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Stefan Zweig: Magellan. Der Mann und seine Tat

 

Wolfgang Krisai: Sistiana Mare, 2003. Tuschestift, wasservermalbare Kreiden.

Stefan Zweig zeichnet den Weltumsegler Magellan in seiner spannenden Biographie als einen tragischen Menschen, der zwar großartige Leistungen vollbringt, den Lohn dafür aber nicht einheimsen kann und sogar einem seiner Kontrahenten überlassen muss.

Für Portugal im Krieg

Zunächst ist Magellan, der 1480 in Portugal zur Welt gekommen ist, als Soldat und Matrose im Dienst seines Vaterlandes in Afrika und in Ostasien in Kriegshandlungen verwickelt. Dort lässt er einen Freund auf den Gewürzinseln zurück, der seinen Beruf an den Nagel gehängt hat und eine „Aussteiger“ geworden ist. Ihn möchte Magellan wiedersehen, wenn er von Osten herangesegelt kommt. Einen malaiischen Sklaven nimmt Magellan sich von Malaysia mit, der ihm auf seiner Weltumsegelung als Dolmetscher gute Dienste leistet, aber wegen Magellans frühem Tod ebenfalls unbelohnt bleibt.

Wechsel nach Spanien zu Karl V.

Da der portugiesische König auf Magellans weitere Dienste aber verzichten zu können glaubt, wendet sich dieser mit seiner faszinierenden Idee von der Weltumsegelung an den spanischen König, den späteren Kaiser Karl V., und wird dort überraschend wohlwollend empfangen. Karl übernimmt die Schirmherrschaft über die Expedition, Geld wird aufgetrieben, Magellan wird vom König persönlich unterstützt, gegen alle Widerstände kleingeisterischer Bremser, und so kann im Jahr 1518/19 eine kleine Flotte von fünf Schiffen ausgerüstet und bemannt werden, mit der Magellan am 10. August 1519 von Sevilla losfährt.

Meuterei

Er hat einer leider falschen Karte von Südamerika entnommen, dass dort, wo in Wirklichkeit der Rio de La Plata mündet, eine Durchfahrt zum Pazifik sei. Als die Schiffe nun dort ankommen, erweist sich die riesige Bucht als Mündungstrichter eines Flusses.

Magellan, eine Einzelgänger mit finsterer Miene und eisernem Willen, lässt nach Süden steuern, in den immer kälteren Winter 1520 hinein. Man muss schließlich in einer menschenleeren Bucht weit im Süden überwintern. Da meutern die spanischen Kapitäne der Begleitschiffe Magellans. Doch mit Entschlossenheit und Kühnheit kann Magellan die Meuterei niederschlagen. Da er, wenn er alle Meuterer hinrichtet, keine ausreichend große Mannschaft mehr hätte, begnügt er sich mit der Hinrichtung des Rädelsführers und der Aussetzung zweier weiterer führender Köpfe.

Auf der Suche nach einem Durchlass zum Pazifik

Am 25. Oktober 1520 fahren die Schiffe schließlich in jene Meerenge ein, die später die Magellanstraße genannt wurde. Kurz vor Erreichen des Pazifik (den Magellan so benannte, weil er damals ein ruhiges Meer war), segelt ihm noch sein größtes Schiff davon und zurück nach Spanien. Diesen Deserteuren wird schließlich kein Prozess gemacht, da der Mann, der sie wohl anklagen würde, tot ist. Ein anderes der Schiffe ist inzwischen an den Klippen zerschellt.

Am 28. November erreichten die verbliebenen drei Schiffe den Pazifik. Dann beginnen mehr als hundert Tage Querung des riesigen Meeres, dessen Größe Magellan wie seine Zeitgenossen viel zu gering eingeschätzt hat. Die Mannschaften verhungern fast.

Tödliche Überheblichkeit

Schließlich erreichten sie die heutigen Philippinen. Magellan gelingt es, mit einem dortigen Fürsten friedlich ins Geschäft zu kommen. Die Ureinwohner lassen sich sogar scharenweise taufen.

Doch dann leistet sich Magellan einen tödlichen Fehler: Um dem Fürsten seine militärische Stärke zu beweisen, will er die spanische Übermacht in einem kleinen Krieg gegen einen unbotmäßigen Stammesfürsten auf einer winzigen Insel demonstrieren. Die philippinischen Freunde sollen beim Kampf nur zusehen. Doch statt leichten Spiels erweist sich der Kampf wegen schwieriger Bedingungen an der Küste als aussichtslos, die Spanier flüchten, und Magellan wird niedergemetzelt.

Das Schicksal der Übrigen

Damit ist das Prestige der Spanier bei den philippinischen Fürsten sofort im Keller. Die übrig gebliebenen Kapitäne und Matrosen müssen sich erst neu organisieren, was nicht ohne Chaos abgeht. Schließlich werden die Kapitäne und einige Matrosen in eine Falle gelockt und umgebracht.

Die drei spanischen Schiffe ergreifen die Flucht. Eines schlägt Leck und wird versenkt. Schließlich erreichen die beiden verbliebenen Schiffe die Gewürzinseln, die Molukken, wo Magellan schon einmal war. Als man, nachdem man Tonnen von Gewürzen gekauft und geladen hat, losfahren will, erweist sich das größere der beiden Schiffe, die „Trinidad“, als nicht mehr seetüchtig. Man lässt Schiff und Mannschaft zur Reparatur zurück. Die Trinidad segelt später in den Pazifik zurück und verschwindet spurlos.

Übrig bleibt die „Victoria“, die um Afrika herum nach Spanien zurücksegelt, und zwar ohne in Afrika zu landen, da dort nur portugiesische, also feindliche Stützpunkte sind. Mit letzter Kraft erreichen Schiff und ein Rest der Mannschaft am 8. September 1522 Sevilla: Die Weltumsegelung ist gelungen. Magellan hat bewiesen, dass alle Weltmeere zusammenhängen und man rund um die Weltkugel segeln kann. Ein Nebeneffekt, der erst jetzt auffällt: Man gewinnt, wenn immer nach Westen fährt, einen Tag.

Den Ruhm erntet der Falsche

Den Ruhm der Weltumsegelung erntet derjenige, den das Wegsterben der anderen zum Kapitän der Victoria gemacht hat: Sebastian del Cano. Da er selbst einst unter den Meuterern war, hat er kein Interesse, die vor einem Jahr zurückgekehrte Mannschaft des Schiffes, das desertiert ist, vor Gericht zu bringen. Im Gegenteil: Vielleicht hat die Vernichtung sämtlicher Bordtagebücher der Expedition ihren Grund darin, dass Dokumente, in denen die Meuterei aufgezeichnet war, verschwinden sollten.

