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Wolfgang Straub: Carl Ritter von Ghega

Wolfgang Krisai: Dampflok 52 als Museumslok in Simbach am Inn. Tuschestift, 2010.2004 startete der Styria-Verlag offenbar eine Reihe „Biografische Bibliothek“, die über den ersten Band nie hinausgekommen ist. Dieser, geschrieben von Wolfgang Straub, widmet sich Carl Ritter von Ghega.

In Venedig geboren

Nach dem Band „Österreichs Spuren in Venedig“, den ich vor Kurzem gelesen habe, ist das die ideale Ergänzung, denn Ghega wurde in Venedig geboren, und zwar 1802. Seine Jugend und Ausbildung fiel folglich in die Zeit der österreichischen Herrschaft in Venedig, und so war es logisch, dass er zum österreichischen Eisenbahningenieur wurde, als den man ihn gemeinhin kennt.

Sein Vater war ein arsenalotto, also ein im streng geheimen Arsenal beschäftigter Angestellter. Der Sohn sollte ihm nachfolgen, schlug aber, als hoch begabter junger Mann, eine technische Ausbildung ein und wurde Ingenieur für Straßen-, Brücken-, Wasser- und schließlich Eisenbahnbau. Die Bereiche waren damals noch nicht ganz ausdifferenziert, sodass ein Mann wie Ghega sich zeitlebens mit allen diesem Dingen beschäftigen konnte. Die Eisenbahn wurde ab 1835 allerdings zum bedeutendsten Innovations- und Erfolgsgebiet, und Ghega in diesem Fach zu einem der führenden Köpfe weltweit.

Welches Antriebssystem?

Während die Anfangszeit der Eisenbahn in Österreich in den Händen von Privatunternehmern wie Rothschild lag, wendete sich bald das Blatt, als man erkannte, dass ein vernünftiges Eisenbahnnetz ohne staatliche Generalplanung und -aufsicht nicht entstehen würde und die Privaten zu sehr auf ihren Profit und weniger auf das verkehrsmäßige Gemeinwohl schauen würden. In dieser Phase schlug Ghegas große Stunde, er wurde zum obersten Eisenbahnbeamten des Kaiserreichs und mischte mit bei der Generalplanung aller österreichisch-ungarischen Bahnlinien oder bei der Frage, welche Antriebsformen verwendet werden sollten. Damals war nämlich noch nicht ausgemacht, dass die Dampflokomotiven, denen Ghega die größten Chancen gab, die Triebfahrzeuge der Zukunft sein würden, sondern man dachte auch an Pferde (wie bei der Pfeirdeeisenbahn Budweis – Linz – Gmunden), an das untaugliche und heute vergessene System der „Atmosphärischen Bahn“, bei dem die Fahrzeuge durch in ein Rohr eigreifende Kolben, die vom im Rohr erzeugten Vakuum vorangezogen würden, bewegt werden sollten, oder im Gebirge an steile Schienenwege mit Seilzügen. Legendär ist der von Ghega veranstaltete Lokomotivwettbewerb für die Semmeringstrecke, bei dem sich keine der vier angetretenen Loks als wirklich tauglich erwies, der aber immerhin soviel Erkenntnisse brachte, dass der Ingenieur Wilhelm Engerth dann eine taugliche Semmering-Tenderlok kostruieren und bauen lassen konnte.

Formvollendet in die Landschaft eingebettet

Ghega bereiste England und Amerika, um die dortigen Eisenbahnsysteme kennenzulernen und zu studieren. In Amerika lernte er Eisenbahnen von höchster Effizienz bei gleichzeitig geringen Kosten kennen. Auch er selbst strebte natürlich preisgünstige Bahnbauten an, war aber andererseits Ästhet genug, um seine Bahnlinien formvollendet in die Landschaft einzubetten und anstelle der amerikanischen Holzbrücken, wie man sie aus Wildwestfilmen heute noch kennt, die schönen Ziegelviadukte zu bauen, die seine Bahnlinien zu Sehenswürdigkeiten werden ließen.

