Hohler, Franz: Alt? Gedichte

Wolfgang Krisai: Leser in der Wiener Städtischen Bücherei. Bleistiftskizze, 2015.

Ich muss vorausschicken: Ich habe schon einige Bücher Franz Hohlers mit großem Genuss gelesen (und hier und hier rezensiert) und ihn selbst einmal bei einer Lesung erlebt, wo er – verdientermaßen – den größten Applaus geerntet hat, den ich je bei einer Autorenlesung erlebt habe.

Vor einiger Zeit kam mir sein Buch „Alt? Gedichte“ in einer großen Wiener Buchhandlung unter. Ich las den Anfang des ersten Gedichts, in dem es, wie der Titel schon ankündigt, ums Alt-Sein geht, und schreckte zurück.

Offenbar ging es anderen Leuten auch so, denn vor ein paar Tagen fand ich das Buch in derselben Buchhandlung im Flohmarkt-Kistl. Diesmal nahm ich es. Und las es sofort. Stellte dabei fest, dass nur das erste Gedicht ausschließlich vom Alt-Werden handelt, während die anderen zwar auch die Lebenssituation eines älteren Menschen reflektieren, aber immer um irgendwelche interessanten Themen abseits vom bloßen Alt-Werden kreisen. Zum Beispiel um öffentliche Verkehrsmittel, um ökologische Fragen – oder es sind gar Übersetzungen bekannter Gedichte ins Schwyzerdytsch, was für den Nicht-Schweizer wahrscheinlich noch amüsanter ist als für den, der diese Sprache spricht.

Viele der Gedichte sind von leisem Humor durchzogen, einige wirklich lustig. Späte Erkenntnis also: ein lesenswerter Band.

Franz Hohler: Alt? Gedichte. Luchterhand-Literaturverlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München, 2017. 90 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Leser in der Wiener Städtischen Bücherei. Bleistiftskizze, 2015.

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Stevenson, Fanny und Robert Louis: Südseejahre.

Wolfgang Krisai: Strand bei Giens, Frankreich. Ölpastell.

Aus beruflichen Gründen suchte ich alle meine Stevenson-Bücher zusammen und kam auf eine erstaunliche Anzahl, fast alle noch ungelesen. Darunter auch die „Südseejahre. Eine ungewöhnliche Ehe in Tagebüchern und Briefen“ von Fanny und Robert Lous Stevenson, die ich nun auch gleich gelesen habe.

Den Großteil des Bandes machen die Tagebucheintragungen Fanny Stevensons aus, etwa ein Viertel, schätze ich, umfassen Briefauszüge von Robert Louis Stevenson. Darüber hinaus gibt es Einleitungen, Worterklärungen und Anmerkungen.

Fanny Stevenson

In der Einleitung wird Fanny Stevenson vorgestellt. Sie war Amerikanerin – Stevenson hingegen Schotte – aus Indianapolis mit Namen Fanny Vandegrift. Sie war eine energische Frau, nicht gerade eine Schönheit, aber eine Person, die auf ihre Selbständigkeit in einer Zeit bedacht war, in der es für Frauen noch kaum Selbständigkeit gab. In erster Ehe war sie mit einem Filou verheiratet, der in Kalifornien sein Glück suchte, es aber nicht fand. Auch Goldsucherei in den verschiedensten Goldrausch-Gegenden half da nicht.

Fanny trennte sich mehrmals von ihm, versuchte es dann wieder mit ihm – sogar noch, als sie Robert bereits kennengelernt hatte, und zwar in der Nähe von Paris, in Grez, wo es eine Künstlerkolonie gab. Stevenson verliebte sich in sie, doch sie nahm zunächst kaum Notiz von ihm.

Horrortrip und Hochzeit

Erst als ihr neuerlicher Versuch, die Ehe zu retten, schiefging, telegrafierte sie Robert, der daraufhin Geld zusammenkratzte und nach Amerika fuhr, per Schiff und dann per Bahn quer über den Kontinent nach Kalifornien. Für den lungenkranken Schriftsteller ein „Horrortrip“ (S. 19).

Die beiden heirateten, ohne dass sie die Eltern zuvor informierten. Erst später gelang es Fanny durch ihre zupackende Art, die Anerkennung von Stevensons Vater, einem Leuchtturm-Ingenieur, zu gewinnen.

Günstiges Klima für den Kranken

Auf einer Pazifikreise fanden die beiden heraus, dass Robert das Klima in Samoa besonders guttat, sodass sie beschlossen, sich dort dauerhaft anzusiedeln. Robert kaufte ein Stück Land in Vailima auf der Insel  Upolu (heute zum Staat West-Samoa gehörig) in der Nähe des Ortes Apia. Von 1890-94 lebten sie dort, bis Robert am 3. 12. 1894 an einer Gehirnblutung starb.

Dann zerfiel der Stevenson-Clan, der sich um ihn geschart hatte. Fanny überlebte ihn um 20 Jahre, die sie aber nicht in Samoa verbrachte. Allerdings liegt sie heute dort neben Robert in Vailima auf einem Hügel begraben. Das Haus der Stevensons ist heute ein Stevenson-Museum.

Managerin und „Bauernseele“

Fanny beschreibt in ihrem Tagebuch vor allem das Mangement des Haushalts und Landguts, das großteils ihre Aufgabe war. Sie musste sich zu einer Chefin zahlreicher samoanischer Dienstboten und Farm-Arbeiter entwickeln, aber genauso zu einer kundigen Bäurin. Dabei hatte sie durchaus schriftstellerische Ambitionen und ärgerte sich sehr, als Robert ihr einmal sagte, sie habe eine „Bauernseele“, sei aber keine Künstlerin (S. 62).

Tatsächlich konnte sie mit den für europäische Verhältnisse sehr gewöhnungsbedürftigen Bedingungen in Samoa gut umgehen. Sie durchschaute die Listen der Samoaner und hielt sie erfolgreich zur Arbeit an, auch wenn sie sich zum Teil über deren Unfähigkeit ärgern musste. Sie beschaffte Saatgut, pflanzte Kaffee, Kakao, Ananas, Mais, Kürbisse und zahllose andere Pflanzen, beaufsichtigte die Nutztiere (Hühner, Schweine, Pferde, die alle ihre Eigenheiten hatten) und leitete gemeinsam mit Robert den Bau ihres Landhauses. Zunächst mussten sie sich mit einer elenden Hütte zufriedengeben, bis dann das stattliche Herrenhaus fertig war. In dieses zogen dann auch Stevensons Mutter und Fannys Sohn Lloyd und ihre Tochter Belle samt Ehemann Joe Strong und Kind Austin ein. Belle entwickelte sich zu einer unentbehrlichen Sekretärin Roberts, der ihr seine Werke diktierte. Was Fanny, krankhaft eifersüchtig, nicht immer goutierte.

