Oliver Pötzsch: Der Spielmann. Die Geschichte des Johann Georg Faustus

Bild: Wolfgang Krisai: Mittelalterfest Mödling. 2018.Als ich neulich in einer Wiener Buchhandlung war, entdeckte ich unter den historischen Romanen Oliver Pötzsch: „Der Spielmann. Die Geschichte des Johann Georg Faustus“. Da ich kürzlich mit einer Klasse den Faust behandelte, zog mich der Titel gleich magisch an. Ich kaufte das Buch – und las es sofort.

Der Roman ist nur der erste Teil eines Zweiteilers, der zweite Band soll 2019 erscheinen.

Faust – realistisch

Pötzsch macht den Versuch, das Leben Fausts realistisch darzustellen, so weit dies geht. Denn um die Gestalt des Taufels kommt er natürlich nicht herum, will er auch gar nicht, logischer Weise.

Der Teufel ist in diesem Fall ein „unsterblicher“, geheimnisvoller Magier, dem Johann Faust zum ersten Mal in seiner Kindheit in seiner Heimatstadt Knittlingen bei einem Kirtag begegnet. Seither geht dem Buben diese Gestalt nicht mehr aus dem Kopf.

Teufel Tonio als Retter

Der Zauberer, Tonio hießt er, hilft Johann bald aus einer Patsche, in die er geraten ist, weil er sich in Margarete, die Tochter des reichsten Bauern des Orts, verknallt hat. Margarete erwidert zwar die Liebe, aber sie werden ertappt, und Johanns kaltherziger Vater, der ihn hasst, weil er gar nicht sein Kind, sondern das eines Gauklers ist, mit dem sich seine Frau eingelassen hat, jagt ihn davon.

In einem Wirtshaus wird Faust wieder aus einer Patsche befreit – von Tonio, der ihn daraufhin mit sich nimmt, als Lehrling.

Faust fährt mit dem Magier kreuz und quer durchs Land, überall treten sie als Gaukler und Wahrsager auf. Faust lernt Handlesen und bemerkt, dass er aus der Hand den nahen Tod mancher Leute sehen kann. 

In einem abgelegenen Turm hat Tonio ein Winterquartier. Dort betreiben die beiden Studien, Tonio allerdings geheim, was Fausts Neugier reizt.

Teuflische Verstrickung

Im Lauf der wendungsreichen Handlung, die Faust mit Margarete wieder zusammenführt oder ihn als Chef einer Gauklertruppe nach Venedig gelangen lässt, gerät Faust immer tiefer in die teuflische Verstrickung, deren Drahtzieher Tonio ist.

Immer dort, wo Tonio auftaucht, verschwinden kleine Kinder. Als Faust in Nördlingen mit einem Initiationsritual in eine Bande von Teufelsanhängern aufgenommen werden soll, bemerkt er auch, wozu die Kinder gebraucht werden: deren Blut wird im Rahmen der Teufelszeremonie getrunken. Entsetzt kann er sich dem Geschehen durch Flucht in letzter Minute entziehen. Das geschieht etwa in der Mitte des Romans. Tonio scheint ihn danach aus den Augen verloren zu haben – doch das erweist sich als eine Täuschung. Faust scheint ihm nicht zu entkommen.

Peinliche Modernismen

Der Roman ist recht gut geschrieben, wenn auch einige peinliche sprachliche Modernismen stören: Mehrfach heißt es z. B. „zögerlich“, einmal sogar sagt Tonio, sie hätten „alle Zeit der Welt“. So etwas ist natürlich grauenhaft, zumal es offenbar weder Autor noch Lektor seltsam vorkommt.

Goethe-Zitate

Lustig für Kenner des Goethe’schen Faust sind die gelegentlich eingestreuten Goethe-Zitate: „Blut ist ein ganz besond’rer Saft“, „Johann, mir graut’s vor dir“, usw. Für Nicht-Kenner sind die Zitate in einem Anhang aufgelistet.

Gespannt bin ich, wie Pötzsch die Handlung vorantreiben will. Alles ist offen. Er könnte sich an die Handlungsfülle von „Faust II“ halten, dann kann er leicht wieder 800 Seiten zustande bringen. Die große Frage ist dann: Wird Faust – wie im Volksbuch – vom Teufel geholt oder wie bei Goethe doch noch erlöst?

Oliver Pötzsch: Der Spielmann. Die Geschichte des Johann Georg Faustus. List/Ullstein-Verlag, Berlin, 2018. 783 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Mittelalterfest Mödling. 2018.

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Eingeordnet unter biographischer Roman, Deutsche Literatur

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