Stefan Zweig: Magellan. Der Mann und seine Tat

 

Wolfgang Krisai: Sistiana Mare, 2003. Tuschestift, wasservermalbare Kreiden.

Stefan Zweig zeichnet den Weltumsegler Magellan in seiner spannenden Biographie als einen tragischen Menschen, der zwar großartige Leistungen vollbringt, den Lohn dafür aber nicht einheimsen kann und sogar einem seiner Kontrahenten überlassen muss.

Für Portugal im Krieg

Zunächst ist Magellan, der 1480 in Portugal zur Welt gekommen ist, als Soldat und Matrose im Dienst seines Vaterlandes in Afrika und in Ostasien in Kriegshandlungen verwickelt. Dort lässt er einen Freund auf den Gewürzinseln zurück, der seinen Beruf an den Nagel gehängt hat und eine „Aussteiger“ geworden ist. Ihn möchte Magellan wiedersehen, wenn er von Osten herangesegelt kommt. Einen malaiischen Sklaven nimmt Magellan sich von Malaysia mit, der ihm auf seiner Weltumsegelung als Dolmetscher gute Dienste leistet, aber wegen Magellans frühem Tod ebenfalls unbelohnt bleibt.

Wechsel nach Spanien zu Karl V.

Da der portugiesische König auf Magellans weitere Dienste aber verzichten zu können glaubt, wendet sich dieser mit seiner faszinierenden Idee von der Weltumsegelung an den spanischen König, den späteren Kaiser Karl V., und wird dort überraschend wohlwollend empfangen. Karl übernimmt die Schirmherrschaft über die Expedition, Geld wird aufgetrieben, Magellan wird vom König persönlich unterstützt, gegen alle Widerstände kleingeisterischer Bremser, und so kann im Jahr 1518/19 eine kleine Flotte von fünf Schiffen ausgerüstet und bemannt werden, mit der Magellan am 10. August 1519 von Sevilla losfährt.

Meuterei

Er hat einer leider falschen Karte von Südamerika entnommen, dass dort, wo in Wirklichkeit der Rio de La Plata mündet, eine Durchfahrt zum Pazifik sei. Als die Schiffe nun dort ankommen, erweist sich die riesige Bucht als Mündungstrichter eines Flusses.

Magellan, eine Einzelgänger mit finsterer Miene und eisernem Willen, lässt nach Süden steuern, in den immer kälteren Winter 1520 hinein. Man muss schließlich in einer menschenleeren Bucht weit im Süden überwintern. Da meutern die spanischen Kapitäne der Begleitschiffe Magellans. Doch mit Entschlossenheit und Kühnheit kann Magellan die Meuterei niederschlagen. Da er, wenn er alle Meuterer hinrichtet, keine ausreichend große Mannschaft mehr hätte, begnügt er sich mit der Hinrichtung des Rädelsführers und der Aussetzung zweier weiterer führender Köpfe.

Auf der Suche nach einem Durchlass zum Pazifik

Am 25. Oktober 1520 fahren die Schiffe schließlich in jene Meerenge ein, die später die Magellanstraße genannt wurde. Kurz vor Erreichen des Pazifik (den Magellan so benannte, weil er damals ein ruhiges Meer war), segelt ihm noch sein größtes Schiff davon und zurück nach Spanien. Diesen Deserteuren wird schließlich kein Prozess gemacht, da der Mann, der sie wohl anklagen würde, tot ist. Ein anderes der Schiffe ist inzwischen an den Klippen zerschellt.

Am 28. November erreichten die verbliebenen drei Schiffe den Pazifik. Dann beginnen mehr als hundert Tage Querung des riesigen Meeres, dessen Größe Magellan wie seine Zeitgenossen viel zu gering eingeschätzt hat. Die Mannschaften verhungern fast.

Tödliche Überheblichkeit

Schließlich erreichten sie die heutigen Philippinen. Magellan gelingt es, mit einem dortigen Fürsten friedlich ins Geschäft zu kommen. Die Ureinwohner lassen sich sogar scharenweise taufen.

Doch dann leistet sich Magellan einen tödlichen Fehler: Um dem Fürsten seine militärische Stärke zu beweisen, will er die spanische Übermacht in einem kleinen Krieg gegen einen unbotmäßigen Stammesfürsten auf einer winzigen Insel demonstrieren. Die philippinischen Freunde sollen beim Kampf nur zusehen. Doch statt leichten Spiels erweist sich der Kampf wegen schwieriger Bedingungen an der Küste als aussichtslos, die Spanier flüchten, und Magellan wird niedergemetzelt.

Das Schicksal der Übrigen

Damit ist das Prestige der Spanier bei den philippinischen Fürsten sofort im Keller. Die übrig gebliebenen Kapitäne und Matrosen müssen sich erst neu organisieren, was nicht ohne Chaos abgeht. Schließlich werden die Kapitäne und einige Matrosen in eine Falle gelockt und umgebracht.

Die drei spanischen Schiffe ergreifen die Flucht. Eines schlägt Leck und wird versenkt. Schließlich erreichen die beiden verbliebenen Schiffe die Gewürzinseln, die Molukken, wo Magellan schon einmal war. Als man, nachdem man Tonnen von Gewürzen gekauft und geladen hat, losfahren will, erweist sich das größere der beiden Schiffe, die „Trinidad“, als nicht mehr seetüchtig. Man lässt Schiff und Mannschaft zur Reparatur zurück. Die Trinidad segelt später in den Pazifik zurück und verschwindet spurlos.

Übrig bleibt die „Victoria“, die um Afrika herum nach Spanien zurücksegelt, und zwar ohne in Afrika zu landen, da dort nur portugiesische, also feindliche Stützpunkte sind. Mit letzter Kraft erreichen Schiff und ein Rest der Mannschaft am 8. September 1522 Sevilla: Die Weltumsegelung ist gelungen. Magellan hat bewiesen, dass alle Weltmeere zusammenhängen und man rund um die Weltkugel segeln kann. Ein Nebeneffekt, der erst jetzt auffällt: Man gewinnt, wenn immer nach Westen fährt, einen Tag.

Den Ruhm erntet der Falsche

Den Ruhm der Weltumsegelung erntet derjenige, den das Wegsterben der anderen zum Kapitän der Victoria gemacht hat: Sebastian del Cano. Da er selbst einst unter den Meuterern war, hat er kein Interesse, die vor einem Jahr zurückgekehrte Mannschaft des Schiffes, das desertiert ist, vor Gericht zu bringen. Im Gegenteil: Vielleicht hat die Vernichtung sämtlicher Bordtagebücher der Expedition ihren Grund darin, dass Dokumente, in denen die Meuterei aufgezeichnet war, verschwinden sollten.