Man erfährt einiges über die Beziehung zu den ortsansässigen Weißen (sie war nicht immer friktionsfrei) und zu den Samoanern, von denen Robert der „Geschichtenerzähler“, „Tusitala“ auf Samoanisch, genannt wurde.

Drei Kolonialmächte

Samoa war damals eine seltsame Art von Kolonie: Die Inselgruppe wurde von drei Mächten gemeinsam regiert: den USA, England und Deutschland. Das konnte nicht gut gehen, daher musste ein unabhängiger Mann als Schiedsrichter fungieren, Conrad Cedarcrantz, eine schwedischer Diplomat, der als „OR“ (Oberster Richter) in Fannys Tagebuch aber nicht gut wegkommt, da er vor allem auf Selbstbereicherung aus war.

Krieg und geköpfte Frauen

Das letzte Jahr Stevensons wurde von einem Stammeskrieg in Samoa überschattet, in den Stevenson vergeblich zu vermitteln versuchte. Zwei samoanische Würdenträger wurden von den Kolonialherren gegeneinander aufgewiegelt, beanspruchten beide die Königswürde und gingen schließlich mit kleinen Armeen aufeinander los. Dabei kam es zu üblen Szenen. Unter anderem wurden drei Frauen geköpft, obwohl das als extrem unehrenhaft galt, und der unterlegenen Kronprätendent musste ins Exil gehen. (Kaum war Laupepa, der Sieger, 1898 gestorben, wurde Mataafa, der Unterlegene, zurückgeholt, von den Kolonialmächten 1900 als König eingesetzt und regierte als solcher 12 Jahre lang! Das erfährt man aus den biographischen Informationen am Ende des Buches.)

Zuvor kümmerten sich die Stevensons um die im örtlichen Gefängnis eingesperrten Häuptlinge der unterlegenen Seite. Das Gefängnis beaufsichtigte damals übrigens eine österreichischer Offizier namens Wurmbrand. Dem waren Stevensons Besuche im Gefängnis gar nicht recht, weil er fürchten musste, dass dadurch Aufruhr unter der Bevölkerung entstand und die Stevensons in Gefahr geraten könnten. 

Melancholie und Depressionen

Die letzten Monate werden im Buch vorwiegend durch Roberts Briefe an seinen Freund Sidney Colvin, der auch der erste Herausgeber der „Vailima-Letters“ war (1895). Fanny schrieb nichts in ihr Tagebuch, da sie vermutlich von Depressionen heimgesucht war. Was, finde ich, kein Wunder ist, wenn man all die Widrigkeiten ihres Lebens in Betracht zieht. Doch auch Roberts Briefe sind von Melancholie und Selbstzweifeln überschattet, zumal er in der Kriegssituation und danach, wo er vielfach als Berater der Samoaner tätig war, nicht abschätzen konnte, ob er immer das Richtige riet und tat. Umso mehr freut es ihn, wenn er von den Samoanern als Freund gefeiert wird. Sie bauen ihm sogar als Geschenk eine befestigte Zufahrtsstraße zu seinem Haus. Und zu seinem Geburtstagsfest kommen an die 160 Leute, was wiederum Fannys Managerinnen-Qualitäten ordentlich herausgefordert haben wird.

Die Tagebücher – ein „Rohdiamant“

Der Herausgeber bezeichnet Fannys Tagebücher als „Rohdiamant“, da sie nicht für eine Veröffentlichung überarbeitet wurden. Aber gerade darin liegt ihr Reiz. 

Manche Stellen wurden im Original einst geschwärzt (so die „Bauernseelen“-Aussage auf Seite 62), man konnte sie aber inzwischen mit speziellen fotografischen Techniken wieder sichtbar machen. Auch davon sind einige in diese Auswahl aufgenommen – die dann durchaus irritierend aus dem Duktus der Tagebücher herausfallen, weil sie plötzlich die weniger schönen Seiten von Fannys Leben aufflackern lassen.

Stevensons Briefe

Roberts Briefe hingegen zeigen manchmal einen fast schon bemühten Humor, mit dem er als schottischer Gentleman seiner zerrütteten Gesundheit Paroli bot. Immer musste er damit rechnen, dass Anstrengungen, die oft unvermeidlich waren, zu „Blutstürzen“ führten, und ihn kleine Erkältungen gleich wochenlang außer Gefecht setzten.

Über Roberts schriftstellerische Arbeit erfährt man erstaunlich wenig, nämlich kaum mehr als die Titel der Werke, an denen er gerade schreibt, so z. B. seines letzten Romans, „St. Yves“, den ich inzwischen zu lesen begonnen habe.

Ein überaus interessantes Buch, das Einblick in eine dem Europäer des 21. Jahrhunderts komplett fremde Welt gibt. 

Stevenson, Fanny und Robert Louis: Südseejahre. Eine ungewöhnliche Ehe in Tagebüchern und Briefen. Hg. u. a. d. Engl. übers. v. Lucien Deprijck. Mare-Verlag, Hamburg, 2011. 394 Seiten. Einige Schwarzweiß-Abbildungen.

Bild: Wolfgang Krisai: Strand bei Giens, Frankreich. Ölpastell. 2001. – Mit einem Bild aus der Südsee kann ich nicht aufwarten, aber zumindest mit diesem Sonnenuntergang am Mittelmeer.

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Solomon, Maynard: Beethoven. Biographie

Wolfgang Krisai: Beethovenmuseum Probusgasse, Wien. Bleistiftzeichnung, 2020.

Maynard Solomons „Beethoven“ soll nach wie vor eine der besten Biographien des großen Komponisten sein. Daher las ich sie anlässlich des Beethoven-Jubiläumsjahres.

Solomon teilt Ludwig van Beethovens Leben (1770-1827) in große Abschnitte ein: „Bonn“, „Wien – die frühen Jahre“, „Die heroische Periode“, „Die letzten Jahre“. Innerhalb jedes Abschnitts geht es in erster Linie um biographische Aspekte, den Schluss bildet dann jeweils ein umfangreicherer Abschnitt zur in dieser Zeit komponierten Musik. Diese Darstellungen sind dennoch knapp, aber Musikanalyse ist natürlich nicht der Hauptzweck einer Biographie.

