Stifter: Sonnenfinsternis 1842

Der Kornhäuselturm in Wien, am westlichen Ende des Fleischmarkts bei der Stiege zur Judengasse, von dessen Dachplattform aus Stifter die Sonnefinsternis beobachtete. (Foto: Invisigoth67, Quelle: commons.wikimedia.org)

Der Kornhäuselturm in Wien, am westlichen Ende des Fleischmarkts bei der Stiege zur Judengasse, von dessen Dachplattform aus Stifter die Sonnenfinsternis beobachtete. (Foto: Invisigoth67, Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kornhäuselturm_Wien_Bild2.jpg)

Adalbert Stifter (1805 – 1868):

Die Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842

Für heutige LeserInnen behutsam bearbeitet von Wolfgang Krisai

Es gibt Dinge, die man fünfzig Jahre weiß, und im einundfünfzigsten erstaunt man über die Schwere und Furchtbarkeit ihres Inhaltes. So ist es mir mit der totalen Sonnenfinsternis ergangen, welche wir in Wien am 8. Juli 1842 in den frühesten Morgenstunden bei heiterem Himmel erlebten.

Ich kann die Sache recht schön auf dem Papier durch eine Zeichnung und Rechnung darstellen. Ich wusste, um soundso viel Uhr tritt der Mond vor die Sonne und ein Stück seines kegelförmigen Schattens trifft auf die Erde und zieht einen schwarzen Streifen über ihre Kugel. Das sieht dann aus, als rücke eine schwarze Scheibe in die Sonne und nehme immer mehr und mehr von ihr weg, bis nur eine schmale Sichel übrig bleibt und endlich auch diese verschwindet. Auf Erden wird es dabei immer finsterer und finsterer, bis wieder am andern Ende die Sonnensichel erscheint und wächst und das Licht auf Erden nach und nach wieder zum vollen Tag anschwillt. Dies alles wußte ich, und zwar so gut, dass ich eine totale Sonnenfinsternis im voraus so genau beschreiben zu können glaubte, als hätte ich sie bereits gesehen.

Aber als sie nun wirklich eintraf, als ich auf einer Aussichtswarte hoch über der Stadt stand und die Erscheinung mit eigenen Augen anblickte, da geschahen freilich ganz andere Dinge, an die ich weder wachend noch träumend gedacht hatte und an die keiner denkt, der das Wunder nicht gesehen hat.

Nie und nie in meinem ganzen Leben war ich so erschüttert, von Schauer und Erhabenheit so erschüttert, wie in diesen zwei Minuten. Es war, als hätte Gott auf einmal ein deutliches Wort gesprochen und ich hätte es verstanden. Ich stieg von der Warte herab, wie vor tausend und tausend Jahren etwa Moses vom Berg Sinai herabgestiegen sein mochte: verwirrten und betäubten Herzens.

Dabei war es eine so einfache Sache: Ein Körper leuchtet einen andern an, und dieser wirft seinen Schatten auf einen dritten. Aber diese Körper sind so ungeheuer weit voneinander entfernt, dass wir in unserer Vorstellung kein Maß mehr dafür haben, sie sind so riesengroß, dass sie über alles, was wir groß nennen, hinauswachsen. Eine solche moralische Wucht ist in dieses Naturereignis gelegt, dass es sich für unser Empfinden zu einem unbegreiflichen Wunder auftürmt.

Vor tausendmal tausend Jahren hat Gott es so eingerichtet, dass es heute zu dieser Sekunde sein wird; unseren Herzen aber hat er die Fähigkeit gegeben, es zu empfinden. Durch die „Schrift“ der Sterne hat er versprochen, dass dieses Ereignis kommen werde nach tausend und tausend Jahren, unsere Vorfahren haben diese Schrift entziffern gelernt und die Sekunde vorhergesagt, in der es eintreffen müsse; wir, die späten Nachfahren, richten unsere Augen und Fernrohre in genau dieser Sekunde zur Sonne, und siehe: es kommt! Der Verstand triumphiert schon, dass er die Pracht und Gestalt des Kosmos nachgerechnet und Gott damit durchschaut hat. Und in der Tat – diesen Triumph hat der Mensch wohl verdient –, das Phänomen kommt und still wächst es weiter wie vorausgesagt.

