Eduard von Keyserling: Dumala

Wolfgang Krisai: Hunyadischloss in Maria Enzersdorf. 2013, Buntstift, Tuschestift.

Schon die ersten paar Seiten dieses kurzen Romans haben mich für ihn gewonnen: Pastor Erwin Werner, ein stattlicher junger Mann, singt ein schwülstiges Liebeslied, „Am Meer“ von Franz Schubert mit Text von Heinrich Heine, und seine rotbackige Frau begleitet ihn am Klavier. Sie ist von ihrem Mann hingerissen, er von der sehnsüchtigen Stimmung des Liedes. Doch kaum ist der letzte Ton verklungen, „kam der Rückschlag“ (S. 8):

„Wie Siegfried!“, kam es leise über die Lippen der kleinen Frau.

„Wer?“, fuhr Pastor Werner auf.

„Du“, sagte seine Frau.

Werner lachte spöttisch, wandte sich ab und begann, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und ab zu gehen.

So war es jedes Mal, wenn er sich im Singen hatte gehen lassen, wenn er sich mit Gefühl vollgetrunken hatte.

Dann kam der Rückschlag.

Man hat geglaubt, etwas Großes zu erleben, einen Schmerz, eine Leidenschaft, und dann war es nur ein Lied, etwas, das ein anderer erlebt hat, und die Wände des Zimmers mit ihren Photographien, die großen schwarz und rot gemusterten Möbel, all das beengte ihn, drückte auf ihn.“ 

Bei darauf folgenden Abendessen bringt Lene, die Frau, das Gespräch auf Karola, die Baronin von Dumala, die in der Nähe auf Schloss Dumala wohnt.

Lene seuftze: „Natürlich! Diese Frau ist ja so schön!“

„Was ist dabei zu seufzen?“, sagte Werner. „Lass sie doch schön sein.“

„Weil ist sie nicht mag“, fuhr Lene fort, „deshalb. Sie will alle Männer in sich verliebt machen. Aber schön ist sie.“ 

Werner lachte. „Was für Männer? Die arme Frau pflegt ihren gelähmten Mann Tag und Nacht. Die sieht ja keinen. […]“

„Dich sieht sie doch.“ Lene nahm einen herausfordernden Ton an, als suche sie Streit.

Werner zuckte nur die Achseln. „Mich!“ (S. 9f)

Doppelbödigkeit

Damit ist schon auf den ersten paar Seiten die ganze Problematik der Handlung eröffnet: Der Pastor hält es mit seiner kleinen, vergleichsweise unattraktiven Frau nicht mehr aus und spielt lieber mit dem Feuer, indem er häufig auf „Krankenbesuch“ auf Schloss Dumala erscheint, in erster Linie natürlich, um der Baronin nahe zu sein. Lene stichelt ein bisschen herum, ohne die Dramatik der Gefühlslage ihres Mannes auch nur zu erahnen.

Alle Gespräche, die geführt werden, haben – das liebe ich an Keyserlings Romanen – unter der Oberfläche eine zweite, meist konträre Bedeutung. Unter aller Höflichkeit, Christlichkeit, Moralität brodeln Leidenschaft, Unbeherrschtheit, Liebe und Hass.

Pastor Werner spielt den wortgewaltigen Hirten seiner Gemeinde, wenn er von der Kanzel „herabdonnert“, wie seine Frau halb spöttisch, halb bewundernd sagt. Doch in Wirklichkeit überfallen ihn, kaum ist er irgendwo allein, die Bilder der angebeteten Baronin, und oft verlässt er dann überstürzt das Haus und marschiert wie ferngesteuert nach Dumala.

Nach dem Bild des Autors geformt

Dort amüsiert sich Schlossherr Baron von Werland schon über den eifrig Nächstenliebe übenden Geistlichen. Ich vermute, Werland ist nach dem Bilde des Autors gemodelt: Auch Keyserling war 1907, im Erscheinungsjahr des Romans, nicht mehr gehfähig, da ihn ein Rückmarksleiden als Folge der Syphilis befallen hatte. Außerdem war er drauf und dran zu erblinden oder schon erblindet. Aber er soll sein Leiden mit bissigem Humor ertragen haben, genau wie Baron Werland, der den Pastor mit kritischen Bemerkungen über Religion und insbesondere das Jenseits sekkiert:

Aber der Baron wurde eifrig: „Ich weiß, der Glaube. Nein, Ihr Glaube ist ein Kunststück, zu dem ich kein Talent habe. […] Natürlich! Ihr seid gesund. Ihr denkt so nebenbei einmal: Unsterblichkeit – wie schön! Leben nach dem Tode – entzückend! Und damit ist’s gut. Aber ich – mich geht das jetzt was an. Sehn Sie, Pastor, wenn Sie zu Hause bleiben wollen, nun, dann ist’s Ihnen gleich, wann der Schnellzug nach Paris geht und ob er Anschluss hat. […] Aber wenn die Koffer gepackt sind, ja dann blättern Sie im Kursbuch, dann kommt es auf Genauigkeit an. Nach – also – ich – ich seh mir das Kursbuch an, und, Pastor, ich sag Ihnen, es gibt keinen Anschluss. Wir bleiben liegen.“ (S. 30)

In dem Sekretär des Hauses, den jungen Pichwit, den der Baron als „Pagen“ und „Troubadour“ bezeichnet (S. 33), hat Werner einen Konkurrenten in der Liebe zu Karola. Pichwits Situation ist genauso hoffnungslos wie die Werners, da Karola ihn nicht ernst nimmt, sondern eben nur wie einen Pagen behandelt.

Die Galgenbrücke

Man könnte fast sagen, der Roman sei eine Novelle, weil darin ein Ding eine symbolhafte, wichtige Rolle spielt: die Galgenbrücke. Das ist eine alte, morsche Holzbrücke über eine Schlucht, über die man lieber nicht mehr geht, geschweige den fährt. Doch eines Nachts rast Werner auf seinem von einem braven Schecken gezogenen Schlitten auf die Brücke zu, nachdem er nach einem besonders enttäuschenden Besuch bei Werlands im Wirtshaus einen steifen Grog getrunken hat. Er hat beim Wirt den Dorfschullehrer und den Küster aufgegabelt, und diesen beiden fällt das Herz in die Hosen, als sie merken, worauf sie zurasen. Fast bricht das Pferd ein, es kann sich gerade noch hochrappeln – und drüben ist man.

So wird diese wichtige Brücke mit einer höchst eindrucksvollen Szene in die Handlung eingeführt.

