Juli Zeh: Die Stille ist ein Geräusch. Eine Fahrt durch Bosnien

Wolfgang Krisai: Juli Zeh mit ihrem Hund. Zeichnung nach einem Foto aus einer Literaturzeitschrift.

Das Buch habe ich nur der Vollständigkeit halber gekauft und mir von der Lektüre aber schon gar nichts erwartet, und siehe da, es entpuppte sich als ein sehr interessantes und amüsantes Werk. Ganz im Gegensatz zum Roman „Adler und Engel“ ist dies nämlich ein Buch, das frisch und echt ist und in dem Juli Zeh so sein kann, wie sie – vermutlich – ist: etwas draufgängerisch, mit wachem Geist und brillanter Formulierungsgabe.

Gleich nach dem Bosnienkrieg

Juli Zeh beschließt, warum, erfährt man nicht, eine Reise nach Bosnien zu machen, in dem gerade der Krieg gewütet hat. Sie ist eine der ersten „Touristinnen“, die dieses Wagstück auf sich nehmen. Dementsprechend schwierig sind alle Begleitumstände. In Bosnien gibt es keinerlei touristische Infrastuktur, Hotels und andere Unterkünfte sind eher Zufallsfunde, und wenn es die SFOR-Truppen nicht gäbe und all die UN-Behörden, dann wäre eine Frau in diesem Land nach wenigen Tagen verloren.

Juli Zeh fährt nicht allein, sondern mit ihrem Hund Othello, der sie zwar nicht direkt beschützt, aber doch eine wichtige Stütze ist. Frauen mit Hund, das gibt es in Bosnien nicht. 

Privatkauderwelsch „Endepol“

Zweite Stütze der Reisenden: ihre Sprachkenntnisse. Sie spricht nämlich Polnisch als slawische Sprache, versteht Kroatisch zumindest passabel und erfindet Endepol, eine Sprachmixtur aus Deutsch, Englisch und Polnisch, mit der sie viele brenzlige Situationen meistert.

Als Deutsche gehört sie zwangsläufig zur „international crowd“, wie eine Journalistin sagt, und allein diese Tatsache öffnet ihr bei der SFOR alle Türen. Den SFOR-Soldaten ist nämlich in erster Linie „langweilig, langweilig, langweilig“, daher reißen sie sich darum, für eine Deutsche etwas tun zu können. Insbesondere ein französischer Offizier erweist sich als sehr hilfreich. Er verschafft ihr einen SFOR-Ausweis, der wiederum besonders bei Straßenkontrollen Wunder wirkt. Juli Zeh ist nämlich mit einem gemieteten Opel Ascona unterwegs, den sie in Sarajewo abgeholt hat. Bis dort hin musste sie mit Bus und Bahn fahren, was nicht leicht war, da Hunde in Bussen verboten sind und sie den ihren daher geschickt verstecken musste.

Männerbekanntschaften nützen

Einer allein reisenden Frau stehen natürlich Männerbekanntschaften ins Haus, die Juli Zeh immer ausreichend auf Distanz halten kann, aber gerade noch nah genug heranlässt, dass sie eine Menge für sie tun, sie etwa bei sich übernachten lassen oder ihnen Empfehlungen aller Art mitgeben.

Die „Touristin“ mit dem erklärten Ziel, ein Buch über Bosnien zu schreiben, muss verständlicher Weise möglichst alle Gebiete des geteilten Landes, vor allem die berüchtigten Orte wie Tuzla oder Srebrenica, besuchen. Diese Höhepunkte im serbischen Teil des Landes spart sie sich für den Schluss. Zuerst ist der kroatisch-muslimische Teil dran, mit Sarajewo als Hauptort.

Besonders bußfertige Wallfahrerin

Auch Medjugorje kommt übrigens an die Reihe, und dort fühlt sie sich gar nicht wohl, da ihr als Nichtgläubiger die Auswüchse katholischen Wallfahrer-Unwesens extrem in die Augen stechen. Unfreiwillig kommt sie dazu noch in den Ruf einer besonders bußfertigen Wallfahrerin, denn sie muss, weil ihre Sandalen den Geist aufgegeben haben, über einen arg steinigen Weg den Erscheinungsberg barfuß hinuntersteigen.

Der zum Schluss bereiste serbische Teil, die Republika Srbska, ist beklemmend und bedrohlich. Hier ist alles noch um einiges schlechter als im anderen Teil. Knapp entrinnt sie aufgebrachten Dörflern, in deren Ort sie sich in einem leerstehenden Haus für eine Nacht einquartieren wollte. Rettung ist die serbische Polizei, vor deren Posten sie dann die Nacht im Auto verbringt.

Noch ein Hund

Knapp vor der Rückfahrt gabelt sie auch noch einen Welpen, der von seiner Mutter verstoßen wurde, auf und nimmt ihn mit. Name: Olga. Zu dritt fahren sie dann also wieder per Bahn nach Deutschland zurück. Juli Zeh ist ausgelaugt, als sei nicht sie gereist, sondern habe Bosnien sie „bereist“.

Stilistisch ein angenehm und amüsant zu lesendes Buch, in unzählige kleine Abschnitte von wenigen Zeilen bis wenigen Seiten unterteilt. Es mag sein, dass mancher Mensch ungewöhnliche, abenteuerliche Reisen macht, aber gewiss kann nicht jeder so prägnant darüber schreiben.

Zeh, Juli: Die Stille ist ein Geräusch. Eine Fahrt durch Bosnien. btb-Tabschenbuch, 2. Aufl. 2003. Erstausgabe bei Schöffling, 2002. 263 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Juli Zeh mit ihrem Hund. Zeichnung nach einem Foto aus einer Literaturzeitschrift.

Diese Rezension schrieb ich im Jahr 2005.

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