Nur der italienische Reisechronist Pigafetta hat einen zusammenfassenden Reisebericht hinterlassen – vermutlich auf der Basis eines tagtäglich weitergeführten Tagebuchs, das verschwunden ist. Doch darin ist von der Meuterei nichts zu lesen.

Die Lektüre dieses – wie von Zweig gewohnt – sehr flüssig geschriebenen Buchs ist so fesselnd, dass man kaum aufhören kann. Meine Ausgabe bietet einige Illustrationen, so wie übrigens auch die derzeit erhältliche Fischer-Taschenbuch-Ausgabe.

Stefan Zweig: Magellan. Der Mann und seine Tat. S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1953. Erstausgabe: Reichner, Wien, 1938. 334 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Sistiana Mare, 2003. Tuschestift, wasservermalbare Kreiden. – Das ist zwar nur ein Blick auf die Adria und nicht auf den Pazifik, aber immerhin: Meer.

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Theodor Fontane: Jenseit des Tweed. Bilder und Briefe aus Schottland

Wolfgang Krisai: Iona Abbey. Schwarze und weiße Kreide auf grauem Papier. 1992.

Mit dem Aufbau-Verlag verbinde ich: Gesamtausgaben. Noch zu DDR-Zeiten kauften sich „arme Studenten“ wie ich die im Westen um einen Pappenstiel zu habenden Ausgaben der „Bibliothek deutscher Klassiker“, doch auch nach der Wende und allerlei Turbulenzen, die das Flaggschiff der DDR-Verlagskultur erfassten, brachte Aufbau vor allem in den Neunziger Jahren schöne und gediegen gestaltete Gesamtausgaben heraus, etwa eine Dostojewski- oder eine Turgenjew-Ausgabe, auf dem Gebiet der deutschen Literatur eine Egon-Erwin-Kisch-Ausgabe oder eine E. T. A. Hoffmann-Ausgabe. All das ist Schnee von gestern und fast alles längst vergriffen.

„Große Brandenburger Ausgabe“

Das verlegerisch anspruchsvollste Vorhaben der damaligen Verlagsepoche war aber die „Große Brandenburger Ausgabe“ (GBA) der Sämtlichen Werke Theodor Fontanes. Wie es bei solchen Editionen normal ist, zieht sich ihr Erscheinen länger hin, als zunächst projektiert. Ich habe noch einen Verlagsprospekt dieser Ausgabe von 1994, in dessen „vorläufigem Editionsplan“ die „Reisebücher und Reiseberichte in 5 Bänden“ mit Erscheinungsdatum „ab 1999“ angegeben sind. Man ließ sich in weiser Voraussicht offen, wie lange das Projekt dauern werde.

Die maßgebliche Ausgabe

Jetzt, 2016, ist wieder ein Band erschienen, eben einer dieser Reiseberichte: „Jenseit des Tweed. Bilder und Briefe aus Schottland.“ Nach der Lektüre kann ich sagen: Dies ist die Edition, in der man Fontanes Schottland-Reisebericht in Hinkunft lesen muss. – Warum?

Da ist zunächst die hervorragende gestalterische und buchbinderische Qualität des Bandes, die von der GBA-Edition sozusagen vorgegeben ist. Sogar der Schutzumschlag ist ganz im Stil der ersten GBA-Bände gehalten, wenn auch im Vergleich zu den Anfängen das neue Verlagssignet sich als stilistisch störendes Element auf die Titelseite gedrängt hat.

Der Kommentarteil

Zweitens: Wer das Buch lesen will, sollte eigentlich zuerst mit dem unglaublich genauen Kommentarteil beginnen, sich zumindest einen Überblick verschaffen, was dieser alles zu bieten hat. Da bleiben nämlich wirklich keine Wünsche offen:

Man erfährt die Entstehungsgeschichte des Buches, dem eine Reise zugrunde liegt, die Fontane vom 10. bis zum 24. August 1858 gemeinsam mit seinem Freund Bernhard von Lepel unternommen hat. Aus Geldmangel nicht realisierte Reisepläne werden geschildert, der Reisebegleiter vorgestellt, dann die Mühen der Abfassung des Berichts, die Quellen, die Fontane herangezogen hat, die Druckgeschichte in Zeitungen (wo das ganze Buch schon vorweg kapitelweise veröffentlicht wurde) und in Buchform (der Erstdruck erschien 1860 im Verlag von Julius Springer, Berlin), die Rezeption im In- und Ausland und natürlich alles Wichtige über die vorliegende Edition behandelt.

Keine Frage bleibt offen

Den Hauptteil des Kommentars nimmt der Stellenkommentar ein, der mich sehr positiv überrascht hat. Mit Stellenkommentaren anspruchsvoller Ausgaben ist es ja so eine Sache: Ausgerechnet jene Informationen, die man als interessierter Leser bräuchte, stehen meist nicht drin. Hier ist das nicht so. Von einfachen Worterklärungen (ich wusste z. B. nicht, was eine „Tabagie“ ist) bis zu Richtigstellungen Fontane’scher Ungenauigkeiten (derer es sehr viele gibt), von geographischen zu biographischen Informationen über alle vorkommenden Örtlich- und Persönlichkeiten bleibt nichts unerklärt.

Bemerkenswert ist auch das Personenregister, das mit Kurzbiographien der eingetragenen Personen aufwartet.

Das einzige, was mir gefehlt hat, ist eine genauere Landkarte dieser Reise (eine ganz einfache Überblickskarte ist auf Seite 277 zu finden). Möglicherweise rechnet der Verlag damit, dass ein moderner Leser ohnehin genau das tun wird, was ich tat: die Reise mit Google Maps zu verfolgen und von dort aus auch die Fotos der Sehenswürdigkeiten und Landschaften aufzurufen. Auch heute sind die Reiseziele Fontane noch Touristenmagneten und bestens erhalten.

15 Tage Reise – 260 Seiten Reisebericht

Schöpferische Arbeit bedeutet, aus „nichts“ etwas Großes zu machen. Im Falle Fontanes: aus 15 Tagen Reise ein 260 Seiten langes Buch.

