Anton Čechov: Die Dame mit dem Hündchen

Wolfgang Krisai: Mädchen mit Hund in der Dordogne. Tuschestift, Buntstifte, 2014.

Ich kaufte mir die zweibändige gebundene Ausgabe von Anton Čechov: „Späte Erzählungen“ aus dem Diogenes-Verlag und las als erste Erzählung „Die Dame mit dem Hündchen“.

Eine junge Dame mit einem Spitz

Zu Anfang spielt diese Erzählung in Jalta unter Kurgästen. Dmitrij Dmitrievič Gurov ist schon zwei Wochen hier auf Kur, da tritt ein neuer Kurgast in Erscheinung: eine junge Dame, zehn Jahre jünger als Kurov, mit einem Hündchen, einem weißen Spitz.

Es dauert nicht lange, da bietet sich für Gurov die Gelegenheit, die Dame kennenzulernen. Sie sitzen nämlich zufällig an nebeneinanderliegenden Tischen auf der Terrasse eines Cafés. Der Hund bietet den Anknüpfungspunkt, und schnell ist man im Gespräch. Die Dame heißt Anna Sergeevna (eine Anspielung auf Anna Sergeevna Karenina) und wirkt wie jemand, der zum ersten Mal allein unterwegs ist. Irgendwie bemitleidenswert, denkt Gurov danach.

Ein erster Kuss, eine erste Nacht

Eine Woche später treffen sie einander wieder, gehen an die Anlegestelle des Dampfers, beobachten die aussteigenden Menschen und stehen immer noch dort, als auch die letzten Ankömmlinge sich entfernt haben. Da küsst Gurov Anna plötzlich leidenschaftlich. „Gehen wir zu Ihnen“, schlägt er vor (S. 296), und Anna lässt sich drauf ein. Nach dem diskret mit Schweigen übergangenen Geschehen im Hotelzimmer erzählt Anna von ihrem schlechten Gewissen. Sie fühle sich vom Bösen verführt. Und Gurov werde sie wohl bald nicht mehr achten, da sie ein leichtfertiges Wesen sei. „Ich bin eine schlechte, niedere Frau, ich verachte mich und denke nicht an Rechtfertigung. Ich habe nicht meinen Mann betrogen, sondern mich selbst. Und nicht erst heute, ich betrüge ihn schon seit langem. Mein Mann ist vielleicht ein ehrenwerter, guter Mensch, aber er ist doch ein Lakai! […] Leben, nur leben wollte ich! […] ich konnte mich nicht mehr beherrschen, etwas war mit mir geschehen, ich war nicht mehr zu halten, sagte zu meinem Mann, ich sei krank, und fuhr hierher …“, erklärt Anna (S. 298)

Noch in derselben Nacht fahren die beiden in einen Nachbarort, wo sie an der Küste sitzen und das Meer betrachten. Ab dieser Nacht treffen sie sich täglich.

Ein Brief vom Ehemann

Als ein Brief von Annas Mann kommt, er sei krank geworden, reist sie ab und verabschiedet sich von Gurov für immer. Sie kehrt in die Gouvernementsstadt S. zurück.

Auch Gurov kehrt nach Moskau zurück, doch die Erinnerung an Anna verfolgt ihn auf Schritt und Tritt. Schließlich fährt er nach S., macht Anna im Theater ausfindig, in einer versteckten Ecke küssen sie einander, doch Anna fleht ihn an, nach Moskau zurückzukehren. Sie werde zu ihm kommen.

Und so setzen sie ihre außereheliche Beziehung fort, indem Anna einmal im Monat unter einem Vorwand nach Moskau fährt und sie miteinander ein paar Stunden im Hotel „Slavjanskij Bazar“ (einem Nobelhotel am Roten Platz) verbringen.

Für Gurov ist klar: Er hat schon viele Beziehungen gehabt, aber noch nie geliebt. Doch nun liebt er zum ersten Mal wirklich:

Ein offenes Ende

„Anna Sergeevna und er liebten sich wie zwei einander sehr nahe, vertraute Menschen, wie Eheleute, wie zärtliche Freunde; ihnen schien, als habe das Schicksal sie füreinander bestimmt, unbegreiflich nur, weshalb er, wie auch sie, mit einem anderen Menschen verheiratet war […]. Danach berieten sie lange, sprachen darüber, wie sie es vermeiden könnten, sich zu verstecken, zu betrügen, in verschiedenen Städten zu leben, sich lange nicht zu sehen. […] und beiden war klar, dass es bis zum Ende noch sehr-sehr weit war und dass das Komplizierteste und Schwierigste eben erst begonnen hatte.“ (S. 314f)

So endet die Geschichte – etwas abrupt.

Interessant daran ist, dass hier die außereheliche Liebe der beiden als die wirkliche Liebe dargestellt wird und man als Leser den Ausgang des Geschehens selbst imaginieren muss. Gelingt es den beiden, ihre Liebe auszuleben? Stirbt vielleicht Annas Ehemann? Betrügt Dmitrijs Frau diesen vielleicht auch? Dann könnten sich Möglichkeiten auftun. Oder wird aus der Liebe doch nichts als ein sich totlaufendes Ritual? Oder fliegt die Sache auf und es kommt zu einem Duell, wo Dmitrij auf der Strecke bleibt?

