Rüdiger Safranski: Goethe

Wolfgang Krisai: Goethes Wohnhaus am Frauenplan in Weimar. Tuschestift.

Wolfgang Krisai: Goethes Wohnhaus am Frauenplan in Weimar. Tuschestift.

Rüdiger Safranski hat wieder eine Biographie geschrieben: über Johann Wolfgang Goethe. Betitelt ist sie schlicht „Goethe“, Untertitel: „Kunstwerk des Lebens“. Das ist die Perspektive, unter die diese Biographie gestellt ist: Goethe habe sein Leben bewusst als Kunstwerk gestaltet.

Oder es ist ihm zumindest so geraten. Was in sein Bild von sich selbst passte – und das war sehr viel –, nahm er begierig auf. Noch aus dem letzten Steinchen konnte er Gewinn ziehen und etwas lernen, wenn es ihm nur in seine Interessenssphäre passte. Andererseits konnte er Dinge und auch Menschen souverän (manche würden sagen: gnadenlos) beiseite schieben, wie etwa den in Weimar störenden Jakob Michael Reinhold Lenz. Auch Safranski kann übrigens das Geheimnis um die plötzliche Abschiebung dieses Stürmers und Drängers aus dem bereits klassisch gewordenen Weimar nicht lüften. Was nur hat Lenz denn verbrochen? Goethe hielt es geheim; es musste jedenfalls eine größere Peinlichkeit gewesen sein.

Safranski gelingt es perfekt, den Leser bei der Stange zu halten, indem er nie langweilig wird. Er vertieft sich gerade nur so lange in ein Detail, bis es knapp umrissen ist, dann schwirrt er schon zur nächsten Blüte weiter. Was er dabei zu sagen hat, ist immer brillant formuliert, klar auf den Punkt gebracht und oft „neu“, auch wenn man über Goethe wohl im Grunde nichts Neues mehr sagen kann.

So ist diese Biographie auch ein Lehrbeispiel dafür, dass jede Zeit ihre eigenen Biographien „braucht“, allein schon, um Vergleiche zeitgemäß zu gestalten. Goethe sei ein „Netzwerker“ gewesen, sagt Safranski zum Beispiel. Eine Aussage, die man vor zwanzig Jahren noch nicht gemacht hätte.

Das Buch macht Lust, im Werk Goethes in noch unbeachtete Bereiche vorzustoßen (in meinem Fall etwa der „West-östliche Diwan“) und – jetzt erst recht – im Vergleich auch ältere Goethe-Biographien endlich zu lesen.

Rüdiger Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie. Hanser, München 2013. 748 Seiten, davon 100 Anhang.

PS: Als ich das Buch kaufen wollte, stellte ich entsetzt fest, dass es plötzlich nicht mehr fadengeheftet war. Offenbar ist Hanser ab der 2. Auflage zur Klebebindung übergegangen. Ich wollte schon vom Kauf Abstand nehmen, da riet mir meine Frau, alle in der Buchhandlung vorhandenen Exemplare zu checken. Und tatsächlich: Zum Glück war ganz unten im Stapel noch ein fadengeheftetes Exemplar der Erstausgabe zu finden.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Biographie

4 Antworten zu “Rüdiger Safranski: Goethe

  1. Oh, danke für den Tipp, also auch den mit der Fadenheftung. Liebe Grüße!

  2. Michael Gerner

    Danke für den Tip bezüglich der Erstauflage – ein guter Grund auf die Suche zu gehen und dann auch zuzuschlagen!

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