Besonders interessant fand ich die Abschnitte über Beethovens Verhältnis zu seinen Eltern, die detektivische Suche nach der „Unsterblichen Geliebten“ und die Querelen um die Vormundschaft über seinen Neffen Karl.

Der Vater – ein Trunkenbold

Der Vater war ja ein Trunkenbold, der im Vergleich zu seinem Vater, also Beethovens Großvater, in der Musik wenig und sonst auch nichts leistete. Die Mutter hatte in der Familie das Heft in der Hand, und nach deren Ableben musste Beethoven als ältester (lebender) Sohn diese Rolle übernehmen. Damit der Vater das Geld nicht versaufen konnte, suchte er sogar beim Fürstbischof, bei dem der Vater als Musiker angestellt war, an, dass dessen Gehalt zur Hälfte direkt an ihn, den Sohn, ausgezahlt werde. Das muss aber vom Vater als arge Demütigung angesehen worden sein, sodass Beethoven nie damit ernst machte. Das große Vorbild war jedenfalls nicht der Vater, sondern der Großvater.

Die unsterbliche Geliebte

Solomon weist nach, dass es Antonia Brentano gewesen sein muss. Das Kapitel ist spannend wie ein Detektivroman. Offenbar waren die Tage rund um den berühmten Brief an die „Unsterbliche Geliebte“ für Beethoven und das Ehepaar Brentano äußerst turbulent, aber es ist ihnen gelungen, ihr Beziehungs-Schifflein wieder in ruhigeres Fahrwasser zu manövrieren und weiterhin Freunde zu bleiben. Antonia scheint nämlich Beethoven ein Angebot gemacht zu haben, für ihn ihren Mann zu verlassen. Beethoven war überwältigt (vielleicht ist es ja wirklich zu einem sexuellen Abenteuer gekommen), aber im Endeffekt lehnt er Antonias Angebot ab. Unter „normalen“ Menschen hätte dies den völligen Bruch bedeutet. Hier aber nicht. Erst finanzielle Machinationen Beethovens rund um die Publikation der „Missa Solemnis“, in die er auch Franz Brentano hineinzog, führten schließlich Jahre später zum Ende dieser Freundschaft.

Die Querelen um den Neffen Karl

Auch hier scheint es sich um eine psychologisch äußerst komplizierte und widersprüchliche Angelegenheit gehandelt zu haben. Beethoven wollte Karl als eine Art Sohn haben und ihn um jeden Preis seiner für unwürdig erachteten Mutter Johanna entziehen, nachdem Karls Vater, der Bruder Beethovens, gestorben war. Sehr überraschend ist, dass sich die Sache löste, als Karl sich erschießen wollte und mit einer Kugel im Kopf (!!!) lebend aufgefunden wurde. Nach der Heilung beschritt er eine solide Laufbahn als kleiner Staatsbeamter. Kaum zu glauben!

Beethovens Taubheit

Auch Beethovens Taubheit war nicht so entschieden, wie man sich das landläufig vorstellt, sondern sie entwickelte sich schrittweise und nicht für alle Tonfrequenzen in gleichem Maße, sodass er manchmal noch gewisse Töne hören konnte, während er andere nicht hörte. Klar aber, dass einen so etwas als Musiker in Verzweiflung stürzen kann. Das berühmte „Heiligenstädter Testament“, im Buch natürlich in voller Länge zu lesen, ist ein Dokument dieser Verzweiflung – geschrieben bereits in einem Anfangsstadium der Taubheit.

Napoleon und die „Eroica“

Beethovens Verhältnis zu Napoleon ist auch ein ganzes Kapitel gewidmet. Rund um die Widmung der Eroica ist es ja zu allerlei seltsamem Hin-und-Her gekommen. Mit Napoleon in Zusammenhang steht auch Beethovens damals populärstes und von den Musikwissenschaftlern besonders ablehnend behandeltes Werk: „Wellingtons Sieg“ op. 91.

Insgesamt jedenfalls ein sehr interessantes und lesenswertes Buch, das mir ein deutlich differenzierteres Bild des großen Komponisten vermittelte, als ich es bisher hatte.

Solomon, Maynard: Beethoven. Biographie. Büchergilde Gutenberg, [1977]. 446 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Beethovenmuseum Probusgasse Wien, Bleistiftzeichnung, 2020.

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Wolfgang Petritsch: Epochenwechsel

Bild: Wolfgang Krisai: Aquarell. 1987.

Der auf der politischen Bühne versierte Autor (er war z. B. zwischen 1999 und 2002 UNO-Repräsentant für Bosnien und Herzegowina) behandelt die politischen Veränderungen der letzten Jahre, wofür er bis zum Kalten Krieg ausholt. Vor allem die Zeit nach 1989 wird ausführlich und die Gegenwart besonders genau beschrieben und analysiert. Das Ergebnis ist nicht sehr beruhigend, aber Petritsch betreibt auch keine Panikmache.

China auf dem Weg zur Weltmacht

Er sieht China auf dem Vormarsch zur Weltmacht Nr. 1, und zwar auf wirtschaftlichem Weg, statt auf kriegerischem. Putin wiederum versucht trotz wirtschaftlicher Schwäche seines Landes Russland als Weltmacht wieder zu etablieren und gleichzeitig die EU und die USA zu destabilisieren, indem er subversive Mittel des Digitalzeitalters geschickt ausnützt. So soll Russland seine Finger im US-Wahlkampf genauso wie im Brexit-Votum der Briten drin gehabt haben. Trump und der Brexit sind in Petritschs Augen die größten Fehler der westlichen Welt, denn sie destabilisieren diese in einer Zeit, wo der Westen angesichts der Herausforderungen Türkei, Syrien, China und Russland stark sein müsste.

Digitale Total-Überwachung

Die politischen Auswirkungen von Digitalisierung, Internet und künstlicher Intelligenz seien noch nicht abzusehen, aber jedenfalls nicht so, dass da automatisch ein goldenes, demokratisches Zeitalter heraufdämmern würde. Im Gegenteil, China exerziert gerade vor, wie ein Land das Internet und die digitalen Überwachungsmöglichkeiten aller Art geschickt zur totalen Überwachung und Gängelung der eigenen Bevölkerung einsetzen kann und wird. 

Ein überaus interessantes und lehrreiches Buch.

Wolfgang Petritsch: Epochenwechsel. Unser digital-autoritäres Jahrhundert.  Mitarbeit: Philipp Freund. Brandstätter Verlag, Wien, 2018. 285 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Aquarell. 1987.