Fontane muss schon an Ort und Stelle eifrigst Notizen gemacht haben. Die Herausgeber vermuten das jedenfalls, auch wenn kein Notizbuch erhalten geblieben ist. Darüber hinaus aber hat Fontane einige Quellen herangezogen, aus denen er zum Teil große Passagen abschrieb oder nacherzählte, ohne sie anzugeben, wenn es sich nicht gerade um Shakespeares „Macbeth“ oder ein Werk des verehrten Sir Walter Scott handelte. Diese Praxis war übrigens damals, belehrt der Kommentar, durchaus gängig. Fontane war da nicht immer ganz korrekt, im Kommentar werden die Fehler alle nachgewiesen. In der das Werk abschließenden schottischen Geschichtstabelle leistete sich Fontane übrigens besonders viele Fehler.

Das Buch ist also eine Mischung aus Schilderung persönlichen Erlebens, Sammlung interessanter Anekdoten und historischer Geschichten und Beschreibungen von Landschaften, Seen, Klöstern, Schlössern, Schlachtfeldern und Unterkünften.

Bahnfahrt in der Holzklasse

Nach einem kurzen Text an seinen Freund und Reisebegleiter Bernhard von Lepel beginnt Fontane mit einer witzigen Schilderung der nächtlichen Eisenbahnfahrt von London nach Edinburgh, die er mangels üppigen Reisebudgets in der billigsten Klasse machen musste. Statt aber in Edinburgh gerädert in ein Hotelbett zu sinken, beginnt er, kaum dass er sein Hotelzimmer bezogen hat, mit der Erkundung der Stadt. Gut vorbereitet, wie er offensichtlich war, findet er sofort die wichtigen Straßen und Plätze samt den an ihnen gelegenen Gebäuden.

Geschichte wird lebendig

Zu vielen erzählt er interessante Histörchen, wie sie vor Ort ein Führer zum besten geben würde. In der schottischen Geschichte und deren Darstellung in der Literatur, vor allem Walter Scotts, kennt Fontane sich sehr, sehr gut aus. Das macht mir größte Lust, selbst auch einmal Walter Scott zu lesen…

Ich war noch nie in Schottland, durch Fontanes Reisebericht steht mir nun aber dieses Land, zumindest in der Version von 1858, sehr deutlich vor Augen. Denn eins beherrscht der Autor: die lebendige und anschauliche Darstellung. Das macht die Lektüre zu einem Vergnügen.

Mit Fontane rauscht man von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit: Holyrood Palace, Edinburgh Castle und die Altstadt von Edinburgh nehmen die ersten 80 Seiten ein. Dann folgen das Schloss von Linlithgow, ein Ausflug nach Stirling und Loch Kathrine, dem Schauplatz von Scotts Verdichtung „The Lady of the Lake“ (deren Inhalt Fontane für den unwissenden Leser zusammenfasst), weiters Perth und die abenteuerliche Kutschfahrt nach Inverness.

Mit der Kutsche durchs schottische Hochland

Verkehrshistorisch ist das eine der spannendsten Stellen des Buchs: Von Perth fährt die Postkutsche um 11 Uhr vormittags ab. Fontane sitzt mit seinem Reisegefährten nicht im – teuren – Inneren der Kutsche, sondern auf einer der hinten oben im Freien befindlichen Bänke, die mit Fahrgästen dermaßen überfüllt sind, dass die am Rand sitzenden nur mehr mit der Hälfte ihres Gesäßes auf der Bank, mit der anderen in der Luft sitzen. Da diese Sitzweise nicht nur unbequem, sondern Kräfte zehrend ist, wechselt man sich ab, damit keiner von der Kutsche fällt. Solchermaßen überbesetzt rumpelt die vierspännige Kutsche durch die einsamsten Gegenden der schottischen Highlands in die Abenddämmerung hinein. Auch wenn sicher keine Straßenbeleuchtung vorhanden war, lässt sich das Gefährt durch die Dunkelheit nicht beeinträchtigen, sodass man schließlich um drei in der Nacht ziemlich durchgefroren die Stadt Inverness erreicht, wo man vor dem Union Hotel absteigt. Hier nun muss Fontane zugeben: „Die Strapazen am Tage vorher hatten uns einen langen und festen Schlaf eingetragen. Die Frühstücksstunde war längst vorüber, als wir im großen Speisesaal des Union-Hotels zu Inverneß erschienen, um unser Breakfast einzunehmen.“ (S. 164)

Schlachtfeld-Tourismus

In der Nähe von Inverness liegt das Schlachtfeld Culloden Moor. Eine Eigenheit damaligen Reisens, wohl nicht nur Fontanes, war es, Schlachtfelder zu besichtigen. Hier verlor „Bonnie Prince Charlie“ mit seinen Schottischen Mannen eine kurze, aber heftige Schlacht gegen die Engländer. Fontane schildert das Geschehen ausführlich.

Naturwunder und uralte Ruinen

Die Weiterreise erfolgt per Schiff den Kaledonischen Kanal hinab an die Westküste, wo Fontane dann einen Ausflugsdampfer besteigt (ein verdienstvoller Mr. Hutchinson hat das Gebiet mit seiner Flotte von Dampfern touristisch erschlossen) und zu den Inseln Staffa und Iona einen Tagesausflug macht. Staffa beeindruckt durch seine riesigen Brandungshöhlen im Basaltgestein, Iona hingegen durch die Ruinen seiner großen klösterlichen Vergangenheit, liegt hier doch die Wiege der anglo-irischen Christianisierung durch den heiligen Columban (im Register steht: „St. Columba (auch: Colum Cille, im Text: ‚Columban‘, geb. um 521, gest. 597); irischer Mönch u. Ordensgründer; ab 563 Missionar der Pikten; gründete ein Kloster auf der Insel Iona“ (S. 529)).

Schamlose Ausbeutung des Touristen

Mit knapper Not und nachdem ihm seine Zimmervermieterin einen horrenden Preis abgepresst hat (für den man lt. Kommentar in Edinburgh in einem Luxushotel hätte übernachten können) erreichen die beiden Reisegefährten am nächsten Morgen den Dampfer Richtung Glasgow. Diese Stadt wird allerdings nicht besichtigt, sondern der nördlich davon liegende Loch Lomond, der schönste See Schottlands.

