Labé, Louise: Torheit und Liebe

Bild: Wolfgang Krisai: Lesende Frau. Kohle. 2020.

Gestern gekauft, heute schon gelesen: Louise Labé: „Torheit und Liebe“. Das ist der erste Band der Reihe „Femmes de lettres“ aus dem Secession-Verlag.

Louise Labé war mir ein Begriff, da Rilke Sonette dieser Renaissance-Dichterin übertragen hat. Es ist interessant, diese Übertragungen mit den Übersetzungen des vorliegenden Bandes zu vergleichen: Rilke überträgt sehr frei und „rilkeisch“, dennoch trifft er den Sinn der Gedichte sehr gut, die Übersetzerin des neuen Bandes, Monika Fahrenbach-Wachendorff, orientiert sich bewusst nicht an Rilke, sondern übersetzt viel wörtlicher, schafft es aber trotzdem, Verse und Reime in überzeugender Form zustande zu bringen. Beide Versionen haben also etwas für sich.

Frauen, nützt die Möglichkeiten der neuen Zeit

Der Band beginnt mit einem „Widmungsbrief“, in dem die Autorin die Frauen dazu aufruft, die Möglichkeiten der neuen Zeit dazu zu nützen, in Wissenschaft und Kunst hervorzutreten und nicht nur die Rolle der Hausfrau und Mutter zu übernehmen.

Torheit und Liebe im Streit

Das erste Werk ist dann ein Streitgespräch zwischen Folie und Amor. Allerdings geht der Text weit darüber hinaus, da nur der Anfang ein Streitgespräch zwischen den beiden genannten Kontrahenten ist, an das sich dann ein ganzes Gerichtsverfahren vor Zeus anschließt.

Der französische Originaltitel heißt „Débat de Folie et d’Amour“. Für den Franzosen ist völlig klar, dass es hier um ein Streitgespräch zwischen „Torheit“ und „Liebe bzw. Amor“ geht. Während also im Französischen „Folie“ eindeutig ist (das nicht übersetzte Wort „Folie“ im Deutschen hingegen nur dem Französischkundigen etwas sagt), ist „Amour“ mehrdeutiger als die Übersetzung „Amor“.

Das ist aber auch das Einzige, was vielleicht nicht ganz gelungen ist. Der Text selbst liest sich dann sehr flüssig und lebendig. 

Amor und Folie wollen durch die Tür in einen Festsaal eintreten, wohin sie als Gäste des Zeus geladen sind. Folie drängt sich vor, Amor stellt sie zur Rede, ja, schießt dann einen seiner Pfeile auf sie, die sich augenblicklich unsichtbar macht und sich dann an Amor rächt, indem die ihm die Augen auskratzt. Statt dass dieser sich vor Schmerzen krümmt, diskutiert er weiter mit Folie, die ihm daraufhin noch einen Verband über die Augen bindet, den man nie wieder abnehmen kann, weil es ein von den Parzen verzaubertes Band ist.

Da ruft der arme Amor Zeus an, damit ihm Gerechtigkeit widerfahre und Folie aus dem Götterhimmel verbannt werde. Auch seine Mutter Venus ist ganz auf seiner Seite.

Dann bleibt die Liebe spannend

Schließlich kommt es zum Gerichtsverfahren. Amor wird auf seinen Wunsch von Apoll verteidigt, der eine lange Rede hält, Folie lässt sich von Merkur verteidigen, der eine noch längere Rede hält. Apoll sagt: Wenn Amor seine Pfeile gezielt verschießen könne, dann werde durch die damit hergestellten Liebesbeziehungen im Endeffekt eine bessere Gesellschaft ermöglicht. Merkur hingegen plädiert für die Bedeutung der „Torheit“ in der Liebe: Liebe treffe nun einmal die ungleichsten Paare, doch gerade darin liege der Reiz, dass nicht immer alles glatt geht, sondern die Liebe spannend bleibt. Damit bewirke die „Torheit“ mehr als die noch so wohlgezielten Liebespfeile eines sehenden Amor. 

Zeus kann sich nicht entscheiden und vertagt das Urteil auf den Sankt Nimmerleinstag. Bis dahin solle Folie dazu verpflichtet sein, den blinden Amor zu führen.

Beim Lesen ist mir sehr bald aufgefallen, dass man es hier mit einem Pendant zu Erasmus von Rotterdams „Lob der Torheit“ zu tun hat, denn auch hier wird der Torheit das Wort geredet.

24 Sonnette

Nach diesem Hauptwerk der Dichterin folgen drei Elegien und 24 Sonette (jene, die Rilke einst übertragen hat). In allen diesen Gedichten geht es um die Leiden einer vor Sehnsucht fast vergehenden Liebenden, deren Geliebter in der Fremde ist und sich nicht meldet. Die Situation kann man sich sehr gut vorstellen, auch wie man halb wahnsinnig wird, wenn sich der Geliebte nicht und nicht melden will. Ist er vielleicht schon untreu? Das kann nicht sein, wo die Liebende doch so viele Gebete für ihn zu Gott geschickt hat.

Man darf, betont das Nachwort von Labé-Expertin Elisabeth Schulze-Witzenrath, nicht auf den Irrtum verfallen, das „Ich“ der Gedichte für die Autorin selbst zu halten und die Gedichte damit autobiographisch aufzufassen. Louise Labé war mit einem eher prosaischen, deutlich älteren Mann verheiratet. Sehnsüchtige Liebesgedichte aber gehörten zur Konvention der Zeit, sie sind Rollenlyrik, nicht Ausdruck eigenen Unglücks.

Louise Labé wurde als Tochter eines Seilers 1520 oder 1522 in Lyon geboren, begann schon in jungen Jahren zu schreiben, veröffentlichte ihre Werke 1555 (Datum des Widmungsbriefs) und trat bis zu ihrem Tod 1566 nicht weiter literarisch hervor.

Reihe „Femmes de lettres“

Die Idee des Secession-Verlags, eine Reihe mit Werken von „Autorinnen im Europa des 16. bis 18. Jahrhunderts“ herauszubringen, finde ich sehr gut. Es wird ja Zeit, dass die Männerlastigkeit der Literaturgeschichte zumindest ein klein wenig ausgeglichen wird. Es gibt sie nämlich sogar in der Zeit von der Renaissance bis zur Aufklärung, die schreibenden Frauen, man hat sie nur bisher totgeschwiegen.

Die Reihe ist sehr ansprechend und gediegen gestaltet: dunkelblaue Leinenbändchen mit Fadenheftung und Lesebändchen im gewohnten Secession-Format.

Labé, Louise: Torheit und Liebe. Die Werke der Louise Labé. Aus dem Mittelfranzösischen übersetzt von Monika Fahrenbach-Wachendorff. Mit einem Nachwort von Elisabeth Schulze-Witzenrath. Secession-Verlag, Zürich, 2019. Bd. 1 der Reihe „Femmes de lettres“. 

Bild: Wolfgang Krisai: Lesende Frau. Kohle. 2020.

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Poznanski, Ursula: Cryptos

Bild: Wolfgang Krisai: Entwurf für ein Wandbild. Ölkreide. 1991.

