Wimbauer: Haben Sie „Steffi Briest“?

Wolfgang Krisai: "Aparthé" - salon du thé, librairie, à Pezenas

Wolfgang Krisai: „Aparthé“ – salon du thé, librairie, à Pezenas

Das Buch kaufte ich mir direkt bei Wimbauer, begann sofort zu lesen, las die erste Hälfte voller Begeisterung, machte dann eine kleine Pause und las jetzt den Rest in zwei Tagen.

Tolles Buch, da es einen interessanten Einblick in das Leben Wimbauers als Antiquar, als Bio-Freak, als Verleger und als Metal-Musikfan gibt. Von letzterem Aspekt verstehe ich gar nichts, nicht ein einziger Band-Name war mir auch nur vom Hörensagen bekannt, während diese Musik für Wimbauer wesentlich ist und Metal-Konzerte zu den Höhepunkten seines Lebens gehören. Für so ein Konzert fährt er schon mal 200 km, ähnlich wie wir das für eine besonders interessante Ausstellung tun. Interessant, dass ein Mensch, der einen in vielen Aspekten sehr interessiert, in dieser Hinsicht so vollkommen anders sein kann. Auch dass er sich mit Begeisterung Tätowieren lässt, befremdet etwas, besonders bei einem Öko-Typ, der nur noch Bio isst und trinkt und in dieser Hinsicht ganz radikal ist. Wimbauer ist eben eine seltsame Mischung.

Hinsichtlich Gesundheit setzt er aufs Joggen.

Er ist ein Katzenliebhaber und hat in seinem ländlichen Domizil ein Dutzend felide Mitbewohner.

Was liest er? Wohl in erster Linie eingesandte Manuskripte, von sonstiger Lektüre wird erstaunlich wenig berichtet. Die Verlagsarbeit hält ihn aber recht in Atem, immer wieder meldet er interessante Angebote und Manuskripte, noch häufiger aber klagt er über die Säumigkeit der Autoren oder deren völliges Abspringen von Projekten. Aber er nimmt’s gelassen.

Der Schwerpunkt des Tagebuchs liegt aber beim Berufsleben des Antiquars. Vor allem die Macken seiner Kunden sind Anlass zu ständigem Ärger und Hohn. Leute, die in Antwortmails oder als Verwendungszweck bei Überweisungen unsinnige Angaben machen, die ihre Bestellungen per Lichtgeschwindigkeit geliefert bekommen wollen (nicht ahnend, welches Schneckentempo die deutsche Post an den Tag legt), die verballhornte Bestellungen machen (siehe Titel des Buchs), die unrealistische Vorstellungen von antiquarischen Buchpreisen haben, die Billigware zurücksenden, weil sie ihnen nicht gefällt, die die Zustandsbeschreibungen beim Angebot nicht kapiert haben und sich dann über den Buchzustand wundern und nicht zuletzt jene Zeitgenossen, die wegen solcher Sachen dann bei Amazon oder ZVAB den Händler schlecht bewerten, was Wimbauer besonders stört, weil es verkaufsschädigend ist.

Wenn man das gelesen hat, dann traut man sich nichts mehr an einen Antiquar rückzumelden, weil er wegen jeder Mail, die ihm nicht Bares einbringt, stöhnt und den redseligen Kunden verflucht. Ich habe ihm trotzdem ein zum Teil kritisches Mail geschickt, wo ich nicht nur die unklare Formulierung seiner eMail-Rechnung (will er nun Vorauskasse oder nicht??), sondern auch die unsinnigen Leerzeilen zwischen zusammengehörigen Absätzen kritisiere. Eine Antwort erwarte ich mir nach der Lektüre natürlich nicht mehr, eher schon, dass ich im nächsten Tagebuch ebenfalls als Belästiger mit unqualifiziertem Feedback abgekanzelt werde.

Dabei hätte ich durchaus noch eine wesentliche Frage an den Verfasser: Sind das wirkliche Tagebucheinträge oder nicht vielmehr Facebook-Meldungen und Tweets? Wimbauer outet sich ja als begeisterter Nutzer dieser social networks, und bei einigen Eintragungen habe ich das Gefühl, sie genau so in seinem Newsletter gelesen zu haben, der zum Teil seine Facebook-Mitteilungen wörtlich wiedergibt.

Das würde auch erklären, warum die Tagebucheintragungen so auffällig kurzatmig sind. Kaum eine kommt über ein Dutzend Zeilen hinaus, fast nie gibt es eine zusammenhängende Abfolge von Eintragungen, die mehr als eine Seite füllt. Stattdessen reiht Wimbauer eine Kürzestmeldung an die nächste, und da nicht einmal sein Leben unerschöpflich vielfältig ist, wird die Sache nach einigen -zig Seiten ziemlich repetitiv. Ich überlas dann Eintragungen zu Wein und Musik prinzipiell, manch anderes auch ein wenig. – Ein aufklärendes Vorwort über die Entstehung dieses Tagebuch wäre hilfreich gewesen.

Alles in allem also eine zwiespältige Sache. Aber man bedenke: Welche Antiquar hat sonst noch ein Tagebuch veröffentlicht? Keiner. Also muss man zu Wimbauer greifen, wenn man diesen Beruf näher kennen lernen will.

Tobias Wimbauer: Haben Sie „Steffi Briest“? Aus dem Tagebuch eines Antiquars 2008 – 2011. Eisenhut-Verlag, Hagen-Berchum 2012. 293 Seiten.

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