Archiv der Kategorie: Autobiographie

Else Sohn-Rethel: Ich war glücklich, ob es regnete oder nicht. Lebenserinnerungen

Wolfgang Krisai: Semperoper Dresden. Tuschestift. 2015-

Durch eine Sendung des Büchermarkts kam ich auf dieses Buch, das eine wahrhaft ungewöhnliche Entstehungsgeschichte hat:

Ein altes Manuskript

Bei Recherchen zu seinem Roman „Königsallee“ (über Thomas Manns Beziehung zu Klaus Heuser) besuchte Hans Pleschinski die Nichte Heusers, die ihm von den Lebenserinnerungen der Großmutter Heusers erzählte. Ob er sie nicht lesen wolle?

„Nach der Lektüre der Memoiren gab es für mich kein Zögern, die Erinnerungen an eine vergangene Welt als Buch und mit Zeitkommentaren zugänglich zu machen“ (Editorische Notiz, S. 253).

Die genannten Zeitkommentare sind relativ umfangreiche Erläuterungen, die meist an den Anfängen der Kapitel stehen und dem Leser Hintergrundwissen vermitteln, damit er den Text gut versteht.

Tochter des Malers Alfred Rethel

Die Verfasserin dieser Erinnerungen, Else Sohn-Rethel (1853–1933), war die Tochter des Malers Alfred Rethel (der in Wahnsinn verfiel und früh starb) und der Tochter reicher, kunstsinniger Dresdener Bankiers (Familie Oppenheimer). Die Mutter schwebte meist in dichterischen Sphären, sodass die Tochter bald zum eigentlichen Familienoberhaupt wurde und zum Beispiel auf Reisen die Hotelrechnungen beglich.

Gattin des Porträtisten Carl Rudolph Sohn

Sie verliebte sich ihrerseits in einen Maler, den erfolgreichen Porträtisten Carl Rudolph Sohn, der aus einer Malerdynastie stammte, heiratete ihn und verbrachte mit ihm ein interessantes Leben, sei es in Sohns Heimatort Düsseldorf, sei es im Sommer in Dresden oder an Orten, wo ein Auftrag ihren Gatten hinverschlagen hatte. Oft musste sie ihn auch allein ziehen lassen, etwa an den Hof von Königin Victoria, wo er nicht nur die Königin selbst, sondern auch zahlreiche Adelige portraitierte. Er arbeitet hier in einer Liga etwa mit Franz Xaver Winterhalter, dem ebenso berühmten Portraitisten der Adelswelt der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dessen Portrait der Kaiserin Elisabeth von Österreich jeder kennt.

Das ganze Leben

Else berichtet von ihrer Kindheit im riesigen Haus der Großeltern in Dresden, über Reisen, Kriegsereignisse (denen man im 19. Jahrhundert noch geradezu gemütlich zuschauen konnte), über Bälle, Maskenfeste (etwa im Düsseldorfer Künstlerclub „Malkasten“), über Umzüge zu Ehren des Kaisers, über Krankheiten und frühen Kindstod, über Erfolg und Misserfolg der Künstler in ihrer Bekanntschaft – schlicht: über das ganze Leben.

Dass sie als Jüdin dabei niemals auch nur andeutet, mit dem steigenden Antisemitismus ihrer Zeit in Berührung gekommen zu sein, verwundert den Herausgeber.

Nie überheblich

Else Sohn-Rethel schreibt einen völlig unprätentiösen, einfachen, aber lebendigen Stil, ganz ohne Allüren. Das macht diese Erinnerungen sehr sympathisch. Sie erhebt sich nie über andere, gesellschaftlich tiefer stehende Personen und sieht alle Menschen, von denen sie berichtet, aus einem positiven Blickwinkel. Außer vielleicht Kaiser Wilhelm II., der sich als griesgrämiger Missächter der Anstrengungen seiner einen großartigen Umzug ausrichtenden Düsseldorfer Untertanen erweist.