Sir Walter Scotts Alterssitz

Per Bahn geht’s dann zurück nach Edinburgh, von wo aus noch zwei letzte Ziele angesteuert werden: Melrose Abbey, eine beeindruckende Klosterruine, und – krönender Abschluss für den Sir-Walter-Scott-Fan Theodor Fontane – Abbotsford: Scotts romantischer Alterssitz. Auch wenn Fontane mit der eklektizistischen Bauweise des Schlösschens nicht ganz zufrieden ist, so bedeutet es ihm doch sehr viel, hier in den Spuren des verehrten Meisters zu wandeln.

Damit schließt das Buch. Die Rückreise zu beschreiben erübrigt sich, sie wird der Hinfahrt geähnelt haben.

Fontane über die Schulter schauen

Fazit: Wer Schottland kennt, wird diesen Reisebericht genießen, wer es, wie ich, nicht kennt, Lust auf eine Reise dorthin bekommen. Zudem bietet diese kommentierte Ausgabe die Möglichkeit, Fontane gleichsam über die Schulter zu schauen und Entstehung und Wirkung des Reisebuchs mitzuverfolgen und damit die Leistung Fontanes richtig einzuschätzen.

Theodor Fontane: Jenseit des Tweed. Bilder und Briefe aus Schottland. Hg. v. Maren Ermisch i. Zusammenarbeit m. d. Theodor Fontane-Arbeitsstelle, Universität Göttingen. Große Brandenburger Ausgabe; Das reiseliterarische Werk, Band 2. Aufbau-Verlag, Berlin, 2016. 564 Seiten, davon Text bis Seite 260.

Bild: Wolfgang Krisai: Iona Abbey. Schwarze und weiße Kreide auf grauem Papier. 1992.

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Richard Friedenthal: Luther

Wolfgang Krisai nach Lucas Cranach d. Ä.: Martin Luther. Tuschestift, 2017.

Das Jubiläumsjahr „500 Jahre Thesenanschlag in Wittenberg“ 2017 regte mich an, mich ausführlicher mit der wichtigsten Figur der Reformation, Martin Luther, zu beschäftigen. Ich brauchte dazu nur an unser Biographien-Regal zu gehen und Richard Friedenthals dicke, überaus informative und anschauliche, elegant und pointiert geschriebene Luther-Biographie zur Hand zu nehmen. Da es sich um eine Taschenbuchausgabe handelt, wurde sie automatisch zu meinem Öffi-Buch, das ich zunächst vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln las. Bald aber interessierte es mich so sehr, dass ich auch daheim darin zu lesen begann.

Luther wurde am 10. November geboren, im Jahr 1483. Gestorben ist er 1546. Dazwischen liegt ein interessantes Leben.

Ich greife nur einige Details heraus, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind:

Luthers kämpferischer Charakter

Luther war ein Stier, der in Wallung geriet, wenn er ein rotes Tuch sah. Rote Tücher gab es für ihn damals eine ganze Menge, allen voran die roten Gewänder der Bischöfe und Kardinäle, die es sich auf Kosten ihrer ihnen anvertrauten „Schäfchen“ gut gehen ließen. Dann natürlich die Päpste, auch wenn sie eher Weiß trugen oder gar, wie Julius II., Silber in Form von Rüstungen. Finanziert wurden die Kriege und Bauvorhaben der Päpste nicht zuletzt von dem Geld, das geschickte Ablassverkäufer aus Deutschland nach Italien überwiesen, eine Praxis, die Luther zur Weißglut brachte. Seine 95 Thesen, die er 1517 an die Kirchentür von Wittenberg anschlug, befassten sich mit all diesen Missständen. Da er nicht der einzige war, dem die Ausbeutung durch die Kirche sauer aufstieß, verbreiteten sich seine Thesen, sobald sie ins Deutsch übersetzt und gedruckt waren, rasend schnell in ganz Deutschland.

Luthers Sprachen: Deutsch und Latein

Die 95 Thesen schrieb und veröffentlichte Luther als Theologieprofessor, der er an der Universität Wittenberg war, selbstverständlich in der damaligen Gelehrtensprache Latein. Er beherrschte Latein ganz ausgezeichnet, sprach es gewissermaßen fließend, wie es sich für einen Gelehrten der damaligen Zeit gehörte. Wenn Luther sich primär an eine universitär gebildetes Publikum wandte, schrieb er lateinisch.

Wollte er jedoch die Fürsten oder das einfache Volk erreichen, bediente er sich der deutschen Sprache, konkret des Frühneuhochdeutschen, das er maßgeblich mitprägte. Luther ist zwar nicht der Erfinder des Hochdeutschen als jener Sprache, die alle Menschen im deutschen Sprachraum verstehen konnten, aber er trug wesentlich dazu bei, dass es zu dieser Entwicklung kam. Seine berühmte Bibelübersetzung, die er während seiner Gefangenschaft auf der Wartburg mit dem Neuen Testament begann und bald auch um das Alte Testament erweiterte (1534 erschien die erste vollständige Bibelübersetzung Luthers), verbreitete sich unglaublich schnell und wirkte auf den Sprachgebrauch der Menschen. Luther verbesserte die Übersetzung immer wieder und hatte dafür ein ganzes Team von Mitarbeitern. Die Ausgabe von 1534 – jüngst in einem schönen Reprint vom Taschen-Verlag herausgebracht – war also keine „Ausgabe letzter Hand“, sondern eher „Erster Hand“.

Landeskirchentum

Luther musste, da er sich vom Kaiser gebannt und vom Papst exkommuniziert und als Ketzer angeklagt sah, andere Autoritäten finden, denen er die oberste kirchliche Autorität zusprach. Er selbst wollte das ja nicht sein und hätte es über seinen Tod hinaus auch nicht sein können. So entwickelte sich schrittweise ein Landeskirchentum, wo der Landesfürst die oberste Autorität auch in kirchlichen Fragen war.

Anarchischen Tendenzen oder Ideen von Volksherrschaft und Demokratie stand Luther ablehnend gegenüber. Dementsprechend heftig äußerte er sich gegen die aufständigen Bauern und gegen radikale Prediger wie Thomas Müntzer.

Katharina von Bora

Luther verwarf den Zölibat und das Mönchtum, also jene Lebensformen, die er selbst lange gepflegt hatte, war er doch nach einem einschneidenden Erlebnis – dem berühmten Gewitter, wo er sich schon vom Blitz erschlagen sah – Augustiner Eremit geworden. Sehr zum Missfallen seines Vaters übrigens, der aus ihm einen tüchtigen Juristen machen wollte.

Eines Tages erschienen bei Luther neun entlaufene Nonnen unter der Führung von Katharina von Bora, die sich der lutherischen Bewegung anschließen wollten.