Nur der italienische Reisechronist Pigafetta hat einen zusammenfassenden Reisebericht hinterlassen – vermutlich auf der Basis eines tagtäglich weitergeführten Tagebuchs, das verschwunden ist. Doch darin ist von der Meuterei nichts zu lesen.

Die Lektüre dieses – wie von Zweig gewohnt – sehr flüssig geschriebenen Buchs ist so fesselnd, dass man kaum aufhören kann. Meine Ausgabe bietet einige Illustrationen, so wie übrigens auch die derzeit erhältliche Fischer-Taschenbuch-Ausgabe.

Stefan Zweig: Magellan. Der Mann und seine Tat. S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1953. Erstausgabe: Reichner, Wien, 1938. 334 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Sistiana Mare, 2003. Tuschestift, wasservermalbare Kreiden. – Das ist zwar nur ein Blick auf die Adria und nicht auf den Pazifik, aber immerhin: Meer.

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Richard Friedenthal: Luther

Wolfgang Krisai nach Lucas Cranach d. Ä.: Martin Luther. Tuschestift, 2017.

Das Jubiläumsjahr „500 Jahre Thesenanschlag in Wittenberg“ 2017 regte mich an, mich ausführlicher mit der wichtigsten Figur der Reformation, Martin Luther, zu beschäftigen. Ich brauchte dazu nur an unser Biographien-Regal zu gehen und Richard Friedenthals dicke, überaus informative und anschauliche, elegant und pointiert geschriebene Luther-Biographie zur Hand zu nehmen. Da es sich um eine Taschenbuchausgabe handelt, wurde sie automatisch zu meinem Öffi-Buch, das ich zunächst vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln las. Bald aber interessierte es mich so sehr, dass ich auch daheim darin zu lesen begann.

Luther wurde am 10. November geboren, im Jahr 1483. Gestorben ist er 1546. Dazwischen liegt ein interessantes Leben.

Ich greife nur einige Details heraus, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind:

Luthers kämpferischer Charakter

Luther war ein Stier, der in Wallung geriet, wenn er ein rotes Tuch sah. Rote Tücher gab es für ihn damals eine ganze Menge, allen voran die roten Gewänder der Bischöfe und Kardinäle, die es sich auf Kosten ihrer ihnen anvertrauten „Schäfchen“ gut gehen ließen. Dann natürlich die Päpste, auch wenn sie eher Weiß trugen oder gar, wie Julius II., Silber in Form von Rüstungen. Finanziert wurden die Kriege und Bauvorhaben der Päpste nicht zuletzt von dem Geld, das geschickte Ablassverkäufer aus Deutschland nach Italien überwiesen, eine Praxis, die Luther zur Weißglut brachte. Seine 95 Thesen, die er 1517 an die Kirchentür von Wittenberg anschlug, befassten sich mit all diesen Missständen. Da er nicht der einzige war, dem die Ausbeutung durch die Kirche sauer aufstieß, verbreiteten sich seine Thesen, sobald sie ins Deutsch übersetzt und gedruckt waren, rasend schnell in ganz Deutschland.

Luthers Sprachen: Deutsch und Latein

Die 95 Thesen schrieb und veröffentlichte Luther als Theologieprofessor, der er an der Universität Wittenberg war, selbstverständlich in der damaligen Gelehrtensprache Latein. Er beherrschte Latein ganz ausgezeichnet, sprach es gewissermaßen fließend, wie es sich für einen Gelehrten der damaligen Zeit gehörte. Wenn Luther sich primär an eine universitär gebildetes Publikum wandte, schrieb er lateinisch.

Wollte er jedoch die Fürsten oder das einfache Volk erreichen, bediente er sich der deutschen Sprache, konkret des Frühneuhochdeutschen, das er maßgeblich mitprägte. Luther ist zwar nicht der Erfinder des Hochdeutschen als jener Sprache, die alle Menschen im deutschen Sprachraum verstehen konnten, aber er trug wesentlich dazu bei, dass es zu dieser Entwicklung kam. Seine berühmte Bibelübersetzung, die er während seiner Gefangenschaft auf der Wartburg mit dem Neuen Testament begann und bald auch um das Alte Testament erweiterte (1534 erschien die erste vollständige Bibelübersetzung Luthers), verbreitete sich unglaublich schnell und wirkte auf den Sprachgebrauch der Menschen. Luther verbesserte die Übersetzung immer wieder und hatte dafür ein ganzes Team von Mitarbeitern. Die Ausgabe von 1534 – jüngst in einem schönen Reprint vom Taschen-Verlag herausgebracht – war also keine „Ausgabe letzter Hand“, sondern eher „Erster Hand“.

Landeskirchentum

Luther musste, da er sich vom Kaiser gebannt und vom Papst exkommuniziert und als Ketzer angeklagt sah, andere Autoritäten finden, denen er die oberste kirchliche Autorität zusprach. Er selbst wollte das ja nicht sein und hätte es über seinen Tod hinaus auch nicht sein können. So entwickelte sich schrittweise ein Landeskirchentum, wo der Landesfürst die oberste Autorität auch in kirchlichen Fragen war.

Anarchischen Tendenzen oder Ideen von Volksherrschaft und Demokratie stand Luther ablehnend gegenüber. Dementsprechend heftig äußerte er sich gegen die aufständigen Bauern und gegen radikale Prediger wie Thomas Müntzer.

Katharina von Bora

Luther verwarf den Zölibat und das Mönchtum, also jene Lebensformen, die er selbst lange gepflegt hatte, war er doch nach einem einschneidenden Erlebnis – dem berühmten Gewitter, wo er sich schon vom Blitz erschlagen sah – Augustiner Eremit geworden. Sehr zum Missfallen seines Vaters übrigens, der aus ihm einen tüchtigen Juristen machen wollte.

Eines Tages erschienen bei Luther neun entlaufene Nonnen unter der Führung von Katharina von Bora, die sich der lutherischen Bewegung anschließen wollten.

Luther hieß sie willkommen und bemühte sich, die neuen Frauen unter die Haube zu bringen. Auch Katharina wollte er mit jemandem verheiraten – und schließlich wurde er selbst ihr Mann. Damit scheint er eine gute Wahl getroffen zu haben, denn Katharina brachte seinen Haushalt im ehemaligen Augustiner-Eremiten-Kloster, das er zugesprochen bekommen hatte, in Schuss. Da hatte sie viel zu tun, denn es kamen ununterbrochen Gäste, es gab eine Menge Haushaltsangehörige, die alle versorgt werden mussten, vom Gebäude selbst, dessen Instandhaltung wohl auch einige Anstrengung erfordert hatte, ganz zu schweigen. Luther sah ja gerne Gesellschaft bei Tisch, seine berühmten Tischreden zeugen davon. Diese Tischreden wurden von seinen „Fans“ aufgezeichnet und geben Luthers originelles Sprachgemisch aus Deutsch und Latein wieder, dessen er sich auf launige Weise zu bedienen wusste.

