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Brigitte Riebe: Die schöne Philippine Welserin. Historischer Roman

Wolfgang Krisai: Philippine Welser, Skizze nach einem Gemälde von 1557 auf Schloss Ambras. Bleistift, 2017.Ich las Brigitte Riebes historischen Roman über Philippine Welser als Vorbereitung auf die Ausstellung über Erzherzog Ferdinand II. von Tirol auf Schloss Ambras (15. Juni bis 8. Oktober 2017).

Tochter der zweitreichsten Handelsdynastie Deutschlands

Philippine ist ein Spross der zweitreichsten Handelsdynastie Deutschlands nach den Fuggern, der Welser. Berühmt wurde sie durch ihre geheime Ehe mit Erzherzog Ferdinand II. von Tirol.

Die Autorin behandelt Philippines Leben von der Jugend, wo sie Ferdinand kennengelernt hat, bis zu ihrem Tod 1580. Die Darstellung wechselt zwischen auktorial erzählten Kapiteln und Ausschnitten aus dem fiktiven Tagebuch der Heldin. Dabei wird kein Versuch gemacht, die Sprache etwa irgendwie historisierend zu gestalten, aber die Autorin verfällt auch nicht ins andere Extrem einer zu großen Verheutigung.

Eine kräuterkundige Frau

Die Großkapitel (die meist ein, zwei auktoriale und ein Tagebuch-Kapitel enthalten) sind nach Heilpflanzen benannt, zu denen jeweils eine Darstellung und eine Auflistung der guten und gefährlichen Eigenschaften der Pflanze beigestellt sind. Das kommt nicht von ungefähr, denn Philippine ist eine große Kräuterkundlerin und Medizinerin, ein Faktum, das historisch belegt ist. Im Roman lernt sie das alles von ihrer ebenso kundigen Mutter Anna, die sich mit der Kräuterkunde über ihre unglückliche Ehe hinwegtröstet.

Ehe gegen den Willen des Kaisers

Philippines Ehe mit Ferdinand hingegen ist zum Großteil glücklich. 1557 schließen die beiden eine geheime Ehe, gegen den Willen des Vaters Ferdinands, Kaiser Ferdinands I.. Als dieser von der Sache erfährt, muss er sich wohl oder übel dem Willen des Sohnes beugen, denn die Ehe ist nicht mehr rückgängig zu machen. Der Kaiser bestimmt aber, dass Ferdinands Kinder aus dieser Ehe von der Erbfolge der Habsburger ausgeschlossen werden. Immerhin aber werden sie gut versorgt.

„Findelkinder“

Zunächst lebt Philippine auf einem Schloss Pürglitz bei Prag, da Ferdinand Statthalter von Böhmen ist. So oft es geht, kommt er Philippine besuchen. Diese ist über die große Liebe ihres Mannes glücklich, wenn auch nicht darüber, dass sie vor der „Welt“ bloß als dessen Konkubine und ihre Söhne Andreas und Karl als „Findelkinder“ gelten. Die Kinder werden nämlich gemäß eines damals üblichen Ritus geheim zur Welt gebracht, dann wie Findelkinder vor das Schlosstor gelegt, „gefunden“ und der Schlossherrin in die Obhut gegeben.

„Mutter Tirols“

Ab 1567 wohnt Philippine auf Schloss Ambras bei Innsbruck, da Ferdinand inzwischen Herzog von Tirol geworden ist. In Tirol erwirbt Philippine sich durch ihre medizinischen Kenntnisse, die sie zum Wohl der Bevölkerung einsetzt, bald einen guten Ruf als die „Mutter Tirols“.

Erst 1576 dürfen die Eheleute sich öffentlich zu ihrer Ehe bekennen, da der Papst Ferdinand von seinem Schweigegelübde entbindet.

Insgeheim bereitet Ferdinand zu dieser Zeit jedoch schon eine weitere, dynastisch passende Ehe mit seiner Nichte aus Mantua vor, was Philippine im Roman herausfindet und resigniert mitverfolgt, indem sie Ferdinands Briefe liest.

