Thiele, Johannes: Elisabeth

Bild: Wolfgang Krisai: Hermesvilla. Tuschestift, Buntstift, 2018.

Diesen schönen, großen Bildband kaufte ich mir, nachdem wir das Sisi-Museum in der Wiener Hofburg besucht hatten. Jetzt las ich ihn mit großem Interesse und Gewinn. Er zeigt ein differenziertes Bild Kaiserin Elisabeths (1837-1898), der Gattin von Kaiser Franz Joseph I. von Österreich-Ungarn. Sie wird als problematische Figur dargestellt, die in die Ehe gestolpert war, ohne recht zu wissen, wie ihr geschah – immerhin war sie erst 15 Jahre alt, als Franz Joseph um ihre Hand anhielt.

Kampf gegen die Wiener Konventionen

Lange Zeit war ihr Leben ein halb bewusster Kampf gegen die Wiener Konventionen und das strenge Regime der Mutter Franz Josephs, Erzherzogin Sophie, die zugleich eine Tante Elisabeths war. Diese riss die Erziehung und Betreuung der ersten drei Kinder des Kaiserpaares an sich, Elisabeth gelang es nicht, sich dagegen zu wehren. Erst ein radikales Ultimatum, in dem sie Franz Joseph schriftlich aufforderte, allein ihr die Kinder zu überlassen und ihr selbst völlige Selbstbestimmung zu gewähren, führte zu einer Änderung der Situation, die aber schon verfahren war. Sisi entzog sich daher immer mehr dem Wiener Hof, ihrer Schwiegermutter, ihren Kindern und ihrem Mann. Sie lebte einen verzweifelten, melancholischen Drang zur Selbstverwirklichung aus, in Zeiten, wo dies einer Frau gesellschaftlich einfach nicht zugestanden wurde. Als Kronprinz Rudolph, den sie zwar nicht wirklich liebte, der aber immerhin der einzige Sohn war, sich in Mayerling umbrachte, wünschte auch Elisabeth sich den Tod. Der kam erst neun rastlose Jahre später in Form eines verirrten Anarchisten, Luigi Lucheni, der sie in Genf mit einer Feile niederstach.

Manische Selbstverwirklichung

Selbstverwirklichung bedeutete für Sisi: Reisen, wann und wohin immer sie wollte (natürlich auf Kosten des Kaisers), lange Aufenthalte im Ausland, zum Beispiel auf Krofu, wo sie sich das Schloss „Achilleion“ errichten ließ; Reiten, Wandern bis zum Umfallen (vor allem des Gefolges) und ein Schönheitskult, der täglich Stunden an Frisieren, Gymnastik und Körperpflege verschlang (und trotzdem ihr Gesicht so altern ließ, dass sie sich ab 40 nicht mehr fotografieren ließ und es hinter einem Schleier oder Fächer verbarg). Sie lernte Neugriechisch, las Homer, Byron und Heine (der überhaupt ihr literarisches Idol war, wobei ich vermute: der Heine des „Buchs der Lieder“), schrieb selbst Gedichte im Stil Heines, liebte Ungarn (ihre einzige politische Aktivität war es, den „Ausgleich“ mit Ungarn 1867 zu befördern; der Höhepunkt ihres Lebens war daher auch die Krönung zur ungarischen Königin 1867; von den Ungarn bekam das Kaiserpaars Schloss Gödöllö geschenkt, das Sisi liebte) und sie wurde von den Ungarn geliebt. Aber auch von vielen Verehrern, die sie aber streng auf Distanz hielt. Während Franz Joseph mit ihrer Zustimmung das bekannte Verhältnis mit Katharina Schratt pflegte, scheint sie sich für Männer nicht interessiert zu haben. Aber auch nicht für Frauen. Überhaupt in erster Linie nur für sich selbst.

Moderner Charakter

Eine irgendwie moderne Frau, die heute eine Instagram-Queen sein könnte… Dazu passen die unzähligen Bilder, die es von ihr gibt, auch, weil es oft idealisierte Zeichnungen oder Gemälde, oft auch schlicht Fotomontagen sind, die der Öffentlichkeit ein Bild vorgaukelten, das nicht der Wirklichkeit entsprach. Das Bildmaterial des Bandes ist daher bei aller Üppigkeit doch eindimensional und ermüdend.

Besonders interessant finde ich auch die Kapitel über die Nachwirkung bis hin zum erfolgreichen Musical „Elisabeth“.

Thiele, Johannes: Elisabeth. Kaiserin von Österreich, Königin von Ungarn. Ihr Leben. Ihre Seele. Ihre Welt. Brandstätter-Verlag, Wien, 2011. 319 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Hermesvilla. Tuschestift, Buntstift, 2018. – Die Hermesvilla im Lainzer Tiergarten in Wien ließ Kaiser Franz Josph für seine Frau erreichten. Bewohnt hat Sisi das prachtvolle Gebäude selten. Heute befindet sich darin ein sehenswertes Museum und der Lainzer Tiergarten rundherum ist ein ausgedehntes Erholungsgebiet.

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Martialis, M. V.: Römischer Witz. Ausgewählte Epigramme

Bild: Wolfgang Krisai nach Lucas Cranach d. Ä: "Ungleiches Paar" von 1531, Gemäldegalerie der Akademie der Bildenden Künste, Wien; Tuschestift, 2017.

In unserer Schulbibliothek fand dieses kleine, alte Bändchen keine Leser*innen und es wurde ausgeschieden. Einst hatte es ein ehemaliger Lateinlehrer gespendet, als er in seiner Bibliothek ausmisten musste. Ich nahm es mit und bewahrte es damit vor dem Altpapiercontainer. Wäre auch wirklich schade darum gewesen, aus mehreren Gründen.

Menschlich-Allzumenschliches aufs Korn genommen

Erstens der Gedichte wegen, die wirklich unterhaltsam sind und allerlei Menschlich-Allzumenschliches aus der römischen Kaiserzeit (Martial lebte von ca. 40-104 n. Chr.) aufs Korn nehmen. Viele der Laster und Schwächen von damals gibt es auch heute noch, Kleingeisterei aller Art, Schnorrertum, Egoismus, Herabsetzen des anderen, Kunst-Unverständnis zum Beispiel. Martial ärgert sich über den Rummel der Großstadt, wo man sich nicht ausschlafen kann, weil auf der Straße so ein Lärm ist; er verflucht die ihm verhasste Sitte des Abbusserlns unter miteinander kaum bekannten Männern, deren Lippen und Wangen nicht immer frisch gepflegt sind; er sehnt sich nach seinem heimatlichen Spanien (er wurde in Bilbilis, dem heutigen Bilbao, geboren), freut sich über sein kleines Landgut vor den Toren Roms, das ihm ein Mäzen geschenkt hat, andererseits ärgert er sich aber auch wieder über Mäzene, die alljährliche Zuwendungen plötzlich lieber einer neuen Geliebten zuwenden statt dem Dichter, der jedoch von solchen Wohltaten leben muss.

Das kurze Nachwort belehrt den Leser, Martial sei bis in die letzten Winkel des römischen Weltreichs bekannt gewesen, trotzdem aber nicht von seinen Dichtungen reich geworden. Seine letzten 6 Lebensjahre verbrachte er tatsächlich wieder im heimatlichen Spanien.

