbruch. Mit knapper Not überlebt er.

In den Mühlen der Geschichte

Was man von der ersten Nennung des Jahres, mit dem der Roman beginnt, 1937, ahnt, tritt ein, als die Abschlussprüfungen überstanden sind und das Schüler-Dasein ein Ende hat: Die Weltgeschichte tritt mit brutalem Stiefel auf das kleine Estland. Historische Informationen, die Kross nur andeutet, weil er sie bei seinen estnischen LeserInnen wohl als bekannt voraussetzen konnte, werden im Nachwort beleuchtet. Das unabhängige Estland wird 1940 von der UdSSR aufgesogen, dann von den Deutschen überrollt, schließlich von den Russen zurückerobert.

Die Schüler des Wikmanschen Gymnasiums geraten in die Mühlen der Geschichte. Kross erzählt allerdings nur noch die wichtigsten Stationen der Liebesgeschichte zwischen Jaak und Virve fertig, damit der Leser nicht verzweifelt. Denn die Studienjahre Jaaks hat Kross in einem noch nicht ins Deutsche übersetzten Roman behandelt.

Während der deutschen Besatzung hat sich der Student Jaak, um sich der Einberufung zur Reichswehr zu entziehen, als unentbehrlicher Weichensteller am Tallinner Bahnhof anstellen lassen. Während dieser Zeit, fünf Jahre nach dem Abitur, trifft er Virve wieder. Riks ist Soldat der Roten Armee geworden und weit weg. Endlich kann sich die Liebe der beiden so richtig entfalten, auch wenn rundum Bomben fallen. Doch das Liebesglück währt nicht lange, denn Jaak wird von den Deutschen eingesperrt, da er anderen illegale Papiere verschafft hat.

Auf der Suche nach der Geliebten

Am Tag, als die Deutschen vor den Russen aus Tallinn abrücken, lassen sie die Gefangenen frei. Jaak schlägt sich zu den Pukspuus durch, in der Hoffnung, Virve zu treffen. Doch es ist nur ihre Mutter da. Sie vermutet, Virve sei in einem Sommerhäuschen am Meer. Jaak radelt hin, 80 Kilometer, doch das Sommerhäuschen ist leer. Also zurück. Inzwischen hat Jaaks Mutter einen Abschiedsbrief der Tochter entdeckt und lässt ihn Jaak lesen: Virve ist vor den Russen geflüchtet und hofft, nach Schweden zu gelangen. Sie hat sich damit bewusst gegen Jaak entschieden.

Mit den Russen ist auch Riks aufgetaucht. Auch er auf der Suche nach Virve. Nun sitzen beide enttäuschten Rivalen über Virves Brief… Die Zeitläufte haben ihre Liebe zerstört.

Motivische Klammer

Übrigens setzt Kross am Ende des Romans noch eine Klammer zum Beginn: Als Jaak Virve in dem Sommerhäuschen sucht, stößt er auf den Nachbarn, ausgerechnet jenen Religionslehrer Tooder, dem die Schüler durch ihren Magnesiumblitz „erleuchtet“ hatten. Er hat vor Jahren in einem Buch über Kirchengeschichte eine Passage über die Verfolgung von Priestern durch Stalin veröffentlicht und ist sich sicher, dass Stalin ihm deshalb an den Kragen will. Also vertraut er sich in einem Akt selbstmörderischen Gottvertrauens gemeinsam mit seinem achtjährigen Sohn einem kleinen Ruderboot an und fährt, Kirchenlieder singend, in die stürmische See hinaus. Jaak kann ihn nicht zurückhalten.

Jaan Kross: Wikmans Zöglinge. Roman. Aus dem Estnischen von Irja Grönholm. Mit einem Nachwort von Cornelius Hasselblatt. Osburg Verlag, Hamburg 2017. 573 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Zwei Gymnasiasten beim Zeichenunterricht. Ölkreide, ca. 1995.

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Stefan Zweig: Magellan. Der Mann und seine Tat

 

Wolfgang Krisai: Sistiana Mare, 2003. Tuschestift, wasservermalbare Kreiden.