Der neueste Jugendthriller von Ursula Poznanski heißt „Cryptos“. Auf dem Cover sieht man die Burg Hochosterwitz auf einem Stück herausgerissenem Erdboden in der Luft schweben – über einer bewölkten Berglandschaft.

Dystopische ferne Zukunft

Das Buch hat aber mit Hochosterwitz oder Burgen nichts zu tun. Vielmehr geht es um virtuelle Welten, die in einer dystopischen nicht allzu fernen Zukunft, in der der Klimawandel das Leben auf der Erde zu einer Hitzehölle gemacht hat, als Zufluchtsorte der Menschen dienen. Das erinnert mich sehr an Tad Williams’ „Otherland“, das hier Pate gestanden sein könnte.

Die Firma Mastermind bietet für die Menschen diese virtuellen Welten an, in die man gelangt, wenn man einen Spezialanzug anzieht, in eine „Kapsel“ steigt, sich diese schließt, der Anzug sich an allerlei Leitungen anschließt und der Benutzer nach wenigen Sekunden in der von ihm angesteuerten virtuellen Welt auftaucht und sich dort bewegen kann, als wäre er ein wirklicher Bewohner dieser Welt.

Quälender Realitätsstopp

Die Heldin und Ich-Erzählerin des Romans, Jana, ist Designerin solcher Welten und arbeitet in einem Mastermind-Designcenter. Sie hat drei unterschiedliche Welten entworfen, das idyllische Kerrybrook, die gefährliche Wildnis Macando und die Welt namens „Cretaceous“. Wird man in einer dieser Welten müde und schläft ein, erwacht man real in der Kapsel, die sich öffnet, und man muss einen sogenannten „Realitätsstopp“ einlegen – für viele eine quälende Zeit zwischen den Ausflügen ins Virtuelle. Sollte man in der virtuellen Welt getötet werden, bedeutet das hingegen nur, dass man aus dieser Welt für einige Zeit hinausfällt und sich eine andere virtuelle Welt aussuchen muss.

Virtuell niedergestochen und real gestorben

Zu Beginn des Romans passiert allerdings in Kerrybrook etwas Unvorhergesehenes: Eine Nutzerin wird niedergestochen und stirbt gleichzeitig real in ihrer Kapsel an einem Stromschlag. Mastermind-Sicherheitsbeamtin Olga will nun von Jana, dass sie herausfindet, was da passiert ist. Auch Sicherheitschef Lauritz, eine von allen gefürchtete Person, will das wissen.

Doch Jana kommt nicht dahinter, weder durch Untersuchung der virtuellen Welt „von außen“ noch von innen, wo sie wie eine Detektivin in Kerrybrook nach dem Mörder sucht.

Neben ihr sitzt im Designstudio der Designer Matisse, mit dem sich Jana angefreundet hat. Er will ihr helfen, genauso wie der attraktive, überaus selbstbewusste Designer Rick. 

Verschwörergruppe

Als die wahren Helfer erweisen sich aber bald die Mitglieder einer Verschwörergruppe, die sich in der verborgenen virtuellen Welt Cryptos treffen und gegen Mastermind arbeiten. Sie haben nämlich entdeckt, dass Mastermind nichts unternimmt, wenn etwa Kapsel-Stationen von Flutwellen überschwemmt werden und die in den Kapseln liegenden User ertrinken oder Kapseln Bränden zum Opfer fallen, usw.

Im Lauf des Romans stellt sich heraus, dass der Mastermind-Chef sogar vorhat, eine Milliarde Menschen zugrunde gehen zu lassen, um der Überbevölkerung der Erde ein Ende zu bereiten. Dieses geplante Massensterben wollen die Cryptos-Leute verhindern.

Originelle virtuelle Weltern

Die in mehreren virtuellen Welten und in der Realität spielende Handlung ist vielfältig, einfallsreich und spannend. Die virtuellen Welten sind recht originell gestaltet, auch wenn sie im Detailreichtum und Überzeugungskraft nicht an jene aus „Otherland“ heranreichen. 

Wie sich’s für ein Jugendbuch gehört, geht alles gut aus. 

Man darf nur nicht allzu genau nachfragen, wie die Realität tatsächlich organisiert ist, denn dann würde einem auffallen, dass die Informationen darüber, wie es technisch möglich ist, dass mehrere Milliarden Menschen praktisch permanent in virtuellen Welten leben, und wie das politisch organisiert ist, sehr dünn sind. Aber das ist ein Charakteristikum aller Bücher, in denen es um die Rettung der Welt geht: Die „Welt“ ist meist ein sehr unterkomplexes „Weltchen“. Na, macht nichts, der von der Spannung zum Weiterlesen getriebene Lesende wird sich solche Fragen nicht stellen.

Poznanski, Ursula: Cryptos. Thriller. Loewe-Verlag, Bindlach, 2020. 443 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Entwurf für ein Wandbild. Ölkreide. 1991.

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Meier, Mischa: Geschichte der Völkerwanderung

Bild: Wolfgang Krisai: Das Heidentor bei Petronell. Kohlezeichnung, 2005.

Das ist das dickste wissenschaftliche Buch zu einem geschichtlichen Thema, das ich je las. Es dauerte auch einige Zeit, bis ich fertig war, nämlich ein halbes Jahr. Allerdings las ich parallel dazu immer auch andere Bücher, setzte sogar zeitweise ganz mit der Lektüre aus.

Wandernde Heere

Ich hatte von der Völkerwanderung eine recht vage Vorstellung. Damit räumte Mischa Meier gründlich auf. Schon die Annahme, da seien irgendwelche Völker von der asiatischen Steppe oder anderen Ausgangsgebieten plötzlich aufgebrochen, jahrelang „gewandert“ und dann über das römische Weltreich hergefallen, ist ein Unsinn. Die Idee von „Völkern“ stammt aus Zeiten, wo der Nationalismus mit seinen Grundannahmen das Denken der Menschen und damit auch der Wissenschaftler einfärbte, hat aber keine historische Grundlage. Was da „wanderte“, waren mehr oder weniger große, mehr oder weniger heterogene Heere unter mehr oder weniger charismatischen und berühmten Heerführern wie etwa Attila. Je erfolgreicher diese Heere waren, desto mehr Kämpfer schlossen sich ihnen unterwegs an, sodass ziemlich bunte Truppen entstanden, deren Anführer unter immer ärgerem Erfolgsdruck standen. Blieb der Erfolg aus, zerfielen diese Heere samt ihrem Anhang manchmal sehr schnell, sodass „Völker“ mir nichts, dir nichts wieder aus der Weltgeschichte verschwinden.

Siedlungs- und Heiratspolitik

Einigen Heerführern allerdings gelang es, der Dynamik der ständigen Neueroberung und Weiterwanderung zu entkommen und ihre Leute im Gebiet des Römischen Weltreichs anzusiedeln. Besonders erfolgreich war da Theoderich der Große, der seine Ostgoten, nachdem sie Italien großteils erobert hatten, dort tatsächlich ansiedeln und ein über längere Zeit stabiles Ostgotenreich errichten konnte. Allerdings wechselte er nicht etwa die ansässige römische Bevölkerung gegen Ostgoten aus, sondern es kam zu einer Kooperation: Die Ostgoten bekamen Land von den Römern, natürlich nicht freiwillig, aber mit solchem Augenmaß, dass sowohl die Römer als auch die Goten ein Auskommen hatten. Außerdem versuchte Theoderich, durch eine geschickte Heiratspolitik ein internationales Beziehungsnetz mit anderen Reichen zu knüpfen, das sein Reich stabilisierte, ja, ihn zu einer Art Primus inter Pares machen sollte. Nach seinem Tod folgten allerdings nicht ganz so fähige Herrscher, sodass das Ostgotenreich schließlich erobert wurde – von den Franken, der aufstrebenden Großmacht am Ende der Völkerwanderung.

