Marc Elsberg: Blackout

Wolfgang Krisai: E-Werk in Perchtoldsdorf bei Wien, Tuschestift, Buntstift, 2013.

Unauffällig und doch so wichtig: ein Elektrizitätswerk.

Schon vor einiger Zeit habe ich den Anfang dieses Buches gelesen und ihn so spannend gefunden, dass ich das ganze Buch unbedingt lesen wollte. In den Osterferien war dafür Zeit, und ich habe den Ziegel innerhalb von drei Tagen ausgelesen. Das ist der Vorteil spannender Lektüre: Sie liest sich wie von selbst.

In diesem Fall ist die Lektüre aber nicht nur spannend, sondern aufrüttelnd, denn Elsberg macht einem bewusst, wie wenig man auf Katastrophen vorbereitet ist.

14 Tage kein Strom

In diesem Roman ist ein europaweiter Stromausfall die Katastrophe, noch dazu im Winter 2011. Die Energieunternehmen schaffen es 14 Tage lang nicht, das Blackout zu beheben. Was 14 Tage ohne Strom bedeuten, kann man sich zum Teil ausmalen. Elsberg malt das mit Sicherheit aber noch genauer und damit erschreckender aus. Heutzutage hängt ja fast alles von einer funktionierenden Stromzufuhr ab, häufig sogar die Wasserleitung und die WC-Spülung, von der Heizung ganz zu schweigen.

Ein „guter“ Hacker

Der Roman beginnt wirkungsvoll mit einem Verkehrsunfall in der Nähe von Mailand, der durch den plötzlichen Ausfall der Verkehrsampeln verursacht wird. Piero Manzano kommt zum Glück glimpflich davon, nur sein Wagen ist Schrott.

Piero erweist sich bald als die Hauptfigur des Romans. Er ist ein „guter“ Hacker, hat Sicherheitslücken in Computern aufgezeigt und gegen den G8-Gipfel in Genua demonstriert, wo er Opfer polizeilicher Willkür wurde.

Nach dem Unfall und einer Erstversorgung schlägt er sich nach Hause durch. Kein Strom auch dort. Im Stiegenhaus Aufregung, weil der Lift zwischen zwei Stockwerken steckengeblieben ist.

Piero verbringt die Nacht mit seinem Nachbarn Bondoni, einem alten Herren. Die beiden entdecken, dass auf dem kürzlich neu installierten Stromzähler, einem „Smart Meter“, ein seltsamer Code zu sehen ist. Piero ruft ihn in einem Internetforum auf – und siehe da, es ist ein Code, mit dem man dem betreffenden Haushalt den Strom abschalten kann. Aber dieser Code sollte in Italien, wie Piero weiß, nicht zum Einsatz kommen. Da derselbe Code auch auf Bondonis Zähler erscheint, schwant Piero Übles. Er vermutet, jemand habe sich in das Steuerungsnetzwerk der Zähler hineingehackt und diese landesweit abgestellt, sodass das Stromnetz aus dem Gleichgewicht kam und es zu Notabschaltungen kam.

Am nächsten Morgen will er das der staatlichen Stromgesellschaft mitteilen, doch dort will man nichts von ihm wissen. Also sagt er es Journalisten, die vor dem Gebäude warten.

Inzwischen ist praktisch in ganz Europa außer in Russland der Strom ausgefallen.

Ybbs-Persenbeug

Der Handlungsstrang um Piero wird durch viele weitere Handlungsstränge ergänzt. Zum Beispiel jenem, der im Kraftwerk Ybbs-Persenbeug spielt, wo die Computer ständig Fehlermeldungen ausgeben, die zu Abschaltungen führen, obwohl die Generatoren eigentlich in Ordnung sind. Auch hier, so stellt sich im Lauf des Romans heraus, ist das Computersystem manipuliert.

Ein weiterer Handlungsstrang spielt in einem französischen Kernkraftwerk, dessen Notkühlsystem, das bei Stromausfall mit Dieselgeneratoren betrieben wird und eine Kernschmelze verhindern soll, nicht ordentlich funktioniert, wodurch es fast zu einem GAU kommt. Radioaktivität tritt aus, die Umgebung muss evakuiert werden (was bei ausgefallenem Strom nicht so einfach ist).

Dann gibt es da die Familie Bollard. Der Vater ist bei Europol in Den Haag beschäftigt, Frau und zwei Kinder schickt er bald aufs Land in einen Bauernhof, der autark ist und daher ein normales Leben ermöglicht. Solange er noch nicht von frierenden und hungernden Leuten belagert wird. Seine Schwiegereltern schickt Bollard, als er feststellt, dass der Stromausfall länger dauern wird, zu seinen eigenen Eltern an die Loire, wo diese ebenfalls auf einem Bauernhof leben. Ausgerechnet ganz in der Nähe des havarierten Kernkraftwerks, aber davon weiß Bollard noch nichts.