Friedenthal bringt eine Fülle von Informationen und vermittelt dem Leser damit ein sehr lebendiges Bild Martin Luthers. Auch wenn anlässlich des Reformations-Jubiläums zahlreiche neue Luther-Biographien auf den Markt gekommen sind: Diese ältere Biographie ist immer noch jung.

Richard Friedenthal: Luther. Sein Leben und seine Zeit. Serie Piper. Piper, München, 13. Aufl. 1985. 680 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai nach Lucas Cranach d. Ä.: Martin Luther. Tuschestift, 2017.

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Von und über Erasmus von Rotterdam

Wolfgang Krisai:Erasmus von Rotterdam nach Hans Holbein d. J., Aquarellstift, Tuschestift, 2017.

Erasmus von Rotterdam ist einem heutzutage ja in erster Linie geläufig, weil das Studenten-Austauschprogramm der EU nach ihm benannt ist (auch wenn ERASMUS strenggenommen eine Abkürzung ist, die wie zufällig den Namen des kosmopolitischen Gelehrten und, um mit Stefan Zweig zu sprechen, „ersten Europäers“ ergibt). Doch wer ist  die Person, die hinter diesem klingenden Namen steckt? Die Lektüre zweier Biographien und einiger Werke von Erasmus verschaffte mir ein Bild dieser erstaunlichen Persönlichkeit.

Ribhegges Biographie und Zweigs Lebensbild

Wilhelm Ribhegges Biographie gibt über die Lebensstationen, Leistungen und Werke des Erasmus genau Auskunft. Stefan Zweig hingegen, den man, wie es bei mir glücklicherweise der Fall war, erst nach einer faktenreichen Biographie lesen sollte, gibt eine wertende Zusammenschau und Charakteristik der Persönlichkeit Erasmus’. Beide Bücher ergänzen sich dadurch aufs beste.

Der Vater war Priester?

Geboren wurde Erasmus 1467 in Rotterdam, damals ein kleines Fischerdorf. Sein Vater war – ja, und da beginnen schon die Unklarheiten. Zweig behauptet noch gerade heraus, der Vater sei ein Priester gewesen. Bei Ribhegge klingt das schon anders: „Der Vater Gerhard […] sollte nach dem Wunsch seiner Familie Priester werden. Aus einer heimlichen Verbindung zwischen Gerhard und Margaret gingen Erasmus und sein älterer Bruder Pieter hervor. Zur beabsichtigten Heirat kam es nicht, weil sich Gerhards Familie dagegen sträubte. So jedenfalls hat es Erasmus selbst später dargestellt. Der Vater habe aus Protest gegen seine Familie Holland verlassen und sei nach Rom gegangen. […] Erst nachdem seine Familie ihm fälschlich von dem angeblichen Tod Margarets nach Rom berichtet habe, habe sich Gerhard aus Trauer um seinen Verlust entschlossen, Priester zu werden. Bei seiner späteren Rückkehr nach Holland habe er von dem Betrug seiner Familie an ihm erfahren.“ (S. 11)

Ins Kloster gezwungen

Erasmus lebte bei der Mutter, doch diese starb, als er noch ein Jugendlicher war, und sein Vater folgte ihr bald ins Grab. Nun bekamen die Burschen einen Vormund, der seinerseits nun alles daransetzte, die beiden in ein Kloster zu zwingen. Was bei beiden schließlich auch gelang.
Erasmus wurde Augustiner-Chorherr im Kloster Steyn bei Gouda. Aus innerer Berufung war er das nicht geworden. 1492 wurde er zum Priester geweiht. Dann durfte er zum Studium nach Paris ziehen, und er kehrte nie wieder in sein Kloster zurück, im Gegenteil, er kämpfte darum, von seinen Mönchsgelübden entbunden zu werden, was der Papst schließlich tatsächlich vollzog.

„Lob der Ehe“

Erasmus fühlte sich weder zum Mönch noch zum Priester berufen. Gegen das Mönchtum äußerte er sich später deutlich in verschiedenen Schriften. Kein Wunder, dass ein Mensch wie er auch ein „Lob der Ehe“ verfasste, auch wenn er selbst nie heiratete (er blieb ja, im Gegensatz zu Luther, katholisch) und dieses kleine Werk immer als eine bloße Argumentationsübung für den Schulgebrauch herunterspielte.

Der führende Humanist seiner Zeit

Berufen fühlte sich Erasmus hingegen zum Gelehrten, und deshalb studierte er die alten Sprachen mit größtem Eifer. Er wurde der führende Humanist des Zeitalters des Humanismus.
Seine Sprache war das Englisch der damaligen Zeit: Latein. Sämtliche seiner Werke und Briefe verfasste er in dieser Sprache, die er fließend sprach und schrieb. Ja, durch ihn, so Stefan Zweig, wurde Latein erst die universelle Gelehrtensprache, als die es einige Zeit die Wissenschaftler der ganzen westlichen Welt untereinander verband.

Kosmopolit

Da Erasmus sich vor allem in Gelehrtenkreisen oder unter Kirchenmännern bewegte, ermöglichte ihm das Latein eine grenzüberschreitende Lebensweise, fast die eines Kosmopoliten. Erasmus lebte zeitweise in Paris, wo er studierte, in Italien, wo er ihm anvertraute Studenten begleitete, in England, wo er mit Thomas Morus Freundschaft schloss und den späteren Heinrich VIII. persönlich kennenlernte, in Löwen, wo er an der Universität lehrte, und schließlich in Basel, wo er den ihm kongenialen Drucker Froben, den wichtigsten Wissenschaftsverleger seiner Zeit, fand, aus dessen Presse eine Vielzahl von Werken des Erasmus hervorging. Kurz vor seinem Lebensende verbrachte Erasmus noch einige Jahre in Freiburg im Breisgau, einer katholischen Stadt, in die er sich zurückzog, als in Basel der Bildersturm radikaler Protestanten das ruhige Leben eines katholischen Gelehrten unmöglich machte.

Ein neues Neues Testament

Was arbeitete dieser Gelehrte? Er brachte z. B. eine maßgebliche griechisch-lateinische Edition des Neuen Testaments heraus, mit seiner eigenen, die bis dahin kanonische Vulgata in manchem korrigierende Übersetzung. Diese Ausgabe benützte übrigens Luther für seine Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche.
Erasmus brachte auch zahlreiche Gesamtausgaben Antiker Autoren heraus, etwa der Werke und Briefe des Hl. Hieronymus oder des Komödiendichters Plautus.

