Veit Heinichen: Die Toten vom Karst. Ein Proteo-Laurenti-Krimi.

Wolfgang Krisai: Klippen an der Baia di Sistiana bei Triest, Zeichnung, 2003.Veit Heinichens „Die Toten vom Karst“ ist ein Krimi, den man wirklich genüsslich lesen kann, da er gut geschrieben ist und sich aller Unappetitlichkeiten in Sprache und Stil weitgehend enthält, was ich einfach angenehm finde.

Proteo Laurenti ist der Chef der Kriminalpolizei von Triest, ungefähr mittleren Alters, verheiratet und Vater dreier Kinder. Allerdings ist er nicht glücklich verheiratet, denn seine Frau Laura verlässt ihn zu Beginn des Romans, um über ihre Beziehung zu einem läppischen Versicherungsvertreter in Ruhe nachdenken zu können. Laurenti wird dadurch ganz schön aus der Ruhe gebracht, außerdem leidet der Haushalt, denn er und sein Sohn Marco (17), die nun allein sind, verstehen sich auf das Ordnunghalten nicht besonders. (Die beiden Töchter studieren auswärts.) Um es gleich zu sagen: Proteo wäre fast geneigt, seinerseits nun einen Seitensprung mit einer attraktiven kroatischen Staatsanwältin (Ziva Ragno) zu riskieren, tut dies aber nur im Traum. Und zum Schluss kommt Laura zur Vernunft und nach Hause zurück, wo sie gleich ans Großreinemachen schreitet.

Nun zur Kriminalhandlung:

Zunächst sprengt eine düstere Gestalt mittels Zeitzünderbombe ein Haus samt Einwohnern in einem kleinen Ort in der Nähe von Triest in die Luft. Eine angesehene Kaufmannsfamilie aus Triest ist somit ausgelöscht. Doch vom Täter keine Spur.

Dann kommt ein Fischer namens Giuliano bei einem nächtlichen Schmuggelmanöver bei hohem Seegang um. Den Schmuggel führen seit Jahren der Vater des ermordeten Hausbesitzers, Gubian sen., und Ugo Marasi, dessen Todfeind, durch. Die Feindschaft geht auf einen angeblichen Mord zurück: Marasi glaubt, Gubian habe 1943 seine Schwester getötet und in eine „Foiba“ geworfen. Diese Foibe sind Spalten im Karst, in die zu Kriegsende unzählige Leute, die irgendjemandem politisch oder privat nicht mehr genehm waren, nach ihrer Ermordung hineingeworfen wurden. Erst im Laufe der Jahre wurden diese Massengräber aufgedeckt, die Toten identifiziert (soweit möglich) und die Geschehnisse aufgearbeitet. Marasi gibt das von Gubian übernommene Schmugglergut an seine mannweibhafte Tochter Nicoletta, die in Triest einen Fischladen führt, weiter, die es dann ihrerseits weiterleitet.

Kurz nach dem Tod Giulianos wird Ugo Marasi tot aufgefunden, auf ein Eisengerüst gespannt und mit einer Harpune im Herzen.

Hat Gubian ihn getötet, weil er geglaubt hat, Marasi habe seinen Sohn in die Luft gesprengt? Hat vielleicht gar Nicoletta ihren Vater selbst umgebracht? (Laurenti fragt sie das und fängt dafür eine Ohrfeige, die er noch tagelang spürt.)

Der Ausgang ist dann doch anders, als man vermutet.

Der Roman ist mäßig spannend, aber das macht nichts. Man erhält Einblick in die verwickelte Geschichte Istriens seit dem Ersten Weltkrieg, das ist der didaktische Sinn des Buchs. Und man lernt einen recht sympathischen Kriminalbeamten kennen, der eine menschliche Seite hat, die ihn zu einem geistesverwandten von Camilleris Commissario Montalbano macht…

Veit Heinichen: Die Toten vom Karst. Ein Proteo-Laurenti-Krimi. 4. Aufl. dtv, München 2004. (Erstausgabe 2002 bei Zsolnay.) 365 S.

Bild: Wolfgang Krisai: Klippen an der Baia di Sistiana bei Triest, Tuschestift-Zeichnung, 2003.

PS: Da ich immer noch in einem Lese-Großprojekt stecke, ist auch die eine Rezension von früher, aus dem Jahr 2004.

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