Rolf Dieter Brinkmann: Rom, Blicke

Wolfgang Krisai: Konstantinsbogen und Kolosseum in Rom, 2002, Tuschestift.Da ich keine Zeit zum Lesen und Rezensieren habe, greife ich wieder zu einer alten Rezension, diesmal aus dem Jahr 2006:

Auf dieses Buch und seinen Autor wurde ich eigentlich erst durch meine Beschäftigung mit der Popliteratur aufmerksam. Brinkmann gilt als der erste richtige Pop-Autor deutscher Sprache. Er erhielt in den 70er-Jahren ein Jahresstipendium für die Villa Massimo in Rom. „Rom, Blicke“ ist ein Kompendium seiner Aufzeichnung aus diesem Jahr.

Ein Jahr in der Villa Massimo in Rom

Brinkmann macht sich, ziemlich mittellos, per Bahn nach Italien auf. Seine Aufzeichnungen beginnen mit der Bahnfahrt. In Rom findet er sich halbwegs zurecht, auf eine nähere Einlassung verzichtet er ohnehin von vornherein, er will nicht einmal das notwendigste Italienisch lernen. In der Villa Massimo kann er ein „Atelier“ beziehen, das in einem Atelierhaus etwas abseits der eigentlichen Villa liegt. Neben ihm gibt es noch weitere Stipendiaten, mit denen er sich immer wieder trifft: unter anderem den greisen Pastor Albrecht Goes, für den er nur abfällige Worte übrig hat, und Nicolas Born, glaube ich, der ihm ebenfalls auf die Nerven geht.

Die Texte sind zum Teil Briefe an die in Deutschland zurückgelassene Freundin Maleen und an einen Freund namens Henning. Das sind elendslange Suaden, in denen der Autor seinen vereingenommenen, schwarzbebrillten Blick auf alles richtet, was in seiner Umgebung auch nur irgendwie negativ aufgefasst werden kann. Kein Mensch, kein Tier, kein Platz, kein Raum kann es ihm recht machen, alles findet er heruntergekommen, widerlich, beschissen, etc. Er schimpft regelmäßig über die Italiener, die er als Spaghettifresser tituliert, die sich ungeniert „den Sack kratzen“ und den Weibern nachpfeifen, deren Chaos ihm nicht passt und deren Hauptstadt er verdreckt findet. So weit, so ungut: Auch mir ist das Italien der 70er-Jahre dreckiger und exotischer erschienen als das heutige, und die Züge waren tatsächlich unpünktlich und überfüllt, die Leute laut und ungeniert, und was sonst noch einen etepeteten Deutschen in Angst und Schrecken versetzen konnte.

Das Kuriose ist nun aber, dass Brinkmann ja gar kein etepeter Deutscher sein will. Er geriert sich als der kaltschnäuzige Typ, der die Welt aus der Perspektive des Drop-Outs einer schonungslosen Betrachtung unterzieht. Seine Sprache ist nicht weniger dreckig als die italienischen Hinterhöfe, insbesondere die Frauen sind ihm sprachlich nur abfällige Ausdrücke wert: jede ist gleich eine „Nuss“ (Brinkmanns höchsteigener Jargon?) oder gar eine „Fotze“ – na, wenn das nicht verbales „Sackkratzen“ ist, was dann? Da wirft also einer den Italienern Unmoral vor und praktiziert selbst das gleiche!

Lesereise nach Graz

Kaum ist Brinkmann in Rom etabliert, darf er auch schon wieder verreisen, diesmal nach Graz zu einer Lesung im Forum Stadtpark, das ihm eine Bahnfahrt erster Klasse und einen Hotelaufenthalt zahlt. Offenbar hatte er vor dieser Reise aus unerfindlichen Gründen einen Heidenrespekt vor den rotzigen österreichischen Autoren à la Wolfi Bauer oder Ossi Wiener. Nun erlebt er sie in natura, und der Respekt blättert augenblicklich ab, was mich gar nicht wundert. Selbstverständlich werden nun die solchermaßen abgetakelten Österreicher zum Objekt des Spotts, wie auch die Stadt Graz und die österreichischen Verhältnisse von der Bundesbahn bis zum Greißler ums Eck (der Laden an der Ecke). Gut, dass er wieder erster Klasse nach Rom abdampft.

Collagen

Das Buch (von der Aufmachung her einer der letzten Überlebenden der einst avantgardistischen Reihe „das neue buch“) hat mich rein optisch angesprochen, weil es eine Mischung aus Texten und Bildern ist. Brinkmann kollagiert in seinen Text Ansichtskarten, Fahrkarten, Informationsblätter, Stadtpläne, Fotos und Mindmaps (ante litteram) hinein, dass es eine Lust ist. Der Plan der Villa Massimo ist in Volksschullehrer-Handschrift mit winzigen Notizen bedeckt, die davon zeugen, wie intensiv Brinkmann seinen Lokalaugenschein betrieben hat.

Schade nur, dass das alles irgendwie nichts Brauchbares ergibt. Ein dermaßen selbstgefälliger Negativismus läuft sich ja nach 100 Seiten spätestens tot, auch wenn 30 davon mit Bildern gefüllt sind. Ich habe die Lektüre dann beschleunigt und schließlich ganz aufgegeben. Es wird mir keine wesentliche Sinneswandlung des Rompilgers entgangen sein.

Brinkmann, Rolf Dieter: Rom, Blicke. Rowohlt, Reinbek 1997. Reihe: das neue buch. Erstmals erschienen 1979. 448 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Konstantinsbogen und Kolosseum in Rom, 2002, Tuschestift.

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