Schatzkammer des Wissens. 650 Jahre Österreichische Nationalbibliothek

Wolfgang Krisai: Prunksaal der Österreichischen Nationalbiliothek. Tuschestift und Buntstift, 2015.

Die Österreichische Nationalbibliothek nimmt als ihr Gründungsjahr das Jahr 1368 an – als das Evangeliar des Johannes von Troppau fertiggestellt wurde (einen wirklichen Gründungsakt gibt es nämlich nicht). Aus diesem Anlass ist im Prunksaal heuer das ganze Jahr lang (vom 26. 1. 2018 bis 13. 1. 2019) die Ausstellung „Schatzkammer des Wissens. 650 Jahre Österreichische Nationalbiliothek“ zu sehen. Ich besuchte sie gleich in den ersten Tagen, kaufte den Ausstellungskatalog und las ihn innerhalb weniger Tage.

Essayistische Beleuchtung von allen Seiten

Eine Reihe von Essays beschreibt einerseits die Entwicklungsschritte der Nationalbibliothek von der Habsburgischen Büchersammlung über die Hofbibliothek bis zur Nationalbilbiothek von heute und der Zukunft, andererseits die verschiedenen Teilinstitutionen wie den Prunksaal, die Kartensammlung, die Papyrussammlung, die Plansprachen-Sammlung oder das Literaturmuseum (der zugehörige Essay hat aber mit dem Museum nichts zu tun, sondern behandelt nur einige Manuskripte von Musil, Doderer, Bachmann und Handke – in meinen Augen der am wenigsten informative Teil des Katalogs). Eigene Kapitel sind dem „Bibliotheksstück“ oder der Zensur gewidmet. Eines befasst sich mit der Bibliothek in und nach der NS-Zeit, wo an die 200000 Bücher und Sammlungsobjekte illegal in die Bibliothek gelangten, von denen bislang rund 50000 wieder an die Erben der damaligen Eigentümer restituiert wurden. Da damals die requirierten Bücher gleich lastwagenweise herangekarrt wurden, konnte und wollte man über die genaue Herkunft meist nicht Buch führen, sodass heute eine Restitution unmöglich ist.

Bedeutende Bibliothekare

Große Persönlichkeiten unter den Bibliothekaren waren:

der erste Bibliothekar Hugo Blotius (1533-1608), der 1575 zum Hofbibliothekar ernannt wurde und gleich neben den über dem damals noch vorhandenen Kreuzgang des Minoritenklosters untergebrachten Buchbeständen wohnte;

Gerard van Swieten und sein Sohn Gottfried in der Zeit Maria Theresias und der Aufklärung;

Josef Bick (1880-1952), der der bedeutendste österreichische Bibliothekar des 20. Jahrhunderts war und die NB von 1923-38 und 1945-49 leitete.

Platzmangel durch die Jahrhunderte

Durch die Jahrhunderte zogen sich die immer gleichen Probleme:

Platzmangel für die Bücher: Das beginnt mit Lächerlichkeiten wie der Tatsache, dass man zu Blotius’ Zeiten gar keinen separaten Eingang in die Bibliothek hatte, sondern entweder durchs Minoritenkloster oder die Privatwohnung des Direktors eintreten musste. Es setzt sich fort mit dem immer gleichen Problem jeder noch so zukunftsweisenden Erweiterung: schon wenige Jahrzehnte nach dem Bau des Prunksaals war dieser für die Bücher zu klein, genauso wie der moderne Tiefspeicher inzwischen auch schon voll ist.

Platzmangel für die Leser: Schon früh wurden die Bestände der Hofbibliothek auch der interessierten (zunächst nur männlichen) Öffentlichkeit zugänglich gemacht, aber es gab keine richtigen Lesesäle, sondern man musste sich mit ungeeigneten Räumlichkeiten behelfen, wo zu wenig Platz für die nötigen Tische war. Allmählich erkämpften sich die Direktoren größere Räume, wovon der Augustiner-Lesesaal der heute noch markanteste ist, wenn man von der gewaltigen Erweiterung in den 1960er-Jahren absieht, wo die NB in die Neue Hofburg „hineinwuchs“ mit den von Theiss, Jaksch & Jaksch adaptierten Räumen und der von Margret Gressenbauer-Scherer eigens designten Inneneinrichtung. Die ganz große Lösung war das nicht. Diese wäre ein völliger Bibliotheksneubau gewesen, wie ihn Werner Theiss entworfen hatte: ein radförmiger Gebäudekomplex mit einem Hochhaus in der Mitte, in dem in den oberen Stockwerken die Bücher gespeichert werden sollten, während in den Speichen die Lesesäle und im Rad selbst alle administrativen Räume untergebracht werden sollten. Das wäre eine Sehenswürdigkeit erster Güte geworden…

Wenig informativer Katalogteil

Seltsam uninformativ ist dann der eigentliche Katalogteil ausgefallen, der sich bescheiden „Anhang“ nennt und kaum mehr als eine Auflistung der Exponate ist. Das ist ärgerlich, denn zu vielen der Exponate hätte ich gerne eine ausführlichere Erläuterung und eine größere Abbildung gehabt.

Objekte des Monats

Eine Besonderheit der Ausstellung sind die „Objekte des Monats“. Diese Kostbarkeiten können im Original nicht während der ganzen einjährigen Ausstellungsdauer gezeigt werden, sondern sind jeweils nur ein Monat zu sehen. Nach dem nur wenige Tage ausgestellten Evangeliar des Johannes von Troppau sind das etwa ein antiker Papyrus, die Tabula Peutingeriana, eine Gutenbergbibel oder ein Aquarell von Jakob Alt. Diese Objekte sind alle im Katalog abgebildet.

Schatzkammer des Wissens. 650 Jahre Österreichische Nationalbibliothek. [Ausstellungskatalog.] Hg. v. Johanna Rachinger. Kremayr & Scheriau, Wien, 2018. 255 Seiten, viele Abbildungen.

Bild: Wolfgang Krisai: Prunksaal der Österreichischen Nationalbiliothek. Tuschestift und Buntstift, 2015.

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