Stefan Zweig zeichnet den Weltumsegler Magellan in seiner spannenden Biographie als einen tragischen Menschen, der zwar großartige Leistungen vollbringt, den Lohn dafür aber nicht einheimsen kann und sogar einem seiner Kontrahenten überlassen muss.

Für Portugal im Krieg

Zunächst ist Magellan, der 1480 in Portugal zur Welt gekommen ist, als Soldat und Matrose im Dienst seines Vaterlandes in Afrika und in Ostasien in Kriegshandlungen verwickelt. Dort lässt er einen Freund auf den Gewürzinseln zurück, der seinen Beruf an den Nagel gehängt hat und eine „Aussteiger“ geworden ist. Ihn möchte Magellan wiedersehen, wenn er von Osten herangesegelt kommt. Einen malaiischen Sklaven nimmt Magellan sich von Malaysia mit, der ihm auf seiner Weltumsegelung als Dolmetscher gute Dienste leistet, aber wegen Magellans frühem Tod ebenfalls unbelohnt bleibt.

Wechsel nach Spanien zu Karl V.

Da der portugiesische König auf Magellans weitere Dienste aber verzichten zu können glaubt, wendet sich dieser mit seiner faszinierenden Idee von der Weltumsegelung an den spanischen König, den späteren Kaiser Karl V., und wird dort überraschend wohlwollend empfangen. Karl übernimmt die Schirmherrschaft über die Expedition, Geld wird aufgetrieben, Magellan wird vom König persönlich unterstützt, gegen alle Widerstände kleingeisterischer Bremser, und so kann im Jahr 1518/19 eine kleine Flotte von fünf Schiffen ausgerüstet und bemannt werden, mit der Magellan am 10. August 1519 von Sevilla losfährt.

Meuterei

Er hat einer leider falschen Karte von Südamerika entnommen, dass dort, wo in Wirklichkeit der Rio de La Plata mündet, eine Durchfahrt zum Pazifik sei. Als die Schiffe nun dort ankommen, erweist sich die riesige Bucht als Mündungstrichter eines Flusses.

Magellan, eine Einzelgänger mit finsterer Miene und eisernem Willen, lässt nach Süden steuern, in den immer kälteren Winter 1520 hinein. Man muss schließlich in einer menschenleeren Bucht weit im Süden überwintern. Da meutern die spanischen Kapitäne der Begleitschiffe Magellans. Doch mit Entschlossenheit und Kühnheit kann Magellan die Meuterei niederschlagen. Da er, wenn er alle Meuterer hinrichtet, keine ausreichend große Mannschaft mehr hätte, begnügt er sich mit der Hinrichtung des Rädelsführers und der Aussetzung zweier weiterer führender Köpfe.

Auf der Suche nach einem Durchlass zum Pazifik

Am 25. Oktober 1520 fahren die Schiffe schließlich in jene Meerenge ein, die später die Magellanstraße genannt wurde. Kurz vor Erreichen des Pazifik (den Magellan so benannte, weil er damals ein ruhiges Meer war), segelt ihm noch sein größtes Schiff davon und zurück nach Spanien. Diesen Deserteuren wird schließlich kein Prozess gemacht, da der Mann, der sie wohl anklagen würde, tot ist. Ein anderes der Schiffe ist inzwischen an den Klippen zerschellt.

Am 28. November erreichten die verbliebenen drei Schiffe den Pazifik. Dann beginnen mehr als hundert Tage Querung des riesigen Meeres, dessen Größe Magellan wie seine Zeitgenossen viel zu gering eingeschätzt hat. Die Mannschaften verhungern fast.

Tödliche Überheblichkeit

Schließlich erreichten sie die heutigen Philippinen. Magellan gelingt es, mit einem dortigen Fürsten friedlich ins Geschäft zu kommen. Die Ureinwohner lassen sich sogar scharenweise taufen.

Doch dann leistet sich Magellan einen tödlichen Fehler: Um dem Fürsten seine militärische Stärke zu beweisen, will er die spanische Übermacht in einem kleinen Krieg gegen einen unbotmäßigen Stammesfürsten auf einer winzigen Insel demonstrieren. Die philippinischen Freunde sollen beim Kampf nur zusehen. Doch statt leichten Spiels erweist sich der Kampf wegen schwieriger Bedingungen an der Küste als aussichtslos, die Spanier flüchten, und Magellan wird niedergemetzelt.

