Schenk: Der Aufbruch des Erik Jansen

W. Krisai: Mädchen. Skizze.

W. Krisai: Mädchen. Skizze.

Der etwa 40- bis 50jährige Erik Jansen ist Deutschlehrer an einem katholischen Privatgymnasium in Aachen, seine Frau Viola unterrichtet an der gleichen Schule Deutsch und Französisch (sie scheint einige Züge mit der Autorin gemeinsam zu haben). Am Ende des Schuljahres wird Jansen nun im Rahmen der Schlusskonferenz von der Personalvertretung mit einem Reisegutschein beschenkt, für den das Kollegium zusammengezahlt hat, denn Jansen verlässt die Schule, offiziell, weil er sich verändern will.

Er löst den Gutschein ohne viel Nachdenken ein, indem er eine Jordanienreise bucht. Nun wechseln sich die Kapitel ab: einerseits Reiseerlebnisse, andererseits der Rückblick auf das, was ihn seinen Posten gekostet hat: die Liebe zur Schülerin Johanna Limbach.

Ich erzähle zuerst die Johanna-Geschichte: Sie ist Jansens Schülerin im Deutsch-Leistungskurs, ist 17 Jahre alt, Tochter einer geschiedenen Malerin, die sich kaum um sie kümmert, ein stilles, unauffälliges Mädchen, aber durchaus intelligent. Als Jansen der Klasse Kafkas Geschichte „Der Aufbruch“ zum Interpretieren gibt, meldet sich Johanna plötzlich mit aufsässigen Worten: Warum man überhaupt alles interpretieren müsse, usw.

Jansen, der Johanna kurz davor im Pausenhof beobachtet hat, wie sie den fallenden Schnee genossen hat, wehrt ihre Einwürfe nicht ab, sondern bleibt freundlich. Als die Schülerinnen dann ihre Gedanken zu Papier bringen müssen, schreibt Johanna einen unorthodoxen, aber tiefschürfenden Aufsatz. Jansen, irgendwie berührt von dem Text und der Schreiberin, schickt ihr – ganz gegen seine Gewohnheiten – eine Mail, er wolle mit ihr darüber reden. Johanna schaut aber nicht in ihre Mails. Dafür liefert sie bald eine zweite Interpretation der Kafka-Geschichte, nicht weniger interessant, aber mit einigen persönlichen Anspielungen. Im Lauf des Romans werden es insgesamt fünf immer persönlichere und interessantere Kafka-Deutungen. (Der Kafka-Text ist übrigens nur ein paar Zeilen lang.)

Jansen verliebt sich immer mehr in Johanna, und diese sich in ihn. Schließlich verabreden sie ein samstägliches Treffen, fahren gemeinsam ins Grüne, und dort, an einer uneinsehbaren Stelle, entblättert sich Johanna und will Jansen verführen. Doch er schreckt zurück, obwohl er sich innerlich nach nichts mehr sehnt als nach Johanna. Zu mehr als einem Kuss – dem schönsten seines Lebens, bekennt er später – kommt es nicht.

Johanna ist schwer enttäuscht und hat das Gefühl, sie müsse diesen Mann dazu zwingen, aus dem Käfig seiner scheinbar so moralischen Feigheit aus- und zu neuen Ufern aufzubrechen. Also geht sie zum Direktor, behauptet, Jansen habe sie sexuell belästigt, sie wolle ihn aber nicht anzeigen, nur die Schule wechseln. Der Direktor verschafft ihr einen Platz an einer anderen Privatschule, Jansen zitiert er zu sich und konfrontiert ihn mit den Vorwürfen. Dieser ist zu schwach, sich zu verteidigen, was in diesem Fall vielleicht gut ist – für Johanna -, und stimmt zu, unter einem Vorwand zu Schuljahresende den Dienst zu quittieren. Johanna ist Frau Nr. 1, die Jansen unglücklich macht.

Seine Frau hat sich während dieses Schuljahres in Kollegen Ingo verliebt, mit dem sie einen „Euregio-Literaturpreis“ ins Leben gerufen hat und nun ständig daran herumorganisieren muss. Sie lässt sich von Jansen scheiden und zieht zu Ingo. Das ist also Frau Nr. 2, die mit Jansen ohnehin schon lange nicht mehr glücklich war. Irgendwo heißt es, die Ehe sei nach dem Fußballspiel die zweitbeste Methode, sich selbst zu betrügen und zu vergessen.

