Zeh: Spieltrieb

Wolfgang Krisai: Juli Zeh mit ihrem Hund. Zeichnung nach einem Foto aus einer Literaturzeitschrift.

Wolfgang Krisai: Juli Zeh mit ihrem Hund. Zeichnung nach einem Foto aus einer Literaturzeitschrift.

Was Juli Zehs Romane betrifft, bin ich ja ein Skeptiker. Als ich aber mitbekam, worum es in „Spieltrieb“ geht, nämlich um die Liebe eines Lehrers zu einer Schülerin, interessierte ich mich doch dafür. Ich merkte mich für das Exemplar der Virtuellen Bücherei der Städtischen Bücherei an – und vergaß wieder darauf.

Einige Tage vor Weihnachten bekam ich die Nachricht, das Buch sei nun zum Download frei. Also gut. Da ich augenbedingt ohnehin lieber am iPad las, begann ich in den Weihnachtsferien die Lektüre, kam auch bis 80 Seiten vor dem Ende, und dann wurde das Buch wegen Fristablauf automatisch „zurückgegeben“. Und natürlich augenblicklich an den nächsten Leser verliehen. (Die Virtuelle Bücherei hat einen Entlehnungsprozentsatz, der in einer realen Bücherei undenkbar wäre, denn dann wären 80% aller Bände permanent entlehnt und der Leser stände vor fast leeren Regalen!). Den Rest las ich daher erst jetzt im Exemplar der Schulbibliothek.

Der Roman erzählt eine „Dreiecksgeschichte“ der seltsamen Art, die zum Glück in der Realität so nie vorkommen wird. Smutek, Deutsch- und Turnlehrer an einem Bonner Privatgymnasium, dem Borromäum, findet in der einzelgängerischen, aber hochintelligenten und zugleich amoralischen und feindseligen Schülerin Ada einen Widerpart. Während Ada im Deutschunterricht bei Smutek durch kritische Beiträge auffällt, verbindet sie die Begeisterung für das Laufen mit dem Turnlehrer Smutek, der Ada gerne zu einer Leistungssportlerin aufbauen würde.

Ein Jahr später, in der sechsten Klasse, kommt ein neuer Schüler in die Klasse, der sich als noch unmoralischer, feindseliger, bissiger und intelligenter als Ada geriert: Alev El Quamar, ein Halbägypter und Diplomatensohn. Zwischen Ada und ihm spannen sich schnell unsichtbare Fäden, wobei Alev ständig von Mädchen umschwärmt ist und Ada nur dann beachtet, wenn er sie für seine Zwecke einspannen kann, während diese ihn von ferne ständig verliebt verfolgt. Das nützt Alev aus, um Ada völlig unter seine Fuchtel zu bekommen. Und er führt nichts Gutes im Schilde. Er will nämlich – unter rein philosophischem Aspekt – seine „Spieltheorie“ ausprobieren, und zwar auf beileibe nicht harmlose Weise: Ada soll Smutek verführen, Alex wird davon Fotos schießen, Smutek dann damit erpressen. Was dabei herauskommen soll, bleibt Alevs Geheimnis.

Da Ada auf Smutek, dessen Frau sie einmal unter Einsatz ihres Lebens aus einem zugefrorenen Teich gerettet hat, seither unwiderstehlich wirkt, gelingt es ihr leicht, ihn nach einer Trainingsstunde in der Lehrerdusche der Schule zu verführen. Alev fotografiert, stellt die Bilder auf eine nicht sichtbare Stelle der Schulhomepage und erpresst Smutek mit der Drohung, die Bilder freizuschalten, wenn er… Wer nun erwartet hätte, dass Alev Geld erpressen will, kennt Juli Zeh nicht. So trivial geht’s da doch nicht zu. Nein, Alev will nur Smutek weiter knechten, indem er verlangt, er müsse nun jeden Freitag in der Turnhalle mit Ada kopulieren und sich dabei fotografieren lassen. Ada, die ihm ja mehr oder weniger hörig ist, macht da ohne Widerrede mit.

Smuteks Ehe geht währenddessen zu Bruch, weil seine Frau nicht mehr mit ihm kommuniziert, sondern sich völlig in sich selbst verkapselt.

Nun könnte die Quälerei ewig so weiter gehen, wenn nicht Ada sich langsam von Alev abwenden würde. Sie verliebt sich nämlich allmählich in Smutek, da sie merkt, dass auch dieser sie liebt. Der Freitagssex spielt dabei keine zentrale Rolle, sondern es ist eher Smuteks Wohlwollen ihr gegenüber und die gemeinsame Sportleidenschaft. Als nun Alev sich liebemäßig der Mitschülerin Odetta, die ihm ebenfalls völlig hörig ist, nähert, ernüchtert Ada und will nicht mehr mitmachen. Man spielt ihr die Information zu, Alev treffe sich geheim mit Odetta, Ada stört die beiden und einen Lehrer, der ihnen angeblich Nachhilfe gibt, im Physiksaal auf.

