Solomon, Maynard: Beethoven. Biographie

Wolfgang Krisai: Beethovenmuseum Probusgasse, Wien. Bleistiftzeichnung, 2020.

Maynard Solomons „Beethoven“ soll nach wie vor eine der besten Biographien des großen Komponisten sein. Daher las ich sie anlässlich des Beethoven-Jubiläumsjahres.

Solomon teilt Ludwig van Beethovens Leben (1770-1827) in große Abschnitte ein: „Bonn“, „Wien – die frühen Jahre“, „Die heroische Periode“, „Die letzten Jahre“. Innerhalb jedes Abschnitts geht es in erster Linie um biographische Aspekte, den Schluss bildet dann jeweils ein umfangreicherer Abschnitt zur in dieser Zeit komponierten Musik. Diese Darstellungen sind dennoch knapp, aber Musikanalyse ist natürlich nicht der Hauptzweck einer Biographie.

Besonders interessant fand ich die Abschnitte über Beethovens Verhältnis zu seinen Eltern, die detektivische Suche nach der „Unsterblichen Geliebten“ und die Querelen um die Vormundschaft über seinen Neffen Karl.

Der Vater – ein Trunkenbold

Der Vater war ja ein Trunkenbold, der im Vergleich zu seinem Vater, also Beethovens Großvater, in der Musik wenig und sonst auch nichts leistete. Die Mutter hatte in der Familie das Heft in der Hand, und nach deren Ableben musste Beethoven als ältester (lebender) Sohn diese Rolle übernehmen. Damit der Vater das Geld nicht versaufen konnte, suchte er sogar beim Fürstbischof, bei dem der Vater als Musiker angestellt war, an, dass dessen Gehalt zur Hälfte direkt an ihn, den Sohn, ausgezahlt werde. Das muss aber vom Vater als arge Demütigung angesehen worden sein, sodass Beethoven nie damit ernst machte. Das große Vorbild war jedenfalls nicht der Vater, sondern der Großvater.

Die unsterbliche Geliebte

Solomon weist nach, dass es Antonia Brentano gewesen sein muss. Das Kapitel ist spannend wie ein Detektivroman. Offenbar waren die Tage rund um den berühmten Brief an die „Unsterbliche Geliebte“ für Beethoven und das Ehepaar Brentano äußerst turbulent, aber es ist ihnen gelungen, ihr Beziehungs-Schifflein wieder in ruhigeres Fahrwasser zu manövrieren und weiterhin Freunde zu bleiben. Antonia scheint nämlich Beethoven ein Angebot gemacht zu haben, für ihn ihren Mann zu verlassen. Beethoven war überwältigt (vielleicht ist es ja wirklich zu einem sexuellen Abenteuer gekommen), aber im Endeffekt lehnt er Antonias Angebot ab. Unter „normalen“ Menschen hätte dies den völligen Bruch bedeutet. Hier aber nicht. Erst finanzielle Machinationen Beethovens rund um die Publikation der „Missa Solemnis“, in die er auch Franz Brentano hineinzog, führten schließlich Jahre später zum Ende dieser Freundschaft.

Die Querelen um den Neffen Karl

Auch hier scheint es sich um eine psychologisch äußerst komplizierte und widersprüchliche Angelegenheit gehandelt zu haben. Beethoven wollte Karl als eine Art Sohn haben und ihn um jeden Preis seiner für unwürdig erachteten Mutter Johanna entziehen, nachdem Karls Vater, der Bruder Beethovens, gestorben war. Sehr überraschend ist, dass sich die Sache löste, als Karl sich erschießen wollte und mit einer Kugel im Kopf (!!!) lebend aufgefunden wurde. Nach der Heilung beschritt er eine solide Laufbahn als kleiner Staatsbeamter. Kaum zu glauben!

Beethovens Taubheit

Auch Beethovens Taubheit war nicht so entschieden, wie man sich das landläufig vorstellt, sondern sie entwickelte sich schrittweise und nicht für alle Tonfrequenzen in gleichem Maße, sodass er manchmal noch gewisse Töne hören konnte, während er andere nicht hörte. Klar aber, dass einen so etwas als Musiker in Verzweiflung stürzen kann. Das berühmte „Heiligenstädter Testament“, im Buch natürlich in voller Länge zu lesen, ist ein Dokument dieser Verzweiflung – geschrieben bereits in einem Anfangsstadium der Taubheit.

Napoleon und die „Eroica“

Beethovens Verhältnis zu Napoleon ist auch ein ganzes Kapitel gewidmet. Rund um die Widmung der Eroica ist es ja zu allerlei seltsamem Hin-und-Her gekommen. Mit Napoleon in Zusammenhang steht auch Beethovens damals populärstes und von den Musikwissenschaftlern besonders ablehnend behandeltes Werk: „Wellingtons Sieg“ op. 91.

Insgesamt jedenfalls ein sehr interessantes und lesenswertes Buch, das mir ein deutlich differenzierteres Bild des großen Komponisten vermittelte, als ich es bisher hatte.

Solomon, Maynard: Beethoven. Biographie. Büchergilde Gutenberg, [1977]. 446 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Beethovenmuseum Probusgasse Wien, Bleistiftzeichnung, 2020.

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