Witzige, sehr freie Übertragung

Zweitens der witzigen Übersetzung wegen: Übersetzer Hermann Swoboda erklärt seine Auffassung im Nachwort: Martials Epigramme hätten einst durch ihren sprühenden Witz und ihre Pointen gewirkt, aber auch durch ihre eingängige poetische Form. Wollte man nun diese Form getreu ins Deutsche übertragen, kämen umständliche Gedichte heraus und der Witz bliebe auf der Strecke. Daher erlaubte sich Swoboda eine von der ursprünglichen Form völlig unabhängige Umsetzung in eine moderne, flotte, witzige Gedichtform mit kurzen, gereimten Versen.

Hier ein Kostprobe: „An den Leser

Den ihr da lest, der Dichter eurer Wahl,

Das ist er, der gewisse Martial,

Den alle Welt, bis an das fernste End‘,

Als witz’gen Epigrammverfasser kennt.

Was er durch euch an Ruhm empfing im Leben,

Wird wenig Dichtern nach dem Tod gegeben.“

Nachforschungen im Internet ergaben, dass Hermann Swoboda, 1873-1963, ein Wiener Psychologe und Universitätsdozent war und zum Biorhythmus des Menschen forschte. Also kein Literat! Allerdings verfasste er untem Pseudonym Arminius Libertus (Swoboda heißt Freiheit auf Deutsch) eigene Epigramme, die er in einem Sammelband veröffentlichte.

Drittens der Provenienz wegen: Mein Bändchen hat Swoboda persönlich einer Frau Lucia Jirgal gewidmet und geschenkt, und zwar am 23. 12. 1950, also noch vor dem offiziellen Erscheinungsjahr, mit Dank für „die Mitwirkung“. Lucia Jirgal (1914-2007) war eine österreichische Malerin, die offenbar vor allem Glasfenster in Kirchen gestaltete. 

Und nun ist dieses Bändchen bei mir gelandet. Habent sua fata libelli!

Martialis, Marcus Valerius: Römischer Witz. Ausgwählte Epigramme des M. V. Martialis. Übertragen von Hermann Swoboda. Margarete Friedrich Rohrer Verlag, Innsbruck – Wien, 1951. 143 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai nach Lucas Cranach d. Ä: „Ungleiches Paar“ von 1531, Gemäldegalerie der Akademie der Bildenden Künste, Wien; Tuschestift, 2017. – Das ist zwar keine Illustration zu einem Martial-Gedicht, aber ein Gemälde, das ebenfalls Menschlich-Allzumenschliches aufs Korn nimmt.

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Christine Zucchelli, Irmeli Wopfner: Anno 1613 von Tirol nach Rom. Die abenteuerliche Pilgerfahrt des Doktor Hippolyt Guarinoni

Die Kirche St. Karl Borromäus bei Volders in Tirol, geplant und erbaut von Hippolyt Guarinoni.

In diesem Buch geht es um „Die abenteuerliche Pilgerfahrt des Doktor Hippolyt Guarinoni“ im Jahr 1613 von Hall in Tirol nach Rom und zurück.

Guarinoni war Arzt und eine Art Vertrauter der Adeligen Damen des Damenstifts von Hall in Tirol, mir war er jedoch als Planer und Erbauer der Kirche St. Karl Borromäus in Volders ein Begriff.

Pilgergruppe zusammengetrommelt

Guarinoni trommelte eine ganze Pilgergruppe zusammen, darunter zwei Geistliche, mit der er sich auf den Weg machte. Er war der Anführer, der sich allerdings mit den Eigenheiten der Mitreisenden arrangieren musste. Da es eine Pilgerfahrt war, wurde auch unterwegs jede Gelegenheit genützt, um Reliquien zu besichtigen, Kirchen zu besuchen oder eine Messe zu lesen bzw. daran teilzunehmen.

Der Weg führte über folgende Stationen:

Innsbruck, Brenner, Brixen, Bozen, Trient, Verona, Ferrara, Ravenna, Rimini, Pescara, Ancona, Loreto, Assisi, von wo aus die Gruppe schließlich ans Ziel, nach Rom marschierte.

Kommunion vom Papst empfangen

Der rund einmonatige Aufenthalt in Rom um die Osterzeit wird für Besuche der sieben großen Ablass-Kirchen genützt, natürlich vor allem des Petersdoms, in dem auch immer wieder eine Messe besucht wird. Einmal hat Guarinoni sogar das Glück (dem er durch Kontakt mit der Schweizergarde nachgeholfen hat), bei der Messe ganz in der Nähe des Papstes zu stehen zu kommen, sodass er vom Papst persönlich die Kommunion ausgeteilt bekommt. Später gibt es auch noch eine Audienz beim Papst.

Ein Fan der Heiligen Francisca Romana

Wichtigstes Ziel für Guarinoni sind die Wirkungsstätten und das Grab seiner Lieblingsheiligen, der Francisca Romana. Deren Biographie hat Guarinoni aus dem Italienischen ins Deutsch übersetzt, dabei ist sie ihm offenbar ans Herz gewachsen. Als solchermaßen ausgewiesener „Fan“ der Heiligen kann er sogar mit deren Nachfolgerin im Kloster sprechen, bekommt von der Heiligen benützte und damit geheiligte Gegenstände gezeigt, darf, nachdem er hartnäckig Einlass begehrt hat, auch im Klostergarten auf ihren Spuren wandeln und den besonderen Klosterwein trinken.

Reliquien für Hall in Tirol

Für das Haller Damenstift beschafft er sogar die Leichname zweier Märtyrerinnen, der Heiligen Lea und Vincentia. Diese Reliquien werden mit größter Sorgfalt und Vorsicht nach Tirol transportiert, wo sie mit großer Freude entgegengenommen und mit einer Prozession von Innsbruck nach Hall in ihre neue „Heimstätte“ überführt werden.

Im Gegensatz zur eher ernst verlaufenen Hinreise ist die Rückreise lustiger, da sie einen Tiroler Transporteur engagiert haben, der auf seinem Saumpferd zwei Tragekörbe mit den beiden Reliquien-Behältnissen transportiert. Der Mann ist ein lustiger Kerl, der die Pilgergruppe immer wieder zum Lachen bringt.

Reise auf Guarinonis Spuren

Das Buch ist allerdings nicht einfach eine Ausgabe der – 24 Jahre nach der Pilgerfahrt erst geschriebenen – Reisebeschreibung Guarinonis. Die beiden Autorinnen haben das Werk überhaupt erst wiederentdeckt und dann beschlossen, die Reise auf Guarinonis Spuren genau nachzuvollziehen, was die Route, nicht aber, was das Zu-Fuß-Gehen betrifft, denn dann hätten sie am Bankett von Fernverkehrsstraßen gehen müssen. Wo es allerdings möglich ist, auf einem verkehrsfreien Wanderweg zu gehen, etwa zwischen Ravenna und Ancona, tun sie das, um ein Gefühl für das Pilgern zu Fuß zu bekommen.