Die „Torheit“ ist durchaus klug

Daneben gibt es eigene Werke, allen voran das bis heute bekannte „Lob der Torheit“. Das ist ein originelles Werk, in dem Erasmus einen Weg gefunden hat, die Schwächen und Fehler der Welt zu kritisieren, ohne Gefahr zu laufen, gleich persönlich angefeindet und verketzert zu werden. Er lässt nämlich die „Torheit“ (eine Allegorie, in der man sich Dummheit, Eingebildetheit, Selbstüberschätzung, Frechheit, Beschränktheit und ähnliche unerfreuliche Eigenschaften gut gemischt vorstellen darf) persönlich auftreten. Man darf nur nicht glauben, diese Person Torheit sei nun selbst eine Törin. Im Gegenteil, sie weiß sehr genau Bescheid über die Welt und über die Wirkung, die sie in dieser Welt hat. In ihren Augen ist dies natürlich eine positive Wirkung, ist sie doch von sich selbst und ihrer Wichtigkeit mehr als überzeugt. Diese Wirkung und Bedeutung zu beweisen ist ihr Anliegen im „Lob der Torheit“: Sie geht die verschiedenen Stände vom Armen bis zum Reichen, vom Handwerker bis zum König, vom Mönch bis zum Papst, genauso die verschiedenen Lebensalter vom Kind und Jugendlichen bis zum Greis oder die Einwohner verschiedener Länder durch. Alle machen nichts als Torheiten, und gerade deshalb leben sie gut und glücklich – wenn auch nicht verantwortungsvoll.
Es ist kein Wunder, dass sich diese Satire auf die Menschheit bis heute gehalten hat. Man glaubt, Erasmus habe vorausgeahnt, welchen Präsidenten die Amerikaner im Jahr 2016 wählen und welche Leute in anderen Ländern sich zu Diktatoren aufschwingen würden, und diese schon im Voraus, unter der damals üblichen Bezeichnung „König“, aufs genaueste porträtiert: „Sie glauben die Rolle eines Fürsten gut zu spielen, wenn sie ständig jagen, schmucke Pferde unterhalten, Ämter und Kommandostellen mit Vorteil verkaufen und täglich auf neue Wege sinnen, um die Bürger zu schröpfen und die Staatseinkünfte in die eigenen Tasche zu leiten, wobei sie allerdings um einen gerissenen Vorwand nicht verlegen sind, damit auch die gröbste Ungerechtigkeit noch unter dem Schein des Rechtes auftritt.“ (S. 85)

Eine Frau mit Büchern?

Originell sind die „Dialoge“ oder „Gespräche“, die Erasmus geschrieben hat, zum Beispiel jener zwischen einem Abt und einer gebildeten Frau, deren Privatbibliothek der Abt überhaupt nicht dem Stande einer Frau entsprechend findet. Geradezu eine Frühschrift der Frauenemanzipation.
Diese „Gespräche“ sind die witzigen, leichtgewichtigeren Gegenstücke zu Platons Dialogen.

Sehr überrascht hat mich der lebendige Briefstil des Erasmus, hatte ich mir doch trockene Gelehrtenprosa erwartet. Doch davon sind seine Briefe weit entfernt, auch wenn sie nicht immer ganz von konventionellen Elementen frei sind.

Zurückgezuckt

Stefan Zweig stellt dar, wie Erasmus einerseits zur wichtigsten Autorität in Europa aufstieg – das sein „Triumph“ – und als solche von allen Seiten um seine Expertise gebeten, von zahllosen Gelehrten und Mächtigen der Zeit besucht oder zumindest in eine Korrespondenz verwickelt wurde, wie er andererseits aber – das war seine „Tragik“ – aber den Schritt von der Gelehrtenstube in die religionspolitische Arena der Reformationszeit nicht gewagt hatte, sondern im entscheidenen Augenblick zurückgezuckt sei und geglaubt habe, er können mit Briefen aus der Ferne die verfeindeten Parteien zum Frieden bewegen. Mit Luther, dem Tatmenschen, konnte auf diese Weise kein Einvernehmen hergestellt werden. Erasmus wollte sich vornehm aus dem Streit der religiösen Parteien heraushalten, doch das war auf die Dauer nicht möglich. Obwohl er noch vor Luther „protestantische“ Ideen entwickelt hatte, wagte er den Schritt aus der katholischen Kirche heraus nicht, der er sich als Priester verpflichtet fühlte. Schließlich schrieb er, von vielen gedrängt, eine deutlich gegen Luther gerichtete Schrift: „Vom freien Willen“. Luther schlug mit der Keule seiner Sprachmacht zurück, um Erasmus nicht nur theologisch, sondern vor allem persönlich zu vernichten. Der Gegensatz konnte nicht mehr überbrückt werden.

1536, zehn Jahre vor Luther, starb Erasmus in Basel. Dort ist er im Dom begraben.

Wilhelm Ribhegge: Erasmus von Rotterdam. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2010. Reihe: Gestalten der Neuzeit. 278 Seiten.

Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam. Europäischer Buchklub, Stutgart u.a., 1950. 209 Seiten.

Erasmus von Rotterdam: Das Lob der Torheit. Encomium moriae. Übers. u. hg. von Anton J. Gail. Reclam, Stuttgart, 1980. RUB. 136 S.

Erasmus von Rotterdam: Encomium matrimonii / Lob der Ehe. Lat. / Dt. Übers., komm. u. hg. von Gernot Krapinger. Reclam, Stuttgart, 2015. RUB. 93 S.

Erasmus von Rotterdam: Briefe. Verdeutscht u. hg. v. Walther Köhler. Dieterich, Leipzig 1938. Sammlung Dieterich 2. XLIV, 577 S.

Erasmus von Rotterdam: Gespräche. Ausgew., übers. u. eingel. v. Hans Trog. Schwabe, Basel 1936. 159 S.

Bild: Wolfgang Krisai: Erasmus von Rotterdam nach Hans Holbein d. J., Aquarellstift, Tuschestift, 2017.

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Wilhelm Waetzoldt: Dürer und seine Zeit

Titelseite von Wilhelm Waetzoldt: Albrecht Dürer und seine Zeit.

Am 19. 12. 1987 kaufte ich mir dieses Buch in einem Wiener Antiquariat um 300 Schilling, damals ein durchaus deftiger Preis. Jetzt, fast 30 Jahre später, habe ich das Buch endlich gelesen.

Entstanden ist es vor rund 80 Jahren, erschienen 1938 bei George Allen & Unwin Ltd., London, als „Phaidon-Ausgabe“, gedruckt wurde es allerdings in der Offizin Haag-Drugulin in Leipzig.