Eine kongeniale Übersetzung

Die Erzählung ist kurz und flüssig geschrieben. Der Diogenes-Verlag preist in seiner Verlagschronik* die Übersetzung Peter Urbans als kongenial, der lakonischen, alltäglichen Sprache Čechovs angemessen. Für den Verlag steht die wissenschaftliche Transkiption des Namens gleichsam symbolisch für „zeitgemäß“ und „modern“, während die unter dem Namen Tschechow veröffentlichten Ausgaben veraltet seien. Angesichts solcher Überheblichkeit packt mich gleich eine gewisse Skepsis. Leider kann ich nicht überprüfen, welche der Übersetzungen, die ich habe, dem Original am ehesten entspricht.

Für die Diogenes-Ausgabe spricht aber deren umfangreicher Apparat mit Entstehungsgeschichte, Anmerkungen, Selbstzeugnissen, usw. Erfreulicher Weise wurde inzwischen das Problem mit der Betonung der russischen Namen behoben, das in meiner „Drei-Schwestern“-Ausgabe von 1974 noch besteht: In den Anmerkungen werden alle Namen etymologisch erklärt und die Betonung durch Akzente gekennzeichnet. Da erlebt man so seine Betonungs-Überraschungen.

Anton Čechov: Die Dame mit dem Hündchen. In: ders.: Die Dame mit dem Hündchen. Späte Erzählungen 1897-1903. Übersetzt und mit einem umfangreichen Anhang versehen von Peter Urban. Diogenes, Zürich, 2015. S. 291-315.

* Diogenes. Eine illustrierte Verlagschronik 1952 – 2002 mit Bibliographie. Aufgezeichnet von Daniel Kampa. Diogenes, Zürich, 2003.

Bild: Wolfgang Krisai: Mädchen mit Hund in der Dordogne. Tuschestift, Buntstifte, 2014.

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Anton Čechov: Drei Schwestern. Drama in vier Akten.

Wolfgang Krisai: Anton Tschechow, nach einem Foto im Tschechow-Museum, Moskau. Tuschestift, 2017.

In einer russischen Provinzstadt leben drei Schwestern, Olga, Mascha und Irina Sergejewna Prozorow mit ihrem Bruder Andrej in einem geräumigen Haus. Die ersten beiden Akte des vieraktigen Stücks spielen in einem Vestibül mit Blick in den zugehörigen Speisesaal, der dritte im Zimmer von Olga und Irina, der vierte im Garten vor dem Haus.

„Nach Moskau!“ – und doch nicht

Mascha ist mit einem Lehrer, Kolygin, verheiratet, Olga wird im Lauf des Stücks Direktorin des Gymnasiums, ohne dies je angestrebt zu haben, und Irina will heiraten und wird Lehrerin. Das klingt recht solide, wird aber kontrastiert von einem Lebensüberdruss und einer Unlust, in dieser Provinzstadt länger zu leben, die alle drei Frauen erfasst hat. Am liebsten würden sie „nach Moskau!“ ziehen, ein Ausruf, der zum Leitmotiv des Stücks wird. Doch im Endeffekt kann sich keine der drei aufraffen, wirklich die Stadt zu verlassen und in das Moskau ihrer Träume zu ziehen.

Im Haus verkehren einige Gäste, die die Frauen umschwärmen. Ja, im ersten Akt wird auch Andrej noch umschwärmt, und zwar von Natascha, der er einen Heiratsantrag macht. In Akt zwei bis vier sind sie verheiratet, und die Wirklichkeit der Ehe lässt Andrej ernüchtern und Natascha zu einer keifenden Glucke werden.

Offiziere sind attraktiver als Zivilisten

Die anderen Gäste sind alle männlich, zum Großteil Offiziere. Die Damen finden Offiziere attraktiver als Zivilisten. Dementsprechend wenig haben sie für den stets im Hintergrund anwesenden Doktor Cebutykin übrig, einem Militärarzt, der ständig mit bissigen bis dummen Bemerkungen stört.

Oberstleutnant Verschinin ist der sympathischste der Offiziere, und er verliebt sich ausgerechnet in die schon verheiratete Mascha. Allerdings ist er selbst ebenfalls verheiratet, mit einer Frau, die immer wieder Selbstmordversuche macht, und Vater zweier Töchter.

Ein Duell

Irina wird von Baron Tutzenbach, einem deutschstämmigen Russen, der mehrmals betont, er sei kein Deutscher, sondern Russe, sogar orthodox, umschwärmt, doch leider kann sie dessen Liebe nicht erwidern. Im vierten Akt hat sie sich dazu durchgerungen, Tutzenbach, der seine Militärlaufbahn zugunsten eines Zivilberufs aufgegeben hat, trotzdem zu heiraten und ihm eine gute Ehefrau zu sein. Tutzenbach hat sich am Vorabend des vierten Akts jedoch zu einer Beleidigung eines Offiziers hinreißen lassen, was zu einem Duell führt, das während des vierten Aktes in einem nahen Wald stattfindet. Man hört sogar den fernen Schuss, der Tutzenbach das Leben kostet.

Im vierten Akt verlässt die ganze Truppe, der die Offiziere angehören, die Stadt und wird nach Polen versetzt. Allgemeiner Abschied daher.

Im Haus leben schließlich nur noch Andrej, Natascha und deren zwei Kinder. Olga hat eine Dienstwohnung im Gymnasium bezogen, wohin sie auch ihre ehemalige, nun über achtzigjährige Amme Anfisa mitgenommen hat. Irina wird ebenfalls wegziehen.

