Heinrich Steinfest: Der Nibelungen Untergang

Wolfgang Krisai: Drachenkopf. Kunststoff, Dispersionsfarbe; 2012.Dass Reclam so ein peinliches Machwerk herausbringt, ist verwunderlich. Dass der hochgelobte Krimi-Autor Heinrich Steinfest so ein Machwerk schreibt, verwundert ebenso.

Dabei sieht das Buch zunächst sehr interessant aus: Ein „Storyboard von Robert de Rijn“ läuft im unteren Drittel jeder Seite mit, darüber steht der Text.

Man könnte allerdings schon beim Begriff „Storyboard“ stutzig werden, denn die Illustrationen sind kein Storyboard, wie man es aus der Filmbranche kennt. Es sind schlicht Illustrationen, wenn auch sehr viele. Sieht man sich die Illustrationen genauer an, so überzeugen sie nicht: Im Stil brutal hingehämmerter Computerspiel-Fanart werden da Nahaufnahmen der agierenden Personen des Nibelungenlieds vorgeführt. Für die Männer mag das ja noch angehen, die Frauen missraten dem Zeichner leider völlig, denn sie sind schablonenhafte junge Mädchen im Stil des 21. Jahrhunderts.

Schlimmer noch als die Illustrationen ist allerdings der Text. Warum?

  1. Steinfest erzählt das Nibelungenlied einfach nach, hölzern, ohne Dialoge, eher berichtend oder zusammenfassend als wirklich erzählend. Das ist aber leider langweilig.
  2. Es gibt ganz, ganz wenige Anspielungen darauf, dass das Nibelungenlied eine komplexe Entstehungsgeschichte hat und ein nicht immer ganz glatt zusammengefügtes Komglomerat aus mehreren Sagenquellen ist. Nur der Eingeweihte kann diese Anspielungen (z. B. S. 24) verstehen. Warum macht Steinfest, der doch alles und jedes so gern kommentiert, diese spannende Entstehungsgeschichte nicht zum Thema? Und wenn wir schon beim Thematisieren sind: Warum thematisiert er seine – hoffentlich nur scheinbar – unreflektierte Nacherzählungsmethode nie? Wäre nicht ein Vor- oder Nachwort dafür der richtige Ort gewesen?
  3. Stattdessen die Kommentare zum Geschehen aus Steinfests persönlicher Sicht. Meist in salopper Sprache vorgetragen, inhaltlich aber manchmal erschreckend unzeitgemäß:
    • Etwa, wenn er zweimal auf Handy-Besitzer hinhackt: Siegfried sei mit seinem Schwert so „symbiotisch“ verbunden wie heutzutage ein „Handybenutzer“ mit seinem Handy (S.10). Seite 74 kann man nur noch den Kopf schütteln: „dass so viel später die Menschen die Existenz von Drachen zu bezweifeln beginnen, muss nicht viel heißen, denn der Zweifel ist die Religion dieser neuen Menschen, die alles mögliche in Frage stellen, Gott, die Realität, die Magie, sich andererseits aber ständig ganz kleine Schachteln ans Ohr halten und mit Leuten reden, die gar nicht da sind“. Vielleicht sollte diese Stelle ironisch gemeint sein; denn wenn nicht, wäre sie eine verquere Äußerung eines Menschen, der sowohl die Errungenschaften der Aufklärung zugunsten des Glaubens an die Magie, ja, an Drachen ablehnt und der außerdem als eingefleischter Vertreter der „Wählscheiben-Generation“ sich über Handynutzer lustig zu machen versucht. Solch ein zeitgebundenes Ressentiment hätte sich der Autor verkneifen sollen, allein schon um der bleibenden Wirkung des Textes willen. Sehr schnell kann es gehen, dass etwas Schnee von gestern wird: Inzwischen haben die „Handys“ bereits den Smartphones Platz gemacht, die ihre Besitzer weitaus seltener „ans Ohr“, sondern vor allem vor sich halten.
    • Gelegentlicher zeitkritischer Rundumschlag: „Man redet von einer unabhängigen Justiz und einer unabhängigen Presse. Aber es ist der Betrug, der die Realität prägt“ (S. 27).
    • Über das Wesen der Jagd erfahren wir: „Keine Frage, dass Siegfried sich nach der Jagd sehnt, bei der ja gleichfalls der Mord in etwas Unmörderisches veredelt wird. Anlässlich der Jagd opfert die Natur einige ihrer Kreaturen, um den Menschen mit sich und seiner Unausgeglichenheit zu versöhnen. Auf dass er nicht die gesamte Natur zerstört.“ (S. 53). Vom holprigen Ton einmal abgesehen, ist das eine höchst merkwürdige Willenszuschreibung an Mutter Natur.
  4. Steinfest bemüht sich, in Sachen Erotik auf dem neuesten Stand zu sein:
    • Auf Seite 23 betont er: „Brünhild ist keine Lesbe, sondern sie macht sich nichts aus Sex.“ Aha.
    • Und die Tarnkappe enttarnt er als einschlägiges Utensil: „Siegfried in seinem schwarzen, mit einer Kopfmaske versehenen Gummikleid – das schon sehr an einen der heutigen Fetischanzüge erinnert, technisch gesehen aber große Ähnlichkeit mit den Gummimatten besitzt, mit denen die deutsche Wehrmacht ihr Tarnkappen-U-Boot U 480 ausstatten ließ“ (S. 34). Wie er zu dieser intimen Kenntnis der Beschaffenheit der „Tarnkappe“ kommt, verrät uns Steinfest leider nicht.
  5. Das Bestreben, irgendwie modern zu sein, führt auf Seite 56f sogar zu dem witzig sein wollenden Einfall, Siegfried kurz vor seiner Ermordung an der Quelle eine Langnese-Eisverpackung entdecken zu lassen, „die vielleicht ein Zeitreisender hier achtlos wegwarf.“ Satte 20 Zeilen lang wird diese Pointe entwickelt, doch dann verpufft sie einfach: „Doch [Siegfried] wirft das Papier einfach weg“. (Dass Langnese-Verpackungen nicht aus Papier sind und und auch dann, wenn sie es wären, zu Siegfrieds Zeiten ein unbekanntes Material gewesen wären, das er wahrscheinlich nicht so einfach weggeworfen hätte, sei nur nebenbei erwähnt.)
  6. Zahlreiche Formulierungen sind missraten. Schiefe Vergleiche, verunglückte Pointen:
    • Die immer wieder vorkommende Zahl 12 vergleicht er mit „einem über die Bühne laufenden Hofnarr“ (S. 13, mit der Grammatik hapert’s auch).
    • Über Kriemhild heißt es seltsam antiquiert auf Seite 20: „Sie ist entschieden kein Backfisch oder so.“ Dies zu betonen ist völlig unnötig, da ohnehin wohl niemand in der Gefahr wäre, sie für einen „Backfisch“ zu halten. Und was meint dann der umgangssprachliche Ausdruck „oder so“?
    • Es geht gleich ähnlich peinlich weiter: „Aber das Licht, das über ihr schwebt, sowie jenes, das Siegfried illuminiert, vereinen sich in unverkennbarer Weise, gleich Galaxien, die ineinandergleiten.“ Dass „illuminiert“ eine hier unpassende Nebenbedeutung hat, scheint Steinfest entgangen zu sein; ob der astronomische Vergleich der wissenschaftlichen Betrachtung standhalten würde, wage ich auch zu bezweifeln. Steinfest setzt gleich noch eins drauf, indem er fortfährt: „Später wird man sagen: Wie im Kino.“ Die Zeiten, als man das sagte, sind inzwischen schon Vergangenheit.
    • Auf Seite 38 kommt das journalistische Unwort „zögerlich“ vor.
    • Auf Kriemhilds Lippen spielt ein „toxisches Lächeln“, als sie mit Brünhild aneinandergerät.
    • Eine Kombination mehrerer Peinlichkeiten ist folgender auf ein Spottlied Volkers gemünzter Vergleich: „Eine eloquente Gegnerverarschung im Stile des Muhammad Ali“ (S. 97): Hier werden Sprachebenen gemischt (konservativ klingendes Dativ-e gleich nach derber Umgangssprache, davor gehobene Eloquenz), ohne dass dies wirklich witzig zu nennen wäre. Und Muhammad Ali? Den hat man doch eher als trauriges Opfer einer schweren Krankheit in Erinnerung, denn als harten Verbal-Kritiker seiner Gegner.
    • S. 101: „Was Kriemhild im Sinn hat, ist, eine Bombe zu schmeißen. Auch wenn es Bomben noch nicht gibt.“ Wer hat je eine Bombe „geschmissen“? Das macht man bestenfalls mit Granaten oder Molotowcocktails. Bomben hingegen werden abgeworfen oder gelegt.
  7. Solch ein krasser Orthographie-Fehler sollte auch nicht vorkommen: Viele stürben den „Heldentot“ (S. 18).
  8. Befremdlich ist, dass auf Seite 106 und 107 der „Erzähler“ plötzlich „ich“ sagt, zuerst, als wäre er Augenzeuge des Kampfes der Hunnen gegen die Burgunden gewesen: „doch was ich sah, war, wie einer in den anderen stürzte“ (106), danach als Erzählerkommentar, der von Steinfest selbst geäußert sein könnte: „Dietrich […] schaut weg oder versteckt sich oder gibt vor, Wichtigeres zu tun zu haben. Ich weiß es nicht.“ Dieses „Ich“: Warum tritt es nur hier in Erscheinung? Noch dazu mit so unklarer Identität.