Der Autor

Hinter dieser Edition steckt eine Geschichte, die ich gerne genauer wüsste. Hier nur meine Vermutungen: Wilhelm Waetzoldt (1880-1945) war bis 1933 Direktor der Staatlichen Museen Berlin, wurde von den Nazis seines Amtes enthoben. Die dahinter steckenden Anschuldigungen finanzieller Unregelmäßigkeiten konnte er entkräften. 1934 wurde er Ordinarius für Philosophie an der Universität Halle.

Ein Nazi war Waetzoldt also nicht, sehr wohl aber eine Person, die sich offenbar irgendwie mit dem Regime arrangierte, um nicht ausrangiert zu werden. Seine Bücher über Dürer und Holbein sowie sein Jugendbuch „Du und die Kunst“ waren vermutlich recht populär, das Jugendbuch soll sogar an die Hitlerjugend verteilt worden sein (https://dictionaryofarthistorians.org/waetzoldtw.htm).

Zeitbedingtes

Seinem Dürerbuch merkt man stellenweise an, in welcher Zeit es entstanden ist, nicht nur, wenn darauf hingewiesen wird, dass der Frauenmarkt in Nürnberg nun Adolf-Hitler-Platz heiße, sondern auch dann, wenn Waetzoldt immer wieder das Deutschtum Dürers betont und ihm aufgrund seiner Herkunft bestimmte Eigenschaften zuschreibt. Hier weht – in durchaus zurückhaltender Weise – der Zeitgeist aus dem Buch. Sieht man aber davon ab, liest man es mit Gewinn.

Kapitel nach Themen

Waetzoldt schreibt keine Biographie, sondern ein nach Themen geordnetes Buch mit Kapiteln wie: „Selbstcharakteristik“ (über Dürers Selbstbildnisse), „Religiöse Bildwelt“, „Bildnis“, „Landschaft“, „Dürer und Luther“, „Dienst und Freiheit“ (über die für Maximilian I. geschaffenen Werke), „Mit Zirkel und Richtscheit“ (über Dürers kunst- und militärtheoretische Schriften). Das Buch enthält aber auch das Kapitel „Grenzen der Liebe“, wo Waetzold jene Aspekte von Dürers Werk beleuchtet, die er für schwach und überholt hält.

Ein „richtiges Buch“

Der Inhalt des Buches ist aber nur ein Aspekt, der andere die wunderbare Gestaltung dieses Buches. Es ist eines der schönsten Bücher, die ich besitze und die ich kenne. Schon das Aussehen entspricht einem „richtigen Buch“: stattlich, ohne riesig zu sein, dick, mit einem großzügigen Seitenspiegel, der im Weißrand Marginalien zulässt (Stichwörter zum Inhalt und Abbildungsverweise), eine schöne, gut lesbare Schrifttype und angenehmes Papier.

Ausgezeichnete Abbildungsqualität

Ein Kunstbuch braucht Abbildungen, und in dieser Hinsicht ist das Buch für die damalige Zeit eine Spitzenleistung: auf rund einem Dutzend schwarzen Seiten sind Farbabbildungen eingeklebt; die zweite Hälfte des Buchs besteht aus einem Abbildungsteil aus hervorragenden Kupfertiefdruck-Tafeln, und in den Text sind Reproduktionen von Holzschnitten eingestreut, die sich auf dem rauen Papier des Textteils besonders gut machen.

Musterbeispiel für gelungene Buchkunst

Dieses Buch ist also ein Musterbeispiel für gelungene Buchkunst, und es ist kein Wunder, dass es auch nach dem Krieg noch mehrere Auflagen erlebt hat. Die weite Verbreitung hat dazu geführt, dass man es heute bei ZVAB zum Spottpreis erwerben kann.

Wilhelm Waetzoldt: Dürer und seine Zeit. Phaidon-Ausgabe. George Allen & Unwin Ltd., London, 1938. 591 Seiten.

Bild: Titelseite von Wilhelm Waetzoldt: Albrecht Dürer und seine Zeit.

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Annemarie Schimmel: Friedrich Rückert

Wolfgang Krisai: Friedrich Rückert. Skizze nach einer Büste in der Ausstellung "Der Weltpoet", Erlangen. Tuschestift, 2016.

Die Orientalistin Annemarie Schimmel (1922-2003) gab in den 80er-Jahren eine zweibändige Auswahlausgabe der Werke Friedrich Rückerts im Insel-Verlag heraus. Die darin enthaltenen Einführungen scheint sie 1994 bei Herder etwas erweitert auch als separate Biographie veröffentlicht zu haben. 2015 ist der Band in einer aktualisierten Neuausgabe bei Wallstein erschienen, gerade rechtzeitig vor dem 150. Todestag des Dichters 2016.

Vom Umfang her ist die Biographie mit ihren rund 150 Seiten in kürzester Zeit zu bewältigen, und auch inhaltlich und stilistisch stellt sie ein Musterbeispiel einer knappen, aber umfassenden Einführung zu Leben und Werk eines Dichters dar.

Übersetzer aus 44 Sprachen

Friedrich Rückert (1788-1866) wird 2016 mit einer Ausstellung und vielen Veranstaltungen gefeiert und damit gewissermaßen „wiederentdeckt“, und Schimmels Biographie kann in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielen: Sie ist nämlich aus der Sicht der Orientalistin geschrieben, nicht aus jener der Germanistik. Sie würdigt daher mit höchstem Lob die ungeheure und bis heute gültige Übersetzungsleistung Rückerts, der Werke aus 44 Sprachen, vor allem orientalischen, ins Deutsche übertragen hat.

Orientalische Dichtung erschlossen

Darunter befinden sich nicht nur Teile des Korans, sondern auch Gedichte des Hafis, die Makamen des Hariri und viele weitere wichtige Werke der persischen, arabischen und indischen Dichtung. Die Übersetzungen seien immer mustergültig, da es Rückert gelinge, nicht nur zu übersetzen, sondern die poetische Form der Originale, ja sogar fast unübersetzbare Wortspiele so weit wie möglich in der deutschen Sprache nacherlebbar zu machen. Auf diese Weise habe Rückert für den deutschen Sprachraum die orientalische Dichtung erschlossen, wie dies in keiner anderen Sprache geschehen sei.

Zehntausende Gedichte

Annemarie Schimmel betrachtet Rückerts immense Produktivität an eigenen Gedichten, die in die Zehntausende gehen, aus dem Blickwinkel seiner Übersetzertätigkeit: Man könne nicht trennen – hie deutscher Dichter, hie Übersetzer -, denn Rückerts ununterbrochenes Dichten sei einerseits die Voraussetzung für die Sprachbeherrschung, die er auch in seinen Übersetzungen und gerade da gezeigt habe, andererseits hätten die Formen der orientalischen Dichtung auch auf den ungeheuren Formenreichtum seiner eigenen Gedichte zurückgewirkt.