Das Schicksal der Übrigen

Damit ist das Prestige der Spanier bei den philippinischen Fürsten sofort im Keller. Die übrig gebliebenen Kapitäne und Matrosen müssen sich erst neu organisieren, was nicht ohne Chaos abgeht. Schließlich werden die Kapitäne und einige Matrosen in eine Falle gelockt und umgebracht.

Die drei spanischen Schiffe ergreifen die Flucht. Eines schlägt Leck und wird versenkt. Schließlich erreichen die beiden verbliebenen Schiffe die Gewürzinseln, die Molukken, wo Magellan schon einmal war. Als man, nachdem man Tonnen von Gewürzen gekauft und geladen hat, losfahren will, erweist sich das größere der beiden Schiffe, die „Trinidad“, als nicht mehr seetüchtig. Man lässt Schiff und Mannschaft zur Reparatur zurück. Die Trinidad segelt später in den Pazifik zurück und verschwindet spurlos.

Übrig bleibt die „Victoria“, die um Afrika herum nach Spanien zurücksegelt, und zwar ohne in Afrika zu landen, da dort nur portugiesische, also feindliche Stützpunkte sind. Mit letzter Kraft erreichen Schiff und ein Rest der Mannschaft am 8. September 1522 Sevilla: Die Weltumsegelung ist gelungen. Magellan hat bewiesen, dass alle Weltmeere zusammenhängen und man rund um die Weltkugel segeln kann. Ein Nebeneffekt, der erst jetzt auffällt: Man gewinnt, wenn immer nach Westen fährt, einen Tag.

Den Ruhm erntet der Falsche

Den Ruhm der Weltumsegelung erntet derjenige, den das Wegsterben der anderen zum Kapitän der Victoria gemacht hat: Sebastian del Cano. Da er selbst einst unter den Meuterern war, hat er kein Interesse, die vor einem Jahr zurückgekehrte Mannschaft des Schiffes, das desertiert ist, vor Gericht zu bringen. Im Gegenteil: Vielleicht hat die Vernichtung sämtlicher Bordtagebücher der Expedition ihren Grund darin, dass Dokumente, in denen die Meuterei aufgezeichnet war, verschwinden sollten.

Nur der italienische Reisechronist Pigafetta hat einen zusammenfassenden Reisebericht hinterlassen – vermutlich auf der Basis eines tagtäglich weitergeführten Tagebuchs, das verschwunden ist. Doch darin ist von der Meuterei nichts zu lesen.

Die Lektüre dieses – wie von Zweig gewohnt – sehr flüssig geschriebenen Buchs ist so fesselnd, dass man kaum aufhören kann. Meine Ausgabe bietet einige Illustrationen, so wie übrigens auch die derzeit erhältliche Fischer-Taschenbuch-Ausgabe.

Stefan Zweig: Magellan. Der Mann und seine Tat. S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1953. Erstausgabe: Reichner, Wien, 1938. 334 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Sistiana Mare, 2003. Tuschestift, wasservermalbare Kreiden. – Das ist zwar nur ein Blick auf die Adria und nicht auf den Pazifik, aber immerhin: Meer.

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Theodor Fontane: Jenseit des Tweed. Bilder und Briefe aus Schottland

Wolfgang Krisai: Iona Abbey. Schwarze und weiße Kreide auf grauem Papier. 1992.

Mit dem Aufbau-Verlag verbinde ich: Gesamtausgaben. Noch zu DDR-Zeiten kauften sich „arme Studenten“ wie ich die im Westen um einen Pappenstiel zu habenden Ausgaben der „Bibliothek deutscher Klassiker“, doch auch nach der Wende und allerlei Turbulenzen, die das Flaggschiff der DDR-Verlagskultur erfassten, brachte Aufbau vor allem in den Neunziger Jahren schöne und gediegen gestaltete Gesamtausgaben heraus, etwa eine Dostojewski- oder eine Turgenjew-Ausgabe, auf dem Gebiet der deutschen Literatur eine Egon-Erwin-Kisch-Ausgabe oder eine E. T. A. Hoffmann-Ausgabe. All das ist Schnee von gestern und fast alles längst vergriffen.