Ein Frauenheld

Wenig später – alles spielt sich ja in ein paar tief verschneiten Wintermonaten ab – taucht auf Dumala der Baron Behrendt von Rast als Besucher auf, der im Ruf steht, ein großer Frauenheld, ja Frauenverbraucher zu sein. Und tatsächlich, schnell wird er zum täglichen Gast, der Karola unverhohlen den Hof macht. Karola genießt das, während Pichwit, Werner und Werland, jeder auf seine Weise, vor Eifersucht vergehen.

Bald ist Rast am Ziel seiner Werbung und kommt jetzt nur noch spät nachts über die Galgenbrücke gefahren. Werner wird das von einem Förster hinterbracht, und obwohl er den Förster barsch zurechtweist, dass er seine Herrin nicht verleumden solle, ist er alarmiert und macht sich nachts, als Lene schläft, auf den Weg zur Brücke. Dort beobachtet er den vorbeisausenden Schlitten, geht ihm nach bis zum Schloss und starrt hinauf zum Fenster. Er wundert sich nicht, dass sich plötzlich Pichwit zu ihm gesellt und ihm genau erzählt, wann Rast immer kommt. Nachdem Rast zurückgefahren ist, stapft Werner innerlich kochend nach Hause.

Mordphantasien

Seine ohnmächtige Lage bringt Werner zur Weißglut. Ständig sieht er das Bild des über die Brücke setzenden Rast vor sich, jede Nacht schleicht er hinaus zu Brücke und Schloss und beobachtet. Mordphantasien überfallen ihn. Bei einem Pastor ist das besonders verwerflich, aber Werner kann’s nicht ändern.

Bei einem Gang durch den Wald stößt Werner einmal auf Rast und Karola, die einander umarmen. Am Höhepunkt seiner Eifersucht schleicht Werner in einer der nächsten Nächte nicht ins Schloss nach, sondern geht auf die Brücke und reißt ein morsches Brett nach dem anderen los und wirft es in die Tiefe. Soll Rast doch da hinunterkrachen!

Auf einem versteckten Beobachtungsposten wartet Werner auf die Rückkehr des Verführers. Als er schließlich den Schlitten herannahmen hört, springt er doch auf, läuft ihm entgegen, schreit halt und stoppt ihn. Rast geht zum Loch in der Brücke:

Rast kam zurück. „Seltsam!“, sagte er. „Wie das geschehen konnte! Sie wissen das natürlich nicht? Nein, wie sollten sie.“ (S. 143)

Rast lädt seinen „Lebensretter“ auf ein Gläschen Sekt ein, um die Rettung zu feiern, und bekommt im Nu heraus, dass sein Retter eigentlich sein Mörder sein wollte.

„Prosit Pastor! Prosit Lebensretter! Natürlich wusst’ ich’s. Auf Ihr Wohl! Hier in der Gegend sind Sie der Einzige, das so was kann. Teufel noch einmal, so was! Eine Fall wie für einen Wolf. Herr, Sie müssen ordentlich hassen können. Aber gekonnt, bis zu Ende gekonnt haben Sie’s auch nicht.“ (S. 150)

Wenige Tage darauf brennt Karola mit Rast nach Florenz durch. Und wenig später liegt Baron Werland, der nun völlig vereinsamt ist, im Sterben. Ein letztes Mal lässt er sich frisieren, stirbt jedoch dabei vor den Augen Werners und Pichwits, der als Betreuer die Stelle Karolas eingenommen hatte.

Allein sein – meine Bestimmung

Beim Begräbnis ist die Verwandtschaft entsetzt, dass Werland sein Testament nicht geändert und Karola als Erbin eingesetzt hat. Diese erscheint und lebt nun – von allen gemieden und geächtet – als einsame Schlossherrin auf Dumala.

Zu Werner sagt sie: „Allein sein, das ist wohl meine Bestimmung. Für das Zusammengehen muss ich kein Talent haben. Entweder tu ich den anderen weh oder sie tun mir weh.“ (S. 198)

Zu einer Annäherung Werners an die Schlossherrin kommt es nun nicht mehr, sie igelt sich in ihre Einsamkeit ein. Die letzten Worte des Romans sind Gedanken Werners:

„Seltsam!“, dachte Werner. „Da glaubt man, man sei mit einem anderen schmerzhaft fest verbunden, sei ihm ganz nah, und dann geht ein jeder seinen Weg und weiß nicht, was in dem andern vorgegangen ist. Höchstens grüßt einer den anderen aus seiner Einsamkeit heraus!“ (S. 199f)

Aus den Zitaten wird Keyserlings Stil deutlich, der in einfachem Parlando von den Schrecklichkeiten des Lebens erzählt. Das ist die gleiche Doppelbödigkeit wie in den Dialogen und im Leben der Figuren.

Impressionistisch

Impressionistisch sei das, liest man: „Keyserling ist neben Schnitzler sicher der bedeutendste impressionistische Erzähler“ (Wolfgang Nehring: Eduard von Keyserling. In: Deutsche Dichter, Bd. 6, Reclam, Stuttgart, 1989, S. 292), und: „Die Erzählkunst Keyserlings besteht darin, den Gehalt seiner Werke völlig in Sprache umzusetzen.“ (ebd.) Ja, genau.

Eduard von Keyserling: Dumala. Roman. Nachwort von Philipp Haibach. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse Verlag, Zürich, 2014. 221 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Hunyadischloss in Maria Enzersdorf. 2013, Buntstift, Tuschestift.

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Eduard von Keyserling: Beate und Mareile. Eine Schlossgeschichte

Wolfgang Krisai: Altes Schloss Laxenburg. 2015. Tuschestift, Buntstift.

Weder Beate noch Mareile ist die Hauptfigur dieser Erzählung, sondern Günther von Tarniff, ein junger baltischer Graf, der sich auf sein Landgut in Lettland zurückgezogen hat und dort ein ruhiges Leben mit seiner Frau Beate und seinen Kindern leben will. Abendgesellschaften, Schlittenfahrten, Jagden… damit vertreibt man sich in diesen Kreisen die Zeit. Die ältere Generation beobachtet die jüngere und misst sie an engstirnigen Maßstäben. Das ganze hat etwas vom Leben in einem winzigen Bergdorf, jeder kennt jeden, jeder überwacht jeden, niemand ist frei und glücklich.

Das spürt auch Günther, dessen Frau bieder und unzugänglich ist, sodass er sexuelle Entspannung bei der Bauerntochter Eve sucht und zunächst auch findet. Beate merkt nichts, bis sie eine ungewollt schwanger gewordene Dienstbotin ungnädig entlässt und diese ihr brieflich reinen Wein über ihren Gatten einschenkt.