Semmeringbahn

Die Strecke, mit der er am meisten zu tun hatte, war die Südbahn von Wien nach Triest. Ghega ist im öffentlichen Bewusstsein der Erbauer der Semmeringbahn von Gloggnitz nach Mürzzuschlag. Man stellt ihn sich als den Ingenieur vor Ort vor, der im Gelände herumstapft, Trassen plant und Bauarbeiter-Scharen befehligt. Diese Vorstellung ist aber falsch. Denn Ghega war damals, um 1850, bereits der oberste Eisenbahn-Beamte und nur noch selten tatsächlich auf den Baustellen zu sehen. Planung und Ausführung der Semmeringstrecke oblagen nicht nur ihm, sondern seinem ganzen Team von Ingenieuren, dessen führender Kopf er allerdings war. Die enge Assoziation Ghega – Semmering ist jedoch erst auf posthume Mythenbildung zurückzuführen.

Ghega plante und baute auch gewaltige Viadukte zwischen Laibach und Triest, die allerdings leider nicht erhalten sind. Sie hätten der bis heute weltgrößten Eisenbahnbrücke aus Ziegeln, der sächsischen Göltzschtalbrücke, durchaus Konkurrenz gemacht, wenn schon nicht in der Höhe, so doch in der Länge. Leider erfährt man im Buch nicht, weshalb sie nicht erhalten sind. Ich vermute: Kriegszerstörungen.

Revolution 1848

Der Autor geht auch der Frage nach, inwieweit die Revolution von 1848 und der Semmeringbahnbau zusammenhängen: Anzunehmen ist, dass der österreichische Staat 1848 die Gelegenheit gerne ergriff, tausende Arbeiter aus Wien an den Semmering wegzuschaffen, wo sie halbwegs friedlich arbeiteten, statt auf die Barrikaden zu steigen. Die Verhältnisse, unter denen die Arbeiter vegetierten, wären allerdings durchaus Anlass zu möglichen Protesten gewesen, denn sie waren schlicht menschenunwürdig. Ghega verschwendete darauf keinen Gedanken, das war Sache der Subunternehmer, die die einzelnen Bauabschnitte errichteten.

Trockener Typ

Ghega war kein von Mitgefühl, ja von Gefühlen überhaupt überströmender Mensch. Sein Privatleben hielt er offenbar für uninteressant, dementsprechend hob er keine Briefe auf, schrieb kein persönliches Tagebuch, und seine einzige autobiographischen Äußerung ist eine „Diensttabelle“, in der er aufzählt, welche Ausbildungen, Dienststellen und Planungsaufgaben er wann absolvierte bzw. innehatte. Ein eher trockener Typ also – obwohl er als in Gesellschaft angenehm und unterhaltend geschildert wird.

Dem Staat ging bald nach 1850 immer mehr das Geld aus, sodass die Doktrin der staatseigenen Eisenbahn aufgegeben werden musste. Die staatseigenen Bahnen wurden nach und nach an Private verkauft, bis schließlich alles verkauft und der Posten des „Generalinspektors der Staatsbahnen“ sinnlos war. Ghega hätte, zumal er keineswegs ein Gegner privater Eisenbahnen war, wohl problemlos als hoher Manager bei einer Privatbahn einsteigen können, tat dies aber nicht. Er wurde 1859 ins Finanzministerium übernommen, über seine Tätigkeit dort ist allerdings nichts bekannt, weil er sie wahrscheinlich nie ausgeübt hat. Denn schon 1860 erlag er der „Lungensucht“, also vermutlich Tuberkulose.

Ghega-Mythos

Nach seinem Tod begann langsam die Bildung eines nicht ganz realistischen Ghega-Mythos. 1869 errichtete man am Semmering ein Ghega-Denkmal, Reden wurden geschwungen, Artikel veröffentlicht. Im Lauf der Zeit wurden vier Roman über Ghega geschrieben, allesamt von heute vergessenen Autoren. Allerdings ist die Semmeringbahn auch in einem literarisch hochwertigen Roman ausführlich geschildert, in Heimito von Doderers „Die Wasserfälle von Slunj“. Und die älteren Österreicher kennen sein Portrait noch vom 20-Schilling-Schein.

