Max Barack: Wilhelm Tell

Wolfgang Krisai: Waldweg auf der Hohen Wand bei Wiener Neustadt. Kohle. 2005.In Martin Freytags Roman „Fugenzeiten“ kommt es zu einem Wortwechsel zwischen LehrerInnen, Schillers „Wilhelm Tell“ betreffend: diesen im Unterricht heute noch zu behandeln, sei Unfug. Ja und nein, kann ich da nur sagen. Kein Schiller-Stück kann man heute so einfach SchülerInnen vorsetzen, allein schon wegen der für junge Menschen kaum verständlichen Sprache. Was liegt also näher, als Schiller für die heutige Jugend zu bearbeiten? Ich habe es vor einigen Jahren getan und eine schülertaugliche Fassung des „Wilhelm Tell“ erstellt, mit der ich die Erfahrung gemacht habe, dass man mit diesem Drama junge Menschen auch heute noch begeistern kann.

Auch früher schon hat das Bedürfnis, Schillers Drama der Jugend nahezubringen, zu Bearbeitungen geführt, und eine davon fiel mir auf einem Flohmarkt in die Hände. Der in Stuttgart gelebt habende Schriftsteller Max Barack (1832-1901) hat Schillers Stück in Prosa bearbeitet, sozusagen als kleinen Roman, wobei er sich im Ablauf und sogar zum Teil bis in den Wortlaut hinein so weit möglich an das Vorbild gehalten hat. Lt. www.abenteuerroman.info stammt die erste Ausgabe dieser Bearbeitung aus dem Jahr 1876.

Der Band ist mit Bildern von Willy Planck (1870-1956) im heroisierenden Stil der Zwischenkriegszeit, in der meine Ausgabe entstanden sein wird (die Schätzungen der Antiquare reichen von 1910 – 1935), illustriert.

Zum besseren Verständnis der Sage hat der Autor auch historische Hintergründe etwas ausführlicher behandelt, als dies Schiller im auf das Wesentliche verdichteten Drama möglich war, sodass dem Leser wohl manches klar wird, was bei Schiller nur angedeutet ist, etwa die Hintergründe zur Begegnung Johannes Parricidas mit Tell ganz am Schluss des Stücks.

Was fasziniert mich an der Figur des Wilhelm Tell? Er ist der Einzelgänger par excellence, der von Teamarbeit wenig hält, aber seinen Mann steht, wenn Bedarf besteht. Am Rütlischwur nimmt er daher nicht teil, weil ihn dieses Verschwörertum nicht interessiert, obwohl er inhaltlich ganz auf der Seite der Freiheitskämpfer steht. Außerdem ist Tell ein durchtrainierter Kerl, dem kein Berg zu steil und kein Sturm zu wild ist. Dazu passt, dass er auch der beste Armbrustschütze weit und breit ist.

Mit dem tyrannischen Landvogt Geßler kämpft er sozusagen seinen privaten Kampf, ausgelöst durch seinen Edelmut – auch eine Eigenschaft, die an ihm bewundernswert ist. Tell verfügt über moralische Unabhängigkeit, gemäß der er das Gute tut, wo immer es ihm möglich ist, mit der er aber auch ohne viel nachzufragen sein Recht selbst in die Hand nimmt und beschließt, Geßler zu töten, nachdem dieser seine Familie und ihn mit unversöhnlicher Feindschaft verfolgt und es daher in seinen Augen Notwehr ist, ihn zu beseitigen. Mit dem praktischen Nebeneffekt, dass damit auch gleich ein erster Schritt im Schweizer Freiheitskampf getan ist. In einem funktionierenden Rechtsstaat ist Selbstjustiz dieser Art fehl am Platz, aber es ist noch keine hundert Jahre her, da war man auch bei uns in einer Situation, wo man sich gegen ein diktatorisches System zur Wehr setzen hätte sollen und es mehr mutige Leute gebraucht hätte, die sich nicht drum kümmern, was „die anderen“ tun und ob das eigene Leben gefährdet ist.

In einem Zeitalter, wo in Schulen die Bildung zu geistiger Unabhängigkeit zurückgedrängt wird, indem man gezwungen wird, die Schülerinnen und Schüler vor allem auf „Bildungsstandards“ und diese messende Tests hinzutrimmen, ist eine Figur wie der Tell ein dringend nötiges kritisches Gegenbild.

Kann eine Bearbeitung die Lektüre von Schillers Drama ersetzen? Natürlich nicht. Für jemanden, der Schillers Stück kennt, mag aber eine Bearbeitung wie diese eine willkommene Zusatzlektüre sein. Jetzt wäre es natürlich nicht uninteressant, auch modernere Fassungen des Stoffs zu lesen, von denen es einige im Buchhandel gibt.

 

Wilhelm Tell der Jugend erzählt von M. Barack. Mit vier Tondruckbildern nach Originalzeichnungen von Willy Planck. Stuttgart, Thienemanns, o. J. 128 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Waldweg auf der Hohen Wand bei Wiener Neustadt. Kohle. 2005.