Eine spannendere Frau

Dieser hat allerdings Eve schon hinter sich gelassen und sich einer spannenderen Frau genähert: der Verwalterstochter Mareile, die eine gefeierte Sängerin ist. Warum sie nun aber monatelang Zeit hat, sich in ihrem baltischen Heimatdorf aufzuhalten, habe ich entweder überlesen oder erfährt man nicht. Genug: Sie ist da, und alle Männer haben nur noch Augen für sie. Das geschieht schon zu Beginn der Erzählung, doch zu diesem Zeitpunkt lässt sie Günther noch nicht an sich heran, sondern heiratet den Kunstmaler Hans Berkow.

Dieser erweist sich aber als zu banale Gestalt, sie verlässt ihn und kehrt nach Lantin zurück in ihr Elternhaus.

Nun schlägt Günthers Stunde: Er reitet mit Mareile aus, sie kommen sich näher, und da es weit und breit keine bessere Partie gibt, muss es kommen, wie es kommt. In einem abgelegenen Gartenpavillon schlagen sie ihr Liebesnest auf – unbemerkt beobachtet von der zähneknirschend resignierenden Eve.

Unvorsichtig

Beate merkt lange nichts. Doch die Liebenden werden unvorsichtig, und eines Tages sieht Beate vom Fenster aus zuerst Mareile in den Wald verschwinden und dann Günther – und zieht ihre Schlüsse. Und fasst ihren Beschluss: Mareile muss weg. Sie stellt Günther vor die Wahl: entweder Mareile geht oder sie.

Günther, der zum radikalen Bruch mit seiner engelgleichen Gattin nicht bereit ist, trennt sich also von Mareile, die nach Berlin geht.

Einige Wochen später hält Günther es jedoch nicht mehr aus und fährt ihr nach. In Berlin wird die Liaison stürmisch erneuert. Bis es bei einer Abendgesellschaft zum Eklat kommt: Ein Adeliger verurteilt Günthers Verhalten in ziemlich eindeutigen Worten, weshalb dieser ihn zum Duell fordert.

Duell

Sekundanten. Morgenstunde. Wald. Man misst die Entfernung, die Duellanten treten einander gegenüber, ein Schuss: Günther ist getroffen, wenn auch nicht tödlich.

Nach langwieriger Genesung kehrt er als gebrochener Mann nach Hause zurück und wird von Beate mit Genugtuung empfangen. Eine sterbende Tante hatte ihr gesagt: „Sie kommen zurück“, man müsse nur lange genug warten können. Nun ist Günther wiedergekommen.

Letzte Szene: Mareile ist ebenfalls heimgekehrt, schreibt Günther einen Brief und lädt ihn zu einem Rendezvous im Gartenpavillon ein. Er gibt ihr eine abschlägige Antwort. An seiner Stelle taucht dort Eve auf, und die beiden Frauen reden übers Verlassenwerden. Eve habe sich in einem Waldtümpel ertränken wollen, es aber nicht geschafft. Und Mareile weiß: Auch sie könnte sich nicht umbringen. Schon gar nicht wegen eine Mannes vom Schloss dort oben. Als letzte Geste ballt sie die Faust in Richtung Schloss.

Ein Leben der Mittelmäßigkeit

Die Erzählung stellt dar, wie sich aus einem Leben der Mittelmäßigkeit einmal eine halbwegs starke Leidenschaft emporringt und schließlich wieder in die Mediokrität zurücksinkt. Günther von Tarniff – schon der Name signalisiert Schwäche und Durchschnittlichkeit. Ein Graf, nicht mehr ganz jung, auch noch nicht alt, der im Grunde nichts zu tun hat, weil er sich nicht ernsthaft um sein Landgut kümmern will – eigentlich eine schreckliche Metapher auf den „normalen Mann“, dessen Leben so dahindümpelt und höchstens einmal von einer Affäre aufgewühlt wird, aus der sich aber nichts Außergewöhnliches entwickelt, sondern die irgendwann in sich zusammenfällt.

Eduard von Keyserling: Beate und Mareile. Eine Schlossgeschichte. Nachwort von Uwe Timm. Zürich, Manesse, 2013. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. 218 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Altes Schloss Laxenburg. 2015. Tuschestift, Buntstift.

 

 

 

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Peter Csendes, Ferdinand Opll (Hgg.): Wien. Geschichte einer Stadt. Band 2: Die frühneuzeitliche Residenz

Wolfgang Krisai: Das Josephinum an der Währingerstraße in Wien. 2014. Tuschestift, Buntstift.Genauso interessant wie, ja, in mancher Hinsicht noch ergiebiger als der erste Band war dieser zweite Band der Geschichte Wiens, der vom 16. bis zum 18. Jahrhundert reicht.

Interessanter deshalb, weil in diesem Band auch die Kultur entsprechend dargestellt ist, also sowohl Literatur als auch Bildende Kunst und Musik. In einem Band, der die Barockzeit und die Aufklärung umfasst, könnte die Kunst kaum ausgelassen werden, während sie von der Steinzeit bis zum Mittelalter zumindest für den Normalbürger heute keine so große Bedeutung hat, wenn man von der gotischen Baukunst absieht.

Was ist mir im Gedächtnis geblieben?

Zweite Türkenbelagerung

Das markanteste Ereignis dieser Zeit war die zweite Türkenbelagerung 1683. Detail am Rande: Im Gegensatz zur ersten waren diesmal unter den Abwehrkräften auch Einheiten von Studenten und Professoren der Universität.

Nach 1683 kam es zu einem großen Bauboom, dem wir die vielen berühmten Barockbauten Wiens verdanken.

Dominanz des Hofes

Voraussetzung dafür war, dass Wien Ende des 16. Jahrhunderts endlich zum fixen Sitz der habsburgischen Herrscher wurde. Maximilian I. hatte ja noch in Innsbruck und Wiener Neustadt, Rudolf II. in Prag residiert.

Wien wurde in Renaissance und Barock von einer bürgerlich dominierten Stadt zu einer höfischen Stadt. Das sieht man nicht nur am Hausbesitz, der vor 1500 noch überwiegend in der Hand der Bürger, um 1750 aber vor allem in adeliger Hand war, wobei Hof und Regierung die dominierenden Besitzer waren. Die Bauten der großen Adelshäuser gruppieren sich wie Trabanten um die Schlösser der Habsburger, sei es um die Hofburg, sei es auch um Schönbrunn, die „Favorita“ (heute: Theresianum), aber auch um Laxenburg.

Wirtschaft

Im Bereich der Wirtschaft verloren die Zünfte nach und nach ihre beherrschende Stellung, da neben den zünftisch organisierten Meisterbetrieben immer mehr freie Handwerker, die entweder vom Zunftzwang befreit waren, weil sie für den Hof arbeiteten oder sogenannte „Störer“ waren, die z. B. im Hauptberuf Soldaten der Stadtgarde, im Nebenberuf aber Handwerker waren, da das Gehalt der Soldaten nicht zum Leben ausreichte.

