Wolfgang Krisai: Manhattan vom Roosevelt-Island aus. Tuschestift, Buntstift. 2016.

Nach meinem New-York-Aufenthalt im Sommer 2016 kaufte ich mir diesen schönen Bildband über die Hochhäuser der Stadt.

Hochhäuser in Downtown und Midtown

Nach einer kurzen Einführung in die Entwicklung des Hochhausbaus in New York und Chicago, wo die ersten Hochhäuser gebaut wurden, folgt die Beschreibung der wichtigsten Bauten. Im ersten Drittel des Buches werden die Wolkenkratzer im Süden Manhattans betrachtet, wo übrigens sowohl die zerstörten Twin Towers wie auch die Neubebauung des World-Trade-Center-Areals vorgestellt werden.

Die nächsten zwei Drittel widmen sich den Hochhäusern in Midtown. Andere Hochhäuser, etwa in Brooklyn, werden nicht behandelt.

Ganz am Ende gibt es noch eine Doppelseite mit den spektakulärsten Hochhausprojekten der nächsten Jahre.

Dirk Stichweh überfrachtet seine Darstellung nicht mit technischen Details, sondern beschreibt die Aspekte der Bauten, die den Laien interessieren: die epochentypische oder -untypisch Gestalt, die Position im Ranking der höchsten, größten, teuersten oder aufregendsten Bauwerke, eventuelle baurechtliche Probleme, die Nutzung und – vor allem bei den neuesten Bauten wichtig – Fragen der Energieeffizienz und ökologischen Verträglichkeit.

Prächtige Fotos

Flächenmäßig wesentlich umfangreicher als der Text sind die prächtigen Fotos, die die einzelnen Bauten und gelegentlich als eingestreute Doppelseiten ganze Ensembles zeigen. Vorwiegend sieht man Außenansichten, manchmal Details aus dem Inneren. Erfreulicher Weise erheben die Fotos keinen selbstständigen künstlerischen Anspruch, sondern ordnen sich dem Zweck des Buches unter. Also keine großflächigen, monotonen Detailaufnahmen, sondern Gesamtansichten, soweit es bei der Dichte der Bebauung Manhattans überhaupt möglich ist, einen Wolkenkratzer ganz zu sehen. Viele der Bilder dürften auch aus dem Hubschrauber aufgenommen worden sein.

Dirk Stichweh (Text), Jörg Machirus, Scott Murphy (Fotos): NY Skyscrapers. Über den Dächern von New York City. Prestel-Verlag, München, London, New York, 2016. 190 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Manhattan vom Roosevelt-Island aus. Tuschestift, Buntstift. 2016.

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Brigitte Riebe: Die schöne Philippine Welserin. Historischer Roman

Wolfgang Krisai: Philippine Welser, Skizze nach einem Gemälde von 1557 auf Schloss Ambras. Bleistift, 2017.Ich las Brigitte Riebes historischen Roman über Philippine Welser als Vorbereitung auf die Ausstellung über Erzherzog Ferdinand II. von Tirol auf Schloss Ambras (15. Juni bis 8. Oktober 2017).

Tochter der zweitreichsten Handelsdynastie Deutschlands

Philippine ist ein Spross der zweitreichsten Handelsdynastie Deutschlands nach den Fuggern, der Welser. Berühmt wurde sie durch ihre geheime Ehe mit Erzherzog Ferdinand II. von Tirol.

Die Autorin behandelt Philippines Leben von der Jugend, wo sie Ferdinand kennengelernt hat, bis zu ihrem Tod 1580. Die Darstellung wechselt zwischen auktorial erzählten Kapiteln und Ausschnitten aus dem fiktiven Tagebuch der Heldin. Dabei wird kein Versuch gemacht, die Sprache etwa irgendwie historisierend zu gestalten, aber die Autorin verfällt auch nicht ins andere Extrem einer zu großen Verheutigung.

Eine kräuterkundige Frau

Die Großkapitel (die meist ein, zwei auktoriale und ein Tagebuch-Kapitel enthalten) sind nach Heilpflanzen benannt, zu denen jeweils eine Darstellung und eine Auflistung der guten und gefährlichen Eigenschaften der Pflanze beigestellt sind. Das kommt nicht von ungefähr, denn Philippine ist eine große Kräuterkundlerin und Medizinerin, ein Faktum, das historisch belegt ist. Im Roman lernt sie das alles von ihrer ebenso kundigen Mutter Anna, die sich mit der Kräuterkunde über ihre unglückliche Ehe hinwegtröstet.

Ehe gegen den Willen des Kaisers

Philippines Ehe mit Ferdinand hingegen ist zum Großteil glücklich. 1557 schließen die beiden eine geheime Ehe, gegen den Willen des Vaters Ferdinands, Kaiser Ferdinands I.. Als dieser von der Sache erfährt, muss er sich wohl oder übel dem Willen des Sohnes beugen, denn die Ehe ist nicht mehr rückgängig zu machen. Der Kaiser bestimmt aber, dass Ferdinands Kinder aus dieser Ehe von der Erbfolge der Habsburger ausgeschlossen werden. Immerhin aber werden sie gut versorgt.

„Findelkinder“

Zunächst lebt Philippine auf einem Schloss Pürglitz bei Prag, da Ferdinand Statthalter von Böhmen ist. So oft es geht, kommt er Philippine besuchen. Diese ist über die große Liebe ihres Mannes glücklich, wenn auch nicht darüber, dass sie vor der „Welt“ bloß als dessen Konkubine und ihre Söhne Andreas und Karl als „Findelkinder“ gelten. Die Kinder werden nämlich gemäß eines damals üblichen Ritus geheim zur Welt gebracht, dann wie Findelkinder vor das Schlosstor gelegt, „gefunden“ und der Schlossherrin in die Obhut gegeben.

„Mutter Tirols“

Ab 1567 wohnt Philippine auf Schloss Ambras bei Innsbruck, da Ferdinand inzwischen Herzog von Tirol geworden ist. In Tirol erwirbt Philippine sich durch ihre medizinischen Kenntnisse, die sie zum Wohl der Bevölkerung einsetzt, bald einen guten Ruf als die „Mutter Tirols“.

Erst 1576 dürfen die Eheleute sich öffentlich zu ihrer Ehe bekennen, da der Papst Ferdinand von seinem Schweigegelübde entbindet.

Insgeheim bereitet Ferdinand zu dieser Zeit jedoch schon eine weitere, dynastisch passende Ehe mit seiner Nichte aus Mantua vor, was Philippine im Roman herausfindet und resigniert mitverfolgt, indem sie Ferdinands Briefe liest.

Versuche, Philippine zu vergiften

Den ganzen Roman durchzieht das Kräuter-Thema, nicht nur positiv, sondern vor allem auch negativ, denn Philippine ist fortwährend der Gefahr ausgesetzt, vergiftet zu werden. Das beginnt schon auf Brednitz, dem Schloss ihrer Tante Katharina, wo die Hochzeit geschlossen wird. Schon davor will sie eine Dienstmagd – offensichtlich in höherem Auftrag – vergiften, wird aber ertappt und eingesperrt. Doch kurz darauf ist sie für immer verschwunden.

Eine Kammerfrau, der Philippine vollstes Vertrauen geschenkt hat, erweist sich ebenfalls als Giftmischerin. Und zuletzt versucht es noch eine Schwägerin, die lebenslustige, aber bankrotte Eva, doch dieses leicht durchschaubare Vorhaben kann Philippine rechtzeitig aufdecken.

Durch diese kriminelle Seite der Handlung bekommt der Roman seine Würze.

In einem Anhang erläutert die Autorin, inwieweit ihr Roman historisch „wahr“ ist.

Seltsamer Weise wird der Roman auf dem Umschlag als „historischer Kriminalroman“, auf dem Innentitel jedoch als „historischer Roman“ bezeichnet. Die Ambivalenz kommt wohl von der recht schwachen Ausprägung der Krimi-Handlung.

Brigitte Riebe: Die schöne Philippine Welserin. Historischer Roman. Gmeiner-Verlag, Maßkirch, 2013. 337 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Philippine Welser, Skizze nach einem Gemälde von 1557 auf Schloss Ambras. Bleistift, 2017.

