Max EYTH: Die Brücke über die Ennobucht

Wolfgang Krisai: Viaduc de Millau. Aquarell. 2006.Moderne Brücken wie der „Viaduc de Millau“ in Südfrankreich (hier in meinem Aquarell von 2006) stürzen zum Glück nicht so leicht ein. Anders war es 1898 mit der „Brück am Tay“, der Eisenbahnbrücke über den Forth of Tay, deren Einsturz Theodor Fontane in seiner berühmten Ballade behandelte. Aber nicht nur er, sondern auch der heute unbekannte Autor und Ingenieur Max Eyth.

Eyth schildert die Karriere des leitenden Ingenieurs, der die gewaltige Eisenbahnbrücke über die Ennobucht in Schottland entwarf und den Bau beaufsichtige. (Die Namen sind in der Erzählung allesamt geändert, doch die Handlung entspricht, so Eyth, den Tatsachen.)

Drei Männer suchen Arbeit

Zunächst beginnt alles um 1850 ganz weit von der Ennobucht entfernt in Manchester, wo sich drei junge Leute bei ihrer Suche nach Arbeit kennen lernen: Alle drei sprechen Deutsch, sind Ingenieure und wollen in England, dem Land der Industrialisierung, zu einer Arbeit kommen. Der Erzähler ist Max Eyth persönlich, der zweite ist Stoß aus Wien und der dritte Schindler aus Deutschland. Eines Tages hat ihre beharrliche Arbeitssuche Erfolg. Eyth findet Arbeit bei der Firma Fowler (so auch in Wirklichkeit), Schindler wird Französischlehrer in einem Internat, und Stoß hat Glück in London, wo ihn Mr. Bruce, Erbauer großer Brücken, einstellt.

Brückenbau in der Ennobucht

Das nächste Kapitel besteht aus Briefen von Stoß an Eyth bzw. an seine Frau, die Tochter von Mr. Bruce, Ellen, die er von der Baustelle an der Ennobucht aus schreibt. Bruce hat mit Hilfe Stoß’ den Auftrag für den Bau der bis dato größten Eisenbahnbrücke der Welt erhalten. Die Brücke ist drei Kilometer lang, hat über 80 Pfeiler, ist an der höchsten Stelle so hoch, dass Hochseesegler durchfahren können, und besteht aus Gusseisen. Stoß errechnete die nötige Dicke und Größe der Eisenträger – wobei er mangels Erfahrungswerten auf Annahmen bauen muss, was den Winddruck auf Eisenträger betrifft. Da er Bruce nicht enttäuschen will und der Bau billig bleiben soll, nimmt er – mit etwas Bauchweh – einen relativ geringen Wert an.

Sie hält!

Schließlich ist die Brücke endlich fertig und Stoß fährt mit einer Lokomotive über die Brücke. Sie hält. Sie besteht sogar alle Prüfungen, wird zunächst ein halbes Jahr nur von Güterzügen benützt, und da kein Problem auftritt, dann auch von Personenzügen.

Falsche Berechnungen

Bei einem Besuch Eyths in Schottland zeigt ihm Stoß die Brücke, und dann gesteht er ihm, was ihm Sorgen macht: Er weiß nun, dass inzwischen in aller Welt der Winddruck-Faktor wesentlich höher angesetzt wird, als er das damals bei seinen Berechnungen getan hat. Er fürchtet daher, dass die Brücke einem Sturm nicht standhalten könnte. Einem Sturm, wie er gerade heute tobt. Die beiden kämpfen sich gegen den Wind zur Bahnstation vor, wo Stoß in den Zug steigt.
Zeit Stunden später kommt ein aufgeregtes Kind zum Gasthof, wo Eyth gerade ins Bett steigen will, und sagt, dass der Brückenwächter ihn geschickt habe, da er ein Unglück befürchte. Eyth eilt mit dem Wirt zur Brücke. Der Brückenwächter, Knox, sagt, seit zwei Stunden habe er keinen Kontakt mehr zur gegenüberliegenden Brückenseite. Der letzte Zug, der über die Brücke gefahren sei, sei von seinem Sohn als Lokführer geführt worden und habe Stoß mitgenommen. Er bereue nun, Stoß nicht schon früher über Mängel informiert zu haben, die inzwischen vor allem beim Mittelstück der Brücke aufgetreten seien.

Die Katastrophe

Knox und Eyth wagen sich auf die sturmgepeitschte Brücke hinaus und kämpfen sich bis zum Beginn des Mittelteils vor – doch dort ist nichts mehr. Die Brücke ist vom Sturm weggerissen worden, mitsamt dem Zug. 100 Passagiere tot. Von Brücke, Pfeilern und Zug keine Spur mehr, alles vom Wasser verschlungen.

Stil

Die Erzählung ist zunächst etwas weitschweifig, man findet sich aber bald in den nüchternen und doch von hintergründigem Humor durchzogenen Stil Eyths hinein. Sehr bald wirkt das spannungsbildende Element der ungenauen Berechnungen Stoß’, und man wird als Leser immer mehr gefesselt.
Insgesamt ist das Werk überzeugend, zumal Eyth über die technischen Hintergründe zutreffendes mitteilen kann, da er den wirklichen Ingenieur persönlich gekannt hat.

Der Autor

Max Eyth ist Schwabe, 1836 geboren, 1906 gestorben. Er war Ingenieur und der erste Autor, der das Ingenieurwesen literarisch verarbeitet hat. Was über ihn in der Erzählung steht, stimmt: Er war der Dampfpflug-Vertreter von Fowler, was ihn in aller Herren Länder trieb, unter anderem drei Jahre nach Ägypten, später nahm er sich des Ackerbaus in Deutschland an und gründete die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft, deren Direktor er lange Zeit war. In den letzten Lebensjahren kam er auch zu literarischen Ehren.

Seine Werke: „Der Kampf um die Cheopspyramide“, „Hinter Pflug und Schraubstock“, „Im Strom unserer Zeit“ (Autobiographie, 1904), „Der Schneider von Ulm“ (1906, über den Schneider Berblinger, den Ahnherrn der modernen Fliegerei).

Max EYTH: Die Brücke über die Ennobucht
Reclams UB 5601, Stuttgart 1988 (inzwischen vergriffen und nur noch antiquarisch zu haben).
Erstmals erschienen u.d.T. „Berufstragik“ in der Slg. „Hinter Pflug und Schraubstock. Skizzen aus dem Taschenbuch eines Ingenieurs“, Bd. 2, Stuttgart/Leipzig: Deutsche Verlags-anstalt 1899, S. 181-333.
140 Seiten.

Text im Projekt Gutenberg: gutenberg.spiegel.de/buch/3850/1

Bild: Wolfgang Krisai: Viaduc de Millau, Aquarell, 2006.

PS: Da ich immer noch in einem Lese-Großprojekt stecke, ist auch dies eine Rezension (mit Ausnahme des ersten Absatzes) von früher, aus dem Jahr 2003.

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