Das Nibelungenlied

Michail Nogin (Statuen), Hans Muhr (Brunnen): Nibelungenbrunnen. Tulln 2005. (Foto: © W. Krisai)

Die Begegnung zwischen Kriemhild und König Etzel: Michail Nogin (Statuen), Hans Muhr (Brunnen): Nibelungenbrunnen. Tulln 2005. (Foto: © W. Krisai)

Gestern feierten wir ein Jubiläum: Seit zehn Jahren Literaturrunde, und gestern Abend fand die 75. statt, bei der ich das Nibelungenlied vorstellte.

Dafür las ich noch schnell, um mein in den letzten Jahren angesammeltes Wissen aufzufrischen und zu ergänzen, ein ausgezeichnetes Buch aus der Bücherei & Mediathek Laxenburg:

Walter Hansen: Wo Siegfried starb und Kriemhild liebte. Die Schauplätze des Nibelungenliedes. Wien, Ueberreuter, 1997. 179 Seiten, viele Farbabbildungen.

Auf den Spuren der Nibelungen

Das Buch erwies sich als überaus interessant und kurzweilig zu lesen. Der Autor begab sich auf die noch heute sichtbaren Spuren jener Schauplätze, an denen der Dichter des Nibelungenliedes die Handlung des Epos ansiedelte. (Ich sage jetzt der Einfachheit halber „der“ Dichter, obwohl lt. neueren Forschungen auch mehrere Dichter denkbar wären und die ganze Entstehungsgeschichte des NL äußerst kompliziert und kaum bis ins Letzte erhellbar ist.)

Fiktion an realen Schauplätzen

Der Dichter machte es ja, wie es bei Autoren bis heute beliebt ist: Er siedelte seine Handlung in einer Gegend an, die nicht nur er selbst offensichtlich aus eigener Anschauung und Erfahrung kannte, sondern die auch seinen Zuhörerinnen und Zuhörern bekannt war. Darüber hinaus ließ er bekannte Persönlichkeiten, von denen jeder schon gehört hatte, wenn er nur halbwegs interessiert war, auftreten, wobei er sich auch einige chronologische Freiheiten erlaubte, die mittelalterlichem Geschichtsbewusstsein wohl nicht einmal aufgefallen sind (etwa, dass er Dietrich von Bern und König Etzel zu Zeitgenossen machte, obwohl der historische Attila ein Jahr vor der Geburt des historischen Theodorich gestorben war, nämlich 453).

Auch wenn also klar ist, dass natürlich der Zug der Nibelungen bzw. Burgunden von Worms nach Esztergom/Gran (wo die Etzelsburg stand) niemals stattgefunden hat, sondern literarische Fiktion ist, so bekommt der Leser doch Lust, sich diese Schauplätze einmal anzusehen. Daher versteht sich das Buch auch als „Reiseführer“, obwohl es formatmäßig nicht gerade für die Jackentasche gedacht ist.

Die Fotos, die der Autor selbst anfertigte, sind großformatig wiedergegeben und zeigen alle wichtigen Stationen.

Worms

Das beginnt in Worms. Zuvor allerdings sehen wir auch noch Abbildungen der Handschrift C, in der die berühmte Anfangsstrophe des NL steht.

Worms also: der Kaiserdom, der damals stand und heute immer noch steht, mit seinen runden Türmen, seinen beiden Apsiden, dem Nordtor, vor dem der Autor den berühmten Zwist zwischen Kriemhild und Brünhild stattfinden lässt, und dem – inzwischen durch ein barockes Schlösschen ersetzten – Bischofs-, im NL Königspalast der Burgunden.

In den Text sind die wichtigsten Passagen des NL im mittelhochdeutschen Original und in neuhochdeutscher Übersetzung (von Hansen selbst) eingeschoben, sodass der Leser gleich auch die gesamte Handlung des NL mitbekommen und die dichterische Qualität des Werks abschätzen kann, sofern er ein wenig des Mittelhochdeutschen mächtig ist.

Die Lindenquelle und Siegfrieds Sarg

Interessant ist der Streit von vier Örtlichkeiten bzw. Gemeinden um die Quelle, an der Siegfried ermordet wurde. Hansen befindet, die Quelle in Heppenheim ganz in der nähe von Worms, aber auf der gegenüberliegenden Rheinseite, sei die wahre. Dort ist auch das Kloster Lorsch, in dem ein uralter, halb heidnischer, halb christlicher Sarkophag zu finden ist, den der Dichter zu Siegfrieds Sarg gemacht hat.

Der Sarkophag, den Kreuze und Welteschen-Symbole zieren, wurde im 18. Jh. von einem unbedarften Förster in einem verfallenen Gemäuer im Klosterareal entdeckt. Darin liegende Pergamente und Knochen warf der trottelhafte Kerl einfach weg und verschenkte den Sarkophag (mit ein paar weiteren) an Bauern als Viehtröge! Denen kauften Nibelungenforscher sie dann später wieder ab, als der Frevel ruchbar wurde.

