Norbert Hummelt: Pans Stunde

Wolfgang Krisai: Herbst im Schlosspark Laxenburg. Aquarell und Farbstift.

Wolfgang Krisai: Herbst im Schlosspark Laxenburg. Aquarell und Farbstift.

Manchmal spielt einem der Zufall ein interessantes Buch zu. So mir. Bei unserer Literaturrunde zeigte ich meinen Freunden, wie einfach es ist, in der Virtuellen Bücherei der Städtischen Büchereien Wien ein Buch auszuborgen, und wählte blitzschnell ein beliebiges Buch. Der Titel „Pans Stunde“ sprach mich an, zumal ich vor kurzem meiner siebten Klasse Otto Julius Bierbaums Gedicht „Pans Flucht“ zu interpretieren gab. Ich tippte also auf „Jetzt ausleihen“ – und schwupps war das Buch auf meinem iPad.

Die Ausleihzeit von 14 Tagen jetzt einfach ungenützt verstreichen zu lassen, brachte ich nicht übers Herz, las also doch versuchsweise hinein. Und siehe da: Das Gedichtbuch erwies sich als sehr lesenswert.

Norbert Hummelts Gedichte kreisen um die den Menschen immer schon bewegenden Themen Natur, Liebe, Alter, Tod – und um einige andere. Eröffnet und geschlossen wird der Band mit je einem Gedicht über Pan. Das erste, „pans stunde“ (Hummelt schreibt alles klein und scheut Satzzeichen), lässt die vorstädtische Welt um einen Getränkemarkt – eine typisch deutsch Institution – plötzlich zu einer von Liebe verzauberten Gegend werden (* Steht für den Abstand zwischen den Strophen):
*

da wir nah am getränkemarkt hielten u. mir der ort

wenig anmutig schien kam mir das wort wieder meu

in den sinn: hier möchte ich auch nicht abgemalt sein.

*

wir zogen los ein stück querfeldein du mit der kamera

über der schulter hieltest am waldrand um scharf zu

stellen ich sah deine lichtempfindliche haut als sich
*

der weg durch die bäume wand ehe wir dachten senkte

sich das land unten lag der kossenblatter see u. warf

das mittagslicht das auf ihn traf zurück. ich wies darauf
*

u. suchte deinen blick wir übten uns in der alten kunst

die dinge um uns wie neu zu benennen am steg der reiher

hielt lang genug still der bussard war über uns unter dem
*

himmel wir gingen zügig ohne zu halten bestimmten

beide den zitronenfalter u. eine stunde lang war eine

stunde da wo weder du noch ich vorher gewesen war.
*

Anhand von geographischen Hinweisen lässt sich oft bestimmen, wo das Gedicht „spielt“, dieses hier in der Nähe eines kleinen Sees südöstlich von Berlin.

Hummelts Gedichte leben von dem Gegensatz zwischen Verankerung in der realen Welt und dem Abflug in die Sphäre der Phantasie, der Gedanken, der Erinnerungen und Gefühle. Noch ein Beispiel:
*

damals
*

wir fanden sie an der danziger straße, unter dem

einzeln stehenden baum, unter den stachligen

leeren schalen, ausgedörrte dunkle dinger.
*

die werden sich bis zum winter nicht halten, die

rühren die rehe gar nicht erst an. es war umsonst

wie weiß sie auch blühten, wie grün ihre knoten
*

die blätter welkten schon vor der zeit. ich habe sie

damals ganz anders gekannt; wie hoch sie über dem

sommer hingen, u. warteten auf den richtigen wind.
*

sie leuchteten mir auf dem weg von der schule, sie

lagen glatt u. feucht in der hand u. sie durchströmten

mich mit ihrer kühle, wenn ich sie vor dem gittertor
*

fand. im inneren meiner anoraktasche erkannte ich

sie noch nach jahren blind. makellos, aus der zeit

vor den motten, die überall in den kastanien sind.
*

Die moderne Lyrik scheut den Reim wie der Teufel das Weihwasser. Trotzdem ist der Reim als Stilmittel immer noch nicht ausgestorben, neuerdings wagen sich, wie mir scheint, sogar immer mehr AutorInnen wieder an den Reim. Auch Hummelt wagt es. Aber verschämt. Versteckt. Er druckt gereimte Vierzeiler als ungereimt Dreizeiler ab, damit man den Reim nicht gleich sieht. Aber der Rhythmus der Verse treibt den Leser auf den Reim zu und nicht auf das Zeilenende (das ich hier gar nicht Vers-Ende nennen will). Ich erlaube mir, das anhand des obigen Gedichts einmal zu demonstrieren:
*

wir fanden sie an der danziger straße,

unter dem einzeln stehenden baum,

unter den stachligen leeren schalen,

ausgedörrte dunkle dinger.
*

die werden sich bis zum winter nicht halten,

die rühren die rehe gar nicht erst an.

es war umsonst wie weiß sie auch blühten,

wie grün ihre knoten
*

die blätter welkten schon vor der zeit.

ich habe sie damals ganz anders gekannt;

wie hoch sie über dem sommer hingen,

u. warteten auf den richtigen wind.
*

sie leuchteten mir auf dem weg von der schule,

sie lagen glatt u. feucht in der hand

u. sie durchströmten mich mit ihrer kühle,

wenn ich sie vor dem gittertor fand.
*

im inneren meiner anoraktasche

erkannte ich sie noch nach jahren blind.

makellos, aus der zeit vor den motten,

die überall in den kastanien sind.
*

Man sieht: Es ist, als setzten sich Versmaß und Reim von Strophe zu Strophe immer mehr durch. Bis auf einen Vers ist das Gedicht vierhebig, es dominieren Daktylen, die aber immer wieder von Trochäen durchsetzt sind, sodass der Rhythmus sehr abwechslungsreich und trotzdem flott wird. Der Sound wird in meinem Ohr zu dem eines Rappers oder Slammers, ich sehe den Sprecher geradezu vor mir, wie er durch gleichmäßige Gestik das ungleichmäßige Versmaß ausgleicht:

sie / leuchteten / mir auf dem / weg von der / schule,

sie / la – gen / glatt – u. / feucht in der / hand

(Die Schrägstriche sind z. B. als Fingerschnippen zu denken, genau gleichmäßig, die Gedankenstriche als Pausen, wo Silben für den Daktylus fehlen.)

Und in den letzten beiden Strophen bricht endlich der Reim durch, das Gedicht beginnt geradezu zu leuchten wie die glänzenden, frisch aufgebrochenen Kastanien am Schulweg. In der letzten Strophe aber machen die Kastanienminiermotten den leuchtenden Reim wieder teilweise zunichte. Ist das poetische Absicht? Wir dürfen es annehmen.

Meinen SchülerInnen sage ich immer, wenn sie fragen, ob der Autor das „absichtlich“ gemacht habe: Ein Autor kennt seine Gedichte hundertmal besser als der Leser, ihm fallen kleinste Nuancen auf, und wenn ihm etwas gegen den Strich geht, wird er es ändern, und was er gut findet, wird er stehen lassen.

Also merken:

Norbert Hummelt: Pans Stunde. Gedichte. Luchterhand, München, 2011. 84 Seiten.

Random House, epub.

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