Auch Ostrom ausführlich behandelt

Meier greift in seiner Darstellung bis ins 3. Jahrhundert zurück und beendet sie mit dem 8. Jahrhundert. Man verfolgt die Entwicklung so bekannter „Völker“ wie der Ost- und Westgoten, der Hunnen, der Awaren, der Vandalen, der Burgunder und Franken, aber auch weniger geläufiger Gruppierungen wie der Terwingen, Greutungen, Sueben oder Thüringer. Doch auch wenn die westliche Hälfte des römischen Reiches die größere Aufmerksamkeit erfährt, weil sich da einfach mehr tut, behandelt Meier auch das Schicksal des Oströmischen Reiches in der genannten Zeitspanne sehr genau. Vor allem die ständige Verstrickung in Kriege mit den Sassaniden und deren Randvölkern, bis schließlich die Araber erstarken und die Sassaniden hinwegfegen, aber auch Ostrom herbe Verluste zufügen.

Attraktives Ziel für „Barbaren“

Die römische Strategie im Umgang mit Bedrohungen von Barbarenvölkern war, diese bereits vor den Grenzen des Reiches ruhigzustellen, indem man ihnen Fördergelder zukommen ließ, damit sie keinen Anlass mehr hätten, sich innerhalb der Grenzen des römischen Reiches bereichern zu wollen. Allerdings bewirkte diese Strategie auf längere Sicht ein Erstarken einzelner Fürsten, die dann wieder zur Gefahr werden konnten. Immerhin war das römische Reich ein äußerst attraktives Ziel für Barbaren (auch dieser Begriff wird natürlich in extenso problematisiert), denen nicht verborgen blieb, in welchem Wohlstand die Römer lebten, und die daher an diesem Reichtum partizipieren wollten. Waren die Barbaren nicht mehr „draußen“ zu halten, versuchten die Römer sie nach Möglichkeit in ihr Heer zu integrieren, sodass nicht selten Barbaren-Einheiten auf römischer Seite gegen ihre barbarischen „Volks“-Genossen auf der Gegenseite kämpften.

Problematische Quellenlage

Ein Problem, das Meier immer wieder ausführlich behandelt, ist die sehr mangelhafte Quellenlage. Barbarische Geschichtsschreibung gab es kaum, sodass der Historiker meist auf römische Quellen, archäologische Funde und neuerdings DNA-Analysen (die Verwandtschaften von Skeletten aus Gräbern nachweisen kann) angewiesen ist. Angesichts der spärlichen Quellen ist es geradezu erstaunlich, was man da alles herausbekommen hat. Meier weist immer wieder darauf hin, dass vielfach auch mehr herausgelesen wurde, als in den Quellen wirklich steht. Heute ist die Historiker-Zunft da wesentlich vorsichtiger als zu früheren Zeiten.

Schockierende Brutalität

Aufgrund der spärlichen Quellen ist es kein Wunder, dass Meier relativ wenig über Lebensweise, Alltag, Sitten und Kultur der Barbaren zu sagen hat. Am ehesten weiß man noch etwas von den Anführern. Schockierendes Detail zum Beispiel: Ein Westgotenkönig gibt seine Tochter einem Vandalenkönig zur Frau. Die Frau lässt sich irgendetwas zuschulden kommen (politisches Intrigantinnentum), sodass sie der Vandale als abschreckendes Beispiel nach Hause schickt: mit abgehackten Händen und abgeschnittenen Ohren und Nase, glaube ich mich zu erinnern (Meier erwähnt das mehrfach, meist aber nur summarisch: sie sei „verstümmelt“ worden; einmal jedoch wird er konkreter).

Dass man in diesem Zeitalter mit den Feinden oft nicht zimperlich umgegangen ist, darf einen nicht wundern. Immer wieder werden grausige Exempel statuiert, und zwar von allen Parteien. Andererseits verlaufen viele Feldzüge bei weitem weniger blutig, als man meinen könnte, weil oft noch rechtzeitig ein ordentlicher Geldfluss ausverhandelt werden konnte. Die Römer bemühten sich dabei immer, nicht als irgendjemandem tributpflichtig zu erscheinen.

Monumentales, aber lesbares Buch

Meiers monumentales Buch ist schwierig zu lesen, manche Formulierungen gehen einem mit der Zeit schon ein bisschen auf die Nerven (z. B. wird immer wieder irgendein Anführer, ein Heer oder gar ein ganzes Reich „niedergerungen“), aber insgesamt ist das Werk durchaus lesbar, sofern man eine gehörige Portion Konzentration und Durchhaltevermögen aufbringt. Man wird für die Anstrengung mit einem überaus differenzierten Bild einer Epoche belohnt, von der wohl die meisten Menschen – so wie ich – aus ihrer Schulzeit eine viel zu vereinfachende Vorstellung mitbringen.

Das Buch umfasst insgesamt 1530 Seiten, der Text reicht aber nur bis Seite 1103, danach folgen unendliche Mengen von Anmerkungen und ein äußerst umfangreiches Literaturverzeichnis. Solche Stoffmengen zu überblicken und daraus eine gute Gesamtdarstellung zu destillieren, ist eine Meisterleistung.

Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung. Europa, Asien und Afrika vom 3. bis zum 8. Jahrhundert n. Chr. C. H. Beck, München, 2019. Reihe: Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung. 1530 Seiten, einige Abbildungen.

Bild: Wolfgang Krisai: Das Heidentor bei Petronell. Kohlezeichnung, 2005.

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Siegfried Unseld: Reiseberichte

Wolfgang Krisai: Blick über den East River nach Manhattan. Tuschestift, Buntstift, 2017.

Aus an die 1500 Reiseberichten des goßen Verlegers Siegfried Unseld hat Lektor und Herausgeber Raimund Fellinger 35 ausgewählt und in einem großformatigen Bibliothek-Suhrkamp-Band vereint. Sie umfassen die Jahre 1959 bis 1998. Unseld starb 2002.

Blick hinter die Kulissen des Verlagsgeschäfts

Für mich, der diese Zeit zumindest zum Teil bewusst miterlebt hat und schon als Jugendlicher vor allem die Produktion des Suhrkamp-Verlags mit größtem Interesse, wenn auch nicht größter Kaufkraft, mitverfolgt hat, ist das eine äußerst interessante Lektüre, da man ein wenig hinter die Kulissen des Verlagsgeschäfts und über die Schulter gut bekannter Autor*innen schauen kann.

Chaville oder Ohlsdorf

Manchmal gelten die Reisen dem Besuch einzelner Autoren, so etwa Peter Handke oder Thomas Bernhard in ihren Dichter-Refugien in Chaville bzw. Ohlsdorf. Manchmal geht es ins westliche, manchmal ins östliche Ausland. Damals war ja großteils noch die DDR existent, wohin Unseld seine Fühler ausgestreckt hatte. 