Luther hieß sie willkommen und bemühte sich, die neuen Frauen unter die Haube zu bringen. Auch Katharina wollte er mit jemandem verheiraten – und schließlich wurde er selbst ihr Mann. Damit scheint er eine gute Wahl getroffen zu haben, denn Katharina brachte seinen Haushalt im ehemaligen Augustiner-Eremiten-Kloster, das er zugesprochen bekommen hatte, in Schuss. Da hatte sie viel zu tun, denn es kamen ununterbrochen Gäste, es gab eine Menge Haushaltsangehörige, die alle versorgt werden mussten, vom Gebäude selbst, dessen Instandhaltung wohl auch einige Anstrengung erfordert hatte, ganz zu schweigen. Luther sah ja gerne Gesellschaft bei Tisch, seine berühmten Tischreden zeugen davon. Diese Tischreden wurden von seinen „Fans“ aufgezeichnet und geben Luthers originelles Sprachgemisch aus Deutsch und Latein wieder, dessen er sich auf launige Weise zu bedienen wusste.

Friedenthal bringt eine Fülle von Informationen und vermittelt dem Leser damit ein sehr lebendiges Bild Martin Luthers. Auch wenn anlässlich des Reformations-Jubiläums zahlreiche neue Luther-Biographien auf den Markt gekommen sind: Diese ältere Biographie ist immer noch jung.

Richard Friedenthal: Luther. Sein Leben und seine Zeit. Serie Piper. Piper, München, 13. Aufl. 1985. 680 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai nach Lucas Cranach d. Ä.: Martin Luther. Tuschestift, 2017.

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Von und über Erasmus von Rotterdam

Wolfgang Krisai:Erasmus von Rotterdam nach Hans Holbein d. J., Aquarellstift, Tuschestift, 2017.

Erasmus von Rotterdam ist einem heutzutage ja in erster Linie geläufig, weil das Studenten-Austauschprogramm der EU nach ihm benannt ist (auch wenn ERASMUS strenggenommen eine Abkürzung ist, die wie zufällig den Namen des kosmopolitischen Gelehrten und, um mit Stefan Zweig zu sprechen, „ersten Europäers“ ergibt). Doch wer ist  die Person, die hinter diesem klingenden Namen steckt? Die Lektüre zweier Biographien und einiger Werke von Erasmus verschaffte mir ein Bild dieser erstaunlichen Persönlichkeit.

Ribhegges Biographie und Zweigs Lebensbild

Wilhelm Ribhegges Biographie gibt über die Lebensstationen, Leistungen und Werke des Erasmus genau Auskunft. Stefan Zweig hingegen, den man, wie es bei mir glücklicherweise der Fall war, erst nach einer faktenreichen Biographie lesen sollte, gibt eine wertende Zusammenschau und Charakteristik der Persönlichkeit Erasmus’. Beide Bücher ergänzen sich dadurch aufs beste.

Der Vater war Priester?

Geboren wurde Erasmus 1467 in Rotterdam, damals ein kleines Fischerdorf. Sein Vater war – ja, und da beginnen schon die Unklarheiten. Zweig behauptet noch gerade heraus, der Vater sei ein Priester gewesen. Bei Ribhegge klingt das schon anders: „Der Vater Gerhard […] sollte nach dem Wunsch seiner Familie Priester werden. Aus einer heimlichen Verbindung zwischen Gerhard und Margaret gingen Erasmus und sein älterer Bruder Pieter hervor. Zur beabsichtigten Heirat kam es nicht, weil sich Gerhards Familie dagegen sträubte. So jedenfalls hat es Erasmus selbst später dargestellt. Der Vater habe aus Protest gegen seine Familie Holland verlassen und sei nach Rom gegangen. […] Erst nachdem seine Familie ihm fälschlich von dem angeblichen Tod Margarets nach Rom berichtet habe, habe sich Gerhard aus Trauer um seinen Verlust entschlossen, Priester zu werden. Bei seiner späteren Rückkehr nach Holland habe er von dem Betrug seiner Familie an ihm erfahren.“ (S. 11)

Ins Kloster gezwungen

Erasmus lebte bei der Mutter, doch diese starb, als er noch ein Jugendlicher war, und sein Vater folgte ihr bald ins Grab. Nun bekamen die Burschen einen Vormund, der seinerseits nun alles daransetzte, die beiden in ein Kloster zu zwingen. Was bei beiden schließlich auch gelang.
Erasmus wurde Augustiner-Chorherr im Kloster Steyn bei Gouda. Aus innerer Berufung war er das nicht geworden. 1492 wurde er zum Priester geweiht. Dann durfte er zum Studium nach Paris ziehen, und er kehrte nie wieder in sein Kloster zurück, im Gegenteil, er kämpfte darum, von seinen Mönchsgelübden entbunden zu werden, was der Papst schließlich tatsächlich vollzog.

„Lob der Ehe“

Erasmus fühlte sich weder zum Mönch noch zum Priester berufen. Gegen das Mönchtum äußerte er sich später deutlich in verschiedenen Schriften. Kein Wunder, dass ein Mensch wie er auch ein „Lob der Ehe“ verfasste, auch wenn er selbst nie heiratete (er blieb ja, im Gegensatz zu Luther, katholisch) und dieses kleine Werk immer als eine bloße Argumentationsübung für den Schulgebrauch herunterspielte.

Der führende Humanist seiner Zeit

Berufen fühlte sich Erasmus hingegen zum Gelehrten, und deshalb studierte er die alten Sprachen mit größtem Eifer. Er wurde der führende Humanist des Zeitalters des Humanismus.
Seine Sprache war das Englisch der damaligen Zeit: Latein. Sämtliche seiner Werke und Briefe verfasste er in dieser Sprache, die er fließend sprach und schrieb. Ja, durch ihn, so Stefan Zweig, wurde Latein erst die universelle Gelehrtensprache, als die es einige Zeit die Wissenschaftler der ganzen westlichen Welt untereinander verband.

