Hochhuth: Vorbeugehaft. Neue Gedichte

Wolfgang Krisai: Dame in Shorts. Tuschestift-Skizze.

Wolfgang Krisai: Dame in Shorts. Tuschestift-Skizze.

Wieder einmal ein Buch, das unverdienter Maßen im Ramsch gelandet ist, wo ich es vor ein paar Tagen fand und kaufte. Und gleich las.

Rolf Hochhuth ist ja nicht nur als Dramatiker interessant, sondern auch als – „Lyriker“. Eigentlich ist er ein kritischer Zeitkommentator, auch in seinen Gedichten, die schnoddrig bis bissig daherkommen. Und die politischen und gesellschaftlichen Missstände aufs Korn nehmen. Das titelgebende Gedicht „Vorbeugehaft“ befasst sich zum Beispiel mit dem Plan Innenminister Schäubles, eine „Vorbeugehaft“ einzuführen, mittels derer verdächtige Personen daran gehindert werden könnten, terroristische Akte zu setzen. Klar, Hochhuth ist da nicht dafür, genauso wenig wie für die Totalüberwachung des gläsernen Staatsbürgers.

Er kritisiert auch mangelndes politisches Bewusstsein im Umgang mit der Nazi-Vergangenheit oder prangert den Zynismus an, mit dem die SPD ein Kindergeld von unter 3 Euro für Hartz-IV-Empfänger einführte, wo doch ein normales Schulkantinenessen schon mehr als diesen läppischen Tagesbetrag koste.

Neben den gesellschaftskritischen Gedichten gibt es auch eine Menge, die sich um Sexualität und Erotik drehen, einige ganz unverblümt. Hochhuth schreibt auch immer wieder von der etwas peinlichen Lage des alten Mannes, der sich eine ganz junge Frau angelacht hat, die ihn aber wohl nur „liebt“, weil sie es auf sein Geld abgesehen hat.

Lustig und treffend zum Beispiel ein Gedicht über Hotpants, wie man die heute allgegenwärtigen Shorts einst nannte:

„Hotpants – nicht nur Twens / – angegossen, angemessen!“ Die engen Höschen seien nicht nur jungen Damen „angemessen“, sondern durchaus auch Damen, „die längst 40…und!“ (So schreibt man auf Hochhuthisch 40+, und aus dem Plus wird gleich eine schwüle Andeutung.)

Hochhuths Gedichte zu lesen macht Spaß und stimmt nachdenklich zugleich. So auch jenes von der „Spaßgesellschaft“, das ein künstlerisches Programm darstellt und auch einen guten Eindruck von dem etwas sperrigen „Sound“ dieser Gedichte gibt:

Spaßgesellschaft

Unserer Spaßgesellschaft ins Poesie-Album:

Beschäftigtsein mit dem nur Leichten

macht dumm!

Und mit dem schon Erreichten

öde-steril …

Erst Neu-Gewagtes regt an, regt auf;

was längst schon da – ist stets zu viel.

Geist will den Hindernis-Lauf:

Die terra incognita als Ziel.

Nicht Konfektion-Konvention;

was schon bewährt, ohne Risiko,

schon da, dank der Eltern-Generation …

Entdecken will der homo ludens, wo

Schrecken ablöst, was bisher comme il faut.

So spürte Hamlet: Ophelias Bett

reicht nicht als Problem, als Thema. Daher er sagte,

vermutlich schrieb, ins Tagebuch –

er wußte, was er mußte – erlitt, da er’s nicht wagte,

sein Schwachsein als Fluch:

„Nicht ohne großen Gegenstand sich regen!“

So wörtlich fast im Prolog zum ‚Wallenstein‘

auch Schiller: „Große-Gegenstände“ allein bewegen

die Menschheit. Freiheits-Drang muß Zentrum sein

von Kunst, von Denken, immer! Wie einst die Wehrpflicht,

ist heute Wirtschaft die Weltgefahr

für Einzelne – ihr darf die Kunst sich nicht

entziehn. Nur noch unanständig, heute l’art pour l’art:

Da nie zuvor so wenig Arbeit war!

Rolf Hochhuth: Vorbeugehaft. Neue Gedichte. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 2008. 198 Seiten.

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