Die beiden beschreiben nun ihre eigenen Reiseerlebnisse und -erfahrungen aus dem 21. Jahrhundert, liefern einen ausführlichen Reiseführer mit vielen Fotos und Informationen über alle besuchten Kirchen, zusätzlich noch eine Menge Hintergrundinformation – und dazwischen streuen sie Abschnitte aus der originalen Reisebeschreibung Guarinonis ein. Dessen barocke Sprache haben sie nicht in modernes Deutsch übersetzt, sodass man diese Abschnitt schon sehr konzentriert lesen muss, um sie überhaupt zu verstehen. Sie sind aber der interessante Teil des Buches. Das „Drumherum“ habe ich zum Teil diagonal gelesen, denn wie z. B. die Kirchen heute aussehen, muss ich nicht in diesem Buch lesen.

Insgesamt war es eine originelle und interessante Lektüre.

Zucchelli, Christine; Wopfner, Irmeli: Anno 1613 von Tirol nach Rom. Die abenteuerliche Pilgerfahrt des Doktor Hippolyt Guarinoni. Tyrolia-Verlag, Innsbruck – Wien, 2016. 304 Seiten.

Foto: W. Krisai.

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Günter de Bruyn: Sünder und Heiliger

Bild: Wolfgang Krisai: Der Romantiker-Friedhof in Maria Enzersdorf bei Wien. Tuschestift und Buntstift, 2013.

Als ich erfuhr, dass Günter de Bruyn am 4. Oktober 2020 gestorben ist, fiel mir ein, dass ich von ihm doch eine Zacharias-Werner-Biographie haben müsste. Und tatsächlich, sie stand im Biographien-Regal. Also las ich sie gleich.

Ein zerrissener Mensch

Zacharias Werner, geboren am 18. 11. 1768 in Königsberg, war ein mehr als zerrissener Mensch, der auf der einen Seite ein selbstgestricktes Christentum missionarisch propagierte (und damit seine literarischen Zeitgenossen bis hinauf zu Goethe nervte), andererseits ein „Second life“ als sexbesessener Verführer von Unterschichtsmädchen nicht in den Griff bekam. Unter Tags bereute er seine Eskapaden, aber in der Nacht stieg er doch wieder jedem Kittel nach oder ging ins Puff. In jungen Jahren heiratete er zum Schrecken der Königsberger guten Gesellschaft, aus der er stammte, sogar eine dubiose Hure, die ihn bald sitzen ließ. Auch zwei weitere Ehen scheiterten, die dritte – mit einer Polin, die er wirklich liebte – endete, indem ihn die Frau beschwor, sie einen anderen heiraten zu lassen, und zwar ausgerechnet einen guten Freund Werners! Und Werner liebte die Frau so sehr, dass er sie glücklich sehen wollte und sie tatsächlich aus der Ehe entließ.

Faszinierender Prediger

In Rom wurde er unter dem Einfluss eines italienischen Kardinals katholisch, der literaturbegeisterte Mainzer Bischof Dalberg weihte ihn zum Priester (mit allen nötigen Dispensen), und in Wien schloss er sich dem Kreis um Clemens Maria Hofbauer an. Während des Wiener Kongresses machte Werner als Prediger ins Wiens Kirchen Furore; man musste ihn gehört haben, die Massen strömten zusammen, Angehörige aller Schichten drängten sich in die vollgestopften Kirchen, nur um diesen faszinierenden Prediger zu erleben. Werner predigte in einem völlig unkonventionellen, ungenierten Stil, so eine Art zweiter Abraham a Sancta Clara. Allerdings flaute dieser Hype wieder ab, und ab dann predigte er ganz konventionell…

Er starb 1823 in Wien und wurde wunschgemäß neben Clemens Maria Hofbauer am Romantikerfriedhof Maria Enzersdorf begraben. Dort liegt er noch heute, während sein Mentor Hofbauer nach Maria am Gestade transferiert wurde.

Dramen und Gedichte

Werners Werke sind heute unbekannt, nur das Schicksalsdrama „Der 24. Februar“ ist noch im Gedächtnis, wenn auch nicht mehr auf dem Buchmarkt, wie mir scheint.

Er schrieb eine ganze Reihe Dramen, allerdings sind sie meist zu lang für eine ungekürzte Aufführung. Iffland war sein großer Förderer, den ersten Achtungserfolg hatte er mit einem Drama über Luther, das allerdings sehr umstritten war. Weitere Dramen handeln von historischen Stoffen, z. B. dem Untergang des Templer-Ordens. Er schrieb auch eine Menge Gedichte.

de Bruyn, Günter: Sünder und Heiliger. Das ungewöhnliche Leben des Dichters Zacharias Werner S. Fischer, Frankfurt, 2016. 222 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Der Romantiker-Friedhof in Maria Enzersdorf bei Wien. Tuschestift und Buntstift, 2013. Zacharias Werners Grab ist das zweite mit Steinkreuz von links.

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Labé, Louise: Torheit und Liebe

Bild: Wolfgang Krisai: Lesende Frau. Kohle. 2020.

Gestern gekauft, heute schon gelesen: Louise Labé: „Torheit und Liebe“. Das ist der erste Band der Reihe „Femmes de lettres“ aus dem Secession-Verlag.

Louise Labé war mir ein Begriff, da Rilke Sonette dieser Renaissance-Dichterin übertragen hat. Es ist interessant, diese Übertragungen mit den Übersetzungen des vorliegenden Bandes zu vergleichen: Rilke überträgt sehr frei und „rilkeisch“, dennoch trifft er den Sinn der Gedichte sehr gut, die Übersetzerin des neuen Bandes, Monika Fahrenbach-Wachendorff, orientiert sich bewusst nicht an Rilke, sondern übersetzt viel wörtlicher, schafft es aber trotzdem, Verse und Reime in überzeugender Form zustande zu bringen. Beide Versionen haben also etwas für sich.

Frauen, nützt die Möglichkeiten der neuen Zeit

Der Band beginnt mit einem „Widmungsbrief“, in dem die Autorin die Frauen dazu aufruft, die Möglichkeiten der neuen Zeit dazu zu nützen, in Wissenschaft und Kunst hervorzutreten und nicht nur die Rolle der Hausfrau und Mutter zu übernehmen.

Torheit und Liebe im Streit

Das erste Werk ist dann ein Streitgespräch zwischen Folie und Amor. Allerdings geht der Text weit darüber hinaus, da nur der Anfang ein Streitgespräch zwischen den beiden genannten Kontrahenten ist, an das sich dann ein ganzes Gerichtsverfahren vor Zeus anschließt.

Der französische Originaltitel heißt „Débat de Folie et d’Amour“. Für den Franzosen ist völlig klar, dass es hier um ein Streitgespräch zwischen „Torheit“ und „Liebe bzw. Amor“ geht. Während also im Französischen „Folie“ eindeutig ist (das nicht übersetzte Wort „Folie“ im Deutschen hingegen nur dem Französischkundigen etwas sagt), ist „Amour“ mehrdeutiger als die Übersetzung „Amor“.

Das ist aber auch das Einzige, was vielleicht nicht ganz gelungen ist. Der Text selbst liest sich dann sehr flüssig und lebendig. 