Kosmopolit

Da Erasmus sich vor allem in Gelehrtenkreisen oder unter Kirchenmännern bewegte, ermöglichte ihm das Latein eine grenzüberschreitende Lebensweise, fast die eines Kosmopoliten. Erasmus lebte zeitweise in Paris, wo er studierte, in Italien, wo er ihm anvertraute Studenten begleitete, in England, wo er mit Thomas Morus Freundschaft schloss und den späteren Heinrich VIII. persönlich kennenlernte, in Löwen, wo er an der Universität lehrte, und schließlich in Basel, wo er den ihm kongenialen Drucker Froben, den wichtigsten Wissenschaftsverleger seiner Zeit, fand, aus dessen Presse eine Vielzahl von Werken des Erasmus hervorging. Kurz vor seinem Lebensende verbrachte Erasmus noch einige Jahre in Freiburg im Breisgau, einer katholischen Stadt, in die er sich zurückzog, als in Basel der Bildersturm radikaler Protestanten das ruhige Leben eines katholischen Gelehrten unmöglich machte.

Ein neues Neues Testament

Was arbeitete dieser Gelehrte? Er brachte z. B. eine maßgebliche griechisch-lateinische Edition des Neuen Testaments heraus, mit seiner eigenen, die bis dahin kanonische Vulgata in manchem korrigierende Übersetzung. Diese Ausgabe benützte übrigens Luther für seine Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche.
Erasmus brachte auch zahlreiche Gesamtausgaben Antiker Autoren heraus, etwa der Werke und Briefe des Hl. Hieronymus oder des Komödiendichters Plautus.

Die „Torheit“ ist durchaus klug

Daneben gibt es eigene Werke, allen voran das bis heute bekannte „Lob der Torheit“. Das ist ein originelles Werk, in dem Erasmus einen Weg gefunden hat, die Schwächen und Fehler der Welt zu kritisieren, ohne Gefahr zu laufen, gleich persönlich angefeindet und verketzert zu werden. Er lässt nämlich die „Torheit“ (eine Allegorie, in der man sich Dummheit, Eingebildetheit, Selbstüberschätzung, Frechheit, Beschränktheit und ähnliche unerfreuliche Eigenschaften gut gemischt vorstellen darf) persönlich auftreten. Man darf nur nicht glauben, diese Person Torheit sei nun selbst eine Törin. Im Gegenteil, sie weiß sehr genau Bescheid über die Welt und über die Wirkung, die sie in dieser Welt hat. In ihren Augen ist dies natürlich eine positive Wirkung, ist sie doch von sich selbst und ihrer Wichtigkeit mehr als überzeugt. Diese Wirkung und Bedeutung zu beweisen ist ihr Anliegen im „Lob der Torheit“: Sie geht die verschiedenen Stände vom Armen bis zum Reichen, vom Handwerker bis zum König, vom Mönch bis zum Papst, genauso die verschiedenen Lebensalter vom Kind und Jugendlichen bis zum Greis oder die Einwohner verschiedener Länder durch. Alle machen nichts als Torheiten, und gerade deshalb leben sie gut und glücklich – wenn auch nicht verantwortungsvoll.
Es ist kein Wunder, dass sich diese Satire auf die Menschheit bis heute gehalten hat. Man glaubt, Erasmus habe vorausgeahnt, welchen Präsidenten die Amerikaner im Jahr 2016 wählen und welche Leute in anderen Ländern sich zu Diktatoren aufschwingen würden, und diese schon im Voraus, unter der damals üblichen Bezeichnung „König“, aufs genaueste porträtiert: „Sie glauben die Rolle eines Fürsten gut zu spielen, wenn sie ständig jagen, schmucke Pferde unterhalten, Ämter und Kommandostellen mit Vorteil verkaufen und täglich auf neue Wege sinnen, um die Bürger zu schröpfen und die Staatseinkünfte in die eigenen Tasche zu leiten, wobei sie allerdings um einen gerissenen Vorwand nicht verlegen sind, damit auch die gröbste Ungerechtigkeit noch unter dem Schein des Rechtes auftritt.“ (S. 85)

Eine Frau mit Büchern?

Originell sind die „Dialoge“ oder „Gespräche“, die Erasmus geschrieben hat, zum Beispiel jener zwischen einem Abt und einer gebildeten Frau, deren Privatbibliothek der Abt überhaupt nicht dem Stande einer Frau entsprechend findet. Geradezu eine Frühschrift der Frauenemanzipation.
Diese „Gespräche“ sind die witzigen, leichtgewichtigeren Gegenstücke zu Platons Dialogen.

Sehr überrascht hat mich der lebendige Briefstil des Erasmus, hatte ich mir doch trockene Gelehrtenprosa erwartet. Doch davon sind seine Briefe weit entfernt, auch wenn sie nicht immer ganz von konventionellen Elementen frei sind.

Zurückgezuckt

Stefan Zweig stellt dar, wie Erasmus einerseits zur wichtigsten Autorität in Europa aufstieg – das sein „Triumph“ – und als solche von allen Seiten um seine Expertise gebeten, von zahllosen Gelehrten und Mächtigen der Zeit besucht oder zumindest in eine Korrespondenz verwickelt wurde, wie er andererseits aber – das war seine „Tragik“ – aber den Schritt von der Gelehrtenstube in die religionspolitische Arena der Reformationszeit nicht gewagt hatte, sondern im entscheidenen Augenblick zurückgezuckt sei und geglaubt habe, er können mit Briefen aus der Ferne die verfeindeten Parteien zum Frieden bewegen. Mit Luther, dem Tatmenschen, konnte auf diese Weise kein Einvernehmen hergestellt werden. Erasmus wollte sich vornehm aus dem Streit der religiösen Parteien heraushalten, doch das war auf die Dauer nicht möglich. Obwohl er noch vor Luther „protestantische“ Ideen entwickelt hatte, wagte er den Schritt aus der katholischen Kirche heraus nicht, der er sich als Priester verpflichtet fühlte. Schließlich schrieb er, von vielen gedrängt, eine deutlich gegen Luther gerichtete Schrift: „Vom freien Willen“. Luther schlug mit der Keule seiner Sprachmacht zurück, um Erasmus nicht nur theologisch, sondern vor allem persönlich zu vernichten. Der Gegensatz konnte nicht mehr überbrückt werden.

1536, zehn Jahre vor Luther, starb Erasmus in Basel. Dort ist er im Dom begraben.

Wilhelm Ribhegge: Erasmus von Rotterdam. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2010. Reihe: Gestalten der Neuzeit. 278 Seiten.

Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam. Europäischer Buchklub, Stutgart u.a., 1950. 209 Seiten.

Erasmus von Rotterdam: Das Lob der Torheit. Encomium moriae. Übers. u. hg. von Anton J. Gail. Reclam, Stuttgart, 1980. RUB. 136 S.