Noch unglücklicher

Alle drei Schwestern sind am Ende noch unglücklicher als zu Beginn. Mascha sagt, sie führe, da Verschinin jetzt abrücken muss, „ein verpfuschtes Leben“ (S. 75). Aber: „Ist doch alles egal …“ (S. 75) Weiterleben zu müssen ist für sie fast eine Strafe: „Alle gehen von uns fort, einer ist ganz von uns gegangen, ganz, für immer, wir bleiben allein, um unser Leben von vorn anzufangen. Wir müssen leben … Wir müssen leben …“ (S. 77)

Trost in der Arbeit

Irina erhofft sich Trost in der Arbeit: „Morgen werde ich allein fahren, ich werde in der Schule Unterricht geben und mein ganzes Leben denen widmen, die es vielleicht brauchen. […] und ich werde arbeiten, arbeiten …“ (S. 77)

Olga hofft, irgendwann den Sinn ihres Lebens herauszubekommen: „und wir werden erfahren, warum wir leben, warum wir leiden … Wenn man es nur wüßte, wenn man es nur wüßte!“ (S. 78)

Einzig Anfisa ist zufrieden, denn endlich hat sie ein eigenes Zimmer und ein eigenes Bett. Bescheidene Freuden einer uralten Dienstbotin.

Melancholie des sinnlosen Lebens

Tschechow fängt in diesem Stück die Melancholie des sinnlosen Lebens ein. Im Gegensatz zur Erzählung „Das Haus mit dem Giebelzimmer“(siehe vorhergehenden Eintrag) gibt es hier keine Figur, die eine sozialrevolutionäre Ideologie vertritt. Kleine Ansätze dazu bietet nur Baron von Tutzenbach, der ein Lob der Arbeit anstimmt und selbst Unternehmer werden will, den jedoch vor der Ausführung dieses Vorhabens der Tod ereilt. Ein sinnloser Tod in einem zum Glück inzwischen abgekommenen sinnlosen „Ritual“.

Meine Ausgabe, übersetzt und kommentiert von Peter Urban, bietet neben dem Text auch einen umfangreichen Kommentar mit Entstehungsgeschichte, Varianten, Tschechow-Texten über sein Stück und einem sehr nützlichen Stellenkommentar.

Tschechow oder Čechov? Ich tendiere ja eher zu Tschechow, der Diogenes-Verlag bedient sich aber der wissenschaftlichen Transliteration des Namens und schreibt Čechov. Eine unerfreuliche Situation, da man nun zwei Schreibungen parallel hat, unter denen Bücher des Autors veröffentlicht sind…

Anton Čechov: Drei Schwestern. Drama in vier Akten. Übersetzt und herausgegeben von Peter Urban. Diogenes, Zürich, 1974. detebe. 131 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Anton Tschechow, nach einem Foto im Tschechow-Museum, Moskau. Tuschestift, 2017.

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Anton Pawlowitsch Tschechow: Das Haus mit dem Giebelzimmer

Wolfgang Krisai: Haus in Maria Enzersdorf. Tuschestift, Buntstift, 2013.Unter drei verschiedenen Titeln habe ich diese Erzählung zu Hause: „Das Haus mit dem Giebelzimmer“, „Das Haus mit dem Mansardendach“ und „Missjussj“.

Ein Maler, zwei Mädchen, ein Landgut

Es geht um einen Landschaftsmaler jüngeren Alters, der auf dem Landgut seines Freundes Belokurow im Gouvernement T. (Tver? Tula?) einen gemütlichen Sommer verbringt, großteils mit Faulenzen. Eines Tages entdeckt er auf einem langen Spaziergang ein nettes Gutshaus mit Giebelzimmer, dringt in den weitläufigen Garten ein und begegnet dort zwei Mädchen, die ihn erstaunt beobachten, aber gewähren lassen. Als er wieder zu Hause ist, fragt der Ich-Erzähler seinen Freund, wer die beiden wohl gewesen seien.

Bald darauf begegnet den beiden bei einem Spaziergang das ältere der beiden Mädchen, Lidija Woltschaninowa, die Belokurow kennt und aufs Gut einlädt. Aus dem darauf folgenden Besuch entwickelt sich im Lauf des Sommers ein regelmäßiger Kontakt des Malers mit den im Landgut wohnenden Damen. Neben Lidija, genannt Lida, sind es deren Mutter Jekaterina Pawlowna und ihre sechzehnjährige Schwester Shenja, die aus der Kindheit den Spitznamen Missjussj trägt (unklar, wie man das korrekt ausspricht).

Konträre Standpunkte

Lida ist eine tatkräftige junge Frau, die es als ihre Aufgabe ansieht, für die Bauern des Umlandes Gutes zu tun, indem sie Schulen und Apotheken fördert. Neben ihren dezidierten Ansichten duldet sie keine weiteren, daher gerät sie mit dem Maler immer wieder aneinander, der über die Wohlfahrt der Bevölkerung ganz andere, nämlich kommunistische Ansichten hat. Shenja hingegen ist still und sanft und verliebt sich allmählich in den jungen Künstler.

