Max Wiener: Die schönsten Mädchen der Welt

Wolfgang Krisai: Zwei Mädchen bei Starbuck's, in ihre iPhones vertieft, Bleistift.

Wolfgang Krisai: Zwei Mädchen bei Starbuck’s, in ihre iPhones vertieft, Bleistift.

Das inzwischen vergriffene Buch kaufte ich um 2 Euro bei einer Bücherbörse, wenn ich mich recht erinnere. Nun habe ich es mit großem Vergnügen gelesen. Es erzählt die Kindheit und Jugend des Ich-Erzählers Karlo, mit Schwerpunkt auf deren peinlichen Seiten: die Nöte der Sexualität, der Kameradschaft und von Religion und Weltanschauung. Der Autor ist 1966 geboren, sein Held ist offenbar genauso alt und erlebt eine Kindheit und Jugend in den 70er- und 80er-Jahren. Und mit dem belustigten Blick des nun Erwachsenen und dem Jugend-Schlamassel Entwachsenen breitet er alles genüsslich vor dem Leser aus.

Am Anfang ist es vor allem die erwachende Sexualität, die den Buben zu häufiger Masturbation und zum geheimen Sammeln von Sex-Bildchen aus verschiedenen Quellen treibt. Mädchen spielen erst nach und nach eine Rolle, und zwar immer eine wenig rühmliche – seinerseits, weil Karlo nicht in der Lage ist, mit Mädchen in angemessener Weise in Kontakt zu treten. Stattdessen will er ihnen durch schräge Ansichten und radikales Verhalten imponieren, was allerdings selten gelingt.

Sein Triebleben sublimiert er dafür umso heftiger als Adept seines überlegenen kommunistischen Freundes Hans-Peter, mit dem er die Welt und die Menschen von der marxistischen Kanzel herunter aburteilt. Hans-Peter vermittelt ihm auch die Lektüre zahlreicher wichtiger Bücher von Hesse bis zu Brecht, und Karlo entwickelt sich zur Leseratte, während er als Kind eher ein Elektrobastler war.

Eher aus Eigenem engagiert sich Karlo auch in der evangelischen Jugendarbeit, genauer bei einem „Bund junger Christen“, wo man sich zur wöchentlichen Gruppenstunde trifft und in den Ferien auf Lagerwochen fährt. Karlo bringt es bis zum Gruppenführer, doch eines Tages erscheint ihm mit einemmal all das Glaubensgetue unecht und verlogen, und er steigt wieder aus.

Karlos Eltern sind prototypische Figuren: Die Mutter – Hausfrau – ganz in Angst, Karlo könnte in irgendein gefährliches Fahrwasser kommen. Sie neigt zur Kontrolle und steht andererseits der Entwicklung des Buben hilflos gegenüber. Dabei ist Karlo ohnehin nicht das schwierigste Kind der Familie, diesen Part hat sein älterer Bruder. Der Vater ist ein Haustyrann, der unglaublich herumbrüllen kann.

Die Lektüre brachte mich alle Augenblicke zum Lachen, zumal Wieners Stil sehr schnoddrig und treffend ist. Ein Roman im engeren Sinne ist das Buch allerdings nicht, eher ein Lebensbild oder eine autobiographische Erzählung.

Der Titel ist der Titel einer Sexzeitschrift, die Karlo eines Tages im Wald in stark zerrissener Form findet und zu Hause mühsam restauriert: Darin sind zahlreiche fast nackte Mädchen abgebildet, ohne weiteren Text, was Karlo lieber ist als das viele Gelaber z. B. im Playboy, den er sich auch gelegentlich kauft (das erste Mal unter größten Ängsten).

Das Titelfoto der Ausgabe lässt einen halb abgestoßen, halb angezogen erschaudern, zeigt es doch ein verschlafen dreinschauendes Mädchen in Spitzenunterleiberl und gehäkelter Unterhose. Nimmt man den Schutzumschlag ab, sieht man die zerraufte Göre im gleichen Aufzug von vorn, schon ein bisschen lasziv lächelnd. Also hundertprozentig zum Buch passend.

Buchdaten:

Wiener, Max (Pseud.): Die schönsten Mädchen der Welt.

Roman.

Rotbuch-Verlag, Berlin 2008.

320 Seiten.

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