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Fritz Habeck: Der Kampf um die Barbacane. Jugendroman

Die Barbacane des Schlosses Pöggstall in Niederösterreich.

In einem „offenen Bücherregal“ in Mödling entdeckte ich den Jugendroman „Der Kampf um die Barbacane“ von Fritz Habeck. Begann ihn gleich zu lesen und las ihn in einem Zug fertig. Ein schöner Lese-Sonntag war das.

Was ist eine Barbacane?

Seit wir einmal in Pöggstall waren, weiß ich auch, was eine Barbacane ist: ein wuchtiger, niedriger Torturm, fast schon eine runde Bastion.

Zu Zeit der 2. Wiener Türkenbelagerung (1683)

In Habecks Roman, der in Niederösterreich zur Zeit der Zweiten Wiener Türkenbelagerung spielt, geht es um die Barbacane der Burg Raipoltenbach beim Lembach (heute: Neulengbach).

Der vierzehnjährige Held des Romans, Andreas, tappt zu Beginn des Romans gleich in eine Falle, indem er einem hässlichen Unbekannten wichtige Informationen über die Burg verrät. Der Unbekannte ist der Räuberhauptmann Fetz, dem die Türken Nase und Ohren abgeschnitten haben.

Systematisch ausgeraubt

Noch in derselben Nacht brennt plötzlich der vor der Burg gelegene Meierhof, und als er gelöscht ist, stellt sich heraus, dass der Brand nur ein Ablenkungsmanöver war: Die Burg wurde hinter dem Rücken der Löschenden systematisch ausgeraubt…

An die Gefahr einheimischer Räuberbanden hatte niemand gedacht, denn die Gefahr, vor der sich im Jahre 1683 alle fürchten, sind die umherziehenden Tatarenhorden und die Türken, die auf Wien vorrücken.

Nach Wien durchgebrannt

Andreas geht in Wien ins Gymnasium, wird von diesem aber wegen Faulheit verwiesen. Er will kein Gelehrter, sondern Maler werden. Davon will aber seine verwitwete Mutter nichts wissen. Sein Vater war ein Feinmechaniker, der vor Jahren mit einem mechanischen Frosch Furore gemacht und damit einen Gönner, den Grafen Alram, gewonnen hat. Dieser lebt zur Zeit in Wien, und Andreas brennt von zu Hause durch, um beim Grafen Unterstützung für seine künstlerische Zukunft zu erbitten.

Andreas kommt allerdings zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt in Wien an, nämlich als gerade die Türken die Stadt einschließen. Der Graf hat daher kein Ohr für die Wünsche des Burschen, nimmt ihn aber zumindest, da man aus der Stadt nicht mehr herauskann, unter seine Obhut. Sein Diener, der alte Soldat Michel, betreut auch Andreas.

Dessen Mutter will eigentlich nach Wien nachkommen, wie sie in einem Brief schreibt, doch ihr Schicksal ist nun völlig ungewiss.

Der Anfang der Türkenbelagerung

Der Leser erlebt nun den Anfang der Türkenbelagerung mit. Da bricht ein Brand im Schottenstift aus, das gleich neben einem großen Pulverlager liegt. Man kann mit Müh und Not verhindern, dass dieses in die Luft fliegt. Das Volk sucht einen Schuldigen und findet ihn in der Person des „Barons Zwiefel“, eines wunderlichen Menschen, der die Dummheit begeht, mit einer Pistole ins Feuer zu schießen. Bald darauf wird er gelyncht. (Das ist, wie der gesamte Hintergrund der Handlung, historische Tatsache.)

Andreas ist begierig, von den Kampfhandlungen an den Basteien etwas mitzubekommen. Also steigt er aufs Dach des Hauses, von wo aus er zur Burgbastei und aufs Glacis sehen kann, wo die Türken ihre Schützengräben gegraben haben.

Durch den Belagerungsring schleichen

Als der Graf ihm erzählt, er wolle durch eine besonders mutige Tat sein ihm entzogenes Regiment wiedergewinnen, sieht auch Andreas seine Chance. Der Graf will nämlich als Geheimkurier durch den Belagerungsring schleichen und eine Botschaft an den Grafen Leslie, der in Stein bei Krems das Entsatzheer sammelt und die Donaubrücke bewacht, übermitteln.

Auch Andreas will aus der Stadt ausbrechen, allerdings nur, um seine Mutter zu finden.

Des Nachts schleicht er also tatsächlich davon, gelangt vor die Tore der Stadt, schlägt sich bis in den Wienerwald durch – und fällt, unvorsichtig geworden, dort einem Tatarentrupp in die Hand. Gemeinsam mit einem anderen Gefangenen liegt er gefesselt in einem Zelt, kann sich aber befreien, seinen Leidensgenossen ebenfalls, und schon sind beide entwischt.

Alle Orte um Wien sind inzwischen verlassen, mit Ausnahme weniger Burgen, in die sich Teile der Bevölkerung geflüchtet haben. Menschen, die sich ergeben haben wie die Bewohner Perchtoldsdorfs, wurden entgegen den Versprechungen der Tataren brutal niedergemetzelt.

Ein mutiger Cembalist

Als Andreas in eine verlassene Burg kommt, hört er dort plötzlich Cembalospiel. Der Cembalist ist zu seinem größten Erstaunen niemand anderer als Graf Alram, der gemeinsam mit Michel auf dem Weg nach Stein ist. Der Graf versteckt sich nicht, sondern vertraut darauf, dass er im Ernstfall die Tataren schon in die Flucht schlagen werde. So ist es auch, als ein kleiner Trupp vor der Burg erscheint.

Für die Weiterreise schließt sich Andreas dem Grafen an, sie erbeuten drei Pferde von einem Tatarentrupp und reiten mit diesen weiter.

Als eine Gräfin samt Kammerzofe die Hilfe des Grafen erbittet, nehmen sie die beiden Damen mit, denn der Graf ist natürlich ein vollendeter Kavalier.

Die Tasche des Toten

Andreas hat er angewiesen, im Falle seines Todes die Tasche mit der Botschaft zu nehmen und sicher nach Stein zu bringen. Als nun bei einem Überfall von Tataren der Graf vom Pferd stürzt und leblos liegen bleibt, glaubt Andreas ihn tot, nimmt die Tasche und rast davon.

Tatsächlich kann er sich bis Stein durchschlagen, die Botschaft überbringen und damit die Gunst des Grafen Leslie erringen.

Die Räuber und der Graf

Es hält ihn nur kurz in Stein, denn er will unbedingt seine Mutter wiederfinden, daher macht er sich davon in Richtung Lempach. Er erreicht Burg Raipoltenbach, wo anscheinend niemand mehr ist. Als er durchs Tor geht, wird er plötzlich überwältigt und steht dem Räuberhauptmann Fetz gegenüber. Dieser hat sich mit seiner zehnköpfigen Räuberband in der Burg, genauer: in der Barbacane, eingenistet. Bald stellt sich heraus, dass die Räuber im Hauptgebäude der Burg Leute in Schach halten: ausgerechnet den Grafen Alram, Michel, den Arzt Voytt und einen Jesuitenpater. Auch der Schmied der Burg und ein Bauer werden von den Räubern hier festgehalten. Andreas gelingt es, zum Grafen in das Haupthaus der Burg zu flüchten.

Gemeinsam gegen die Tataren

Die Räuber und der Graf und seine Leute stehen einander als feindliche Parteien gegenüber, doch als plötzlich eine Tatarenhorde vor den Mauern der Burg erscheint, haben beide Parteien einen gemeinsamen Feind. Sie arrangieren sich, der Graf übernimmt den Oberbefehl und organisiert mit den bescheidenen Mitteln, die die Burg zu bieten hat, die erfolgreiche Verteidigung.

Dieser schwierige Kampf um die Burg, der sich nach Erfolgen der von regulären türkischen Einheiten verstärkten Tataren auf den Kampf um die Barbacane konzentriert, nimmt fast die gesamte zweite Hälfte des Romans ein.

Die Belagerten werden beschossen, die Burg in Brand gesteckt, die Mauern überstiegen, die Eingeschlossenen sollen ausgeräuchert werden – doch all dem können sie widerstehen.