Doch Gott gab diesem Ereignis auch für das Herz etwas mit, das wir nicht vorausgewusst und das millionenmal mehr wert ist, als was der Verstand begreift und vorausberechnen kann: das Wort gab er ihm mit: „Ich bin! – Aber nicht darum bin ich, weil es diese Himmelskörper und diese Sonnenfinsternis gibt, nein, sondern darum, weil euch in diesem Moment euer Herz erschauernd sagt, dass es Gott gibt, und weil dieses Herz sich trotz des Schauers als groß empfindet“. – Ein Tier fürchtet sich, der Mensch aber betet an.

Ich will in diesen Zeilen versuchen, für die tausend Augen, die zugleich in jenem Moment zum Himmel aufblickten, das Bild und für die tausend Herzen, die zugleich schlugen, die Empfindung nachzumalen und festzuhalten, so weit dies eine schwache menschliche Feder überhaupt zu tun imstande ist.

Ich stieg um 5 Uhr auf die Aussichtsplattform des Hauses Nr. 495 in Wien, von wo aus man die Übersicht nicht nur über die ganze Stadt hat, sondern auch über das umgebende Land bis zum fernsten Horizont, an dem die ungarischen Berge wie zarte Luftbilder dämmern. Die Sonne war bereits herauf und glänzte freundlich auf die dunstigen Donauauen nieder, auf die spiegelnden Wasser und auf die vielkantigen Formen der Stadt, vor allem auf die Stephanskirche, die fast greifbar nahe aus der Stadt wie ein dunkles, ruhiges Gebirge emporragte.

Mit einem seltsamen Gefühl schaute man die Sonne an, da an ihr nach wenigen Minuten so etwas Merkwürdiges vorgehen sollte. Weit draußen, wo der große Strom, die Donau, fließt, lag ein dicke, langgestreckte Nebellinie, auch im südöstlichen Horizont krochen Nebel und Wolkenballen herum, die uns hoffentlich nicht die Sicht nehmen würden, und ganze Teile der Stadt schwammen im Dunst. An der Stelle der Sonne waren nur ganz schwache Schleier, und auch diese ließen große blaue Inseln durchblicken.

Die Instrumente wurden eingestellt, die Sonnengläser in Bereitschaft gehalten, aber es war noch nicht an der Zeit. Unten ging das Gerassel der Wägen, das Laufen und Treiben an – oben sammelten sich betrachtende Menschen; unsere Warte füllte sich, aus den Dachfenstern der umstehenden Häuser blickten Köpfe, auf Dachfirsten standen Gestalten, alle nach derselben Stelle des Himmels blickend. Sogar auf der äußersten Spitze des Stephansturmes, auf der letzten Platte des Baugerüstes stand eine schwarze Gruppe, wie auf einem Felsen oft ein paar Bäumchen. Wie viele tausend Augen mochten in diesem Augenblicke von den umliegenden Bergen nach der Sonne schauen, nach derselben Sonne, die Jahrtausende ihr segensreiches Licht herabschickt, ohne dass einer dankt. Heute ist sie das Ziel von Millionen Augen, vorläufig schwebt sie aber immer noch, wenn man sie mit dämpfenden Gläsern anschaut, als rote oder grüne Kugel rein und schön umrissen im Raum.

Endlich, zur vorausgesagten Minute, empfing sie gleichsam einen sanften „Todeskuss“ wie von einem unsichtbaren Engel. Ein feiner Streifen ihres Lichtes wich vor dem Hauch dieses Kusses zurück, während der andere Rand im Glas des Fernrohrs unberührt blieb. „Es kommt“, riefen nun auch die, die bloß mit dämpfenden Gläsern, aber sonst mit freien Augen hinaufschauten. „Es kommt“, und mit Spannung blickte nun alles auf den Vorgang.