Gegen Ende der Erzählung kommt es zum Eklat, als dem Maler einmal die Geduld reißt und er ungewöhnlich heftig widerspricht, als Lida wieder einmal mahnt, man müsse doch Schulen und Apotheken fördern. Im Gegenteil, ruft er, gerade diese Art, die Bauern zu fördern, bewirke das Gegenteil, nämlich noch größere Abhängigkeit vom Grundherrn und noch härtere Arbeit. Auf lange Sicht müsse das System der ungleichen Besitzverhältnisse und Arbeitsverteilung über den Haufen geworfen werden. Wenn alle Menschen sich an der Arbeit, die zum Wohl aller getan werden muss, beteiligen, bleibe auch allen genug Freizeit, um sich zu bilden. Erst das werde zu wahrer Bildung führen und die Menschen glücklich machen.

Leidenschaftlicher Kuss

Als Lida beleidigt ist, zieht sich der Maler zurück und will nach Hause gehen, trifft im Garten aber auf Shenja, die ihn ein Stück begleitet. Es ist schon eine herbstlich kühle Nacht, und sie friert bald erbärmlich. Als ihr der Maler seinen Mantel umlegen will, übermannt es ihn und er küsst Shenja leidenschaftlich. Deren Reaktion ist zwar nicht ablehnend, sie gesteht dem Maler aber, dass sie zu Hause keine Geheimnisse voreinander hätten und sie daher sofort den Vorfall der Mutter und der Schwester berichten werde. Und sie fürchte, Lida werde die Sache nicht gutheißen…

Als Shenja weg ist, streift der Maler noch lange im Garten herum und starrt zu den Fenstern des Giebelzimmers, wo Shenja wohnt, hinauf.

Abgereist…

Als er am nächsten Nachmittag wiederkommt, trifft er nur Lida an, die einem Mädchen Unterricht gibt und ihm sagt, die beiden anderen seien abgereist und würden den Winter über wegbleiben. Ein Diener steckt dem Maler ein Briefchen Shenjas zu: „Ich habe alles meiner Schwester erzählt, und sie verlangt, daß ich mich von Ihnen trenne“, las ich. „Ich habe nicht die Kraft, sie durch meinen Ungehorsam zu kränken. Gott möge Ihnen Glück gewähren, verzeihen Sie mir. Wenn Sie wüßten, wie bitterlich ich und Mama weinen!“ (S. 271)

Ein Abschnitt, der Jahre später spielt, schließt die Erzählung. Der Maler hat zufällig Belorukow getroffen, den er nach den Woltschaninows fragt. Doch dieser weiß nicht viel, von Shenja gar nichts.

Der Maler denkt auch nach Jahren immer wieder an das Haus mit dem Giebelzimmer, „und aus irgendeinem Grunde glaube ich, daß man auch meiner gedankt, daß man auf mich wartet – und wir uns einst noch begegnen werden … Mißjussj, wo bist du?“ (S. 273)

Eine Liebe, die nicht gedeihen konnte

Das ist eine schöne, melancholische Erzählung über eine Liebe, die nicht gedeihen kann und doch nicht ganz stirbt. Die einem dann das ganze Leben lang nachhängt als verpasste Gelegenheit und als Versagen. Im Grunde waren es die politischen Differenzen und die mangelnde Toleranz den Andersdenkenden gegenüber, die diese Liebe zum Scheitern brachten. Durchaus lebensnah.

Anton Pawlowitsch Tschechow: Das Haus mit dem Giebelzimmer. In: A. Tsch.: Neue Meistererzählungen. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig, 1949. S. 246-273.

Bild: Wolfgang Krisai: Haus in Maria Enzersdorf. Tuschestift, Buntstift, 2013.

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Günter Düriegl: Wien 1683. Die zweite Türkenbelagerung

Wolfgang Krisai: Wehrturm Perchtoldsdorf. Tuschestift. 2015.

Günter Düriegl, als Mitarbeiter des Historischen Museums der Stadt Wien (heute: WienMuseum) für die Bestände an türkischen Memorabilien verantwortlich, beschreibt in diesem gut zu lesenden Buch die Vorgeschichte und – wesentlich genauer – den Ablauf der Türkenbelagerung.

Zu Beginn betont er, man solle sich den Blick auf die türkische Kultur, die damals hoch entwickelt war, nicht dadurch trüben lassen, dass die Türken die Feinde waren.

Zwischen zwei Fronten

Das Heilige Römische Reich deutscher Nation und darin wiederum das Gebiet der Habsburger stand damals zwischen zwei Fronten: im Westen die Franzosen, die unter Ludwig XIV. um die Vorherrschaft in Europa rangen, und im Osten die Osmanen, die ihrerseits nach Europa drängten, indem sie Siebenbürgen, Ungarn und Teile Polens unter ihre Herrschaft bringen wollten.

Kaiser Leopold I. (-1706) brachte eine breite Allianz gegen die Türken zustande: Österreich, Sachsen, Bayern, Polen (unter König Johann III. Sobieski) und andere stellten Truppenkontingente, eine Reihe anderer Staaten steuerten Geldmittel bei (darunter als Hauptgeldgeber Papst Innozenz XI.!), sodass Leopold hoffte, die Türken aus Ungarn vertreiben zu können. Sein Heerführer war Herzog Karl V. von Lothringen, der in diesem Buch als der führende Stratege dargestellt wird.