Amor und Folie wollen durch die Tür in einen Festsaal eintreten, wohin sie als Gäste des Zeus geladen sind. Folie drängt sich vor, Amor stellt sie zur Rede, ja, schießt dann einen seiner Pfeile auf sie, die sich augenblicklich unsichtbar macht und sich dann an Amor rächt, indem die ihm die Augen auskratzt. Statt dass dieser sich vor Schmerzen krümmt, diskutiert er weiter mit Folie, die ihm daraufhin noch einen Verband über die Augen bindet, den man nie wieder abnehmen kann, weil es ein von den Parzen verzaubertes Band ist.

Da ruft der arme Amor Zeus an, damit ihm Gerechtigkeit widerfahre und Folie aus dem Götterhimmel verbannt werde. Auch seine Mutter Venus ist ganz auf seiner Seite.

Dann bleibt die Liebe spannend

Schließlich kommt es zum Gerichtsverfahren. Amor wird auf seinen Wunsch von Apoll verteidigt, der eine lange Rede hält, Folie lässt sich von Merkur verteidigen, der eine noch längere Rede hält. Apoll sagt: Wenn Amor seine Pfeile gezielt verschießen könne, dann werde durch die damit hergestellten Liebesbeziehungen im Endeffekt eine bessere Gesellschaft ermöglicht. Merkur hingegen plädiert für die Bedeutung der „Torheit“ in der Liebe: Liebe treffe nun einmal die ungleichsten Paare, doch gerade darin liege der Reiz, dass nicht immer alles glatt geht, sondern die Liebe spannend bleibt. Damit bewirke die „Torheit“ mehr als die noch so wohlgezielten Liebespfeile eines sehenden Amor. 

Zeus kann sich nicht entscheiden und vertagt das Urteil auf den Sankt Nimmerleinstag. Bis dahin solle Folie dazu verpflichtet sein, den blinden Amor zu führen.

Beim Lesen ist mir sehr bald aufgefallen, dass man es hier mit einem Pendant zu Erasmus von Rotterdams „Lob der Torheit“ zu tun hat, denn auch hier wird der Torheit das Wort geredet.

24 Sonnette

Nach diesem Hauptwerk der Dichterin folgen drei Elegien und 24 Sonette (jene, die Rilke einst übertragen hat). In allen diesen Gedichten geht es um die Leiden einer vor Sehnsucht fast vergehenden Liebenden, deren Geliebter in der Fremde ist und sich nicht meldet. Die Situation kann man sich sehr gut vorstellen, auch wie man halb wahnsinnig wird, wenn sich der Geliebte nicht und nicht melden will. Ist er vielleicht schon untreu? Das kann nicht sein, wo die Liebende doch so viele Gebete für ihn zu Gott geschickt hat.

Man darf, betont das Nachwort von Labé-Expertin Elisabeth Schulze-Witzenrath, nicht auf den Irrtum verfallen, das „Ich“ der Gedichte für die Autorin selbst zu halten und die Gedichte damit autobiographisch aufzufassen. Louise Labé war mit einem eher prosaischen, deutlich älteren Mann verheiratet. Sehnsüchtige Liebesgedichte aber gehörten zur Konvention der Zeit, sie sind Rollenlyrik, nicht Ausdruck eigenen Unglücks.

Louise Labé wurde als Tochter eines Seilers 1520 oder 1522 in Lyon geboren, begann schon in jungen Jahren zu schreiben, veröffentlichte ihre Werke 1555 (Datum des Widmungsbriefs) und trat bis zu ihrem Tod 1566 nicht weiter literarisch hervor.

Reihe „Femmes de lettres“

Die Idee des Secession-Verlags, eine Reihe mit Werken von „Autorinnen im Europa des 16. bis 18. Jahrhunderts“ herauszubringen, finde ich sehr gut. Es wird ja Zeit, dass die Männerlastigkeit der Literaturgeschichte zumindest ein klein wenig ausgeglichen wird. Es gibt sie nämlich sogar in der Zeit von der Renaissance bis zur Aufklärung, die schreibenden Frauen, man hat sie nur bisher totgeschwiegen.

Die Reihe ist sehr ansprechend und gediegen gestaltet: dunkelblaue Leinenbändchen mit Fadenheftung und Lesebändchen im gewohnten Secession-Format.

Labé, Louise: Torheit und Liebe. Die Werke der Louise Labé. Aus dem Mittelfranzösischen übersetzt von Monika Fahrenbach-Wachendorff. Mit einem Nachwort von Elisabeth Schulze-Witzenrath. Secession-Verlag, Zürich, 2019. Bd. 1 der Reihe „Femmes de lettres“. 

Bild: Wolfgang Krisai: Lesende Frau. Kohle. 2020.

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Poznanski, Ursula: Cryptos

Bild: Wolfgang Krisai: Entwurf für ein Wandbild. Ölkreide. 1991.

Der neueste Jugendthriller von Ursula Poznanski heißt „Cryptos“. Auf dem Cover sieht man die Burg Hochosterwitz auf einem Stück herausgerissenem Erdboden in der Luft schweben – über einer bewölkten Berglandschaft.

Dystopische ferne Zukunft

Das Buch hat aber mit Hochosterwitz oder Burgen nichts zu tun. Vielmehr geht es um virtuelle Welten, die in einer dystopischen nicht allzu fernen Zukunft, in der der Klimawandel das Leben auf der Erde zu einer Hitzehölle gemacht hat, als Zufluchtsorte der Menschen dienen. Das erinnert mich sehr an Tad Williams’ „Otherland“, das hier Pate gestanden sein könnte.

Die Firma Mastermind bietet für die Menschen diese virtuellen Welten an, in die man gelangt, wenn man einen Spezialanzug anzieht, in eine „Kapsel“ steigt, sich diese schließt, der Anzug sich an allerlei Leitungen anschließt und der Benutzer nach wenigen Sekunden in der von ihm angesteuerten virtuellen Welt auftaucht und sich dort bewegen kann, als wäre er ein wirklicher Bewohner dieser Welt.

Quälender Realitätsstopp

Die Heldin und Ich-Erzählerin des Romans, Jana, ist Designerin solcher Welten und arbeitet in einem Mastermind-Designcenter. Sie hat drei unterschiedliche Welten entworfen, das idyllische Kerrybrook, die gefährliche Wildnis Macando und die Welt namens „Cretaceous“. Wird man in einer dieser Welten müde und schläft ein, erwacht man real in der Kapsel, die sich öffnet, und man muss einen sogenannten „Realitätsstopp“ einlegen – für viele eine quälende Zeit zwischen den Ausflügen ins Virtuelle. Sollte man in der virtuellen Welt getötet werden, bedeutet das hingegen nur, dass man aus dieser Welt für einige Zeit hinausfällt und sich eine andere virtuelle Welt aussuchen muss.

Virtuell niedergestochen und real gestorben

Zu Beginn des Romans passiert allerdings in Kerrybrook etwas Unvorhergesehenes: Eine Nutzerin wird niedergestochen und stirbt gleichzeitig real in ihrer Kapsel an einem Stromschlag. Mastermind-Sicherheitsbeamtin Olga will nun von Jana, dass sie herausfindet, was da passiert ist. Auch Sicherheitschef Lauritz, eine von allen gefürchtete Person, will das wissen.