Im beschriebenen Zeitraum wurden die Märkte als alleinige Stätten, wo man sich mit Waren eindecken konnte, allmählich von festen Geschäften abgelöst.

Allmählich entwickelte sich auch ein Manufakturwesen, das merkantilistisch ausgerichtet war.

Im Gesundheitswesen ist der Bau des Allgemeinen Krankenhauses und des „Narrenturms“ ein großer Fortschritt. Das „Josephinum“ wurde als Ausbildungsstätte für Militärärzte gegründet.

Schulwesen

Dem Schulwesen ist ein großes Kapitel gewidmet. Allgemein bekannt ist ja, dass Maria Theresia die allgemeine Schulpflicht einführte.

Ich wundere mich allerdings, wie sich dafür genug Lehrer finden konnten. Die Lehrer wurden nämlich häufig überhaupt nicht bezahlt, sondern betrieben den Unterricht entweder nebenbei, während sie eigentlich z. B. Organisten oder Mesner waren, oder sie lebten vom Schulgeld, das die Schüler mehr oder weniger regelmäßig bezahlen mussten. Der Lehrberuf war offenbar zumindest in den Volksschulen ein Hungerleiderjob.

Die Schulen waren auch von chronischem Geldmangel heimgesucht. Staatlicherseits wurde alle paar Jahre irgendeine Reformmaßnahme vorgeschrieben, das dafür nötige Geld aber nicht zur Verfügung gestellt. Das erinnert mich sehr an heute wieder „erreichte“ Zustände.

Im Schulwesen spielten bis zur Aufklärung die katholischen Orden, allen voran die Jesuiten, die Hauptrolle. Die Jesuiten sind in die Literatur- und Theatergeschichte durch das jesuitische Schultheater eingegangen, das für sie ein ganz wesentlicher Teil des Unterrichts war. Man dachte, durch das Theaterspielen werde den Schülern die im Stück vertretene Moral bzw. Haltung besser eingeprägt als durch andere Formen des Unterrichts. Damit hatten sie wohl nicht unrecht.

Neben den Jesuiten betrieben z. B. die Piaristen Schulen, die bis heute bestehen, natürlich auch die Benediktiner das berühmte Schottengymnasium, aber auch viele andere Orden. Jeder Orden hatte dabei seine spezifische Ausrichtung. Die Schotten etwa unterrichteten praktisch nur junge Adelige.

Universität

Die Universität hatte im beschriebenen Zeitraum nicht gerade ihre Hochblüte. Das hängt mit Reformation und Gegenreformation zusammen. Es wundert mich nicht, dass viele Professoren und Studenten sich dem Protestantismus zuwandten, da die Universitäten dem Neuen ja aufgeschlossen gegenüberstehen. Im Zuge der Gegenreformation setzte der Hof alles daran, die Universität wieder rein katholisch zu machen. Das ging nur schrittweise und führte zu einem Qualitätsverlust, da viele wichtige Professoren lieber in deutschen protestantischen Universitäten unterrichteten als sich unter Zwang dem Katholizismus zu unterwerfen.

Literatur und Theater

In der Literatur spielten zunächst die Humanisten, etwa Conrad Celtis, eine wichtige Rolle, doch in der Barockzeit gab es in Wien kaum bedeutende Autoren, wenn man von dem berühmten Prediger Abraham a Sancta Clara absieht. Erst im Zuge der Aufklärung treten wieder bedeutendere Geister in Erscheinung, der wichtigste unter den Literaten der Aufklärung ist Alois Blumauer. Die wirklich Großen der österreichischen Literatur folgten allerdings erst später. In der Aufklärung kam auch der „Salon“ als kultureller Treffpunkt in Mode.

Im Theater fällt in diese Zeit die Entstehung der Oper und des Wiener Volkstheaters. In der Oper dominierten lange – bis Christoph Willibald Gluck – die Italiener, sowohl als Komponisten wie auch als Librettisten (man denke an Pietro Metastasio).

Architektur und Bildhauerei

In der Architektur prägen noch heute die Bauten des Barock das Wiener Stadtbild: Karlskirche, Peterskirche, Piaristenkirche, und viele, viele andere Barockkirchen; der Leopoldinische Trakt der Hofburg; Schönbrunn, Belvedere, zahllose adelige Stadtpalais und Schlösser; die „Alte Universität“; die städtischen Repräsentations- und Regierungsgebäude orientierten sich am höfischen Stil, so das „Alte Rathaus“ in der Wipplingerstraße. Künstler wie Johann Bernhard Fischer von Erlach oder Johann Lucas von Hildebrandt prägten die Baukunst der Barockzeit.

Unter den Bildhauern ragt Georg Raphael Donner heraus, der auf dem Mehlmarkt den „Providentiabrunnen“ schuf (heute bekannt als „Donnerbrunnen“ auf dem Neuen Markt), wobei er mit einem besonders billigen Angebot den Hofbildhauer Mattielli aus dem Feld schlug.

Musik

Ähnlich wie in der Literatur sind auch in der Musik vor Mitte des 18. Jh. kaum Künstler vertreten, die heute mehr als einem Fachpublikum geläufig sind. Bekannt sind Namen wie Heinrich Isaak oder Paul Hofhaimer, später Christoph Willibald Gluck. Erst mit Haydn, Mozart und Beethoven treten Komponisten von Weltrang in Erscheinung.

Als Berufsmusiker konnte man in Wien am besten leben, wenn man bei Hof angestellt wurde. Immerhin gab es mehrere Hofkapellen, da nicht nur der Kaiser, sondern auch seine Gattin und seine Kinder eigene Kapellen unterhielten. Als Hofmusiker war man bei allen wichtigen Anlässen und Festen im Einsatz.

Unter Maria Theresia wurden die Hofkapellen schließlich radikal verkleinert und schließlich ganz abgeschafft. Stattdessen engagierte man bei Bedarf die nötigen Musiker. Outsourcing, würde man heute sagen. Ob das wirklich eine billigere Lösung war?

Schlechter gestellt waren die Kirchenmusiker, die nur etwa ein Zehntel dessen verdienten, was die Hofmusiker erhielten. Eine Stelle als Organist oder Kirchenmusiker konnte allerdings das Sprungbrett zu einer Stellung bei Hof sein.

Gut lesbares Buch

Stilistisch ist das ganze Buch, obwohl von verschiedenen WissenschaftlerInnen verfasst, in einer auch dem Laien gut verständlichen Sprache verfasst, die die Lektüre angenehm macht. Zahlreiche Abbildungen illustrieren das im Text Gesagte.

Peter Csendes, Ferdinand Opll (Hgg.): Wien. Geschichte einer Stadt. Band 2: Die frühneuzeitliche Residenz (16. bis 18. Jahrhundert). Hg. v. Karl Vocelka und Anna Traninger. Böhlau Verlag, Wien u.a., 2003. 651 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Das Josephinum an der Währingerstraße in Wien. 2014. Tuschestift, Buntstift.