Die erste seltsame, fremde Empfindung rieselte nun durch die Herzen: Es war die, dass draußen in der Entfernung von Tausenden und Millionen Meilen, wohin nie ein Mensch vorgedrungen war, an Körpern, deren Wesen nie ein Mensch erforscht hatte, nun auf einmal etwas zur selben Sekunde geschieht, für die es der Mensch auf Erden schon längst vorausberechnet hat.

Man wende nicht ein, die Sache sei ja natürlich und aus den Bewegungsgesetzen der Körper leicht zu berechnen. Die wunderbare Magie des Schönen, die Gott den Dingen mitgab, fragt nicht nach solchen Rechnungen. Sie ist da, weil sie da ist! Ja, sie ist trotz der Berechnungen da, und selig ist das Herz, das sie empfinden kann! Denn nur dies ist Reichtum, und einen andern gibt es nicht. Im ungeheuren Raum des Himmels wohnt das Erhabene, das unsere Seele überwältigt, obwohl dieser Raum für die Astronomie nur „groß“ ist.

Während nun alle schauten und man bald dieses, bald jenes Fernrohr nachrückte und einstellte und sich auf dies und jenes aufmerksam machte, wuchs das unsichtbare Dunkel immer mehr und mehr in das schöne Licht der Sonne hinein. Alle warteten, die Spannung stieg. Aber so gewaltig ist die Fülle des Lichtes, das vom Sonnenkörper niederregnet, dass man auf der Erde sein Abnehmen gar nicht fühlte. Die Wolken glänzten weiterhin, das Band des Wassers schimmerte, die Vögel flogen und kreuzten lustig über den Dächern, die Stephanstürme warfen ruhig ihre Schatten auf das funkelnde Kirchendach, über die Brücke wimmelte das Fahren und Reiten wie sonst, und die Menschen dort unten ahnten nicht, dass währenddessen oben die Quelle des Lebens, das Sonnenlicht, heimlich versiege.

Doch draußen auf dem Kahlenberg und jenseits des Schlosses Belvedere war es schon, als schliche eine Finsternis oder vielmehr ein bleigraues Licht wie ein wildes Tier heran – aber es konnte auch Täuschung sein, auf unserer Warte war es lieb und hell, und Wangen und Gesichter der Nahestehenden waren klar und freundlich wie immer.

Seltsam war es, dass dieses unheimliche, klumpenhafte, tief schwarze, vorrückende Ding, das langsam die Sonne wegfraß, unser Mond sein sollte, der schöne sanfte Mond, der sonst die Nächte so silbern beglänzte. Und doch war er es. Im Fernrohr erschienen auch seine Ränder mit Zacken und Wulsten besetzt, den furchtbaren Bergen, die sich auf dem für uns so freundlich lächelnden Himmelskörper türmen.

Endlich wurden auch auf Erden die Wirkungen sichtbar, und zwar immer mehr, je schmäler die am Himmel glühende Sichel wurde. Der Fluss schimmerte nicht mehr, sondern war ein taftgraues Band. Matte Schatten lagen umher, die Schwalben wurden unruhig, der schöne, sanfte Glanz des Himmel erlosch, als liefe er von einem Hauch matt an. Ein kühles Lüftchen erhob sich und wehte uns an. Über die Donau-Auen starrte ein unbeschreiblich seltsames, aber bleischweres Licht, über den Wäldern war mit dem Licht auch die Beweglichkeit verschwunden, und Ruhe lag auf ihnen, aber nicht die des Schlafs, sondern die einer Ohnmacht. Immer fahler ergoss es sich über die Landschaft, und diese wurde immer starrer. Die Schatten unserer Gestalten legten sich leer und inhaltslos gegen das Gemäuer, die Gesichter wurden aschgrau. – – Erschütternd war dieses allmähliche Sterben mitten in der noch vor wenigen Minuten herrschenden Frische des Morgens.

Wir hatten uns diese Dämmerung etwa wie ein Abendwerden vorgestellt, nur ohne Abendröte, doch wie geisterhaft ein Abendwerden ohne Abendröte sei, hatten wir uns nicht vorgestellt. Außerdem war dieses Dämmern ein ganz anderes, es war ein lastend unheimliches Entfremden unserer Natur.

