Eduard von Keyserling: Wellen

Wolfgang Krisai: Cap Ferret. Buntstiftzeichnung, 2014.Nach Eduard von Keyserlings Erzählungsband „Feiertagsgeschichten“ wollte ich mehr von diesem Autor lesen und kaufte mir das Manesse-Bändchen „Wellen“. Nach dessen Lektüre weiß ich: Noch mehr Keyserling muss her.

Ein Meister der Doppelbödigkeit

Warum? Weil Keyserling ein Meister der Darstellung der Doppelbödigkeit menschlicher Kommunikation und menschlicher Beziehungen überhaupt ist. Ich vermute, jeder Mensch kennt das aus eigener Erfahrung: Man macht in Beziehungen oft Äußerungen, die mit dem, was man wirklich denkt oder empfindet, nicht übereinstimmen. Eher sind sie strategischer Natur: Man will etwas erreichen oder etwas verhindern. Und oft geht das daneben. Zumal erschwerend hinzukommt, dass das Gegenüber unausgesprochene Erwartungen hat, was der Partner nun sagen solle. Der aber weiß davon natürlich nichts Konkretes. Also fällt ein Satz, der etwas anderes sagt, als der „Sender“ wirklich meint und als der „Empfänger“ erhofft – und rumms, ist die Stimmung im Keller. Und die ganze Strategie war umsonst. Es herrscht dicke Luft. Je nach Charakter gehen die Gesprächspartner dann aufeinander los oder doch bemüht gutwillig aufeinander zu.

In „Wellen“ hat Keyserling sozusagen eine kleine Experimental-Anordnung gewählt: Eine Handvoll Personen in einem abgeschiedenen Ort, wo sie keiner ernsthaften Arbeit nachgehen müssen und folglich die Gefühle allmählich überkochen.

Der Ort ist ein winziges Ostsee-Dorf, wo sich die handelnden Figuren für den Sommer in Strandhäuser eingemietet haben.

Die Personen:

Im „Bullenkrug“ wohnt die Generalin von Palikow mit ihrer Gesellschafterin Malwine Bork, mit ihrer Tochter Bella, Baronin von Buttlär, und deren Töchtern Lolo (plus deren Verlobten, Leutnant Hilmar von dem Hamm) und Nini und Sohn Wedig, samt einigen Dienstboten. Frau von Buttlärs Gatte, Baron von Buttlär, kommt einige Tage später nach.

In Sichtweite hat sich das Ehepaar Grill im Haus der alten Fischer Wardein eingemietet. Hans Grill ist ein junger, bodenständiger Maler aus einfacheren Verhältnissen, doch seine Frau Doralice ist die ehemalige Gräfin von Köhne, die mit ihm, in den sie sich anlässlich zahlreicher Portraitsitzungen verliebt hat, durchgebrannt ist. In London haben sie geheiratet. Für die Generalin ist Doralice immer noch „die Köhne“ und selbstverständlich gesellschaftlich geächtet.

Eine wichtige Rolle spielt der bucklige Geheimrat Knospelius, der ebenfalls hier den Sommer verbringt und als scharfer Beobachter und listiger Beziehungs-Zündler nicht ganz unschuldig am Geschehen der nächsten Wochen ist.

Gesellschaftliche Ächtung

Sehr schnell stellt sich nämlich heraus, dass es bei dieser räumlichen Nähe unmöglich ist, die gesellschaftliche Ächtung Frau Grills und ihres Manns aufrecht zu erhalten. Zumal Doralice erstens verteufelt schön ist und zweitens gleich einmal die sich überschätzt habende Schwimmerin Lolo vor dem Ertrinken bewahrt. Seither ist sie Lolos Abgöttin, und die Kinder schleichen nachts ans Fenster des Wardeinschen Hauses, um Doralice sehen zu können.

Baron von Buttlär sieht sich veranlasst, sich bei Doralice für die Rettung der Tochter zu bedanken. Als dann Knospelius der Generalin sagt, in der ländlichen Situation müsse man nicht so genau auf die gesellschaftlichen Schranken achten, ist der Bann gebrochen.

