Tellkamp, Uwe: Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café

Wolfgang Krisai: Sabina Hank und Band, Wien 2011. Bleistift.

Wolfgang Krisai: Sabina Hank und Band, Wien 2011. Bleistift.

Das Buch fand ich im Ramsch, das wunderschöne Titelblatt und natürlich der Autor veranlassten mit zum Kauf.

Nun las ich es. Was nicht so einfach ist, weil Tellkamp hier einen sehr schwierigen Stil pflegt. Aber warum auch nicht?

Oft ergeht er sich in ausführlichen Stimmungsbeschreibungen mit immer wieder frappierenden Formulierungen. Die Handlung ist dabei manchmal kaum wahrzunehmen, aber man bekommt sie doch mit:

Der Schauplatz ist das Hecht-Viertel in Dresden, genauer ein mehrstöckiges Wohnhaus und das portugiesische Café ganz in der Nähe. Zu Beginn zieht eine junge Frau, Sophie, neu ein und begegnet gleich Florian, der sich in sie stante pede verliebt, dies aber nicht zu zeigen wagt. Sophie ist Geigerin der Gruppe „Tango verde“, die häufig im Portugiesischen Café auftritt. Florian ist Angestellter des Antiquariats „Aquarium“.

Weitere wichtige Personen: Nora, die blinde Masseuse, von der sich Florian immer wieder massieren lässt. Dass zwischen den beiden eine Liebesbeziehung bestanden haben muss, bekommt man erst am Ende mit.

Daneben gibt es noch einen Maler, weitere Hausbewohner, die Kellnerin Tanja, den jungen Mann Johannes, der zum Schluss ein altes Flugzeug revitalisiert. Sophie will unbedingt einen Flug mit ihm wagen.

Da spitzt sich die Sache zu: Florian vergeht fast vor Liebe zu Sophie, die sich nun offenbar mit Johannes näher einlassen will (sonst würde sie nicht auf diesem Flugabenteuer bestehen), alle drängen ihn, ihr seine Liebe doch zu gestehen, doch sogar als Sophie selbst Schritte unternimmt, um sich ihm anzunähern, bleibt er reserviert. Daraufhin lässt sie jäh von ihm ab.

Letzte Szene: Johannes will mit Sophie fliegen, doch zum vereinbarten Zeitpunkt taucht diese nicht auf, also startet Johannes allein. Verspätet kommt Sophie gelaufen, ruft schon von Ferne verzweifelt etwas Unhörbares, aber Florian sieht an ihren Mundbewegungen, dass sie „Nora“ schreit.

Was ist da wohl geschehen? Man erfährt es nicht. Ich vermute Folgendes: Nora war tatsächlich die Freundin Florians, das Verhältnis scheint zwar etwas abgekühlt, aber im Grunde noch aufrecht zu sein. Da verliebt er sich in Sophie, Nora bekommt das mit und erkennt nun, dass sie Florian im Weg steht. Dieser, als edler Mensch, glaubt, einer Blinden nicht einfach den Laufpass geben zu können, zwingt sich also, seine Liebe zu Sophie nicht merken zu lassen, was nicht ganz gelingt, da es ihn ja gewaltig erwischt hat. Aber immerhin kann er sich so weit beherrschen, dass er nie seine Zuneigung ausspricht. Sophie hat schließlich genug davon und nähert sich Johannes an. Nora bekommt das nicht mit, sondern bringt sich um, weil sie Florians neuer Liebe nicht im Weg stehen will und verzweifelt ist. Sophie ist die Überbringerin der Schreckensnachricht.

Zum Glück habe ich erst nach der Lektüre im Internet nach Interpretationen geforscht – und, gleich vorweg gesagt – keine gefunden, die das Ende aufklären würde. Aber ich habe seltsame Vorgänge um das Buch erfahren:

Der Roman ist der Erstling Tellkamps und wurde 2000 kaum beachtet. Als nun Tellkamp 2008 den deutschen Buchpreis für „Der Turm“ bekam, wollte der Faber-Verlag mitnaschen und legte das Buch gegen den Willen Tellkamps neu auf. Wie man sieht, landete es aber bald im Ramsch.

Tellkamp protestierte öffentlich gegen diese Neuauflage, ohne zu sagen, warum er sie nicht wollte. Das Buch sei ihm heute „peinlich“. Warum? Ich halte es für einen passablen Erstling, für den man sich unter literarischer Perspektive nicht zu schämen braucht, auch wenn ein bissiger FAZ-Kritiker, dem nicht einmal der „Turm“ gefallen hat, es in der Luft zerrissen hat. Su vermutet, Tellkamp habe nicht-literarische Gründe, die Veröffentlichung abzulehnen. Vermutlich hat er einen Fall dargestellt, der ihm selbst passiert ist und der alte Geschichten aufrühren würde, über die er lieber Gras wachsen sehen würde. Vielleicht gab es wirklich eine Blinde, und er hat sie auf gut thomasmannisch im Roman sterben lassen, in Wirklichkeit sich aber schnöde von ihr getrennt? Und diese Frau ist nun böse auf ihn…

Wie auch immer. Das Buch ist eines der seltenen Beispiele, die ein offenes Ende haben, das einen wirklich ins Grübeln bringt. Eigentlich sollte man es gleich noch einmal lesen, nun detektivischer.

Tellkamp, Uwe: Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café.

Roman.

2. Auflage.

Faber & Faber, Leipzig 2009.

158 Seiten.

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