Helmut Krausser: Verstand & Kürzungen. Gedichte

Wolfgang Krisai: Gesine Cukrowksi und Ulrich Mühe in einer Folge von "Der letzte Zeuge". Bleistift. Ca. 2007.Ein Freund schenkte mir dieses Buch zu Weihnachten. Da ich heuer die Geschenke gleich lesen will, schob ich die Lektüre also nicht zugunsten schon länger anstehender Lesevorhaben hinaus – und tat gut daran. Denn einen originelleren und witzigeren Gedichtband als diesen habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Man fragt sich, wie Krausser bisher an mir vorbeigehen konnte.

Der Band besteht aus drei Abschnitten:

  1. neue Gedichte aller Art,
  2. „Coverversionen“, also Abwandlungen, bekannter Gedichte deutschsprachiger und nichtdeutschsprachiger Autoren,
  3. 33 Sonette Shakespeares, im englischen Original und in Kraussers Übersetzung.

Entstaubter Shakespeare

Beginnen wir mit Punkt 3: Kraussers Übersetzungen „entstauben“ Shakespeares Sonette auf perfekte Weise. Ich bin ja sonst kein Fan solcher Reinigungsaktionen, aber Krausser macht es in einer Weise, die mich überzeugt. Meine Lektüre der Sonette in einer klassischen Übersetzung liegt schon so weit zurück, dass ich mich an nichts erinnern kann, außer dass sie keinen nennenswerten Eindruck bei mir hinterlassen haben. Krausser setzt einem aber deftige, ungenierte Kost vor, in fast flapsigem Ton, dabei in souveräner Beherrschung von Reim und Versmaß. Das soll Shakespeare sein?? Man liest gleich daneben im Original nach. Tatsächlich! Da stehen ja, wenn man’s zu lesen weiß, die wildesten Sachen. Das ist ähnlich wie bei Goethe: Man glaubt, der Olympier habe nur erhabene Verse geschmiedet, liest man aber erst mal hinein, dann entdeckt man den pointenstreuenden, erotischen, lockeren Johann Wolfgang. Sollte Krausser mit seiner Shakespeare-Übersetzung mein einziges diesen Großen der Literatur betreffendes Lese-Erlebnis des Jubeljahres 2014 gewesen sein: Das allein ist schon genug an literarischem Profit.

Coverversionen

Ad 2: Krausser „covert“ auf witzige Weise so unterschiedliche Autoren wie William Blake, Catull, Pavese, vor allem aber deutsche Autoren wie Georg Trakl, Rainer Maria Rilke („Der Panther“, natürlich, und „Liebes-Lied“), Brecht, C. F. Meyer („Der römische Brunnen“), Eichendorff, Busch, Goethe, Benn, Heine… Manche der Krausserschen Versionen sind irgendwie kritisch gemeint, andere eine Geste der Verehrung, alle aber originell und witzig. Manche fast reine Übersetzungen, andere ganz freie Neuarrangements.

Überraschen mag, dass Krausser auch Paul Celans „Todesfuge“ aufgenommen hat. Ist es nicht ein Sakrileg, so ein Gedicht auf ein Drittel einzudampfen? Krausser scheint selbst gespürt zu haben, dass dieser Umgang mit fremden Werken erklärungsbedürftig ist, und hat diesem Abschnitt einige Seiten „Anmerkungen“ folgen lassen, wo er z. B. über die „Todesfuge“ schreibt: „Einzig zu befragen ist seine [des Gedichtes] Länge. Gekürzt um alle vielleicht rhetorisch sinnvollen Redundanzen, stellt sich die Frage, ob es in der abgespeckten Version nicht ebenso erfolgreich gewesen sein könnte. Ich glaube, dass dem so ist, endgültig sicher bin ich mir nicht.“ (S. 150)

Kausser himself

Nun zu den eigenen Gedichten Kraussers: Die sind ein wahres Vergnügen. Es sind keine bloßen Kurzprosatextchen in untereinander gedruckten Kurzzeilen, sondern fast alle haben Versmaß und Reim, das ist schon einmal eine sehr positive Sache, zumal Krausser beides witzig und scheinbar völlig locker handhabt. Da wird der Reim zur Pointe und das trotz scheinbarer Schwierigkeiten doch noch eingehaltene Versmaß zum Ahh!-Effekt.