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Johannes Maria Schwarz: Tagebuch eines Jerusalempilgers. Teil 1

Wolfgang Krisai: Ausrüstungsgegenstände aus dem Ersten Weltkrieg, Museo della guerra, Forte Tre Sassi, Italien. 2014. Bleistift.Im Klosterladen des Stiftes Heiligenkreuz entdeckte ich kürzlich diesen zweibändige Reisebericht des katholischen Priesters Johannes Maria Schwarz, kaufte ihn sofort und las nun den ersten Band mit größtem Interesse und Vergnügen.

Schwarz ist bzw. war Priester in Liechtenstein, wird von seinem Bischof für die Dauer der Pilgerreise ins Heilige Land aber vom Dienst freigestellt und von seiner Pfarre mit 30000 Schweizer Franken ausgestattet, die er unterwegs zu wohltätigen Zwecken ausgeben soll. (Welche Personen und Einrichtungen er unterstützt hat, steht auf S. 460.)

Allein und zu Fuß

Das wäre noch nicht so spektakulär und man könnte unmöglich zwei dicke Bände darüber schreiben. Doch Schwarz pilgert allein und zu Fuß, und zwar beileibe nicht auf der Direttissima nach Jerusalem, sondern er macht weite Umwege.

Seine Route führt von Liechtenstein über Tirol, Südbayern, Salzburg nach Wien, über Bratislava und West-Ost durch die Slowakei, die Ukraine, Rumänien, Moldawien, wieder die Ukraine, entlang der Ostküste der Halbinsel Krim nach Russland. Abchasien muss er meiden, daher quert er das Schwarze Meer per Schiff, durchwandert den Norden der Türkei, Georgien, Armenien und erreicht an der Grenze zwischen Armenien und dem Iran seinen östlichsten Punkt. Durch den Iran, die Türkei entlang der syrischen Grenze geht es bis nach Antiochia. Da sich in Syrien der Frieden nicht einstellen will, muss Schwarz per Flugzeug nach Amman weiterreisen und wandert von dort noch ans Tote, dann ans Rote Meer und schließlich auf israelischer Seite zurück nach Norden bis Jerusalem.

7937 km, 230 Tage

7937 Kilometer. Fußmarsch. Bei Wind und Wetter, Hitze und Schnee. 230 Tage ab dem 1. Mai 2013.

Gepäck auf einem „Carrix“, einer Art Nachzieh-Schubkarre. Sandalen an den Füßen. Orientierung per Google Maps und GPS. Quartier in billigen Unterkünften oder im Zelt.

„Unpolierte“ Tagebuchaufzeichnungen

Das Buch gibt die Tagebuchaufzeichnungen des Pilgers „möglichst roh und unpoliert“ wieder, das macht seinen Reiz aus. Schwarz nahm sich unterwegs zum Glück Zeit, ausführlich Tagebuch zu schreiben. Da wiederholt sich zwar manches, zum Beispiel die unzähligen Begegnungen mit Hunden, die nicht immer ungefährlich waren, doch dem Autor gelingt es, sogar das immer Gleiche abwechslungsreich darzustellen.

Eiserner Wille

Der Mann hat einen eisernen Willen, das ist natürlich Voraussetzung für so ein Unternehmen. Manchmal wird dieser Wille auf harte Proben gestellt, etwa wenn das Wetter saumäßig ist, wenn er vor lauter Lärm rund ums Nachtquartier kein Auge zugetan hat, wenn er viele Kilometer am Straßenrand dahintrotten muss und ihn die Lastwagen in den Straßengraben drängen oder wenn freundliche Gastgeber ihn drängen, doch länger bei ihnen zu bleiben.

Schwarz ist kein Neuling in Sachen Pilgern zu Fuß. Schon als junger Mann, erfährt man beiläufig, hat er eine Wanderung auf dem Jakobsweg gemacht. Das wäre ja noch nicht so ungewöhnlich; aber Schwarz machte das ohne Gepäck und ohne Geld. Die Jerusalem-Pilgerreise macht er mit Geld und Gepäck, doch sie ist trotzdem spannend.

Dank Smartphone machte er auch viele Fotos, die nun das Buch illustrieren. Außerdem gäbe es einen Dokumentarfilm, den er so nebenbei auch noch gedreht hat.

Am Sonntag wird gepredigt

Da Schwarz katholischer Priester – offenbar stark konservativer Ausrichtung – ist, kann er auch nicht umhin, einerseits immer wieder mit seinen Gesprächspartnern unterwegs Fragen von Glaube, Kirche und Religion zu erörtern, andererseits aber auch dem Leser ein wenig zu predigen: Er tut dies jeden Sonntag mit einer eingeschobenen Betrachtung über jeweils eine Fragestellung, wie sie von modernen Menschen an einen Priester herangetragen werden: über den Zölibat, ob Religion Privatsache sei, ob im Grunde nicht alle Religionen das Gleiche wollen oder gar seien, was es mit der Dreifaltigkeit auf sich habe, usw., usw.

Diese Predigten sind nett zu lesen, aber sie haben mich, offen gesagt, nicht so begeistert wie der eigentliche Reisebericht.

Solide Gestaltung

Schwarz hat sein Buch im Eigenverlag herausgebracht. Aber es wirkt in keiner Weise selbstgestrickt, enthält praktisch keine Fehler, hat ein lesefreundliches, klares Layout sowie Hardcover und Fadenheftung. Einziger Mangel: Für Bildbeschriftungen hat es nicht mehr gereicht. Das macht meistens nichts, verhindert jedoch, dass man zunächst einmal gemütlich die Fotos samt erklärenden Bildlegenden ansehen kann. Na ja, vielleicht doch keine so unkluge Entscheidung, denn sie zwingt zum Lesen…

Fazit: Tolles Buch! Freue mich schon auf dem zweiten Teil.

Johannes Maria Schwarz: Tagebuch eines Jerusalempilgers. Teil 1: Von Liechtenstein ins Heilige Land. 2., korr. Aufl., Eigenverlag, Heiligenkreuz, 2015. 463 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Ausrüstungsgegenstände aus dem Ersten Weltkrieg, Museo della guerra, Forte Tre Sassi, Italien. 2014. Bleistift. – Schwarz benützte zwar modernere Ausrüstungsgegenstände, die Strapazen ähnelten aber jenen, die die Soldaten im Ersten Weltkrieg zu bestehen hatten.

 

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Peter Csendes, Ferdinand Opll (Hg.): Wien. Geschichte einer Stadt. Band 1

Wolfgang Krisai: Der Wiener Stephansdom. 2014. Tuschestift, Buntstift..