Im Südosten lag eine fremde, gelbrote Finsternis, und die Berge und selbst das Belvedere wurden von ihr verschlungen. Die Stadt sank zu unsern Füßen immer tiefer wie ein wesenloses Schattenspiel hinab, das Fahren und Gehen und Reiten über die Brücke geschah, als sähe man es in einem schwarzen Spiegel. – Die Spannung stieg aufs höchste.

Einen Blick warf ich noch in das Fernrohr, er war der letzte. So schmal wie mit der Schneide eines Messers in das Dunkel geritzt stand nur mehr eine glühende Sichel da, unmittelbar vor dem Erlöschen, und als ich das freie Auge hob, sah ich auch, dass bereits alle andern die Sonnengläser weggetan hatten und mit bloßen Augen hinaufschauten. Sie hatten auch keines mehr nötig; denn nicht anders als der letzte Funke eines erlöschenden Dochtes schmolz eben auch der letzte Sonnenfunken weg, wahrscheinlich durch die Schlucht zwischen zwei Mondbergen – es war ein überaus trauriger Augenblick. Deckend stand nun Scheibe auf Scheibe – und dieser Moment war es eigentlich, der wahrhaft herzzermalmend wirkte. Das hatte keiner geahnt.  Ein einstimmiges „Ah“ kam aus aller Munde, und dann war Totenstille. Es war der Moment, wo Gott redete und die Menschen horchten.

Hatte uns früher das allmähliche Verblassen und Dahinschwinden der Natur bedrückt und hatten wir uns das wie eine Art Tod gedacht: so wurden wir nun plötzlich aufgeschreckt und emporgerissen durch die furchtbare Kraft und Gewalt der Bewegung, die da auf einmal durch den ganzen Himmel ging: Die Horizontwolken, die wir früher gefürchtet hatten, machten das Phänomen erst recht beeindruckend. Sie standen nun wie Riesen auf, von ihrem Scheitel rann ein fürchterliches Rot, und in tiefem, kaltem, schwerem Blau wölbten sie sich darunter. Nebelbänke, die schon lange am Horizont aufgequollen und bloß missfärbig gewesen waren, machten sich nun geltend und waberten in einem zarten, furchtbaren Glanz, der sie überlief – Farben, die nie zuvor ein Auge gesehen hatte, schweiften durch den Himmel.

Der Mond stand mitten in der Sonne, aber nicht mehr als schwarze Scheibe, sondern gleichsam halb transparent wie mit einem leichten Stahlschimmer überlaufen, rings um ihn kein Sonnenrand, sondern ein wundervoller, schöner Kreis von Schimmer, bläulich, rötlich, in Strahlen auseinanderbrechend, nicht anders, als gösse die oben stehende Sonne ihre Lichtflut auf die Mondkugel nieder, sodass es ringsherum auseinanderspritzte. Es war das Zarteste, was ich je an Lichtwirkung sah!

Draußen, weit über das Marchfeld hin, lag schief eine lange, spitze Lichtpyramide, grässlich gelb, in gelber Schwefelfarbe flammend und unnatürlich blau gesäumt. Es war die jenseits des Schattens beleuchtete Atmosphäre, durch deren Licht wir noch etwas sehen konnten. Nie schien ein Licht so wenig irdisch und so furchtbar. War uns die frühere Eintönigkeit öde erschienen, so waren wir jetzt erdrückt von Kraft und Glanz.

Unsere eigenen Gestalten hafteten darinnen wie schwarze, hohle Gespenster, die keine Tiefe haben. Das Phantom der Stephanskirche hing in der Luft, die restliche Stadt war ein Schatten, alles Rasseln der Kutschen hatte aufgehört, auf den Brücken war keine Bewegung mehr zu sehen; denn jeder Wagen und Reiter stand und jedes Auge schaute zum Himmel.

Nie, nie werde ich jene zwei Minuten vergessen! Es war die Ohnmacht eines Riesenkörpers, unserer Erde.

Wie heilig, wie unbegreiflich und wie furchtbar ist das „Ding“, das uns stets umflutet, das wir gedankenlos genießen und das unseren Erdball mit solchen Schaudern zittern macht, wenn es sich entzieht: das Licht!