Doch Jana kommt nicht dahinter, weder durch Untersuchung der virtuellen Welt „von außen“ noch von innen, wo sie wie eine Detektivin in Kerrybrook nach dem Mörder sucht.

Neben ihr sitzt im Designstudio der Designer Matisse, mit dem sich Jana angefreundet hat. Er will ihr helfen, genauso wie der attraktive, überaus selbstbewusste Designer Rick. 

Verschwörergruppe

Als die wahren Helfer erweisen sich aber bald die Mitglieder einer Verschwörergruppe, die sich in der verborgenen virtuellen Welt Cryptos treffen und gegen Mastermind arbeiten. Sie haben nämlich entdeckt, dass Mastermind nichts unternimmt, wenn etwa Kapsel-Stationen von Flutwellen überschwemmt werden und die in den Kapseln liegenden User ertrinken oder Kapseln Bränden zum Opfer fallen, usw.

Im Lauf des Romans stellt sich heraus, dass der Mastermind-Chef sogar vorhat, eine Milliarde Menschen zugrunde gehen zu lassen, um der Überbevölkerung der Erde ein Ende zu bereiten. Dieses geplante Massensterben wollen die Cryptos-Leute verhindern.

Originelle virtuelle Weltern

Die in mehreren virtuellen Welten und in der Realität spielende Handlung ist vielfältig, einfallsreich und spannend. Die virtuellen Welten sind recht originell gestaltet, auch wenn sie im Detailreichtum und Überzeugungskraft nicht an jene aus „Otherland“ heranreichen. 

Wie sich’s für ein Jugendbuch gehört, geht alles gut aus. 

Man darf nur nicht allzu genau nachfragen, wie die Realität tatsächlich organisiert ist, denn dann würde einem auffallen, dass die Informationen darüber, wie es technisch möglich ist, dass mehrere Milliarden Menschen praktisch permanent in virtuellen Welten leben, und wie das politisch organisiert ist, sehr dünn sind. Aber das ist ein Charakteristikum aller Bücher, in denen es um die Rettung der Welt geht: Die „Welt“ ist meist ein sehr unterkomplexes „Weltchen“. Na, macht nichts, der von der Spannung zum Weiterlesen getriebene Lesende wird sich solche Fragen nicht stellen.

Poznanski, Ursula: Cryptos. Thriller. Loewe-Verlag, Bindlach, 2020. 443 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Entwurf für ein Wandbild. Ölkreide. 1991.

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Meier, Mischa: Geschichte der Völkerwanderung

Bild: Wolfgang Krisai: Das Heidentor bei Petronell. Kohlezeichnung, 2005.

Das ist das dickste wissenschaftliche Buch zu einem geschichtlichen Thema, das ich je las. Es dauerte auch einige Zeit, bis ich fertig war, nämlich ein halbes Jahr. Allerdings las ich parallel dazu immer auch andere Bücher, setzte sogar zeitweise ganz mit der Lektüre aus.

Wandernde Heere

Ich hatte von der Völkerwanderung eine recht vage Vorstellung. Damit räumte Mischa Meier gründlich auf. Schon die Annahme, da seien irgendwelche Völker von der asiatischen Steppe oder anderen Ausgangsgebieten plötzlich aufgebrochen, jahrelang „gewandert“ und dann über das römische Weltreich hergefallen, ist ein Unsinn. Die Idee von „Völkern“ stammt aus Zeiten, wo der Nationalismus mit seinen Grundannahmen das Denken der Menschen und damit auch der Wissenschaftler einfärbte, hat aber keine historische Grundlage. Was da „wanderte“, waren mehr oder weniger große, mehr oder weniger heterogene Heere unter mehr oder weniger charismatischen und berühmten Heerführern wie etwa Attila. Je erfolgreicher diese Heere waren, desto mehr Kämpfer schlossen sich ihnen unterwegs an, sodass ziemlich bunte Truppen entstanden, deren Anführer unter immer ärgerem Erfolgsdruck standen. Blieb der Erfolg aus, zerfielen diese Heere samt ihrem Anhang manchmal sehr schnell, sodass „Völker“ mir nichts, dir nichts wieder aus der Weltgeschichte verschwinden.

Siedlungs- und Heiratspolitik

Einigen Heerführern allerdings gelang es, der Dynamik der ständigen Neueroberung und Weiterwanderung zu entkommen und ihre Leute im Gebiet des Römischen Weltreichs anzusiedeln. Besonders erfolgreich war da Theoderich der Große, der seine Ostgoten, nachdem sie Italien großteils erobert hatten, dort tatsächlich ansiedeln und ein über längere Zeit stabiles Ostgotenreich errichten konnte. Allerdings wechselte er nicht etwa die ansässige römische Bevölkerung gegen Ostgoten aus, sondern es kam zu einer Kooperation: Die Ostgoten bekamen Land von den Römern, natürlich nicht freiwillig, aber mit solchem Augenmaß, dass sowohl die Römer als auch die Goten ein Auskommen hatten. Außerdem versuchte Theoderich, durch eine geschickte Heiratspolitik ein internationales Beziehungsnetz mit anderen Reichen zu knüpfen, das sein Reich stabilisierte, ja, ihn zu einer Art Primus inter Pares machen sollte. Nach seinem Tod folgten allerdings nicht ganz so fähige Herrscher, sodass das Ostgotenreich schließlich erobert wurde – von den Franken, der aufstrebenden Großmacht am Ende der Völkerwanderung.

Auch Ostrom ausführlich behandelt

Meier greift in seiner Darstellung bis ins 3. Jahrhundert zurück und beendet sie mit dem 8. Jahrhundert. Man verfolgt die Entwicklung so bekannter „Völker“ wie der Ost- und Westgoten, der Hunnen, der Awaren, der Vandalen, der Burgunder und Franken, aber auch weniger geläufiger Gruppierungen wie der Terwingen, Greutungen, Sueben oder Thüringer. Doch auch wenn die westliche Hälfte des römischen Reiches die größere Aufmerksamkeit erfährt, weil sich da einfach mehr tut, behandelt Meier auch das Schicksal des Oströmischen Reiches in der genannten Zeitspanne sehr genau. Vor allem die ständige Verstrickung in Kriege mit den Sassaniden und deren Randvölkern, bis schließlich die Araber erstarken und die Sassaniden hinwegfegen, aber auch Ostrom herbe Verluste zufügen.

Attraktives Ziel für „Barbaren“

Die römische Strategie im Umgang mit Bedrohungen von Barbarenvölkern war, diese bereits vor den Grenzen des Reiches ruhigzustellen, indem man ihnen Fördergelder zukommen ließ, damit sie keinen Anlass mehr hätten, sich innerhalb der Grenzen des römischen Reiches bereichern zu wollen. Allerdings bewirkte diese Strategie auf längere Sicht ein Erstarken einzelner Fürsten, die dann wieder zur Gefahr werden konnten. Immerhin war das römische Reich ein äußerst attraktives Ziel für Barbaren (auch dieser Begriff wird natürlich in extenso problematisiert), denen nicht verborgen blieb, in welchem Wohlstand die Römer lebten, und die daher an diesem Reichtum partizipieren wollten. Waren die Barbaren nicht mehr „draußen“ zu halten, versuchten die Römer sie nach Möglichkeit in ihr Heer zu integrieren, sodass nicht selten Barbaren-Einheiten auf römischer Seite gegen ihre barbarischen „Volks“-Genossen auf der Gegenseite kämpften.

