Weyh: Toggle

Wolfgang Krisai: iPad-Nutzer am Flughafen Wien. Tuschestift.

Wolfgang Krisai: iPad-Nutzer im Starbuck’s am Flughafen Wien-Schwechat. Tuschestift.

Es geht um Google, im Roman kaum kaschiert als „Toggle“. Aufgrund der Tatsache, dass Toggle praktisch alle Suchanfragen der User speichert, greifen einige Mitarbeiter der Firma eine Idee des Gelehrten Galiani (ein Neapolitaner der Aufklärung) auf, der vorgeschlagen hat, die Wählerstimmen in einer Demokratie zu gewichten, und zwar nach einer komplizierten Formel, die zahlreiche Parameter berücksichtigt. Die Toggle-Leute perfektionieren die Formel, sodass schließlich unzählige Parameter berücksichtigt werden: zum Beispiel das Alter (ältere Leute zählen weniger), Beruf, Interessen, Intelligenz, Kaufverhalten, Wohnort, Automarke, usw., usw.

Wenn nun Toggle noch das Unternehmen „Myface“ (= Facebook) aufkauft und die dort vorhandenen ungeheuren Datenmengen (v. a. Freundeskreis, aber auch private Mitteilungen) in die Formel einbeziehen kann, dann ist diese perfekt.

Im Lauf des Romans stellt sich heraus, dass hinter der Toggle-Democracy-Idee eine Gruppe von Hochintelligenten, die in einer halb geheimen Vereinigung organisiert sind, steckt und sich durch die entsprechende Manipulation der ToD-Formel unbegrenzte Macht erschleichen will.

Als Norm-Person wird ein weibliches Mitglied der Gruppe verwendet, und damit sie sich nicht mehr verändern kann, wird sie umgebracht – was geschickt als Insulin-Tod der Diabetikerin getarnt wird.

Einige Gegner der ToD-Idee können die Formel aber zur Selbstvernichtung bewegen, indem sie sie in ein selbstreferentielles Radl treiben, das sie zum endgültigen Absturz bringt.

Ende gut, alles gut.

Diese Grundidee füllt aber keinen Roman. Daher drapiert Weyh um diesen Handlungskern allerlei nette Nebenhandlungen, etwa jene um das Verschwinden des letzten Exemplars von Galianis Schrift, das von Toggle-Books irrtümlich nur teilweise eingescannt wurde und daher seine „schädliche“ Wirkung nicht mehr entfalten kann. Das Buch gerät nach dem missglückten Scanvorgang in die Hände eine Leseratte aus jenem Dorf, wo Toggle in einem riesigen Schuppen geheim Bücher einscannt (warum geheim, bleibt unklar, denn Toggle tut ja nichts Verbotenes), von dieser an einen Antiquar, der das Buch an einen italienischen Historiker verkauft, der es verbrennt, weil er die Gefahr für die Demokratie erkennt.

Eine weitere, etwas übertrieben lang ausgewalzte Nebenhandlung spielt zu Galianis Lebzeiten und behandelt das damalige Schicksal der Schrift des Gelehrten, die von einer französischen Jury zurückgewiesen wird, in nur zwei Exemplaren gedruckt wird und schließlich in einer Klosterbibliothek verschwindet.

Eine weitere Handlung dreht sich um den späteren Chef von Toggle Deutschland und dessen Familie.

Insgesamt ein interessantes Buch, auch wenn es stellenweise zu langatmig ist.

Weyh, Florian Felix: Toggle.

Roman.

Galiani-Verlag, 2012.

eBook.

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Eingeordnet unter Deutsche Literatur

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