Die Biographie ist gut lesbar geschrieben, vermittelt ein überblicksmäßiges Bild der Entwicklung des Eisenbahnwesens in Österreich bis etwa 1860 und natürlich ein sehr detailreiches von Ghega selbst. Die Abbildungen ergänzen den Text, ohne ihn zu überwuchern. Am Schluss befindet sich neben den üblichen Verzeichnissen auch ein tabellarischer Lebenslauf. Dem fadengehefteten und mit einem Lesebändchen versehenen Band ist eine eineinhalb Meter lange „Perspectivische Ansicht der Semmeringbahn von Payerbach bis zum Semmeringtunnel“ beigegeben.

Wolfgang Straub: Carl Ritter von Ghega. Biografische Bibliothek Styria Band 1. Styria-Verlag, Wien 2004. 238 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Dampflok 52 als Museumslok in Simbach am Inn. Tuschestift, 2010.

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Stefan Zweig: Montaigne

Wolfgang Krisai: Der Turm Montaignes auf Schloss St. Michel de Montaigne. Farbstift und Tuschestift. 2014.Der biographische Essay ist eines der letzten Werke Stefan Zweigs (1891 – 1942) und wurde in dessen Nachlass gefunden. Die Ausgabe folgt dem Typoskript Zweigs, in das er handschriftliche Ergänzungen eingetragen hat.

Warum Montaigne?

Zweig begründet zunächst, weshalb er sich gerade jetzt, 1941, in der nicht nur für ihn, sondern für die ganze Welt schrecklichen politischen Situation des Zweiten Weltkriegs und der Naziherrschaft in Europa, mit einem Mann wie Montaigne befasst: Montaigne habe in ähnlich finsteren Zeiten gelebt, er habe zum Beispiel die Bartholomäusnacht erlebt, und er habe sich darin in vorbildlicher Weise bewährt: als unabhängiger Denker und Schriftsteller, der sich aus dem politischen Leben auf sein Landschloss St. Michel de Montaigne bei Bordeaux zurückgezogen hat. In den Religionskriegen sei er zwar zu seiner katholischen Religion gestanden, habe aber Toleranz gegenüber den Andersgläubigen vorgelebt.

Das Leben eines Selbstdenkers

Zweig schildert die Lebenstationen Montaignes (1533 – 1592) einprägsam: etwa die ambitionierte Erziehung zum Latein als „Muttersprache“ (durch einen nicht des Französischen mächtigen deutschen Lateinlehrers), seine politische Karriere als hoher Beamter in Bordeaux und dessen späterer Bürgermeister, seine eineinhalbjährige Reise nach Deutschland und Italien, vor allem aber seine Zeit als zurückgezogener Leser, Denker und Essayist in seinem berühmten Turm des heimatlichen Schlosses. Dort hat er im obersten Stockwerk seine für damalige Verhältnisse riesige Bibliothek mit über tausend Bänden untergebracht, dort lässt er an die Deckenbalken griechische und lateinische Sinnsprüche schreiben, die ihm beim peripathetischen Denkprozess (also dem Nachdenken im Gehen) Anregungen geben sollen, und dort entwickelt er aus zunächst ungeordneten Notizen nach und nach die neuartige Gattungsform des Essais.

Seine gesammelten Essais bringt er 1580 selbst zum Druck, und sie machen allgemein großen Eindruck. Noch zu Lebzeiten veranstaltet er eine zweite Auflage (1582), und seiner geliebten Wahltochter Marie de Gournay vertraut er die Aufgabe an, seine Essais in dritter, stark erweiterter Auflage (1595) herauszugeben.

Fremdsprachige Zitate

Zweig beherrscht als Bildungsbürger zumindest Englisch und Französisch perfekt, daher zitiert er natürlich ausgiebig in diesen Sprachen, und zwar aus Montaignes Essais und aus einer englischsprachigen Montaigne-Biographie, die ihm im brasilianischen Exil offenbar vorgelegen ist. Da bildungsbürgerliche Fremdsprachenkenntnis, insbesondere des Französischen, heute nicht mehr vorausgesetzt werden kann, hat der Herausgeber Übersetzungen der fremdsprachigen Zitate eingefügt, allerdings auf wenig glückliche Weise, nämlich in eckigen Klammern direkt in den Text hinter das jeweilige Zitat. Fußnoten hätten mir besser gefallen.