Staatsbesuch in Russland

Interessant auch der offizielle Staatsbesuch in Russland als Mitglied der Delegation, die den deutschen Bundespräsidenten zu Präsident Jelzin begleitete. Unseld spielt dort nur eine Nebenrolle, sollte aber ad hoc die Finanzierung von Buchvorhaben zusagen.

Frisch beleidigt

In Paris oder New York trifft Unseld alle Arten von Leuten, die im Buchwesen eine Rolle spielen: Autor*innen bzw. deren Erb*innen, Verlagsmenschen und Buchhändler*innen. Es geht darum, Verträge auszuhandeln, Kontakte zu knüpfen oder zu erneuern, Verlegenheiten auszuräumen (z. B. wenn ein Autor seit Jahren auf eine Antwort des Verlags wartet) oder einfach etwas zu feiern. Zum Beispiel Max Frischs runden Geburtstag: Frisch lebte damals in New York, war während all der vom Verlag ausgerichteten Feierlichkeiten verstimmt und machte hinterher im privaten Rahmen seinem Ärger über Unseld Luft: Dieser habe ihn nicht genügend gewürdigt, ja, habe sogar Lügen verbreitet, die Geschenke seien mickrig gewesen (was sie nicht waren), usw. Manchmal brauchte Unseld schon eine sehr dicke Haut. Aber er steht eisern zu seinen Autor*innen, denn allein diese brächten die Werke hervor, von denen nicht nur sie selbst, sondern die gesamte Buch-Maschinerie mit ihren zahllosen Angestellten lebe.

Mit seinen 378 Seiten liegt der Band angenehm in der Hand, die 35 Reisen bieten einen guten Einblick in die Reisetätigkeit Unselds und machen Lust auf die Verlagschronik Siegfried Unselds, deren Band 1 über das Jahr 1970 bereits bei mir im Regal wartet.

Unseld, Siegfried: Reiseberichte. Bibliothek Suhrkamp 1451. Berlin, Suhrkamp, 2020. 378 Seiten. Bibliothek Suhrkamp 1451.

Bild: Wolfgang Krisai: Blick über den East River nach Manhattan. Tuschestift, Buntstift, 2017.

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Wissenschaft und Technik. Die illustrierte Weltgeschichte

Bild: Wolfgang Krisai: Wetterstation Hinterbrühl. 2014. Tuschestift, Bunstifte.

Die Geschichte der Wissenschaft und Technik ist faszinierend. In der Schule lernte ich einiges davon, aber seither hat sich viel getan, daher ist es kein Fehler, sein Wissen gelegentlich aufzufrischen und zu erweitern. Das habe ich jetzt über mehrer Monate mit der Lektüre des großformatigen Bildbandes „Wissenschaft & Technik. Die illustrierte Weltgeschichte“ aus dem Dorling-Kindersley-Verlag getan. 

Gut bebilderte Wissenschafts- und Technikgeschichte

Die DK-Bücher sind heute nicht mehr nur maßgeblich in der Kinder- und Jugendliteratur, sondern inzwischen auch bei Erwachsenen sehr beliebt, die von Kindheit an diese Form der Aufbereitung von Informationen gewohnt waren. Ich gehöre allerdings nicht zu diesem Typus, könnte also gerne weniger in Häppchen zerstückelte Texte lesen. Das DK-Informationsdesign zwingt den Leser nämlich ständig zu Suche, wo der Text weitergeht, und zu Entscheidungen, welches Zusatz-Kasterl oder welche ergänzende Biographie u. Ä. er als nächstes lesen will. Das braucht Zeit, wenn auch pro Entscheidung nur sehr wenig. Insgesamt macht es die Lektüre aber für mich mühsamer. Andererseits gibt es auf dem Markt keine ähnlich gut bebilderte Wissenschafts- und Technikgeschichte für den Laien, also habe ich mich für dieses Buch entschieden.

Mein Wissen erweitert

Ich kann hier nicht im Einzelnen aufzählen, was mir die Lektüre dieses Wälzers gebracht hat. Jedenfalls aber hat er mein Wissen erweitert, und ich hoffe, dass ich vieles davon auch länger im Gedächtnis behalten werden. 

Eines der letzten Kapitel ist jenes über die Entstehung von Epidemien. Das Buch entstand vor Corona, aber was der Welt mit Corona passiert ist, ist für die Wissenschaft ganz offensichtlich keine Überraschung gewesen, nur für die Öffentlichkeit, die dem Erkenntnisstand der Wissenschaft weit hinterherhinkt.

Umfangreiche Basisinformationen im Anhang

Das Buch bietet nach dem geschichtlichen Teil, der bis Seite 419 reicht, einen umfangreichen Anhang mit einer Übersicht über wissenschaftliche Basics, die man kennen sollte: Maßeinheiten, Grundinformationen zu allen möglichen Naturwissenschaften von der Astronomie bis zur Mathematik, und ganz am Schluss gibt es noch Kurzbiographien all jener Wissenschaftler, die im Buch zwar erwähnt, aber nicht durch eine Biographie im Hauptteil gewürdigt wurden.

Eigentlich ist es fast schade, dass ich das Buch jetzt wieder ins Regal stellen muss. Man sollte es als „Coffee-Table-Book“ herumliegen haben und dann und wann einen Blick hinein werfen…

Wissenschaft & Technik. Die illustrierte Weltgeschichte. Hg. v. Adam Hart-Davis. Dorling Kindersley / Penguin Random House, Aktualisierte deutsche Ausgabe, 2018. 512 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Wetterstation Hinterbrühl. 2014. Tuschestift, Bunstifte.

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Melissa Faliveno: Tomboyland

Wolfgang Krisai: "Ex libris". Porträt von Melissa Faliveno. Tuschestift, Buntstift. 2017.

Ich kenne wenige Menschen, die Schriftsteller*in sind, persönlich. Melissa Faliveno ist eine von ihnen, und noch dazu eine, die ich unter außergewöhnlichen Umständen, nämlich durch zwei zufällige Begegnungen auf der Fähre am East River zwischen Brooklyn und Manhattan, kennengelernt habe. 

Klar, wenn Melissa ein Buch schreibt, muss ich es kaufen und lesen. Im Sommer 2020 war es so weit: Ihr erstes Buch, der Essayband „Tomboyland“, erschien, ich kaufte ihn und las ihn bis im Spätsommer fertig.

Das Buch ist eine sehr interessante Essaysammlung, deren Titel eigentlich perfekt andeutet, worum es gehen wird. Tomboy nennt man eine Person, die zwischen Frau und Mann changiert. Melissa ist so ein Mensch, wie im Essay „Tomboy“ ausführlich dargestellt wird. Und -land? Gemeint ist das Land, aus dem Melissa stammt: Wisconsin. Das „home“ dieses Tomboys. Für meine Ohren klingt es überraschend, wie eine so durch und durch „moderne“ Frau geradezu romantisch und sehnsüchtig von ihrer Heimat spricht, einer Gegend im konservativen, agrarischen Mittleren Westen, in der es für Persönlichkeiten wie sie realistisch gesehen gar keinen Platz gibt und von der sie, obwohl sie seit mehr als zehn Jahren in Brooklyn lebt, innerlich nicht loskommt und loskommen will. Immer noch denkt sie, wenn sie ihr „home“ meint, an Wisconsin und den kleinen Ort, aus dem sie stammt. 

