Hall / Ohrlinger: Der Paul Zsolnay Verlag 1924 – 1999

Der Stand des Zsolnay-Verlags bei der Buch Wien 2011

Der Stand des Zsolnay-Verlags bei der Buch Wien 2011

Auch so ein Flohmarktbuch, das überaus interessant war. Immerhin ist der Zsolnay-Verlag einer der bedeutendsten österreichischen Verlage, und über seine Geschichte etwas zu wissen daher eine gute Sache.

Das Buch bietet neben einem interessanten Text auch zahlreiche Abbildungen.

Was hat mich besonders beeindruckt?

Paul Zsolnay war Sohn des größten Tabakhändlers der österreichisch-ungarischen Monarchie, bewirtschaftete einige Jahre das riesige Landgut „Oberufer“ bei Pressburg (heute Bratislava), das als Landsitz ein veritables Schloss hatte, im verspielten Stil ähnlich der Hermesvilla in Wien, aber um einiges größer, errichtet. Dort versammelte seine Mutter die Crème der österreichischen Kultur um sich, unter anderem Schnitzler, Werfel, usw.

Eines Tages entschloss sich der Landwirt Zsolnay, den immer über die deutschen Verlage jammernden Autoren eine bessere Alternative anzubieten, und startete 1924 gewissermaßen von heute auf morgen seinen Verlag. Das erste Buch, das er herausbrachte, war gleich sehr zugkräftig: Franz Werfels „Verdi“.

Zsolnay, der sich in einer Autobiographie als für das Verlagswesen „ungeeignet“ bezeichnete, brachte in seinem Verlag schnell eine Menge renommierter Autoren des In- und Auslandes heraus: Graham Greene, H. G. Wells, Pearl S. Buck, John Galsworthy, Roger Martin du Gard, Torberg, Perutz, Lernet-Holenia, usw.

Sein Lektor war der überaus kompetente Felix Costa, der das Verlagsknowhow einbrachte, das Zsolnay fehlte.

Bis 1933 ging die Sache gut, dann aber begann die Misere, ausgelöst durch die NS-Zeit: zunächst brach der deutsche Markt weg, dann kam der Anschluss und Zsolnay „verkaufte“ den Verlag pro forma an einen deutschnationalen Schriftsteller, dem er aber bald darauf von den Nazis entrissen wurde, die als Verlagsleiter einen gewissen Karl H. Bischoff einsetzten, unter dessen Leitung der Verlag ganz auf Linie gebracht wurde. 1945 setzte sich der Mann mit allem, was nicht niet- und nagelfest war, nach Baden-Württemberg ab, wo sein Vater Buchhändler war. Zsolnay war inzwischen ins englische Exil gegangen, Costa von den Nazis nach Weißrussland deportiert worden, wo sich seine Spur verlor.

Zsolnay erhielt 1945 den Verlag zurück, setzte sein Programm in bewährter Weise fort und gewann das verlorene Renommée zurück. Allerdings lebte er zwischen mehreren Wohnorten so im Stress, dass er bereits 1958 Herzinfarkte hatte (im Zug zwischen London und Wien) und 1961 starb.

Er war übrigens auch kurz mit Anna Mahler verheiratet.

Nach Zsolnay übernahm der im Verlag tätige Hans W. Polak den Verlag bis 1986, dann wurde der Verlag an den Verleger Ernst Leonhard verkauft, der als Geschäftsführer Gerhard Beckmann einsetzte, dessen Ära bereits 1990 zu Ende ging. Der Verlag wurde neuerlich verkauft, an die VPM Verlagsunion Erich Pabel – Arthur Moewig KG, die den Verlag 1996 an den Hanser-Verlag verkaufte, dem er bis heute gehört.

Murray G. Hall / Herbert Ohrlinger: Der Paul Zsolnay Verlag 1924 – 1999. Dokumente und Zeugnisse. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 1999. 102 Seiten.

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