Versuche, Philippine zu vergiften

Den ganzen Roman durchzieht das Kräuter-Thema, nicht nur positiv, sondern vor allem auch negativ, denn Philippine ist fortwährend der Gefahr ausgesetzt, vergiftet zu werden. Das beginnt schon auf Brednitz, dem Schloss ihrer Tante Katharina, wo die Hochzeit geschlossen wird. Schon davor will sie eine Dienstmagd – offensichtlich in höherem Auftrag – vergiften, wird aber ertappt und eingesperrt. Doch kurz darauf ist sie für immer verschwunden.

Eine Kammerfrau, der Philippine vollstes Vertrauen geschenkt hat, erweist sich ebenfalls als Giftmischerin. Und zuletzt versucht es noch eine Schwägerin, die lebenslustige, aber bankrotte Eva, doch dieses leicht durchschaubare Vorhaben kann Philippine rechtzeitig aufdecken.

Durch diese kriminelle Seite der Handlung bekommt der Roman seine Würze.

In einem Anhang erläutert die Autorin, inwieweit ihr Roman historisch „wahr“ ist.

Seltsamer Weise wird der Roman auf dem Umschlag als „historischer Kriminalroman“, auf dem Innentitel jedoch als „historischer Roman“ bezeichnet. Die Ambivalenz kommt wohl von der recht schwachen Ausprägung der Krimi-Handlung.

Brigitte Riebe: Die schöne Philippine Welserin. Historischer Roman. Gmeiner-Verlag, Maßkirch, 2013. 337 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Philippine Welser, Skizze nach einem Gemälde von 1557 auf Schloss Ambras. Bleistift, 2017.

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Peter Prange: Ich, Maximilian, Kaiser der Welt

Wolfgang Krisai: Drei Figuren vom Grabmal Kaiser Maximilians in der Innsbrucker Hofkirche. Tuschestift, 2009.

Peter Prange stellte 2014 seinen neu erschienenen historischen Roman über Kaiser Maximilian I. in Wien vor, und bei dieser Gelegenheit kaufte ich das Buch und ließ es signieren. Jetzt habe ich es gelesen, und zwar im Rekordtempo, so spannend war es.

Tod in Wiener Neustadt

Von Maximilian I. hatte ich nur eine äußerst vage Vorstellung, die nun etwas stärker konturiert wurde. Allerdings behandelt der Roman praktisch nur die Jahre von seiner Brautwerbung um Marie von Burgund bis zu seiner Erhebung zum Kaiser des Römischen Reichs Deutscher Nation. Er beginnt mit dem Tod Maximilians in Wels. Dieser war gerade auf dem Weg nach Wiener Neustadt – wo er nun begraben liegt. In seiner Todesstunde lässt Prange u. a. zwei Personen um ihn sein, denen er in seinem Roman eine zentrale Rolle zugewiesen hat: Rosina von Kraig, seiner Geliebten, und Kunz von der Rosen, seinem Hofnarren.

Künstlerische Freiheit

Historisch inkorrekt lässt Prange diesen Kunz sogar noch das Ende des Romans erleben, wo er in die Zukunft, nämlich bis zur Kaiserkrönung Karls V. in Bologna, ausgreift, obwohl Kunz im selben Jahr wie Maximilian, 1519, starb. Künstlerische Freiheit.

Doch damit ist auch schon das Problem eines solchen Romans angerissen: Als Leser, der kein Maximilian-Experte ist, weiß man nie, was historisch wahr und was vom Autor erdichtet ist. Daher müsste man nun eigentlich „zum Drüberstreuen“ Hermann Wiesfleckers fünfbändige Mammut-Biographie Maxmilians lesen, um vergleichen zu können.

Unerfreulicher Ränkeschmied

Kunz von der Rosen macht Prange, offenbar auch hier entgegen der historischen Wahrheit, zu einem unerfreulichen Ränkeschmied, der jahrelang im Sold der Franzosen Maximilian zu schaden versucht. Max kommt nie dahinter, ja, er hat nicht einmal den leisesten Verdacht, dass sein gewitzter Hofnarr (auch das war Kunz eigentlich nicht, sondern nur der bunte Vogel des Hofes), den er sogar in den Adelsstand versetzt und immer wieder mit geheimen Aufträgen bedacht hat, eigentlich ein Verräter ist. Für die Erzeugung von Spannung im Roman ist diese Umdeutung der Figur jedoch von größtem Nutzen.