Vordringen der Türken

Zunächst lief die Sache aber gar nicht so, wie Leopold es sich vorgestellt hatte. Die Türken unter dem ehrgeizigen Feldherrn Kara Mustafa drangen rasch bis weit nach Ungarn vor, die Österreicher mussten sich zurückziehen.

Obwohl Kara Mustafa gar nicht autorisiert war, eine Belagerung Wiens durchzuführen, marschierte er Anfang 1683 auf Wien. Hätte er gewonnen, wäre er hoch geehrt worden. Was ihm andernfalls blühte, hat er wohl gewusst: wenn nicht der Tod im Kampf, so die Hinrichtung durch den eigenen Herrn, vollzogen im September 1683 in Belgrad.

Als die Türken anrückten, flohen 60000 Wiener aus der Stadt, mit ihnen Leopold samt seinem Hofstaat. Er setzte sich nach Passau ab, wo er sich halbwegs sicher fühlen konnte.

Die Geflohenen wurden von einströmenden Flüchtlingen aus dem Osten, wo die Türken alles niederbrannten und jeden massakrierten, der ihnen vor den Krummsäbel kam, ersetzt.

Wien im Belagerungszustand

Klarer Weise stürzte Wien damals in ziemliches Chaos. Die Bürger selbst wären nicht in der Lage gewesen, die Stadt wirkungsvoll zu verteidigen. Das besorgten in erster Linie die Infanteristen des kaiserlichen Heeres. Der Militärkommandant der Stadt war Ernst Rüdiger Graf Starhemberg (Graz 1638 – Vösendorf 1701), ein äußerst fähiger Mann. Ihm zur Seite stand der Wiener Bürgermeister Johann Andreas von Liebenberg (1627-1683), der während der Belagerung von der Ruhr dahingerafft wurde. Die militärischen und die städtischen Behörden sorgten für die Belagerung vor, so gut es noch ging. Die für genau diesen Fall errichtete moderne Stadtmauer mit ihren Bastionen, Ravelins, Palisaden und Gräben wurde ausgebessert, Vorräte angehäuft, Truppen zusammengestellt. Neben den regulären Soldaten wurden Kontingente von Bürgern, Studenten, ja Geistlichen aufgeboten. Je nach militärischer Eignung mussten diese Mannschaften Schanzarbeiten verrichten oder militärische Operationen durchführen.

Um den Angreifern keine gute Deckung zu überlassen, wurden in den Tagen vor der Ankunft der Türken die Vorstädte niedergebrannt, samt allem, was an Vorräten und sonstigem Material noch dort war. Man darf sich die Vorstädte nicht als wie heute dicht bebautes Gebiet vorstellen, sondern nur als locker mit kleinen Bauten bestreutes Land dörflichen Charakters.

Riesiges türkisches Heerlager

Bald darauf bedeckte ein riesiges türkisches Heerlager das Gebiet der Vorstädte: 25000 Zelte für 250000 Leute, davon ca. 90000 Soldaten, von denen wieder rund 20000 eigentliche Belagerungstruppen waren, während die anderen die Gegend um Wien verwüsteten.

Gnadenlos niedergemetzelt

Diese gefährlichen Tataren-Horden wären für den geordneten Kampf unbrauchbar gewesen, sie eigneten sich aber hervorragend, die weitere Umgebung Wiens hinunter bis Wiener Neustadt (das energischen Widerstand leistete) und hinüber bis Ybbs in Schrecken zu versetzen. Diesen Tataren konnte man nicht trauen, wie die Bevölkerung des südlichen Vororts Perchtoldsdorf schmerzlich erfahren musste: Die Einwohner kapitulierten, als ihnen freies Geleit zugesichert wurde, und übergaben ihre Waffen. Kaum waren sie schutzlos, metzelten die Tataren sie gnadenlos nieder.

Fast in die Luft geflogen

Am 14. Juli, noch vor Beginn der eigentlichen Belagerung, wäre Wien fast in die Hände der Türken gefallen: Im Schottenkloster brach ein Brand aus, der auf ein daneben liegendes Pulvermagazin überzugreifen drohte. Die Türken schossen mit ihren Kanonen in das Inferno hinein, wo Guido von Starhemberg, der Neffe des Oberkommandierenden, Männer zwang, unter Lebensgefahr die Fenster des Pulvermagazins zu vermauern, während ihnen die Kugeln der Türken um die Ohren pfiffen.

Als der Brand gelöscht war, kümmerte man sich sofort um die sicherere Verwahrung der Munition und des Pulvers in tiefen Kellern, außerdem ließ Graf Starhemberg sämtliche mit Holzschindeln gedeckten Dächer der Stadt abdecken und exponierte Holzbauten wie das kaiserliche Opern-Freilichttheater (wo Leopold I. 1668 Marc Antonio Cestis Oper „Il pomo d’oro“ hatte aufführen lassen) abreißen.

Fähige türkische Mineure

Kara Mustafa errichtete seinen Zeltpalast auf der Schmelz, von wo aus er den gesamten Kampfplatz überblicken konnte.

Seine Angriffe richtete er vor allem auf die Basteien im Bereich der heutigen Hofburg. Das 300 Meter breite Glacis wurde mit Laufgräben durchzogen, durch die die Türken vorrückten.