Alle sind weg

Und schließlich erwachen Andreas, der Graf, Michel und der Pater (der Arzt ist den Türken zum Opfer gefallen) – und sowohl die Belagerer als auch die Räuber sind verschwunden.

Nun können die vier sich nach Stein durchschlagen, wo Andreas beim Grafen Leslie für den Grafen Alram eintritt, damit dieser wieder zu einem Kommando über ein Regiment kommt. Und Leslie hat tatsächlich eines zu vergeben.

Die Schlacht um Wien

Andreas schließt sich dem Grafen an, als dieser mit dem Entsatzheer auf Wien vorrückt. Vom Kahlenberg aus kann er die Entscheidungsschlacht um Wien beobachten und dann mit dem Entsatzheer nach Wien einziehen.

Man erfährt, wie unehrenhaft sich sowohl der Polenkönig Jan Sobiesky und seine Soldaten wie auch Profiteure unter den belagerten Wienern benommen haben. Obwohl Sobiesky nominell den Oberbefehl hatte, erfocht Herzog Karl von Lothringen eigentlich den Sieg. Auch das sind historische Tatsachen.

Endlich malen

In Wien beschafft sich Andreas Papier und Aquarellfarben und malt aus der Erinnerung Szenen des Kampfes um die Barbacane. Diese Bilder überzeugen den Grafen Alram, dass in Andreas wirklich ein Künstler steckt, und er finanziert ihm ein Studium in Italien.

Bevor Andreas allerdings nach Italien abreist, sieht er seine Mutter wieder, die in der Festung Purkersdorf überlebt hat und in nun in Wien wieder trifft.

Anhang

Als Anhang gibt es im Roman eine kurze Zusammenfassung von Vorgeschichte und Ablauf der Türkenbelagerung sowie ein Glossar der heute nicht mehr gebräuchlichen Wörter.

Der Roman ist solide geschrieben, spannend, jedoch stellenweise etwas sprunghaft. Er vermittelt jedenfalls einen guten Eindruck von den Verhältnissen im Jahr 1683. Gerade waghalsige Kuriergänge durch die feindlichen Linien waren ein Charakteristikum dieser Türkenbelagerung, es ist daher durchaus verständlich, dass der Autor solche Kuriere als seine Helden gewählt hat.

Fritz Habeck: Der Kampf um die Barbacane. Jugend und Volk, Wien, München, 1960. 271 Seiten.

Bild: Ausnahmsweise einmal keine Zeichnung, sondern ein Foto, das ich 2013 aufgenommen habe: die Barbacane des Schlosses Pöggstall in Niederösterreich.

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Marc Elsberg: Zero. Sie wissen, was du tust

Wolfgang Krisai: Frau am Brooklyn Pier. Tuschestift, Buntstift, 2016.

Eigentlich hätte ich Marc Elsbergs Roman „Zero. Sie wissen, was du tust“ sofort nach seinem Erscheinen 2014 lesen sollen. Denn Bücher wie diese, die sich mit aktuellen Phänomenen befassen, könnten leicht veralten. In diesem Fall ist es aber nicht so, denn der Roman ist so aktuell wie bei seinem Erscheinen, ja vielleicht noch aktueller, weil wir inzwischen der darin beschriebenen Zukunft näher gekommen sind: dem völligen Überwachungs- … ja, was? „Überwachungsstaat“ trifft  das, was hier beschrieben wird, nicht ganz. Natürlich, der Staat, insbesondere die Polizei und die Geheimdienste, bedient sich der Überwachungsmöglichkeiten, die das Internet, die allgegenwärtigen Überwachungskameras im öffentlichen Raum, die Smartphones, Smart-Watches und Datenbrillen bieten, aber nicht nur der Staat, sondern auch andere „Interessenten“ an den Daten der Bürger treten als Nutzer auf: Firmen, die die Daten weiterverkaufen, Unternehmen, die damit Geschäft machen wollen, dass sie die Menschen beeinflussen können – und solche, die dies alles nur zum Besten der eigenen Kunden machen wollen.

Das Leben per Software verbessern

Solch ein Unternehmen steht im Mittelpunkt des Romans: Freemee. Dieses Software-Unternehmen bietet seinen Kunden sogenannte ActApps an, mit deren Hilfe sie ihr Leben verbessern können.

Cynthia Bonsant (sprechender Name! „Gut und heilig“, klingt aber auch wie eine Pharmafirma), die Hauptfigur, hat eine Tochter namens Viola, die sich in den Monaten vor dem Einsetzen der Handlung vom gruftigen Goth zur attraktiven, erfolgreichen jungen Dame gemausert hat. Die Mutter freut sich, als sie allerdings im Lauf des Romans erfährt, was der Grund für die Veränderung ist, freut sie sich wieder weniger: Es sind die Lebensanweisungen, die Vi von den ActApps auf Schritt und Tritt erhält. Damit der User den Anweisungen folgt, hat Freemee ein ausgeklügeltes System von Anreizen erfunden, von denen starke Motivationskraft ausgeht. Man kann erfolgreicher werden, nicht nur in Schule und Beruf, sondern vor allem auch bei potentiellen Liebespartnern. Ein durchtrainierter Körper hilft da (man nehme: Fitness-ActApps) genauso wie die richtige Körpersprache und die richtigen Worte (auch dafür gibt es ActApps). Die Apps treten in Form charmanter virtueller „Charaktere“ oder besser „RoboterInnen“ in Erscheinung, die der Userin bzw. dem User die Anweisungen vorschlagen. Man wird zu nichts gezwungen – aber man erfährt immer rechtzeitig, was man versäumt oder was die negativen Folgen sind, wenn man der ActApp nicht folgt. Der Erfolg wird in Prozenten gemessen („Sie haben 18% Chancen auf eine Liebesnacht“), die eigene Position wird in allerlei Rankings festgelegt.

Die Versuchung eines Programmierers

Im Roman erliegt allerdings das Superhirn hinter den ActApps, der Programmierer Carl Montik, der Versuchung, auszutesten, wie weit die NutzerInnen den ActApps folgen. Seine Experimente haben in der Vergangenheit zum Tod zahlreicher Freemee-Kunden geführt, die sich von ActApps in krasse Selbstüberschätzung oder in Depressionen wegen Nichterreichens der Ziele treiben ließen. Als sogar ein Vorstandmitglied Opfer der eigenen manipulierten ActApps wird, fährt Carl jedoch seine Experimente etwas zurück.

Es gibt jedoch einen Gegenspieler all der Datenüberwacher, -manipulatoren und -missbraucher: „Zero“, ein Team anonymer Mahner im Internet, deren Slogan an einen alten Spruch aus dem antiken Rom erinnert: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Datenkraken zerschlagen gehören“.

Der von Drohnen verfolgte US-Präsident

Der Roman beginnt äußerst wirksam mit einem spektakulären „Auftritt“ von Zero: Ein Schwarm von Zero gesteuerte Drohnen dringt in den Privatgarten des amerikanischen Präsidenten ein und verfolgt ihn sogar bis ins Innere des Weißen Hauses, wo die Sicherheitsbeamten schließlich die Drohnen unschädlich machen können. Der ganze Überfall wird live im Internet übertragen.

Damit hat Zero, der vorher nur durch wenig breitenwirksame kritische Youtube-Videos in Erscheinung getreten ist, einen Quantensprung an Popularität gemacht. Und er ist ins Fadenkreuz der NSA und des FBI geraten.

Während diese Institutionen die realen Leute hinter Zero – erfolglos – ausfindig machen wollen, wollen Freemee und die Online-Redaktion der Zeitung „Daily“, bei der Cynthia Bonsant angestellt ist, von der möglichst langen Suche nach Zero profitieren und ihre Nutzerzahlen steigern.