Die Liebe der Staatsraison geopfert

Rosina von Kraig macht Prange hingegen zur großen Liebe von Maximilian. Schon der Jugendliche verfällt dieser schönen jungen Frau, der er ewige Liebe schwört. Als die Staatsraison den jungen Thronfolger zwingt, eine standesgemäße Ehe einzugehen, trennen sich die Wege von Max und Rosina für einige Zeit. Rosina gerät in einer Truppe von Schaustellern und zieht mit ihnen durch die Welt. In Gent stößt sie wieder auf Max, der sie unbedingt als seine Mätresse haben will.

Bildschön, sportlich, blitzgescheit: Marie von Burgund

Verheiratet ist Max nun ja mit Marie von Burgund, einer bildschönen, sportlichen und blitzgescheiten Frau, in die er sich, ganz gegen seine Erwartung (Kunz hat sie ihm im Auftrag der Franzosen als hässliche Hexe dargestellt), bis über beide Ohren verliebt hat. Marie weckt in Max Seiten, die er bisher noch nicht entwickelt hatte, so seine sprachlichen Fähigkeiten, das Interesse an Kunst, Musik und Literatur und vor allem an der Politik. Das Herzogtum Burgund, das Maries Vater Karl der Kühne zu hoher weltpolitische Bedeutung führen konnte, ist nämlich ein höchst umstrittenes Gebiet: Kaiser Friedrich III., Maximilians Vater, will es im Römisch-Deutschen Kaiserreich haben, der französische König Ludwig reklamiert es für Frankreich, und im Land selbst kämpfen aufständische Handwerker unter Jan Coppenhole mit Maximilian um die Regierungsgewalt. Marie und Max sind fest entschlossen, Burgund zusammenzuhalten und nicht in die Hände der Franzosen fallen zu lassen. Es kommt zu einer jahrzehntelangen Abfolge von Kriegen, die Max zum Teil gewinnt, da er ein tollkühner Kämpfer und innovativer Stratege ist, zum Teil verliert, weil er immer zu wenig Geld und damit zu wenig Söldner hat.

Tödlicher Sturz

Marie von Burgund kommt früh zu Tode. Prange gibt Max, Rosina und Kunz daran die Schuld: Kunz hat – wieder im Auftrag des Feindes – den Sattelgurt Maries angeritzt; Rosina hat Max gezwungen, sich zu ihr zu bekennen; Max hat dieses Bekenntnis lange aufgeschoben, doch eines Tages gesteht er Marie sein Verhältnis zu Rosina doch. Marie galoppiert wutentbrannt davon, setzt über einen breiten Graben, das Pferd strauchelt, der Sattelgurt reißt, Marie fliegt in hohem Bogen davon, schlägt hart auf und stirbt wenige Tage darauf an ihren Verletzungen.

Rosina sucht das Weite und begeht sogar einen Selbstmordversuch, der aber statt zum Tod zum Verlust jeglicher Erinnerung an Maximilian führt. Ausgerechnet Kunz findet die Halbtote und holt gleich Max’ Erzfeind Coppenhole, dem er sie als Faustpfand gegen Max empfiehlt. Coppenhole verliebt sich in Rosina, die sich nun Barbara nennt, und heiratet sie sogar. Allerdings erlangt sie ihr Gedächtnis wieder und kommt Coppenhole auf die Schliche. Mit einem, der sie jahrelang belogen hat, will sie nicht länger zusammen sein. Coppenholes Tage sind aber ohnedies gezählt, denn im Zuge der Kriegswirren wendet sich Gent gegen seinen ehemaligen Führer und lässt ihn köpfen.

Grausamkeit und Depression

Maximilian hat nämlich inzwischen mit Frankreich Frieden geschlossen – nach haarsträubenden Vorkommnissen zwar, aber was fordert nicht alles die Staatsraison im Verein mit einem leeren Säckel! Nun kann er sich, inzwischen zum Deutschen König gekrönt, an die Befriedung der Ungarn machen. In diesem Feldzug, den er zusammen mit seinem Sohn Philipp dem Schönen unternimmt, zeigt sich Maximilians widersprüchliche Persönlichkeit besonders krass: ungeheure Entschlossenheit im Kampf, hohe Qualität als Heerführer, Menschenkenntnis einerseits, plötzlich hervorbrechende unmenschliche Grausamkeit und tiefe Depressionen andererseits. Philipp, der dies erstmals miterlebt, ist von seinem Vater mehr als enttäuscht.