Mineure bohrten Stollen unter die Stadtbefestigung und versuchten sie in die Luft zu sprengen. Die Türken waren auf diesem Sektor wahre Meister, während die Wiener nur schlecht ausgebildete Mineure zur Verfügung hatten, die den Türken nichts Wirkungsvolles entgegensetzen konnten.

Rund sechs Wochen dauerte die Belagerung. Die Türken kamen trotz zäher Abwehr der Wiener Meter für Meter näher an die Burgbastei heran. Schließlich gelang es ihnen, eine Bresche in die Stadtmauer zu sprengen, die die Wiener nur notdürftig schließen konnten.

Während der Belagerung schrumpfte die Zahl der Verteidiger stetig dahin, militärische Verluste und die Ruhr waren die Ursache, während die Versorgung mit Lebensmitteln noch relativ gut funktionierte, auch wenn die Nahrungsmittel von Tag zu Tag teurer wurden.

Das Entsatzheer

Währenddessen waren Kaiser Leopold und Herzog Karl von Lothringen nicht untätig. Mit seiner Kavallerie sicherte Karl das Gebiet nördlich der Donau, außerdem war er dabei, das Koalitionsheer für den Entsatz der Stadt zum Einsatz vorzubereiten. Das war nicht ganz einfach, da auch in dieser bedrohlichen Lage kleinliche Streitigkeiten um Rangordnungen und Belohnungen die Fürsten sehr beschäftigten. Der polnische König Johann Sobieski wollte überhaupt die Führungsrolle übernehmen. Pro forma wurde sie ihm auch überlassen, da man sein Heer unbedingt brauchte.

Entscheidungsschlacht am 12. September 1683

Das Entsatzheer überquerte bei Krems und Tulln die Donau. Erste Truppen tauchten am 9. September auf der Kuppe des Wienerwalds auf. Am 12. September kam es zur Entscheidungsschlacht, die im Buch ausführlich geschildert wird. Die beteiligten Heerführer mussten alle in dieser unübersichtlichen Schlacht auf eigene Faust und trotzdem kooperativ handeln. Was tatsächlich gelang, sodass am Abend die Türken in die Flucht geschlagen waren. Diese konnten nur mitnehmen, was man in aller Eile zusammenraffen konnte, doch das meiste ließen sie liegen.

Angeber Sobieski

Typisch für die Rangelei unter den Koalitionären ist die Reaktion der Polen: Obwohl Plünderungen des Türkenlagers in der Nacht verboten waren, hielten sie die Polen nicht daran und räumten schon mal kräftig ab. Das machte Sobieski nicht gerade beliebt unter seinen Partnern, die erst am nächsten Tag ihre Truppen ins türkische Lager ließen.

Sobieski bestand auch darauf, als erster triumphal in die Stadt einzuziehen, obwohl möglicherweise bekannt war, dass Leopold größten Wert darauf legte, dies selbst zu tun. Sobieski zog also am 13. Juli in die Stadt ein, von Soldaten und Wienern bejubelt, während der Kaiser erst am Tag darauf seinen Einzug halten konnte.

Zu einer frostigen Begegnung von Leopold und Sobieski kam es am 15. Juli, wo Leopold nur Sobieski selbst, nicht aber dessen Sohn und die polnischen Adeligen begrüßte. Ein Affront, mit dem Leopold es sich mit Sobieski verscherzte. Die Polen zogen bald ab, während Karl von Lothringen mit seinem Heer ab dem 18. September den Türken nachsetzte. Kaiser Leopold verließ Wien wieder und übersiedelte nach Linz.

Das Buch ist mit zahlreichen zeitgenössischen Abbildung illustriert, darunter zehn Kupferstiche des Holländers Romeyn de Hooghe (1645-1708).

Günter Düriegl: Wien 1683. Die zweite Türkenbelagerung. Böhlau, Wien u. a., 1981. 158 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Wehrturm Perchtoldsdorf. Tuschestift. 2015. – Die Perchtoldsdorfer Bevölkerung wurde 1683 von den Tataren ausradiert.

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Karl Heinz Ritschel: Salzburg. Anmut und Macht

Wolfgang Krisai: Die Georg-Trakl-Alle von Alexander Steinwendtner in Salzburg Nonntal

Karl Heinz Ritschel, von 1964 bis 1995 Chefredakteur der Salzburger Nachrichten, hat eine ganze Menge Bücher über Salzburg geschrieben. Dieser kleine, aber dicke Band bietet eine kurzweilige und informative Zusammenschau und eignet sich damit bestens für das, was ich mit der Lektüre bezwecken wollte: meine Salzburg-Kenntnisse auffrischen und erweitern, anlässlich einer Projektwoche, die ich heuer begleitete. Was mir allerdings nicht gelungen ist: dieses Buch bereits vor der Projektwoche fertigzulesen. Jetzt, im Nachhinein, würde ich am liebsten gleich wieder hinfahren, um all das zu sehen, von dem Ritschel erzählt und das ich noch nicht wahrgenommen habe.

Salzburg von der Steinzeit bis heute

Das Buch verwendet die Geschichte Salzburgs von der Steinzeit bis in die Gegenwart als grobe Grundstruktur, weicht davon aber ab, wenn es angebracht ist. Die einzelnen Abschnitte sind jeweils einem Thema gewidmet, sei es einem Zeitabschnitt (etwa die Römerzeit), sei es einem Bauwerk (dem Dom) oder einer Persönlichkeit (natürlich: Mozart) oder gleich mehreren (den Bischöfen zwischen Marcus Sittikus und Colloredo, letzterem wird dann ein eigenes Kapitel gewidmet). Es sind bei weitem nicht nur die jetzt erwähnten herausragenden Themen, sondern viele, die nicht ganz so nahe liegen, man denke nur z. B. an die Erhardikirche in Nonntal, an den Arzt Paracelsus oder den Dichter Georg Trakl.

