Tolkien: The Hobbit

Wolfgang Krisai: Drache. Deckfarbe.

Wolfgang Krisai: Drache. Deckfarbe.

Da Peter Jackson jetzt den Hobbit verfilmt hat, wollte ich diesen Film (den ersten einer 3×3-stündigen Trilogie!) natürlich sehen, davor aber das Buch lesen. Da ich wegen der Augenoperation derzeit ohne Brille nur riesige Buchstaben bequem lesen kann, lese ich bevorzugt eBooks, kaufte mir den Hobbit (in einer englischen Ausgabe) im Kindle-Shop, und las ihn nun innerhalb weniger Tage. Den Film sah ich mir auch schon an, und zwar, nachdem ich die verfilmten Teile schon gelesen hatte. Dazu reichte ja das erste Drittel des Buchs.

„The Hobbit“ wirkt auf mich wie eine Vorübung für „Der Herr der Ringe“. Im Grunde ist er genauso aufgebaut, stilistisch ähnlich und von den Figuren her eine Vorform, insgesamt aber in allem die deutlich schwächere Leistung.

Warum?

Während im HdR eine kleine Gruppe von ausgeprägten, für den Leser in ihrer Individualität überaus plastischen Figuren (Frodo, Gandalf, Aragorn, Gimli, Merry und Tuck) auf die Wanderschaft zu einem gefährlichen Ziel geht, sind es hier dreizehn Zwerge und Bilbo Beutlin und Gandalf. Die Zwerge haben schon sehr ähnliche Namen, und mit Ausnahme ihres Anführers Thorin erhalten sie im Roman kein ausgeprägtes, individuelles Profil, sondern sind ein Schwarm von Zusatzfiguren. Gandalf, Bilbo und der im Lauf des Romans in Erscheinung tretende Gollum sind den Figuren im HdR bereits sehr ähnlich, Bilbo nimmt hier die Stelle des späteren Frodo ein.

Die Reise der Fünfzehn geht quer durch eine Wildnis (zuerst über ein Gebirge, dann durch einen finsteren Wald) bis zum Einsamen Berg, wo sie den dort seit Jahrhunderten den einstigen sagenhaft riesigen Goldschatz der Zwerge bewachenden Drachen Smaug besiegen wollen. Auf dem Weg werden sie von Wölfen, Trollen, Orks, Spinnen und Dunkelelfen angegriffen, verschleppt, bedroht, eingesperrt; mit Hilfe von Gandalfs Zauberkräften, Bilbos Schläue und freundlichen Adlern entkommen sie den Gefahren aber immer unbeschadet.

(Peter Jackson hat aus den Gefahren Ereignisse gemacht, aus denen nicht einmal die härtesten Zwerge lebendig hervorgehen könnten, wenn’s mit rechten Dingen zuginge, aber die Kameraden sind unverwundbar wie Pink Panther und stehen nach Stürzen in unendliche Schlünde auf, als wären sie im Abstellraum ausgerutscht und hätten ein paar Marmeladengläser auf den Buckel bekommen. Lächerlich. Tolkien leistet sich solche Comics-Ästhetik in seinem Roman zum Glück nicht.)

Schließlich erreichen sie den Einsamen Berg, stören den Drachen auf, der ihnen den Weg durch einen kleinen Geheimgang zuschüttet und dann – kuriose Wendung! – beim Angriff auf eine Menschensiedlung von einem in die einzige verwundbare Stelle geschossenen Pfeil eines menschlichen Meisterschützen getötet wird. Das macht nun die ganze mühsame Vorgeschichte von der Handlungslogik her zunichte. Die Zwerge stehen dann als die goldgierigen Kerle, die für ihren Schatz nicht viel geleistet haben, da. Klarer Weise erheben nun die Menschen Anspruch auf den Schatz, die Zwerge wollen ihn nicht herausgeben, es kommt zur Belagerung, schon droht eine Schlacht mit einem Zwergen-Entsatzheer, auch Bilbos Vermittlungsversuche fruchten nichts – da nähern sich die Orks, die auch vom Tod Smaugs Wind bekommen haben und auf den Schatz spitzen. Flugs bilden die Kontrahenten (Zwerge, Menschen, Dunkelelfen) eine Koalition gegen die Orks und deren Reittiere, die Wölfe, besiegen sie in einer gigantischen Schlacht und können nun, da Thorin in der Schlacht gefallen ist, den Schatz einträchtig untereinander aufteilen. Für Bilbo, der eigentlich eine unermessliche Goldmenge hätte bekommen sollen, wenn es nach dem ursprünglichen Plan gegangen wäre, fallen zwei kleine Kistchen mit Gold und Silber ab, womit er aber zufrieden ist, weil sich diese Menge wenigstens nach Auenland zurücktransportieren lässt.

Am Ende kommt Bilbo nach Hause, und zwar gerade rechtzeitig, um die Versteigerung seines Hauses noch verhindern zu können. Man hatte ihn nämlich für tot erklärt.

Das bereits versteigerte Mobiliar muss er zurückkaufen, und um sich wieder für lebendig erklären zu lassen, braucht es langwierige Behördengänge. Zu einem Hobbit wie alle anderen wird er nie wieder, was ihm aber herzlich egal ist. Lieber trifft er sich gelegentlich mit Gandalf, um alte Erinnerungen auszutauschen. Schließlich schreibt er sein Reiseabenteuer auf und beginnt mit den berühmten Worten: „In einem Loch in der Erde wohnte ein Hobbit.“ Das ist er erste Satz des vorliegenden Romans.

Ok. Den „Hobbit“ muss man gelesen haben. Schon allein, um zu sehen, welchen Schritt nach vorn der HdR bedeutet. Ob man sich alle drei Teile der Verfilmung Peter Jacksons wirklich ansehen muss, ist die Frage. Jedenfalls wird es nicht ratsam sein, damit die Bekanntschaft mit dem Tolkien-Fantasy-Universum zu beginnen.

J. R. R. Tolkien: The Hobbit. Novel. eBook.

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