Das Bändchen ist eine gute Hinführung zu Michel de Montaigne, die meine Montaigne-Lektüre perfekt ergänzt hat.

Stefan Zweig: Montaigne. Hg. von Knut Beck. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main, 8. Aufl. 2014. 95 Seiten.

Bild: Es geht nicht anders, hier muss ich nochmals den Turm des Schlosses St. Michel de Montaigne einfügen, gezeichnet im Sommer 2014 bei der Besichtigung dieses bedeutenden Ortes.

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Steffen Kverneland: Munch. Graphic Novel

Zu Edvard Munch passt diese Skizze der norwegischen Jazz-Sängerin Silje Nergaard, skizziert in Wien, 2011.

Zu Edvard Munch passt diese Skizze der norwegischen Jazz-Sängerin Silje Nergaard, skizziert in Wien, 2011.

Eine anspruchsvolle Graphic Novel über einen Maler – in diesem Fall Edvard Munch – kann nicht einfach sein Leben von der Geburt bis zum Tod erzählen, das ist klar. Steffen Kverneland, der Autor und Zeichner, beginnt daher mit einem ausführlichen Gespräch zwischen sich und seinem Freund Lars Fiske, in dem die beiden die Idee zu der Graphic Novel entwickeln. Sie soll praktisch nur mit Texten von Munch und seinen Zeitgenossen versehen sein, aber keine „fiktiven“ Texte enthalten. Die „Handlung“ ist in drei, vier Schwerpunkte gegliedert, die nicht unbedingt chronologisch ablaufen müssen.

So sieht man Munch zunächst in Berlin, wo er in der Berliner Bohème verkehrt, sich dem Alkohol ergibt, mit allerlei Freunden aus Skandinavien, allen voran mit August Strindberg, Nächte durchdiskutiert und durchsäuft, dazwischen „Weibergeschichten“ anfängt, wenn auch eher glücklos, mit der Tante, die ihm Mutter-Ersatz ist, korrespondiert und: malt, malt, malt. Seine Ausstellungen geraten zu Skandalen, von Kunst-Insidern werden sie allerdings hymnisch gefeiert.
Die Handlung springt dann nach Oslo zu den Anfängen seiner Malerei, wo das Gemälde „Das kranke Kind“ (von dem es, wie von vielen anderen, mehrere Versionen gibt) im Mittelpunkt steht. Er selbst ist auch ständig krank, entwickelt aber dennoch eine zähe Natur, sodass er schließlich ein hohes Alter erreicht. Sein Vater wurde nach dem frühen Tod der Mutter zu einem bigotten Frömmler, der ob der freizügigen Lebensweise seines Künstler-Sohnes schier verzweifeln will. Erst als Edvard die Nachricht vom Tod des Vaters erreicht, bedauert er, nie ein besseres Verhältnis zu ihm aufgebaut zu haben.
Lars Fiske und Kverneland tauchen zwischendurch immer wieder auf, zum Beispiel besuchen sie den Strand, wo Munch jahrzehntelang in einer Hütte den Sommer verbrachte und viel malte, unter anderem eine ganze Serie von Bildern, die einen „Lebensfries“ bilden sollten. Gelegentlich sind die beiden auch in Fotos zu sehen, in die Sprechblasen eingezeichnet sind.
Ein großer Abschnitt ist Munchs Aufenthalt in Paris gewidmet, ein weiterer großer Abschnitt der Entstehung des berühmtesten Gemäldes, des „Schrei“.
Munchs Werke sind natürlich auch immer wieder ganz oder in Ausschnitten zu sehen, und zwar in der zeichnerischen Darstellung durch Kverneland, die immer sehr gut gelungen ist.

