Peter Prange: Ich, Maximilian, Kaiser der Welt

Wolfgang Krisai: Drei Figuren vom Grabmal Kaiser Maximilians in der Innsbrucker Hofkirche. Tuschestift, 2009.

Peter Prange stellte 2014 seinen neu erschienenen historischen Roman über Kaiser Maximilian I. in Wien vor, und bei dieser Gelegenheit kaufte ich das Buch und ließ es signieren. Jetzt habe ich es gelesen, und zwar im Rekordtempo, so spannend war es.

Tod in Wiener Neustadt

Von Maximilian I. hatte ich nur eine äußerst vage Vorstellung, die nun etwas stärker konturiert wurde. Allerdings behandelt der Roman praktisch nur die Jahre von seiner Brautwerbung um Marie von Burgund bis zu seiner Erhebung zum Kaiser des Römischen Reichs Deutscher Nation. Er beginnt mit dem Tod Maximilians in Wels. Dieser war gerade auf dem Weg nach Wiener Neustadt – wo er nun begraben liegt. In seiner Todesstunde lässt Prange u. a. zwei Personen um ihn sein, denen er in seinem Roman eine zentrale Rolle zugewiesen hat: Rosina von Kraig, seiner Geliebten, und Kunz von der Rosen, seinem Hofnarren.

Künstlerische Freiheit

Historisch inkorrekt lässt Prange diesen Kunz sogar noch das Ende des Romans erleben, wo er in die Zukunft, nämlich bis zur Kaiserkrönung Karls V. in Bologna, ausgreift, obwohl Kunz im selben Jahr wie Maximilian, 1519, starb. Künstlerische Freiheit.

Doch damit ist auch schon das Problem eines solchen Romans angerissen: Als Leser, der kein Maximilian-Experte ist, weiß man nie, was historisch wahr und was vom Autor erdichtet ist. Daher müsste man nun eigentlich „zum Drüberstreuen“ Hermann Wiesfleckers fünfbändige Mammut-Biographie Maxmilians lesen, um vergleichen zu können.

Unerfreulicher Ränkeschmied

Kunz von der Rosen macht Prange, offenbar auch hier entgegen der historischen Wahrheit, zu einem unerfreulichen Ränkeschmied, der jahrelang im Sold der Franzosen Maximilian zu schaden versucht. Max kommt nie dahinter, ja, er hat nicht einmal den leisesten Verdacht, dass sein gewitzter Hofnarr (auch das war Kunz eigentlich nicht, sondern nur der bunte Vogel des Hofes), den er sogar in den Adelsstand versetzt und immer wieder mit geheimen Aufträgen bedacht hat, eigentlich ein Verräter ist. Für die Erzeugung von Spannung im Roman ist diese Umdeutung der Figur jedoch von größtem Nutzen.

Die Liebe der Staatsraison geopfert

Rosina von Kraig macht Prange hingegen zur großen Liebe von Maximilian. Schon der Jugendliche verfällt dieser schönen jungen Frau, der er ewige Liebe schwört. Als die Staatsraison den jungen Thronfolger zwingt, eine standesgemäße Ehe einzugehen, trennen sich die Wege von Max und Rosina für einige Zeit. Rosina gerät in einer Truppe von Schaustellern und zieht mit ihnen durch die Welt. In Gent stößt sie wieder auf Max, der sie unbedingt als seine Mätresse haben will.

Bildschön, sportlich, blitzgescheit: Marie von Burgund

Verheiratet ist Max nun ja mit Marie von Burgund, einer bildschönen, sportlichen und blitzgescheiten Frau, in die er sich, ganz gegen seine Erwartung (Kunz hat sie ihm im Auftrag der Franzosen als hässliche Hexe dargestellt), bis über beide Ohren verliebt hat. Marie weckt in Max Seiten, die er bisher noch nicht entwickelt hatte, so seine sprachlichen Fähigkeiten, das Interesse an Kunst, Musik und Literatur und vor allem an der Politik. Das Herzogtum Burgund, das Maries Vater Karl der Kühne zu hoher weltpolitische Bedeutung führen konnte, ist nämlich ein höchst umstrittenes Gebiet: Kaiser Friedrich III., Maximilians Vater, will es im Römisch-Deutschen Kaiserreich haben, der französische König Ludwig reklamiert es für Frankreich, und im Land selbst kämpfen aufständische Handwerker unter Jan Coppenhole mit Maximilian um die Regierungsgewalt. Marie und Max sind fest entschlossen, Burgund zusammenzuhalten und nicht in die Hände der Franzosen fallen zu lassen. Es kommt zu einer jahrzehntelangen Abfolge von Kriegen, die Max zum Teil gewinnt, da er ein tollkühner Kämpfer und innovativer Stratege ist, zum Teil verliert, weil er immer zu wenig Geld und damit zu wenig Söldner hat.

