Bertolt Brecht: „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“

Wolfgang Krisai: "Mainhattan" - Frankfurt am Main. Aquarell.

Wolfgang Krisai: „Mainhattan“ – Frankfurt am Main. Aquarell. 2002

Da das Volkstheater in dieser Spielzeit Bertolt Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ spielt und einer meiner Kollegen ein theaterpädagogisches Programm dafür macht, wollte ich überprüfen, ob ich das Stück im Unterricht behandeln sollte.

Mafia in Chicago

Es geht  um den Aufstieg des skrupellosen Mafiabosses Arturo Ui im Chicago der Dreißigerjahre vom Chef einer kleinen Gaunergruppe zum Beherrscher des gesamten Gemüsehandels der Großstadt. Aufgrund der Wirtschaftskrise ist der Gemüsehandel, vor allem der mächtige „Karfioltrust“, ins Wanken geraten. Eine Geldspritze tut not – und sie kommt von der öffentlichen Hand, wobei der Trust sich der Fürsprache des angesehenen und unbescholtenen greisen Politikers Dogsborough versichert, indem er diesen ordentlich besticht. Davon bekommt Arturo Wind und sieht die Chance, Dogsborough und mit ihm den ganzen Gemüsehandel zu erpressen.

Arturo bedient sich klassischer Mafia-Methoden: Er lässt seine Leute die Gemüseläden der Stadt systematisch überfallen, danach bietet er den gleichen Läden großzügig seinen Schutz an, gegen Geld, versteht sich. Wer sich gegen dieses System auflehnt – wie einer der Gemüsehändler oder ein Lokaljournalist -, ist ein toter Mann. Im Falle des Journalisten, der mit einer Gemüsehändlerin erheiratet war, ist das besonders pikant, da die Dame Arturo beim Begräbnis beschimpft, dann aber doch bald zu Kreuze kriechen und ihren Betrieb dem „Karfioltrust“, der von Arturo de facto beherrscht wird, anschließen muss.

Natürlich gibt es unter den Mannen Arturos auch Eifersüchteleien und Verleumdungen, ja sogar eine regelrechte Revolte, die allerdings von seiten Arturos mittels Maschinengewahrsalven im Keim erstickt wird.

Bei all dem gibt sich Arturo in der Öffentlichkeit als „ehrenwerter Mann“, der keiner Fliege etwas zu Leide tun will. Solange diese nicht regelrecht darum bettelt…

Warum der Aufstieg im Titel „aufhaltsam“ genannt wird, wo er doch ganz offensichtlich unaufhaltsam ist, wurde mir beim Lesen nicht klar.

Ein Parabelstück?

Das alles ist dermaßen eindimensional und vorhersehbar, dass das Stück nur Achselzucken hervorruft. Ok, ein Mafiastück. Es macht den Leser bzw. Zuseher sicher enorm nachdenklich, dass dieser Arturo am Schluss unangefochten der Boss ist, mit all seinem Unrecht, das er auf dem Gewissen hat. Brecht nennt das Opus ein „Parabelstück“. Also steht das alles für etwas anderes. Ist Chicago Deutschland und Arturo vielleicht Adolf? Das scheint mir doch zu weit hergeholt, dafür sind die Parallelen zu wenig ausgeprägt, außerdem würde man Hitler wohl verharmlosen, wenn man in ihm einen Gangsterboss sieht.

Ich frage mich daher: Hab ich da das Wesentliche verpasst? Oder ist Brecht wirklich so platt?

Überraschung

Zum Stil des Werks ist zu sagen, dass darin für mich die einzige Überraschung lag: Es ist in Blankversen abgefasst! Das hätte ich vom „armen BB“ nicht erwartet. Nur während der Gerichtsverhandlung gegen Arturo (aus der er mit „weißer Weste“ hervorgeht, wie sonst) wird in Prosa gesprochen.

Bertolt Brecht: Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui. Parabelstück. In: Die Stücke von Bertolt Brecht in einem Band. Suhrkamp, Frankfurt 1978. S. 685 – 728.

PS: Die Lektüre des Eintrags in Kindlers Literaturlexikon belehrt mich, dass es sich tatsächlich um eine Parabel auf Hitler handelt, man kann die Geschehnisse des Stücks fast 1 : 1 auf die historische Wirklichkeit umlegen. Arturo = Hitler, Dogsborough = Hindenburg, usw. Allerdings wird auch zugegeben, dass das Stück erst durch eine gute Inszenierung gut wird, denn von sich aus sei es „eine sich zunächst krud lesende Fabel“ (Kindlers Literatur Lexikon im dtv, München 1986. Band 2, S. 1254).

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