Heide Pils: Leicht muss man sein

Wolfgang Krisai: Stadtturm von Retz. Tuschestift, Buntstift, 2016.

Offene Bücherregale können immer wieder interessante Bücher enthalten. Dieses hier fand ich am Hauptplatz von Retz.

Seltsame Bauweise

Dieser „Roman vom Lieben und Verlassenwerden“ ist in einer Weise gebaut, wie ich sie noch nicht erlebt habe: Die Protagonistin des Romans schreibt in Ich-Form, flicht aber immer wieder Erzählungen ein, in denen sie über sich in der dritten Person spricht. Interessanter Weise fasst sich die Ich-Erzählerin aber nicht als Schriftstellerin auf. Diese Erzählungen sind immer autobiographisch, fügen sich daher in die auch sonst autobiographisch wirkende Handlung nahtlos ein, sodass man sich manchmal fragt, was dieser erzähltechnische Kniff bringen soll. Aber er schadet wenigstens nicht.

Vielleicht macht er den Leser darauf aufmerksam, die Handlung nicht so einfach als Autobiographie der Autorin aufzufassen. Dieses Eindrucks kann man sich nämlich nicht erwehren. Besonders zum Schluss, wo Marie-Therese sich im Waldviertel, ihrer Heimat, ein Bauernhaus kauft und es als paradiesischen Alterssitz nützt.

Ob die Handlung nun autobiographisch ist oder nicht, sie ist jedenfalls aus dem Leben gegriffen. Aus einem nicht wahnsinnig glücklichen Frauenleben von heute.

Die Männer

Das Problem in diesem Leben sind die Männer: Weder mit Dauerbeziehung Max noch mit Georg reicht es zu mehr als zu einem Dasein als Geliebte. Beide finden nach Marie-Therese eine andere, die sie heiraten, deretwegen sie aber Marie-Therese nicht vollständig aufgeben. Marie-Therese lässt sich das bieten und leidet darunter. Erklärbar ist das nur durch die irrationale Kraft der Liebe, die gegen jede Vernunft handelt.

Natürlich gibt es neben Max und Georg zahlreiche weitere Beziehungen, die sich aber schnell wieder verflüchtigen. Es will einfach nichts Gescheites werden mit den Männern, die Marie-Therese kennenlernt.

Zwischen modern und altmodisch

Die Heldin changiert selbst zwischen modern und altmodisch. Denn ihre Waldviertler Herkunft bedingt eine stockkonservative Erziehung, in der Männergeschichten eigentlich nicht vorkommen dürften. Doch die junge Frau hat sich bald aus diesem Milieu abgesetzt, nach Wien, wo sie sich den genannten Beziehungen hingibt, mit schlechtem Gewissen einerseits, selbstbewusst und emanzipiert andererseits.

Immerhin, so wenig erfreulich niemals ordentlich funktionierende Männergeschichten auch sind, sie bieten wenigstens den Vorteil von Freiheit und weitgehender Selbstbestimmung für die Frau. Auch wenn diese oft vor Sehnsucht nach Telefonanrufen der Geliebten vergeht.

Die Mutter

Zum Schluss wird auch die Beziehung zu Mutter genauer beleuchtet, als diese im Krankenhaus in Waidhofen stirbt. Die Tochter hat bis zuletzt an dieser hingebungsvollen Mutter gehangen, vor ihr aber ihre Männergeschichten tunlichst geheim gehalten, denn in das Weltbild der Mutter hätten diese nicht gepasst, obwohl man mit ihr durchaus ungeniert über Sex hätte reden können – was aber wiederum Marie-Therese nicht zusammengebracht hat.

Heide Pils: Leicht muss man sein. Roman vom Lieben und Verlassenwerden. Deuticke, Wien, 2003. 155 Seiten

Bild: Wolfgang Krisai: Stadtturm von Retz. Tuschestift, Buntstift, 2016.

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Eduard von Keyserling: Fräulein Rosa Herz. Eine Kleinstadtliebe.

Wolfgang Krisai: Abend in Mödling. Ölpastell, 2007.

Während einer längeren Zugfahrt las ich „Fräulein Rosa Herz“ von Eduard Graf von Keyserling. Der Roman ist der Erstling des Autors und noch völlig anders geartet als die späteren „impressionistischen“ Werke. Dieser Roman entwickelt sich von einer humorigen Karikatur seiner Heldin zu einem tragischen Werk.

Ein überspanntes Mädchen

Rosa Herz ist ein sprechender Name: für ein Mädchen, das reichlich überspannt nur dem eigenen Gefühlsleben huldigt. Sie benimmt sich, als wäre sie die Königin der ganzen Welt. Was krass mit ihrer wirklichen gesellschaftlichen Stellung kontrastiert. Rosa ist nämlich die Tochter eines ehemaligen Balletttänzers und einer Tänzerin, die bei ihrer Geburt gestorben ist. Daraufhin übersiedelte der überforderte Vater mit dem Baby zu seiner Schwester in eine Kleinstadt. Seine Lebensziele sind: selbst ein akzeptierter Bürger dieser Kleinstadt zu werden und Rosa eine Karriere als bürgerliche Tochter zu ermöglichen.

Doch Rosa macht ihm da einen Strich durch die Rechnung. Selbstherrlich bestimmt sie, wann sie in die Schule geht und wann sie schwänzt. Mitten am Vormittag spaziert sie in den Stadtpark, wohin sie einen kürzlich selbst ausgesuchten „Verehrer“ bestellt, der sich geschmeichelt fühlt, obwohl er sich eher benutzt fühlen müsste. Rosa hat ja ohne wirkliches Gefühl für ihn einfach beschlossen, sie müsse jetzt einen Freund haben, und eben ihn, den etwas tölpelhalften Riesen aus der Nachbarschule, ausersehen, der Geliebte zu sein.

Herz im Sturm erobert

Natürlich dauert diese „Liebe“ nur so lang, bis Rosa etwas Besseres findet. Das stellt sich in Gestalt des Ambrosius Tellerat ein: Dieser Jüngling ist auf die schiefe Bahn geraten und wird nun zu seinem Onkel, Herrn Bürgermeister Lanin, und dessen Familie geschickt, um dort wieder vernünftig zu werden. Rosa steht in enger Verbindung zu dieser Familie, da Tochter Sally Lanin ihre Schulfreundin und sie häufig bei Lanins zu Gast ist. Lanin betreibt einen Kolonialwarenladen, wo der linkische Konrad Lurch Kommis ist. Er verehrt Rosa, ist sich aber der Hoffnungslosigkeit seiner Liebe bewusst. Sally und Rosa springen mit ihm wie mit einem minderbemittelten Sklaven um.

