Martin Freytag: Fugenzeiten.

An meine Reise nach Münster 2002 erinnere ich mich gerne zurück. Ich zeichnete dort u. a. das Alte Gasthaus Leve.

An meine Reise nach Münster 2002 erinnere ich mich gerne zurück. Ich zeichnete dort u. a. das Alte Gasthaus Leve.

Erstmals bot mir ein Verlag, der auf meinen Blog aufmerksam geworden war, ein Rezensionsexemplar an: der Agenda-Verlag aus Münster den Roman „Fugenzeiten“ von Martin Freytag. Die Stadt Münster – damit verbinde ich nur Positives, warum sollte ich also das Angebot nicht annehmen. Einzige Gefahr: das Buch könnte sich als Reinfall erweisen. Egal. Ich stimmte zu – und wenige Tage später war das Paket aus Münster da.

Noch am selben Tag begann ich zu lesen – und war sofort gepackt. Genau der richtige Roman für mich.

Ein entscheidender Tag

Gleich zu Beginn reißt ein penetrant piepender Wecker einen jungen Mann, Jonas Kamphaus, Referendar für Deutsch und Geschichte, aus dem Schlaf. Er hat erotisch geträumt, und der Tag bildet nun einen heftigen Kontrast zu diesem angenehmen Traum, denn heute soll er seine entscheidenden, das Referendariat abschließenden Examenslehrproben ablegen. Das ist an sich schon Grund genug für eine gewisse Nervosität, aber bei ihm wird diese durch die Tatsache verschärft, dass der Universitätslehrer, der ihn bewerten soll, ihm durchaus übel gesinnt ist.

Dieser Seminarleiter, ein Dr. Rupert Schwallke, ist ein ziemlicher Widerling, unglaublich von sich eingenommen und durch keine noch so penibel vorbereitete Deutschstunde zufriedenzustellen. Kein Wunder, dass Jonas sich schon als Taxifahrer sein Brot verdienen sieht.

In diese „Gegenwart“ des Romans, also den Tag der Examenslehrprobe, sind kapitelweise Rückblenden auf das vergangene Studienjahr eingeblendet, das für Jonas im Zeichen einer großen Liebe gestanden ist, die – das erfährt man gleich zu Beginn – leider zu Bruch gegangen ist.

Männertraum

Bevor ich da weitererzähle, muss gesagt werden: Das Wunderbare an Literatur ist, dass sie Träume „wahr“ machen kann. Und Martin Freytag hat hier einen Männertraum gestaltet, mit Höhen und Tiefen, aber immer berückend. Gelegentlich sogar nah am Zu-Schönen, aber ich vergönne es diesem Jonas von Herzen, was ihm in diesem Roman widerfährt: die große Liebe.

Die blonde Schönheit

Er sitzt in der ersten Stunde dieses Referendar-Seminars in einem typischen nüchternen, etwas schmuddeligen Seminarraum der Uni, nach und nach versammeln sich die Kommilitoninnen und -tonen, einer fader als der andere, auch die Damenwelt gibt nichts her, doch drei Minuten vor Seminarbeginn tritt SIE auf, Judith Romanowski, eine blonde Schönheit, und sie setzt sich auf den einzigen noch freien Platz – neben Jonas. Man fühlt geradezu, wie sich Jonas elektrisch auflädt und zu glühen beginnt. Als dann der in dieser Situation kaum noch von ihm registrierte Dr. Schwallke die obligate Vorstellungsrunde machen lässt, kann er nur wenig gehaltvolle Sätze stammeln, während die blonde Schönheit sich selbstsicher und in druckreifen Worten als Studentin der Philosophie aus Münster vorstellt.

Jonas, ebenfalls aus Münster, würde diese Gemeinsamkeit nur allzu gern als Anknüpfungspunkt für ein Gespräch, eine Einladung und mehr benützen, doch als sich nach dem Seminar die Gelegenheit dazu böte, bringt er kein Wort heraus. Schon gibt er alles verloren, da – o Wunder – richtet Judith selbst das Wort an ihn: „‚Du kommst aus Münster? Das ist ja ein netter Zufall. […] Ich hab Durst jetzt. Wie steht’s mit dir?‘“ (S. 22)

Nun entspinnt sich in diesen Rückblende-Kapiteln die Liebe zwischen Judith und Jonas, die bald durch wesentlich bedeutendere Gemeinsamkeiten als den gleichen Geburtsort befeuert wird: durch die gemeinsame Begeisterung für die Philosophie. Vor allem die Figur Martin Heideggers beschäftigt die beiden in endlosen Gesprächen. Die beiden diskutieren Nächte durch, gehen im Stadtpark der Universitätsstadt spazieren, fahren miteinander nach Münster, flanieren durch die schöne Stadt oder fahren auf dem Flüsschen Werse Boot und reden über Heidegger und seine Verstrickungen in die Nazi-Ideologie. Im Boot aber streckt sich Judith malerisch hin und lässt Jonas allein gegen die Strömung rudern, wobei dieser sich maßlos über die bewundernden Pfiffe vorbeipaddelnder Kanuten ärgert…

Die führende Kraft der Beziehung ist Judith, das ist von Anfang an klar. In dieser Boot-Szene wird das besonders augenfällig. Ebenfalls klar ist, dass so eine ungleichgewichtige Beziehung zumindest heutzutage und im Normalfall nicht auf Dauer gut gehen kann. Folgerichtig ist es dann auch Judith, die die Beziehung beendet, weil Jonas ihr zu wenig zu bieten hat. Meint sie.

