Tolstoi: Anna Karenina. Fertiggelesen.

Wolfgang Krisai: "Anna Karenina". Keira Knightley als A. K. vor einer Dampflok. Gouache.

Wolfgang Krisai: „Anna Karenina“. Keira Knightley als A. K. vor einer Dampflok. Gouache.

Geschafft! Gerade beendete ich jetzt „Anna Karenina“ von Lew N. Tolstoi, das ich am 13. Jänner auf Italienisch begonnen hatte.

Meine deutsche Ausgabe (aus der Reihe „Winkler Weltliteratur“, Winkler, München, 8. Aufl. 1989) kaufte ich am 12. Jänner 1995 bei den Weißen Buchwochen um 150 Schilling und ärgerte mich schon damals darüber, dass sie nicht gebunden, sondern nur geklebt ist. Sie ersetzte eine Flohmarktausgabe mit Plastikeinband (an die ich mich überhaupt nicht mehr erinnern kann). Damals las ich den Roman zum ersten Mal und hatte ihn dank der Semesterferien innerhalb einer Woche bewältigt. Das steht im Tagebuch von damals.

Vor rund einem Jahr – oder waren es schon zwei? – hatte ich einen weiteren Versuch gemacht, war aber nur bis zur Hälfte gekommen und gab dann auf.

Film „Anna Karenina“ mit Keira Knightley

Heuer kam der Anna-Karenina-Film mit Keira Knightley in der Titelrolle heraus, den wir uns gleich ansahen und begeistert waren. Eigentlich wollte ich den Roman noch schnell vorher lesen, doch es war eigentlich von vornherein klar, dass dies ein aussichtsloses Vorhaben war. Also kam mir der Film dazwischen und beeinflusste meine Lektüre natürlich. Ich hätte mir allerdings erwartet, dass sich die Filmfiguren stärker über die eigenen Vorstellungen von den Figuren legen, als es dann tatsächlich der Fall war. Die Figur des Lewin gefiel mir im Film überhaupt nicht, er war zu sehr dem Bild eines Fanatikers nachgezeichnet, was er zwar teilweise ist, aber dennoch ein sehr sympathischer. Doch der Film-Lewin verblasste schnell in meinem Gedächtnis und machte wieder meinem Lewin Platz, der – ehrlich gesagt – recht nebulos ist. Überhaupt entwickeln sich Romanfiguren in meinem Bewusstsein nicht zu detailliert gezeichneten Bildern, gar „Figuren“, sondern bleiben ziemlich vage. Ob das bei anderen Lesern auch so ist? Eher schon überlagerte die pausbäckige Film-Kitty die doch viel weniger kindliche Figur des Romans ungebührlich.

Anna-Karenina-Bild

Anna hingegen wird durch Keira Knightley, finde ich, meisterhaft und äußerst treffend verkörpert. Sie ist schön, hat einen Hauch von Verführerischem an sich, aber auch einen nicht geringeren Hauch von Vulgarität, und genau diese Mischung lässt sie ja in ihr Verhältnis mit Wronskij stolpern. Mich wiederum verführte sie dazu, ein Bild von Anna Karenina zu malen, das die für einen Ball herausgeputzte Frau vor dem dampfumwölkten Triebgestänge einer riesigen Lokomotive zeigt: eine „Vision“ des Kommenden, und das noch dazu im doppelten Sinne: einerseits ist Tod Annas angedeutet, andererseits auch die Zukunft der Eisenbahn, denn die gemalte Lokomotive stammt aus viel späterer Zeit als jener des Romans. Außerdem wirft sich bei Tolstoi Anna nicht vor die Lok, sondern gezielt zwischen die Räder eines Waggons eines vorbeifahrenden Personenzugs. Warum das, könnte man sich fragen. Ich vermute, dass eine Lok damals einen „Kuhfänger“ vorne dran hatte und Anna daher nur vom Gleis geworfen hätte, ohne sie gleich zu töten. Und ein Sprung zwischen die Waggonachsen war möglich, weil der Zug erstens innerhalb der Station sehr langsam fuhr, andererseits am Waggonboden noch keine Kästen, Leitungen, Verschalungen, etc. angebracht waren, die verhindert hätten, dass man sich da überhaupt darunterwerfen konnte.