Ambrosius erobert Rosas Herz im Sturm, da braucht er sich gar nicht anzustrengen. Allein sein hochnäsiges Gehabe und seine arrogante Herablassung allem Kleinstädtischen gegenüber bewirken schon völliges Hinschmelzen des Mädchens.

Küsserei im dunklen Gwölb

Bei einem Hausball der Lanins kommt es zu einer ersten Küsserei zwischen Rosa und Lanin, und zwar im finsteren „Gwölb“ des Ladens. Erst mitten im Geschehen werden die beiden eines Beobachters gewahr: Lurch! Rosa fällt in Ohnmacht. Ambrosius stiehlt sich davon und überlässt die Ohnmächtige dem hingerissenen Lurch. Kaum erwacht, ergreift sie vor dem Kommis die Flucht.

Rosa und Ambrosius treffen sich nun häufig im Hinterzimmer des Trödlerladens gegenüber von Lanins Haus, der dem Juden Wulf gehört. Seine Tochter Ida ist eine Mitwisserin. Doch auch Sally bleibt Ambrosius’ Liebesnest nicht verborgen, und wutentbrannt – sie hat sich selbst Hoffnungen auf Ambrosius gemacht – verpetzt sie ihren Cousin bei den Eltern. Diese beschließen die sofortige Heimreise des Burschen.

Rosa will durchbrennen

Doch dem wollen Rosa und Ambrosius zuvorkommen, indem sie auf Rosas Wunsch zwecks Eheschließung nach Paris durchbrennen.

Ambrosius ist davon mäßig begeistert, lässt sich aber von Rosa immerhin so weit drängen, dass er bei Wulf einen Wucherkredit aufnimmt. Als Bürgen will er Lurch gewinnen, der aber nicht unterschreiben will. Rosa setzt ihre schärfste Waffe ein: wenn er unterschreibt, darf Lurch sie küssen. Das wirkt.

Nun ist ihr Nervenkostüm schon so angegriffen, dass sie sich auch gleich noch Ambrosius hingibt (Keyserling deutet das natürlich nur äußerst dezent an).

Mit dem Durchbrennen wird es trotzdem nichts. Rosa findet sich zwar nachts am vereinbarten Ort vor den Stadtmauern ein, doch Ambrosius kommt nicht. Stattdessen Ida, die erzählt, ihr Vater habe die Sache Herrn Lanin hinterbracht, dieser habe stante pede Ambrosius in den Zug nach Hause gesetzt, und Lurch habe den Kredit zurückzahlen müssen, mit Zinsen.

Rosa ist zerstört. Die ganze Sache ist schon längst Stadtgespräch, der Vater ist verzagt (er ist kein starker Charakter), Rosa kann hier nicht mehr bleiben. Also hofft sie, eine Stelle als Gouvernante in Russland zu bekommen.

Ein verzweifelter Liebhaber

Einmal begegnet sie Lurch, der von Lanin damals entlassen worden war und nun in einer verzweifelten finanziellen und seelischen Lage ist. Er muss seine bettlägrige Mutter betreuen und versorgen. Nun sinkt er vor Rosa in die Knie, gesteht ihr, dass er durch die Rückzahlung des Kredits samt Zinsen seine gesamten Ersparnisse verloren hatte, und hofft, da er nun Rosa auf die gleiche gesellschaftliche Stufe gesunken sieht, dass sie ihn erhört. Diese stößt ihn aber nur angewidert zurück. Daraufhin schneidet er sich die Pulsadern auf.

Der Tod eines Babys

Bevor die Gouvernantenstelle konkret wird, stellt sich heraus, dass Rosa schwanger ist. Nun bringt sie die resolute, aber liebevolle Haushälterin der Familie Herz zu ihrer Schwester, die in dem einschichtigen Dorf Tiglau Hebamme ist. Die ganze Familie der Hebamme Böhk nimmt die Schwangere freundlich auf, schon scheint sich alles zum Besseren zu wenden, das Kind kommt zur Welt, Rosa liebt es von ganzem Herzen – ein Gefühl, das sie vorher überhaupt nicht kannte -, doch ein paar Wochen später stellen sich bei dem Baby Krämpfe ein, die der Doktor nicht bekämpfen kann, und wenige Tage später ist es tot.

Keyserlings Schilderung des Todeskampfs dieses armen kleinen Wesens ist erschütternd, und man kann gut nachfühlen, wie verstört Rosa daraufhin ist.

Unverwüstliches Naturell

Doch Rosas im Grunde unverwüstliches Naturell erholt sich schließlich von dem Schicksalsschlag, und sie fährt wieder nach Hause, wo sie den Vater jedoch nicht mehr vorfindet, weil er einige Wochen zuvor gestorben ist. Sie wendet sich an ihre ehemalige Lehrerin um Hilfe, die sich schon immer ihrer angenommen hatte, und diese vermittelt eine Gouvernantenstelle in Moskau.

Als Rosa in der Kutsche abreist, erblickt sie ihren ersten „Geliebten“, wie er nun mit einer anderen Schulkollegin durch den Ort spaziert. Sie selbst hat die Hoffnung nicht aufgegeben, irgendwann einmal doch den Richtigen zu finden:

„Der Gedanke, sie könnte noch einmal jemand recht liebhaben, machte dieses liebesdurstige Frauenherz für einen Augenblick ganz warm, und Rosa lächelte.“ (S. 545)

Kleinstadtleben meisterhaft geschildert

Keyserlings Schilderung des engstirnigen Kleinstadtlebens ist meisterhaft. Da tummeln sich Menschen aller Gesellschaftsschichten vom Bürgermeister über den sich lebemännisch gebenden Apotheker Klappekahl bis zum dubiosen Trödler Wulf (man fragt sich: Ist Keyserling da ein wenig antisemitisch?), zum Fährmann, Wirt, darüber hinaus Kinder und Jugendliche genauso wie eine „ältere Generation“. Alle überaus treffend gezeichnet.

Stilistische Wandlung

Was Rosa betrifft, so steht der Autor ihr zuerst recht distanziert gegenüber, man hat fast ein Lehrstück auktorialen Erzählens vor sich, wo der Erzähler mit seiner Figur nach Belieben schaltet und waltet. Doch je schlimmer Rosas Lebenslage wird, desto mehr schwindet diese Haltung „von oben herab“ und Keyserlings Erzählstil wird immer einfühlsamer.