Nach und nach haben sich die drei Bände der Geschichte der Stadt Wien, herausgegeben von Peter Csendes und Ferdinand Opll, bei mir „eingefunden“, alle zu einem stark verbilligten Preis. Jetzt las ich endlich den ersten Band, und zwar mit größtem Interesse und Gewinn. Abgehalten hat mich ja nicht Desinteresse, sondern die stattliche Dicke des Bandes von knapp 600 Seiten.

Dieser erste Band reicht von der Steinzeit bis zur Ersten Türkenbelagerung 1529. Inbegriffen sind daher sowohl die Römerzeit wie auch das gesamte Mittelalter.

In groben Zügen wusste ich über die Geschichte Wiens ja schon Bescheid, mit der Lektüre dieses Bandes wurde mein Bild jedoch entschieden erweitert.

Einige Aspekte seien willkürlich herausgegriffen:

Alles begann mit einem Römerlager

Das erste Römerlager in Wien war nicht jenes, das vom heutigen Tiefen Graben, Donaukanal, Rotenturmstraße und Graben umrissen war, sondern ein früheres, kleineres, das sich etwa beim Schottenkloster befunden haben muss. Durch dieses führte die Limesstraße, die sich in Herrengasse, Augustinerstraße und Rennweg fortsetzte. Das größere, neuere Lager mit den oben genannten Umrissen liegt nördlich davon und hatte mit der Limesstraße eine Verbindung etwa im heutigen Kohlmarkt.

Im frühen Mittelalter war die Fläche zwischen Sonnenfels- und Bäckergasse ein unbebauter Dorfanger, doch noch im Mittelalter wurde dieser mit einer Häuserzeile zugebaut.

Ständige Kleinkriege

Mir war nicht bewusst, wie sehr Wien im 15. Jahrhundert von Kleinkriegen gebeutelt wurde. Ständig war irgendein Fürst gegen einen anderen aufgebracht, was durch die engmaschige Verfilzung der Besitzungen im Wiener Raum und in der Stadt zu ständig wechselnden Belagerungen, Angriffen, Scharmützeln und Niederlagen führte.

König Ottokars schlechte Nachrede

König Ottokar II. von Böhmen, jener, der in Grillparzers Stück „König Ottokars Glück und Ende“ nicht allzu positiv dargestellt ist, war eine offenbar sehr interessante und im Grunde positive Figur, der nur eben von der Weltgeschichte überrollt und von der Propaganda der habsburgischen Nachwelt in ein schiefes Licht gerückt wurde.

Prostituierte mit gelbem Tüchlein

Interessant auch, wie man in Wien – und wohl auch in anderen mittelalterlichen Städten – mit den Prostitutierten umging: Sie mussten ein gelbes Tüchlein als Erkennungszeichen an der Schulter tragen. Wollten sie aber von ihrem Beruf loskommen, so gab es eine Art Besserungsanstalt, in die sie eintreten konnten. Wer sich dort bewährte, konnte als anerkannte und unbescholtene Bürgerin ein neues Leben beginnen.

Mit den Juden, deren es im Mittelalter eine ganze Menge in Wien gab, ging man weniger human um. Praktisch alle wurden um 1420 aus der Stadt vertrieben oder umgebracht.

Die Bürger konnten eine Vielzahl von Ämtern bekleiden, doch nur, wenn sie über ein ansehnliches Vermögen verfügten. Sie hatten in allen die Stadt betreffenden Dingen ein Mitspracherecht, das sie mehr oder weniger erfolgreich nützten.

1365 Gründung der Universität

Der Entwicklung des Bildungswesens in Wien ist ein sehr langes Kapitel gewidmet, wobei ein Großteil auf die Universität Wien entfällt, die 1365 von Rudolf IV. dem Stifter gegründet wurde. Sie stand in engster Verbindung mit der Domschule von St. Stephan, die sozusagen die Vorstufe zur Universität darstellte.

Auch der Sozialgeschichte wird ein umfangreiches Kapitel gewidmet, mehr oder weniger ausgespart ist nur die Kunst.

Erfreulicher Weise ist der Band sehr gut geschrieben, sodass die Lektüre auch flüssig vonstatten geht. Alle vier, fünf Seiten gibt es ein halb- bis ganzseitiges Bild.

Peter Csendes, Ferdinand Opll (Hg.): Wien. Geschichte einer Stadt. Band 1: Von den Anfängen bis zur Ersten Wiener Türkenbelagerung (1529). Böhlau, Wien u.a., 2001. 597 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Der Wiener Stephansdom. 2014. Tuschestift, Buntstift.

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Charlotte Brontë: Jane Eyre

Wolfgang Krisai: Schlafendes Mädchen. 1978. Kreide auf braunem Papier.Jetzt las ich Charlotte Brontës Roman „Jane Eyre“, der mich sehr gepackt hat, nach leichten Eingewöhnungs-Schwierigkeiten. Anfangs hat mich nämlich irritiert, dass die Autorin ihre 10jährige Heldin im Stil von Sonntagspredigten ihre Alltagsgespräche führen lässt. Nimmt man das jedoch einmal als zeitbedingtes Stilmittel hin, dann wird es durchaus interessant.

Menschenverachtendes Internat

Die kleine Jane wird von ihrer Zieh-Mutter gehasst und in ein menschenverachtendes Internat gesteckt, wo sie nur zufällig oder wegen ihrer robusten Natur dem buchstäblichen Tod entgeht, dem viele der Schülerinnen wegen Unterernährung und mangelnder Widerstandskraft erliegen.

Verliebt in den Dienstherren

Danach verdingt sie sich als Gouvernante bei einem Herrn von Rochester, dessen uneheliche, aber bei ihm lebende sechsjährige Tochter sie betreuen muss. Es entsteht eine machtvolle Liebe zwischen Jane und Rochester, sie können aber nicht heiraten, weil Rochester schon verheiratet ist – mit einer verrückt gewordenen Frau, die er in einem Kammerl seines Herrenhauses weggesperrt hat.

Moralische Druckmittel

Als Rochester hofft, Jane trotzdem zu seiner Geliebten machen zu können, ergreift diese die Flucht und gerät zufällig an Verwandte, mit denen sie sich zwar sehr gut versteht, wo ihr Cousin sie aber mit moralischen und religiösen Druckmitteln zwingen will, ihn zu heiraten und mit ihm als Missionarsgattin nach Indien zu gehen.

Wieder flieht Jane, zurück zu Rochester, über dessen Schicksal sie Klarheit haben will. Der ist inzwischen nicht mehr verheiratet, weil seine irre Frau das Haus in Brand gesteckt hat und dabei selbst umgekommen ist. Rochester hat beim vergeblichen Versuch, sie aus dem brennenden Haus zu retten, sein Augenlicht und eine Hand eingebüßt. Doch das hält Jane nicht ab, nun bei ihm zu bleiben. Happy End. Glückliche Ehe.