Psychologisches Meisterwerk

Dass sich mir der Roman immer mehr erschlossen hat, verdanke ich einer Bemerkung eines Kollegen, der sagte, er bewundere an dem Buch die überaus genauen psychologischen Schilderungen. Und das stimmt wirklich. Tolstoi ist ein Meister der seelischen Tiefen – und Untiefen! Er zeigt die Vielschichtigkeit psychischer Vorgänge. Da sagt einer etwas, meint das Gegenteil, fühlt etwas Drittes und entschließt sich zu einem Vierten, und das alles mehr oder weniger synchron. Auch die zwischenmenschlichen Beziehungen, seien es nun Liebe oder Hass oder irgendetwas dazwischen, und auch die gesellschaftlichen Beziehungen mit ihrem subtilen Spiel von Ausgesprochenem und Ungesagtem arbeitet Tolstoi unglaublich genau heraus. Natürlich muss ein Werk, das so genau ist, gewaltig anschwellen. Zumal der Roman von sehr vielen Figuren bevölkert wird und noch dazu eigentlich „zwei Romane in einem“ ist.

Die Handlung um Anna

Da ist zunächst die Handlung um den Ehebruch und die Liebe Annas: Anna ist die Hauptfigur, die beiden Männer sind Graf Alexej Wronskij und ihr Ehemann Alexey Alexandrowitsch Karenin. Das Nachwort des Romans weist darauf hin, dass Tolstoi die „Schuld“ am schrecklichen Ausgang nicht allein Anna aufbürdet, sondern allen dreien. Karenin ist ein grausig steifer Beamtentyp übelster Ausprägung, der für Anna im Grunde kein Verständnis hat und am Ende des Romans im Zirkel der Gräfin Lydia Iwanowna seinen Platz findet, wo scheußliche christliche Bigotterie herrscht und von Nächstenliebe keine Spur mehr ist, wenngleich man sie sich plakativ auf die Fahnen heftet. Und Wronskij ist ein Luftikus, der von seiner Liebe zu Anna selbst überrollt wird. Das ist eigentlich sehr seltsam, dass er tatsächlich zu Anna steht, statt sie wieder fallen zu lassen, als die Sache kompliziert wird. Er liebt sie also wirklich, aber ihre Liebe scheitert daran, dass sie sie zu gesellschaftlichen Außenseitern macht, weil Karenin nicht in die Scheidung einwilligt und Anna ihre Liebe zu Wronskij nicht verstecken will und kann. Traurige Randgestalten dieser Sphäre sind die beiden Kinder Annas: ihr älterer Sohn Serjoscha, der unter der Trennung leidet, sich aber damit abfinden muss (wie er auf den Tod der Mutter reagiert, erfährt man nicht), und ihre Tochter Anni, die sie mit Wronskij hat, aber nicht besonders liebt. Karenin nimmt sie am Schluss zu sich, aus Pflichtbewusstsein. Das wird auch nicht zum reinen Glück geführt haben.

Die markanten Schritte dieser Anna-Handlung sind: die erste Begegnung mit Wronskij am Bahnhof in Moskau; der Tanz beim Ball, wo sie einander verfallen; das Pferderennen, wo Wronskij stürzt und Anna ihre Aufregung nicht mehr verbergen kann und daher anschließend Karenin den Ehebruch gesteht; die Geburt Annis und der dabei fast eintretende Tod Annas, die Karenin und Wronskij zur Versöhnung zwingt, die aber nicht lange vorhält; die Italienreise; die Zeit auf Wronskijs Landgut, wo dieser sich zum vorbildlichen Gutsherrn entwickelt, der ganz auf Innovation setzt und sogar auf eigene Kosten ein kleines Krankenhaus errichtet; dann wieder Moskau.

Besonders beeindruckend ist Annas Verwirrung vor ihrem Selbstmord. Sie phantasiert sich in eine unbegründete, aber durch kleine Details immer wieder bestätigte Eifersucht hinein, die sie erst recht durch eingebildete Aussagen Wronskijs (was er „eigentlich“ hätte sagen wollen, aber nicht zu sagen gewagt habe) anstachelt. Wie in einem modernen Montage-Roman mischen sich Wirklichkeitsfetzen mit dem wirren Bewusstseinsstrom Annas, als sie mit der Kutsche zum Bahnhof rast, von einem Strudel mitgerissen, den sie nicht mehr steuern kann. Sie fährt ein Stück mit der Bahn, steigt an der Station, wo Wronskij seine Mutter besucht, aus, weiß nicht mehr, was sie nun machen soll, irrt auf dem Bahnsteig herum, innerlich brodelnd und kaum mehr Herr ihrer Sinne, steht plötzlich am Ende des Bahnsteigs, klettert zu den Schienen hinab, ein Zug kommt heran, sie lässt ihre Reisetasche fallen und wirft sich gezielt zwischen die Räder eines Waggons. Ein gewaltiger Schlag trifft sie. Ende. Des siebten Teils. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Tolstois Roman dazu beigetragen hat, Selbstmord nicht mehr (nur) als schuldhaftes Verhalten zu sehen, sondern eher als Ergebnis eines Zustandes geistiger Verwirrung. (Von wenigen, wohlüberlegten Selbstmorden abgesehen.)