Man muss hier also durchhalten, denn auch wenn der Anfang seltsam ist, so entschädigen der weitere Handlungsverlauf und die stilistische Entwicklung dafür voll und ganz.

Eduard von Keyserling: Fräulein Rosa Herz. Eine Kleinstadtliebe. Roman. Nachwort von Wiebke Porombka. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse Verlag, Zürich 2015. 573 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Abend in Mödling. Ölpastell, 2007.

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Eva Rossmann: Russen kommen

Wolfgang Krisai: Windmühle in Retz. 2016. Tuschestift und Buntstift.

Das ist mein erster Mira-Valensky-Krimi, nicht aber der erste der Autorin. Es gibt schon zahlreiche Vorgänger. Mir ist der Roman eher zufällig in die Hände gefallen: weil ich neulich nicht widerstehen konnte, in das Mödlinger Offene Bücherregal zu schauen… Für Kenner der Journalistin-Detektivin hat Eva Rossmann übrigens immer wieder Erinnerungen an frühere Fälle eingestreut.

Offene Fragen um tote Oligarchen

In diesem Krimi geht es, der Titel kündigt es an, um Russen, genauer um den Oligarchen Boris Dolochow und dessen unerfreulichen Zwillingsbruder Wassilij, der in einer luxuriösen Dachwohnung in Wien ziemlich zu Anfang der Handlung tot aufgefunden wird: an einen Liegestuhl gefesselt, gefoltert, verdurstet. Wie es möglich ist, auf einer Wiener Dachterrasse so zu verenden, frage ich mich. Hat Wassilij nicht um Hilfe geschrieen? Nicht einmal auf Russisch? Im Roman fragt sich das niemand.

Dafür fragt sich Mira Valensky gleich am Anfang, weshalb einige Russen, die in einer noblen Schihütte am Arlberg mit Geld um sich werfen, bei der Ankunft des Helikopters eines Bauunternehmers durch die Hintertür die Flucht ergreifen.

Baumeister, mediengeil

Mira will nämlich für das „Magazin“ (vergleichbar mit dem „Spiegel“ oder dem österreichischen „Profil“) eine Reportage über russische Gäste in Österreich schreiben. Die ja legendär reich und spendabel sein sollen. Bei ihren Recherchen stößt sie auf Boris Dolochow, der im Weinviertel, dort, wo sein Vater im Zweiten Weltkrieg gestorben ist, eine Kapelle errichten lassen will (beauftragter Baumeister: Sorger, der mit dem Helikopter; ein mediengeiler Typ, wie man ihn in Österreich sogar als Präsidentschaftskandidaten kennt). Außerdem erfährt sie von einem mysteriösen Autounfall, bei dem zwei Russen ums Leben kamen, ebenfalls im Weinviertel.

Wirtschaftskriminalität

Allmählich entwickelt sich aus all dem eine Kriminalhandlung im Bereich der Wirtschaftskriminalität. Der Kriminelle ist Wassilij, an dem sich aber natürlich nicht Russen, sondern ein Österreicher und ein Deutscher rächen und ihn auf die genannte Weise zu Tode bringen.

Diese Handlung wirkte auf mich mäßig spannend.

Lokalkolorit, originelle Nebenpersonen, Kochrezepte

Verbrämt ist das alles, wie es sich für einen modernen Krimi gehört, mit etwas Lokalkolorit (Wien, Weinviertel, Arlberg), originellen Nebenpersonen, kleineren Beziehungsproblemen der Hauptfigur und – Spezialität von Eva Rossmann – mit kulinarischen Exkursen und Kochrezepten. Eva Rossmann ist da tatsächlich Expertin, ergeht sich daher immer wieder in Haubenkoch-Gefilden, sei es bei der Beschreibung exklusiver Menüs oder von Miras eigenen Koch-Kreationen.

Die originellen Nebenpersonen sind:

die ehemalige Putzfrau von Mira, Vesna, die jetzt ein Reinigungs- und Detektivunternehmen betreibt und eng mit Mira zusammenarbeitet;

der neue Chefredakteur Klaus Felner vom „Magazin“, mit dem sich Mira schnell zusammenrauft, ja anfreundet, weil er sich entgegen allen Erwartungen als brauchbarer Chef erweist, der die Arbeit seiner Mitarbeiterin zu schätzen weiß;

der im Rollstuhl sitzende Kollege Droch, der gute Beziehungen hat und diese für die Handlung nutzbringend einsetzt;

Miras Katze Gismo, die behandelt wird wir ein Scheidungskind: keiner hat richtig Zeit für sie, Frauerl und Herrl sind ständig woanders…

Und die Beziehungsprobleme? Die entstehen daraus, dass Miras Ehemann Oskar, Jurist übrigens, die Russen-Recherchen für gefährlich hält und Mira am Weitermachen hindern will. Vergeblich, natürlich.

Eva Rossmann: Russen kommen. Ein Mira-Valensky-Krimi. Bastei-Lübbe-Taschenbuch, Bastei-Lübbe-Verlag, Köln, 2010. 318 Seiten.

Vor kurzem war ich im Weinviertel, wo dieser Krimi zum Teil spielt. Die Retzer Windmühle ist dort eine wichtige Sehenswürdigkeit. Wolfgang Krisai: Windmühle in Retz. 2016. Tuschestift und Buntstift.

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Eduard von Keyserling: Dumala

Wolfgang Krisai: Hunyadischloss in Maria Enzersdorf. 2013, Buntstift, Tuschestift.

Schon die ersten paar Seiten dieses kurzen Romans haben mich für ihn gewonnen: Pastor Erwin Werner, ein stattlicher junger Mann, singt ein schwülstiges Liebeslied, „Am Meer“ von Franz Schubert mit Text von Heinrich Heine, und seine rotbackige Frau begleitet ihn am Klavier. Sie ist von ihrem Mann hingerissen, er von der sehnsüchtigen Stimmung des Liedes. Doch kaum ist der letzte Ton verklungen, „kam der Rückschlag“ (S. 8):

„Wie Siegfried!“, kam es leise über die Lippen der kleinen Frau.

„Wer?“, fuhr Pastor Werner auf.

„Du“, sagte seine Frau.

Werner lachte spöttisch, wandte sich ab und begann, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und ab zu gehen.

So war es jedes Mal, wenn er sich im Singen hatte gehen lassen, wenn er sich mit Gefühl vollgetrunken hatte.

Dann kam der Rückschlag.