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Stephan Füssel: Die Gutenberg-Bibel

Das Gutenberg-Denkmal am Lugeck in Wien.
Das Gutenberg-Denkmal am Lugeck in Wien. (Foto: buchwolf)

Die Faksimile-Ausgabe der Gutenberg-Bibel des Taschen-Verlags enthält einen Kommentarband von Stephan Füssel:

Jede Gutenberg-Bibel ein wenig anders

Zunächst stellt der Autor Gutenberg vor, dann die Gutenberg-Bibel, dann genauer das Göttinger Exemplar, das als Vorlage für das Faksimile diente. Man muss bedenken, dass jede der 180 42-zeiligen Gutenberg-Bibeln ein wenig anders ist, da es nicht nur kleine Unterschiede im Druck gibt, auch im bedruckten Material (nämlich Pergament oder Papier), vor allem aber in der buchkünstlerischen Gestaltung und im Einband, da Gutenberg ja mittelalterliche Handschriften nachahmte und daher nicht nur schwarzen Text vorsah, sondern rote Initialen und Anfangszeilen der biblischen Bücher (die ein „Rubrikator“ von Hand eintragen musste, da Gutenberg schnell erkannte, dass zweifarbiger Druck zu aufwändig wäre (erst seine Kompagnons Fust und Schöffer druckten dann zweifarbig)) und schön gemalte Initialen und anderen Buchschmuck, den ein Buchmaler einzufügen hatte. Außerdem musste der Käufer das Buch – im Falle der Gutenberg-Bibel waren es sogar zwei Bände – nach eigenen Vorstellungen binden lassen.

Wichtigste Urkunde zu Gutenberg

Der Kommentarband stellt auch das wichtigste urkundliche Dokument zum Leben Gutenbergs vor, das sogenannte „Helmaspergersche Notariatsinstrument“, in dem ein Gerichtsschreiber den Ausgang des Rechtsstreits zwischen Gutenberg und seinem Geldgeber Johannes Fust genau notierte. Als nämlich die 42-zeiligen Bibeln 1455 fertig waren, zerstritten sich die beiden und trennten sich, wobei Gutenberg Fust ziemlich viel Geld zahlen und allerlei Material (z. B. Schrifttypen) überlassen musste, mit denen Fust dann gemeinsam mit dem von Gutenberg abgeworbenen Druckergesellen Peter Schöffer eine eigene, sehr erfolgreiche Druckerei eröffnete.

Möglicherweise führte aber gerade dieses Zerwürfnis zur schnelleren Verbreitung der neuen Technik, da Gutenberg seinem Konkurrenten schaden wollte, indem er möglichst viele Drucker ausbildete, die dann in andere Städte gingen und dort Druckereien eröffneten.

Malanleitung

Der Kommentarband stellt auch ein wichtiges Hilfsmittel für die Buchmaler vor, das „Göttinger Musterbuch“, in dem Buchmalern genau erklärt wird, wie und mit welchen Farben sie die Verzierungen der Bibeln malen könnten. Das Göttinger Exemplar wurde ganz offensichtlich nach diesem Musterbuch illuminiert.

49 noch erhalten

Im Anhang findet sich eine Liste der Standorte der 49 noch erhaltenen Gutenberg-Bibeln, eine davon in der Österreichischen Nationalbibliothek. Außerdem gibt es eine Liste der im Internet frei verfügbaren digitalen Editionen der Gutenberg-Bibel.

Stephan Füssel: Die Gutenberg-Bibel von 1454. Kommentar zu Leben und Werk von Johannes Gutenberg, zum Bibeldruck, den Besonderheiten des Göttinger Exemplars, dem „Göttinger Musterbuch“ und dem „Helmaspergerschen Notariatsinstrument“. Taschen-Verlag, Köln, 2018. 114 Seiten.

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Thomas Klupp: Wie ich fälschte, log und Gutes tat

Wolfgang Krisai: Logo des Erlanger Poetenfests 2018 mit Wolfram-Denkmal aus Wolframseschenbach.

Thomas Klupp erlebte ich beim Erlanger Poetenfest im Sommer 2018, und dort kaufte ich auch seinen neuen Roman, den er dort vorstellte: „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“.

Kurz gesagt, ist der Roman eine Kreuzung aus „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf (was Modernität, Schülersprache und „Unmoral“ betrifft) und Heinrich Spoerls „Die Feuerzangenbowle“ (was die flotte Abfolge lustiger Schülerstreiche betrifft).

Der Ich-Erzähler und Held des Romans ist Benedikt Jäger, 15 Jahre alt und Gymnasiast am Kepler-Gymnasium in Weiden in der Oberpfalz nördlich von Regensburg. Seine Freunde nennen ihn „Dschägga“.

Er ist ein Tennis-As und spielt in der schulischen Tennismannschaft, die im Vorjahr eine Tennis-Meisterschaft gewonnen hat und nun, Anfang September und Anfang des Romans, dafür als Belohnung eine Ballonfahrt über Weiden hinweg machen darf. Tolles Erlebnis für alle beteiligten Burschen.

Sargnagel

In der Schule läuft aber nicht alles toll. Sie bekommen einen extrem strengen Mathe- und Physik-Lehrer namens Scharnagl, genannt Sargnagel, der ihnen schwer zu schaffen macht, obwohl er selbst an Krebs leidet und es nicht mehr lange machen wird.

Um seine Eltern nicht zu enttäuschen und deren Gunst nicht zu verlieren, hat Jäger sich ein gefinkeltes System der Fälschung schulischer Leistungen ausgedacht. Er hat die schulischen E-Mails auf einen eigenen Account umgeleitet, von wo aus er nur die unverfänglichen an seine Eltern weiterleitet. Noten von Schularbeiten und Tests, aber auch zu unterschreibende Hausübungen und ganze Zeugnisse fälscht er, wobei er auch zum souveränen Unterschriften-Fälscher geworden ist. Niemand kommt ihm je drauf.

Schummeln ist natürlich an der Tagesordnung, wobei Jäger Glück hat, da er neben der zwar unattraktiven, weil fetten, aber sehr gescheiten Margarete sitzt, die ihn einmal sogar aus einer hoffnungslosen Mathe-Situation rettet, wodurch Jäger erkennt, dass Margarete ihn offenbar liebt. Mehr wird daraus aber nicht.

Küsst super

Jäger ist noch „Jungfrau“, was ihn gewaltig stört. Das ändert sich während des Romans auch nicht, obwohl er eine Art „Freundin“ hat, nämlich ein flottes Mädchen namens Marietta, älter als er, die ihn engagiert hat, um vor ihren Freundinnen nicht ohne Freund dazustehen. Sie küsst super – aber darüber hinaus tut sich zwischen den beiden nichts, und die ganze Geschichte ist auch von seiten Mariettas auf wenige Wochen befristet. 