Ein Fragment

Die Memoiren brechen allerdings mitten im Leben der Autorin ab, ungefähr im Jahr 1900. Da das Originalmanuskript verschollen und nur eine Maschinabschrift vorhanden ist, kann man nicht beurteilen, ob es noch weitere Abschnitte gegeben hat. Else Sohn-Rethel lebte immerhin bis 1933 und hätte gewiss noch viel Interessantes zu erzählen gehabt.

Einige Schwarzweißabbildungen ergänzen den Text.

Else Sohn-Rethel: Ich war glücklich, ob es regnete oder nicht. Lebenserinnerungen. Hg. v. Hans Pleschinski. C. H Beck, München, 2016. 255 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Semperoper Dresden. Tuschestift. 2015.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Autobiographie

Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes

Wolfgang Krisai: Portalschmuck am Kügelgen-Haus in Dresden. Tuschestift und Buntstift, 2015.Als Maler ist Wilhelm von Kügelgen (1802-1867) nicht allzu berühmt, aber seine Autobiographie ist bis heute lesenswert. Warum?

Kügelgen ist ein Meister der anekdotischen Schilderung von Kindheit und Jugend. Eine amüsante Episode reiht sich an die andere. Der Unterhaltungswert ergibt sich dabei weniger aus den geschilderten Geschehnissen, die nicht selten traurig oder gar tragisch sind, sondern vor allem aus der pointierten Sprache des Autors.

Kleine Kostprobe: „Als ein sehr unzulänglicher Ersatz für dieses Himmelskind [seine früh verstorbene ältere Schwester] ward ich am 20. November des Jahres 1802 in Petersburg geboren, und zwar zu Unzeit, indem ich dem Programme meiner Mutter um zwei Monate zuvorkam: ein Umstand, der auf meine spätere Entwicklung nur nachteilig influieren konnte.“ (S. 8)

Dabei bleibt er aber stets liebenswürdig und es liegt ihm fern, irgendjemanden zynisch an den Pranger zu stellen. Im Gegenteil, noch bei den seltsamsten Käuzen, die im Leben kennenzulernen ihm vergönnt war, sieht er das Gute und Positive.

In Dresden hängengeblieben

Wilhelms Vater Gerhard von Kügelgen verschlug es früh als Maler nach St. Petersburg, wo Wilhelm auch geboren wurde. Um seine Karriere zu fördern, beschließt die junge Familie jedoch, über Estland, woher die Mutter stammte, ins Rheinland zur Mutter des Vaters zu ziehen, um dort künstlerisch besser voranzukommen und später wieder nach St. Petersburg zurückzuziehen oder in Estland ein Landgut zu erwerben. Dazu kommt es allerdings nie. Die Familie strandet gewissermaßen in Dresden, der Vater etabliert sich dort nolens volens als Portraitmaler, obwohl er dieses Genre nicht liebt, und schiebt die Rückkehr in den Osten Jahr für Jahr hinaus. Schließlich kauft er im Dresdner Vorort Loschwitz einen Weinberg mit Sommerhaus – was ihm zum Verhängnis werden sollte.

Gesellschaftlicher Mittelpunkt der Frühromantik

Das Haus der Kügelgens in Dresden – heute als Kügelgen-Haus mit einem „Museum der deutschen Frühromantik“ ein wichtiger Teil des musealen Angebots der Stadt – wurde schnell zu einem Zentrum des gesellschaftlichen Lebens und der Kunstwelt der Stadt. Caspar David Friedrich etwa verkehrte dort, aber auch Goethe stellte sich ein. Eines Tages tauchte er unangemeldet bei Kügelgens auf, als der Vater gerade ausgegangen war, um vom Fenster aus unbemerkt den Einzug eines siegreichen Feldherrn anzusehen, doch noch bevor der vorbeiritt, platze eine zudringliche Verehrerin herein, die den Dichter am Fenster entdeckt hatte, und erging sich in Huldigungen, während derer Goethe jedoch unbemerkt entwischen konnte.