Man hat geglaubt, etwas Großes zu erleben, einen Schmerz, eine Leidenschaft, und dann war es nur ein Lied, etwas, das ein anderer erlebt hat, und die Wände des Zimmers mit ihren Photographien, die großen schwarz und rot gemusterten Möbel, all das beengte ihn, drückte auf ihn.“ 

Bei darauf folgenden Abendessen bringt Lene, die Frau, das Gespräch auf Karola, die Baronin von Dumala, die in der Nähe auf Schloss Dumala wohnt.

Lene seuftze: „Natürlich! Diese Frau ist ja so schön!“

„Was ist dabei zu seufzen?“, sagte Werner. „Lass sie doch schön sein.“

„Weil ist sie nicht mag“, fuhr Lene fort, „deshalb. Sie will alle Männer in sich verliebt machen. Aber schön ist sie.“ 

Werner lachte. „Was für Männer? Die arme Frau pflegt ihren gelähmten Mann Tag und Nacht. Die sieht ja keinen. […]“

„Dich sieht sie doch.“ Lene nahm einen herausfordernden Ton an, als suche sie Streit.

Werner zuckte nur die Achseln. „Mich!“ (S. 9f)

Doppelbödigkeit

Damit ist schon auf den ersten paar Seiten die ganze Problematik der Handlung eröffnet: Der Pastor hält es mit seiner kleinen, vergleichsweise unattraktiven Frau nicht mehr aus und spielt lieber mit dem Feuer, indem er häufig auf „Krankenbesuch“ auf Schloss Dumala erscheint, in erster Linie natürlich, um der Baronin nahe zu sein. Lene stichelt ein bisschen herum, ohne die Dramatik der Gefühlslage ihres Mannes auch nur zu erahnen.

Alle Gespräche, die geführt werden, haben – das liebe ich an Keyserlings Romanen – unter der Oberfläche eine zweite, meist konträre Bedeutung. Unter aller Höflichkeit, Christlichkeit, Moralität brodeln Leidenschaft, Unbeherrschtheit, Liebe und Hass.

Pastor Werner spielt den wortgewaltigen Hirten seiner Gemeinde, wenn er von der Kanzel „herabdonnert“, wie seine Frau halb spöttisch, halb bewundernd sagt. Doch in Wirklichkeit überfallen ihn, kaum ist er irgendwo allein, die Bilder der angebeteten Baronin, und oft verlässt er dann überstürzt das Haus und marschiert wie ferngesteuert nach Dumala.

Nach dem Bild des Autors geformt

Dort amüsiert sich Schlossherr Baron von Werland schon über den eifrig Nächstenliebe übenden Geistlichen. Ich vermute, Werland ist nach dem Bilde des Autors gemodelt: Auch Keyserling war 1907, im Erscheinungsjahr des Romans, nicht mehr gehfähig, da ihn ein Rückmarksleiden als Folge der Syphilis befallen hatte. Außerdem war er drauf und dran zu erblinden oder schon erblindet. Aber er soll sein Leiden mit bissigem Humor ertragen haben, genau wie Baron Werland, der den Pastor mit kritischen Bemerkungen über Religion und insbesondere das Jenseits sekkiert:

Aber der Baron wurde eifrig: „Ich weiß, der Glaube. Nein, Ihr Glaube ist ein Kunststück, zu dem ich kein Talent habe. […] Natürlich! Ihr seid gesund. Ihr denkt so nebenbei einmal: Unsterblichkeit – wie schön! Leben nach dem Tode – entzückend! Und damit ist’s gut. Aber ich – mich geht das jetzt was an. Sehn Sie, Pastor, wenn Sie zu Hause bleiben wollen, nun, dann ist’s Ihnen gleich, wann der Schnellzug nach Paris geht und ob er Anschluss hat. […] Aber wenn die Koffer gepackt sind, ja dann blättern Sie im Kursbuch, dann kommt es auf Genauigkeit an. Nach – also – ich – ich seh mir das Kursbuch an, und, Pastor, ich sag Ihnen, es gibt keinen Anschluss. Wir bleiben liegen.“ (S. 30)

In dem Sekretär des Hauses, den jungen Pichwit, den der Baron als „Pagen“ und „Troubadour“ bezeichnet (S. 33), hat Werner einen Konkurrenten in der Liebe zu Karola. Pichwits Situation ist genauso hoffnungslos wie die Werners, da Karola ihn nicht ernst nimmt, sondern eben nur wie einen Pagen behandelt.

Die Galgenbrücke

Man könnte fast sagen, der Roman sei eine Novelle, weil darin ein Ding eine symbolhafte, wichtige Rolle spielt: die Galgenbrücke. Das ist eine alte, morsche Holzbrücke über eine Schlucht, über die man lieber nicht mehr geht, geschweige den fährt. Doch eines Nachts rast Werner auf seinem von einem braven Schecken gezogenen Schlitten auf die Brücke zu, nachdem er nach einem besonders enttäuschenden Besuch bei Werlands im Wirtshaus einen steifen Grog getrunken hat. Er hat beim Wirt den Dorfschullehrer und den Küster aufgegabelt, und diesen beiden fällt das Herz in die Hosen, als sie merken, worauf sie zurasen. Fast bricht das Pferd ein, es kann sich gerade noch hochrappeln – und drüben ist man.

So wird diese wichtige Brücke mit einer höchst eindrucksvollen Szene in die Handlung eingeführt.

Ein Frauenheld

Wenig später – alles spielt sich ja in ein paar tief verschneiten Wintermonaten ab – taucht auf Dumala der Baron Behrendt von Rast als Besucher auf, der im Ruf steht, ein großer Frauenheld, ja Frauenverbraucher zu sein. Und tatsächlich, schnell wird er zum täglichen Gast, der Karola unverhohlen den Hof macht. Karola genießt das, während Pichwit, Werner und Werland, jeder auf seine Weise, vor Eifersucht vergehen.

Bald ist Rast am Ziel seiner Werbung und kommt jetzt nur noch spät nachts über die Galgenbrücke gefahren. Werner wird das von einem Förster hinterbracht, und obwohl er den Förster barsch zurechtweist, dass er seine Herrin nicht verleumden solle, ist er alarmiert und macht sich nachts, als Lene schläft, auf den Weg zur Brücke. Dort beobachtet er den vorbeisausenden Schlitten, geht ihm nach bis zum Schloss und starrt hinauf zum Fenster. Er wundert sich nicht, dass sich plötzlich Pichwit zu ihm gesellt und ihm genau erzählt, wann Rast immer kommt. Nachdem Rast zurückgefahren ist, stapft Werner innerlich kochend nach Hause.