Auch die Mutter, Monika, spielt in seinem Leben eine wichtige Rolle. Sie stammt von einem Bauerndorf, hat sich aber – dank ihres Geld scheffelnden Ehemanns, der ein unermüdlich operierender Chirurg am Weidener Krankenhaus ist – in der Hierarchie des Ortes hinaufgearbeitet, wobei Sohn Benedikt ihr eifrig beim Flunkern und Angeben helfen musste. Was er, als notorisch begabter Fälscher und Lügner, gerne macht, zumal er jedesmal Geld von der Mutter zugesteckt bekommt.

Flüchtlinge verschwinden aus dem Roman

Die Mutter ist eine wichtige Figur beim örtlichen Lions-Club und veranstaltet Charity-Partys für von Lions betreute Flüchtlinge. Diese spielen zwar anfangs eine Rolle, verschwinden aber dann weitgehend aus dem Roman.

Dass Jäger auch in dubiosen Lokalen rumhängt und kifft, ist selbstverständlich. Die Eltern ahnen nichts davon.

Der Roman besteht eigentlich aus einer Aneinanderreihung von Episoden, wo Jäger in Schwierigkeiten gerät und sich immer wieder mit knapper Not retten kann. Ich kann hier nicht alle aufzählen.

Originell ist z. B., wie Jäger nach einem gewonnenen Tennismatch in Grafenwöhr seinen Freund Vince vor einer Verprügelung durch einen Hühnen der gegnerischen Mannschaft rettet, woraufhin die beiden quer-garten-ein durch den Ort flüchten.

Physiktest „umschreiben“

Um sich eine bessere Note bei einem wichtigen Physik-Test zu erschummeln, bekniet Jäger seinen Tennis-Kollegen Jiri, für ihn – gegen Geld (im Endeffekt muss Jäger Jiri ein neues iPhone X kaufen und dafür das Geld erst auf abenteuerliche Weise auftreiben) – den Test zu machen: Jäger fotografiert den Angabezettel, schickt ihn Jiri, der am WC ist und schnell die Lösung auf ein Blatt schreibt und am WC deponiert, dann soll Jäger aufs WC gehen und die Lösung abholen. Doch Prof. Sargnagel vereitelt das, indem er Jäger aufs Lehrer-WC schickt. Wenn dieser Test schiefgeht, würde die Schule seine Mutter verständigen – durch einen persönlichen Anruf eines Lehrers – und dann würde diese die Wahrheit über die schlechten Leistungen ihres Sohnes erfahren. Also muss Jäger sich eine Lösung einfallen lassen. Diese ist dann Höhepunkt und Schluss des Romans: ein Einbruch bei Professor Sargnagel, wo Jäger und zwei Freunde die am Vormittag geschriebenen Physiktests „umschreiben“, von Sargnagel erwischt werden, aber gerade noch unerkannt flüchten können. Auch diesmal werden sie nicht ausgeforscht.

Gutes?

Wie Jäger „fälschte und log“, das ist nun klar. Aber wo „tat er Gutes“? Das fällt vergleichsweise dünn aus. Denn er ist ein guter Kumpel, hält zu seiner Tennismannschaft, er hilft seiner Mutter beim Aufbau eines gefakten Images, ebenso Marietta, aber richtig gute Taten sind da nicht dabei. 

Trotzdem, ein unterhaltsamer Roman, der auch wegen seiner flotten „Jugendsprache“ gut zu lesen ist. Natürlich ist es eine künstliche Jugendsprache (wie Thomas Klupp beim Gespräch in Erlangen auch zugab), aber sie funktioniert.

Thomas Klupp: Wie ich fälschte, log und Gutes tat. Roman. Berlin-Verlag, München/Berlin 2018. 253 Seiten.

Bild Wolfgang Krisai: Logo des Erlanger Poetenfests 2018 mit Wolfram-Denkmal aus Wolframs-Eschenbach. – Anlässlich des Besuchs in Erlangen besichtigten wir auch das nahe Wolframs-Eschenbach, daher das Denkmal in diesem Bild.

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„Es sind vortreffliche Italienische Sachen daselbst“. Louise von Göchhausens Tagebuch ihrer Reise mit Herzogin Anna Amalia nach Italien

Wolfgang Krisai: Rokoko-Berline, sogenannter "Prinzen- oder Damenwagen", Wagenburg, Schloss Schönbrunn, Wien. Federzeichnung, 2017.

Meine Frau schenkte mir diese wissenschaftliche Ausgabe von „Louise von Göchhausens Tagebuch ihrer Reise mit Herzogin Anna Amalia nach Italien vom 15. August 1788 bis 18. Juni 1790“. Es ist der Band 72 der „Schriften der Goethe-Gesellschaft“ und vom Wallstein-Verlag in gediegener Weise gestaltet.

Interessant kommentierte Ausgabe

Das eigentliche Tagebuch umfasst 148 Seiten, darüber hinaus gibt es eine Einleitung, editorische Erläuterungen, einen äußerst umfangreichen Sachkommentar und ein kommentiertes Personenverzeichnis.

Die Idee, die Personen normalerweise nicht im Kommentar zu kommentieren, sondern im Personenverzeichnis, ist sehr praktisch, da man ja häufig nicht beim ersten Auftreten der Person gleich etwas nachschauen will, sondern vielleicht erst beim fünften oder zehnten. Allerdings ist die Kommentierung im Personenverzeichnis deutlich weniger ausführlich als die zu den Sachthemen im Sachkommentar, wo die Informationen oft geradezu ausufern, vor allem, wenn es um Kunstwerke geht, die besichtigt und genannt werden.

Einige Seiten des Originals sind abgebildet, sodass man auch von der Handschrift Göchhausens einen Eindruck bekommt. Auch ein von Goethe gezeichnetes Porträt der Autorin ist enthalten.

Scharfes Mundwerk, aber nüchternes Tagebuch

Louise von Göchhausen war eine kleine, verwachsene Frau, die lange Jahre die Hofdame der Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach war und nur wenige Monate nach deren Tod 1803 ebenfalls starb. Sie war beliebt, weil sie einen scharfen Verstand und ein offenbar nicht weniger scharfes Mundwerk hatte.