Von einem Salzburg-Fan für Salzburg-Fans

Das Buch schrieb ein Salzburg-Fan für Salzburg-Fans, daher werden die dunklen Kapitel der Salzburger Geschichte (die Vertreibung der Protestanten, der Bau der Staatsbrücke durch Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg…) nicht breit ausgeführt.

Illustriert ist der Band mit Reproduktionen farbiger Kunstwerke, die Salzburg darstellen, von der Salzburg-Ansicht in Schedels Weltchronik bis zu einem Blick auf den Kapuzinerberg von Werner Otte (1922-1996).

Für Salzburg-Liebhaber ein äußerst lesenswertes Buch!

Karl Heinz Ritschel: Salzburg. Anmut und Macht. Verlag Anton Pustet, Salzburg – München, 1995. 480 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Die Georg-Trakl-Alle von Alexander Steinwendtner in Salzburg Nonntal. – Nicht im Buch, da erst 2014 aufgestellt, aber trotzdem sehenswert, zumindest für Trakl-Fans. Die „Allee“ aus mannshohen bedruckten Steintafeln befindet sich südlich des „Unipark Nonntal“.

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Ursula Poznanski: Schatten. Thriller

Wolfgang Krisai: Salzburg, Kapitelplatz mit St. Peter, 2013

Das ist nun schon der vierte Thriller um die Salzburger Ermittler Beatrice Kaspary und Florin Wenninger. Im vorhergehenden wurden die beiden ein Paar. Nun wurde es für die Autorin offenbar Zeit, die unerfreuliche Situation mit Beatrices Ex-Mann, dem Widerling Achim, einer Veränderung zuzuführen, denn wenn die Reaktionen einer Figur allzu vorhersehbar und gleichförmig werden, packt den Leser die Langeweile. Und das wäre doch der Tod eines Thrillers…

Mit Nebenfiguren wird aufgeräumt

Also räumt Poznanski mitten im Buch mit Achim auf. Nie wieder wird er der sein, der er war. Wie er allerdings werden wird, erfahren wir in diesem Roman noch nicht. Es muss ja einen Grund geben, den nächsten zu kaufen.

Ein ähnliches Schicksal ereilt in diesem Roman übrigens aus Beatrices ewig unzufriedenen Vorgesetzten. Er wird im nächsten Roman durch eine neue Figur ersetzt werden müssen.

Konfrontiert mit der eigenen Vergangenheit

Dieser Roman lässt sich zunächst eher mäßig spannend an. Ein gefinkelter Mörder, der Lust daran hat, mittels geschickt gestreuter Hinweise Beatrice mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren, treibt sein Unwesen. Man könnte sagen: Schön, dass er Personen aus dem Weg räumt, die Beatrice unsympathisch sind. So zum Beispiel diesen Markus Wallner, der als erstes dran glauben muss. Ein Ausbund an Widerlichkeit, charakterlicher Zwillingsbruder von Achim.

Die Vergangenheit, der sich Beatrice nun neuerlich stellen muss, gibt der Figur neue Facetten: Wir erfahren, dass Beatrice einst Lang hieß, in Wien studierte und mit einer reichlich arroganten, von sich bis zum Platzen überzeugten Kommilitonin in einer WG zusammenlebte, mit Evelyn. Ausgerechnet, als Beatrice, sonst eher ein Mauerblümchen, eine Nacht mit ihrem Angebeteten David Zimmermann verbringt, ruft Evelyn um drei Uhr früh an und fragt, ob Beatrice, von ihr „Hase“ genannt, sie von einer Party abholen könne. Beatrice lehnt ab.

Als sie am nächsten Tag zu Hause ankommt, entdeckt sie Evelyn in deren Zimmer: tot, grausam verstümmelt, in einem Blutbad.

Das war vor 16 Jahren. Seither macht Beatrice sich Vorwürfe, dass sie Evelyn nicht abgeholt hat. Dann wäre diese wohl nicht gestorben…

Aus „Hase“ wird Polizistin

Das grauenvolle Erlebnis wirft Beatrice völlig aus der Bahn, sie gibt ihr Studium auf, trennt sich von David und wird in Salzburg Polizistin.

Das ist allerdings eine erstaunliche Kehrtwendung für eine Person, die von ihrer Freundin als „Hase“ eingestuft wird. Eine Polizistin müsste doch wohl eher „Tiger“, „Wolf“ oder zumindest „Fuchs“ sein. Inzwischen ist Beatrice all das auch geworden. Man fragt sich, wie das möglich war. Ganz einfach: Evelyn hat Beatrice falsch eingeschätzt, sie war niemals bloß ein „Hase“.

Von diesem Spitznamen erfährt Beatrice erst im Lauf dieses Romans, als sie den einstigen Mord an Evelyn, der damals nicht aufgekärt wurde, sich nun als Ermittlerin vornimmt, um zugleich den alten und den neuen Fall zu lösen. Evelyn hat ein Tagebuch hinterlassen, das Beatrice nun lesen kann.