Kriegswirren

Der kriegerische Hintergrund färbt nicht nur diese Szene, sondern einen Großteil des Buches, fallen die geschilderten Jahre doch in die napoleonische Zeit, wo Dresden vom wechselnden Kriegsverlauf mitgenommen wurde. Der sächsische König war treuer Gefolgsmann Napoleons bis zu dessen Ende, was Sachsen insgesamt nicht gut tat. Wenn das Kriegsgetümmel der Stadt zu nahe rückte, suchte die Familie oder zumindest die Frau mit den Kindern in Ballenstedt bei Freunden Zuflucht, jener Stadt, in der Kügelgen seinen Lebensabend verbringen sollte.

Innere Turbulenzen

Als Napoleon von der Geschichte hinweggefegt war, machte sich unter den Studenten der Dresdner Kunstakademie eine Begeisterung fürs „Altdeutsche“ breit, die auch den Studenten Wilhelm erfasste, der nach langem Schwanken doch  in der Malerei seine Zukunft zu sehen glaubte. Dem Vater war diese Deutschtümelei mit Vollbart und mittelalterlicher Tracht gar nicht recht. Und der Sohn legte sie, nachdem der Mord des Studenten Sand an August von Kotzebue deutlich gemacht hatte, wozu deutschtümelnde Studenten fähig waren, von einem Tag auf den anderen wieder ab.

Ein junger Mann verliebt sich natürlich auch, in Kügelgens Fall war das die Liebe zu einer entfernten Verwandten, die im Hause Zuflucht gefunden hatte und dem jungen Mann vollkommen den Kopf verdrehte. Die Sache hatte keine Zukunft, das war klar, und die Rettung brachte der Vater, der den Sohn für einige Monate zu einem befreundeten Pastor schickte (einem dieser ausgeprägten Originale) und die junge Verwandte anderswo unterbrachte.

Donnerschlag

Kügelgens künstlerische Entwicklung wird im Zusammenhang mit der Ausbildung an der Akademie zu schildern begonnen. Ein umfassendes Bild vom Künstler Wilhelm von Kügelgen erhält man durch diese „Jugenderinnerungen“ allerdings nicht, denn sie brechen mit einem Donnerschlag plötzlich ab:

Auf dem Heimweg vom Sommerhaus in Loschwitz, wo er Frau und Kinder besucht hat, wird der Vater von einem Raubmörder umgebracht. Wilhelm, der in der Stadt geblieben ist und auf den Vater wartet, meldet die Abgängigkeit bei der Polizei, als er erfahren hat, dass der Vater noch am Abend von Loschwitz losmarschiert sei. Er beteiligt sich selbst an der Suchaktion und entdeckt die nackte Leiche des Vaters in einer Ackerfurche. Die letzten Sätze lauten:

„Über mich aber und die Meinigen ‚ging der Grimm des Höchsten, und seine Schrecken drückten uns, sie umgaben uns wie Wasser und umringten uns miteinander‘. Und hiermit mag ein Schleier auf mein weiteres Ergehen fallen.“ (S. 666)

Man hat den Eindruck, noch im Alter erschüttere die Erinnerung an das schreckliche Ende seines Vaters den Schreibenden so sehr, dass es ihm die Sprache verschlägt. Deshalb dieses abrupte Ende.

Es gibt zwar einen Fortsetzungsband, der aus Notizen und Briefen aus dem Nachlass zusammengestellt, aber bei weitem nicht so ein Lesegenuss sein soll wie die „Jugenderinnerungen“.

Ein sehr informatives Nachwort von Detlef Droese schließt den Band aus der „Manesse Bibliothek der Weltliteratur“ ab.

Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Manesse-Verlag, Zürich, 1970. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. 701 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Portalschmuck am Kügelgen-Haus in Dresden. Tuschestift und Buntstift, 2015.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Autobiographie, Deutsche Literatur