Ein lyrisches Tagebuch

Rückert schrieb Gedichte über alles und jedes, fast wie ein lyrisches Tagebuch. Sein Alterswerk wird derzeit in zehn Bänden unter dem Titel „Liedertagebuch“ im Rahmen der historisch-kritischen Ausgabe bei Wallstein herausgegeben.

Vielfach ging es ihm darum, eine Weisheit pointiert in Worte zu fassen, aber er dichtete genauso über Alltagsdinge, über seine Kollegen, vor allem aber über seine Frau und seine Kinder.

Berühmt sind ja die rund 400 „Kindertotenlieder“, in denen er seinem Schmerz über den Tod zweier seiner zehn Kinder durch Scharlach freien Lauf lässt, und die Gustav Mahler in knapper Auswahl vertont hat.

Liebesgedichte an seine Frau

Auch seiner Frau widmete er Unmengen von Liebesgedichten, beginnend mit dem Band „Liebesfrühling“. Luise Wiethaus-Fischer hatte er bei seinem Gastgeber in Coburg, wo er an der fürstlichen Bibliothek Forschungen unternahm, kennen gelernt. Sie blieb bis zu ihrem Tod 1857 seine große Liebe, führte aber auch mit Umsicht den Haushalt und „managte“ ihren Dichter-Gatten. Sie war keine der „großen Frauen“ der Romantik, aber vor diesen hatte Rückert ohnehin eine gewisse Scheu.

Seine Weisheitsdichtung nannte Rückert „Die Weisheit des Brahmanen“. Dabei handelt es sich nicht, wie man annehmen könnte, um Übersetzungen aus dem Indischen, sondern um Rückerts eigene Lebensweisheit. Der titelgebende „Brahmane“ steht hiebei für einen Weisen schlechthin, jenseits aller Religionen.

Rückert befremdete manchen strengen Protestanten oder Katholiken durch seine tolerante Einstellung in Fragen der Religion. Jenseits der einzelnen Religionen suchte er einen Weg zu Gott und schrieb darüber in seinen Gedichten.

Weniger tolerant war Rückert in politischer Hinsicht, wo er sich ganz auf die Seite des deutschen Nationalismus, wie er im Kampf gegen Napoleon aufkam, stellte. Dementsprechend „geharnischt“ war seine Dichtung, und mit Napoleon-Freunden wie Goethe wurde er, zumindest politisch, nicht warm.

Professor für Orientalistik

Seine Karriere als Universitätsprofessor für orientalische Sprachen hatte nur zwei große Abschnitte: die Jahre an der Universität Erlangen und jene an der Universität Berlin. An beiden Universitäten lehrte er ohne große Begeisterung, da ihm das Unterrichten nicht lag. Seine Stärke lag darin, sich in kürzester Zeit neue Sprachen so weit anzueignen, dass er die in dieser Sprache geschriebenen Werke lesen, verstehen und übersetzen konnte. Darin hatte er eine seltene Hochbegabung. Kein Wunder, dass er der lästigen Lehrtätigkeit im kalten Berlin schließlich zu entkommen trachtete, sich 1848 pensionieren ließ und sich auf sein Landgut in Neuses (heute ein Stadtteil von Coburg) zurückzog und dort seinen Interessen und seiner Familie lebte.

Rückerts Haus in Neuses ist übrigens seit einigen Jahren als Museum zugänglich.

Der Dichter dürfte auch einen deutlichen Hang zur Melancholie gehabt haben. Er litt darunter, dass er als Doppelbegabung keine seiner beiden Seiten – die des Dichters und die des Orientalisten – zu höchster Entfaltung bringen konnte.

Fand sich zu hässlich und zu groß

Daneben war er auch mit seiner äußeren Erscheinung unzufrieden: Er fand sich hässlich und zu groß. Immerhin maß er zwei Meter, was neben seiner bei weitem kleineren Frau besonders aufgefallen sein musste. Eines seiner Stehpulte konnte ich in der Gedenkausstellung in Erlangen besichtigen: Es ist mindestens 160 cm hoch. Nichts für kleine Leute! Auf einer der in den Band eingestreuten Schwarzweißabbildungen sieht man eines dieser Stehpulte (S. 95).

Annemarie Schimmel: Friedrich Rückert. Lebenslauf und Einführung in sein Werk. Aktualisierte Neuausgabe. 2. Auflage. Wallstein, Göttingen 2016. 157 Seiten.

2016/17 läuft unter dem Titel „Der Weltpoet“ eine äußerst sehenswerte Ausstellung über Friedrich Rückert: in Schweinfurt 8. April – 10. Juli 2016, im Stadtmuseum Erlangen 24. Juli – 26. Dezember 2016 und im Kunstverein Coburg 14. Jänner – 17. April 2017.

Bild: Wolfgang Krisai: Friedrich Rückert. Skizze nach einer Büste in der Ausstellung „Der Weltpoet“, Erlangen. Tuschestift, 2016.

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Hazel Rosenstrauch: Wahlverwandt und ebenbürtig. Caroline und Wilhelm von Humboldt

Wolfgang Krisai: Caroline von Humboldt. Nach einem Gemälde von Gottlieb Schick, 1809. Feder, Farbstift.Als ich im Internet nach Literatur über Wilhelm von Humboldt suchte, stieß ich auf den Titel „Wahlverwandt und ebenbürtig. Caroline und Wilhelm von Humboldt“ von Hazel Rosenstrauch. Dumpf erinnerte ich mich, dass meine Frau und ich diese Autorin bei einer Lesung in Wien erlebt hatten. Aus welchem Buch, erinnerte ich mich nicht mehr.

Einer Eingebung des Unterbewusstseins folgend sah ich mir das Klassik-Regal meiner Frau an, und siehe da: Hier stand ja das Buch! Signiert von Hazel Rosenstrauch am 20. Mai 2010.

Was in Peter Berglars Monographie über Wilhelm von Humboldt über die Ehe von Caroline und Wilhelm stand, hatte mich sehr neugierig gemacht. Das Buch von Hazel Rosenstrauch bot nun einen genauen Einblick in diese interessante Beziehung.

Ehe mit Freiraum

Beide Partner in dieser Ehe waren hochintellektuelle Persönlichkeiten, die lebenslang in einem regen geistigen und seelischen Austausch standen, einander aber in Bereichen, wo ihre Charaktere nicht deckungsgleich waren, auch größtmöglichen Freiraum gewährten.

