Mein Nibelungenstück

Der von 7 SchülerInnen gebildete Drache.

Der von 7 SchülerInnen gebildete Drache.

Diese Woche stand im Zeichen der Uraufführung meines Nibelungenstücks, das ich für den Musischen Abend der Oberstufe schrieb. Die 6A, der ich es auf den Leib geschrieben hatte, führte es mit großer Begeisterung auf, sodass wir sehr viel Lob ernteten.

Im Vergleich zu Wagner punktet meine Fassung vor allem durch die Kürze: 32 Minuten dauerte unsere Endfassung. Und in diesen 32 Minuten ist wirklich viel los auf der Bühne, es gibt keinen Leerlauf, keine langatmigen Stellen, sondern die Handlungsschritte folgen Schlag auf Schlag, zusammengehalten von den verbindenden Worten des Dichters Volker von Alzey, einer Figur aus dem Nibelungenlied, die ich kurzerhand zum Autor des Textes umfunktioniert habe.

Zu Beginn sieht man auf der Bühne ein Mädchen aus der Gegenwart auf einer Stehleiter sitzen, das sich langweilt und schließlich auf die Idee kommt, das mannshohe Buch zu öffnen, das im Hintergrund steht. Und schon treten die Figuren aus dem Buch: ein Chor, der die berühmte erste Strophe des Nibelungenlieds interpretiert („Uns ist in alten Maeren Wunders viel geseit“…), dann Kriemhild und Ute, die über den fatalen Traum Kriemhilds streiten, Brünhild, die sich über die Männer lustig macht, und schließlich Siegfried, der etwas tumbe, aber umso kräftigere Held. Sogleich muss er sich in den Kampf mit dem Drachen stürzen, der aus dem Zuschauerraum herannaht. Nachdem er im Drachenblut gebadet hat, kommt er nach Worms zu den Königen Gunter, Gernot und Giselher, hilft Gunter, Brünhilde zu besiegen (das wird im Rückblick wie eine Stammtischgeschichte erzählt), Siegfried bekommt Kriemhild, die sich inzwischen in ihn verliebt hat, Gunter Brünhild. In der Hochzeitsnacht – unverfänglich gespielt, indem das Bett einfach senkrecht steht und die „Schlafenden“ davor – bindet Brünhilde Gunter an die Leiter, Siegfried befreit ihn, schenkt Kriemhild den Gürtel, es kommt zur fatalen Szene vor dem Kirchentor und schließlich schlägt die bis dahin lustige Stimmung ins Tragische um, als Siegfried erstochen und mit Trauermarsch-Musik zu Kriemhild getragen wird. Das Stück endet so:

Als Hagen zusticht, pathetische Musik. Dann Trauermarsch, als die Leiche zu Kriemhild getragen wird.

Als der Leichenzug bei der Fensternische ist, senkt Kriemhild langsam ihren Blick, sieht den toten Siegfried und schreit herzzerreißend. Die Musik bricht ab.

Gunter: Kriemhild, beruhige dich.

Gernot: Es war ein Unfall.

Giselher: Ein verirrter Speer.

Gu: Wir dachten immer, er sei unverwundbar.

Ge: Aber eine Stelle muss doch…

Gi: Jedenfalls, wir kommen hin, da liegt er. Tot.

Kriemhild mit Grabesstimme zu Hagen: Hagen, wo war dein Schild?

H: Ich konnte…

K: Du hast mir versprochen, ihn zu schützen!

H: Ich wollte…

K: Und du bringst ihn mir TOT zurück??

H: Ich musste…

K: Hast du ihn sterben gesehen? – Nein? Oder vielleicht: Ja? – Schau ihn dir an, den Toten, den du nicht bewacht hast!

H schaut auf S.

K: Da! Da! Er blutet wieder! Begreift, dass H der Mörder ist: Hagen! Du – ? Du! Du Mörder! Mörder! Mörder! – Zu GuGeGi: Ihr habt es gewusst! Ihr steckt mit ihm unter einer Decke! Ihr feiges Gesindel! Ihn hinterrücks erstechen! Ironisch: Ihr großen Helden!

Düstere Musik setzt ein. Der Trauerzug setzt sich langsam in Bewegung und verschwindet durch das Buch. Kriemhild taumelt hinten nach. Wenn sie weg sind, verklingt die Musik.

10. Szene: Schluss

Mädchen: Das ist ja schauerlich!

Volker: Du sagst es. Eine grauenhafte Sache.

M: Also, ich mag lieber Sachen mit happy end.

V: Leider, damit kann ich nicht dienen. Die Angelegenheit wird völlig zur Katastrophe.

Kriemhild rächt sich, alle sterben, zuletzt auch sie selbst.

M abwehrend: Nein nein nein! Das will ich gar nicht wissen. Sie klettert von der Leiter und schiebt V durch das Buch hinaus, während er protestiert.

V: Du kannst doch nicht mitten in der Geschichte nicht mehr wissen wollen, wie sie weitergeht. Jetzt kommt doch erst der richtig wilde Teil. So lass mich doch … erzählen … das ist doch wichtig …

M klappt das Buch zu und lehnt sich gegen den Buchdeckel. Atmet erleichtert aus.

M: Das ist mir jetzt doch zu viel geworden.

Ihr Handy läutet.

M: Hallo! Bin ICH froh, dass endlich einer anruft. Jetzt war ja stundenlang keiner erreichbar. Ob du’s glaubst oder nicht, ich habe GELESEN! Leiser werdend: Was? So eine uralte Geschichte. Das Nibelungen… lied. Ah, kennst du nicht? Na ja. Grausige Sache, völlig irre…

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Zweimal, nämlich am 14. und 15. Februar 2013, wurde das Stück nun in der Burg Perchtoldsdorf aufgeführt. Gearbeitet habe ich daran seit Dezember, wo ich es in einem wahren Schaffensrausch innerhalb weniger Tage schrieb, dann gemeinsam mit den SchülerInnen überarbeitete, inszenierte und probte. Am Tag vor der Generalprobe fabrizierte ich noch letzte Requisiten, darunter den Drachenkopf, der sich ausgezeichnet bewährte.

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