Ins Gedächtnis eingebrannt

Alles dies und noch viel mehr – erzählt Peter Prange in kurzen Kapiteln, die immer mit einem unaufdringlichen Cliffhanger enden und den Leser zum Weiterlesen zwingen. Die Figuren, allen voran Marie und Max, treten plastisch und lebendig vor die Augen des Lesers, der jedoch genauso den Gauner Kunz von der Rosen verwünscht und die vom Schicksal gebeutelte Rosina bedauert. Nach 650 Seiten haben sich die historischen Persönlichkeiten von Friedrich III. bis Karl V., von Karl dem Kühnen zu Ludovico il Moro, von Maximilians Schwester Kunigunde bis zu seiner Tochter Margarethe genauso wie die Hauptfiguren selbst ins Gedächtnis des Lesers gegraben, was einem bloßen Geschichtsbuch wesentlich weniger leicht gelingen würde. Und genau deshalb liest man einen historischen Roman.

Peter Prange: Ich, Maximilian, Kaiser der Welt. Historischer Roman. Fischer Scherz, Frankfurt a. M. 2014. 671 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Drei Figuren vom Grabmal Kaiser Maximilians in der Innsbrucker Hofkirche. Tuschestift, 2009. – Kaiser Maximilians beeindruckendes Grabmal in der Innsbrucker Hofkirche besteht aus einem Sarkophag und an die 30 überlebensgroßen Metallfiguren, den sogenannten „Schwarzen Mandern“ (obwohl auch einige Frauen darunter sind) sowie einer Reihe von Porträtbüsten. Absolut sehenswert.

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Janetschek: Der Titan. Beethovens Lebensroman

BeethovenhausBeethovens Musik hat mich immer begeistert, die einfacheren seiner Klaviersonaten sind sogar im Rahmen dessen, was ich pianistisch bewältigen kann. Doch über den Menschen Beethoven weiß ich wenig. Auch in der literarischen Welt tut sich wenig Beethoven Betreffendes, vermutlich, weil seine Lebensdaten (1770 – 1827)  erst wieder 2020 bzw. 2027 runde Jubiläen hergeben.

Von irgendeinem Flohmarkt gelangte vor längerer Zeit der Beethoven-Roman „Der Titan“ von Ottokar Janetschek in meine Bibliothek und musste dort ruhen, bis ich ihn vor einigen Wochen einmal anblätterte und feststellte: Der ist ja „süffig“ geschrieben! Das lässt sich auch heute noch lesen.

Also nahm ich ihn kurzerhand als Flugzeuglektüre für einen Langstreckenflug mit und las in 10000 Metern Höhe schon tüchtig hinein, beendete den Roman nun aber am Boden im gemütlichen Lesesessel.

Hitzköpfiger Musiker

Der Roman beginnt nach einer knappen, die Zeitumstände umreißenden Einleitung im Wien des Jahres 1795, als der Domkapellmeister Johann Georg Albrechtsberger sich in den dritten Stock eines Hauses in der Nähe der Wiener Minoritenkirche hinaufplagt, wo der 25jährige Ludwig van Beethoven ein bescheidenes Kämmerchen bewohnt. Gleich gibt es Aufregung, da Albrechtsberger wissen will, was zwischen dem jungen hitzköpfigen Musiker und seinem ehemaligen Lehrer Joseph Haydn vorgefallen sei. Und tatsächlich, Beethoven grollt dem älteren Meister: „‚Gerade von ihm‘, sagte Beethoven voll Bitterkeit, ‚hätte ich erwartet, daß er mich fördern würde, da ich doch sein Schüler war. Wenn er mir aber durch unnütze Redereien Prügel vor die Füße schmeißt, so muß ich fallen. Und ich weiß schon, daß die Wiener auf ein Urteil Haydns hören. Ich …‘“ (S. 12)

Ein Misanthrop – mit Grund

Damit ist auch schon der Grundtenor des Romans angerissen: Beethoven misstraut allen Menschen, sieht sich ständig von irgendjemandem bedroht, zurückgesetzt, ausgenützt oder missverstanden; und er reagiert cholerisch, mit teils absurden Wutausbrücken, mit heftigen Briefen voller Rufzeichen und Gedankenstrichen oder gar mit Türenschlagen, fulminantem Abgang und Bruch der Beziehung.