Die Essays kreisen also einerseits um sie, vor allem um ihre Gender-Identität und die mit deren Unsicherheit verbundenen Schwierigkeiten, andererseits um ihr „homeland“.

Die Folgen eines verheerenden Tornados

Der erste Essay erzählt von einer Naturkatastrophe, die den Nachbarort Barnveld im Jahr 1984 heimgesucht hat: Ein Tornado zog exakt über den Ort hinweg und verwüstete ihn vollständig. Man erfährt nun, wie die Menschen mit diesem Desaster fertig wurden: Manche hatten Verwandte oder Freunde verloren, die unter den zum Glück wenigen Opfern des Sturms waren; viele mussten ihr Haus wieder aufbauen; manche erzählen von der großen Hilfsbereitschaft, die die Menschen im Ort nach der Katastrophe zusammenschweißte; manche von ihrem Einsatz als Rettungsfahrer oder Krankenschwester; manche von den nicht enden wollenden Spätfolgen des Traumas. Faliveno hat hier offenbar ausführlich recherchiert und mit vielen Zeugen des Unglücks gesprochen.

Die Autorin – ein „Tomboy“

Dann folgt „Tomboy“, ein langer Essay, der einen äußerst interessanten Einblick in das Leben und Fühlen eines Menschen gibt, der zwar offiziell eine Frau ist und gegenwärtig mit einem Mann zusammenlebt, der aber keine klare Geschlechtsidentität hat, sondern zwischen Mann und Frau changiert. Die Anfangsszene des Essays ist geradezu lustig: Melissa trifft sich mit einer neuen Bekannten in einer Bar, wo sich an deren lasziver Kleidung erweist, dass diese das Treffen als ein „Date“ zwischen zwei Lesben verstanden hat. Als Melissa ihr sagt, sie lebe in einer festen Beziehung, und das mit einem Mann, ist die Reaktion: „To say I watched her face fall would be an understatement. It plummeted headlong off a cliff into a swamp of disbelief and despair. ‚No‘, she said […]. She looked at me, shook her head, and said: ‚I can’t believe you’re straight‘.“ (S. 42)

Danach beleuchtet Faliveno viele Aspekte:

Das Mädchen vom Land, das sich wie ein Bub benimmt und dem man das auch nachsieht, solange es noch nicht in der Pubertät ist; die junge Frau in Brooklyn, die von irgendwelchen Passanten angepöbelt wird, weil sie ein wenig wie ein Mann aussieht; Bisexualität und Homosexualität; die Reaktionen von Verwandten, Freunden, aber auch Fremden auf ihr Transgender-Aussehen – und vor allem ihre eigene Unsicherheit angesichts ihrer Gender-Fluidity. 

Die Beziehung zu Motten

In dem kurzen Essay „Of a Moth“ geht es um ungebetene Gäste, die man nicht loswird: die Motten in der Wohnung. Der ganze Essay hat einen lustigen Grundton, denn obzwar die Motten sich mit keiner noch so gefinkelten Methode endgültig ausrotten lassen, sind sie doch kein so widerliches Ungeziefer wie etwa die Küchenschaben. Ja, mit der Zeit gewöhnt man sich an die herumschwirrenden Plagegeistert und bedauert es geradezu, wenn sich wieder einmal eine von ihnen in seltsamer Hypnose der abends im Zimmer brennenden Kerze nähert und – zisch! – in der Flamme verbrennt.

Von Baseball und Bisexualität

„Switch-Hitter“ erzählt von Melissa als bisexueller Sportlerin. Ein Switch-Hitter ist, klärt mich dictionary.com auf, „baseball: a batsman who can hit either right- or left-handed. slang: a bisexual person“. Für sie als knabenhaftes Mädchen lag es nahe, sich im Sport zu verwirklichen. Baseball war ein Männersport, da gab es keinen Zugang, aber Softball wurde zu ihrer Lieblingssportart. Der Sport bedeutete Verausgabung, vollen Einsatz, Erfolg und Misserfolg, Kameradschaft und Gemeinschaft. Und außerdem bot der Mannschaftssport die Gelegenheit, mit ähnlich gearteten Mädchen zusammenzukommen und Freundschaft zu schließen. Melissa betreibt natürlich nicht nur Softball, sondern auch andere Sportarten wie etwas Gewichtheben. Zur wirklichen Profisportlerin fehlt ihr allerdings der letzte Biss. Zwar hat einer ihrer Trainer gesagt: „You’ll make it if you want it“ (S. 108), doch als es darum geht, in eine Universitäts-Mannschaft aufgenommen zu werden, versagt sie überraschend. Daraufhin hört sie mit dem Softball auf – und beginnt zu trinken. Auch das schildert sie ganz offen. Vom Alkohol kommt sie los, als sie wieder Sport betreibt: Roller-Derby. In der neuen Mannschaft findet sie ihre erste lesbische Partnerin.

Das „Mädchen vom Land“

In „Meat an Potatoes“ geht es um die Aura des „Mädels vom Land“, dem man gewissermaßen ansieht, dass es mit Fleisch und Erdäpfeln aufgezogen worden ist. Und diese Aura wird man nicht los, auch wenn man zehn Jahre in der Großstadt wohnt und einen intellektuellen Job hat. Daneben geht es im Essay auch um das Essen: Soll man Vegetarierin sein? In Brooklyn eher ja, da kauft man bei Wholefoods ein und ernährt sich verantwortlich, aber zu Hause in Wisconsin, da ist man erst wirklich daheim, wenn auf dem Teller „meat and potatoes“ aufgehäuft werden.

Gun country

Ein Essayband über den Mittleren Westen der USA kann nicht ohne einen Essay über Waffen auskommen. „Gun country“ nennt Faliveno ihr Land. Sie beschreibt die Selbstverständlichkeit, mit der die Leute Waffen besitzen, sei es Jagdgewehre, sei es Revolver und Pistolen. Dort wundert sich niemand, wenn einer mit einer Pistole im Gürtel zum Gottesdienst erscheint. Doch muss man als Intellektuelle nicht den Waffenbesitz in den USA in Bausch und Bogen verurteilen? Theoretisch ja, doch Faliveno ist ehrlich genug, zuzugeben, dass die Sache denn doch nicht so einfach ist, insbesondere, wenn man an die allgemeine Begeisterung der Landbevölkerung für die Jagd denkt. Für einen Europäer hingegen ist es befremdlich, sich vorzustellen, dass viele Leute, auch Frauen, in den USA eine „gun“ haben, um notfalls sich selbst und die Familie zu verteidigen. Aber – würden sie wirklich jemanden totschießen? Das ist dann zum Glück doch eher die Ausnahme. 

Kinder oder nicht?