Was ist nun das Faszinierende an diesem Roman?

Die Handlung allein kann es ja nicht sein, dazu ist sie zu skurril – obwohl sie zum Teil auf autobiographischem Fundament stehen soll. Um das genauer zu prüfen, müsste ich ein besserer Brontë-Kenner sein.

Der romantische Stil kann es auch nicht sein, der ist ja eher abschreckend.

Janes Selbstbehauptungswille

Faszinierend ist aber die Persönlichkeit Janes, die förmlich platzt vor Selbstbehauptungswillen. Von ihrer hasserfüllten Ziehmutter lässt sie sich eines Tages nichts mehr gefallen und sagt ihr ins Gesicht, dass sie sie hasst. Das ist der Grund, warum sie in das Internat gesteckt wird, wo sie sich schnell nach oben arbeitet, trotz der Verleumdung von Mr. Brocklehurst, der der Ziehmutter versprochen hat, das Mädchen vor allen anderen zu demütigen. Und das auch wirklich tut.

Angesichts der an den Tag gekommenen Vorkommnisse in geistlich wie weltlich geführten Internaten in den letzten Jahrzehnten wird wohl die Schilderung des unmenschlichen Internatslebens in Mr. Brocklehursts Institut „Lowood“ gar nicht weit von der Realität entfernt sein.

Liebe wider Willen

Dann kommt die schwierige Liebesgeschichte mit Mr. Rochester, deren Entwicklung die Leserin bzw. der Leser mit Spannung folgt. Interessant daran finde ich, dass Jane sozusagen gegen ihren Willen ihrem Dienstherren verfällt. Sie sträubt sich mit allen Mitteln dagegen, und Rochester ist auch keineswegs ein zuvorkommender Mann, sondern benimmt sich seinerseits lange Zeit abstoßend. Als Jane ihm jedoch unerschrocken das Leben rettet, schlägt es bei ihm ein. Fast macht er ihr eine Liebeserklärung.

Rochester trägt die Last seiner bestehenden Ehe mit der geistesgestörten Südamerikanerin. Von der Existenz dieser Frau im Herrenhaus ahnt man nichts, sondern man verdächtigt wie Jane die Irrenwärterin, die Rochester angestellt hat, sie habe einen Mordanschlag auf Rochester vollführt.

Die Autorin erzeugt Spannung und nützt diese Episoden zu satirischer Darstellung, indem sie Rochester allerlei Spielchen treiben lässt: Er macht einer eleganten Dame den Hof, um Jane auf die Folter zu spannen; er verkleidet sich als Wahrsagerin, um in Janes Seele zu lesen; und er glänzt immer wieder durch unangekündigte Abwesenheit.

Kritik an Scheinheiligkeit

Ein wichtiger Aspekt des Romans ist die implizite Kritik an Scheinheiligkeit und Bigotterie. Besonders das Internatskapitel und die Diskussionen mit dem angehenden Missionar zeigen das. Im 19. Jahrhundert muss das skandalös geklungen haben.

Emanzipationsroman

Der Roman wird außerdem als ein frühes Manifest der Frauenemanzipation verstanden: Jane liebt Rochester zwar, ist aber nicht bereit, dafür ihre persönliche Integrität zu opfern. Deshalb will sie nicht seine Geliebte werden, sondern flieht. Da ihr Herz einem anderen gehört, will sie auch nicht die Gattin ihres Missionars-Cousins werden. Auch hier wieder besteht sie auf ihrer persönlichen Würde.

Zu Ehe kommt es erst, als sie ihrem Ehemann zumindest ebenbürtig, wenn nicht überlegen ist, da Rochester schließlich behindert ist. Doch – und das ist bezeichnend – für Jane ist Rochesters Behinderung eine Äußerlichkeit, die ihr ermöglicht, für ihn da zu sein, wo er es braucht. Ihrer Liebe und ihrem Respekt vor dem Ehemann tut das keinen Abbruch. Es braucht die Behinderung Rochesters, um ihn vom hohen Ross, auf dem ein Mann des 19. Jahrhunderts automatisch saß, herunterzustoßen, damit er mit Jane eine auf Gleichberechtigung fußende Ehe eingehen kann.

Charlotte Brontë: Jane Eyre. Roman. Aus dem Englischen von Andrea Ott. Nachwort von Elfi Bettinger. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse Verlag, Zürich, 2001. 777 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Schlafendes Mädchen. 1978. Kreide auf braunem Papier.

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Ursula Poznanski, Arno Strobel: Fremd. Thriller

Wolfgang Krisai: Ausbruch. Aquarell, ca. 1990.Obwohl ich eigentlich mitten in einem umfangreichen Buch steckte, las ich den Thriller „Fremd“ von Ursula Poznanski und Arno Strobel, weil ich nach ein paar Seiten nicht mehr aufhören konnte. Vor allem in der ersten Hälfte entwickelt das Buch einen starken Sog, der einen dann trotz gewisser Schwächen bis zum Ende weiterträgt.

Partielle Gedächtnislücke

Der Roman spielt eine orginelle Grundidee von A bis Z durch: Eine Person – im Roman die in Deutschland lebende australische Milliardärstochter Joanna Berrigan – kann sich an ihren Verlobten – den IT-Spezialisten Erik Thieben – plötzlich nicht mehr erinnern, mit dem sie aber in einem Haus zusammenlebt.

Erik kommt eines Abends nach Hause, und Joanna behandelt ihn wie einen Einbrecher, vor dem sie sich panisch fürchtet. Erst allmählich merkt sie, dass er ihr nichts tun will, allerdings behauptet, ihr Verlobter zu sein. Sie kann sich an keinen Erik erinnern.

Zunächst scheint der Roman ein rein psychologisches Problem abzuhandeln: partielle Gedächtnislücke. Seltsam ist jedoch, dass auch Eriks Sachen alle aus dem gemeinsamen Haus verschwunden sind.

Da Joanna schließlich einwilligt, eine Ärztin aufzusuchen, bleibt Erik bei ihr. Als sie zur Ärztin fahren wollen, springt Joanna plötzlich an einer Kreuzung aus dem Auto und flüchtet zur gemeinsamen Freundin Ela in ein nahe gelegenes Spital, wo diese im Labor arbeitet. Ela kann sie schließlich überreden, tatsächlich eine Ärztin aufzusuchen, wohin sie sie auch bringt.

Mordversuch

Bald treten aber Phänomene auf, die über das Vergessenproblem hinausgehen: Joanna bekommt einen Anfall, in dem sie Erik niederzustechen versucht. Da er sich zufällig im letzten Moment bewegt, trifft sie nur den Arm. Als Erik ins Krankenhaus fährt, wird er von einem Auto in den Straßengraben gedrängt. Mordversuch Nummer zwei? Sieht so aus.