Das goutierte möglicherweise aber nicht jeder, denn im Kommentar zum 1. 12. 1789 (Aufenthalt war gerade in Rom, an diesem Tag erfuhr man vom Selbstmord des jungen Sängers David Heinrich Grave) wird vermutet, Louise von Göchhausens ständige Sticheleien gegen den Sänger hätten zu dessen Tod beigetragen und darüber sei es zu einem ernsten Zerwürfnis mit der Herzogin gekommen (wovon wieder Goethe ein Jahr später in einem Brief etwas andeutet). Im Tagebuch wird davon nichts gesagt, denn Gefühle und Kommentare sind daraus generell ausgespart.

Genaue Chronistin des Tagesgeschehens

Göchhausen vermerkt genau, aber in aller Kürze, was jeden Tag gemacht wurde, wo man übernachtete, wo man einkehrte, welchen Vergnügungen man sich hingab.

Die Herzogin liebte die Musik (komponierte sogar selbst), daher hatte sie Musiker – zunächst einen Schweizer Komponisten, der sich aber bald beurlauben ließ, und dann eben diesen unglückseligen Grave – in ihrer Entourage, wie übrigens auch einen Arzt, einen Koch, einen italienischen Cicerone, eine Kammerfrau, eine Kammerjungfer, einen Hofmarschall und die Hofdame Göchhausen umfasste.

Eigentlich inkognito

Die Herzogin reiste inkognito unter dem Namen Gräfin von Allstedt, konnte das Inkognito aber vor allem in Rom nicht mehr aufrecht erhalten.

Die Reiseroute – am vorderen Vorsatzpapier auf einer Landkarte abgebildet – verlief von Weimar über Regensburg, München, Innsbruck, Verona, Mailand, Parma, Florenz, Pisa, Siena, Viterbo nach Rom, wo man länger blieb, dann weiter nach Neapel, nach einem Monat zurück nach Rom, dann bald wieder nach Neapel, wo man dann lange blieb – mit Ausflügen nach Paestum, auf die Insel Ischia, nach Andria (dort aber merkwürdiger Weise nicht zum Castel del Monte!), zurück ging es dann über Rom, Ancona, Bologna, Venedig, Padua, Verona, Innsbruck, Augsburg, Nürnberg nach Weimar. In Venedig erwartete sie Goethe, der dort schon ein Monat zu früh eingetroffen war, und begleitete sie dann nach Hause.

Die Reise beanspruchte die Weimarer Staatsfinanzen empfindlich, zumal die Herzogin die geplante Reisezeit von einem Jahr fast um ein weiteres Jahr überzog. Aber es gefiel ihr in Neapel dermaßen…

Erstaunliche Aufnahmekapazitäten

Absolut erstaunlich ist die Aufnahmekapazität der Herzogin und der Hofdame, was Kunstwerke betrifft. Praktisch jeden Tag wird irgendeine Sehenswürdigkeit besichtigt, manchmal auch mehrere, und in den Kirchen, Klöstern und Palästen (die, sofern der Besitzer abwesend war, offenbar problemlos zugänglich waren) wurde nach bedeutenden und weniger bedeutenden Gemälden Ausschau gehalten. 

Darüber hinaus empfing die Herzogin fast täglich Künstler, die ihr Zeichnungen vorlegten, von denen sie gelegentlich welche kaufte, oder die sie porträtierten. So etwa Angelika Kauffmann, Tischbein, aber auch den Maler Verschaffelt und viele andere.

Gesellschaftsleben

Täglich wurde in Gesellschaft gespeist, der Koch war also eine wesentliche Figur in der Reisegesellschaft. Und am Abend ging man in die Oper, in ein Konzert, ließ sich vorsingen oder vorspielen oder spielte und sang selbst. In den wenigen stillen Stunden schrieben sowohl die Herzogin wie auch die Hofdame an ihren Tagebüchern. 

Von Lektüre ist nie die Rede, möglicherweise wurden aber Reiseführer (sofern es solche schon gab) konsultiert. Jedenfalls hätte man nicht so viele Kunstwerke besichtigen können, wenn man nicht im Vorhinein von deren Existenz erfahren hätte.

Die Natur spielt ebenfalls eine geringere Rolle. So spektakuläre Naturschauspiele wie aus dem Vesuv hervorquellende Lava, zu der man extra hinaufstieg bzw. -getragen wurde, oder Wasserfälle, Schluchten oder Ähnliches besichtigten die Reisenden aber sehr wohl.

Eigene Kutsche, fremde Pferde

Die Gruppe reiste in zwei eigenen Kutschen, nur die Pferde wurden an den Poststationen gewechselt, manchmal mussten auch welche zusätzlich vorgespannt werden, um Berge zu überwinden. Diese Kutschen waren sicher nicht gerade bequem im Verhältnis zu heutigen Fortbewegungsmitteln. Außerdem konnten sie umstürzen (was einmal geschah, wobei aber niemand verletzt wurde) oder Räder konnten zu Bruch gehen (was öfter geschah). Vor dem Regen schützten sie jedoch offenbar ausreichend, auch Kälte ließ sich ertragen.

Insgesamt eine äußerst interessante Lektüre. Man möchte gleich mehr über Louise von Göchhausen oder Anna Amalia erfahren.

„Es sind vortreffliche Italienische Sachen daselbst“. Louise von Göchhausens Tagebuch ihrer Reise mit Herzogin Anna Amalia nach Italien vom 15. August 1788 bis 18. Juni 1790. Hg. u. komm. v. Juliane Brandsch. Schriften der Goethe-Gesellschaft, Band 72. Wallstein-Verlag, Göttingen, 2008. 518 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Rokoko-Berline, sogenannter „Prinzen- oder Damenwagen“, Wagenburg, Schloss Schönbrunn, Wien. Federzeichnung, 2017. – Mit einer Zeichnung von Anna Amalias Reisekutsche kann ich nicht aufwarten, aber zumindest von dieser schönen Kutsche aus der Wiener Wagenburg.

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Josef H. Reichholf, Johann Brandstetter: Symbiosen. Das erstaunliche Miteinander in der Natur.

Wolfgang Krisai: Mädchen mit Hund in der Dordogne. Tuschestift, Buntstifte, 2014.

Diesen Band kaufte ich mir – nach den „Haustieren“ –, weil ich vor einigen Jahren im Haus der Natur in Salzburg eine Ausstellung mit den Illustrationen Johann Brandstetters zu diesem Band gesehen habe.

