Hans Adler: Das Städtchen

Wolfgang Krisai: Mödling am Abend. 2008. Ölpastell auf schwarzem Papier.

Auf diesen Autor und diesen Roman wurde ich durch den Podcast „Büchermarkt“ des Deutschlandradios aufmerksam, schon vor längerer Zeit. Nun habe ich den Roman gelesen, und das mit Begeisterung. Adler schreibt in einer wuchtigen, farbigen Sprache, die die Tristesse einer kleinen Provinzstadt auf fast expressionistische Weise einfängt.

Worum geht’s?

Um das Leben in einer österreichischen Provinzstadt (Vorbild war möglicherweise Waidhofen an der Thaya, da einmal Pfaffenschlag als nahe gelegener Ort erwähnt wird). Adler beleuchtet vor allem die erotischen Verwirrungen, die sich da ergeben, wo eine kleine Gesellschaft von Bürgern, Offizieren und Beamten um sich selbst kreist.

Im Mittelpunkt steht der Zeichenlehrer Titus Quitek, der eigentlich nach Paris gehen und dort als freischaffender Künstler berühmt werden wollte, es aber nur zum Zeichenlehrer am lokalen Gymnasium gebracht hat.

Er haust bei einer jungen Witwe namens Mona, die sich zunächst Hoffnungen auf eine Ehe mit ihm macht, bald aber davon Abstand nimmt. Eines Abends liest Quitek auf der Straße ein verstörtes 14jähriges Mädchen auf, Lisa, deren Vater gerade seine Lebensgefährtin Hanna mit einem Eisenhaken niedergeschlagen hat und festgenommen worden ist. Quitek lässt Lisa bei sich übernachten und bringt sie dann in ein Salzburger Mädchenpensionat, wo sie für zwei Jahre – bis zum Ende ihrer Schulzeit – bleibt, das Schulgeld bezahlt Quitek vom Erlös zahlreicher kitschiger Heiligenbilder, die er malt. Mit 16 kommt Lisa zurück, Quitek muss sie bei sich einquartieren, vergreift sich aber – wider erwarten – nicht an ihr. Doch in der Stadt meint man, er leben nun in einem doppelten Verhältnis und entlässt ihn daher unehrenhaft aus dem Dienst. Einige Zeit kann er sich noch so recht und schlecht von Erspartem durchschlagen, dann erlöst ihn ein schneller Tod. Damit endet der Roman.

In die Quitek-Handlung sind mehrere andere Handlungsstränge hineinverwoben, etwa jener über seinen Schulkameraden Seylatz, der als junger Jurist an die Bezirkshauptmannschaft berufen wird, nebenbei dichtet und sich im zynischen Ausnutzen der kleinstädtischen Situation hervortut. Gegen Ende des Romans wird er der Liebhaber Lisas, bis ihm der Bezirkshauptmann nahelegt, mit der Familie des einstigen Schulfreunds nicht mehr zu verkehren. Lisa überlebt’s, und zwar mit Hilfe ihrer Freundin Louisi, die aus dem gleichen Arbeitermilieu kommt und sich bis zur Sekretärin (und Geliebten) des Bürgermeisters emporgearbeitet hat.

Der Leser kann auch noch mitverfolgen, was sich im Hause des Bürgermeisters so tut, wie sich das Verhältnis von dessen Tochter Anny mit dem amerikanischen Tenor und Gesanglehrer Milan entwickelt, wie der Betrieb im städtischen Bordell von Frau Gießkann läuft, usw.

Das alles wird in 15 Kapiteln dargelegt, in einer nicht immer ganz stimmigen Zeitstruktur (will mir scheinen), aber immer eindringlich und schnoddrig formuliert, so als wären Erich Kästners Gedichte Prosa geworden.

Aus dem Nachwort erfährt man, dass Adler in erster Linie Kabarettist und Librettist war, auf den viele bekannte Libretti und Songs zurückgehen.

Sein Roman ist es jedenfalls wert, dass er ausgegraben wurde.

Buchdaten:

Adler, Hans: Das Städtchen.

Roman

Lilienfeld-Verlag, 2009.

329 Seiten.

Erstmals erschienen: 1926.

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Eingeordnet unter Österreichische Literatur

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