Problematische Quellenlage

Ein Problem, das Meier immer wieder ausführlich behandelt, ist die sehr mangelhafte Quellenlage. Barbarische Geschichtsschreibung gab es kaum, sodass der Historiker meist auf römische Quellen, archäologische Funde und neuerdings DNA-Analysen (die Verwandtschaften von Skeletten aus Gräbern nachweisen kann) angewiesen ist. Angesichts der spärlichen Quellen ist es geradezu erstaunlich, was man da alles herausbekommen hat. Meier weist immer wieder darauf hin, dass vielfach auch mehr herausgelesen wurde, als in den Quellen wirklich steht. Heute ist die Historiker-Zunft da wesentlich vorsichtiger als zu früheren Zeiten.

Schockierende Brutalität

Aufgrund der spärlichen Quellen ist es kein Wunder, dass Meier relativ wenig über Lebensweise, Alltag, Sitten und Kultur der Barbaren zu sagen hat. Am ehesten weiß man noch etwas von den Anführern. Schockierendes Detail zum Beispiel: Ein Westgotenkönig gibt seine Tochter einem Vandalenkönig zur Frau. Die Frau lässt sich irgendetwas zuschulden kommen (politisches Intrigantinnentum), sodass sie der Vandale als abschreckendes Beispiel nach Hause schickt: mit abgehackten Händen und abgeschnittenen Ohren und Nase, glaube ich mich zu erinnern (Meier erwähnt das mehrfach, meist aber nur summarisch: sie sei „verstümmelt“ worden; einmal jedoch wird er konkreter).

Dass man in diesem Zeitalter mit den Feinden oft nicht zimperlich umgegangen ist, darf einen nicht wundern. Immer wieder werden grausige Exempel statuiert, und zwar von allen Parteien. Andererseits verlaufen viele Feldzüge bei weitem weniger blutig, als man meinen könnte, weil oft noch rechtzeitig ein ordentlicher Geldfluss ausverhandelt werden konnte. Die Römer bemühten sich dabei immer, nicht als irgendjemandem tributpflichtig zu erscheinen.

Monumentales, aber lesbares Buch

Meiers monumentales Buch ist schwierig zu lesen, manche Formulierungen gehen einem mit der Zeit schon ein bisschen auf die Nerven (z. B. wird immer wieder irgendein Anführer, ein Heer oder gar ein ganzes Reich „niedergerungen“), aber insgesamt ist das Werk durchaus lesbar, sofern man eine gehörige Portion Konzentration und Durchhaltevermögen aufbringt. Man wird für die Anstrengung mit einem überaus differenzierten Bild einer Epoche belohnt, von der wohl die meisten Menschen – so wie ich – aus ihrer Schulzeit eine viel zu vereinfachende Vorstellung mitbringen.

Das Buch umfasst insgesamt 1530 Seiten, der Text reicht aber nur bis Seite 1103, danach folgen unendliche Mengen von Anmerkungen und ein äußerst umfangreiches Literaturverzeichnis. Solche Stoffmengen zu überblicken und daraus eine gute Gesamtdarstellung zu destillieren, ist eine Meisterleistung.

Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung. Europa, Asien und Afrika vom 3. bis zum 8. Jahrhundert n. Chr. C. H. Beck, München, 2019. Reihe: Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung. 1530 Seiten, einige Abbildungen.

Bild: Wolfgang Krisai: Das Heidentor bei Petronell. Kohlezeichnung, 2005.

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Siegfried Unseld: Reiseberichte

Wolfgang Krisai: Blick über den East River nach Manhattan. Tuschestift, Buntstift, 2017.

Aus an die 1500 Reiseberichten des goßen Verlegers Siegfried Unseld hat Lektor und Herausgeber Raimund Fellinger 35 ausgewählt und in einem großformatigen Bibliothek-Suhrkamp-Band vereint. Sie umfassen die Jahre 1959 bis 1998. Unseld starb 2002.

Blick hinter die Kulissen des Verlagsgeschäfts

Für mich, der diese Zeit zumindest zum Teil bewusst miterlebt hat und schon als Jugendlicher vor allem die Produktion des Suhrkamp-Verlags mit größtem Interesse, wenn auch nicht größter Kaufkraft, mitverfolgt hat, ist das eine äußerst interessante Lektüre, da man ein wenig hinter die Kulissen des Verlagsgeschäfts und über die Schulter gut bekannter Autor*innen schauen kann.

Chaville oder Ohlsdorf

Manchmal gelten die Reisen dem Besuch einzelner Autoren, so etwa Peter Handke oder Thomas Bernhard in ihren Dichter-Refugien in Chaville bzw. Ohlsdorf. Manchmal geht es ins westliche, manchmal ins östliche Ausland. Damals war ja großteils noch die DDR existent, wohin Unseld seine Fühler ausgestreckt hatte. 

Staatsbesuch in Russland

Interessant auch der offizielle Staatsbesuch in Russland als Mitglied der Delegation, die den deutschen Bundespräsidenten zu Präsident Jelzin begleitete. Unseld spielt dort nur eine Nebenrolle, sollte aber ad hoc die Finanzierung von Buchvorhaben zusagen.

Frisch beleidigt

In Paris oder New York trifft Unseld alle Arten von Leuten, die im Buchwesen eine Rolle spielen: Autor*innen bzw. deren Erb*innen, Verlagsmenschen und Buchhändler*innen. Es geht darum, Verträge auszuhandeln, Kontakte zu knüpfen oder zu erneuern, Verlegenheiten auszuräumen (z. B. wenn ein Autor seit Jahren auf eine Antwort des Verlags wartet) oder einfach etwas zu feiern. Zum Beispiel Max Frischs runden Geburtstag: Frisch lebte damals in New York, war während all der vom Verlag ausgerichteten Feierlichkeiten verstimmt und machte hinterher im privaten Rahmen seinem Ärger über Unseld Luft: Dieser habe ihn nicht genügend gewürdigt, ja, habe sogar Lügen verbreitet, die Geschenke seien mickrig gewesen (was sie nicht waren), usw. Manchmal brauchte Unseld schon eine sehr dicke Haut. Aber er steht eisern zu seinen Autor*innen, denn allein diese brächten die Werke hervor, von denen nicht nur sie selbst, sondern die gesamte Buch-Maschinerie mit ihren zahllosen Angestellten lebe.

Mit seinen 378 Seiten liegt der Band angenehm in der Hand, die 35 Reisen bieten einen guten Einblick in die Reisetätigkeit Unselds und machen Lust auf die Verlagschronik Siegfried Unselds, deren Band 1 über das Jahr 1970 bereits bei mir im Regal wartet.

Unseld, Siegfried: Reiseberichte. Bibliothek Suhrkamp 1451. Berlin, Suhrkamp, 2020. 378 Seiten. Bibliothek Suhrkamp 1451.

Bild: Wolfgang Krisai: Blick über den East River nach Manhattan. Tuschestift, Buntstift, 2017.