Mordphantasien

Seine ohnmächtige Lage bringt Werner zur Weißglut. Ständig sieht er das Bild des über die Brücke setzenden Rast vor sich, jede Nacht schleicht er hinaus zu Brücke und Schloss und beobachtet. Mordphantasien überfallen ihn. Bei einem Pastor ist das besonders verwerflich, aber Werner kann’s nicht ändern.

Bei einem Gang durch den Wald stößt Werner einmal auf Rast und Karola, die einander umarmen. Am Höhepunkt seiner Eifersucht schleicht Werner in einer der nächsten Nächte nicht ins Schloss nach, sondern geht auf die Brücke und reißt ein morsches Brett nach dem anderen los und wirft es in die Tiefe. Soll Rast doch da hinunterkrachen!

Auf einem versteckten Beobachtungsposten wartet Werner auf die Rückkehr des Verführers. Als er schließlich den Schlitten herannahmen hört, springt er doch auf, läuft ihm entgegen, schreit halt und stoppt ihn. Rast geht zum Loch in der Brücke:

Rast kam zurück. „Seltsam!“, sagte er. „Wie das geschehen konnte! Sie wissen das natürlich nicht? Nein, wie sollten sie.“ (S. 143)

Rast lädt seinen „Lebensretter“ auf ein Gläschen Sekt ein, um die Rettung zu feiern, und bekommt im Nu heraus, dass sein Retter eigentlich sein Mörder sein wollte.

„Prosit Pastor! Prosit Lebensretter! Natürlich wusst’ ich’s. Auf Ihr Wohl! Hier in der Gegend sind Sie der Einzige, das so was kann. Teufel noch einmal, so was! Eine Fall wie für einen Wolf. Herr, Sie müssen ordentlich hassen können. Aber gekonnt, bis zu Ende gekonnt haben Sie’s auch nicht.“ (S. 150)

Wenige Tage darauf brennt Karola mit Rast nach Florenz durch. Und wenig später liegt Baron Werland, der nun völlig vereinsamt ist, im Sterben. Ein letztes Mal lässt er sich frisieren, stirbt jedoch dabei vor den Augen Werners und Pichwits, der als Betreuer die Stelle Karolas eingenommen hatte.

Allein sein – meine Bestimmung

Beim Begräbnis ist die Verwandtschaft entsetzt, dass Werland sein Testament nicht geändert und Karola als Erbin eingesetzt hat. Diese erscheint und lebt nun – von allen gemieden und geächtet – als einsame Schlossherrin auf Dumala.

Zu Werner sagt sie: „Allein sein, das ist wohl meine Bestimmung. Für das Zusammengehen muss ich kein Talent haben. Entweder tu ich den anderen weh oder sie tun mir weh.“ (S. 198)

Zu einer Annäherung Werners an die Schlossherrin kommt es nun nicht mehr, sie igelt sich in ihre Einsamkeit ein. Die letzten Worte des Romans sind Gedanken Werners:

„Seltsam!“, dachte Werner. „Da glaubt man, man sei mit einem anderen schmerzhaft fest verbunden, sei ihm ganz nah, und dann geht ein jeder seinen Weg und weiß nicht, was in dem andern vorgegangen ist. Höchstens grüßt einer den anderen aus seiner Einsamkeit heraus!“ (S. 199f)

Aus den Zitaten wird Keyserlings Stil deutlich, der in einfachem Parlando von den Schrecklichkeiten des Lebens erzählt. Das ist die gleiche Doppelbödigkeit wie in den Dialogen und im Leben der Figuren.

Impressionistisch

Impressionistisch sei das, liest man: „Keyserling ist neben Schnitzler sicher der bedeutendste impressionistische Erzähler“ (Wolfgang Nehring: Eduard von Keyserling. In: Deutsche Dichter, Bd. 6, Reclam, Stuttgart, 1989, S. 292), und: „Die Erzählkunst Keyserlings besteht darin, den Gehalt seiner Werke völlig in Sprache umzusetzen.“ (ebd.) Ja, genau.

Eduard von Keyserling: Dumala. Roman. Nachwort von Philipp Haibach. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse Verlag, Zürich, 2014. 221 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Hunyadischloss in Maria Enzersdorf. 2013, Buntstift, Tuschestift.

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Eduard von Keyserling: Beate und Mareile. Eine Schlossgeschichte

Wolfgang Krisai: Altes Schloss Laxenburg. 2015. Tuschestift, Buntstift.

Weder Beate noch Mareile ist die Hauptfigur dieser Erzählung, sondern Günther von Tarniff, ein junger baltischer Graf, der sich auf sein Landgut in Lettland zurückgezogen hat und dort ein ruhiges Leben mit seiner Frau Beate und seinen Kindern leben will. Abendgesellschaften, Schlittenfahrten, Jagden… damit vertreibt man sich in diesen Kreisen die Zeit. Die ältere Generation beobachtet die jüngere und misst sie an engstirnigen Maßstäben. Das ganze hat etwas vom Leben in einem winzigen Bergdorf, jeder kennt jeden, jeder überwacht jeden, niemand ist frei und glücklich.

Das spürt auch Günther, dessen Frau bieder und unzugänglich ist, sodass er sexuelle Entspannung bei der Bauerntochter Eve sucht und zunächst auch findet. Beate merkt nichts, bis sie eine ungewollt schwanger gewordene Dienstbotin ungnädig entlässt und diese ihr brieflich reinen Wein über ihren Gatten einschenkt.

Eine spannendere Frau

Dieser hat allerdings Eve schon hinter sich gelassen und sich einer spannenderen Frau genähert: der Verwalterstochter Mareile, die eine gefeierte Sängerin ist. Warum sie nun aber monatelang Zeit hat, sich in ihrem baltischen Heimatdorf aufzuhalten, habe ich entweder überlesen oder erfährt man nicht. Genug: Sie ist da, und alle Männer haben nur noch Augen für sie. Das geschieht schon zu Beginn der Erzählung, doch zu diesem Zeitpunkt lässt sie Günther noch nicht an sich heran, sondern heiratet den Kunstmaler Hans Berkow.

Dieser erweist sich aber als zu banale Gestalt, sie verlässt ihn und kehrt nach Lantin zurück in ihr Elternhaus.