Im achten Teil, der zwei Monate nach Annas Tod spielt, erfährt man, was sich nach dem Tod Annas entwickelt:

Wronskij ist völlig zerstört, will sein Leben aber wenigstens für etwas „Sinnvolles“ hingeben, daher zieht er in den Krieg gegen die Türken. (Mir fällt da ein anderer großer Roman ein, wo der Held am Ende in den Krieg zieht: Thomas Manns „Zauberberg“. Ob da ein Zusammenhang besteht?)

Der Roman schließt aber mit einer Szene auf dem Landgut Lewins, womit die guten Kräfte im Endeffekt die Oberhand behalten. Und damit zur zweiten großen Handlung des Romans:

Lewin und Kitty

Konstantin Lewin, genannt Kostja, ist ein guter Freund des Bruders von Anna, Stiwa, der wiederum mit Dolly verheiratet ist (wir lernen sie gleich zu Beginn kennen, wo Dolly in heller Aufregung ist, weil sie draufgekommen ist, dass Stiwa sie betrügt, und Anna überredet sie, bei ihrem Mann zu bleiben), die eine jüngere Schwester namens Kitty hat, in die Lewin verliebt ist. Diese hat aber gerade ein Auge auf den jungen Grafen Wronskij geworfen, der vor allem der Mutter als wünschenswerter Zukünftiger erscheint, während Lewin da weniger hoch im Kurs steht.

Lewin wagt es dennoch, Kitty einen Heiratsantrag zu machen, wird aber abgewiesen. Erst ein Jahr später, als sich die Wronskij-Sache ja längst erledigt hat, erhört sie Lewin, der sich mühsam durchgerungen hat, die Schmach der ersten Abweisung hinunterzuschlucken und die inzwischen vor Kummer ganz kranke Kitty neuerlich um ihre Hand zu bitten. Diesmal willigt sie ein – und es entsteht nach der Hochzeit ein immer ersprießlicheres Leben auf Lewins Landgut.

Lewin hat viele Eigenschaften, die ihn sympathisch machen: Er ist ein ernsthafter Mensch, der jede Heuchelei verabscheut, er grübelt über Gott und die Welt nach – kommt in dieser Hinsicht auch im letzten Teil des Romans zu einer wichtigen Erkenntnis; er möchte seinen Landleuten ein guter Gutsherr sein; er liebt Kitty uneingeschränkt, mehr, als sie sich selbst vorstellen kann; er liebt die Natur (wozu damals auch eine große Begeisterung für die Jagd gehörte), er arbeitet sogar gelegentlich selbst mit der Sense, gemeinsam mit seinen Bauern, und kommt dabei in einen richtigen „Flow“ des Grasmähens hinein, der ihn glücklich macht.

Lewins Erkenntnis am Schluss finde ich interessant: Er fühlt sich ja als Agnostiker, als aber Kitty in Geburtswehen liegt und entsetzlich schreit, betet er plötzlich inbrünstig zu Gott. Dieses Faktum erschüttert seinen Unglauben. Als er dann noch von einem Bauern gesagt bekommen, dass es nur darauf ankomme, das Gute zu tun, und Lewin sei einer, der immer nur Gutes tue, da dämmert ihm, dass sein Unglaube nur eine intellektuelle Sache ist, er aber instinktiv richtig, nämlich gut und gläubig, gelebt hat, und so will er nun auch bewusst leben. Mit dieser Erkenntnis – und der gleichzeitigen, dass das nun nicht heißt, das Leben werde konfliktfrei ablaufen – endet der Roman.

Tolstoi berührt in diesem Roman sehr viele Lebenssphären und schildert sie zum Teil schon mit satirischen Einschlag, etwa wenn es um das Verhalten der Politiker, Beamten, Gesellschaftslöwen und -löwinnen oder der scheinheiligen „Gutmenschen“ geht.

Lachen über solche satirischen Stellen und Weinen über manches Rührende liegen da oft nicht weit auseinander. Wie im wirklichen Leben, ist man versucht zu sagen.

Und genau so stelle ich mir einen „großen Roman“ vor: lebensprall, vielfigurig, gedankenschwer, abwechslungsreich, packend.

Lew N. Tolstoi: Anna Karenina. Winkler Verlag, München, 8. Aufl, 1989. Reihe: Winkler Weltliteratur. 970 Seiten (ohne Nachwort), 1019 Seiten (mit Nachwort).

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