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Wissenschaft und Technik. Die illustrierte Weltgeschichte

Bild: Wolfgang Krisai: Wetterstation Hinterbrühl. 2014. Tuschestift, Bunstifte.

Die Geschichte der Wissenschaft und Technik ist faszinierend. In der Schule lernte ich einiges davon, aber seither hat sich viel getan, daher ist es kein Fehler, sein Wissen gelegentlich aufzufrischen und zu erweitern. Das habe ich jetzt über mehrer Monate mit der Lektüre des großformatigen Bildbandes „Wissenschaft & Technik. Die illustrierte Weltgeschichte“ aus dem Dorling-Kindersley-Verlag getan. 

Gut bebilderte Wissenschafts- und Technikgeschichte

Die DK-Bücher sind heute nicht mehr nur maßgeblich in der Kinder- und Jugendliteratur, sondern inzwischen auch bei Erwachsenen sehr beliebt, die von Kindheit an diese Form der Aufbereitung von Informationen gewohnt waren. Ich gehöre allerdings nicht zu diesem Typus, könnte also gerne weniger in Häppchen zerstückelte Texte lesen. Das DK-Informationsdesign zwingt den Leser nämlich ständig zu Suche, wo der Text weitergeht, und zu Entscheidungen, welches Zusatz-Kasterl oder welche ergänzende Biographie u. Ä. er als nächstes lesen will. Das braucht Zeit, wenn auch pro Entscheidung nur sehr wenig. Insgesamt macht es die Lektüre aber für mich mühsamer. Andererseits gibt es auf dem Markt keine ähnlich gut bebilderte Wissenschafts- und Technikgeschichte für den Laien, also habe ich mich für dieses Buch entschieden.

Mein Wissen erweitert

Ich kann hier nicht im Einzelnen aufzählen, was mir die Lektüre dieses Wälzers gebracht hat. Jedenfalls aber hat er mein Wissen erweitert, und ich hoffe, dass ich vieles davon auch länger im Gedächtnis behalten werden. 

Eines der letzten Kapitel ist jenes über die Entstehung von Epidemien. Das Buch entstand vor Corona, aber was der Welt mit Corona passiert ist, ist für die Wissenschaft ganz offensichtlich keine Überraschung gewesen, nur für die Öffentlichkeit, die dem Erkenntnisstand der Wissenschaft weit hinterherhinkt.

Umfangreiche Basisinformationen im Anhang

Das Buch bietet nach dem geschichtlichen Teil, der bis Seite 419 reicht, einen umfangreichen Anhang mit einer Übersicht über wissenschaftliche Basics, die man kennen sollte: Maßeinheiten, Grundinformationen zu allen möglichen Naturwissenschaften von der Astronomie bis zur Mathematik, und ganz am Schluss gibt es noch Kurzbiographien all jener Wissenschaftler, die im Buch zwar erwähnt, aber nicht durch eine Biographie im Hauptteil gewürdigt wurden.

Eigentlich ist es fast schade, dass ich das Buch jetzt wieder ins Regal stellen muss. Man sollte es als „Coffee-Table-Book“ herumliegen haben und dann und wann einen Blick hinein werfen…

Wissenschaft & Technik. Die illustrierte Weltgeschichte. Hg. v. Adam Hart-Davis. Dorling Kindersley / Penguin Random House, Aktualisierte deutsche Ausgabe, 2018. 512 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Wetterstation Hinterbrühl. 2014. Tuschestift, Bunstifte.

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Melissa Faliveno: Tomboyland

Wolfgang Krisai: "Ex libris". Porträt von Melissa Faliveno. Tuschestift, Buntstift. 2017.

Ich kenne wenige Menschen, die Schriftsteller*in sind, persönlich. Melissa Faliveno ist eine von ihnen, und noch dazu eine, die ich unter außergewöhnlichen Umständen, nämlich durch zwei zufällige Begegnungen auf der Fähre am East River zwischen Brooklyn und Manhattan, kennengelernt habe. 

Klar, wenn Melissa ein Buch schreibt, muss ich es kaufen und lesen. Im Sommer 2020 war es so weit: Ihr erstes Buch, der Essayband „Tomboyland“, erschien, ich kaufte ihn und las ihn bis im Spätsommer fertig.

Das Buch ist eine sehr interessante Essaysammlung, deren Titel eigentlich perfekt andeutet, worum es gehen wird. Tomboy nennt man eine Person, die zwischen Frau und Mann changiert. Melissa ist so ein Mensch, wie im Essay „Tomboy“ ausführlich dargestellt wird. Und -land? Gemeint ist das Land, aus dem Melissa stammt: Wisconsin. Das „home“ dieses Tomboys. Für meine Ohren klingt es überraschend, wie eine so durch und durch „moderne“ Frau geradezu romantisch und sehnsüchtig von ihrer Heimat spricht, einer Gegend im konservativen, agrarischen Mittleren Westen, in der es für Persönlichkeiten wie sie realistisch gesehen gar keinen Platz gibt und von der sie, obwohl sie seit mehr als zehn Jahren in Brooklyn lebt, innerlich nicht loskommt und loskommen will. Immer noch denkt sie, wenn sie ihr „home“ meint, an Wisconsin und den kleinen Ort, aus dem sie stammt. 

Die Essays kreisen also einerseits um sie, vor allem um ihre Gender-Identität und die mit deren Unsicherheit verbundenen Schwierigkeiten, andererseits um ihr „homeland“.

Die Folgen eines verheerenden Tornados

Der erste Essay erzählt von einer Naturkatastrophe, die den Nachbarort Barnveld im Jahr 1984 heimgesucht hat: Ein Tornado zog exakt über den Ort hinweg und verwüstete ihn vollständig. Man erfährt nun, wie die Menschen mit diesem Desaster fertig wurden: Manche hatten Verwandte oder Freunde verloren, die unter den zum Glück wenigen Opfern des Sturms waren; viele mussten ihr Haus wieder aufbauen; manche erzählen von der großen Hilfsbereitschaft, die die Menschen im Ort nach der Katastrophe zusammenschweißte; manche von ihrem Einsatz als Rettungsfahrer oder Krankenschwester; manche von den nicht enden wollenden Spätfolgen des Traumas. Faliveno hat hier offenbar ausführlich recherchiert und mit vielen Zeugen des Unglücks gesprochen.

Die Autorin – ein „Tomboy“

Dann folgt „Tomboy“, ein langer Essay, der einen äußerst interessanten Einblick in das Leben und Fühlen eines Menschen gibt, der zwar offiziell eine Frau ist und gegenwärtig mit einem Mann zusammenlebt, der aber keine klare Geschlechtsidentität hat, sondern zwischen Mann und Frau changiert. Die Anfangsszene des Essays ist geradezu lustig: Melissa trifft sich mit einer neuen Bekannten in einer Bar, wo sich an deren lasziver Kleidung erweist, dass diese das Treffen als ein „Date“ zwischen zwei Lesben verstanden hat. Als Melissa ihr sagt, sie lebe in einer festen Beziehung, und das mit einem Mann, ist die Reaktion: „To say I watched her face fall would be an understatement. It plummeted headlong off a cliff into a swamp of disbelief and despair. ‚No‘, she said […]. She looked at me, shook her head, and said: ‚I can’t believe you’re straight‘.“ (S. 42)

Danach beleuchtet Faliveno viele Aspekte:

Das Mädchen vom Land, das sich wie ein Bub benimmt und dem man das auch nachsieht, solange es noch nicht in der Pubertät ist; die junge Frau in Brooklyn, die von irgendwelchen Passanten angepöbelt wird, weil sie ein wenig wie ein Mann aussieht; Bisexualität und Homosexualität; die Reaktionen von Verwandten, Freunden, aber auch Fremden auf ihr Transgender-Aussehen – und vor allem ihre eigene Unsicherheit angesichts ihrer Gender-Fluidity. 