Nun schlägt Günthers Stunde: Er reitet mit Mareile aus, sie kommen sich näher, und da es weit und breit keine bessere Partie gibt, muss es kommen, wie es kommt. In einem abgelegenen Gartenpavillon schlagen sie ihr Liebesnest auf – unbemerkt beobachtet von der zähneknirschend resignierenden Eve.

Unvorsichtig

Beate merkt lange nichts. Doch die Liebenden werden unvorsichtig, und eines Tages sieht Beate vom Fenster aus zuerst Mareile in den Wald verschwinden und dann Günther – und zieht ihre Schlüsse. Und fasst ihren Beschluss: Mareile muss weg. Sie stellt Günther vor die Wahl: entweder Mareile geht oder sie.

Günther, der zum radikalen Bruch mit seiner engelgleichen Gattin nicht bereit ist, trennt sich also von Mareile, die nach Berlin geht.

Einige Wochen später hält Günther es jedoch nicht mehr aus und fährt ihr nach. In Berlin wird die Liaison stürmisch erneuert. Bis es bei einer Abendgesellschaft zum Eklat kommt: Ein Adeliger verurteilt Günthers Verhalten in ziemlich eindeutigen Worten, weshalb dieser ihn zum Duell fordert.

Duell

Sekundanten. Morgenstunde. Wald. Man misst die Entfernung, die Duellanten treten einander gegenüber, ein Schuss: Günther ist getroffen, wenn auch nicht tödlich.

Nach langwieriger Genesung kehrt er als gebrochener Mann nach Hause zurück und wird von Beate mit Genugtuung empfangen. Eine sterbende Tante hatte ihr gesagt: „Sie kommen zurück“, man müsse nur lange genug warten können. Nun ist Günther wiedergekommen.

Letzte Szene: Mareile ist ebenfalls heimgekehrt, schreibt Günther einen Brief und lädt ihn zu einem Rendezvous im Gartenpavillon ein. Er gibt ihr eine abschlägige Antwort. An seiner Stelle taucht dort Eve auf, und die beiden Frauen reden übers Verlassenwerden. Eve habe sich in einem Waldtümpel ertränken wollen, es aber nicht geschafft. Und Mareile weiß: Auch sie könnte sich nicht umbringen. Schon gar nicht wegen eine Mannes vom Schloss dort oben. Als letzte Geste ballt sie die Faust in Richtung Schloss.

Ein Leben der Mittelmäßigkeit

Die Erzählung stellt dar, wie sich aus einem Leben der Mittelmäßigkeit einmal eine halbwegs starke Leidenschaft emporringt und schließlich wieder in die Mediokrität zurücksinkt. Günther von Tarniff – schon der Name signalisiert Schwäche und Durchschnittlichkeit. Ein Graf, nicht mehr ganz jung, auch noch nicht alt, der im Grunde nichts zu tun hat, weil er sich nicht ernsthaft um sein Landgut kümmern will – eigentlich eine schreckliche Metapher auf den „normalen Mann“, dessen Leben so dahindümpelt und höchstens einmal von einer Affäre aufgewühlt wird, aus der sich aber nichts Außergewöhnliches entwickelt, sondern die irgendwann in sich zusammenfällt.

Eduard von Keyserling: Beate und Mareile. Eine Schlossgeschichte. Nachwort von Uwe Timm. Zürich, Manesse, 2013. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. 218 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Altes Schloss Laxenburg. 2015. Tuschestift, Buntstift.

 

 

 

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Peter Csendes, Ferdinand Opll (Hgg.): Wien. Geschichte einer Stadt. Band 2: Die frühneuzeitliche Residenz

Wolfgang Krisai: Das Josephinum an der Währingerstraße in Wien. 2014. Tuschestift, Buntstift.Genauso interessant wie, ja, in mancher Hinsicht noch ergiebiger als der erste Band war dieser zweite Band der Geschichte Wiens, der vom 16. bis zum 18. Jahrhundert reicht.

Interessanter deshalb, weil in diesem Band auch die Kultur entsprechend dargestellt ist, also sowohl Literatur als auch Bildende Kunst und Musik. In einem Band, der die Barockzeit und die Aufklärung umfasst, könnte die Kunst kaum ausgelassen werden, während sie von der Steinzeit bis zum Mittelalter zumindest für den Normalbürger heute keine so große Bedeutung hat, wenn man von der gotischen Baukunst absieht.

Was ist mir im Gedächtnis geblieben?

Zweite Türkenbelagerung

Das markanteste Ereignis dieser Zeit war die zweite Türkenbelagerung 1683. Detail am Rande: Im Gegensatz zur ersten waren diesmal unter den Abwehrkräften auch Einheiten von Studenten und Professoren der Universität.

Nach 1683 kam es zu einem großen Bauboom, dem wir die vielen berühmten Barockbauten Wiens verdanken.

Dominanz des Hofes

Voraussetzung dafür war, dass Wien Ende des 16. Jahrhunderts endlich zum fixen Sitz der habsburgischen Herrscher wurde. Maximilian I. hatte ja noch in Innsbruck und Wiener Neustadt, Rudolf II. in Prag residiert.

Wien wurde in Renaissance und Barock von einer bürgerlich dominierten Stadt zu einer höfischen Stadt. Das sieht man nicht nur am Hausbesitz, der vor 1500 noch überwiegend in der Hand der Bürger, um 1750 aber vor allem in adeliger Hand war, wobei Hof und Regierung die dominierenden Besitzer waren. Die Bauten der großen Adelshäuser gruppieren sich wie Trabanten um die Schlösser der Habsburger, sei es um die Hofburg, sei es auch um Schönbrunn, die „Favorita“ (heute: Theresianum), aber auch um Laxenburg.

Wirtschaft

Im Bereich der Wirtschaft verloren die Zünfte nach und nach ihre beherrschende Stellung, da neben den zünftisch organisierten Meisterbetrieben immer mehr freie Handwerker, die entweder vom Zunftzwang befreit waren, weil sie für den Hof arbeiteten oder sogenannte „Störer“ waren, die z. B. im Hauptberuf Soldaten der Stadtgarde, im Nebenberuf aber Handwerker waren, da das Gehalt der Soldaten nicht zum Leben ausreichte.

Im beschriebenen Zeitraum wurden die Märkte als alleinige Stätten, wo man sich mit Waren eindecken konnte, allmählich von festen Geschäften abgelöst.

Allmählich entwickelte sich auch ein Manufakturwesen, das merkantilistisch ausgerichtet war.