Heidegger. Da muss man durch.

Die Heidegger-Abschnitte sind für mich der Schwachpunkt des Romans. Es ist, als habe sich ein Heidegger-Fanatiker durch den Roman ein breitenwirksameres Sprachrohr schaffen wollen, und nun sind seine Leser dazu verdammt, sich, ob sie wollen oder nicht, des Langen und Breiten mit dem Tiefschürfer aus Meßkirch auseinanderzusetzen. Um diese Passagen genießen zu können, fehlen mir aber sowohl die nötigen Heidegger-Vorkenntnisse wie auch das nötige Interesse. Egal, da muss man durch! Irgendwann ist auch Heidegger bewältigt, und der Roman nimmt wieder Fahrt auf.

Treffende Schul-Schilderung 

In der zweiten Hälfte nähert man sich Schritt für Schritt der Examens-Stunde. Für einen Lehrer wie mich ist es zugleich interessant und unerfreulich, wie hier überaus treffend ein typisches Gymnasium, das in Deutschland offenbar einen durchaus ähnlichen Grundcharakter wie in Österreich hat, vorgeführt wird. Natürlich fährt Jonas per Fahrrad zur Schule, der ökologisch korrekte Referendar schlechthin. Auf den Gängen lümmeln unterbeschäftigte Oberstufenschüler herum „und beachteten Jonas nicht“. Und dann das Lehrerzimmer! Wo gemäß Hackordnung die Referendare am „Katzentisch“ sitzen dürfen. Die bereits länger dienenden Lehrkräfte lassen sich über ihre Klassen aus. Fachdidaktische Gräben tun sich auf, als eine Deutschlehrerin sich beschwert, dass ihre Vierzehnjährigen sich „nicht die Bohne“ für Schillers „Wilhelm Tell“ interessierten, ein Kollege es dann jedoch als „krassen Schwachsinn“ bezeichnet, Schüler dieses Alters mit dem „Tell“ zu traktieren: „‚Das ist doch der typisch deutsche Bildungswahn, der hier mal wieder exekutiert werden soll‘“ (S. 133).

Jonas allerdings hört nicht mehr hin, sondern schreitet im Konvoi mit der Prüfungskommission durch die Gänge zu seiner Klasse, wo die Examensstunde in Geschichte stattfindet, die er anstandslos bewältigt.

Dann folgt die gefürchtete Deutschstunde, im Leistungskurs, über nichts Geringeres als Paul Celans „Todesfuge“.

Freytag schildert diese Stunde minutiös, aber spannend. Der einfallsreich geplante Ablauf mit seinem Wechselspiel aus Lehrer- und Schülerinitiative; das kalkulierte Improvisieren; die Hoffnung darauf, dass die besonders intelligente Anja sich positiv einbringt – was sie auch tut; die sich bis zur ergriffenen Stille steigernde Intensität der Unterrichtsstunde. All das hat man als Lehrer in Sternstunden selbst schon erlebt. Und Jonas ist das auch vergönnt.

Klar: Alles geht gut, angesichts solcher Bravour kann nicht einmal der pingelige Schwallke etwas kritisieren. Sieg auf allen Linien.

Perspektivwechsel

Hier müsste der Roman eigentlich enden. Aber er tut es nicht. Im letzten Kapitel wechselt plötzlich die Perspektive, nun referiert Judith im Schnellverfahren, wie es ihr in den Jahren nach diesem denkwürdigen Referendariatsjahr ergangen ist. Während Jonas eine solide Lehrerkarriere hinlegt, geht es mit ihr bergab, sie ist psychisch den Anforderungen des Schulbetriebs nicht gewachsen, verliert den Halt, lässt sich auf eine zum Scheitern verurteilte Beziehung mit verheirateten Mann ein, gerät ins Burn-out … Nur der plötzlich erwachende Glaube, vermittelt durch die Schriften Karl Rahners, eines Heidegger-Schülers, wie betont wird, rettet sie vor dem Untergang.

Und eines Tages, die märchenhafte Formulierung ist hier angebracht, begegnet ihr Jonas, sie fallen sich in die Arme, die alte Liebe lebt wieder auf – Happy End.

Ja. Warum soll es nicht auch solche Romanschlüsse geben dürfen?

Martin Freytag: Fugenzeiten. Roman. Agenda-Verlag, Münster, 2011. 200 Seiten.

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Deutsche Literatur

2 Antworten zu “Martin Freytag: Fugenzeiten.

  1. Pingback: Sonntagsleser: Blog-Presseschau 23.03.2014 (KW12) | buecherrezension

  2. Da wird mich Vieles an meine Zeit als Mentorin erinnern. Auch das vielfältige Gefühlsleben der jungen Leute interessiert mich. Danke schön!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s