Die Luft wurde kalt, empfindlich kalt, es fiel Tau, dass Kleider und Instrumente feucht wurden. Auch die Tiere waren entsetzt. Was ist das schrecklichste Gewitter dagegen? Es ist ein lärmendes Theater gegen diese todesstille Majestät.

Es kamen mir plötzlich Worte der Bibel in den Sinn, die Worte beim Tode Christi: „Die Sonne verfinsterte sich, die Erde bebte, die Toten standen aus den Gräbern auf, und der Vorhang des Tempels zerriss von oben bis unten.“

Auch wurde die Wirkung auf alle Menschenherzen sichtbar. Nach dem ersten Verstummen des Schreckens hörte man unartikulierte Laute der Bewunderung und des Staunens. Der eine hob die Hände empor, der andere rang sie leise vor innerer Bewegung, andere ergriffen sich bei den Händen und drückten sie einander. Eine Frau begann heftig zu weinen, eine andere in dem Hause neben uns fiel in Ohnmacht, und ein Mann, ein ernster, fester Mann, hat mir später gesagt, dass ihm die Tränen herabgeronnen waren.

Ich habe immer die alten Beschreibungen von Sonnenfinsternissen für übertrieben gehalten, so wie vielleicht in späterer Zeit meine für übertrieben gehalten werden wird; aber alle, auch diese hier, bleiben weit hinter der Wahrheit zurück. Sie können das Gesehene nachmalen, aber nur schlecht, das Gefühlte noch schlechter, aber gar nicht die namenlos tragische Musik von Farben und Lichtern, die über dem ganzen Himmel liegt – ein Requiem, das unser Herz öffnet, sodass es Gott sieht. Der Mensch fühlt in sich den stillen Ausruf: „Herr, wie groß und herrlich sind deine Werke, wie sind wir Staub vor dir, dass du uns durch das bloße Weghauchen eines Lichtteilchens vernichten kannst und unsere Welt, den so vertrauten Wohnort, in einen fremden Raum verwandelst, worin maskenhafte Wesen starren!“

Aber wie alles in der Schöpfung sein rechtes Maß hat, so auch diese Erscheinung. Sie dauerte zum Glück sehr kurz, Gott hat gewisser Maßen nur den Mantel von seiner Gestalt gelüftet, damit wir kurz daruntersehen, aber ihn einen Augenblick später wieder zugehüllt, damit alles wie früher sei.

Gerade, als die Menschen anfingen, ihre Empfindungen in Worte zu fassen, also als diese nachzulassen begannen, als man gerade ausrief: „Wie herrlich! Wie furchtbar!“ – gerade in diesem Moment hörte es auf.

Mit eins war die Jenseitswelt verschwunden und die hiesige wieder da, ein einziger Lichttropfen quoll am oberen Rand des Mondes wie ein weißschmelzendes Metall hervor, und wir hatten unsere Welt wieder. Er drängte sich hervor, dieser Tropfen, wie wenn die Sonne selber darüber froh wäre, dass sie die Sache überstanden habe. Ein Strahl schoss gleich durch den Raum, ein zweiter verschaffte sich Platz – aber ehe man noch Zeit hatte zu rufen: „Ach!“, war die geisterhafte Maskenwelt verschwunden und die unsere wieder da.

Das bleifarbene Lichtgrauen, das uns vor dem Erlöschen so bedrückend erschien, war uns nun Stärkung, Freund und Bekannter. Die Dinge warfen wieder Schatten, das Wasser glänzte, die Bäume waren wieder grün. Wir sahen uns in die Augen – siegreich kam Strahl an Strahl, und wie schmal, wie winzig schmal der leuchtende Kreis auch noch war, es schien, als sei uns ein Ozean von Licht geschenkt worden.

Man kann es nicht sagen – und wer es nicht erlebt hat, glaubt es kaum –, welche freudige Erleichterung in die Herzen kam. Wir schüttelten uns die Hände, wir sagten, dass wir uns zeitlebens daran erinnern wollen, dass wir das miteinander gesehen haben.