„Motherland“ – da geht es wieder um Wisconsin. und zwar unter dem Aspekt der Mutterschaft. Die Bestimmung der Frau sei, so die dortige landläufige Ansicht, Heirat und Mutterschaft. Doch was, wenn jemand wie Melissa Faliveno gar keine Kinder haben will? Da entsteht ein ständiger Rechtfertigungsdruck. Die Problematik der verweigerten Mutterschaft verwebt Faliveno hier mit Überlegungen und Beobachtungen zur Pflanzenzucht. Insbesondere die „spider plant“, die Grünlilie (Chlorophytum comosum), hat es ihr angetan, da sie ständig Ableger produziert und damit sozusagen ein Symbol der Mutterschaft ist. Faliveno hat zwar keine eigenen Kinder, aber sie wurde nach und nach zu einer „Pflanzen-Mama“, die zahlreiche Pflanzen von Freunden, die weggezogen waren, aufnahm und pflegte. 

Ein weiterer Aspekt, der in diesem Zusammenhang erörtert wird, ist der des Leids, das durch Mutterschaft verursacht wird. Das wird zwar nicht so gern offen ausgesprochen, ist aber da, bei der Großmutter genauso wie bei der Mutter, die ihr Leben ganz der Mutterrolle unterordnen mussten, aber auch bei Melissa selbst, der die Frage Kinder oder nicht? im Grunde auch Leid verursacht…

Der letzte Essay, „Driftless“, handelt von einem Naturphänomen in Wisconsin, einem Landstrich, der von der eiszeitlichen Vergletscherung ausgenommen war und daher ganz anders aussieht als der Rest des Bundesstaats. Dieser Essay unterscheidet sich von den anderen durch eine betont poetische Sprache. Auch hier geht es nicht nur um die Natur, sondern auch um Beziehungen zu Menschen, die diese Natur erforschen.

Alle Essays sind locker strukturiert und in kurze Abschnitte aufgeteilt, die jeweils mit einer großen Initiale beginnen. Gattungstypisch ist das lockere, informelle und ganz subjektive Umkreisen des Themas oder der Themen, mal erzählerisch, mal raisonierend. Die Sprache war für mich gut verständlich, auch wenn mir vielleicht einige Anspielungen und Hintersinnigkeiten entgangen sein mögen.

Ein lesenswertes, sehr interessantes Buch jedenfalls!

Faliveno, Melissa: Tomboyland. Essays. Topple Books (=Amazon), 2020. 244 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: „Ex libris“. Porträt von Melissa Faliveno. Tuschestift, Buntstift. 2017.

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Franz Hohler: Alt? Gedichte

Wolfgang Krisai: Leser in der Wiener Städtischen Bücherei. Bleistiftskizze, 2015.

Ich muss vorausschicken: Ich habe schon einige Bücher Franz Hohlers mit großem Genuss gelesen (und hier und hier rezensiert) und ihn selbst einmal bei einer Lesung erlebt, wo er – verdientermaßen – den größten Applaus geerntet hat, den ich je bei einer Autorenlesung erlebt habe.

Vor einiger Zeit kam mir sein Buch „Alt? Gedichte“ in einer großen Wiener Buchhandlung unter. Ich las den Anfang des ersten Gedichts, in dem es, wie der Titel schon ankündigt, ums Alt-Sein geht, und schreckte zurück.

Offenbar ging es anderen Leuten auch so, denn vor ein paar Tagen fand ich das Buch in derselben Buchhandlung im Flohmarkt-Kistl. Diesmal nahm ich es. Und las es sofort. Stellte dabei fest, dass nur das erste Gedicht ausschließlich vom Alt-Werden handelt, während die anderen zwar auch die Lebenssituation eines älteren Menschen reflektieren, aber immer um irgendwelche interessanten Themen abseits vom bloßen Alt-Werden kreisen. Zum Beispiel um öffentliche Verkehrsmittel, um ökologische Fragen – oder es sind gar Übersetzungen bekannter Gedichte ins Schwyzerdytsch, was für den Nicht-Schweizer wahrscheinlich noch amüsanter ist als für den, der diese Sprache spricht.

Viele der Gedichte sind von leisem Humor durchzogen, einige wirklich lustig. Späte Erkenntnis also: ein lesenswerter Band.

Franz Hohler: Alt? Gedichte. Luchterhand-Literaturverlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München, 2017. 90 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Leser in der Wiener Städtischen Bücherei. Bleistiftskizze, 2015.

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Fanny und Robert Louis Stevenson: Südseejahre.

Wolfgang Krisai: Strand bei Giens, Frankreich. Ölpastell.

Aus beruflichen Gründen suchte ich alle meine Stevenson-Bücher zusammen und kam auf eine erstaunliche Anzahl, fast alle noch ungelesen. Darunter auch die „Südseejahre. Eine ungewöhnliche Ehe in Tagebüchern und Briefen“ von Fanny und Robert Lous Stevenson, die ich nun auch gleich gelesen habe.

Den Großteil des Bandes machen die Tagebucheintragungen Fanny Stevensons aus, etwa ein Viertel, schätze ich, umfassen Briefauszüge von Robert Louis Stevenson. Darüber hinaus gibt es Einleitungen, Worterklärungen und Anmerkungen.

Fanny Stevenson

In der Einleitung wird Fanny Stevenson vorgestellt. Sie war Amerikanerin – Stevenson hingegen Schotte – aus Indianapolis mit Namen Fanny Vandegrift. Sie war eine energische Frau, nicht gerade eine Schönheit, aber eine Person, die auf ihre Selbständigkeit in einer Zeit bedacht war, in der es für Frauen noch kaum Selbständigkeit gab. In erster Ehe war sie mit einem Filou verheiratet, der in Kalifornien sein Glück suchte, es aber nicht fand. Auch Goldsucherei in den verschiedensten Goldrausch-Gegenden half da nicht.

Fanny trennte sich mehrmals von ihm, versuchte es dann wieder mit ihm – sogar noch, als sie Robert bereits kennengelernt hatte, und zwar in der Nähe von Paris, in Grez, wo es eine Künstlerkolonie gab. Stevenson verliebte sich in sie, doch sie nahm zunächst kaum Notiz von ihm.

Horrortrip und Hochzeit

Erst als ihr neuerlicher Versuch, die Ehe zu retten, schiefging, telegrafierte sie Robert, der daraufhin Geld zusammenkratzte und nach Amerika fuhr, per Schiff und dann per Bahn quer über den Kontinent nach Kalifornien. Für den lungenkranken Schriftsteller ein „Horrortrip“ (S. 19).

Die beiden heirateten, ohne dass sie die Eltern zuvor informierten. Erst später gelang es Fanny durch ihre zupackende Art, die Anerkennung von Stevensons Vater, einem Leuchtturm-Ingenieur, zu gewinnen.

Günstiges Klima für den Kranken

Auf einer Pazifikreise fanden die beiden heraus, dass Robert das Klima in Samoa besonders guttat, sodass sie beschlossen, sich dort dauerhaft anzusiedeln. Robert kaufte ein Stück Land in Vailima auf der Insel  Upolu (heute zum Staat West-Samoa gehörig) in der Nähe des Ortes Apia. Von 1890-94 lebten sie dort, bis Robert am 3. 12. 1894 an einer Gehirnblutung starb.

Dann zerfiel der Stevenson-Clan, der sich um ihn geschart hatte. Fanny überlebte ihn um 20 Jahre, die sie aber nicht in Samoa verbrachte. Allerdings liegt sie heute dort neben Robert in Vailima auf einem Hügel begraben. Das Haus der Stevensons ist heute ein Stevenson-Museum.

