Knubben: Hölderlin. Eine Winterreise

Wolfgang Krisai: Der Hölderlin-Turm in Tübingen. Tuschestift, laviert mit Regenwasser.

Wolfgang Krisai: Der Hölderlin-Turm in Tübingen. Tuschestift, laviert mit Regenwasser.

Hölderlin? Mit diesem Dichter habe ich mich noch nie ausführlicher beschäftigt. Seine häufig verquer klingenden Satzkonstruktionen in den Gedichten haben auf mich nicht jene Faszination ausgeübt, mit der sie auf andere wirken. Nun aber geht ein Hölderlin-Forscher buchstäblich einen interessante Weg, der dem Leser diesen Dichter und unglücklichen Menschen näher bringt: Thomas Knubben wanderte auf dem Spuren Hölderlins von Nürtingen in Schwaben nach Bordeaux.

Hölderlin war ein geübter Weitwanderer, daher ist es nicht gar so erstaunlich, dass er zu Fuß und streckenweise vielleicht per „Diligence“, also Postkutsche, den weiten Weg zu seiner neuen Arbeitsstelle als Hauslehrer einer Familie der deutschen Kaufmannskolonie in der drittgrößten Stadt Frankreichs zurücklegte. Das war im Winter 1801/02. Nicht gerade die ideale Wander-Jahreszeit. Und auch politisch eine bewegte Zeit.

Thomas Knubben nun geht den Weg in der gleichen Jahreszeit, was an sich schon eine Herausforderung ist. Er geht aber fast nur zu Fuß, nur die verhüttelten Banlieues der Städte darf er entweder stadteinwärts oder stadtauswärts per Straßenbahn, Bus oder sonstigem Öffi durchquerten.

Das Buch ist also zu einem großen Teil ein Wanderbericht, der sehr interessant ist. Knubben erlebt alles, was einem beim Wandern so unterkommt: langweilige Strecken, nette Begegnungen, lästige Hunde, Irrwege, Sauwetter, Krankheit, mangelhafte Karten, geschlossene Gasthäuser und Hotels, manchmal auch überschäumende Gastfreundschaft privater Quartiergeber.

Da er aber auf Hölderlins Spuren unterwegs ist, wirdmet er auch einen großen Teil seines Buches den Informationen über diesen Dichter. Dabei beschränkt Knubben sich nicht auf Aspekte, die unmittelbar mit Hölderlins Wanderung zu tun haben, sondern greift ziemlich weit aus, sodass der Leser schließlich ein facettenreiches Bild von Hölderlins Leben bekommt. Hölderlins Werke spielen eine geringere Rollen, allerdings sind immer wieder Gedichte oder zumindest Gedicht-Ausschnitte eingestreut.

In Hölderlins Leben ist diese Reise nach Bordeaux, sein Aufenthalt dort und seine überstürzte Rückkehr kaum ein halbes Jahr später eine Wende. Zu Hause langt er als ein seelisch zerrütteter Mensch an, der am Rande des Wahnsinns steht. Man kennt den Grund dafür nicht. Vermutlich hat er mit dem Tod seiner Geliebten Suzette Gontard zu tun, in die er sich ja vorher als Hauslehrer in Frankfurt verliebt hat, von der er aber scheiden musste, als das Verhältnis mit ihr ruchbar wurde. Mitte 1802, als Hölderlin schon wieder in Deutschland war, ist sie gestorben. Hat Hölderlin sie vor ihrem Tod noch gesehen? Man weiß es nicht. Möglich wäre es.

Der großformatige Band ist mit zwei verschiedenen Typen von Bildern illustriert: Jedem Kapitel ist ein bewusst unscharfes Foto, das Knubben unterwegs geschossen hat, vorangestellt. Also, eigentlich sind das Fotos von Claudio Hils „nach Fotografien von Thomas Knubben“, wie die Titelseite sagt. Aha. Kunstanspruch. – Innerhalb der Kapitel gibt es zahlreiche – diesmal zum Glück scharfe – Abbildungen von historischen Ansichten, Dokumenten und Schriften des Autors. So wird der Band zu einem Hölderlin-Bildband.

Tolles Buch, das zu lesen jedem Literaturfreund, der auch eine gewissen Wanderlust empfindet, empfohlen werden kann. Genau das Richtige für mich.

Thomas Knubben: Hölderlin. Eine Winterreise. Klöpfer & Meyer, Tübingen, 2012. 221 Seiten.

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