Michael Krüger: Umstellung der Zeit. Gedichte

Wolfgang Krisai: Michael Krüger liest in der Alten Schmiede aus "Umstellung der Zeit". Feder-Skizze, 2015.Im Literarischen Quartier der Alten Schmiede in Wien war wieder einmal Michael Krüger zu Gast. Er stellte die Gedichte des Österreichischen Autors Albert Drach vor und las in einer zweiten Veranstaltung aus seinem neuesten Gedichtband „Umstellung der Zeit“, der allerdings auch schon vor zwei Jahren erschienen ist und jetzt, man staune, bereits in der dritten Auflage vorliegt.

Krüger schreibt eigentlich eine rhythmisierte Prosa, die in Kurzzeilen gesetzt ist. Inhaltlich dreht es sich bei diesen Gedichten häufig um die Natur, wie Krüger sie im Umfeld seines Hauses am Starnberger See erleben kann. Zum Beispiel:

„Ein spitzbübischer Wind / schaukelt in den Vorhängen, / ein anderer liest mein Buch / in rasender Eile.“ (S. 12) So etwas ist schön beobachtet und knapp in Worte gefasst.

Aber wäre es nicht gescheiter, angesichts der Welt zu schweigen? „Ich könnte von Kriegen erzählen, / von Göttern, die sich aus Langeweile / das Leben ausdachten, von Igeln / […] / Aber lieber die Klappe halten, / die Stille ist laut genug.“ (S. 30).

Das Problem ist, dass die Erkenntnis oft ein Rätsel ist: „Wie ich so stehe, / gibt mir das Meer / ein Licht, / das mich entzündet, und mit den Füßen / lese ich / die Blindenschrift der Kiesel.“ (S. 40) Da spürt man förmlich das Stechen der Steinchen in der Fußsohle. Als Botschaft der Natur oder des Meeres hat man es bisher freilich noch nicht aufgefasst.

Während die Natur positiv erlebt wird, ist die Technik eher negativ besetzt: „trübselige Autos, / die sich durch den Tag schleppen / wie Kamele auf Wanderschaft“. (S. 47) Und es ist wahr: diese langsam sich im Stau dahinschiebenden Buckel der Autodächer…

Ein Gedicht ist einem Besuch bei Botho Strauß in der Uckermark gewidmet, ein anderes einem Flug nach New York. Ein anderes schildert Flughafenatmosphäre, wo nichts recht funktionieren will. Ein Besuch in Istanbul.

Dann wieder ein Aufblitzen von Erkenntnis: „Es braucht hoffnungslos lange, bis man / so ungefähr ahnt, wer man ist.“ (S. 85) Das kann ich nur unterschrieben. Die Erkenntnis kann sich auch auf die ganze Menschheit beziehen: „Keiner erinnert sich, warum / wir so geworden sind, / wie wir sind. / Aber wir sind noch da, / wir haben uns nur kurz / aus den Augen verloren.“ (S. 92, in einem Gedicht über „Neujahr 2012“). Ja, und auch „von Gott ist nicht viel / zu sehen bei diesem Licht“. Das schreibt Krüger „Bei Boston, am Meer“, so der Titel des Gedichts (S. 105).

Man merkt: Mich begeistern mehr die originellen Formulierungen und der überraschende Blick, mit dem kleine Erlebnisse einen ungewöhnlichen Touch bekommen, als die Form dieser Gedichte. Michael Krüger seine Gedichte selbst vortragen zu hören – und seine manches noch zusätzlich erhellenden Kommentare dazu – ist darüber hinaus ein besonderer Genuss. Wer nicht in der Alten Schmiede sein konnte, hat zu Anfang eines längeren Interviews mit Denis Scheck Gelegenheit, Michael Krüger HIER beim Vorlesen eines der Gedichte aus dem Band zu erleben.

Michael Krüger: Umstellung der Zeit. Gedichte. 3. Aufl., Frankfurt, Suhrkamp, 2014. 117 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Michael Krüger liest in der Alten Schmiede aus „Umstellung der Zeit“. Feder-Skizze, 2015.

Übrigens ist sehens-, vor allem aber hörenswert, was Krüger, als er noch Hanser-Chef war, zu allerlei Themen im Zusammenhang mit Literatur zu sagen hat, und zwar auf dem youtube-Kanal des Hanser-Verlags unter „Michael Krüger spricht…“.

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Eingeordnet unter Deutsche Literatur, Lyrik

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