Die tödliche Datenbrille

Parallel zu der Zero-Handlung entwickelt sich ein weiterer Handlungsstrang: Darin geht es direkt um die ActApps von Freemee. Als nämlich Cynthia eine der Redaktion gehörige Datenbrille an ihre Tochter verleiht, hat diese nichts besseres zu tun, als diese Brille auf der Straße zu nutzen, um mittels Gesichtserkennungssoftware die Personen in ihrer Umgebung zu identifizieren. Da funktioniert erstaunlich gut, und die Datenbrille zaubert Vi zu fast allen Personen Namen, Beruf, Alter, Wohnort, etc. auf den Brillen-Bildschirm. Sie borgt die Brille auch einem ihrer Freunde, Adam, und dieser identifiziert einen zufällig des Weges kommenden Schwerverbrecher. Die Jugendlichen alarmieren die Polizei und nehmen die Verfolgung des Verbrechers auf. Dieser bekommt das schließlich mit, zückt eine Pistole und erschießt Vi’s Freund. Gleichzeit wird aber er selbst von einer ankommenden Polizeistreife niedergeschossen.

Warum Adam, der noch vor kurzer Zeit ein pummeliger Zauderer war, plötzlich so unbeirrbar hinter dem Verbrecher her war, fragt Cyn sich bald. Von Vi wird sie in die Geheimnisse der ActApps eingeweiht, von denen sie noch keine Ahnung hat. Die „Daily“ setzt sie auf die Gefahren, die von Freemee ausgehen, an, weshalb sie sich selbst einmal versuchsweise in Freemee-Konto anlegt und eine Liebes-App ausprobiert.

Der betörend schöne Mitarbeiter

Sie ist nämlich geschieden und seit Längerem erfolglos auf Partnersuche. Nun muss sie in der Redaktion mit einem indischen IT-Spezialisten, Chandor Akarwal, zusammenarbeiten, der hinreißend schön ist. Mit Hilfe von Peggy, des virtuellen ActApp-Avatars, die ihr sagt, wie sie bei Chandor Erfolg haben kann, gewinnt sie diesen erstaunlich schnell für sich, zumindest für eine beschwipste Liebesnacht.

Die verschlungene Handlung noch weiter nachzuerzählen wäre zu langwierig. Der Leser muss sich sehr anstrengen, um nicht völlig den Überblick zu verlieren über all die Gruppen von Geheimdienstlern und IT-Spezialisten, die in den kurzen Kapiteln, die in guter Thriller-Manier immer mit einem kleinen Cliffhänger abbrechen, auftreten.

Schauplatz Museumsquartier, Wien

Für mich als Österreicher war besonders der in Wien spielende Abschnitt interessant: Im Innenhof des Museumsquartiers können Cyn, Akarwal und ihr Chef nämlich einen Zero-Vertreter orten, der sich dort ins Internet einloggt. Sie wollen ihn ansprechen, er bekommt das aber spitz und flüchtet. Und plötzlich verfolgen ihn nicht nur Cyn und Akarwal, sondern auch ein Dutzend weniger harmlose Killertypen. Zero flüchtet in Wiens „Unterwelt“, in die Kanalisation. Der „dritte Mann“ lässt grüßen!

Cyn verfolgt den Mann in die Kanalisation, wird dort aber von jemandem fast ersäuft, von dem Zero-Typ aber gerettet. Deshalb schwört sie in einem Online-Video der Suche nach Zero ab, wechselt also die Seiten.

Showdown in New York

Zum Showdown kommt es in New York, wo Cyn und Chandor hinfliegen, um bei einer Talkshow über Freemee zu reden. Cyn hat inzwischen von einem Freund Vi’s erfahren, dass Freemee Tausende Menschen auf dem Gewissen hat.

Freemee lässt den Burschen rasch ausschalten. Aber zu spät. Cyn und Chandor kommen dahinter, was da gelaufen ist, und werden dadurch selbst zu Verfolgten. Chandor wird im Hotelzimmer erschlagen, Cyn flieht durch New York, zum Teil durch das dortige Kanalsystem, und rettet sich nur dadurch, dass sie einen Passanten dazu bringt, sie zu filmen und diesen Film live ins Internet zu übertragen. Cyn erzählt in aller Kürze von den tödlichen Manipulationen Freemees, bevor sie von der Polizei festgenommen wird, die glaubt, sie hätte Chandor umgebracht.

Da sich aber – da sind die genauen Ortungsmöglichkeiten von Handys wieder ein Segen – herausstellt, dass Cyn Chandor nicht umgebracht haben kann, weil sie zum Zeitpunkt des Mordes bereits auf der Flucht war, glaubt die Polizei ihr. Freemees Machenschaften werden aufgedeckt, Cyn freigelassen, Zero wird als wichtiger Aufdecker bejubelt, Happy End.

Die „Crowd“

Oder fast. Denn die Botschaft des Romans ist zwiespältig: Das Internet und die Totalüberwachung kann gut oder schlecht sein, je nachdem. Die Rettung sieht der Autor offenbar eher in der „Crowd“, in den Milliarden Nutzern, die, wenn sie sich zusammentun, das Gute fördern und das Böse stoppen können. Hoffen wir, dass er sich hier nicht irrt.

Marc Elsberg: Zero. Sie wissen, was du tust. Roman. Blanvalet, München, 2014. 480 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Frau am Brooklyn Pier. Tuschestift, Buntstift, 2016.

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Eduard von Keyserling: Schwüle Tage. Erzählungen

Wolfgang Krisai: Schloss Leesdorf, Baden bei Wien. Tuschestift, Buntstift, 2017.

Schwüle Tage

„Schwüle Tage“ ist die erste Erzählung in dem gleichnamigen Sammelband von längeren Erzählungen Eduard Graf von Keyserlings aus dem Manesse-Verlag.

Die Ich-Erzählung beginnt damit, dass Bill, der Erzähler, mit seinem Vater Gerd im Zug nach Fernow fährt, wo er sich den Sommer über auf das Abitur im zweiten Anlauf vorbereiten soll. Denn beim Haupttermin hat er gerade versagt.

Der Vater ist ein Herr alten Schlags, Gutsbesitzer, wortkarg, streng, immer auf „Tenue“ bedacht. So scheint es zumindest. Im Lauf der Erzählung blättert da allerdings gehörig der Lack ab.

Die Dienerschaft auf Fernow macht sich fast ein wenig lustig über Bills Situation; er befindet sich ja momentan genau zwischen Kind und Erwachsenem, und als „junger Graf“ hat er wohl einst mit den Bediensteten auf bestem Fuß gestanden und war fast ihresgleichen.

In der Nacht hört er vom Park her den melancholischen Gesang einer Bauerntochter, Margusch, der ihr Geliebter davongelaufen ist. Bill setzt sich zu ihr an den Schlossteich und merkt schnell, dass dieses einfache Mädchen einen erstaunlichen Scharfblick auf die Probleme der Herrschaft und der Menschen überhaupt hat.

Der Vater ermahnt am nächsten Morgen den Sohn, sich nicht mit Bauernmädchen einzulassen. Die Warnung ist beileibe nicht unbegründet, denn Bill ist, sobald sich die Gelegenheit ergibt, auf „Weibergeschichten“ aus, ohne allerdings je zum Ziel zu kommen. So etwa stöbert er gemeinsam mit einem Diener nach durchjagter Nacht zwei Mägde auf einem Heuboden auf und hätte am liebsten, dass sie sich ihm augenblicklich hingeben. Nur das Morgengrauen und die Pflicht der Mägde bewahrt diese vor weiteren Annäherungen.

Man hat das Gefühl, es sei für einen jungen baltischen Adeligen selbstverständlich, sich der Mädchen des Dorfs zu bedienen, wenn ihn die Lust anwandelt, und diese Mädchen finden das auch gar nicht unangenehm, sondern ebenfalls selbstverständlich.

Die verwandte Familie Bandag auf dem nahen Gut Warnow wird besucht. Dort gibt es neben einer steinalten Tante vor allem zwei muntere Töchter: Ellita, die ältere, und Gerda, die jüngere. Beide reizen Bills erotische Gelüste. Doch da er sich ungeschickt benimmt, kommt es zu keiner Annäherung, die über ein nächtliches Gespräch im Park hinausginge.

Einmal fühlt er sich ausgeschlossen und bleibt trotzig auf der Veranda, während die Gesellschaft sich drinnen zum Diner versammelt. Und da sieht er in der Nische des Fensters, durch das er hineinschaut, seinen Vater mit Ellita reden – und schlagartig wird ihm klar, dass die beiden ein Verhältnis haben. Doch nun soll Ellita mit dem jungen, geckenhaften Went verheiratet werden.

Ein paar Tage später sieht Bill zu Hause seinen Vater weinen. Er weint um Ellita.