Doch nicht nur der formale Witz überzeugt, sondern auch der inhaltliche. Obwohl immer wieder ernste Sachen abgehandelt werden, geschieht das nie in jenem bedeutungsschweren Ton, der einen sonst oft bei „Lyrik“ nervt.

Auch vom Hermetismus modernen Dichtertums ist Krausser weit entfernt, sodass es mich nicht wundert, dass er in kaum eine meiner nicht gerade wenigen Gedicht-Anthologien, die die Lyrik der Gegenwart in Auswahl vermitteln wollen, aufgenommen ist. Aus der Sicht der Gralshüter der modernen Dichtkunst ist Krausser wohl kein Großer. Egal.

Worum geht’s in den Gedichten? Um die Liebe und ihre Schwierigkeiten, um Literatur, um das Leben, usw.

Beispiele:

Wie es einem Autor nach vollbrachter Dichterlesung geht (S. 50):

lange schangen schlanker blondinen blockierten den gang

vor meiner penthousesuite im besten hotel von paris,

entrückt und verzaubert von meiner verse ätherischem klang –

nett – doch mühsam und wohl auch zu logisch wäre denn dies.

stattdessen hock ich einsam in einer germanischen klitsche

ohne wanne noch kühlschrank oder balkon, seh fern,

allein nach der lesung mit lauwarmem weißwein, switche

vierzig kanäle rauf oder runter. und lebte mal gern.

Oder zu Germany’s Next Top-Model (eigentlich auch eine Coverversion von Rilkes „Panther“; S. 20):

klum-selektion

ihr blick ist vom vorüberziehn an linsen

so leer, als wäre zwischen kinn und stirn

nur werbefläche – mittendrin ein grinsen –

und hinter allen stirnen kein gehirn.

der fohlengang auf hohen schuhen wühlt,

derweil man noch berät, wer besser ging

und besser geht, in meinem mitgefühl,

der anlaß, zugegeben, scheint gering.

gören gieren nach viel geld, viel näher

kommen sie der kohle nie. die eine

mit persönlichkeit, die kam ja eher

nicht so weit. bin fassungslos. ich meine –

statt ein sonett zu schreiben, will ich wissen

wer heut ein foto hat und wer verschissen.

Zuletzt noch eine wunderbar treffende Charakteristik des Schauspielers Ulrich Mühe (S. 65):

mühe (1953-2007)

als habe man ihn aus versehen bestellt,

agiert er vom rand her, vorsichtig, schüchtern.

einer, der sich der tänzchen enthält,

fürs erste zuseher bleibt. und nüchtern.

fremd im sonderbar möglichsten traum,

läßt er ihn langsam erwachen, geht hin,

erobert sein spielfeld, nimmt jeden raum

erst wahr, dann ein – und befiehlt darin.

prüft alle sätze, bevor er sie spricht.

getrocknet, entfettet, schickt er sie los,

sieht nie hinterher, verfällt ihnen nicht.

sein blick, oft sanft und grausam zugleich,

nach außen wie innen, legt wunden bloß,

oasen der sprache im grenzbereich.

Ja. Krausser: eine Entdeckung.

Helmut Krausser: Verstand & Kürzungen. Gedichte. DuMont Buchverlag, Köln, 2014. 223 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Gesine Cukrowksi und Ulrich Mühe in einer Folge von „Der letzte Zeuge“. Bleistift. Ca. 2007.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Deutsche Literatur, Lyrik

2 Antworten zu “Helmut Krausser: Verstand & Kürzungen. Gedichte

  1. mickzwo

    Das ist schön. Ich glaube das besorge ich mir. Danke.

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