Die Beziehung zu Motten

In dem kurzen Essay „Of a Moth“ geht es um ungebetene Gäste, die man nicht loswird: die Motten in der Wohnung. Der ganze Essay hat einen lustigen Grundton, denn obzwar die Motten sich mit keiner noch so gefinkelten Methode endgültig ausrotten lassen, sind sie doch kein so widerliches Ungeziefer wie etwa die Küchenschaben. Ja, mit der Zeit gewöhnt man sich an die herumschwirrenden Plagegeistert und bedauert es geradezu, wenn sich wieder einmal eine von ihnen in seltsamer Hypnose der abends im Zimmer brennenden Kerze nähert und – zisch! – in der Flamme verbrennt.

Von Baseball und Bisexualität

„Switch-Hitter“ erzählt von Melissa als bisexueller Sportlerin. Ein Switch-Hitter ist, klärt mich dictionary.com auf, „baseball: a batsman who can hit either right- or left-handed. slang: a bisexual person“. Für sie als knabenhaftes Mädchen lag es nahe, sich im Sport zu verwirklichen. Baseball war ein Männersport, da gab es keinen Zugang, aber Softball wurde zu ihrer Lieblingssportart. Der Sport bedeutete Verausgabung, vollen Einsatz, Erfolg und Misserfolg, Kameradschaft und Gemeinschaft. Und außerdem bot der Mannschaftssport die Gelegenheit, mit ähnlich gearteten Mädchen zusammenzukommen und Freundschaft zu schließen. Melissa betreibt natürlich nicht nur Softball, sondern auch andere Sportarten wie etwas Gewichtheben. Zur wirklichen Profisportlerin fehlt ihr allerdings der letzte Biss. Zwar hat einer ihrer Trainer gesagt: „You’ll make it if you want it“ (S. 108), doch als es darum geht, in eine Universitäts-Mannschaft aufgenommen zu werden, versagt sie überraschend. Daraufhin hört sie mit dem Softball auf – und beginnt zu trinken. Auch das schildert sie ganz offen. Vom Alkohol kommt sie los, als sie wieder Sport betreibt: Roller-Derby. In der neuen Mannschaft findet sie ihre erste lesbische Partnerin.

Das „Mädchen vom Land“

In „Meat an Potatoes“ geht es um die Aura des „Mädels vom Land“, dem man gewissermaßen ansieht, dass es mit Fleisch und Erdäpfeln aufgezogen worden ist. Und diese Aura wird man nicht los, auch wenn man zehn Jahre in der Großstadt wohnt und einen intellektuellen Job hat. Daneben geht es im Essay auch um das Essen: Soll man Vegetarierin sein? In Brooklyn eher ja, da kauft man bei Wholefoods ein und ernährt sich verantwortlich, aber zu Hause in Wisconsin, da ist man erst wirklich daheim, wenn auf dem Teller „meat and potatoes“ aufgehäuft werden.

Gun country

Ein Essayband über den Mittleren Westen der USA kann nicht ohne einen Essay über Waffen auskommen. „Gun country“ nennt Faliveno ihr Land. Sie beschreibt die Selbstverständlichkeit, mit der die Leute Waffen besitzen, sei es Jagdgewehre, sei es Revolver und Pistolen. Dort wundert sich niemand, wenn einer mit einer Pistole im Gürtel zum Gottesdienst erscheint. Doch muss man als Intellektuelle nicht den Waffenbesitz in den USA in Bausch und Bogen verurteilen? Theoretisch ja, doch Faliveno ist ehrlich genug, zuzugeben, dass die Sache denn doch nicht so einfach ist, insbesondere, wenn man an die allgemeine Begeisterung der Landbevölkerung für die Jagd denkt. Für einen Europäer hingegen ist es befremdlich, sich vorzustellen, dass viele Leute, auch Frauen, in den USA eine „gun“ haben, um notfalls sich selbst und die Familie zu verteidigen. Aber – würden sie wirklich jemanden totschießen? Das ist dann zum Glück doch eher die Ausnahme. 

Kinder oder nicht?

„Motherland“ – da geht es wieder um Wisconsin. und zwar unter dem Aspekt der Mutterschaft. Die Bestimmung der Frau sei, so die dortige landläufige Ansicht, Heirat und Mutterschaft. Doch was, wenn jemand wie Melissa Faliveno gar keine Kinder haben will? Da entsteht ein ständiger Rechtfertigungsdruck. Die Problematik der verweigerten Mutterschaft verwebt Faliveno hier mit Überlegungen und Beobachtungen zur Pflanzenzucht. Insbesondere die „spider plant“, die Grünlilie (Chlorophytum comosum), hat es ihr angetan, da sie ständig Ableger produziert und damit sozusagen ein Symbol der Mutterschaft ist. Faliveno hat zwar keine eigenen Kinder, aber sie wurde nach und nach zu einer „Pflanzen-Mama“, die zahlreiche Pflanzen von Freunden, die weggezogen waren, aufnahm und pflegte. 

Ein weiterer Aspekt, der in diesem Zusammenhang erörtert wird, ist der des Leids, das durch Mutterschaft verursacht wird. Das wird zwar nicht so gern offen ausgesprochen, ist aber da, bei der Großmutter genauso wie bei der Mutter, die ihr Leben ganz der Mutterrolle unterordnen mussten, aber auch bei Melissa selbst, der die Frage Kinder oder nicht? im Grunde auch Leid verursacht…

Der letzte Essay, „Driftless“, handelt von einem Naturphänomen in Wisconsin, einem Landstrich, der von der eiszeitlichen Vergletscherung ausgenommen war und daher ganz anders aussieht als der Rest des Bundesstaats. Dieser Essay unterscheidet sich von den anderen durch eine betont poetische Sprache. Auch hier geht es nicht nur um die Natur, sondern auch um Beziehungen zu Menschen, die diese Natur erforschen.

Alle Essays sind locker strukturiert und in kurze Abschnitte aufgeteilt, die jeweils mit einer großen Initiale beginnen. Gattungstypisch ist das lockere, informelle und ganz subjektive Umkreisen des Themas oder der Themen, mal erzählerisch, mal raisonierend. Die Sprache war für mich gut verständlich, auch wenn mir vielleicht einige Anspielungen und Hintersinnigkeiten entgangen sein mögen.

Ein lesenswertes, sehr interessantes Buch jedenfalls!

Faliveno, Melissa: Tomboyland. Essays. Topple Books (=Amazon), 2020. 244 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: „Ex libris“. Porträt von Melissa Faliveno. Tuschestift, Buntstift. 2017.

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