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9 Kommentare

Eingeordnet unter Deutsche Literatur, Jugendliteratur

9 Antworten zu “Max Barack: Wilhelm Tell

  1. Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag, Wolfgang.
    Ist es nicht furchtbar traurig, dass die heutige Jugend Schiller nicht mehr versteht? Die Jugend vor 30 Jahren verstand ihn auch schon nicht mehr und doch war eine Lehrer am „Konkurrenz“-Gymnasium so mutig, den Tell im Original mit Schülern im Rahmen einer Theater AG auf die Bühne zu bringen. Man spielte drei oder vier mal in der ausverkauften Stadthalle vor begeistertem schulübergreifendem Publikum. Natürlich war es Gaudi, natürlich war es ein Spektakel, Volksszenen mit 50-60 Menschen auf der Bühne, einer Rockband, aber es war auch Schiller.
    Ich denke auch nicht, dass die Sprache wirklich so schwer ist, wenn man sich mal drauf einlässt, aber sie ist fremd, das macht das drauf Einlassen schwierig. Deshalb finde ich es wichtig, schon kleine Kinder ab und zu mit alter Sprache zu konfrontieren. In der Bücherei, in der ich alle 4 Wochen für Kinder vorlese, ist es mir deshalb auch besonders wichtig, wenigstens ein mal im Jahr etwas Altes zu lesen. Bisher hatten wir Schneeweißchen und Rosenrot und Frau Holle von den Brüdern Grimm im Originaltext, unterstützt von alten Buchillustrationen, die an die Wand projiziert wurden. Die Kids im Alter zwischen 3 und 7 fanden es toll und auch das Feedback von den Eltern war durchweg positiv. Dein Weg, alte – oder eher zeitlose – Inhalte in neuer Sprache zu präsentieren, ist natürlich genau so wichtig und spannend. Es ist doch so wichtig, ein paar Fenster zu öffnen, die über den üblichen Einheitsbrei hinaus weisen.
    Besonders vielen Dank für den Hinweis auf Max Barack. Gemeinfrei und LibriVox tauglich. Ich mache mich gleich mal auf die Suche nach einer online Quelle.
    Sorry für den schrecklich langen Kommentar.

    • Liebe hokuspokus! Danke für deinen Kommentar, für die Länge brauchst du dich keinesfalls entschuldigen. Meine Unterrichts-Erfahrung mit Schillers „Wilhelm Tell“ sieht konkret so aus: Ich habe das Stück etwas gekürzt, schwierige Wörter durch genau ins Versmaß passende einfachere ersetzt, aber die zentrale Apfelschuss-Szene im Original belassen. In drei Klassen (14-Jährige) habe ich das Stück in verteilten Rollen szenisch gelesen, zwei davon habe die Apfelschussszene in voller Länge und unveränderter Sprache im Rahmen eines Klassen-Theaterabends aufgeführt (sie dauert allein ja schon 20 min). Diese Szene ist ideal, da die ganze Klasse beschäftigt werden kann, sie auch ohne das restliche Stück verständlich, inhaltlich packend und sprachlich gerade die richtige Herausforderung ist. Der ganze Tell wäre natürlich auch einmal reizvoll. Hätte gerne euren rockigen Tell gesehen! Das war sicher eine tolle Sache. – Dass du in der Bücherei vorliest, finde ich großartig. Ich habe im Vorjahr mit meinen 10jährigen übrigens ein „Oma-Projekt“ gemacht, wo mehrere Omas in zwei Unterrichtsstunden Märchen vorgelesen haben. Hat sowohl den SchülerInnen wie auch den Omas sehr gefallen.
      lg, Wolfgang

  2. Ich denke, bei Dir wäre ich sehr gerne Schüler. Ich gratuliere Dir zu Deinem Engagement und Deiner Kreativität. Ganz ehrlich.

  3. Pingback: Sonntagsleserin KW #19 – 2014 | buchpost

  4. Hab auch gerade gedacht, Lehrer wie Buchwolf wünsche ich Anna!

    n einem Zeitalter, wo in Schulen die Bildung zu geistiger Unabhängigkeit zurückgedrängt wird, indem man gezwungen wird, die Schülerinnen und Schüler vor allem auf „Bildungsstandards“ und diese messende Tests hinzutrimmen, ist eine Figur wie der Tell ein dringend nötiges kritisches Gegenbild.

    Sehr schön und spätestens mit diesem Satz, steht Wilhelm Tell auf meiner to read Liste. Danke! LG Xeniana

    • Liebe Xeniana!
      Vielen Dank für deine lieben Worte! Ich wünsche deiner Anna viele gute LehrerInnen. Zum Schiller-Lesen kann ich nur raten, er war ein Meister der Dramatik und seine Stücke reißen auch heute noch mit.
      Herzliche Grüße nach Kiel!
      Wolfgang / buchwolf

  5. Pingback: Die Sonntagsleserin | Über den Kastanien

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