François Schuiten: La Douce. Graphic Novel

Wolfgang Krisai: Dampfloks im Eisenbahnmuseum Strasshof bei Wien. Federzeichnung, koloriert, auf farbigem Papier. 1. 9. 2002.Eine umfangreiche Graphic Novel über eine Dampflokomotive. Da musste ich, als ich sie im Shop der „Cité internationale de la bande dessinée“ in Angoulême entdeckte, natürlich zuschlagen.

„Hauptperson“: eine Damplok

„Hauptperson“ ist die stromlinien-verkleidete Dampflok 12.004 der belgischen Eisenbahnen. Ich-Erzähler der Novel ihr Lokführer, Léon Van Bel. Thema: der Untergang der Dampflok-Ära.

Schon auf den ersten Seiten wird man überrascht: Die Lok fährt an Arbeitern vorbei, die an so etwas wie einem Hochspannungsmast arbeiten. Kurz darauf kommt sie zu einer Stelle, wo die Schienen überschwemmt sind. Léon wagt sich dennoch durch. Es regnet.

Der Untergang des Dampflok-Zeitalters

Bald kommt man drauf, dass der „Untergang“ hier wörtlich genommen ist, und es sich daher in gewisser Weise um eine Science-Fiction-Graphic-Novel handelt: Die Welt wird langsam überflutet, und mit ihr die meisten Bahngleise. Die Eisenbahnverwaltung hat sich daher auf den Bau von Überland-Seilschwebebahnen verlegt, deren Seile an den riesigen Masten hängen. Die Dampfloks werden eingezogen und auf gigantischen Schrottplätzen zusammen mit Millionen von Autos abgestellt. Diese Plätze versinken ebenfalls nach und nach im Wasser.

Léon will seine 12er retten. Sie ist seine „Süße“, seine Geliebte. Nettes Wortspiel: 12 heißt auf Französisch douze, douce heißt süß. Zunächst will er sie gemeinsam mit befreundeten Eisenbahnern in einem großen Schuppen verstecken. Das funktioniert nicht lange. Man kommt ihm auf die Schliche, die Lok wird abtransportiert, er selbst für eine Weile eingesperrt.

Gemeinsame Sache mit einer schönen Diebin

Bereits zuvor erwischen die Eisenbahner eine der immer häufiger auftauchenden Metall-Diebinnen, ein fesches junges Mädchen namens Elya. Schon wollen sich die erbosten Männer an ihr vergreifen, da rettet sie Léon. Diese junge Frau spielt im zweiten Teil der Geschichte eine große Rolle, denn als Léon eine der Seilbahnkabinen kapert, um sich auf den Weg zum Eisenbahn-Schrottplatz zu machen, springt sie plötzlich ebenfalls in die Kabine. Nach einer kurzen Phase des Zusammenstreitens machen sie gemeinsame Sache: Beide wollen ja zum Schrottplatz.

Die Seilbahn fährt über Wälder und Städte. Lange. Unbemerkt. Léon träumt von der 12er und wie er sie rettet.

Schließlich erreichen sie eine Stadt in der Nähe des Schrottplatzes, machen einen Typ ausfindig, der weiß, wie man hinkommt. Gemeinsam gehen sie über Bretterstege, fahren mit einer ausrangierten Hochbahn und gelangen schließlich wirklich zum Schrottplatz. Autos, Autos, Autos – aber keine Lokomotive.

Erst ganz weit hinten sehen sie eine Lokomotive noch an Land stehen, nicht die 12er, aber an der Lok hängt ein ganzer Zug, der bis unter die Wasseroberfläche reicht. Léon hofft, dass sich dahinter im Wasser seine 12er befindet, sie heizen die Lok an, fahren los – aber es funktioniert nicht. Schon will Léon aufgeben. Der Führer und Elya setzen sich ab.

Doch plötzlich faucht die 12er heran, grün gestrichen, mit goldenem Zierstreifen. (Ab hier ist die Lok farbig; der gesamte Rest des Buches besteht aus schwarzweißen Federzeichnungen.) Wer ist im Führerstand? Elya! Léon springt auf, sie fahren ins Ungewisse davon.

Es folgt ein Anhang mit Informationen zur und einigen Abbildungen der 12er, der Parade-Lok der belgischen Dampflokzeit.

Truffaut-Reminiszenzen

Entfernt erinnert die Stimmung des Buches an Truffauts Film „Fahrenheit 425“, wo ebenfalls eine Hochbahn eine Rolle spielt. Wo die Menschen ebenfalls irgendwie anders ticken, wo es andererseits auch wieder Außenseiter gibt, die in der streng reglementierten Zukunftswelt ein „alternatives Leben“ leben.

Zeichnerisches Meisterwerk

Diese Graphic Novel vom „Untergang“ der Dampflokzeit ist ein zeichnerisches Meisterwerk. Die Panels sind sehr abwechslungsreich gestaltet: Schuiten benützt alle möglichen Ausschnitte, die suggestive Wirkung der schwarzen und weißen Flächen und setzt die lautmalerischen Wirkung der Schrift geschickt und sparsam ein. Das ganze Werk ist in realistischen Stil mit unglaublicher Liebe zum Detail bei gleichzeitiger Fähigkeit zur großzügigen Abstraktion gestaltet. Schuiten ist eben ein Meister seines Fachs.

Ausgaben und Informationen

Übrigens gibt es zwei verschiedene französischsprachige Ausgaben der Graphic Novel: eine Normalausgabe im Format A4 hoch, eine Luxusausgabe im Format A4 quer, wo die A4-Seiten auf je zwei A4-Querformat-Seiten vergrößert und aufgeteilt sind.

Die deutsche Ausgabe ist 2012 unter dem Titel „Atlantic 12“ im Verlag Schreiber & Leser erschienen.

Eine eigene Website widmet sich dem 12.004-Projekt.

Es gibt außerdem einen Wikipedia-Artikel zur Reihe 12.

François Schuiten: La Douce. Casterman, 2012. Ca. 180 Seiten, A4, Querformat.

Bild: Wolfgang Krisai: Die Dampfloks 197.301 und 310.23 im Eisenbahnmuseum Strasshof bei Wien. Federzeichnung, koloriert, auf farbigem Papier. 1. 9. 2002. – Die belgische 12.004 sieht völlig anders aus. Wer weiß, vielleicht kann ich sie einmal im Belgischen Eisenbahnmuseum in Schaerbeek besichtigen und zeichnen…

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2 Kommentare

Eingeordnet unter BD, Comics, Graphic Novels

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