Wenn sich in einem Buch die Ärgerlichkeiten so häufen, dann nützen die vereinzelten guten Stellen auch nichts mehr. Steinfest macht nämlich auf einige Merkwürdigkeiten des Nibelungenlieds aufmerksam:

Etwa, dass man den Namen der Tochter Rüdiger von Bechelarens, die mit Volker verlobt wird, nie erfährt.

Fast schon witzig ist die Frage, wie denn die Geschichte von der Drachentötung „in die Welt kam“ (S. 11) – wo es doch außer Siegfried selbst dafür keinen Zeugen gibt. Also muss die Kunde von Siegfried selbst verbreitet worden sein. „Nicht auszuschließen, dass der Drachenkampf nie stattgefunden hat“. Allerdings ist die Sache nicht so einfach, denn im Nibelungenlied wird der Drachenkampf ja nur in einem einzigen Vers erwähnt, und zwar von Hagen. Die ausführlichere Kenntnis haben wir aus anderen Sagen (etwa dem „Hürnen Seyfried“). Steinfest erzählt aber eigentlich das Nibelungenlied nach. Weshalb also diese Auslassungen über den Drachenkampf?

Na ja. Lassen wir’s. Ein unerfreuliches Buch. Das beste daran ist, dass es nur 116 Seiten hat.

Heinrich Steinfest: Der Nibelungen Untergang. Storyboard von Robert de Rijn. Stuttgart, Reclam, 2014. 116 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Drachenkopf. Kunststoff, Dispersionsfarbe; 2012.

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