Veronesi: Gli sfiorati

Wolfgang Krisai: Im Bett. Bleistift.

Wolfgang Krisai: Im Bett. Bleistift.

Der Roman hat einen rätselhaften Titel, und erst am Ende des Buches war mir klar, wie er gemeint war: „Die Gestreiften“, gemeint sind Menschen, die von einem ungewöhnlichen Schicksal nicht voll getroffen, sondern nur gestreift worden sind, sodass sie danach fast das Gefühl haben, es sei vielleicht gar nicht wahr gewesen.

Im Falle des Helden dieses Romans, des jungen Graphologen Mète, ist es das Schicksal, sich in seine Halbschwester verliebt und mit ihr Inzest begangen zu haben. Völlig bestürzt von dem Vorkommnis ergreift Mète die Flucht auf die Philippinen, und seine Schwester Belinda kommt in die USA auf eine Privatschule. Monate später – im Epilog – erreicht Mète ein Brief von Belinda, in dem sie schreibt, er solle sich doch unbedingt bei ihrem gemeinsamen Vater melden, sie selbst begnüge sich mit dem Gedanken an ihn. Die „Beziehung“ wird also nicht fortgesetzt, der Inzest hat die beiden nur „gestreift“, „sfiorato“.

Der Roman ist in einem sehr anspruchsvollen Italienisch geschrieben, sodass ich oft viele Vokabel pro Seite nachschlagen musste. Der Stil ist aber so treffend, dass sich die Mühe lohnt. Interessant auch, dass es sich hier um ein modernes Werk handelt, das in einer extrem ausgeprägten auktorialen Erzählhaltung geschrieben ist. Auch das finde ich sehr angenehm, da einem die ewigen Ich-Erzähler ohnehin zum Hals heraushängen.

Handlung:

Mète nimmt zu Beginn an der Hochzeit seines Vaters, der ein halbes Jahr nach dem Tod seiner Frau seine langjährige Geliebte heiratet, teil. Dabei trifft er natürlich auch seine nur wenige Jahre jüngere, 19jährige Halbschwester Belinda, die er zuvor offenbar kaum gesehen hat und die er für ein Flittchen hält, zumal sie sich als veritable Sexbombe geriert. Der Vater eröffnet ihm, dass Belinda für die Zeit der Flitterwochen bei Mète im Haus (das seiner reichen neuen Frau Virna gehört) wohnen soll, damit er ein wenig auf sie aufpassen kann, weil sie im Verdacht steht, Drogen zu nehmen und ein Lotterleben zu führen. Mète hält von diesem Auftrag gar nichts und entzieht sich ihm zunächst zwei, drei Tage lang, indem er einfach nur zu allerspätester Nachtstunde zu Hause erscheint, ein paar Stunden schläft und dann gleich wieder zu seinen Freunden verschwindet. Diese Freunde sind der Videothekenbesitzer und Weiberheld Damiano und der Hüne Bruno, mit dem er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Anti-Theater-Plakate auf die Theaterfassaden und -tore ganz Roms klebt.

Schließlich kommt es aber doch zu einer Begegnung mit Belinda, und da er sich nicht als Anstandswauwau aufspielen will, raucht er mit ihr gleich eine Haschischzigarette.

In den nächsten paar Tagen kommen Belinda und Mète einander rasch näher, sie kiffen gemeinsam, Mète lernt Belindas dubiosen „Verlobten“ kennen, der gleichzeitig der Haschisch-Lieferant ist, und Mète merkt, dass er sich Hals über Kopf in Belinda verliebt hat.

Er hofft, dass er sich der Anziehung Belindas entziehen kann, wenn sie wieder zu ihrer Mutter zieht. Als diese jedoch die Flitterwochen um einen Tag verlängert, kommt es beim gemeinsamen Kiffen und Fernsehen im Bett Belindas zu Zärtlichkeiten, schließlich „mille baci“, und dann sind sie plötzlich nackt und Mète ist in Belinda eingedrungen…

Veronesi schildert das Geschehen in einem besonders starken Kapitel des Romans, indem er es mit christlichen Gebeten kontrastiert. Mète ist zugleich glücklich und entsetzt, was ihm da widerfahren ist, am nächsten Tag begegnen Belinda und er einander nur kurz, Küsschen, dann verlässt Belinda die Wohnung mit ihrem letzten Koffer, um wieder zur Mutter zu ziehen. Schnitt.

Der Epilog spielt dann etwa ein Jahr später auf den Philippinen.

Dass es Mète gerade dorthin verschlägt, hat mit einem Nebenhandlungsstrang zu tun: Virna und Mètes Vater beschäftigen ein philippinisches Ehepaar als Haushälter, und Mète ist mit den beiden auf bestem Fuß, sie sind das Idealbild verlässlicher, verständnisvoller und selbstloser Diener. Von Dani, dem Mann, hat dann Mète eine philippinische Adresse, an die er sich wendet.

Ein weiterer Handlungsstrang befasst sich mit Mètes „Hobby“, der Graphologie. Mète ist darin ein Naturtalent, so wie schon sein Großvater. Bei dessen Bruder, einem Geistlichen, geht Mète gewissermaßen in die Lehre. Mète hat eine Sammlung von handschriftlichen Dokumenten von seinen Freunden, Verwandten und Bekannten, die er minutiös analysiert. Zentral ist ein Blatt von Belinda, aus dem er herausliest, dass sie eine besondere Eigenschaft verkörpere, die „schiumevolezza“, etwa: „Schaumhaftigkeit“. Der Pater meint, man müsse wohl eher „Entfesseltheit“ sagen. Genau das ist Belindas Faszinosum: Sie kennt keine moralischen Bedenken, ergibt sich ganz dem Hier und Jetzt ihres Lebens, gibt sich völlig hin, fließt geradezu. Und diese Eigenschaft signalisiert auch das Titelfoto – das übrigens das Motiv des Filmplakats der nun erfolgten Verfilmung des Romans ist.

Ein weiterer Nebenstrang sind Mètes klägliche Versuche, es Damiano in Sachen Weiberheldentum nachzutun. Mète ist aber ein schüchterner, zurückgezogener Typ. Beim Hochzeitsempfang macht er sich an drei halbwegs fesche Damen heran, die er mit der Graphologie-Masche umgarnt. Natürlich wollen alle von ihm „analysiert“ werden und geben ihm Schriftproben. Leider kann er sich schon am nächsten Tag nicht mehr erinnern, welche ihm welche Schriftprobe gegeben hat, folglich gerät er in peinlichste Verlegenheit, als eine der drei sich bei ihm meldet und unbedingt die Forschungsergebnisse erfahren will. Mète „versetzt“ sie, und versetzt sie damit in helle Wut. – Daneben hat er ein Auge auf eine sehr erotische Schielende geworfen, die er bereits mehrfach in Nachtclubs getroffen hat. Damiano vermittelt sie ihm schließlich, und Mète trifft sich mit ihr zum Essen, fährt mit ihr nach Hause und verführt sie. Kaum ist das geschehen, entpuppt die Frau sich als unberechenbare Irre, die ihm mit der Polizei droht.

Neben den genannten Handlungsaspekten gäbe es noch eine Reihe weiterer…

Bin gespannt, ob das Buch auch einmal auf Deutsch erscheinen wird – und ob der Film demnächst im Votivkino zu sehen sein wird…

Tolles Buch jedenfalls!

Buchdaten:

Veronesi, Sandro: Gli Sfiorati

romanzo

Fandango libri, Roma 2012.

398 Seiten.

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Eingeordnet unter Italienische Literatur

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