Rainer Schmidt: Das Teebuch für Anfänger, Profis und Freaks

Wolfgang Krisai: Lesende mit einer Tasse Tee, Pinselstift, 2013.

Auf der Buch Wien 2016 fiel mir Rainer Schmidts „Kleines Teebuch“ auf, und in der Buch Wien Buchhandlung entdeckte ich dann sozusagen die „Großversion“ des Buches, nämlich „Das Teebuch für Anfänger, Profis und Freaks“.

In diesem schön bebilderten und gediegen gemachten Buch informiert Schmidt über die Teepflanze, die Teeherstellung, verschiedene Blattgrade und Teesorten und -mischungen, aber auch so spezifische Dinge wie die Tee-Lagerung in der Hamburger Speicherstadt. Hamburg ist nämlich Schmidts Arbeitsort.

Schwarztee fermentiert schnell

Was ich nicht wusste, ist die Geschwindigkeit, mit der die Fermentierung des Tees vor sich geht. Ein paar Stunden sind nur nötig, und das bei nächtlicher Kühle, sobald die Teeblätter entsprechend „gerollt“, sprich, mit einem Apparat ein wenig durch die Mangel gedreht und damit vielfach aufgebrochen sind, sodass Sauerstoff ans Innere der Blätter kommt, der die Fermentation ermöglicht. Schwarzer Tee entsteht also innerhalb einer einzigen Nacht, und dann könnte man ihn schon genießen. Allzu lang sollte man Tee jedenfalls nicht lagern, da er seine Aromastoffe verliert.

Fünfmal soviel Koffein

Fermentierter Tee hat übrigens nur ein Fünftel der Koffeinmenge des Grünen Tees, kein Wunder also, dass grüner Tee einen wesentlich munterer macht als der schwarze.

Ein großer Abschnitt ist einer detaillierten Beschreibung der Tee-Anbaugebiete auf der ganzen Welt gewidmet, obwohl aus manchen Gebieten z. B. in Afrika nie ein Tee in europäische Geschäfte kommt, da die Qualität zu minder ist.

Fairer Teehandel?

Interessant war auch die Diskussion des Fairen Teehandels: Schmidts Conclusio ist, es sei im Endeffekt besser, hochwertige, teure Teesorten aus normalem Anbau zu kaufen, weil man damit viel mehr Produzenten signalisiert, dass der Kunde hochwertige Produkte will, weshalb der Produzent darauf achten wird, sein gut geschultes Personal durch höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen an seine Plantage zu binden. Plantagen mit großer Fluktuation von Arbeitskräften bringen normalerweise keine hohe Qualität des Tees zustande, denn es ist eben eine Kunst, den Tee richtig zu ernten.

Die richtige Teezubereitung

Dreißig Seiten des Buches sind der richtigen Teezubereitung und dem Teegenuss gewidmet. Hier habe ich einmal einen handfesten Tipp gefunden, wie man die richtige Aufgusstemperatur für grünen Tee zustande bringt: nach dem Aufkochen fünf Minuten warten, dann aufgießen. Da für grünen Tee kein kochendes Wasser nötig ist, kann man auch heißes Wasser in der Thermoskanne z. B. zum Arbeitsplatz mitnehmen und dann damit immer wieder ein paar Teeblätter aufgießen. Das könnte ich einmal ausprobieren.

Schmidt plädiert entschieden für halbkugelige Glaskannen mit riesigem Metall-Teesieb. Von Kunststoff-Sieben rät er dagegen ab, da sie den Geschmack des Tees nachteilig verändern.

Tee im Teebeutel?

Während in anderen Teebüchern dem Tee in Portionsbeuteln nicht einmal ein Wort gewidmet wird, geht Schmidt darauf an vielen Stellen ein und macht deutlich, warum es sich dabei eigentlich um nur den halben Teegenuss handelt, wenn überhaupt. Zunächst wird der Tee extrem stark zerkleinert, damit er gut ins Sackerl rieselt, dadurch verliert er aber praktisch alle Aroma- und Inhaltsstoffe an die Luft, und was noch da ist, wird vom Filterpapier zurückgehalten und gelangt nie an den Gaumen des Trinkers. Es kommt daher beim Sackerltee in erster Linie auf die Färbekraft des Tees an, die sofort wirksam werden soll. Dafür eignen sich besonders die Assam-Sorten, während chinesischer Tee viel heller bleibt.

Die Farbe des Aufgusses ist übrigens auch beim Blatt-Tee kein Kriterium der Stärke, sondern sie variierte je nach Sorte.

Gesundheitsfördernd

Abschließend zählt Schmidt all jene gesundheitlich positiven Wirkungen auf, die man dem Tee zuschreibt, insbesondere dem grünen Tee: Er ist gut gegen Krebs und zu hohen Cholesterinspiegel, er regelt den Blutdruck, verlangsamt das Altern und mach munter (das ist die bekannteste Wirkung), darüber hinaus wehre er Grippeviren ab, sorge für Entspannung, helfe gegen Depressionen und fördere die geistige Leistungsfähigkeit.

Rooibos-Tee

Was Schmidt kaum bis gar nicht behandelt, sind Tees, die nicht aus der Teepflanze hergestellt werden. Er erwähnt den Rooibos-Tee, das war’s dann aber schon. Die enorme Vielfalt der Kräutertees bleibt „außen vor“. Dabei wäre ein Buch über Kräutertees aus dem Blickwinkel des Genießers durchaus wünschenswert, denn Kräutertees trinkt man heute nicht mehr nur, wenn man krank ist, sondern auch sonst.

Ein Glossar schließt den Band ab.

Trotzdem: Eine lohnende Lektüre, nach der man seinen Tee gleich viel wissender beäugt, beschnuppert und trinkt.

Rainer Schmidt: Das Teebuch für Anfänger, Profis und Freaks. Braumüller, Wien, 2. Auflage 2014. 162 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Lesende mit einer Tasse Tee, Pinselstift, 2013.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Sachbuch

2 Antworten zu “Rainer Schmidt: Das Teebuch für Anfänger, Profis und Freaks

  1. Das klingt nach einem interessanten Buch, lieber Wolfgang. Dass er den Kräutertee außen vor lässt, kann ich aber verstehen. Er wollte sich vermutlich wirklich auf Teepflanzen konzentrieren – sonst wäre es ja ein fast schon enzyklopädisches Werk geworden ; )

    • Liebe Petra!
      Natürlich verstehe ich die Beschränkung auf die Teepflanze aus der Sicht des Autors und des Verlags. Aber irgendwie kommt mir das so vor, als schriebe jemand über Amerika, rede nur von den USA und erwähne mit keiner Silbe, dass es da noch weitere hochinteressante Länder zwischen Alaska und Feuerland gibt. Die „Kräuterteeszene“ ist ja inzwischen abseits von rein medizinischen Gesichtspunkten genauso interessant wie die Welt des schwarzen und grünen Tees.
      Ich wünsche dir angenehmes lesen mit einer guten Tasse Tee!
      buchwolf

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