Managerin und „Bauernseele“

Fanny beschreibt in ihrem Tagebuch vor allem das Mangement des Haushalts und Landguts, das großteils ihre Aufgabe war. Sie musste sich zu einer Chefin zahlreicher samoanischer Dienstboten und Farm-Arbeiter entwickeln, aber genauso zu einer kundigen Bäurin. Dabei hatte sie durchaus schriftstellerische Ambitionen und ärgerte sich sehr, als Robert ihr einmal sagte, sie habe eine „Bauernseele“, sei aber keine Künstlerin (S. 62).

Tatsächlich konnte sie mit den für europäische Verhältnisse sehr gewöhnungsbedürftigen Bedingungen in Samoa gut umgehen. Sie durchschaute die Listen der Samoaner und hielt sie erfolgreich zur Arbeit an, auch wenn sie sich zum Teil über deren Unfähigkeit ärgern musste. Sie beschaffte Saatgut, pflanzte Kaffee, Kakao, Ananas, Mais, Kürbisse und zahllose andere Pflanzen, beaufsichtigte die Nutztiere (Hühner, Schweine, Pferde, die alle ihre Eigenheiten hatten) und leitete gemeinsam mit Robert den Bau ihres Landhauses. Zunächst mussten sie sich mit einer elenden Hütte zufriedengeben, bis dann das stattliche Herrenhaus fertig war. In dieses zogen dann auch Stevensons Mutter und Fannys Sohn Lloyd und ihre Tochter Belle samt Ehemann Joe Strong und Kind Austin ein. Belle entwickelte sich zu einer unentbehrlichen Sekretärin Roberts, der ihr seine Werke diktierte. Was Fanny, krankhaft eifersüchtig, nicht immer goutierte.

Man erfährt einiges über die Beziehung zu den ortsansässigen Weißen (sie war nicht immer friktionsfrei) und zu den Samoanern, von denen Robert der „Geschichtenerzähler“, „Tusitala“ auf Samoanisch, genannt wurde.

Drei Kolonialmächte

Samoa war damals eine seltsame Art von Kolonie: Die Inselgruppe wurde von drei Mächten gemeinsam regiert: den USA, England und Deutschland. Das konnte nicht gut gehen, daher musste ein unabhängiger Mann als Schiedsrichter fungieren, Conrad Cedarcrantz, eine schwedischer Diplomat, der als „OR“ (Oberster Richter) in Fannys Tagebuch aber nicht gut wegkommt, da er vor allem auf Selbstbereicherung aus war.

Krieg und geköpfte Frauen

Das letzte Jahr Stevensons wurde von einem Stammeskrieg in Samoa überschattet, in dem Stevenson vergeblich zu vermitteln versuchte. Zwei samoanische Würdenträger wurden von den Kolonialherren gegeneinander aufgewiegelt, beanspruchten beide die Königswürde und gingen schließlich mit kleinen Armeen aufeinander los. Dabei kam es zu üblen Szenen. Unter anderem wurden drei Frauen geköpft, obwohl das als extrem unehrenhaft galt, und der unterlegene Kronprätendent musste ins Exil gehen. (Kaum war Laupepa, der Sieger, 1898 gestorben, wurde Mataafa, der Unterlegene, zurückgeholt, von den Kolonialmächten 1900 als König eingesetzt und regierte als solcher 12 Jahre lang! Das erfährt man aus den biographischen Informationen am Ende des Buches.)

Zuvor kümmerten sich die Stevensons um die im örtlichen Gefängnis eingesperrten Häuptlinge der unterlegenen Seite. Das Gefängnis beaufsichtigte damals übrigens eine österreichischer Offizier namens Wurmbrand. Dem waren Stevensons Besuche im Gefängnis gar nicht recht, weil er fürchten musste, dass dadurch Aufruhr unter der Bevölkerung entstand und die Stevensons in Gefahr geraten könnten. 

Melancholie und Depressionen

Die letzten Monate werden im Buch vorwiegend durch Roberts Briefe an seinen Freund Sidney Colvin abgedeckt, der auch der erste Herausgeber der „Vailima-Letters“ war (1895). Fanny schrieb nichts in ihr Tagebuch, da sie vermutlich von Depressionen heimgesucht war. Was, finde ich, kein Wunder ist, wenn man all die Widrigkeiten ihres Lebens in Betracht zieht. Doch auch Roberts Briefe sind von Melancholie und Selbstzweifeln überschattet, zumal er in der Kriegssituation und danach, wo er vielfach als Berater der Samoaner tätig war, nicht abschätzen konnte, ob er immer das Richtige riet und tat. Umso mehr freut es ihn, wenn er von den Samoanern als Freund gefeiert wird. Sie bauen ihm sogar als Geschenk eine befestigte Zufahrtsstraße zu seinem Haus. Und zu seinem Geburtstagsfest kommen an die 160 Leute, was wiederum Fannys Managerinnen-Qualitäten ordentlich herausgefordert haben wird.

Die Tagebücher – ein „Rohdiamant“

Der Herausgeber bezeichnet Fannys Tagebücher als „Rohdiamant“, da sie nicht für eine Veröffentlichung überarbeitet wurden. Aber gerade darin liegt ihr Reiz. 

Manche Stellen wurden im Original einst geschwärzt (so die „Bauernseelen“-Aussage auf Seite 62), man konnte sie aber inzwischen mit speziellen fotografischen Techniken wieder sichtbar machen. Auch davon sind einige in diese Auswahl aufgenommen – die dann durchaus irritierend aus dem Duktus der Tagebücher herausfallen, weil sie plötzlich die weniger schönen Seiten von Fannys Leben aufflackern lassen.

Stevensons Briefe

Roberts Briefe hingegen zeigen manchmal einen fast schon bemühten Humor, mit dem er als schottischer Gentleman seiner zerrütteten Gesundheit Paroli bot. Immer musste er damit rechnen, dass Anstrengungen, die oft unvermeidlich waren, zu „Blutstürzen“ führten, und ihn kleine Erkältungen gleich wochenlang außer Gefecht setzten.

Über Roberts schriftstellerische Arbeit erfährt man erstaunlich wenig, nämlich kaum mehr als die Titel der Werke, an denen er gerade schreibt, so z. B. seines letzten Romans, „St. Yves“, den ich inzwischen zu lesen begonnen habe.

Ein überaus interessantes Buch, das Einblick in eine dem Europäer des 21. Jahrhunderts komplett fremde Welt gibt. 

Stevenson, Fanny und Robert Louis: Südseejahre. Eine ungewöhnliche Ehe in Tagebüchern und Briefen. Hg. u. a. d. Engl. übers. v. Lucien Deprijck. Mare-Verlag, Hamburg, 2011. 394 Seiten. Einige Schwarzweiß-Abbildungen.

Bild: Wolfgang Krisai: Strand bei Giens, Frankreich. Ölpastell. 2001. – Mit einem Bild aus der Südsee kann ich nicht aufwarten, aber zumindest mit diesem Sonnenuntergang am Mittelmeer.

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Maynard Solomon: Beethoven. Biographie

Wolfgang Krisai: Beethovenmuseum Probusgasse, Wien. Bleistiftzeichnung, 2020.