Mit Smutek hat sie dann im Geographiekammerl leidenschaftlichen Sex, bald darauf kommt sie sogar zu ihm in die Wohnung – in Abwesenheit von Frau Smutek.

Am darauf folgenden Freitag erscheint Ada nicht zum Stelldichein. Und wenige Tage später trifft Smutek vor dem Turnsaal auf Alev und schlägt ihn brutal nieder, bis er bewusstlos, mit gebrochener Nase, ausgeschlagenen Zähnen und vor allem abgebissener Zunge liegen bleibt.

Noch in der Nacht wird Smutek festgenommen. Und bekommt von Ada eine SMS (sie stehen in regem SMS-Verkehr) mit der Botschaft, sie werde ihn „raushauen“ aus dem Schlamassel.

Und das tut sie tatsächlich mit einem wortgewandten „Plädoyer“ im Zeugenstand, das bewirkt, dass Alev schuldig, Smutek aber freigesprochen wird.

Zum Schluss fahren Smutek und sie per Auto nach Bosnien, an die Schule werden sie nicht zurückkehren.

So weit ein Großteil der Handlung. (Die Liebesgeschichte mit schlechtem Ausgang zu Olaf und den Selbstmord des Geschichtslehrers Höfi habe ich z. B. nicht beschrieben…) Diese füllt aber nur rund zwei Drittel des Buchs, während der Rest von Raisonnements über die verschiedensten philosophischen und rechtswissenschaftlichen Fragen gefüllt wird. Diesen teils verstiegenen Ausführungen zu folgen wurde mir bald zu blöd und ich überschlug sie meist. Was sich Ada oder Alev zur Spieltheorie, von der ich weder etwas verstehe noch verstehen will, oder zu Gott und der Welt so denken, das interessiert mich offen gesagt herzlich wenig. Smuteks Überlegungen sind da meist etwas interessanter, drehen sie sich doch zum Teil um die Schule, zum Teil um seine Herkunft aus dem kommunistischen Polen.

Ist dieser essayistische Aspekt des Buches schon etwas gekünstelt, so ist es die Erzählersituation erst recht. Denn das Buch wird, wie sich am Schluss herausstellt, von der Richterin aus dem Prozess gegen Smutek erzählt, die an Ada einen Narren gefressen hat und sich daher der Aufgabe unterzieht, sich ganz in ihr Leben hineinzuversetzen. Das wäre ja nun noch keine so schlechte Idee. Doch Juli Zeh hält das nicht in überzeugender Weise durch, sondern schreibt im Grund ein auktorial erzähltes Buch, dem diese Erzählerinnenfigur recht ungelenk draufgeschraubt ist. Durch diese Konstruktion wirkt das ganze Buch plötzlich wie eine kühl berechnende und berechnete Etüde, aus dem gleichen Geist heraus verfasst, den auch Alev und zum Teil Ada vertreten. Und das ist, glaube ich, Juli Zehs künstlerisches Grundproblem: Sie ist nicht mit dem Herzen dabei, sondern schreibt Gehirnakrobatik, noch dazu mit dem Ehrgeiz, sozusagen in jedem erzählerischen Genre ein Gesellen-, wenn nicht Meisterstück abzuliefern. Hier im Schul-Roman, in „Adler und Engel“ im Hard-Boiled-Thriller, in „Schilf“ im Krimi, in „Corpus delicti“ im Sci-Fi-Roman, usw. Aber so läuft das in der Literatur nicht. Literatur ist keine reine Verstandessache. So kann man bestenfalls Augenblickserfolge erzielen, aber die Leser wirklich nachhaltig begeistern wird man nicht. Schade.

Juli Zeh: Spieltrieb. Roman. btb-Verlag, München, 2006. Originalausgabe: Schöffling, Frankfurt, 2004. Schulbibliothek und Virtuelle Bücherei.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Deutsche Literatur

2 Antworten zu “Zeh: Spieltrieb

  1. Hallo, hat schon jemand hier den Film gesehen. Kann man den empfehlen oder weicht er zu sehr von der literarischen Vorlage ab?
    Viele Grüße, David Goebel

    • Ich habe ihn noch nicht gesehen, wurde aber von der lächerlichen Kleinmädchenstimme der Hauptdarstellerin schon im Trailer abgeschreckt. Vielleicht schaue ich ihn mir trotzdem an…
      lg, buchwolf

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