Erasmus von Rotterdam: Encomium matrimonii / Lob der Ehe. Lat. / Dt. Übers., komm. u. hg. von Gernot Krapinger. Reclam, Stuttgart, 2015. RUB. 93 S.

Erasmus von Rotterdam: Briefe. Verdeutscht u. hg. v. Walther Köhler. Dieterich, Leipzig 1938. Sammlung Dieterich 2. XLIV, 577 S.

Erasmus von Rotterdam: Gespräche. Ausgew., übers. u. eingel. v. Hans Trog. Schwabe, Basel 1936. 159 S.

Bild: Wolfgang Krisai: Erasmus von Rotterdam nach Hans Holbein d. J., Aquarellstift, Tuschestift, 2017.

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François Dupraire, Farid Boudjellal: Die Präsidentin

Wolfgang Krisai: "Eva nach dem Sündenfall", Aquarell nach einer Marmorstatue von Eugène Delaplanche im Musée d'Orsay, Paris.

Ich konnte nicht umhin, mir diese Graphic Novel zu kaufen, in der vorgestellt wird, was passieren würde, wenn Marine Le Pen 2017 französische Präsidentin werden würde.

Die Bilder stammen von Farid Boudjellal, der Text von François Durpaire. Die Bilder sind schwarzweiß (mit Ausnahme des Coverbilds) und so realistisch gezeichnet, dass man annehmen muss, die Basis zumindest für die Gesichter wären jeweils Fotos. Da es von den Politikern im Internet ja massenhaft Fotos gibt, wäre das gar nicht so unmöglich.

Der Text beschränkt sich nicht nur auf die üblichen Comic-Sprechblasen und Zwischentexte, sondern bietet manchmal auch erklärende längere Sachtexte, z. B. eine Doppelseite „Kurze Geschichte der digitalen Überwachung“, aber auch kürzere Info-Kästchen. man lernt da eine Menge daraus.

Auswirkungen auf multikulturelle WG

Die Grundidee des Buches ist, dass den politischen Geschehnissen deren Auswirkungen auf eine multikulturelle WG gegenübergestellt werden. Darin gibt es Antoinette, eine Oma, die einst in der Resistance gekämpft hat und nun mit ohnmächtiger Wut den Aufstieg Marine Le Pens miterleben muss.

Ihre Enkel Stéphane und Tariq engagieren sich im Internet gegen Marine.

Fati, eine Araberin, ist die Freundin von Tariq und sieht in Antoinette und ihren Enkeln ihre eigene Familie.

Diese eingeschworenen Gegner Marine Le Pens machen nun einen Blog gegen die Präsidentin und laufen am Ende Gefahr, deshalb festgenommen zu werden.

Parteiprogramm Schritt für Schritt verwirklicht

Was sich innerhalb der ersten Monate nach der Wahl politisch abspielt, ist Gegenstand der politischen Haupthandlung. Dabei haben die Autoren lediglich das Parteiprogramm der Front national zugrundegelegt und angenommen, die darin ausgesprochenen Forderung würden nun Schritt für Schritt in die Tat umgesetzt. Ausländerfeindliche Maßnahmen, Ausweisung der maghrebinischen Franzosen, Bekämpfung regierungskritischer Medien und Personen, usw.

Ein Schreckensszenario.

Und dennoch ein interessantes und gut zu lesendes Buch.

François Dupraire, Farid Boudjellal: Die Präsidentin. Mit einem Vorwort von Ulrich Wickert. Aus dem Französischen von Edmund Jacoby. Verlagshaus Jacoby & Stuart, 2016. Frz. Originalausgabe 2015. 158 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: „Eva nach dem Sündenfall“, Aquarell nach einer Marmorstatue von Eugène Delaplanche im Musée d’Orsay, Paris. – Hoffentlich nicht bald ein Symbol für „La France“.

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Friederike Klauner: Die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien

Wolfgang Krisai: Kunsthistorisches Museum, Wien. Gouache, 2006.

Dieses Buch kaufte ich mir 1983 und begann es auch durchzustudieren, erlahmte aber irgendwann. Nun musste es mehr als dreißig Jahre im Regal warten, bis ich es erneut vornahm und wirklich vom Anfang bis zum Ende durchstudierte, mit vielen Unterstreichungen.

Umfassender Einblick in die gesamte Gemäldegalerie

Erst jetzt war ich in der Lage, die hervorragende Qualität dieses Führers zu würdigen: Man bekommt einen umfassenden Einblick in die gesamte Gemäldegalerie, und zwar nicht nur mit ausführlichen Analysen der einzelnen Gemälde. Die Stärke dieser Darstellung liegt im vom Aufbau der Gemäldegalerie unabhängigen Ordnungsprinzip. Während die Gemäldegalerie ja auf der einen Hälfte die niederländische Malerei und Verwandtes und auf der gegenüberliegenden Seite die italienische Malerei zeigt, beides innerhalb der „Länder“ jeweils chronologisch, springt Klauner zwischen den Galeriehälften hin und her, um die Ähnlichkeiten, Unterschiede und vor allem gegenseitigen Beeinflussungen der nördlichen und südlichen Malerei im Lauf der Geschichte herauszuarbeiten. Das Buch bringt also einen deutlichen Mehrwert gegenüber einem an der Abfolge der Räume oder überhaupt nur an Einzelwerken orientierten Führer, wie man sie heute kaufen kann. Nicht alles, was alt ist, ist also überholt, im Gegenteil!

Für die Lektüre zu Hause gedacht

Das Buch ist allerdings nicht so gestaltet, dass es einfach in die Gemäldegalerie mitgenommen werden könnte. Dafür ist es zu schwer und zu wenig klar gegliedert. Skandalös ist die schlechte Bindung. Der fadengeheftete Buchblock löst sich vom dünnen Karton des Einbands.

Erst durch meine Unterstreichungen wird das Buch übersichtlicher. Klauner hat das Werk wohl eher für die heimische Lektüre gedacht.

Entdeckungen über Entdeckungen

Ich habe jedenfalls enorm profitiert, vor allem auch dadurch, dass Klauner sich nicht auf die ganz großen Meister beschränkt, sondern die vielen weiteren, nicht ganz so bedeutenden Künstler, die in der Gemäldegalerie vertreten sind, genauso ausführlich behandelt. Da wurde mir überdeutlich klar, wieviel ich noch nicht weiß über die Malerei der Renaissance und des Barock. Gleich bekommt man größte Lust, sich in weitere Bücher zum Thema zu stürzen.