Maynard Solomons „Beethoven“ soll nach wie vor eine der besten Biographien des großen Komponisten sein. Daher las ich sie anlässlich des Beethoven-Jubiläumsjahres.

Solomon teilt Ludwig van Beethovens Leben (1770-1827) in große Abschnitte ein: „Bonn“, „Wien – die frühen Jahre“, „Die heroische Periode“, „Die letzten Jahre“. Innerhalb jedes Abschnitts geht es in erster Linie um biographische Aspekte, den Schluss bildet dann jeweils ein umfangreicherer Abschnitt zur in dieser Zeit komponierten Musik. Diese Darstellungen sind dennoch knapp, aber Musikanalyse ist natürlich nicht der Hauptzweck einer Biographie.

Besonders interessant fand ich die Abschnitte über Beethovens Verhältnis zu seinen Eltern, die detektivische Suche nach der „Unsterblichen Geliebten“ und die Querelen um die Vormundschaft über seinen Neffen Karl.

Der Vater – ein Trunkenbold

Der Vater war ja ein Trunkenbold, der im Vergleich zu seinem Vater, also Beethovens Großvater, in der Musik wenig und sonst auch nichts leistete. Die Mutter hatte in der Familie das Heft in der Hand, und nach deren Ableben musste Beethoven als ältester (lebender) Sohn diese Rolle übernehmen. Damit der Vater das Geld nicht versaufen konnte, suchte er sogar beim Fürstbischof, bei dem der Vater als Musiker angestellt war, an, dass dessen Gehalt zur Hälfte direkt an ihn, den Sohn, ausgezahlt werde. Das muss aber vom Vater als arge Demütigung angesehen worden sein, sodass Beethoven nie damit ernst machte. Das große Vorbild war jedenfalls nicht der Vater, sondern der Großvater.

Die unsterbliche Geliebte

Solomon weist nach, dass es Antonia Brentano gewesen sein muss. Das Kapitel ist spannend wie ein Detektivroman. Offenbar waren die Tage rund um den berühmten Brief an die „Unsterbliche Geliebte“ für Beethoven und das Ehepaar Brentano äußerst turbulent, aber es ist ihnen gelungen, ihr Beziehungs-Schifflein wieder in ruhigeres Fahrwasser zu manövrieren und weiterhin Freunde zu bleiben. Antonia scheint nämlich Beethoven ein Angebot gemacht zu haben, für ihn ihren Mann zu verlassen. Beethoven war überwältigt (vielleicht ist es ja wirklich zu einem sexuellen Abenteuer gekommen), aber im Endeffekt lehnt er Antonias Angebot ab. Unter „normalen“ Menschen hätte dies den völligen Bruch bedeutet. Hier aber nicht. Erst finanzielle Machinationen Beethovens rund um die Publikation der „Missa Solemnis“, in die er auch Franz Brentano hineinzog, führten schließlich Jahre später zum Ende dieser Freundschaft.

Die Querelen um den Neffen Karl

Auch hier scheint es sich um eine psychologisch äußerst komplizierte und widersprüchliche Angelegenheit gehandelt zu haben. Beethoven wollte Karl als eine Art Sohn haben und ihn um jeden Preis seiner für unwürdig erachteten Mutter Johanna entziehen, nachdem Karls Vater, der Bruder Beethovens, gestorben war. Sehr überraschend ist, dass sich die Sache löste, als Karl sich erschießen wollte und mit einer Kugel im Kopf (!!!) lebend aufgefunden wurde. Nach der Heilung beschritt er eine solide Laufbahn als kleiner Staatsbeamter. Kaum zu glauben!

Beethovens Taubheit

Auch Beethovens Taubheit war nicht so entschieden, wie man sich das landläufig vorstellt, sondern sie entwickelte sich schrittweise und nicht für alle Tonfrequenzen in gleichem Maße, sodass er manchmal noch gewisse Töne hören konnte, während er andere nicht hörte. Klar aber, dass einen so etwas als Musiker in Verzweiflung stürzen kann. Das berühmte „Heiligenstädter Testament“, im Buch natürlich in voller Länge zu lesen, ist ein Dokument dieser Verzweiflung – geschrieben bereits in einem Anfangsstadium der Taubheit.

Napoleon und die „Eroica“

Beethovens Verhältnis zu Napoleon ist auch ein ganzes Kapitel gewidmet. Rund um die Widmung der Eroica ist es ja zu allerlei seltsamem Hin-und-Her gekommen. Mit Napoleon in Zusammenhang steht auch Beethovens damals populärstes und von den Musikwissenschaftlern besonders ablehnend behandeltes Werk: „Wellingtons Sieg“ op. 91.

Insgesamt jedenfalls ein sehr interessantes und lesenswertes Buch, das mir ein deutlich differenzierteres Bild des großen Komponisten vermittelte, als ich es bisher hatte.

Solomon, Maynard: Beethoven. Biographie. Büchergilde Gutenberg, [1977]. 446 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Beethovenmuseum Probusgasse Wien, Bleistiftzeichnung, 2020.

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Wolfgang Petritsch: Epochenwechsel

Bild: Wolfgang Krisai: Aquarell. 1987.

Der auf der politischen Bühne versierte Autor (er war z. B. zwischen 1999 und 2002 UNO-Repräsentant für Bosnien und Herzegowina) behandelt die politischen Veränderungen der letzten Jahre, wofür er bis zum Kalten Krieg ausholt. Vor allem die Zeit nach 1989 wird ausführlich und die Gegenwart besonders genau beschrieben und analysiert. Das Ergebnis ist nicht sehr beruhigend, aber Petritsch betreibt auch keine Panikmache.

China auf dem Weg zur Weltmacht

Er sieht China auf dem Vormarsch zur Weltmacht Nr. 1, und zwar auf wirtschaftlichem Weg, statt auf kriegerischem. Putin wiederum versucht trotz wirtschaftlicher Schwäche seines Landes Russland als Weltmacht wieder zu etablieren und gleichzeitig die EU und die USA zu destabilisieren, indem er subversive Mittel des Digitalzeitalters geschickt ausnützt. So soll Russland seine Finger im US-Wahlkampf genauso wie im Brexit-Votum der Briten drin gehabt haben. Trump und der Brexit sind in Petritschs Augen die größten Fehler der westlichen Welt, denn sie destabilisieren diese in einer Zeit, wo der Westen angesichts der Herausforderungen Türkei, Syrien, China und Russland stark sein müsste.

Digitale Total-Überwachung

Die politischen Auswirkungen von Digitalisierung, Internet und künstlicher Intelligenz seien noch nicht abzusehen, aber jedenfalls nicht so, dass da automatisch ein goldenes, demokratisches Zeitalter heraufdämmern würde. Im Gegenteil, China exerziert gerade vor, wie ein Land das Internet und die digitalen Überwachungsmöglichkeiten aller Art geschickt zur totalen Überwachung und Gängelung der eigenen Bevölkerung einsetzen kann und wird. 

Ein überaus interessantes und lehrreiches Buch.

Wolfgang Petritsch: Epochenwechsel. Unser digital-autoritäres Jahrhundert.  Mitarbeit: Philipp Freund. Brandstätter Verlag, Wien, 2018. 285 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Aquarell. 1987.

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