„Große Brandenburger Ausgabe“

Das verlegerisch anspruchsvollste Vorhaben der damaligen Verlagsepoche war aber die „Große Brandenburger Ausgabe“ (GBA) der Sämtlichen Werke Theodor Fontanes. Wie es bei solchen Editionen normal ist, zieht sich ihr Erscheinen länger hin, als zunächst projektiert. Ich habe noch einen Verlagsprospekt dieser Ausgabe von 1994, in dessen „vorläufigem Editionsplan“ die „Reisebücher und Reiseberichte in 5 Bänden“ mit Erscheinungsdatum „ab 1999“ angegeben sind. Man ließ sich in weiser Voraussicht offen, wie lange das Projekt dauern werde.

Die maßgebliche Ausgabe

Jetzt, 2016, ist wieder ein Band erschienen, eben einer dieser Reiseberichte: „Jenseit des Tweed. Bilder und Briefe aus Schottland.“ Nach der Lektüre kann ich sagen: Dies ist die Edition, in der man Fontanes Schottland-Reisebericht in Hinkunft lesen muss. – Warum?

Da ist zunächst die hervorragende gestalterische und buchbinderische Qualität des Bandes, die von der GBA-Edition sozusagen vorgegeben ist. Sogar der Schutzumschlag ist ganz im Stil der ersten GBA-Bände gehalten, wenn auch im Vergleich zu den Anfängen das neue Verlagssignet sich als stilistisch störendes Element auf die Titelseite gedrängt hat.

Der Kommentarteil

Zweitens: Wer das Buch lesen will, sollte eigentlich zuerst mit dem unglaublich genauen Kommentarteil beginnen, sich zumindest einen Überblick verschaffen, was dieser alles zu bieten hat. Da bleiben nämlich wirklich keine Wünsche offen:

Man erfährt die Entstehungsgeschichte des Buches, dem eine Reise zugrunde liegt, die Fontane vom 10. bis zum 24. August 1858 gemeinsam mit seinem Freund Bernhard von Lepel unternommen hat. Aus Geldmangel nicht realisierte Reisepläne werden geschildert, der Reisebegleiter vorgestellt, dann die Mühen der Abfassung des Berichts, die Quellen, die Fontane herangezogen hat, die Druckgeschichte in Zeitungen (wo das ganze Buch schon vorweg kapitelweise veröffentlicht wurde) und in Buchform (der Erstdruck erschien 1860 im Verlag von Julius Springer, Berlin), die Rezeption im In- und Ausland und natürlich alles Wichtige über die vorliegende Edition behandelt.

Keine Frage bleibt offen

Den Hauptteil des Kommentars nimmt der Stellenkommentar ein, der mich sehr positiv überrascht hat. Mit Stellenkommentaren anspruchsvoller Ausgaben ist es ja so eine Sache: Ausgerechnet jene Informationen, die man als interessierter Leser bräuchte, stehen meist nicht drin. Hier ist das nicht so. Von einfachen Worterklärungen (ich wusste z. B. nicht, was eine „Tabagie“ ist) bis zu Richtigstellungen Fontane’scher Ungenauigkeiten (derer es sehr viele gibt), von geographischen zu biographischen Informationen über alle vorkommenden Örtlich- und Persönlichkeiten bleibt nichts unerklärt.

Bemerkenswert ist auch das Personenregister, das mit Kurzbiographien der eingetragenen Personen aufwartet.

Das einzige, was mir gefehlt hat, ist eine genauere Landkarte dieser Reise (eine ganz einfache Überblickskarte ist auf Seite 277 zu finden). Möglicherweise rechnet der Verlag damit, dass ein moderner Leser ohnehin genau das tun wird, was ich tat: die Reise mit Google Maps zu verfolgen und von dort aus auch die Fotos der Sehenswürdigkeiten und Landschaften aufzurufen. Auch heute sind die Reiseziele Fontane noch Touristenmagneten und bestens erhalten.