Schön illustriert, aaaber …

Die Ausstellung war großartig, die Bilder sind es ebenfalls. Aaaaber: Die Originale sind etwa A2 groß, abgebildet sind sie jedoch etwa im Format A4. Da die Bilder viel ohnehin schon schwer lesbare Handschrift enthalten, die zu allem Überfluss noch mit Bleistift aufs Papier gehaucht ist, kann man die Schrift auf den Bildern im Buch einfach nicht lesen. Der Verlag hat sich auch nicht die Mühe gemacht, Teilvergrößerungen mit den Schriftpassagen abzubilden. Das ist ein wirklich ärgerlicher, schwerer Mangel dieses ansonsten großartigen Buches.

Im Endeffekt muss daher Reichholfs Text für sich stehen, die Illustrationen dienen nur der Trennung der Kapitel und der ganz, ganz oberflächlichen Hinführung zur jeweils veranschaulicht werden sollenden Symbiose.

Dreißig Symbiosen + eine, die nicht funktioniert

30 Symbiosen stellt Reichholf vor: den Honiganzeiger, der die Menschen für sich arbeiten lässt, „Rehe und Gänse auf weiter Flur“, natürlich „Mensch und Hund“, „Madenhacker, Büffel und Co.“, „Wildschweine und Trüffeln“, „Blüten und Insekten“, Blattschneiderameisen, Bromelienfröschchen (das sind knallrote, winzige Pfeilgiftfröschchen, die ihre Brut in den wassergefüllten Trichtern der Bromelien aufziehen), allerlei fleischfressende Pflanzen, diverse Symbiosen im Meer, die Flechten als Symbiose von Alge und Pilz und zuletzt, als 31., leider derzeit überhaupt nicht funktionierende Symbiose jene von „Stadt und Land“.

Was einem als Durchschnittsmensch der Gegenwart überhaupt nicht bewusst ist, wird in der 31. „Symbiose“ angerissen: Die moderne Argarindustrie (Landwirtschaft kann man das ja überhaupt nicht mehr nennen) ist die größte Bedrohung der Umwelt der Gegenwart. Vergiftung mit Pflanzenschutzgiften, extreme Überdüngung, Massentierhaltung, Rodung der Regenwälder für Sojaproduktion, deren Produkte in Europa an Tiere verfüttert werden, Überproduktion, Vernichtung von Lebensräumen für Wildtiere, usw. usw. usw. Unbemerkt und doch vor aller Augen wird der Planet von der Landwirtschaft ruiniert!

Man lernt und lernt und lernt

Reichholf erzählt über die Symbiosen so interessant und kurzweilig, wie man es sich nur wünschen kann. Man lernt und lernt und lernt dazu. Und genießt gleichzeitig die schöne, von Judith Schalanski gestaltete Aufmachung des Bandes.

Ich vergönne es dem Mattes & Seitz-Verlag, mit der Reihe „Naturkunden“ bis in die Mainstream-Buchhandlungen vorgedrungen zu sein.

Josef H. Reichholf, Johann Brandstetter: Symbiosen. Das erstaunliche Miteinander in der Natur. Reihe: Naturkunden Nr. 35, hg. v. Judith Schalanski, Mattes & Seitz, Berlin, 2016. 298 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Mädchen mit Hund in der Dordogne. Tuschestift, Buntstifte, 2014. – Mensch und Hund, auch das ist eine Symbiose.

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Maren Gottschalk: Johannes Gutenberg. Mann des Jahrtausends.

Wolfgang Krisai: Mainz, Kaiserdom. Zeichnung, 2014.

Maren Gottschalks Biographie über „Johannes Gutenberg. Mann des Jahrtausends“ ist ein für Laien geschriebenes, sehr gut lesbares und anschauliches Buch, das sich im Programm des Böhlau-Verlags wie ein Fremdkörper ausnimmt. Hoffentlich ist ihm trotzdem Erfolg beschieden.

Zumal es sehr schön gestaltet und gediegen gemacht ist: Hardcover, Fadenheftung, Lesebändchen, mit vielen Farbabbildungen, zweifärbigem Druck und moderner Typographie. Außerdem ist es sehr informativ, denn man erfährt nicht nur viel über Gutenberg selbst, sondern auch detaillierte Informationen darüber, wie der Buchdruck damals funktionierte, von der Herstellung des Schrifttypen bis zum „Marketing“ für die Gutenberg-Bibel.

Was mir besonders in Erinnerung ist:

Henne Gensfleisch

Gutenberg hieß Henne Gensfleisch und stammte aus einer wohlhabenden Mainzer Patrizierfamilie. 

In Mainz gab es immer wieder Revolten der Handwerker gegen die Patrizier, die ihrerseits dem Erzbischof die Herrschaft abgerungen hatten. Wenn es den Patriziern in Mainz „zu heiß“ wurde, zogen sie aus, die Gutenbergs in ihr Haus in Eltville am gegenüberliegenden Rheinufer.

Gutenberg studierte in Erfurt, das zum Bistum Mainz gehörte. Das ist zumindest das Wahrscheinlichste, und immerhin wird um 1420 ein Student Johannes de Alta Villa vermerkt. Das könnte er gewesen sein.

Heiltumsspiegel

Dann taucht er in Straßburg auf (1443-44), wo er sich als Geschäftsmann betätigte und Heiltumsspiegel herstellt, eine spezielle Form von Pilgerabzeichen, die er in Aachen verkaufen will.

Außerdem muss er sich schon in Straßburg mit der Druckkunst befasst haben.

Grammatik und Kalender

Zwischen 1444 und 1448 gibt es keine Nachrichten über ihn, 1448 ist er in Mainz ansässig. Dort gründet er eine Druckerei, druckt bereits einige kleinere Schriften, unter anderem eine lateinische Grammatik, den „Donat“, und Kalender. 

Dafür musste er alle nötigen Geräte, Materialien und Fertigkeiten erst einmal entwickeln, was sicher nicht von heute auf morgen gegangen ist: Stahlstempel und Handgießgerät, Winkelhaken und Setzschiff, Farbe und Druckerballen, die Druckerpresse. Als Schrift wählte er die Textura.

Die Gutenberg-Bibel

1450 nahm er die Gutenberg-Bibel in Angriff, mit Johannes Fust, der ihm viel Geld dafür lieh, und dessen Ziehsohn Peter Schöffer, und einigen hervorragenden Mitarbeitern seiner Druckerei.

Die Gutenberg-Bibel wurde ein absolutes Meisterwerk, manche meinen, das schönste Buch, das je gedruckt wurde. Die 180 Exemplare waren noch vor dem Druck verkauft, was Enea Silvio Piccolomini in einem Brief erwähnt. Und 1987 wurde eine Gutenberg-Bibel um 9,75 Mill. DM verkauft (also fast 5 Mill. Euro), ein Preis, den kein anderes gedrucktes Buch je erreichte.