Drei Ebenen
Auch die Figuren sind interessant gestaltet. Es gibt nämlich sozusagen drei unterschiedlich gezeichnete Ebenen:
Die Gegenwart mit Kverneland und Fiske, die mit feinem, geschmeidigem, realistischem Strich gezeichnet ist, aber oft auf Farbe verzichtet.
Den alten Munch, der sozusagen über sein Leben spricht und in dieser Form ganz realistisch, aber nur in Grautönen, gemalt ist.
Und schließlich die Hauptsache: der Ablauf des Lebens Munchs, der in einer eckigen, fast kubistischen Manier gezeichnet und großteils sehr kontrastreich in Braun-, Blau- und Rottönen koloriert ist. Es ist hier erstaunlich, wie expressiv diese eckigen Gestalten werden, und wie leicht erkennbar sie trotzdem sind. Munch selbst ist an seinem gewaltigen Kinn sofort identifizierbar, doch auch die anderen Figuren haben typische Merkmale, an deren sie leicht erkannt werden können. Ein expressives, der Handlung entsprechend häufig überhitztes Minenspiel prägt die Gesichter.
Gewisse comic-typische Dinge wie Geräuschwörter oder Bewegungslinien gibt es dagegen praktisch nie, sehr wohl aber „Wut-Zeichen“ in Sprechblasen, wenn es einmal turbulent hergeht.

Auch wenn sich das ganze natürlich nicht so flott liest wie ein Asterix-Heft, weil es sich um eine viel gewichtigere Sache handelt, ist das ein überaus gelungenes Werk.

Steffen Kverneland: Munch. Avant-Verlag, Berlin, 2013. 280 Seiten.

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Rüdiger Safranski: Goethe

Wolfgang Krisai: Goethes Wohnhaus am Frauenplan in Weimar. Tuschestift.

Wolfgang Krisai: Goethes Wohnhaus am Frauenplan in Weimar. Tuschestift.

Rüdiger Safranski hat wieder eine Biographie geschrieben: über Johann Wolfgang Goethe. Betitelt ist sie schlicht „Goethe“, Untertitel: „Kunstwerk des Lebens“. Das ist die Perspektive, unter die diese Biographie gestellt ist: Goethe habe sein Leben bewusst als Kunstwerk gestaltet.

Oder es ist ihm zumindest so geraten. Was in sein Bild von sich selbst passte – und das war sehr viel –, nahm er begierig auf. Noch aus dem letzten Steinchen konnte er Gewinn ziehen und etwas lernen, wenn es ihm nur in seine Interessenssphäre passte. Andererseits konnte er Dinge und auch Menschen souverän (manche würden sagen: gnadenlos) beiseite schieben, wie etwa den in Weimar störenden Jakob Michael Reinhold Lenz. Auch Safranski kann übrigens das Geheimnis um die plötzliche Abschiebung dieses Stürmers und Drängers aus dem bereits klassisch gewordenen Weimar nicht lüften. Was nur hat Lenz denn verbrochen? Goethe hielt es geheim; es musste jedenfalls eine größere Peinlichkeit gewesen sein.

Safranski gelingt es perfekt, den Leser bei der Stange zu halten, indem er nie langweilig wird. Er vertieft sich gerade nur so lange in ein Detail, bis es knapp umrissen ist, dann schwirrt er schon zur nächsten Blüte weiter. Was er dabei zu sagen hat, ist immer brillant formuliert, klar auf den Punkt gebracht und oft „neu“, auch wenn man über Goethe wohl im Grunde nichts Neues mehr sagen kann.

So ist diese Biographie auch ein Lehrbeispiel dafür, dass jede Zeit ihre eigenen Biographien „braucht“, allein schon, um Vergleiche zeitgemäß zu gestalten. Goethe sei ein „Netzwerker“ gewesen, sagt Safranski zum Beispiel. Eine Aussage, die man vor zwanzig Jahren noch nicht gemacht hätte.

Das Buch macht Lust, im Werk Goethes in noch unbeachtete Bereiche vorzustoßen (in meinem Fall etwa der „West-östliche Diwan“) und – jetzt erst recht – im Vergleich auch ältere Goethe-Biographien endlich zu lesen.

Rüdiger Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie. Hanser, München 2013. 748 Seiten, davon 100 Anhang.

PS: Als ich das Buch kaufen wollte, stellte ich entsetzt fest, dass es plötzlich nicht mehr fadengeheftet war. Offenbar ist Hanser ab der 2. Auflage zur Klebebindung übergegangen. Ich wollte schon vom Kauf Abstand nehmen, da riet mir meine Frau, alle in der Buchhandlung vorhandenen Exemplare zu checken. Und tatsächlich: Zum Glück war ganz unten im Stapel noch ein fadengeheftetes Exemplar der Erstausgabe zu finden.