Unwiderstehliche Schönheit

Natürlich wirkt die Schönheit und Freundlichkeit von Doralice auf die anwesenden Herren unwiderstehlich. Dazu trägt ein Geburtstagsfest, das Knospelius ausrichtet und wozu er alle einlädt, nicht wenig bei. Man sitzt im Garten einer Waldschenke, schmaust, singt, tanzt, steigt im Mondschein einen Hügel hinauf und in wechselnder Paarung wieder herunter, singt neuerlich und spaziert zu früher Stunde nach Hause. Während Knospelius zwar in Doralice verliebt ist, sich seines Buckels wegen aber nicht die geringsten Chancen ausrechnet, hat es Leutnant Hilmar voll erwischt. In den nächsten Tagen nützt er jede Gelegenheit, um mit Doralice möglichst allein zusammen zu sein. Er macht nicht einmal den Versuch, diese Annäherungen geheim zu halten, daher sind sowohl seine Verlobte, ja die ganze Familie, wie auch Hans Grill mehr oder weniger im Bilde.

Freiheits-Pathos

Warum lässt Hans Grill sich so etwas bieten? Ihm kommt seine eigene Weltanschauung in die Quere. Er vertritt den Standpunkt, in der Liebe müsse völlige Freiheit herrschen; wenn jemand seinen Partner überwachen müsse, weil er um dessen Treue bangt, sei es um diese Liebe schon geschehen. Mit genau dieser Einstellung hat er sein eigenes Handeln dem Grafen von Köhne gegenüber gerechtfertigt, und obwohl er jetzt in genau dessen Lage ist, schafft er es nicht, eine ideologische Kehrtwende zu vollführen. Insgeheim würde sich Doralice aber so etwas wünschen, denn die pathetischen Worte ihres Mannes gehen ihr auf die Nerven. Während es ihr wohltut, von den anderen Männern, die dies eigentlich gar nicht dürften, verehrt zu werden.

Dramatischer Höhepunkt

Schließlich spitzt sich die Lage dramatisch zu: Hans Grill fährt in der Nacht mit den Fischern aufs Meer, was er oft tut. Das nützt Hilmar aus, um sich Doralice zu erklären. Er will mit ihr durchbrennen. Zufällig kommt aber Lolo am Fenster vorbei, sieht ihren Verlobten vor Doralice knien und macht nun wahr, woran sie schon einige Tage gedacht hat: sich zugunsten der verehrten Doralice zu opfern. Sie geht ins Wasser, schwimmt enorm weit hinaus – wird aber in letzter Minute von Fischern aufgegriffen und gerettet. Sie bringen die Bewusstlose ausgerechnet zu Doralice. Diese hat inzwischen Hilmar einen Korb gegeben. Die Generalin kommt, lässt die erwachte Lolo abtransportieren und liest Doralice die Leviten, ohne sie auch nur einmal zu Wort kommen zu lassen. Am nächsten Tag sind alle abgereist, auch Hilmar.

Trotzdem will sich zwischen Doralice und Hans kein gutes Verhältnis mehr entwickeln. Hans malt besessen und erfolglos seine Vision vom Meer. Um das Meer wirklich zu begreifen, fährt er, so oft es geht, mit den Fischern hinaus. Einmal schätzt ein waghalsiger Fischer die Gefahr, die von einem drohenden Gewitter ausgeht, falsch ein. Hans fährt mit ihm hinaus, das Gewitter kommt schneller als erwartet und mit furchtbarer Gewalt, Hans und der Fischer kommen nicht mehr zurück, nur das leere Boot wird irgendwo an Land getrieben.

Am Ende sitzen Doralice und Knospelius auf der Düne, starren ins Meer, und Knospelius sagt, er wäre gern bereit, mit Doralice irgendwoanders hinzufahren, wenn ihr das guttäte, und dort sozusagen ein wenig den Liebhaber zu spielen, der er im Grunde ja sei, wenn auch ohne Hoffnung… Doralice lehnt ab. Das Meer, das ihren Mann verschlungen hat, gibt auch sie nicht mehr frei.

Eduard von Keyserling: Wellen. Roman. Nachwort von Florian Illies. Manesse Verlag, Zürich, 2011. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. 253 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Cap Ferret. Buntstiftzeichnung, 2014. – Das Cap Ferret ist zwar nicht an der Ostsee, sondern an der französischen Atlantikküste, und graffitibesprühte Bunker gab es um 1900 an der Ostsee auch nicht, aber die zwei Mädchen im Vordergrund könnte gut Lolo und Nini auf dem Weg zum Strand sein…

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Deutsche Literatur

4 Antworten zu “Eduard von Keyserling: Wellen

  1. Hat mir sehr gut gefallen! Sowohl dein Artikel als auch das Buch, das ich vor Jahren gelesen habe.

  2. Stefanie

    Ein schöner Beitrag! „Wellen“ hat mich auch sehr berührt und beeindruckt, ich muss das Buch unbedingt mal wieder aus dem Regal ziehen! LG, Stefanie

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