Im Gesundheitswesen ist der Bau des Allgemeinen Krankenhauses und des „Narrenturms“ ein großer Fortschritt. Das „Josephinum“ wurde als Ausbildungsstätte für Militärärzte gegründet.

Schulwesen

Dem Schulwesen ist ein großes Kapitel gewidmet. Allgemein bekannt ist ja, dass Maria Theresia die allgemeine Schulpflicht einführte.

Ich wundere mich allerdings, wie sich dafür genug Lehrer finden konnten. Die Lehrer wurden nämlich häufig überhaupt nicht bezahlt, sondern betrieben den Unterricht entweder nebenbei, während sie eigentlich z. B. Organisten oder Mesner waren, oder sie lebten vom Schulgeld, das die Schüler mehr oder weniger regelmäßig bezahlen mussten. Der Lehrberuf war offenbar zumindest in den Volksschulen ein Hungerleiderjob.

Die Schulen waren auch von chronischem Geldmangel heimgesucht. Staatlicherseits wurde alle paar Jahre irgendeine Reformmaßnahme vorgeschrieben, das dafür nötige Geld aber nicht zur Verfügung gestellt. Das erinnert mich sehr an heute wieder „erreichte“ Zustände.

Im Schulwesen spielten bis zur Aufklärung die katholischen Orden, allen voran die Jesuiten, die Hauptrolle. Die Jesuiten sind in die Literatur- und Theatergeschichte durch das jesuitische Schultheater eingegangen, das für sie ein ganz wesentlicher Teil des Unterrichts war. Man dachte, durch das Theaterspielen werde den Schülern die im Stück vertretene Moral bzw. Haltung besser eingeprägt als durch andere Formen des Unterrichts. Damit hatten sie wohl nicht unrecht.

Neben den Jesuiten betrieben z. B. die Piaristen Schulen, die bis heute bestehen, natürlich auch die Benediktiner das berühmte Schottengymnasium, aber auch viele andere Orden. Jeder Orden hatte dabei seine spezifische Ausrichtung. Die Schotten etwa unterrichteten praktisch nur junge Adelige.

Universität

Die Universität hatte im beschriebenen Zeitraum nicht gerade ihre Hochblüte. Das hängt mit Reformation und Gegenreformation zusammen. Es wundert mich nicht, dass viele Professoren und Studenten sich dem Protestantismus zuwandten, da die Universitäten dem Neuen ja aufgeschlossen gegenüberstehen. Im Zuge der Gegenreformation setzte der Hof alles daran, die Universität wieder rein katholisch zu machen. Das ging nur schrittweise und führte zu einem Qualitätsverlust, da viele wichtige Professoren lieber in deutschen protestantischen Universitäten unterrichteten als sich unter Zwang dem Katholizismus zu unterwerfen.

Literatur und Theater

In der Literatur spielten zunächst die Humanisten, etwa Conrad Celtis, eine wichtige Rolle, doch in der Barockzeit gab es in Wien kaum bedeutende Autoren, wenn man von dem berühmten Prediger Abraham a Sancta Clara absieht. Erst im Zuge der Aufklärung treten wieder bedeutendere Geister in Erscheinung, der wichtigste unter den Literaten der Aufklärung ist Alois Blumauer. Die wirklich Großen der österreichischen Literatur folgten allerdings erst später. In der Aufklärung kam auch der „Salon“ als kultureller Treffpunkt in Mode.

Im Theater fällt in diese Zeit die Entstehung der Oper und des Wiener Volkstheaters. In der Oper dominierten lange – bis Christoph Willibald Gluck – die Italiener, sowohl als Komponisten wie auch als Librettisten (man denke an Pietro Metastasio).

Architektur und Bildhauerei

In der Architektur prägen noch heute die Bauten des Barock das Wiener Stadtbild: Karlskirche, Peterskirche, Piaristenkirche, und viele, viele andere Barockkirchen; der Leopoldinische Trakt der Hofburg; Schönbrunn, Belvedere, zahllose adelige Stadtpalais und Schlösser; die „Alte Universität“; die städtischen Repräsentations- und Regierungsgebäude orientierten sich am höfischen Stil, so das „Alte Rathaus“ in der Wipplingerstraße. Künstler wie Johann Bernhard Fischer von Erlach oder Johann Lucas von Hildebrandt prägten die Baukunst der Barockzeit.

Unter den Bildhauern ragt Georg Raphael Donner heraus, der auf dem Mehlmarkt den „Providentiabrunnen“ schuf (heute bekannt als „Donnerbrunnen“ auf dem Neuen Markt), wobei er mit einem besonders billigen Angebot den Hofbildhauer Mattielli aus dem Feld schlug.

Musik

Ähnlich wie in der Literatur sind auch in der Musik vor Mitte des 18. Jh. kaum Künstler vertreten, die heute mehr als einem Fachpublikum geläufig sind. Bekannt sind Namen wie Heinrich Isaak oder Paul Hofhaimer, später Christoph Willibald Gluck. Erst mit Haydn, Mozart und Beethoven treten Komponisten von Weltrang in Erscheinung.

Als Berufsmusiker konnte man in Wien am besten leben, wenn man bei Hof angestellt wurde. Immerhin gab es mehrere Hofkapellen, da nicht nur der Kaiser, sondern auch seine Gattin und seine Kinder eigene Kapellen unterhielten. Als Hofmusiker war man bei allen wichtigen Anlässen und Festen im Einsatz.

Unter Maria Theresia wurden die Hofkapellen schließlich radikal verkleinert und schließlich ganz abgeschafft. Stattdessen engagierte man bei Bedarf die nötigen Musiker. Outsourcing, würde man heute sagen. Ob das wirklich eine billigere Lösung war?

Schlechter gestellt waren die Kirchenmusiker, die nur etwa ein Zehntel dessen verdienten, was die Hofmusiker erhielten. Eine Stelle als Organist oder Kirchenmusiker konnte allerdings das Sprungbrett zu einer Stellung bei Hof sein.

Gut lesbares Buch

Stilistisch ist das ganze Buch, obwohl von verschiedenen WissenschaftlerInnen verfasst, in einer auch dem Laien gut verständlichen Sprache verfasst, die die Lektüre angenehm macht. Zahlreiche Abbildungen illustrieren das im Text Gesagte.

Peter Csendes, Ferdinand Opll (Hgg.): Wien. Geschichte einer Stadt. Band 2: Die frühneuzeitliche Residenz (16. bis 18. Jahrhundert). Hg. v. Karl Vocelka und Anna Traninger. Böhlau Verlag, Wien u.a., 2003. 651 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Das Josephinum an der Währingerstraße in Wien. 2014. Tuschestift, Buntstift.