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Stefan Zweig: Marie Antoinette

Wolfgang Krisai: Zeichnung einer anonymen Terracotta-Büste aus dem 18. Jh. im Musée Jacquemart-André, Paris.

Wolfgang Krisai: Zeichnung einer anonymen Terracotta-Büste aus dem 18. Jh. im Musée Jacquemart-André, Paris.

Auch die Lektüre dieses Buches – wie jene der Wolfdietrich-Biographie – hat etwas mit Salzburg zu tun: Mit der 5A besuchte ich dort das Ballett „Marie Antoinette“, das zu einem Potpourri unterschiedlichster Musik ein „Lebensbild“ der französischen Königin zu geben versuchte. Außerdem besuchten wir das Stefan-Zweig-Centre in der Edmundsburg auf dem Mönchsberg, und dort erzählte der Direktor, Dr. Klemens Renoldner, bei seiner Führung, er habe eine französische Historikerin gefragt, was man in Frankreich von Stefan Zweigs Marie-Antoinette-Biographie halte, und sie habe gesagt, man finde sie gut. Was also lag näher, als dieses Buch nun zu lesen? Ich lieh es mir aus, und jetzt ist es gelesen.

Stefan Zweigs Weise, eine Biographie zu erzählen, ist natürlich nicht mit der eines modernen Historikers zu vergleichen. Er schreibt nicht trocken und sachlich, sondern blumig und elegant, er versucht nicht, die Figur zu entzaubern, jedenfalls nicht im heutigen Sinn, sondern ihr jene Ehre zu geben, die ihr gebührt, ihre Fehler aber auch nicht zu beschönigen, wie dies royalistisch gesinnte Biographen früherer Zeiten offenbar getan haben. Außerdem gibt es immer wieder Passagen, in denen Zweig sich sozusagen in die „Seele“ der Heldin einzufühlen versucht, um sie als Charakter und Persönlichkeit verständlich zu machen.

Bildnis eines „mittleren Charakters“

Zweig sieht Marie Antoinette als einen „mittleren Charakter“, der zwischen gut und böse, zwischen privat und öffentlich, zwischen verspielt und ernsthaft angesiedelt ist – und gerade dadurch der welthistorischen Aufgabe, die sich ihr eröffnet hätte, nicht gewachsen ist. Als Fünfzehnjährige wird sie in eine politisch motivierte Ehe mit dem kaum älteren französischen Thronfolger gestoßen, und diese Ehe bleibt jahrelang kinderlos, weil der Dauphin sich vor einer Operation scheut, die ihm ermöglichen würde, Kinder zu zeugen. Erst energisches Zureden Josephs II. führt hier zum Entschluss und dann zu vier Kindern, von denen zwei früh sterben.

Der Dauphin und spätere König Ludwig XVI. ist ein äußerst schwacher Mensch, der sich zu keinem Entschluss aufraffen kann, am liebsten seinen Hobbys Schmiedekunst und Jagd nachgeht und seiner lebenslustigen Frau nichts bieten kann – außer unbedingter ehelicher Treue, denn für einen Seitensprung ist er viel zu träge.

Marie Antoinette ist das genaue Gegenteil dieses Mannes, sie ist lebenslustig, vergnügungssüchtig, verschwenderisch, ein Nachtmensch, der am liebsten auf Maskenbällen tanzt, sich dem Glücksspiel hingibt oder im privaten Schlösschen Trianon Schäferstündchen abhält. Mit ihrem natürlichen Charme gewinnt sie alle Menschen, mit denen sie zu tun hat. Dabei fehlt ihr völlig das Gespür für menschliche Qualitäten, was zur Folge hat, dass sie sich mit windigen Gesellen und intriganten Weibspersonen umgibt, die die leichtgläubige Königin für ihre eigenen Zwecke ausnützen. So „verliebt“ sich Marie Anoinette Hals über Kopf in die mittellose Gräfin Polignac, die bald die eigentliche Macht in Händen hält und skrupellos ihrer Familie zu neuem Reichtum und bedeutenden Ämtern verhilft.