Nun die Reise:

Jansen will eigentlich nur seine Ruhe, hat aber bald eine „Düsn“ am Hals, Monique, die mit ihrer sittenstrengen Schwester an der Reise teilnimmt. Monique behauptet, ihr Mann habe sich vor kurzem hier in Jordanien in der Wüste davongemacht und sei seither verschollen. Nun wolle sie jene Orte sehen, die er zuletzt gesehen habe. Die Reisegruppe klappert die üblichen Ziele ab, vom See Genezareth bis zum Toten Meer und dem Golf von Akaba. Monique erweist sich als kapital ungebildete Frau, aber ungemein wissbegierig, sie entlockt dem widerstrebenden Erik immer mehr Informationen über die antike Mythologie, über Rhetorik, über Grammatik, schreibt alles mit, setzt sich im Bus neben ihn, betascht ihn, bequatscht ihn und knackt damit nach und nach seine abwehrende Schale.

Jansen rettet ihr das Leben, als sie im Toten Meer Wasser schluckt und Panik bekommt. Schließlich erzählt er ihr, weshalb er den Dienst quittieren musste. Von ihrer Schwester weiß er inzwischen, dass die Legende vom Verschwinden des Mannes nicht stimmt, dieser lebe inzwischen in München mit einer Geliebten.

Am Golf von Akaba kommt es zu immer deutlicheren Annäherungsversuchen Moniques, doch Jansen wehrt ab. Zu sehr ist er noch mit Johanna beschäftigt, ihr Bild und die Erinnerung an sie kommen ihm immer wieder hoch. Monique, die kleine, dicke, geliftet Nudel, schwingt sich zwar inzwischen zu weisen Gedanken auf, aber Jansen hat dafür keine Ader. Als nun, am Ende der Reise, eine Fahrt in die Wüste unternommen wird, sondert sich Monique unbemerkt von der Gruppe ab. Trotz Suchaktion mit Hubschraubern und vielen Beduinen bleibt sie verschwunden. Ihren Fotoapparat und ihre Notizen findet Jansen in seinem Rucksack… Unglückliche Frau Nr. 3.

Epilog: Jansen hat eine Stelle an einer niederländischen Schule gefunden. Johanna ist in einem süddeutschen Internat und sucht keinen Kontakt mit ihm. Den Fotoapparat und die Notizen Moniques hat er deren Sohn, einem ehemaligen Schüler, gebracht, der sich freute, seinen ehemaligen Lehrer wiederzusehen.

Das ist ein Ende, in dem das Entsetzen sich mit der Maske der Normalität tarnt. Wie wohl meistens. Wahrscheinlich geht es den meisten Lehrern wie Jansen, in der einen oder anderen konkreten Weise. Wahrscheinlich wagen die meisten keinen „Aufbruch“ ins Unbekannte. Und das macht nicht einmal etwas, denn auch der Aufbruch Erik Jansens hat schlicht zu nichts geführt. Er ist danach der gleiche Lehrer, nur in einer anderen Schule. Er hält weiterhin die Fassade der Normalität aufrecht. Und wahrscheinlich graust ihm vor sich selbst, wenn ihn gelegentlich, aber immer seltener die Erinnerung daran packt, wie er den Frauen in seinem Leben nicht das geben konnte, was gut gewesen wäre.

Einwenden könnte man, dass natürlich auch die Frauen etwas zum „Gutgehen“ der Beziehungen hätten beitragen können, dies aber auch nicht zusammengebracht haben. So ist das jämmerliche Leben.

Jetzt wäre es natürlich nahe liegend, weitere Romane von Sylvie Schenk zu lesen, es gäbe da durchaus vielversprechende. Interessanter Weise sind sie im Wiener Verlag Picus erschienen, der ja nicht gerade bei Aachen, wo die Autorin lebt, beheimatet ist.

Schenk, Sylvie: Der Aufbruch des Erik Jansen. Roman, Wien, Picus 2012, 168 Seiten.

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