Vier lustige Ladys

Wichtig ist auch eine lustige Truppe von vier jungen Frauen, die bei der EU in Brüssel beschäftigt sind und jetzt nach Tirol auf Schi-Urlaub fahren. Die Tankstellen an der Autobahn funktionieren nicht. Eher zufällig gelangen sie dann doch an Benzin: Sie fahren ab, kommen zu einem Bauernhof, wo die Bauern verzweifelt sind, weil die Melkmaschine nicht geht. Die Kühe müssen aber unbedingt gemolken werden. Die vier Damen helfen mit, händisch zu melken, dafür zapft ihnen der Bauer aus seinem eigenen Tank ein paar Liter Benzin ab. So kommen sie doch noch bis nach Ischgl in ihre Hütte, die zum Glück mit Holz geheizt wird und auch einen Holz-Herd hat, sodass dort Schnee geschmolzen und erwärmt werden kann und es folglich sogar Warmwasser gibt. Bondonis Tochter Lara ist eine der vier. Da Manzano beim Stormversorger abgeblitzt ist, fährt er mit Bondoni in dessen Auto kurzerhand nach Ischgl zu dessen Tochter, damit diese in Brüssel Alarm schlägt. Es gelingt ihnen tatsächlich, zu den vier Frauen vorzudringen, diese zu überzeugen, dass an Manzanos Entdeckung etwas dran ist, und Brüssel zu alarmieren. Dort wird man endlich hellhörig, alarmiert Europol, wo Bollard die Sache übernimmt und findet, man solle diesen Manzano doch am besten nach Den Haag holen und sich von ihm unterstützen lassen. Außerdem habe man ihn dann unter Kontrolle.

Spannend, kenntnisreich, gut recherchiert

Eigentlich würde ich gerne weitererzählen, doch bei einem Thriller passt das wirklich nicht. Daher verrate ich nicht noch mehr, sondern sage nur:

Wunderbar spannende, kenntnisreiche und gut recherchierte Unterhaltung mit ernstem Hintergrund. Elsberg schreibt im Nachwort zur Taschenbuchausgabe, dass er im Gefolge des Romans sogar von Energiegesellschaften und staatlichen Stellen zu Diskussionen eingeladen wurde. Hoffen wir, dass diese aus dem Roman gelernt haben. Dennoch weiß man: Vor einer Katastrophe ist man nie ganz gefeit…

Marc Elsberg ist Wiener und in Baden ins Gymnasium gegangen. Meine Frau und ich erlebten ihn im Café Ritter bei der Wiener Kriminacht 2014, wo er über seinen neuen Roman „Zero“ erzählte. Auch sehr interessant und spannend. Muss ich ebenfalls lesen.

Marc Elsberg: Blackout. Morgen ist es zu spät. Roman. Blanvalet, München 2013. 799 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: E-Werk in Perchtoldsdorf bei Wien, Tuschestift, Buntstift, 2013.

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Österreichische Literatur, Kriminalroman, Science Fiction

5 Antworten zu “Marc Elsberg: Blackout

  1. Lese selten Thriller, doch Elsberg ist ein Muss. Danach wird einem schon mulmig, wenn die Sicherung rausfliegt. Auch „Zero“ von ihm fand ich lesenswert und Hillebrands „Drohnenland“. Hab das alles damals mal unter „Vorsicht ansteckend, Paranoia“ zusammengefasst: https://thomasbrasch.wordpress.com/2014/07/30/vorsicht-ansteckend-paranoia/

  2. Solche Szenarien finde ich immer wieder spannend, zeigen sie uns doch, wie teils bequem wir uns in unserem modernen Leben eingerichtet und wie abhängig wir uns gemacht haben. Eine Kollegin hat mir „Blackout“ ebenfalls sehr empfohlen, so dass ich jetzt nicht drumherum komme. Ich verweise in diesem Zusammenhang gern auf den Roman „Ausgebrannt“ von Andreas Eschbach, der darin beschreibt, wie das moderne Leben angesichts der Ölknappheit nahezu zusammenbricht, dass es aber auch Wege aus der Krise gibt.

  3. Ja,der Roman ist aufrüttelnd – aber leider auch sehr realistisch. Es braucht gar keinen Hackerangriff, um unser zunehmend an der Belastungsgrenze betriebenes europäisches Stromnetz zum Kollabieren zu bringen. Auch wenn die Wiederinbetriebnahme hoffentlich nicht 2 Wochen benötigen wird, sind bereits nach einem Tag massive Auswirkungen auf unsere Versorgungslogistik zu erwarten – auf die wir kaum bis gar nicht vorbereitet sind. Mehr dazu auf http://www.saurugg.net.

  4. Von diesem Buch habe ich schon soviel Gutes gehört und ich las auch »Zero« von Elsberg, das mich wirklich überzeugte. Deine schön geschriebene Buchbesprechung kann mich nur noch in meinem Bestreben, diesen Ziegel, wie Du es so schön nanntest, zu lesen, bestärken.

    Viele liebe Grüße an Dich.

    Shaakai

  5. Pingback: Sonntagsleserin Mai 2015 | buchpost

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