Politisches Desinteresse provoziert die Revolution

Für ihre Untertanen interessiert sich die Königin nicht im mindesten, sie hat nie eine Reise durch Frankreich gemacht, sich nie etwas außerhalb ihrer Adelssphäre zeigen lassen, nie mit jemandem vom Volk gesprochen außer mit ihren Dienerinnen und Dienern. Politisches Interesse: gleich null. Völlig willkürlich überredet sie ihren willenlosen Gatten, diesem oder jenem ein Ministeramt zukommen zu lassen, und völlig bedenkenlos wirft sie das Geld zum Fenster hinaus.

Als dann die wirtschaftliche Situation im Land bedenklich wird, greift der König zu einer Notmaßnahme, die die Revolution heraufbeschwört: Er beruft die Nationalversammlung ein. Dort reißt der Bürgerstand bald die Macht an sich, 1789 kommt es zum Sturm auf die Bastille – und auf Versailles. Der König wird gezwungen, nach Paris zu übersiedeln. Ab diesem Zeitpunkt ist klar, dass er nicht mehr die letzt Macht im Staat hat. Man residiert in den Tuilerien und ist de facto unter Hausarrest. Die Nationalgarde bewacht den Palast und lässt niemanden hinein oder heraus, der nicht von der Nationalversammlung autorisiert ist. Bald jedoch wird durch den Charme der Königin diese Haft lockerer.

Getreue und Ungetreue

Schon 1789 verließen alle Hofschranzen und lieben Verwandten (die zum Teil gegen König und Königin intrigiert hatten und dies im Exil weiterhin taten, so das spätere König Ludwig XVIII.) fluchtartig Versailles, um sich im Ausland in Sicherheit zu bringen. Nur ganz wenige wirklich Getreue blieben, darunter jener schwedische Graf von Fersen, der der einzige wirkliche Geliebte der Königin war. Fersen organisiert für den 20. Juni 1791 einen Fluchtversuch der königlichen Familie, der aber so pomös inszeniert ist, dass die Flucht bald bemerkt wird und schließlich in Varennes hinter Chalons sur Marne ein unrühmliches Ende findet. Fersen ist auf Wunsch der Königin und „Befehl“ des Königs nicht mitgeritten – und wirft sich diese Feigheit bis zum Lebensende vor.

Bald nach der gescheiterten Flucht, 1792, wird die königliche Familie im „Temple“ eingesperrt, nun ist das schon eher eine wirkliche Haft. Am 21. Jänner 1793 wird Ludwig XVI. hingerichtet. Und als ein weiterer Fluchtversuch kläglich scheitert, macht man auch Marie Antoinette den „Prozess“, der natürlich, wie in solcher revolutionären Situation nicht anders zu erwarten, eine Farce ist. Man bringt sogar ihren eigenen neunjährigen Sohn dazu, seine Mutter des Inzests mit ihm zu bezichtigen. Sie wird zum Tod verurteilt, das war von vornherein klar, und am 16. Oktober 1793 guillotiniert.

Wenn Zweig die Geschehnisse zutreffend schildert, dann ist es kein Wunder, dass die französische Revolution ausgebrochen und Marie Antoinette hingerichtet worden ist. Ein Königspaar, das in diesem Ausmaß seiner Aufgabe nicht gerecht wird, muss geradezu den Aufstand provozieren.

Maria Theresias wirkungslose Mahnungen

Da halfen auch die zahllosen mahnende Briefe Kaiserin Maria Theresias an ihre Tochter Marie Antoinette nichts. Zweig zitiert daraus immer wieder. Auch der Berater Graf Mercy, der zwischen Maria Theresia und Marie Antoinette sozusagen den Verbindungsmann darstellt, kann die leichtfertige Königin nicht zum Umdenken bewegen.

Zweigs Biographie ist, wenn man die zum Teil etwas gesuchte Ausdrucksweise akzeptiert, eine durchaus anregende und interessante Lektüre. Obwohl sie vor mehr als 80 Jahren, nämlich 1932, erstmals erschienen ist.

Stefan Zweig: Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters. Büchergilde Gutenberg, Wien, 1953. 569 Seiten.

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