Gerade mit seinen adeligen Gönnern steht er in einem gespannten Verhältnis. Er hasst nichts mehr als vor blasierten Grafen und Fürsten katzbuckeln zu müssen, damit sie ihm gnädigst ein paar Gulden zukommen ließen oder ihn an geeigneter Stelle protegierten. Anders aber ist im Wien des 18. Jahrhunderts als Komponist kein Auskommen zu finden, denn es gibt natürlich noch keine geordnete staatliche Kunstförderung oder dergleichen.

Mäzenatentum vor Gericht

Da das Kaiserhaus mehr an bildender Kunst interessiert ist, sind es die Fürsten Lichnowsky, Lobkowitz und Rasumovsky, die Beethoven fördern. Insbesondere mit Lichnowsky, aber auch mit Lobkowitz gibt es ein ständiges Auf und Ab der Beziehung. Beethoven reagiert auf jede minimalste Zurücksetzung überempfindlich. Als die beiden ihm gemeinsam mit einem habsburgischen Erzherzog gegen Ende der napoleonischen Ära – um ihn nicht in die Arme des westfälischen Vizekönigs von Napoleons Gnaden zu treiben, der ihn gerne an seinem Hof sähe – eine jährliche Rente von 4000 Gulden vertraglich zusagen, kommt es zum Eklat: Die Hoheiten sehen sich kriegsbedingt außerstande, ihre finanziellen Zusagen einzuhalten, und rücken das Geld nicht heraus. Beethoven schreitet zu Gericht und will das, was die adeligen Herrschaften als eher unverbindliche Gabe verstehen, gerichtlich einklagen. Man kann sich vorstellen, dass österreichische Gerichte die Rechtsstreitigkeiten eines querulantischen Musikus mit größtem Eifer vorantreiben…

Ein Neffe als Sargnagel

Ein weiteres Feld unendlicher Misshelligkeiten ist die Beziehung Beethovens zu seinen Verwandten. Insbesondere sein Bruder Karl, dessen zänkische und verlotterte Frau Johanna und deren Sohn Karl, zunächst ein Lausbub, später ein Gauner, treiben den Meister ins Grab.

Beethovens Hauptproblem

Breiten Raum gibt Janetschek der sich allmählich entwickelnden Taubheit des Komponisten, die sein eigentliches Lebensproblem ist. Das führt von ersten, ängstlich geheimgehaltenen Anzeichen der Schwerhörigkeit bis zu jenen bekannten Szenen, wo Beethoven, völlig taub, als Dirigent gar nicht mitbekommt, dass das Orchester aus dem Takt gekommen ist und zu spielen aufhört, während der Meister noch wild mit den Armen rudert und nur seine „innere Musik“ hört.

Musik, in Worten dargestellt

Janetschek versucht, Beethovens Musik immer wieder in Worte zu fassen und greift dafür zu pathetischen sprachlichen Mitteln seiner Zeit. Das muss man als Leser akzeptieren. Mit genaueren Deutungen oder gar musiktheoretischen Analysen behelligt der Autor den Leser jedenfalls nicht, ebensowenig hat er vor, die gesamte Breite des beethovenschen Schaffens vorzustellen, sondern er beschränkt sich auf die berühmtesten Hauptwerke.

Bei einem 1927 erschienen Roman überrascht es auch nicht, dass Janetschek Beethoven immer wieder als Exponenten einer „deutschen“ Musik feiert, im Gegensatz zu den in Wien beliebten Italienern.

Stil

Wie weit Janetscheks biographische Darstellung historisch korrekt ist, kann ich nicht beurteilen. Wie das Wien jener Jahre gezeichnet ist, halte ich jedenfalls für gelungen. Auch sprachlich findet Janetschek eine gute Lösung, indem er gelegentlich zeittypische Wendungen anklingen lässt, ohne den Versuch zu machen, das Idiom der Zeit um 1800 wiederzugeben. Beethovens persönlichen Schreibstil lernt man in einigen längeren Zitaten kennen, unter denen selbstverständlich das berühmte „Heiligenstädter Testament“ ist, aber auch wütende Eingaben ans Gericht, als es um den Vormundschaftsstreit für seinen Neffen Karl geht.

