Raffetseder / Stöger: Curt Kubin

Wolfgang Krisai: Alfred Kubins Arbeitszimmer in Zwickledt. Tuschestift.

Wolfgang Krisai: Alfred Kubins Arbeitszimmer in Zwickledt. Tuschestift.

Es liegt nahe, sich in Form einer Graphic Novel des Lebens und der Persönlichkeit des österreichischen Zeichners, Illustrators und Schriftstellers Alfred Kubin anzunähern. Und nun haben die beiden Österreicher Christoph Raffetseder (der Zeichner) und Herbert Christian Stöger (der Texter) sich der Sache ziemlich erfolgreich angenommen.

Kubin wird als etwas wunderlicher, seherisch veranlagter Kauz dargestellt, der mit den Dingen spricht bzw. sie zu sich sprechen hört, der naiv wirkt und in Wirklichkeit ein schlauer Fuchs ist, was man besonders deutlich daran sieht, wie er sich mit simplen Ausreden die Nazis vom Hals hält. Mit seiner Frau Hedwig pflegt er einen eher distanzierten Umgang, andeutungsweise erfährt man, dass es neben ihr auch noch andere Frauen im Leben des Künstlers gibt. Natürlich spielen viele Szenen in Zwickledt, daher ist es von Vorteil, wenn man die Örtlichkeit schon besichtigt hat. Wir haben das ja 2011 gemacht und sind dort von der Nichte der Haushälterin herumgeführt worden, die ausgeprägtesten Innviertler Dialekt sprach. Sie kommt ganz am Schluss des Buchs als Fünfjährige vor, die Kubin am Sterbebett besucht.

So löblich der Versuch ist, sich Kubins buchkünstlerisch anzunehmen, so ist doch zu sagen, dass hier auch ein beliebiger anderer Psychopath als Thema das gleiche hergegeben hätte, denn die künstlerische Arbeit Kubins, sowohl die zeichnerische wie auch die schriftstellerische, spielt nur am Rande eine Rolle. Das ist doch etwas dürftig, denn darin hätte auch eine Herausforderung liegen können.

Raffetseder macht keinen Versuch, stilistisch irgendwelche Anklänge an Kubins Werke aufkommen zu lassen. Das wiederum ist verständlich und wäre auf platt kopierende Weise auch nicht sinnvoll. Wäre aber nicht ein künstlerischer Bezug zu Kubins Werken denkbar, der dieses Problem umgeht?

Der Text von Herbert Stöger ist – bewusst – stilistisch banal. Ich wollte sagen: einfach. Kubin als Mensch wie jedermann? Dieser Banalitätseindruck wird noch vom dilettantischen Lettering verstärkt, das nun wirklich besser gemacht gehört.

Eine biographische „Handlung“ gibt es nicht, wenn man darunter eine fortlaufende Chronologie versteht. Das Buch wird in wenige Seiten umfassende Kleinepisoden aufgeteilt, die, wie in einer Schlussnotiz vermerkt ist, Gelegenheit geben sollen, „aufgrund von alltäglichen Begebenheiten festzustellen, wie und wodurch es zu diesem künstlerisch speziellen Werk gekommen sein mag. Es geht neben den Personen, um Dinge und Tiere, die in seiner Umgebung waren, und mit ihm in Kontakt traten.“ (Die Grammatik- und Beistrichfehler dieser Notiz sind zum Glück nicht repräsentativ für den Text selbst.)

Wie der Untertitel sagt, sind hier Fakten und Fiktion gemischt. Ich bin nicht genug Kenner der Biographie Kubins, um immer auseinanderhalten zu können, was nun wahr ist und was nicht.

Ganz seltsam ist der Buchtitel „Curt Kubin“, der offensichtlich auf den Nirvana-Sänger Kurt Cobain Bezug nimmt. Aber von diesem Bezug ist dann im inneren des Buches nicht das Geringste zu merken. Oder ist mir der Bezug nur entgangen, weil ich von Cobain nichts kenne und über ihn nur weiß, was im Wikipedia-Artikel steht?

Also: Lesenswertes, wenn auch in manchen Punkten nicht ganz überzeugendes Buch.

Christoph Raffetseder (Zeichnung), Herbert Christian Stöger (Text): Curt Kubin. Eine Fact-Fiction-Comic-Biographie über Alfred Kubin. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra o. J. (2012?). 66 Seiten, gebunden.

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Eingeordnet unter Graphic Novels, Comics, BD

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