Bei einer Ehe unter Adeligen, die von den Eltern arrangiert worden wäre, wäre es nicht weiter erstaunlich, wenn die Partner außereheliche Beziehungen hätten. In diesem Fall war es das Programm zweier Liebender, die sich aus Liebe füreinander entschieden hatten, einander trotzdem außereheliche Beziehungen zu gönnen.

Freundschaft, Liebe und Sex

Wobei zu bedenken ist, dass damals Freundschaft, Liebe und Sexualität anders verteilt waren als heute. Freunde schrieben einander glühende Liebesbriefe, Liebende waren einander seelisch verbunden, ohne dass „Sex“ hier die Hauptrolle spielen musste.

Bei den Humboldts weiß man über die erotische und sexuelle Seite der Ehe nichts, sondern hat nur die „Ergebnisse“ in Form zahlreicher Kinder.

Sehr wohl weiß man aber von Carolines „leidenschaftlichem Verhältnis“ (Peter Berglar: W. v. H., S. 39) zu Wilhelm von Burgsdorff in Paris. Oder von Wilhelms Ausgaben für Bordellbesuche, die er im Tagebuch notierte.

Eine Frau, mit der er ein engere Beziehung pflegte, als er in Königsberg Bildungsminister war, hieß Johanna Motherby. Seine Briefe an sie sind erhalten und ediert.

Intensive Korrespondenz

Die Briefe, die zwischen den beiden Ehepartnern hin und her flogen, sind die Hauptquelle für unser Wissen über diese Ehe und das Alltagsleben der Familie Humboldt. Sie wurden von der Enkelin Humboldts (oder war es schon die Urenkelin?) kurz nach 1900 in sieben Bänden herausgegeben. Hazel Rosenstrauch betont, man müsse diese Quelle mit Vorsicht behandeln, denn sie sei geschönt. Überhaupt fällt Hazel Rosenstrauchs kritischer Blick auf ihre Quellen positiv auf.

Eine solche Vielzahl von Briefen gibt es nur deshalb, weil Wilhelm und Caroline häufig für kürzere, aber auch längere Zeit getrennt waren. Carolines labile Gesundheit (sie litt fast immer unter Kopfschmerzen und Fieber) legte „gesunde“ Aufenthaltsorte nahe. Königsberg war nicht darunter. Eher schon Rom, wo die Familie fünf Jahre verbrachte und im Palazzo Tomati wohnte.

Lust am Gesellschaftsleben

Caroline scheint die gleiche Lust an Gesellschaften wie Wilhelm gehabt zu haben, daher wurde ihr Haus überall sogleich zu einem Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Insbesondere in Rom förderte Caroline die deutschen Künstler, die sich in der ewigen Stadt niedergelassen hatten. Sie verköstigte sie, verschaffte ihnen aber auch Aufträge. Sie war eine Kennerin der Malerei, weshalb Goethe sie auch bat, auf einer Spanienreise ein Verzeichnis der wichtigen Gemälde, die ihr unterkamen, anzulegen und ihm zu schicken. Für die Kunstsammlung der Humboldts war in erster Linie sie zuständig, wie überhaupt für alle organisatorischen Belange des Haushalts. In dieser Hinsicht hatte sie das volle Vertrauen ihres Mannes.

Man kann sich vorstellen, wie sie als geistvolle und charmante Dame junge Männer faszinierte. Mancher Hauslehrer der Kinder musste gehen, weil er der Herrin zu nahe getreten war – ohne auf Gegenliebe zu stoßen.

Tod Carolines 1829

1829 starb Caroline. Wilhelm überlebte sie um sechs Jahre, während derer er einen intensiven Kult um die Verstorbene trieb. Er besuchte auf seinen Spaziergängen täglich ihr Grab im Park des Schlosses Tegel bei Berlin, wo die beiden seit 1819 gelebt hatten. Er kümmerte sich auch persönlich um die angemessene künstlerische Gestaltung des Grabes, über dem sich eine Säule, bekrönt von einer Marienstatue, erhob.

Hazel Rosenstrauchs Buch ist eine ideale Ergänzung zur vorher gelesenen rororo-Monographie über Wilhelm von Humboldt und macht Lust darauf, sich mit den Ehebriefen zu beschäftigen, die man im Internet findet, wie alle Werke Humboldts auch.

Hazel Rosenstrauch: Wahlverwandt und ebenbürtig. Caroline und Wilhelm von Humboldt. Eichborn, Frankfurt, 2. Aufl., 2009. 340 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Caroline von Humboldt. Nach einem Gemälde von Gottlieb Schick, 1809. Feder, Farbstift, 2016.

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Peter Berglar: Wilhelm von Humboldt

Wolfgang Krisai: "Wilhelm von Humboldt", Skizze nach der Lithographie von Oldermann nach F. Krüger. Umschlag der rororo-Monographie über Wilhelm von Humboldt von Peter Berglar. Feder. 2016.Ein Gutteil meines biographischen Wissens über wichtige Persönlichkeiten stammt aus rororo Bildmonographien, die ich in meiner Jugend und vor allem Studienzeit verschlang. Und auch heute noch greife ich gerne zu dieser genialen Buchreihe, wenn es darum geht, über einen Menschen eine erste, profunde Information einzuholen.

Im Zusammenhang mit meiner Beschäftigung mit der Institution Universität begann mich Wilhelm von Humboldt zu interessieren, der die Universität als Stätte der Forschung und Lehre definierte. Was war er für eine Persönlichkeit?

Das Ergebnis war einigermaßen überraschend:

Privatgelehrter

Wilhelm von Humboldt (1767-1835) war Privatgelehrter auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft, vor allem in den letzten 15 Jahren seines Lebens widmete er sich diesem Gebiet, lernte eine Fremdsprache nach der anderen und machte sich Gedanken über deren Zusammenhänge.

Diplomat

Genauso war er auch Diplomat, während einiger Jahre Vertreter Preußens in Rom beim Heiligen Stuhl, später Adjutant des Kanzlers Hardenberg beim Wiener Kongress, kurz auch Botschafter Preußens in London – von wo er sich aber so schnell wie möglich wieder abberufen ließ.

Diese diplomatischen Posten waren aber für Humboldts Vorstellungen nicht angemessen wichtig und selbstbestimmt. Das veranlasste ihn mehrmals, den Dienst zu quittieren und in ein anderes Tätigkeitsfeld zu wechseln.

Der preußische König Friedrich Wilhelm III. stand ihm wohlwollend gegenüber, daher konnte er sich diese Mimosenhaftigkeit leisten. 1819 allerdings ging er zu weit, stellt den König vor die Wahl zwischen ihm und Hardenberg – und der König entließ ihn.

Bildungsminister

Humboldts kulturelle Bedeutung jedoch fußt auf lediglich eineinhalb Jahren Tätigkeit als Bildungsminister Preußens vom 20. Februar 1809 bis zum 14. Juni 1810 in Königsberg, wohin der preußische Hof vor Napoleon geflüchtet war.

