Thomas Mann über „Anna Karenina“

Wolfgang Krisai: Strand bei Giens. Ölkreide. 2001.

Wolfgang Krisai: Strand bei Giens. Ölkreide. 2001.

Nachdem ich „Anna Karenina“ gelesen hatte, fiel mir ein, dass ich ja Thomas Manns Äußerungen über Tolstoi und insbesondere dieses Werk lesen könnte. Thomas Mann schrieb, wie ich feststellte, einen eigenen kleinen Essay über „Anna Karenina“.

Zunächst schildert er darin sich selbst, wie er in einem Strandkorb an der Ost- oder Nordsee sitzt, die Brandung beobachtet und dabei das gewaltige Heranrauschen des Meeres als Gleichnis für den Roman sieht: „Das Element der Epik mit seiner rollenden Weite, seinem Hauch von Anfänglichkeit und Lebenswürze, seinem breit anrauschenden Rhythmus, seiner beschäftigenden Monotonie – wie gleicht es dem Meere, wie gleicht ihm das Meer!“ Und in Tolstoi sieht TM den Roman zu höchster Größe gewachsen, wobei er „Anna Karenina“ noch über „Krieg und Frieden“ stellt. AK sei der bedeutendste Gesellschaftsroman der Weltliteratur.

TM erzählt eine nette Anekdote, wie Tolstoi den Anfang des Romans gefunden habe: als er nämlich seinem Sohn die „Erzählungen Belkins“ von Puschkin aus der Hand nahm und darin den Satz fand: „Die Gäste versammelten sich im Landhause“. So müsse ein Roman beginnen, habe er gesagt, sich hingesetzt und zu schreiben begonnen.

TM bespricht dann ausführlicher, wie schwer Tolstoi das Schreiben des Romans wurde – obwohl man es dem Werk überhaupt nicht anmerkt. Denn Tolstoi hatte in dieser Periode – 1873-78 – mit einer völligen Umwälzung seiner Weltanschauung zu kämpfen, die dazu führte, dass er die Kunst, seine eigene natürlich gleich mit, in Grund und Boden verdammte und nur noch als Mittel, moralische Ansprüche zu popularisieren, gelten ließ. Doch der Künstler in Tolstoi, meint TM, habe über den Moralapostel und Weltverbesserer Tolstoi immer wieder gesiegt, sodass der Autor gewissermaßen gegen sich selbst geschrieben habe.

Konstantin Lewin sei – statt Anna, die Tolstoi offensichtlich geliebt habe – die eigentliche Hauptfigur, das Sprachrohr des Autors, der sehr viele biographische Details, vor allem aber seine ganze Weltanschauung vom Autor aufgeladen bekommen habe. Nur dessen künstlerische Seite nicht. Das ist mir erst beim Lesen des Essays bewusst geworden, ein wie unkünstlerischer Mensch Lewin ist – bei aller Sympathie, die man für ihn empfindet, eine erstaunliche Tatsache. Lewin ist der Raisonneur – aber ins Russische gewendet. Er nimmt mit seinen tiefschürfenden Gedanken sich, seine Welt und seine Zeitgenossen auseinander, unterzieht sie einer radikalen Kritik, so radikal, dass am Schluss sogar Tolstois Verleger kalte Füße bekam und den achten Teil nicht mehr veröffentlichen wollte (im Erstdruck in der Zeitschrift „Russischer Bote“). Für Lewin und Tolstoi lässt sich das „richtige Leben“ nur in einer asketischen, kunst- und vernunftfeindlichen Lebenshaltung finden. TM hält dagegen, dass man im 20. Jahrhundert, das zum Teil völlig dem Irrweg des Anti-Rationalismus verfallen sei, erkennen müsse, dass Vernunft und Glaube nicht zu trennen sind, und dass die Kunst nicht ein verdammenswerter Luxus, sondern „das schönste, strengste, heiterste und frömmste Symbol alles übervernünftig menschlichen Strebens nach dem Guten, nach Wahrheit und nach Vollendung“ sei.

Der Essay ist natürlich ein Genuss zum Lesen, da er wie alle Werke TMs überaus geschliffen und treffend formuliert ist. Macht Lust auf weitere Essays, zum Beispiel jenen großen Vortrag über „Goethe und Tolstoi“.

Thomas Mann: „Anna Karenina“. In: T.M.: Leiden und Größe der Meister. S. Fischer Verlag, Frankfurt 1982, S. 945-963. (Gesammelte Werke in Einzelausgaben, herausgegeben von Peter de Mendelssohn.)

Oder in: T. M.: Essays. Hg. v. Michael Mann. Band 1: Literatur. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt, 1977, S. 182-196.

In der „Großen Kommentierten Frankfurter Ausgabe“ noch nicht erschienen.

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