Rilke: Malte

Wolfgang Krisai: Schloss Muzot. Rilkes Wohnsitz in seinen letzten Lebensjahren. Tuschestift, Buntstift.

Wolfgang Krisai: Schloss Muzot. Rilkes Wohnsitz in seinen letzten Lebensjahren. Tuschestift, Buntstift.

Der „Malte“ ist eines jener Bücher, die ich mir schon länger ein zweites Mal vornehmen wollte. Und jetzt habe ich mich durchgebissen. Ich las den Malte in der kommentierten Ausgabe, und das war mein Glück, denn ohne Kommentar kann man dieses Buch unmöglich verstehen. Kein Wunder, dass mir die Erstlektüre als eher unbefriedigend in Erinnerung ist.

Allerdings ist der Malte nicht nur schwierig und dunkel, sondern er hat auch große Vorzüge: Rilke entwickelt einen Beschreibungsstil, der zum Teil überaus treffend ist, in seiner Weise aber ähnlich ungewöhnlich wie etwa der Stil Arno Schmidts, bei dem es mir ja auch immer wieder erscheint, als könne man den beschriebenen Sachverhalt nicht besser zum Ausdruck bringen.

Worum geht’s?

Malte, ein alter ego Rilkes, lebt in Paris (daher die berühmten Anfangsaufzeichnungen über die Charité, über Paris, über die bibliothèque nationale), und er führt Aufzeichnungen, die bald aber in seine Kindheit zurückschweifen, in Dänemark, wo er eine dem realen Leben Rilkes sehr ähnliche Familienkonstellation erlebt: eine überdrehte Mutter, die von ihrem Kind nicht gestört werden will und die bald stirbt, einen eher distanzierten Vater, gräfliche Verwandte, zu denen man auf Besuch kommt, usw.

Eine der lustigen Aufzeichnungen ist jene über die Verkleidung vor dem Spiegel in einem abgelegenen Zimmer des Schlosses, wo der kleine Malte in seiner Vermummung plötzlich von Panik befallen wird, sich bei Befreiungsversuchen nur noch mehr verheddert, von Dienstboten entdeckt und belacht wird, die nicht begreifen, welche Angst ihn plagt. Schließlich wird er sogar ohnmächtig.

In Maltes Kindheit erscheinen auch Geister, so etwa der einer verstorbenen, ephemeren weitläufig Verwandten. Ein Kind wundert das ja nicht besonders.

Einige Aufzeichnungen befassen sich mit geschichtlichen Personen, zum Beispiel mit dem Tod Karls des Kühnen, mit dem wahnsinnigen und verkommenen französischen König Karl VI. (gestorben 1422), andere mit Dichtung und Kunst, etwa jene über Eleonore Duse und Sappho, die letzten dann mit der von Rilke „intransitiv“ genannten Liebe, also einer Liebe, die sich auf keine bestimmte Person mehr richtet, sondern „an sich“ existiert. Das ist jene Liebe, die Rilke als die höchste postulierte – was für ihn als Künstler den Vorteil hatte, dass solchermaßen liebende Frauen an ihn als Mensch keine Ansprüche mehr stellten…

Dabei scheut Rilke nicht davor zurück, Menschen aus Geschichte und Mythos eine solche intransitive Liebe notfalls mit Gewalt anzudichten, etwa dem verlorenen Sohn, dem sich die letzten Aufzeichnungen widmen.

Die Aufzeichnungen beginnen ohne Einleitung und enden ohne Schluss. Lediglich eine fiktive Herausgeberbemerkung sagt: „Ende der Aufzeichnungen“.

Stilistisch ist das Buch sehr schwer zu verstehen, es verlangt daher bei der Lektüre allerhöchste Konzentration, die ich – ich gebe es zu – nicht immer aufgebracht habe. Zum Glück sind die Aufzeichnungen nicht allzu lang, nur rund 200 Seiten. Das ist zu bewältigen.

Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge.

In: R. M. Rilke: Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden. Hg. v. Manfred Engel u. a.

Insel Verlag, Frankfurt und Leipzig, 1996.

Band 3, S. 453 – 636.

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