Bei einem weiteren Besuch in Warnow klettert Bill auf einen Baum. Und ausgerechnet unter diesem Baum erscheinen nun Ellita und der Vater zu einem Abschiedsgespräch. Ellita sagt, sie hätte ohne weiteres das Verhältnis noch weitergeführt, aber Gerd habe es ja so wollen, dass sie den jungen Went heiraten solle.

Zu Hause kommt es zu einer Aussprache zwischen Vater und Sohn. Der Vater legt ihm nahe, nach dem Abitur Jurisprudenz zu studieren. Und dann am Haus seines Lebens vernünftig und vor allem stilvoll zu bauen. Man müsse wissen, wann das Haus fertig sei, betont er. Das Gespräch versandet dann aber in Belanglosigkeit.

Schließlich kommt es zur Abfahrt der gesamten Warnower Verwandtschaft. Bill und Gerd finden sich dazu am Bahnhof ein. Als der Zug abgefahren ist, gibt sich der bleiche Vater mit einer kleinen goldenen Spritze eine Injektion. Bill gegenüber sagt er, er brauche das gegen Migräne.

Als Bill wenige Tage später wieder einmal nachts in den Schlosspark geht, um dort Margusch zu treffen, entdecken die beiden den still an einem Baum sitzenden Vater. Als er auf Anreden nicht reagiert, stellen die beiden fest: Er ist tot. Die goldene Spritze liegt neben ihm.

Margusch sagt: „Ach Gottchen! der arme Herr, der hat nu auch nich’ mehr gewollt!“ (S. 84). Dann läuft sie ins Schloss, um Hilfe zu holen.

Der Sohn empfindet keine starke Trauer um den Vater. Der Doktor kommt und deutet dem Sohn an, dass der Vater Morphinist gewesen sei. Da wird Bill klar, was der Vater mit „Man muss wissen, wann das Haus fertig ist“ gemeint hat.

Nun ist er der Herr von Fernow. Dass er unbewusst sogleich beginnt, sein „Lebenshaus“ nach ästhetischen Gesichtspunkten zu bauen, merkt man im im letzten Absatz, wo er endlich ein paar Tränen um den Toten vergießt, vor den Augen des Dieners: „Es war gut, dass er mich weinen sah; denn ein Sohn, der nicht um seinen Vater weinen kann, ist häßlich.“ (S. 91)

An dieser Erzählung beeindruckt wie schon in anderen Werken Keyserlings die sich unvermittelt auftuende Doppelbödigkeit. Der zunächst so solide scheinende Vater wird als Mensch mit einem Doppelleben entlarvt; die scheinbar glückliche Braut Ellita trauert um den Verlust ihres Geliebten, usw. In der schwülen Sommeratmosphäre lässt sich die geheime Seite der Personen jedoch nicht mehr geheim halten, wodurch eben manches ans Licht kommt.

Für Keyserling ungewöhnlich ist die Form der Ich-Erzählung. Sie bietet hier aber die Möglichkeit, den naiven Erzähler erst nach und nach hinter die Geheimnisse seiner Verwandtschaft kommen zu lassen, was für den Leser ebenfalls Spannung erzeugt, nicht nur für den Helden selbst.

 

Bunte Herzen

Auf dem baltischen Landgut Kadullen nahe bei der russischen Grenze verbringen Graf Hamilkar von Wendl-Dux und seine Familie und Gäste den Sommer. Zu Gast ist ein Universitätsprofessor mit seiner Frau, der sich mit Träumen beschäftigt und mit dem Grafen über hohe Dinge philosophiert. Sonst gibt es noch eine Schar junger Leute, Mädchen wie Burschen, von denen drei in den Mittelpunkt treten: Hamilkars siebzehnjährige Tochter Billy, ihr Cousin Boris von Dangellô (ein Pole, der zu Gast ist) und ihr Cousin Moritz von Hohenlicht (Student). Die junge Französin Marion Bonnechose, Tochter einer Erzieherin und beste Freundin Billys, spielt eine wichtige Nebenrolle. Hamilkar ist Witwer, den Haushalt leitet seine Schwester, Komtesse Betty.

Was in so einer Situation klar ist und was der Graf auch kommen sieht: Unter den jungen Leuten entwickeln sich Beziehungen. Moritz ist still in Billy verliebt, Boris aber sozusagen „laut“, energisch. Mit seinen hohen, unbedingten Ansprüchen, die er auch an Billy stellt, fasziniert er das junge Mädchen. Alle wissen, dass sich hier ein „Roman“ anbahnt. Boris hält nichts von vorsichtigen Tändeleien und geht aufs Ganze: Er hält bei dem Grafen um die Hand von Billy an.

Der Graf weist ihn entschieden ab und fordert ihn auf, noch am Nachmittag abzureisen. Auch ein Gespräch Billys mit dem Vater fruchtet da nichts, denn dieser bleibt hart. Boris ist für ihn ein in seiner Verstiegenheit völlig unbrauchbarer Anwärter. Dieser sieht das nicht ein, reist zwar befehlsgemäß ab, schickt Billy jedoch ein Briefchen mit der Aufforderung, gegen Mitternacht bei einer markanten Linde am Rand des Schlossparks zu sein, damit sie mit ihm durchbrennen könne.

Billy findet sich tatsächlich dort ein, Boris erwartet sie, in der Nähe steht ein Wagen bereit, man fährt einige Stunden durch die verregnete Nacht, bis der Kutscher aufgehalten wird. Die Brücke, über die der Weg führe, sei einsturzgefährdet. Daher wird bei einer von einer jüdischen Familie betriebenen Spelunke Halt gemacht. Ein Freund von Boris, der ihm bei der Organisation der Flucht geholfen hat, findet sich sein und macht auf Billy einen dubiosen Eindruck. Ihre noch während der Kutschfahrt verliebte Stimmung sinkt von Minute zu Minute. Die jungen Männer spielen Karten und trinken Sekt.

Schließlich zieht Billy sich in ein Nebenzimmer zurück, wo sie sich auf ein Bett legt. Angst überkommt sie, es wird ihr klar, dass das Leben mit Boris nicht schön werden würde, sondern das alles irgendwie finster und bedrohlich ist.

Boris erscheint, betrunken, und sagt, das Beste wäre, miteinander Selbstmord zu begehen. Er habe ein Pistole dabei. Da wird Billy endgültig Angst und Bang. Nachdem sich Boris entfernt und in der Gaststube hingelegt hat, sein Freund nach Hause geritten ist und es im Haus still wird, nimmt Billy ihren Mantel und klettert aus dem Fenster. Nach Hause, nichts als nach Hause, ist ihr Wunsch. Wie ferngesteuert läuft sie durch den nächtlichen Regen, stundenlang. Als es endlich dämmert, erreicht sie ein kleines Dorf, wo sie sich beim erstbesten Haus erkundigt, wie weit es noch nach Kadullen sei. Ein alter Mann gibt ihr Auskunft: drei Stunden zu Fuß. Aber er kenne das Gut, verkaufe dort immer seinen Honig, und werde sie mit dem Pferdewagen hinbringen. Seine Tochter solle ihr trockene Kleider geben.

Diese Tochter er- und verkennt Billys Lage und glaubt, ein gefallenes Mädchen vor sich zu haben, dem es gehe, wie ihr selbst, die von einem treulosen Burschen geschwängert wurde. Sie redet wie eine Komplizin mit Billy und schimpft auf die Männer. Billy verteidigt den ihren halbherzig.

Im Schloss, wo Billy einen kurzen Abschiedsbrief hinterlassen hatte, herrscht inzwischen helle Aufregung. Junge Männer sind Billy suchen geritten. Da trifft sie ein, schleicht über die Hintertreppe in ihr Zimmer und will den ganzen Tag in Ruhe gelassen werden. Diese Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer.

Erst am Abend erzählt Billy Marion alles. Was Billy nicht ahnt, ist, dass Boris’ Freund an den Grafen einen Brief geschrieben hat, in dem er mitteilt, Boris habe sich erschossen. Als Billy in der Abenddämmerung mit Moritz, den sie draußen zufällig trifft, redet, erfährt sie von ihm die Todesnachricht und bricht ohnmächtig zusammen.