15 Tage Reise – 260 Seiten Reisebericht

Schöpferische Arbeit bedeutet, aus „nichts“ etwas Großes zu machen. Im Falle Fontanes: aus 15 Tagen Reise ein 260 Seiten langes Buch.

Fontane muss schon an Ort und Stelle eifrigst Notizen gemacht haben. Die Herausgeber vermuten das jedenfalls, auch wenn kein Notizbuch erhalten geblieben ist. Darüber hinaus aber hat Fontane einige Quellen herangezogen, aus denen er zum Teil große Passagen abschrieb oder nacherzählte, ohne sie anzugeben, wenn es sich nicht gerade um Shakespeares „Macbeth“ oder ein Werk des verehrten Sir Walter Scott handelte. Diese Praxis war übrigens damals, belehrt der Kommentar, durchaus gängig. Fontane war da nicht immer ganz korrekt, im Kommentar werden die Fehler alle nachgewiesen. In der das Werk abschließenden schottischen Geschichtstabelle leistete sich Fontane übrigens besonders viele Fehler.

Das Buch ist also eine Mischung aus Schilderung persönlichen Erlebens, Sammlung interessanter Anekdoten und historischer Geschichten und Beschreibungen von Landschaften, Seen, Klöstern, Schlössern, Schlachtfeldern und Unterkünften.

Bahnfahrt in der Holzklasse

Nach einem kurzen Text an seinen Freund und Reisebegleiter Bernhard von Lepel beginnt Fontane mit einer witzigen Schilderung der nächtlichen Eisenbahnfahrt von London nach Edinburgh, die er mangels üppigen Reisebudgets in der billigsten Klasse machen musste. Statt aber in Edinburgh gerädert in ein Hotelbett zu sinken, beginnt er, kaum dass er sein Hotelzimmer bezogen hat, mit der Erkundung der Stadt. Gut vorbereitet, wie er offensichtlich war, findet er sofort die wichtigen Straßen und Plätze samt den an ihnen gelegenen Gebäuden.

Geschichte wird lebendig

Zu vielen erzählt er interessante Histörchen, wie sie vor Ort ein Führer zum besten geben würde. In der schottischen Geschichte und deren Darstellung in der Literatur, vor allem Walter Scotts, kennt Fontane sich sehr, sehr gut aus. Das macht mir größte Lust, selbst auch einmal Walter Scott zu lesen…

Ich war noch nie in Schottland, durch Fontanes Reisebericht steht mir nun aber dieses Land, zumindest in der Version von 1858, sehr deutlich vor Augen. Denn eins beherrscht der Autor: die lebendige und anschauliche Darstellung. Das macht die Lektüre zu einem Vergnügen.

Mit Fontane rauscht man von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit: Holyrood Palace, Edinburgh Castle und die Altstadt von Edinburgh nehmen die ersten 80 Seiten ein. Dann folgen das Schloss von Linlithgow, ein Ausflug nach Stirling und Loch Kathrine, dem Schauplatz von Scotts Verdichtung „The Lady of the Lake“ (deren Inhalt Fontane für den unwissenden Leser zusammenfasst), weiters Perth und die abenteuerliche Kutschfahrt nach Inverness.

Mit der Kutsche durchs schottische Hochland

Verkehrshistorisch ist das eine der spannendsten Stellen des Buchs: Von Perth fährt die Postkutsche um 11 Uhr vormittags ab. Fontane sitzt mit seinem Reisegefährten nicht im – teuren – Inneren der Kutsche, sondern auf einer der hinten oben im Freien befindlichen Bänke, die mit Fahrgästen dermaßen überfüllt sind, dass die am Rand sitzenden nur mehr mit der Hälfte ihres Gesäßes auf der Bank, mit der anderen in der Luft sitzen. Da diese Sitzweise nicht nur unbequem, sondern Kräfte zehrend ist, wechselt man sich ab, damit keiner von der Kutsche fällt. Solchermaßen überbesetzt rumpelt die vierspännige Kutsche durch die einsamsten Gegenden der schottischen Highlands in die Abenddämmerung hinein. Auch wenn sicher keine Straßenbeleuchtung vorhanden war, lässt sich das Gefährt durch die Dunkelheit nicht beeinträchtigen, sodass man schließlich um drei in der Nacht ziemlich durchgefroren die Stadt Inverness erreicht, wo man vor dem Union Hotel absteigt. Hier nun muss Fontane zugeben: „Die Strapazen am Tage vorher hatten uns einen langen und festen Schlaf eingetragen. Die Frühstücksstunde war längst vorüber, als wir im großen Speisesaal des Union-Hotels zu Inverneß erschienen, um unser Breakfast einzunehmen.“ (S. 164)