Als erste Reaktion ging ich jedenfalls in die Gemäldegalerie und sah mir einige Bilder genau an, die ich bisher kaum beachtet hatte. Entdeckungen über Entdeckungen!

Friederike Klauner: Die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien. Vier Jahrhunderte europäischer Malerei. Residenz-Verlag, Salzburg und Wien, 2. Aufl., 1981. 478 Seiten, zahlreiche Schwarzweiß-Abbildungen.

Bild: Wolfgang Krisai: Kunsthistorisches Museum, Wien. Gouache, 2006.

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Rainer Schmidt: Das Teebuch für Anfänger, Profis und Freaks

Wolfgang Krisai: Lesende mit einer Tasse Tee, Pinselstift, 2013.

Auf der Buch Wien 2016 fiel mir Rainer Schmidts „Kleines Teebuch“ auf, und in der Buch Wien Buchhandlung entdeckte ich dann sozusagen die „Großversion“ des Buches, nämlich „Das Teebuch für Anfänger, Profis und Freaks“.

In diesem schön bebilderten und gediegen gemachten Buch informiert Schmidt über die Teepflanze, die Teeherstellung, verschiedene Blattgrade und Teesorten und -mischungen, aber auch so spezifische Dinge wie die Tee-Lagerung in der Hamburger Speicherstadt. Hamburg ist nämlich Schmidts Arbeitsort.

Schwarztee fermentiert schnell

Was ich nicht wusste, ist die Geschwindigkeit, mit der die Fermentierung des Tees vor sich geht. Ein paar Stunden sind nur nötig, und das bei nächtlicher Kühle, sobald die Teeblätter entsprechend „gerollt“, sprich, mit einem Apparat ein wenig durch die Mangel gedreht und damit vielfach aufgebrochen sind, sodass Sauerstoff ans Innere der Blätter kommt, der die Fermentation ermöglicht. Schwarzer Tee entsteht also innerhalb einer einzigen Nacht, und dann könnte man ihn schon genießen. Allzu lang sollte man Tee jedenfalls nicht lagern, da er seine Aromastoffe verliert.

Fünfmal soviel Koffein

Fermentierter Tee hat übrigens nur ein Fünftel der Koffeinmenge des Grünen Tees, kein Wunder also, dass grüner Tee einen wesentlich munterer macht als der schwarze.

Ein großer Abschnitt ist einer detaillierten Beschreibung der Tee-Anbaugebiete auf der ganzen Welt gewidmet, obwohl aus manchen Gebieten z. B. in Afrika nie ein Tee in europäische Geschäfte kommt, da die Qualität zu minder ist.

Fairer Teehandel?

Interessant war auch die Diskussion des Fairen Teehandels: Schmidts Conclusio ist, es sei im Endeffekt besser, hochwertige, teure Teesorten aus normalem Anbau zu kaufen, weil man damit viel mehr Produzenten signalisiert, dass der Kunde hochwertige Produkte will, weshalb der Produzent darauf achten wird, sein gut geschultes Personal durch höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen an seine Plantage zu binden. Plantagen mit großer Fluktuation von Arbeitskräften bringen normalerweise keine hohe Qualität des Tees zustande, denn es ist eben eine Kunst, den Tee richtig zu ernten.

Die richtige Teezubereitung

Dreißig Seiten des Buches sind der richtigen Teezubereitung und dem Teegenuss gewidmet. Hier habe ich einmal einen handfesten Tipp gefunden, wie man die richtige Aufgusstemperatur für grünen Tee zustande bringt: nach dem Aufkochen fünf Minuten warten, dann aufgießen. Da für grünen Tee kein kochendes Wasser nötig ist, kann man auch heißes Wasser in der Thermoskanne z. B. zum Arbeitsplatz mitnehmen und dann damit immer wieder ein paar Teeblätter aufgießen. Das könnte ich einmal ausprobieren.

Schmidt plädiert entschieden für halbkugelige Glaskannen mit riesigem Metall-Teesieb. Von Kunststoff-Sieben rät er dagegen ab, da sie den Geschmack des Tees nachteilig verändern.

Tee im Teebeutel?

Während in anderen Teebüchern dem Tee in Portionsbeuteln nicht einmal ein Wort gewidmet wird, geht Schmidt darauf an vielen Stellen ein und macht deutlich, warum es sich dabei eigentlich um nur den halben Teegenuss handelt, wenn überhaupt. Zunächst wird der Tee extrem stark zerkleinert, damit er gut ins Sackerl rieselt, dadurch verliert er aber praktisch alle Aroma- und Inhaltsstoffe an die Luft, und was noch da ist, wird vom Filterpapier zurückgehalten und gelangt nie an den Gaumen des Trinkers. Es kommt daher beim Sackerltee in erster Linie auf die Färbekraft des Tees an, die sofort wirksam werden soll. Dafür eignen sich besonders die Assam-Sorten, während chinesischer Tee viel heller bleibt.

Die Farbe des Aufgusses ist übrigens auch beim Blatt-Tee kein Kriterium der Stärke, sondern sie variierte je nach Sorte.

Gesundheitsfördernd

Abschließend zählt Schmidt all jene gesundheitlich positiven Wirkungen auf, die man dem Tee zuschreibt, insbesondere dem grünen Tee: Er ist gut gegen Krebs und zu hohen Cholesterinspiegel, er regelt den Blutdruck, verlangsamt das Altern und mach munter (das ist die bekannteste Wirkung), darüber hinaus wehre er Grippeviren ab, sorge für Entspannung, helfe gegen Depressionen und fördere die geistige Leistungsfähigkeit.

Rooibos-Tee

Was Schmidt kaum bis gar nicht behandelt, sind Tees, die nicht aus der Teepflanze hergestellt werden. Er erwähnt den Rooibos-Tee, das war’s dann aber schon. Die enorme Vielfalt der Kräutertees bleibt „außen vor“. Dabei wäre ein Buch über Kräutertees aus dem Blickwinkel des Genießers durchaus wünschenswert, denn Kräutertees trinkt man heute nicht mehr nur, wenn man krank ist, sondern auch sonst.

Ein Glossar schließt den Band ab.

Trotzdem: Eine lohnende Lektüre, nach der man seinen Tee gleich viel wissender beäugt, beschnuppert und trinkt.

Rainer Schmidt: Das Teebuch für Anfänger, Profis und Freaks. Braumüller, Wien, 2. Auflage 2014. 162 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Lesende mit einer Tasse Tee, Pinselstift, 2013.

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