Janne Teller: Krieg

Wolfgang Krisai: Umschlag von Janne Teller, Krieg, dtv. Feder, Buntstift, 2016.
Die dänische Autorin Janne Teller, bekannt durch aufrüttelnde Jugendbücher wie „Nichts“, hat in diesem schmalen Bändchen von 56 Seiten versucht, dem Leser die Lage von Flüchtlingen vor Augen zu führen. Damit das eindringlich wird, dreht sie die gegenwärtigen Verhältnisse um: Nicht anderswo ist Krieg und die Flüchtlinge kommen zu uns, sondern hier – konkret in Deutschland – ist Krieg und die Deutschen müssen nach Ägypten und Arabien flüchten.

Der Grund für den Krieg, ein Zerwürfnis innerhalb der EU, spielt keine wesentliche Rolle. Der Krieg bewirkt aber, dass es den Leuten in Deutschland so schlecht geht, dass sie ihr letztes Hemd hergeben, um fliehen zu können.

Integration?

Eine Familie mit Kindern steht im Mittelpunkt. Diese erreicht nach abenteuerlicher Flucht schließlich Ägypten und wird dort mit derselben halbherzigen Aufnahmebereitschaft empfangen, wie dies die Europäer mit den Flüchtlingen aus Asien und Afrika derzeit machen. Es kommt daher zu keiner wirklichen Integration der Flüchtlinge in die ägyptische Gesellschaft, aber an eine Rückkehr in das völlig veränderte Deutschland nach dem Krieg denkt eigentlich auch kaum jemand.

Mitgefühl?

Um beim Leser wirkliches Mitgefühl mit Flüchtlingen zu erzeugen, ist das Buch zu kurz. Allerdings macht es sehr wohl nachdenklich. Zum Beispiel hinsichtlich der Frage, wie man auf einen Krieg in Mitteleuropa vorbereitet ist, der uns zwar derzeit völlig undenkbar erscheint, aber im Grunde innerhalb kürzester Zeit auch bei uns ausbrechen könnte. Was dann? Man will sich das gar nicht vorstellen.

Originell illustriert

Einen großen Teil der vorhandenen Seitenfläche nehmen die originellen Illustrationen von Helle Vibeke Jensen ein, sodass der ohnehin schon kurze und in großer Schrift gesetzte Text noch einmal kürzer wird. Daher braucht man keine Stunde, um das Buch gelesen zu haben. Ursprünglich war das auch gar kein Buch, sondern ein Aufsatz in einer pädagogischen Zeitschrift. Für die deutsche Ausgabe wurde der Text an deutsche Verhältnisse angepasst.

Janne Teller: Krieg. Stell dir vor, er wäre hier. Aus dem Dänischen von Sigrid C. Engeler. Mit Illustrationen von Helle Vibeke Jensen. Reihe Hanser. dtv, München, 5. Aufl., 2015. 56 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Umschlag von Janne Teller, Krieg, dtv. Feder, Buntstift, 2016.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Illustriertes Buch, Jugendliteratur

2 Antworten zu “Janne Teller: Krieg

  1. Das ist ein wirklich interessantes Szenario, dass ich mir auch schon oft selbst vorgestellt habe. Wie würde ich mich verhalten, wenn ich in einer ähnlichen Situation wäre, wie die vielen Menschen, die derzeit nach Europa fliehen und mit einer fremden Kultur und vor allem Sprache konfrontiert werden. Ich betreue so genannte ABC-Tische für Frauen und mir wird dort immer wieder klar, wie anstrengend es ist, vor allem für ältere Menschen, eine Sprache zu lernen, die kaum mit der Muttersprache verwandt ist und außerdem noch ein anderes Alphabet verwendet. Ich bin auch deshalb dankbar, dass ich in Frieden, Sicherheit und (verglichen mit den meisten Menschen auf dieser Welt) Wohlstand leben kann.

    • Ich bewundere es, wenn jemand Zeit findet, mit Flüchtlingen zu arbeiten, und damit etwas Konstruktives zur Bewältigung des Flüchtlingsansturms zu tun. Alles Gute dafür!
      lg, buchwolf

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