Tödlicher Sturz

Marie von Burgund kommt früh zu Tode. Prange gibt Max, Rosina und Kunz daran die Schuld: Kunz hat – wieder im Auftrag des Feindes – den Sattelgurt Maries angeritzt; Rosina hat Max gezwungen, sich zu ihr zu bekennen; Max hat dieses Bekenntnis lange aufgeschoben, doch eines Tages gesteht er Marie sein Verhältnis zu Rosina doch. Marie galoppiert wutentbrannt davon, setzt über einen breiten Graben, das Pferd strauchelt, der Sattelgurt reißt, Marie fliegt in hohem Bogen davon, schlägt hart auf und stirbt wenige Tage darauf an ihren Verletzungen.

Rosina sucht das Weite und begeht sogar einen Selbstmordversuch, der aber statt zum Tod zum Verlust jeglicher Erinnerung an Maximilian führt. Ausgerechnet Kunz findet die Halbtote und holt gleich Max’ Erzfeind Coppenhole, dem er sie als Faustpfand gegen Max empfiehlt. Coppenhole verliebt sich in Rosina, die sich nun Barbara nennt, und heiratet sie sogar. Allerdings erlangt sie ihr Gedächtnis wieder und kommt Coppenhole auf die Schliche. Mit einem, der sie jahrelang belogen hat, will sie nicht länger zusammen sein. Coppenholes Tage sind aber ohnedies gezählt, denn im Zuge der Kriegswirren wendet sich Gent gegen seinen ehemaligen Führer und lässt ihn köpfen.

Grausamkeit und Depression

Maximilian hat nämlich inzwischen mit Frankreich Frieden geschlossen – nach haarsträubenden Vorkommnissen zwar, aber was fordert nicht alles die Staatsraison im Verein mit einem leeren Säckel! Nun kann er sich, inzwischen zum Deutschen König gekrönt, an die Befriedung der Ungarn machen. In diesem Feldzug, den er zusammen mit seinem Sohn Philipp dem Schönen unternimmt, zeigt sich Maximilians widersprüchliche Persönlichkeit besonders krass: ungeheure Entschlossenheit im Kampf, hohe Qualität als Heerführer, Menschenkenntnis einerseits, plötzlich hervorbrechende unmenschliche Grausamkeit und tiefe Depressionen andererseits. Philipp, der dies erstmals miterlebt, ist von seinem Vater mehr als enttäuscht.

Ins Gedächtnis eingebrannt

Alles dies und noch viel mehr – erzählt Peter Prange in kurzen Kapiteln, die immer mit einem unaufdringlichen Cliffhanger enden und den Leser zum Weiterlesen zwingen. Die Figuren, allen voran Marie und Max, treten plastisch und lebendig vor die Augen des Lesers, der jedoch genauso den Gauner Kunz von der Rosen verwünscht und die vom Schicksal gebeutelte Rosina bedauert. Nach 650 Seiten haben sich die historischen Persönlichkeiten von Friedrich III. bis Karl V., von Karl dem Kühnen zu Ludovico il Moro, von Maximilians Schwester Kunigunde bis zu seiner Tochter Margarethe genauso wie die Hauptfiguren selbst ins Gedächtnis des Lesers gegraben, was einem bloßen Geschichtsbuch wesentlich weniger leicht gelingen würde. Und genau deshalb liest man einen historischen Roman.

Peter Prange: Ich, Maximilian, Kaiser der Welt. Historischer Roman. Fischer Scherz, Frankfurt a. M. 2014. 671 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Drei Figuren vom Grabmal Kaiser Maximilians in der Innsbrucker Hofkirche. Tuschestift, 2009. – Kaiser Maximilians beeindruckendes Grabmal in der Innsbrucker Hofkirche besteht aus einem Sarkophag und an die 30 überlebensgroßen Metallfiguren, den sogenannten „Schwarzen Mandern“ (obwohl auch einige Frauen darunter sind) sowie einer Reihe von Porträtbüsten. Absolut sehenswert.

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