Ein „Perchtoldsdorfer“

Ottokar Janetschek (Heiligenkreuz bei Wien, 1884 – Wien, 1963) wohnte übrigens von 1938 bis 1963 in jenem Ort, wo ich arbeite: in Perchtoldsdorf. Er schrieb eine ganze Reihe biographischer Romane, neben dem „Titan“ z. B. auch einen über Mozart, über Schubert und über den Forstwirtschafts-Unternehmer Georg Hubmer (1755-1833): „Der Raxkönig“.

Ottokar Janetschek: Der Titan. Beethovens Lebensroman. Mit 16 Bildtafeln. Amalthea-Verlag, Zürich, Leipzig, Wien, 1927. 491 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Beethovenhaus, Mödling. Kohlezeichnung, 2005. – In diesem Haus verbrachte Beethoven die Sommer 1818 und 1819.

 

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John Vermeulen: Der Maler des Verborgenen. Roman über Leonardo da Vinci.

Leonardos Schlösschen Clos de Luce in Amboise, das ich im Sommer 2013 während einer Frankreich-Reise zeichnen konnte.

Leonardos Schlösschen Clos Lucé in Amboise, das ich im Sommer 2013 während einer Frankreich-Reise zeichnen konnte.

Seit dieser Roman über Leonardo da Vinci 2011 herauskam, wollte ich ihn lesen. Das Buch zu kaufen konnte ich mich aber nicht überwinden, wegen der mir verhassten Kombination von Hardcover und Klebebindung. Das ist mir nicht 18 Euro wert. Daher musste das Buch warten, bis es – kaum zu glauben! – im Ramsch landete, was vor Kurzem geschah. Nun habe ich es gelesen, und zwar mit großem Genuss. Ein interessanter und guter Roman, der in einigen Punkten ein anderes Licht auf Leonardo wirft, als ich es gewöhnt war.

Das heikle Problem der vermuteten Homosexualität Leonardos zum Beispiel geht Vermeulen klug an, indem er es mehr bei Andeutungen belässt. Trotzdem kennt man sich aus. So wird auch die seltsame Beziehung Leonardos zu seinem Freund und Schüler Salaì verständlich, denn die Liebe ließ ihn über die schlechten Seiten dieses „Tunichtguts“ hinwegsehen.

Zwei Motive stellt Vermeulen in den Mittelpunkt:

Erstens Leonardos Wunsch, fliegen zu können. Schon das Baby hatte eine vorausdeutende Begegnung mit einem Milan, der sich auf den Rand der Wiege setzte, die im Garten in Vinci aufgestellt war. Später versucht Leonardo es mit leider untauglichen Holzkonstruktionen, die sich denVogelflug zum Vorbild nahmen. Erst die Idee des Gleitflugs schien vielversprechend. Dennoch gelang ihm der entscheidende Durchbruch nicht, da er merken musste, dass seine Konstruktionen zu schwer waren.

Zweitens die Mona Lisa. Sie ist auch an dem kryptischen Titel des Romans schuld: Als Lisa bei Leonardo zum ersten Mal Modell sitzt, überfliegt sie kurz ein enigmatisches Lächeln, das gleich wieder verschwindet. Doch gerade dieses Lächeln, das Lisa an sich selbst überhaupt nicht kennt und das nie wieder zum Vorschein kommt, will Leonardo in seinem Portrait festhalten. Ein schier unmögliches Unterfangen, das erst viele Jahre, nachdem er durch die Zeitläufte von Lisa getrennt wurde, gelingt.

Der Roman liest sich gut und ist eine angenehme Möglichkeit, Wissen über Leonardo da Vinci aufzufrischen. Und er macht Lust darauf, sich genauer mit Leonardo zu beschäftigen.

John Vermeulen: Der Maler des Verborgenen. Roman über Leonardo da Vinci. Aus dem Niederländischen übersetzt und überarbeitet von Hanni Ehlers. Diogenes, Zürich, 2011. (Niederl. Orig. 2009.) 580 Seiten.

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