Zerwürfnis und Prozess

Noch während des zwei Jahre dauernden Drucks der Bibel entzweite sich Gutenberg mit Johannes Fust und Peter Schöffer. Er verlor einen Prozess gegen sie, musste ihnen viel Geld zurückzahlen und zwei Druckerpressen samt allem nötigen Material überlassen. Damit gründeten die beiden sogleich eine eigene Druckerei, die ebenfalls Meisterwerke hervorbrachte.

Sollte Fust gedacht haben, er könne ein Monopol auf das Drucken erringen, so machte ihm Gutenberg einen Strich durch die Rechnung. Dieser lehrte nämlich viele Menschen die Druckkunst, sodass bald in ganz Deutschland und Europa Druckereien aus dem Boden schossen, zuerst in Bamberg, Straßburg, Frankfurt, bald auch in Subiaco und Rom.

Gutenberg starb 1468 als begüterter Mann, sein Grab ist nicht erhalten.

Übrigens habe ich Maren Gottschalk bei der Buch Wien 2018 erlebt, wo sie einen halbstündigen, äußerst interessanten und kurzweiligen Vortrag über Gutenberg hielt.

Maren Gottschalk: Johannes Gutenberg. Mann des Jahrtausends. Böhlau, Köln u.a., 2018. 160 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Mainz, Kaiserdom. Zeichnung, 2014.

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Alex Beer: Der zweite Reiter. Ein Fall für August Emmerich

Wolfgang Krisai: Alex Beer, gezeichnet auf der Buch Wien 2018.

Alex Beer (Pseudonym für Daniela Larcher, eine Vorarlbergerin, die in Wien lebt und unter ihrem wirklichen Namen mehrere Vorarlberg-Krimis geschrieben hat) lernte ich bei einer Lesung im Rahmen der Wiener Kriminacht 2018 kennen. Frau Beer las aus ihrem zweiten August-Emmerich-Krimi vor.

Bei der Buch Wien trat sie kurz darauf ebenfalls auf, auch dort hörte ich mir ihre Lesung an, kaufte dann die Taschenbuchausgabe des ersten Emmerich-Romans, „Der zweite Reiter“, ließ ihn signieren und las ihn jetzt auch.

Der Held: eine unglückliche Person

August Emmerich ist eine unglückliche Person, mit Granatsplitter vom Ersten Weltkrieg im Knie, mit einer Freundin, deren Mann im Krieg vermeintlich gefallen ist, im Lauf des Romans, der 1919 spielt, aber wieder auftaucht (woraufhin sich die Freundin, die eigentlich Emmerich liebt, verpflichtet fühlt, zu ihrem angetrauten Ehemann zurückzukehren) und einem Posten als „Polizeiagent“ in Wien.

Als Polizeiagent arbeitet er in Zivil sozusagen als Detektiv. Sein Vorgesetzter Sander, ein überaus arroganter Typ, verlangt, er solle einen Ring von Schmugglern und Schwarzhändlern ausheben. Emmerich und sein junger Mitarbeiter Winter, der sich im Lauf des Krimis vom Greenhorn zum mutigen Polizisten mausert, am Ende aber von einem Verbrecher niedergefahren wird (er überlebt, aber was aus ihm wird, erfährt man wohl erst im zweiten Roman), verfolgen tatsächlich einen Schmugglerboss. Aber ohne Erfolg. Stattdessen stoßen sie auf eine Leiche, deren Ermordung die Eingangsszene des Romans darstellt.

Ermittlungen auf eigene Faust

Emmerich glaubt im Gegensatz zum Gerichtsmediziner (einem jungen Schnösel) nicht an Selbstmord und sucht auf eigene Faust nach dem Mörder, mit dem Hintergedanken, bei Erfolg hoffentlich in die Abteilung „Leib und Leben“ befördert zu werden.

Um sein schmerzendes Knie ruhig zu stellen, verfällt Emmerich auf Heroin, das damals in Tablettenform als Schmerzmittel gebräuchlich war, und wird süchtig danach.

Die Suche nach dem Mörder wird zu einer abenteuerlichen Sache, da Emmerich selbst ins Visier des Mörders gerät. Dieser ermordet nach und nach eine ganze Reihe von Männern und sogar eine Kellnerin, die in einem Lokal zuviel mitbekommen hat.

Eine große Hilfe ist Emmerich dabei ausgerechnet der Schmugglerboss, der sich als ein ehemaliger Kollege aus dem Waisenhaus erweist und Emmerich in höchster Not zu Hilfe kommt und dann seine Unterwelt-Verbindungen spielen lässt, um den Mörder ausfindig zu machen.

Die Handlung ist sehr abwechslungsreich und ziemlich spannend.

Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs

Am Ende erweist sich Emmerichs Vorgesetzter als der eigentliche Verbrecher: Er war im Krieg Kommandant einer Einheit, die äußerst brutale Kriegsverbrechen begangen hat. Nach dem Krieg wurde ein Kommission eingerichtet, die – ohnehin nur halbherzig – Kriegsverbrechen aufklären sollte. Da Sandner fürchtet, aufzufliegen, lässt er durch einen noch loyalen und völlig skrupellosen ehemaligen Soldaten alle Mitglieder der damaligen Truppe umlegen und die mitwissende Kellner ebenfalls. Auch Emmerich und Winter sind auf der Abschussliste.

Doch dank der Hilfe seines Schmuggler-Freundes kann Emmerich den wahren Verbrecher entlarven und festnehmen lassen. Emmerich, der zwischendurch selbst unter Mordverdacht verhaftet und eingesperrt worden war (durch eine kühne Flucht kam er wieder aus dem Gefängnis), ist nun entlastet.

Gut recherchiertes Zeitkolorit

Alex Beer hat, soweit ich das beurteilen kann, gut recherchiert und bringt viele interessante Details aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Auch sprachlich ist der Roman akzeptabel, auch wenn damals sicher niemand „Einen schönen Abend!“ gewünscht hätte und natürlich auch mein Lieblings-Unwort „zögerlich“ vorkommt.

Den Titel hat der Roman vom zweiten Reiter der vier apokalyptischen Reiter, vor dem Emmerich durch eine Wahrsagerin gewarnt wird.

Alex Beer: Der zweite Reiter. Ein Fall für August Emmerich. Kriminalroman. Blanvalet-Verlag, Verlagsgruppe Random-House, München, 2017. 382 Seiten (ohne die umfangreiche Leseprobe aus dem zweiten Roman).

Bild: Wolfgang Krisai: Alex Beer, gezeichnet auf der Buch Wien 2018.

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