Im Auftrag des Passauer Bischofs

Während die Strecke zwischen Rhein und Donau bei der Reise Kriemhilds und später der Burgunden flott übergangen wird (der Dichter kannte sich dort wohl nicht aus), wird die Beschreibung ab Plattling dermaßen genau und treffend, dass man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit heute den Dichter am Passauer Hof um 1200 ansiedelt, als ein dichterischer Auftragnehmer des Bischofs Wolfger. Dieser war, schreibt Hansen, ein berühmter Friedensstifter und Vermittler. Wie konnte ein solcher Mensch ein so blutrünstiges Werk in Auftrag geben? Vermutlich, um zu zeigen, wozu politisches Ränkespiel, Lügen und Betrug unter Herrschern und Herrscherinnen zwangsläufig führen: in den Untergang. Das Werk sollte also auf seine Zuhörer einen kathartischen Effekt haben und sie auf den guten Weg bringen oder darin bestärken.

Ich finde, angeregt durch diesen Gedanken Hansens, dass das Werk vielleicht sogar die Stellung der Frau im politischen Bereich aufwerten wollte, denn immerhin sind es Frauen, denen hier übel mitgespielt wird, die dann aber auch heftige Konsequenzen ziehen. Brünhild übrigens, so belehrte uns Wikipedia gestern Abend, stürzte sich selbst ins Schwert. (Muss die Stelle im NL suchen.) Und Kriemhild rottete im Endeffekt die Burgunden und die Hälfte der Hunnen aus, war also eine durchaus ernstzunehmende politische Kraft.

Das NL ist auch eine Sage, und Sagen erklären seltsame Phänomene auf nichtwissenschaftliche Weise. Hier das Phänomen, dass ein in der frühen Völkerwanderungszeit durchaus bedeutendes Reich, das der Burgunden, so mir nichts dir nichts von der Bildfläche verschwinden kann. (Das spätere Burgund ist damit nicht zu verwechseln!)

Quer durch Österreich

Für uns Österreicher ist es natürlich besonders schön, dass die Reise der Nibelungen die ganze Donaustrecke durch Österreich hindurch verläuft und sie so genau beschrieben wird. Passau, Eferding, Aggstein, Dürnstein, Traismauer, Tulln, Wien und Hainburg sind die österreichischen Stationen. In Tulln begegneten sich Etzel und Kriemhild zum ersten Mal persönlich. Kriemhild durfte bzw. musste zwölf hunnische Potentaten küssen. Und just in Tulln gibt es am Kirchentor die Reliefs der zwölf Apostel. Wer weiß, vielleicht haben diese den Dichter zu seiner Zwölferbegegnung angeregt?

Grausiges Ende

Ihr grausiges Ende finden die Burgunden samt Kriemhild auf der Etzelsburg, die sich in Esztergom lange nicht finden ließ, bis sie schließlich doch ausgegraben wurde. Auch hier gibt es ungewöhnliche Darstellungen, zum Beispiel „abgehackte“ Steinköpfe, die in Portale eingearbeitet sind, und die den Dichter zu den Kopfabhack-Szenen (Hagen köpft Kriemhilds Söhnchen, Kriemhild lässt Gunter köpfen, sie schlägt Hagen persönlich den Kopf ab) inspiriert haben könnten.

Die Nibelungenstrophe

Ergänzend zu Hansens schönem Band las ich auch noch das Nachwort meiner schönen zweisprachigen NL-Ausgabe:

Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutch / Neuhochdeutsch. Nach der Handschrift B herausgegeben von Ursula Schulze. Ins Neuhochdeutsche Übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse. Stuttgart, Reclam, 2010. Reclam Bibliothek. 990 Seiten.

Darin wird u. a. auf die Metrik der Nibelungenstrophe eingegangen und gesagt, es gebe hier zwei unterschiedliche Auffassungen, wie das Metrum gestaltet sei. Die Anverse der Langzeilen sind das Problem: Sind sie vier- (wie die althergebrachte Lehrmeinung sagt) oder nur dreihebig (wie es der metrische „Hausverstand“ nahelegt)? Wieviel Betonungen hat „Uns ist in alten Mären“ oder „wunders viel geseit“? Wie man da auf vier kommen konnte, ist mir ein Rätsel. Zum Glück hat sich die moderne Forschung in dieser Hinsicht dem Hausverstand angenähert.

Weitere Literatur

Wenn wir schon beim NL sind, nenne ich auch noch weitere Literatur, die ich im Regal habe und nützlich finde:

Joachim Heinzle: Die Nibelungen. Darmstadt, Primus-Verlag, 2010. 94 Seiten, viele Abbildungen.

Das Nibelungenlied. Eine Auswahl. Übersetzt und herausgegeben von Bernhard Sowinski. Stuttgart, Reclam, 2000. RUB 18081. 108 Seiten.

Michael Köhlmeier: Die Nibelungen neu erzählt. München, Piper, 1999. Seither viele Neuauflagen. Serie Piper. 122 Seiten.

Fritz Langs Stummfilm „Die Nibelungen“ ist auch sehr empfehlenswert, weil er ein Gesamtkunstwerk seiner Zeit (1924) ist, das vollkommen im Stil der neuen Sachlichkeit durchgestylt ist und – nebenbei bemerkt – eine außergewöhnlich gute Filmmusik hat.

Zum Schluss unseres gestrigen Abends lasen wir mein halbständiges Nibelungenstück in verteilten Rollen, das meine Ausführungen noch einmal auf lustige Weise abrundete.

PS: Eine Anmerkung zum Nibelungenbrunnen: Tulln muss ein Ort ungewöhnlicher Naturphänomene sein, dort kann der Wind gleichzeitig aus Ost und West wehen, wie man an den Wimpeln sieht!

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