Man hörte einzelne Laute, als sich die Menschen von den Dächern und über die Gassen etwas zuriefen, und das Fahren und Lärmen begann wieder. Selbst die Tiere empfanden es: die Pferde wieherten, die Sperlinge auf den Dächern begannen ein Freudengeschrei, so grell und närrisch, wie sie es gewöhnlich tun, wenn sie sehr aufgeregt sind, und die Schwalben schossen blitzend und kreuzend hinauf, hinab in der Luft umher.

Das Zunehmen des Lichtes hatte keine Wirkung mehr und fast niemand wartete den völligen Austritt des Mondes ab. Die Instrumente wurden abgeschraubt, wir stiegen hinab, und auf allen Straßen und Wegen waren heimkehrende Gruppen und Züge in den heftigsten, exaltiertesten Gesprächen und Ausrufungen begriffen.

Und ehe sich noch die Wellen der Bewunderung und Anbetung gelegt hatten, ehe man mit Freunden und Bekannten ausreden konnte, wie auf diesen, wie auf jenen, wie hier, wie dort die Erscheinung gewirkt habe, stand wieder das schöne, holde, wärmende, funkelnde Rund in den freundlichen Lüften, und das Werk des Tages ging fort.

Wie lange aber das Herz des Menschen noch vor Aufregung bebte, bis es auch wieder in sein Tagewerk kam, wer kann es sagen? Gebe Gott, dass der Eindruck recht lange nachhalte, er war ein herrlicher, dessen selbst ein hundertjähriges Menschenleben wenige aufzuweisen haben wird. Ich weiß, dass ich nie, weder von Musik noch Dichtkunst, noch von irgendeiner Naturerscheinung oder Kunst so ergriffen und erschüttert worden war.

Freilich bin ich seit Kindheitstagen viel, ich möchte fast sagen, ausschließlich mit der Natur umgegangen und habe mein Herz an ihre Sprache gewöhnt und liebe diese Sprache, vielleicht einseitiger, als es gut ist; aber ich denke, es kann kein Herz geben, dem nicht diese Erscheinung einen unauslöschlichen Eindruck zurückgelassen habe.

Euch aber, die ihr das alles im höchsten Maße nachempfunden habt, bitte ich um Nachsicht mit diesen armen Worten, die es nachzumalen versuchten, und doch so weit hinter der Wirklichkeit zurückblieben. Wäre ich Beethoven, so würde ich es in Musik sagen; ich glaube, so könnte ich es besser.

Nachbemerkung zur Bearbeitung:

Stifters Beschreibung der Sonnenfinsternis von 1842 ist nach wie vor äußerst interessant, der Leserin oder dem Leser wird der Zugang aber durch Stifters Sprache erschwert. Um den Text als Sachtext – und nicht in erster Linie als künstlerischen Text – leichter zugänglich zu machen, habe ich ihn bearbeitet. Folgende Arten von Eingriffen habe ich vorgenommen:

  • lange Hauptsatzreihen (Parataxen) in kürzere Sätze zerlegt
  • Dativ-E gestrichen
  • heute ungebräuchlich gewordene Wörter durch gebräuchlichere ersetzt
  • Ellipsen zu vollständigen Sätzen ergänzt, wenn es sich um einst gebräuchliche Kurzformen handelt, die nicht deutlich künstlerisch motiviert sind
  • vereinzelte Streichungen redundanter Wörter
  • heute nur noch Spezialisten verständliche, zeitbedingte Anspielung auf Lord Byron gestrichen
  • Absätze und Leerzeilen eingefügt, um die inhaltliche Gliederung deutlicher zu machen
  • Zwei Schluss-Überlegungen Stifters, die nicht direkt mit der Sonnenfinsternis zu tun haben, gestrichen
  • der neuen Rechtschreibung angepasst
  • u. a.

Den gesamten Text vorzulesen dauert ungefähr 40 Minuten.

Wolfgang Krisai, 2015

3 Antworten zu “Stifter: Sonnenfinsternis 1842

  1. Pingback: Adalbert Stifter: Die Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842 | buchwolf

  2. Sehr gelungen! Es ist immer noch Stifter, aber sehr viel leichter zugänglich.

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