Kaum im Amt, entfaltete Humboldt eine titanische Gestaltungskraft und reformierte in kürzester Zeit das gesamte Bildungswesen Preußens. In Memoranden und Dekreten kümmerte er sich um das große Ganze genauso wie um scheinbar unbedeutende Details.

Schuljahr und Stundenplan

Humboldt „erfand“ das Schuljahr: Man konnte nun nicht mehr seine Kinder zu jedem beliebigen Zeitpunkt in die Schule schicken, sondern nur zu Schuljahresbeginn. Dasselbe galt für den Tagesablauf, wo nun auch ein Stundenplan vorgeschrieben wurde, an den sich die Schüler zu halten hatten.

Solche Details hatten dem großen Ziel der umfassenden Bildung der Bevölkerung. „Es gibt schlechterdings gewisse Kenntnisse, die allgemein sein müssen, und noch mehr eine gewisse Bildung der Gesinnungen und des Charakters, die keinem fehlen darf.“ (Rechenschaftsbericht an den König, Dez. 1809)

Bildung zum aufgeklärten Menschen und Bürger

Damit Bildung möglich wird, müssen dem Kind zunächst in einer „Elementarschule“ die Voraussetzungen dazu beigebracht werden. Wer sich dann als bildbar erweist, kommt auf die eigentliche Schule im Humboldtschen Sinne: in ein humanistisches Gymnasium. Dieses dient nicht eine bestimmten Berufsausbildung, sondern es bildet den Schüler zu einem „aufgeklärten Menschen und Bürger“ (ebd.). Wer dazu geworden ist, „erwirbt die besondere Fähigkeit seines Berufs nachher so leicht und behält immer die Freiheit, wie im Leben so oft geschieht, von einem zum anderen überzugehen.“ (ebd.)

Berglar kritisiert allerdings, dass die von Humboldt bewirkte Ablösung der Bildung „von ihrer Beziehung zur Tätigkeit, zur Arbeit, zur gesellschaftlichen Praxis des Menschen“ (S. 88) ein Jahrhundert später dazu führte, dass gebildete Deutsche in ein politisches Desaster stolperten, gegen das aufzutreten sie auf ihrem Bildungsweg nicht gelernt hatten.

Forschung und Lehre: die Universität

Nach Elementarschule und Gymnasium sollte der Schüler „eine Anzahl von Jahren ausschließend dem wissenschaftlichen Nachdenken an einem Orte widmen, der viele Lehrer und Lernende in sich vereinigt“: an der Universität. Dort sollte kein Schulbetrieb mehr, sondern ein lebendiger Dialog zwischen den Professoren und den Studenten herrschen. Eben die „Einheit von Forschung und Lehre“, die neben der „Freiheit“, sich selbst auszusuchen, was man studieren will, der zweite Eckpfeiler der deutschen Universität wurde (S. 95).

Gründer der Universität Berlin

Humboldt leitete die Gründung der Universität Berlin in die Wege, doch bevor sie eröffnet werden konnte, hatte er schon wieder seinen Abschied als Bildungsminister eingereicht. (Vermutlich mit der Absicht, vom König durch mehr Machtbefugnisse zum Verbleiben im Amt bewegt zu werden. Womit er sich verrechnet hatte…) Immerhin sorgte er noch dafür, dass an die Universität Berlin die führenden Köpfe der damaligen Zeit als Professoren geholt werden konnten.

Kommunikationstalent

Wie konnte Humboldt in so kurzer Zeit solche Wirkung haben? Schlüssel dazu sind sein Kommunikationstalent und sein umfassendes Interesse. Er trat mit allen bedeutenden Menschen seiner Zeit in Beziehung, und zwar schon als junger Student. In Berlin frequentierte er den Salon von Henriette Herz, in dessen Kreis er auch seine spätere Frau Caroline von Dacheröden kennenlernte. Die Berliner Salons waren damals Treffpunkt sämtlicher Intellektueller der Stadt.

Auf Reisen war es damals möglich, sich bei bedeutenden Persönlichkeiten zu einem Besuch anzumelden. So lernte Humboldt den Weltreisenden und politischen Kopf Georg Forster kennen und freundete sich mit ihm und seiner Gattin an. Oder Friedrich Heinrich Jacobi, den er in Pempelfort bei Düsseldorf besuchte.

Der dritte Klassiker neben Goethe und Schiller

Mit Goethe und Schiller, die er während einiger Jahre in Jena als Freunde gewann und mit denen er regen Austausch pflegte, bildete er das Dreigestirn der deutschen Klassik. Insbesondere Schiller stand ihm nahe, während Goethe sich eher seinem Bruder Alexander von Humboldt wesensverwandt fühlte.

Humboldt war ein Mensch, der sich mit Feuereifer auf Neues stürzte, aber schnell erlahmte und selten ein Werk zu Ende führte. Zumindest dauerte manches viele Jahre, wie seine Übersetzung des „Agamemnon“ von Aischylos, die 1816 erschien. Sein Ruhm fußt daher nicht auf einem schriftstellerischen Werk, sondern auf seinem Universalismus, von dem man sich vor allem in seinen unzähligen Briefen ein Bild machen kann.

Tausende Sonette

Bemerkenswert ist jedoch, dass er in den letzten Lebensjahren jeden Tag mit einem Sonett, das er einem Sekretär diktierte, abschloss. Diese Sonette sind bis heute nicht vollständig publiziert und behandeln inhaltlich sozusagen „Gott und die Welt“.

Unermüdlicher Briefschreiber

Das tägliche mehrstündige Briefeschreiben war Humboldt sein Leben lang ein unabdingbares Bedürfnis. Zum Glück für die Nachwelt, denn die Briefe sind zu einem großen Teil erhalten (wenn auch, wie der Briefwechsel mit seiner Frau Caroline, von den Herausgebern ein wenig geschönt). Darüber hinaus schrieb er immer wieder Tagebuch. Darin kann man minutiös nachlesen, was ihn beschäftigte.

Über seine interessante Ehe mit Caroline von Dacheröden gibt es ein ganzes Buch: Hazel Rosenstrauch: „Wahlverwandt und ebenbürtig“ – das ich als nächstes lese.

Peter Berglar: Wilhelm von Humboldt. rororo Bildmonographie. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 16. – 18. Tsd., 1976. 186 Seiten.

Wolfgang Krisai: „Wilhelm von Humboldt“, Skizze nach der Lithographie von Oldermann nach F. Krüger auf dem Umschlag der rororo-Monographie über Wilhelm von Humboldt von Peter Berglar. Feder. 2016.

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