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Johannes Maria Schwarz: Tagebuch eines Jerusalempilgers. Teil 1

Wolfgang Krisai: Ausrüstungsgegenstände aus dem Ersten Weltkrieg, Museo della guerra, Forte Tre Sassi, Italien. 2014. Bleistift.Im Klosterladen des Stiftes Heiligenkreuz entdeckte ich kürzlich diesen zweibändige Reisebericht des katholischen Priesters Johannes Maria Schwarz, kaufte ihn sofort und las nun den ersten Band mit größtem Interesse und Vergnügen.

Schwarz ist bzw. war Priester in Liechtenstein, wird von seinem Bischof für die Dauer der Pilgerreise ins Heilige Land aber vom Dienst freigestellt und von seiner Pfarre mit 30000 Schweizer Franken ausgestattet, die er unterwegs zu wohltätigen Zwecken ausgeben soll. (Welche Personen und Einrichtungen er unterstützt hat, steht auf S. 460.)

Allein und zu Fuß

Das wäre noch nicht so spektakulär und man könnte unmöglich zwei dicke Bände darüber schreiben. Doch Schwarz pilgert allein und zu Fuß, und zwar beileibe nicht auf der Direttissima nach Jerusalem, sondern er macht weite Umwege.

Seine Route führt von Liechtenstein über Tirol, Südbayern, Salzburg nach Wien, über Bratislava und West-Ost durch die Slowakei, die Ukraine, Rumänien, Moldawien, wieder die Ukraine, entlang der Ostküste der Halbinsel Krim nach Russland. Abchasien muss er meiden, daher quert er das Schwarze Meer per Schiff, durchwandert den Norden der Türkei, Georgien, Armenien und erreicht an der Grenze zwischen Armenien und dem Iran seinen östlichsten Punkt. Durch den Iran, die Türkei entlang der syrischen Grenze geht es bis nach Antiochia. Da sich in Syrien der Frieden nicht einstellen will, muss Schwarz per Flugzeug nach Amman weiterreisen und wandert von dort noch ans Tote, dann ans Rote Meer und schließlich auf israelischer Seite zurück nach Norden bis Jerusalem.

7937 km, 230 Tage

7937 Kilometer. Fußmarsch. Bei Wind und Wetter, Hitze und Schnee. 230 Tage ab dem 1. Mai 2013.

Gepäck auf einem „Carrix“, einer Art Nachzieh-Schubkarre. Sandalen an den Füßen. Orientierung per Google Maps und GPS. Quartier in billigen Unterkünften oder im Zelt.

„Unpolierte“ Tagebuchaufzeichnungen

Das Buch gibt die Tagebuchaufzeichnungen des Pilgers „möglichst roh und unpoliert“ wieder, das macht seinen Reiz aus. Schwarz nahm sich unterwegs zum Glück Zeit, ausführlich Tagebuch zu schreiben. Da wiederholt sich zwar manches, zum Beispiel die unzähligen Begegnungen mit Hunden, die nicht immer ungefährlich waren, doch dem Autor gelingt es, sogar das immer Gleiche abwechslungsreich darzustellen.

Eiserner Wille

Der Mann hat einen eisernen Willen, das ist natürlich Voraussetzung für so ein Unternehmen. Manchmal wird dieser Wille auf harte Proben gestellt, etwa wenn das Wetter saumäßig ist, wenn er vor lauter Lärm rund ums Nachtquartier kein Auge zugetan hat, wenn er viele Kilometer am Straßenrand dahintrotten muss und ihn die Lastwagen in den Straßengraben drängen oder wenn freundliche Gastgeber ihn drängen, doch länger bei ihnen zu bleiben.

Schwarz ist kein Neuling in Sachen Pilgern zu Fuß. Schon als junger Mann, erfährt man beiläufig, hat er eine Wanderung auf dem Jakobsweg gemacht. Das wäre ja noch nicht so ungewöhnlich; aber Schwarz machte das ohne Gepäck und ohne Geld. Die Jerusalem-Pilgerreise macht er mit Geld und Gepäck, doch sie ist trotzdem spannend.

Dank Smartphone machte er auch viele Fotos, die nun das Buch illustrieren. Außerdem gäbe es einen Dokumentarfilm, den er so nebenbei auch noch gedreht hat.

Am Sonntag wird gepredigt

Da Schwarz katholischer Priester – offenbar stark konservativer Ausrichtung – ist, kann er auch nicht umhin, einerseits immer wieder mit seinen Gesprächspartnern unterwegs Fragen von Glaube, Kirche und Religion zu erörtern, andererseits aber auch dem Leser ein wenig zu predigen: Er tut dies jeden Sonntag mit einer eingeschobenen Betrachtung über jeweils eine Fragestellung, wie sie von modernen Menschen an einen Priester herangetragen werden: über den Zölibat, ob Religion Privatsache sei, ob im Grunde nicht alle Religionen das Gleiche wollen oder gar seien, was es mit der Dreifaltigkeit auf sich habe, usw., usw.

Diese Predigten sind nett zu lesen, aber sie haben mich, offen gesagt, nicht so begeistert wie der eigentliche Reisebericht.

Solide Gestaltung

Schwarz hat sein Buch im Eigenverlag herausgebracht. Aber es wirkt in keiner Weise selbstgestrickt, enthält praktisch keine Fehler, hat ein lesefreundliches, klares Layout sowie Hardcover und Fadenheftung. Einziger Mangel: Für Bildbeschriftungen hat es nicht mehr gereicht. Das macht meistens nichts, verhindert jedoch, dass man zunächst einmal gemütlich die Fotos samt erklärenden Bildlegenden ansehen kann. Na ja, vielleicht doch keine so unkluge Entscheidung, denn sie zwingt zum Lesen…

Fazit: Tolles Buch! Freue mich schon auf dem zweiten Teil.

Johannes Maria Schwarz: Tagebuch eines Jerusalempilgers. Teil 1: Von Liechtenstein ins Heilige Land. 2., korr. Aufl., Eigenverlag, Heiligenkreuz, 2015. 463 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Ausrüstungsgegenstände aus dem Ersten Weltkrieg, Museo della guerra, Forte Tre Sassi, Italien. 2014. Bleistift. – Schwarz benützte zwar modernere Ausrüstungsgegenstände, die Strapazen ähnelten aber jenen, die die Soldaten im Ersten Weltkrieg zu bestehen hatten.

 

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