Terroranschlag

Vom Firmenchef Gabor wird er ebenfalls seltsam behandelt: Dieser will ihn offenbar aus einer Sache draußenhalten, von der Erik zufällig erfahren hat, weil er das streikende Notebook des Chefs wieder in Gang bringen musste und dann auf dem Bildschirm eine Nachricht las. Er reimt sich zusammen, dies sei ein Hinweis auf das ganz große Geschäft, und daran will er unbedingt beteiligt sein. Als er das bei Gabor energisch einfordert, überlegt es sich dieser anders und schickt ihn nach München zum Bahnhof, um die damit betrauten Geschäftsfreunde abzuholen. Als Erik mit geringer Verspätung dort eintrifft, entgeht er mit knapper Not einem gewaltigen Bombenanschlag auf die Bahnhofshalle, bei dem über hundert Menschen sterben. Sollte er da auch sterben?

(Wer sich die Spannung nicht nehmen lassen will, springe jetzt auf „Verstimmt“ hinunter.)

Entführung

Es stellt sich heraus, dass auch Joanna inzwischen auf der Todesliste der unbekannten Gegner steht, deshalb alarmiert sie widerwillig ihren autoritären Vater, der von Erik nichts wissen will, sondern einen anderen Mann für sie vorgesehen hat. Der Vater schickt sofort einen Privatjet, mit dem sie nach Australien geholt werden soll. Ohne Erik. Unter diesen Umständen weigert sich Joanna, die sich inzwischen ein zweites Mal in Erik verliebt hat, mitzufliegen und flieht mit diesem aus dem Flughafengebäude. Sie quartieren sich für einige Tage in einem Münchner Hotel ein, weil ihr Haus von den Mördern observiert wird. Als Joanna einmal das Hotel verlässt, beobachtet Erik vom Zimmerfenster aus, dass sie in ein Auto gezerrt und entführt wird. Er vermutet den Bediensteten ihres Vaters, Gavin, dahinter, und fährt neuerlich zum Flughafen, wo ja die Privatmaschine nach wie vor wartet. Dort trifft er zwar Gavin, nicht aber Joanna an. Sie muss den Mördern, als deren Kopf Erik schon länger seinen Chef Gabor ausgemacht hat, in die Hände gefallen sein.

Showdown

Es kommt zum Showdown in einer Fabrikshalle, wo die Mörderbande Joanna als Geisel hält. Erik rast hin, während Gavin ihm mit seinen Kollegen folgt, die nicht nur Flugbegleiter, sondern eine waschechte Bodyguard-Einheit sind und nun Joanna aus dem Schlamassel rauszuhauen versuchen. Auch die Polizei ist eingeschaltet. Großangriff auf die Fabrikshalle, wo Joanna und Erik gerade knapp vor ihrer Ermordung stehen. Sie sollen beseitigt werden, weil sie herausbekommen haben, dass Gabor hinter dem Münchner Terroranschlag steckt, nicht die „Islamisten“, die sich angeblich dazu bekannt haben. Und hinter Gabor steckt Heinrich von Ritteck, Boss einer Gruppierung alter Nazis, die Deutschland vom Islam befreien will. Ritteck und seine Schergen sind nun in der Fabrikshalle, um für die Beseitigung der Mitwisser zu sorgen. Doch sie zögern zu lange, Gavin kracht mit seinen Mannen herein, die Antiterroreinheit der Polizei folgt auf dem Fuß, Ritteck richtet sich selbst, seine und Gabors Mordgesellen werden erschossen, Gabor festgenommen. Joanna und Erik sind gerettet.

Des Rätsels Lösung

Nun aber folgt erst die Auflösung der rätselhaften Vergesslichkeit Joannas: Gabors Komplize, der Psychologe Bartsch, hat Joanna während ihres letzten Urlaubs hypnotisiert und ihr eingeimpft, wenn sie einen Anruf mit dem Codewort „Totes Licht“ bekommt, alle Sachen ihres Verlobten zu beseitigen und diesen dann, sobald er nach Hause kommt, zu erstechen. Der Polizei gegenüber solle sie Notwehr geltend machen. Ein Arbeitskollege der inzwischen auch schon umgelegt ist, hat Erik eine Audiodatei der Hypnose-Sitzung Bartschs mit Joanna zugespielt. Diese hören sie sich jetzt an: Die Sitzung wird durch einen kurzen englischen Wortwechsel unterbrochen, dessen wichtigsten Satz „Forget him!“ Joanna in ihrer Hypnose als auf Erik bezogenen Befehl internalisiert, obwohl er sich auf etwas ganz anderes bezog. Das hat Erik das Leben gerettet, denn anstatt in sofort zu ermorden, hat sie ihn zunächst vergessen. Erst später ist aus ihrem Unterbewusstsein auch der Mordbefehl hochgekommen.

Erik und Joanna hoffen nun, dass es eine Möglichkeit gibt, die Wirkung der Vergessens-Hypnose rückgängig zu machen.

Epilog: Treffen der übrig gebliebenen Mitglieder der Nazi-Truppe Rittecks. Sie schwören, dem Vermächtnis ihres Anführers Ritteck treu zu bleiben und weiterzumachen…

Verstimmt

Ich bin zwar ein Poznanski-Fan, mit diesem Roman aber ziemlich auf die Probe gestellt worden. Denn Romane, deren Helden schwerreiche Erbinnen sind, mag ich gar nicht, und solche, wo politisch inkorrekte Geheimbünde gigantische Verbrechen begehen, noch weniger. Solche, die wirken, als schielten die Autoren auf tagesaktuelle Zustände zwecks Verkaufszahlensteigerung mittels politisch korrekter „Aussage“, begeistern mich auch nicht. „Man merkt die Absicht und ist verstimmt.“ Die „Aussage“ hier: Gefährlich sind nicht die islamischen Zuwanderer und deren angebliche Terrornetzwerke, sondern die Neonazis in Deutschland, die zu jeder Grausamkeit gegen diese Zuwanderer fähig sind.

Spannend war der Roman trotzdem, und darauf kommt es bei so einem Thriller ja in erster Linie an. Stilistisch ist der Text eine perfekte Einheit, obwohl vermutlich die Erik-Kapitel von Arno Strobel und die Joanna-Kapitel, die sich damit abwechseln, von Ursula Poznanski geschrieben sind. Wahrscheinlich haben die beiden den Text dann aber gemeinsam überarbeitet. So stelle ich mir das laienhaft vor.

Ursula Poznanski, Arno Strobel: Fremd. Thriller. Wunderlich im Rowohlt-Verlag, Reinbek, 2015. 392 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Ausbruch. Aquarell, ca. 1990.

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