Spannung ab Seite 130

Für den Leser liegen die Fäden, die später verknüpft werden, hier noch so weit auseinander, sodass der Roman auch nicht richtig spannend werden will. Das ändert sich buchstäblich mit einem Schlag, als der Täter auf Seite 130 Beatrice selbst ins Visier nimmt.

Ab dieser Stelle wird nicht mehr nur aus Beatrices Sicht erzählt, sondern mehrheitlich aus der Sicht Florins, der beunruhigt ist, als Beatrice nicht am Fundort der Leiche einer besonders unsympathischen Person, die man als Leser schon lange kennt, eintrifft. Florin muss nun auch die Sorge für die beiden Kinder Beatrices übernehmen und will dies gemeinsam mit Achim machen, der sich allerdings nicht gerade kooperativ verhält. Nur – nicht mehr lange.

Die restlichen 280 Seiten des Romans sind so spannend, dass sie der Bezeichnung Thriller alle Ehre machen.

Auch wenn der Krimi in Salzburg spielt, ist er doch kein typischer Regionalkrimi, da Poznanski mit Salzburger Flair äußerst sparsam umgeht. Hie und da ein Hinweis, ein Schauplatz, das muss genügen.

Ursula Poznanski: Schatten. Thriller.Wunderlich im Rowohlt-Verlag, Reinbek, 2017. 413 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Salzburg, Kapitelplatz mit St. Peter, 2013. – Die goldene Kugel mit männlicher Figur darauf ist Teil des Kunstwerks „Sphaera“ von Stephan Balkenhol aus dem Jahr 2007. Die zugehörige weibliche Figur entdeckt man nur, wenn man weiß, wo sie sich befindet – jedenfalls nicht auf diesem Bild.

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Clemens M. Hutter: Christian Doppler. Der für die Menschheit bedeutendste Salzburger.

Christian Dopplers Geburtshaus in Salzburg. Foto: W. Krisai, 2017

In der Salzburger Dombuchhandlung kaufte ich mir diese Biographie über den bedeutenden Salzburger Christian Doppler.

Radar-Messung und Ultraschall-Untersuchung

Es ist jener Mann, der den Doppler-Effekt entdeckt hat. Hutter zeichnet das eher wenig ereignisreiche Leben dieses Mannes nach, ergänzt die Biographie aber mit historischen Hintergründen aller Art, die manchmal etwas weit hergeholt sind, und vor allem mit für Laien verständlichen Darstellungen all jener Aspekte von Physik und Technik, für die der Doppler-Effekt eine maßgebliche Rolle spielt. Dazu zählen etwas die Entfernungs- und Bewegungsmessung von Sternen und anderen Himmelsobjekten, die Radarfallen auf der Straße, das Radar überhaupt oder die Ultraschall-Untersuchungsmethode. Alles Bereiche, die im heutigen Leben eine große Rolle spielen. Hutter bezeichnet Doppler daher als den „für die Menschheit bedeutendsten Salzburger“.

Doppler wurde 1803 im Haus gegenüber dem Salzburger Landestheater geboren, an dem heute eine große Gedenktafel prangt. Sonst war die Stadt mit Ehrungen ziemlich sparsam, wenn auch in der jüngsten Zeit das Bewusstsein von der Bedeutung Dopplers allmählich steigt.

Ein Talent in Mathematik und Physik

Dopplers Eltern waren relativ wohlhabende Steinmetze. Es war bald klar, dass der schmächtige Christian sich nicht als Nachfolger des Vaters eignete, daher durfte er das Gymnasium besuchen und später studieren. Sein Talent auf dem Gebiet der Mathematik und Physik wurde bald erkannt, er hatte Förderer, die ihm Stellen zunächst als Gymnasiallehrer in Prag, später als Dozent und Professor an der Universität Wien verschafften.

Dopplers Pech war, dass seine Entdeckung im 19. Jahrhundert nicht auf fruchtbaren Boden fallen konnte, weil man technisch nicht in der Lage war, sie zu nützen.

Intrigen an der Uni

Seine Gegner auf der Uni behaupteten erfolgreich, der Doppler-Effekt sei ein Hirngespinst. Erst Albert Einstein stellte endgültig klar, dass Doppler recht gehabt habe und seine Entdeckung bahnbrechend gewesen sei. Da war Doppler jedoch schon mehr als 50 Jahre tot, denn er starb bereits 1853.

Das Buch ist kurzweilig zu lesen und äußerst interessant. Es rückt das Bild von Salzburg als der „Mozart-Stadt“ ein wenig zurecht, müsste man doch nun wohl mit gleichem Recht „Doppler-Stadt“ sagen.

Allen Spuren nachgegangen

Zahlreiche Illustrationen bereichern das Buch. Das geht bis zu einer Abbildung jener Elektrolok der „STEG“ (Salzburger Eisenbahn Transportlogistik GmbH), auf der Unterschrift und Porträt Dopplers prangen. Man sieht: Der Autor ist allen Spuren Dopplers nachgegangen.

Clemens M. Hutter: Christian Doppler. Der für die Menschheit bedeutendste Salzburger. Verlag Anton Pustet, Salzburg, 2017. 173 Seiten. Broschiert, fadengeheftet.

Foto: Christian Dopplers Geburtshaus in Salzburg. W. Krisai, 2017

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