Nach Wochen ist ihr Nervenzusammenbruch auskuriert und sie kann wieder in den Garten gehen.

Graf Hamilkar hat das alles ziemlich mitgenommen, immer wieder grübelt er über das Schicksal nach. Er fragt sich, ob diese ganze Geschichte, die sein Leben ist, überhaupt einen Sinn hat: „Bin ich eine Zahl in der großen Rechnung, so habe ich zwar einen Sinn, aber das Resultat unter dem Strich braucht mir deshalb noch lange nichts zu bedeuten.“ (S. 229) Über diesen Gedanken sinkt er plötzlich auf seiner Parkbank zur Seite und ist tot. „Drüben aber, unter dem Birnbaum, saß Billy, schaute mit fieberblanken Augen in die Abendsonne und lächelte noch immer ihr erwartungsvolles, verlangendes Lächeln.“ (S. 230) Damit endet die Erzählung.

Die Geschichte der gemeinsamen Flucht ist überaus spannend erzählt, das würde man bei Keyserling gar nicht vermuten. Die Erzählung lebt inhaltlich von dem Kontrast zwischen der „aufrechten“ Haltung Graf Hamilkars, der genau weiß, dass er Billy kurzfristig unglücklich machen muss, um ihr dauerndes Glück zu sichern, und der naiven Romantik Billys. Dass Hamilkars gute Absicht aber von der Verrücktheit des Liebespaars, das die Konventionen bricht und gemeinsam flieht, durchkreuzt wird, verursacht das eigentliche Unglück. Billy realisiert in ihrer Naivität gar nicht, dass sie sich gesellschaftlich unmöglich macht. Dass in der Liebe heutzutage nicht mehr alles so rund läuft, macht schon Billys wesentlich ältere Schwester Lisa deutlich, die als tragische Figur im Schloss herumgeistert, weil sie einen treulosen Griechen geheiratet hat, der sie wieder verlassen hat. Nun ist sie gesellschaftlich im Out und zu nichts mehr zu gebrauchen. Das nächste Opfer absurder Liebesvorstellungen ist nun Billy.

Dem Grafen wird aber bewusst, dass seine Welt der alten adeligen Konventionen auch nicht mehr trägt, daran stirbt er schließlich. Für Billy darf man hoffen: Vielleicht gibt es wirklich einen Weg für sie, auf dem sie glücklich wird.

Keyserling schrieb diese Geschichte 1909, während die folgende aus dem Jahr 1914 stammt.

Nicky

Diese Geschichte zeigt, dass Keyserling sich nicht in den Taumel der Kriegsbegeisterung von 1914 hineinreißen ließ. Er sieht schon 1914, dass der Krieg vor allem eine Sterben, ein sinnloses Sterben der Soldaten ist.

Zunächst scheint noch alles friedlich: Baron Oskar von Reichel schickt seine Frau Nicky wie jedes Jahr von der Stadt (vielleicht darf man sich München vorstellen) in ein Bergdorf auf Sommerfrische. Nicky ist irgendwie unbefriedigt von ihrem vorbildlichen Eheleben, das bisher kinderlos ist. Oskar leitet sie sanft, aber bestimmt, und sie hat keinerlei „eigenes“ Leben.

Auch im Bergdorf kennt sie alle Leute, die wie sie dort jedes Jahr auf Sommerfrische sind.

Dieses Jahr jedoch taucht ein neues Gesicht auf: der brasilianisch-deutsche Pianist Fanoni, berühmt, aber schwindsüchtig. Nicky kommt bei einem längeren Spaziergang zu einer Bank, von der aus sie Fanonis Klavierspiel, das aus dessen nahe gelegenen Häuschen tönt, zuhören kann. Sie ist davon so berührt, dass sie jeden Tag wiederkommt. Das bleibt dem Pianisten nicht verborgen. Bald kommt er aus dem Häuschen und verwickelt Nicky in ein tiefsinniges Gespräch, wie es noch nie jemand mit ihr geführt hat. Sie sieht sich in höhere Sphären gehoben und kann in den nächsten Tagen an nichts anderes mehr denken als an Fanoni.

Kurz darauf treffen sie auf einer Waldlichtung aufeinander und kommen in ein Gespräch, im Laufe dessen Fanoni ein Märchen erzählt: von einer Insel, auf der nur Puppen existierten, die wie Menschen aussehen, aber an einem unangenehmen Schnarren in der Stimme als Puppen zu erkennen sind. Es sind kalte, unangenehme Existenzen.

Sie treffen sich ab nun täglich, einmal gehen sie sogar in einen Nachbarort tanzen, doch das erweist sich als Fehler, da Fanoni einen schrecklichen Hustenanfall erleidet. Nicky fürchtet schon, er werde sterben. Doch er erholt sich wieder, und diese Stunde gemeinsam durchlebter Todesangst bindet die beiden noch mehr aneinander.

Am Wochenende kommt Oskar aus der Stadt und verkündet, die Armee sei in Alarmbereitschaft versetzt, auch er werde einrücken müssen. Er will auch, denn er müsse natürlich sein Vaterland verteidigen. Am nächsten Tag fährt Oskar wieder zurück, und Nicky hat ein schlechtes Gewissen, dass sie während seines Besuches mehr an Fanoni als an ihren Ehemann gedacht habe. Abends trifft sie Fanoni – und es kommt zu einem Kuss.

Wenig später wird der Krieg erklärt, Oskar kommt in Uniform zu Nicky, holt sie in die Stadt, damit sie bei seinem Abrücken ins Feld dabei sein könne. In der Stadt wird Nicky von der allgemeinen Kriegsbegeisterung ergriffen, doch eine Begegnung mit einem Mädchen, das rundheraus fragt, ob die vielen Soldaten alle sterben müssten, bringt einen Riss in die Begeisterung. Als sie dann gleich wieder in die Sommerfrische zurückfährt, sitzt sie mit einem heulenden Mädchen im Abteil, das verzweifelt ist, weil sein erst junges Eheglück vom Krieg zerstört wird.

Ins Dorf zurückgekehrt, bemerkt Nicky eine völlige Veränderung der Stimmung. Auf der abgelegenen Bank trifft sie sich mit Fanoni, der vom Krieg nichts hält. Nicky hingegen spricht zu ihm mit den gängigen Phrasen, und er wirft ihr vor, wie eine Puppe zu sprechen. Fanoni verabschiedet sich enttäuscht und geht. Nicky bleibt weinend zurück. Auf dem Heimweg begegnet ihr die Stallmagd Resei, die ihr prophezeit: „Die Männer sind alle fort; die kommen nicht wieder“ (S. 298).

Während die Geschichte zunächst um die unerfüllte Lebenssituation Nickys kreist, der die geheime Annäherung an Fanoni endlich eine nicht gekannte Würze gibt, wechselt das Thema dann zur Rolle der Frau angesichts des Krieges. Am Schluss steht eine gewisse Stärke und Entschlossenheit der Frauen, die zwar nicht selbst in den Krieg ziehen können, jetzt aber stark bleiben müssen.

Am Südhang

In dieser längsten Erzählung des Bandes steht ein junger Leutnant im Mittelpunkt, Karl Erdmann von West-Wallbaum, der kurz nach der Ernennung zum Leutnant auf das väterliche Landgut kommt, um dort den Sommer zu verbringen. Als „Hypothek“ hat er eine Duellforderung mitgebracht, der er im Lauf der Ferien stattgeben muss. Ein Referendar hat ihn irgendwie beleidigt, jetzt muss das mit der Waffe ausgehandelt werden.

Auf dem Landgut ist im Sommer, wie sich das so gehört, die ganze Familie von West-Wallbaum versammelt, Karls Bruder Otho, seine Schwester Oda samt Verlobtem Graf Ottomar von Lynck, sein jüngerer Bruder Leo, seine Mutter und sein Vater. Weiters gibt es einen Hauslehrer namens Aristides Dorn (der notorische Eiferer, wie sie in Keyserling-Geschichten vorkommen) und, als gesellschaftlichen Mittelpunkt: die geschiedene, aber hocherotische Frau Daniela von Bardow, deren Verwandtschafts- oder Bekanntschaftsverhältnis zur Familie nicht aufgeklärt wird, die aber schon seit Jahren zu den Sommergästen gehört. Alle Männer sind von ihr bezaubert, gegen einige benimmt sie sich kokett (insbesondere gegen Dorn), nur Karl gegenüber bleibt sie kühl schwesterlich, obwohl auch er in sie verliebt ist.