Schlachtfeld-Tourismus

In der Nähe von Inverness liegt das Schlachtfeld Culloden Moor. Eine Eigenheit damaligen Reisens, wohl nicht nur Fontanes, war es, Schlachtfelder zu besichtigen. Hier verlor „Bonnie Prince Charlie“ mit seinen Schottischen Mannen eine kurze, aber heftige Schlacht gegen die Engländer. Fontane schildert das Geschehen ausführlich.

Naturwunder und uralte Ruinen

Die Weiterreise erfolgt per Schiff den Kaledonischen Kanal hinab an die Westküste, wo Fontane dann einen Ausflugsdampfer besteigt (ein verdienstvoller Mr. Hutchinson hat das Gebiet mit seiner Flotte von Dampfern touristisch erschlossen) und zu den Inseln Staffa und Iona einen Tagesausflug macht. Staffa beeindruckt durch seine riesigen Brandungshöhlen im Basaltgestein, Iona hingegen durch die Ruinen seiner großen klösterlichen Vergangenheit, liegt hier doch die Wiege der anglo-irischen Christianisierung durch den heiligen Columban (im Register steht: „St. Columba (auch: Colum Cille, im Text: ‚Columban‘, geb. um 521, gest. 597); irischer Mönch u. Ordensgründer; ab 563 Missionar der Pikten; gründete ein Kloster auf der Insel Iona“ (S. 529)).

Schamlose Ausbeutung des Touristen

Mit knapper Not und nachdem ihm seine Zimmervermieterin einen horrenden Preis abgepresst hat (für den man lt. Kommentar in Edinburgh in einem Luxushotel hätte übernachten können) erreichen die beiden Reisegefährten am nächsten Morgen den Dampfer Richtung Glasgow. Diese Stadt wird allerdings nicht besichtigt, sondern der nördlich davon liegende Loch Lomond, der schönste See Schottlands.

Sir Walter Scotts Alterssitz

Per Bahn geht’s dann zurück nach Edinburgh, von wo aus noch zwei letzte Ziele angesteuert werden: Melrose Abbey, eine beeindruckende Klosterruine, und – krönender Abschluss für den Sir-Walter-Scott-Fan Theodor Fontane – Abbotsford: Scotts romantischer Alterssitz. Auch wenn Fontane mit der eklektizistischen Bauweise des Schlösschens nicht ganz zufrieden ist, so bedeutet es ihm doch sehr viel, hier in den Spuren des verehrten Meisters zu wandeln.

Damit schließt das Buch. Die Rückreise zu beschreiben erübrigt sich, sie wird der Hinfahrt geähnelt haben.

Fontane über die Schulter schauen

Fazit: Wer Schottland kennt, wird diesen Reisebericht genießen, wer es, wie ich, nicht kennt, Lust auf eine Reise dorthin bekommen. Zudem bietet diese kommentierte Ausgabe die Möglichkeit, Fontane gleichsam über die Schulter zu schauen und Entstehung und Wirkung des Reisebuchs mitzuverfolgen und damit die Leistung Fontanes richtig einzuschätzen.

Theodor Fontane: Jenseit des Tweed. Bilder und Briefe aus Schottland. Hg. v. Maren Ermisch i. Zusammenarbeit m. d. Theodor Fontane-Arbeitsstelle, Universität Göttingen. Große Brandenburger Ausgabe; Das reiseliterarische Werk, Band 2. Aufbau-Verlag, Berlin, 2016. 564 Seiten, davon Text bis Seite 260.

Bild: Wolfgang Krisai: Iona Abbey. Schwarze und weiße Kreide auf grauem Papier. 1992.

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