Lehmann: Der Bilderstürmer

Wolfgang Krisai: Formation in rot und grün. Gouache.

Wolfgang Krisai: Formation in rot und grün. Gouache.

In diesem expressionistisch dichten, von Naturmetaphern lehmanntypisch strotzenden kurzen Roman schildert Wilhelm Lehmann einen Lebensabschnitt des jungen Lehrers Beatus Leube, den es in ein abgelegenes deutsches Dorf verschlagen hat. Er kam dorthin auf der Suche nach innerem Frieden und begegnet dort Friederike Wesendonck, einer jungen Volksschullehrerin, die die ihm bis dahin unbekannte Tochter eines Paten ist. Zwischen Friederike und ihm entspinnt sich langsam eine Liebesgeschichte. Die beiden sind ungewöhnliche Persönlichkeiten, innerlich überhitzt, nach außen hin distanziert. Sie finden im Wald die Leiche einer gewissen Zinaida Jenssen und deren neu geborenes Kind, um das sie sich kümmern und das sie am Ende als ihr Pflegekind aufnehmen.

Im Lauf des Romans stellt sich heraus, dass es die Tochter der zweiten Hauptfigur des Buches, des Schulgründers einer Reformschule im Dorf, ist. Der Mann ist der im Titel genannte „Bilderstürmer“, der mit seiner ätzend rationalen Art das „Bild“ der Natur zerstören will und seine Schüler entsprechend erziehen will. Diese Ausrichtung finde ich allerdings im Roman nicht ganz schlüssig dargestellt. Wozu braucht es eine Reformschule, wenn der normale Schulbetrieb ohnehin schon völlig rationalistisch ausgerichtet ist? Egal, vielleicht habe ich hier nur einiges überlesen oder nicht durchschaut.

Der Schuldirektor bringt einen der jungen Lehrer zur Verzweiflung, indem er ihn vor den Schülern bloßstellt, woraufhin dieser Selbstmord begeht. Das läutet das Ende des Aufenthalts des Direktors in dem Dorf ein, am Schluss sucht er schimpflich das Weite.

Interessant an dem Roman ist die schwüle Atmosphäre, die über allem liegt. Die wuchtige Metaphorik erinnert immer wieder an jene des Österreichers Hans Lebert („Die Wolfshaut“), der ein Erbe Lehmanns sein könnte. Ob es da wohl einen direkten Einfluss gibt? Besonders drastisch ist der Beginn des zweiten Kapitels, wo Friederike sich auf einer Waldlichtung entblättert, dann aber sofort die ganze Natur so empfindet, als wolle sie sich vergewaltigend auf sie stürzen, sofort ihre Kleidung wieder überzieht und flüchtet. Die hitzigen Wolken entladen ihren „Samen“ in Form von Regen über das Dorf… Diese Darstellung kann unfreiwillig komisch wirken, sie trifft aber ein Grundbedürfnis des Menschen, das nach Aufgehen in der Natur, und gleichzeitig eine Urangst des Menschen, die vor Vergewaltigung, in überraschender Weise.

Lehmann, Wilhelm: Der Bilderstürmer. Roman. In: Wilhelm Lehmann: Sämtliche Werke, Bd. 1.

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