Auch in diesem Sommer ist es so, doch die Tatsache, dass Karl bei dem Duell, das sich ganz gegen seinen Willen herumgesprochen hat, erschossen werden könnte, berührt auch Daniela. Zuerst hält sie Karl auf Distanz. Als dieser jedoch sieht, dass ausgerechnet der Hauslehrer ihn bei Daniela ausstechen könnte (er gibt ihr täglich Griechischstunden), greift er zu einem drastischen Mittel: Er schreibt Daniela einen glühenden Liebesbrief.

Daniela will zwar nach außen hin von diesem Brief nicht Notiz nehmen (gelesen hat sie ihn natürlich trotzdem, gibt ihn aber wieder an den Absender zurück), als jedoch die letzte Nacht, die Karl vor dem Duell im Haus verbringen wird, anbricht, bestellt sie ihn diskret in eine versteckte Ecke des Gartens und gibt sich ihm dort hin. Aristides Dorn belauscht die beiden dabei…

Am nächsten Morgen brechen alle Männer zum Duell auf, das in einem entfernten Wald am übernächsten Morgen stattfinden soll. Unterwegs nehmen sie einen Arzt mit, der so eine Situation noch nie erlebt hat und vor Aufregung ganz gesprächig und philosophisch wird. Zu Gesprächen bieten die Wagenfahrt und der Abend genug Gelegenheit. Sogar vom Tod redet der indiskrete Arzt.

Dann das Duell: beide Kontrahenten verfehlen einander, vermutlich absichtlich, man versöhnt sich, alle, insbesondere der Arzt, sind erleichtert.

Als man am Abend wieder im Schloss ist und alle Frauen höchst erleichtert sind, Karl lebend zurück zu haben, hört man plötzlich vom Garten her einen Schuss. Aristides Dorn hat sich erschossen. Der alte Graf versteht überhaupt nicht, warum.

Daniela ist verstört und reist ab. Für immer. Karl Erdmann, der vielleicht auf eine Fortsetzung der Romanze gehofft hat, versteht, dass dies unter den gegebenen Umständen nicht möglich ist und fährt zu seinem Regiment zurück.

Eduard von Keyserling: Schwüle Tage. Erzählungen. Nachwort von Martin Mosebach. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse-Verlag, Zürich, 2005. 439 Seiten. Darin: 

Schwüle Tage, S. 5 – 91,

Bunte Herzen, S. 92-230,

Nicky, S. 231-299, 

Am Südhang, S. 300-422.

Bild: Wolfgang Krisai: Schloss Leesdorf, Baden bei Wien. Tuschestift, Buntstift, 2017.

 

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Anton Čechov: Die Dame mit dem Hündchen

Wolfgang Krisai: Mädchen mit Hund in der Dordogne. Tuschestift, Buntstifte, 2014.

Ich kaufte mir die zweibändige gebundene Ausgabe von Anton Čechov: „Späte Erzählungen“ aus dem Diogenes-Verlag und las als erste Erzählung „Die Dame mit dem Hündchen“.

Eine junge Dame mit einem Spitz

Zu Anfang spielt diese Erzählung in Jalta unter Kurgästen. Dmitrij Dmitrievič Gurov ist schon zwei Wochen hier auf Kur, da tritt ein neuer Kurgast in Erscheinung: eine junge Dame, zehn Jahre jünger als Kurov, mit einem Hündchen, einem weißen Spitz.

Es dauert nicht lange, da bietet sich für Gurov die Gelegenheit, die Dame kennenzulernen. Sie sitzen nämlich zufällig an nebeneinanderliegenden Tischen auf der Terrasse eines Cafés. Der Hund bietet den Anknüpfungspunkt, und schnell ist man im Gespräch. Die Dame heißt Anna Sergeevna (eine Anspielung auf Anna Sergeevna Karenina) und wirkt wie jemand, der zum ersten Mal allein unterwegs ist. Irgendwie bemitleidenswert, denkt Gurov danach.

Ein erster Kuss, eine erste Nacht

Eine Woche später treffen sie einander wieder, gehen an die Anlegestelle des Dampfers, beobachten die aussteigenden Menschen und stehen immer noch dort, als auch die letzten Ankömmlinge sich entfernt haben. Da küsst Gurov Anna plötzlich leidenschaftlich. „Gehen wir zu Ihnen“, schlägt er vor (S. 296), und Anna lässt sich drauf ein. Nach dem diskret mit Schweigen übergangenen Geschehen im Hotelzimmer erzählt Anna von ihrem schlechten Gewissen. Sie fühle sich vom Bösen verführt. Und Gurov werde sie wohl bald nicht mehr achten, da sie ein leichtfertiges Wesen sei. „Ich bin eine schlechte, niedere Frau, ich verachte mich und denke nicht an Rechtfertigung. Ich habe nicht meinen Mann betrogen, sondern mich selbst. Und nicht erst heute, ich betrüge ihn schon seit langem. Mein Mann ist vielleicht ein ehrenwerter, guter Mensch, aber er ist doch ein Lakai! […] Leben, nur leben wollte ich! […] ich konnte mich nicht mehr beherrschen, etwas war mit mir geschehen, ich war nicht mehr zu halten, sagte zu meinem Mann, ich sei krank, und fuhr hierher …“, erklärt Anna (S. 298)

Noch in derselben Nacht fahren die beiden in einen Nachbarort, wo sie an der Küste sitzen und das Meer betrachten. Ab dieser Nacht treffen sie sich täglich.

Ein Brief vom Ehemann

Als ein Brief von Annas Mann kommt, er sei krank geworden, reist sie ab und verabschiedet sich von Gurov für immer. Sie kehrt in die Gouvernementsstadt S. zurück.

Auch Gurov kehrt nach Moskau zurück, doch die Erinnerung an Anna verfolgt ihn auf Schritt und Tritt. Schließlich fährt er nach S., macht Anna im Theater ausfindig, in einer versteckten Ecke küssen sie einander, doch Anna fleht ihn an, nach Moskau zurückzukehren. Sie werde zu ihm kommen.

Und so setzen sie ihre außereheliche Beziehung fort, indem Anna einmal im Monat unter einem Vorwand nach Moskau fährt und sie miteinander ein paar Stunden im Hotel „Slavjanskij Bazar“ (einem Nobelhotel am Roten Platz) verbringen.

Für Gurov ist klar: Er hat schon viele Beziehungen gehabt, aber noch nie geliebt. Doch nun liebt er zum ersten Mal wirklich:

Ein offenes Ende

„Anna Sergeevna und er liebten sich wie zwei einander sehr nahe, vertraute Menschen, wie Eheleute, wie zärtliche Freunde; ihnen schien, als habe das Schicksal sie füreinander bestimmt, unbegreiflich nur, weshalb er, wie auch sie, mit einem anderen Menschen verheiratet war […]. Danach berieten sie lange, sprachen darüber, wie sie es vermeiden könnten, sich zu verstecken, zu betrügen, in verschiedenen Städten zu leben, sich lange nicht zu sehen. […] und beiden war klar, dass es bis zum Ende noch sehr-sehr weit war und dass das Komplizierteste und Schwierigste eben erst begonnen hatte.“ (S. 314f)

So endet die Geschichte – etwas abrupt.

Interessant daran ist, dass hier die außereheliche Liebe der beiden als die wirkliche Liebe dargestellt wird und man als Leser den Ausgang des Geschehens selbst imaginieren muss. Gelingt es den beiden, ihre Liebe auszuleben? Stirbt vielleicht Annas Ehemann? Betrügt Dmitrijs Frau diesen vielleicht auch? Dann könnten sich Möglichkeiten auftun. Oder wird aus der Liebe doch nichts als ein sich totlaufendes Ritual? Oder fliegt die Sache auf und es kommt zu einem Duell, wo Dmitrij auf der Strecke bleibt?

Eine kongeniale Übersetzung

Die Erzählung ist kurz und flüssig geschrieben. Der Diogenes-Verlag preist in seiner Verlagschronik* die Übersetzung Peter Urbans als kongenial, der lakonischen, alltäglichen Sprache Čechovs angemessen. Für den Verlag steht die wissenschaftliche Transkiption des Namens gleichsam symbolisch für „zeitgemäß“ und „modern“, während die unter dem Namen Tschechow veröffentlichten Ausgaben veraltet seien. Angesichts solcher Überheblichkeit packt mich gleich eine gewisse Skepsis. Leider kann ich nicht überprüfen, welche der Übersetzungen, die ich habe, dem Original am ehesten entspricht.

Für die Diogenes-Ausgabe spricht aber deren umfangreicher Apparat mit Entstehungsgeschichte, Anmerkungen, Selbstzeugnissen, usw. Erfreulicher Weise wurde inzwischen das Problem mit der Betonung der russischen Namen behoben, das in meiner „Drei-Schwestern“-Ausgabe von 1974 noch besteht: In den Anmerkungen werden alle Namen etymologisch erklärt und die Betonung durch Akzente gekennzeichnet. Da erlebt man so seine Betonungs-Überraschungen.

Anton Čechov: Die Dame mit dem Hündchen. In: ders.: Die Dame mit dem Hündchen. Späte Erzählungen 1897-1903. Übersetzt und mit einem umfangreichen Anhang versehen von Peter Urban. Diogenes, Zürich, 2015. S. 291-315.

* Diogenes. Eine illustrierte Verlagschronik 1952 – 2002 mit Bibliographie. Aufgezeichnet von Daniel Kampa. Diogenes, Zürich, 2003.

Bild: Wolfgang Krisai: Mädchen mit Hund in der Dordogne. Tuschestift, Buntstifte, 2014.

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Anton Čechov: Drei Schwestern. Drama in vier Akten.

Wolfgang Krisai: Anton Tschechow, nach einem Foto im Tschechow-Museum, Moskau. Tuschestift, 2017.

In einer russischen Provinzstadt leben drei Schwestern, Olga, Mascha und Irina Sergejewna Prozorow mit ihrem Bruder Andrej in einem geräumigen Haus. Die ersten beiden Akte des vieraktigen Stücks spielen in einem Vestibül mit Blick in den zugehörigen Speisesaal, der dritte im Zimmer von Olga und Irina, der vierte im Garten vor dem Haus.

„Nach Moskau!“ – und doch nicht

Mascha ist mit einem Lehrer, Kolygin, verheiratet, Olga wird im Lauf des Stücks Direktorin des Gymnasiums, ohne dies je angestrebt zu haben, und Irina will heiraten und wird Lehrerin. Das klingt recht solide, wird aber kontrastiert von einem Lebensüberdruss und einer Unlust, in dieser Provinzstadt länger zu leben, die alle drei Frauen erfasst hat. Am liebsten würden sie „nach Moskau!“ ziehen, ein Ausruf, der zum Leitmotiv des Stücks wird. Doch im Endeffekt kann sich keine der drei aufraffen, wirklich die Stadt zu verlassen und in das Moskau ihrer Träume zu ziehen.

Im Haus verkehren einige Gäste, die die Frauen umschwärmen. Ja, im ersten Akt wird auch Andrej noch umschwärmt, und zwar von Natascha, der er einen Heiratsantrag macht. In Akt zwei bis vier sind sie verheiratet, und die Wirklichkeit der Ehe lässt Andrej ernüchtern und Natascha zu einer keifenden Glucke werden.

Offiziere sind attraktiver als Zivilisten

Die anderen Gäste sind alle männlich, zum Großteil Offiziere. Die Damen finden Offiziere attraktiver als Zivilisten. Dementsprechend wenig haben sie für den stets im Hintergrund anwesenden Doktor Cebutykin übrig, einem Militärarzt, der ständig mit bissigen bis dummen Bemerkungen stört.

Oberstleutnant Verschinin ist der sympathischste der Offiziere, und er verliebt sich ausgerechnet in die schon verheiratete Mascha. Allerdings ist er selbst ebenfalls verheiratet, mit einer Frau, die immer wieder Selbstmordversuche macht, und Vater zweier Töchter.

Ein Duell

Irina wird von Baron Tutzenbach, einem deutschstämmigen Russen, der mehrmals betont, er sei kein Deutscher, sondern Russe, sogar orthodox, umschwärmt, doch leider kann sie dessen Liebe nicht erwidern. Im vierten Akt hat sie sich dazu durchgerungen, Tutzenbach, der seine Militärlaufbahn zugunsten eines Zivilberufs aufgegeben hat, trotzdem zu heiraten und ihm eine gute Ehefrau zu sein. Tutzenbach hat sich am Vorabend des vierten Akts jedoch zu einer Beleidigung eines Offiziers hinreißen lassen, was zu einem Duell führt, das während des vierten Aktes in einem nahen Wald stattfindet. Man hört sogar den fernen Schuss, der Tutzenbach das Leben kostet.

Im vierten Akt verlässt die ganze Truppe, der die Offiziere angehören, die Stadt und wird nach Polen versetzt. Allgemeiner Abschied daher.

Im Haus leben schließlich nur noch Andrej, Natascha und deren zwei Kinder. Olga hat eine Dienstwohnung im Gymnasium bezogen, wohin sie auch ihre ehemalige, nun über achtzigjährige Amme Anfisa mitgenommen hat. Irina wird ebenfalls wegziehen.

Noch unglücklicher

Alle drei Schwestern sind am Ende noch unglücklicher als zu Beginn. Mascha sagt, sie führe, da Verschinin jetzt abrücken muss, „ein verpfuschtes Leben“ (S. 75). Aber: „Ist doch alles egal …“ (S. 75) Weiterleben zu müssen ist für sie fast eine Strafe: „Alle gehen von uns fort, einer ist ganz von uns gegangen, ganz, für immer, wir bleiben allein, um unser Leben von vorn anzufangen. Wir müssen leben … Wir müssen leben …“ (S. 77)

Trost in der Arbeit

Irina erhofft sich Trost in der Arbeit: „Morgen werde ich allein fahren, ich werde in der Schule Unterricht geben und mein ganzes Leben denen widmen, die es vielleicht brauchen. […] und ich werde arbeiten, arbeiten …“ (S. 77)

Olga hofft, irgendwann den Sinn ihres Lebens herauszubekommen: „und wir werden erfahren, warum wir leben, warum wir leiden … Wenn man es nur wüßte, wenn man es nur wüßte!“ (S. 78)

Einzig Anfisa ist zufrieden, denn endlich hat sie ein eigenes Zimmer und ein eigenes Bett. Bescheidene Freuden einer uralten Dienstbotin.

Melancholie des sinnlosen Lebens

Tschechow fängt in diesem Stück die Melancholie des sinnlosen Lebens ein. Im Gegensatz zur Erzählung „Das Haus mit dem Giebelzimmer“(siehe vorhergehenden Eintrag) gibt es hier keine Figur, die eine sozialrevolutionäre Ideologie vertritt. Kleine Ansätze dazu bietet nur Baron von Tutzenbach, der ein Lob der Arbeit anstimmt und selbst Unternehmer werden will, den jedoch vor der Ausführung dieses Vorhabens der Tod ereilt. Ein sinnloser Tod in einem zum Glück inzwischen abgekommenen sinnlosen „Ritual“.

Meine Ausgabe, übersetzt und kommentiert von Peter Urban, bietet neben dem Text auch einen umfangreichen Kommentar mit Entstehungsgeschichte, Varianten, Tschechow-Texten über sein Stück und einem sehr nützlichen Stellenkommentar.

Tschechow oder Čechov? Ich tendiere ja eher zu Tschechow, der Diogenes-Verlag bedient sich aber der wissenschaftlichen Transliteration des Namens und schreibt Čechov. Eine unerfreuliche Situation, da man nun zwei Schreibungen parallel hat, unter denen Bücher des Autors veröffentlicht sind…

Anton Čechov: Drei Schwestern. Drama in vier Akten. Übersetzt und herausgegeben von Peter Urban. Diogenes, Zürich, 1974. detebe. 131 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Anton Tschechow, nach einem Foto im Tschechow-Museum, Moskau. Tuschestift, 2017.

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