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Peter Rühmkorf: Des Reiches genialste Schandschnauze. Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide.

Wolfgang Krisai: Schausteller beim Mittelalterfest in Eggenburg 2017. Tuschestift.

Im Zug meiner Beschäftigung mit Walther von der Vogelweide bin ich auf eine interessante Neuerscheinung gestoßen, habe sie sofort bestellt und gelesen: Peter Rühmkorf: „Des Reiches genialste Schandschnauze. Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide.“

Das Buch dokumentiert Rühmkorfs Beschäftigung mit Walther sehr genau. Er hatte nämlich vor, eine Oper über die Minnesänger zu schreiben – wozu es nie kam. Stattdessen entwickelte sich aus dem Projekt ein längerer Essay über Walther von der Vogelweide, der in diesem Band von S. 93 bis 154 reicht, erstmals jedoch in dem Band „Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich“ 1975 veröffentlicht wurde.

Walther der Gegenwart neu vermitteln

Rühmkorf stellte damals fest, es gebe keine brauchbare Nachdichtung der Gedichte Walthers, also machte er sich selbst daran, für seinen Essay einige beispielhafte Gedichte zu übertragen. Das gefiel ihm bald so sehr, dass er weit mehr übertrug, als für den Essay nötig war, und überhaupt mit dem Gedanken spielte, das Gesamtwerk Walthers auf diese Weise neu zu erschließen.

Rühmkopfs Walther-Übertragungen füllen den ersten Teil des Buches von Seite 11 bis 92. Die Gedichte sind jeweils mittelhochdeutsch und neuhochdeutsch nebeneinander gestellt, außerdem mit wissenschaftlichen Anmerkungen und Lesehilfen versehen. 

Rühmkorf wollte Walther nicht einfach übersetzen, das sei bisher noch niemandem so gelungen, dass nichts Papieren-Verstaubtes herausgekommen sei. Man müsse Walther, den alte Mythenbildungen vom 19. Jahrhundert bis in die NS-Zeit dem Menschen von heute verdächtig machen, der Gegenwart neu vermitteln, und zwar nicht durch neue Mythenbildung:

„Warum nicht noch einmal dort mit dem Vermitteln = Übertragen anfangen, wo der Dichter überhaupt als Dichter faßbar wird: bei seinen Gedichten. Warum sich nicht noch einmal neu auf jene erstaunenswerten Lieder, Gesänge, Sprüche und Pamphlete einlassen, die doch gewiß nicht nur Studierstoff sind, sondern poetischer Reizstoff, Leuchtstoff, Erregungsstoff, Wirkstoff. […] dann beginnt sich allmählich ein Individuum vor uns zu entfalten: fast zeitgenössisch in seinen zwischen Privatpassionen und politischen Leidenschaften zerteilten Interessen und weit zerklüfteter, womöglich schillernder, als es sich unsere datenverarbeitende Schulweisheit träumen läßt“ (S. 100).

Staunenswerte Pointensicherheit

Rühmkorf gelingt dies in erstaunlichem Maße. Es ist ein Genuss, seine schnoddrigen Übertragungen zu lesen, insbesondere, wenn man die mhd. Fassung dagegen hält und sieht, mit welch staunenswerter Pointensicherheit Rühmkorf zu Werke geht. Ein Beispiel: der Sangspruch „Mir ist verspart der sælden tor“ (S. 22/23):

Das Paradies ist mir versperrt,

da steh ich nackt und ausgesperrt:

müßig, noch weiter an das Tor zu klopfen.

Erklär mir einer die verkehrte Welt:

daß rechts und links von mir der Regen fällt,

und von dem Segen trifft mich nicht ein Tropfen!

Der milde Herr von Österreich

tränkt einem warmen Regen gleich

die Leute und das ganze Land.

Das streckt sich hin wie eine satte Wiese,

mit Blumen überreich bestückte.

Wenn mir davon EIN Blättchen pflückte

die mächtige Gönnerhand,

weißgott, in welchen Tönen ich sie priese!

In diesem Sinne: Walther, Dichter, Musikant.

Die letzten vier Verse im Original: bræche mir ein blat dar under / sîn vil milte rîchiu hant, / sô möhte ich loben die lichten ougenweide. / hie bî sî er an mich gemant. – Vor allem der letzte Vers hat’s mir angetan. Walther sagt „Damit sei er an mich erinnert“, und Rühmkorf verwendet dafür ein Redewendung, die dem Angesprochenen zutraut, selbst zu verstehen, was mit dem ganzen Gedicht gemeint ist: Dreh den Hahn der Fördermittel auch für mich auf!

Es geht auch ums Geld

Rühmkorfs Begeisterung für Walther rührt von einer ähnlichen Lebenssituation her. Rühmkorf sah sich als einen immer wieder um Anerkennung und vor allem schlicht um Geld ringenden Dichter, der sich nicht zu gut sein darf, jede sich bietende Gelegenheit zu pekuniär honorierter Produktion zu ergreifen. Genau das Gleiche kann man aus Walthers Liedern herauslesen, der sich immer wieder beklagt, dass seine Gönner zu wenig freigebig seien. Dennoch lassen sich weder Walther noch Rühmkorf ihre „genialen Schandschnauzen“ mit Maulkörben versehen.

Briefwechsel mit Peter Wapnewski

Den dritten Teil des Buches füllt der Briefwechsel Rühmkorfs mit dem Germanistikprofessor Peter Wapnewski, den er um Rat hinsichtlich seines Walther-Vorhabens gebeten hat und der gerne bereit war, mit dem Dichter in einen angeregten Gedankenaustausch zu treten. Die beiden treffen sich auch mehrmals (Rühmkorf musste dazu von Hamburg bis fast nach Karlsruhe fahren, wo Wapnewski lehrte), und es entwickelt sich fast eine richtige Freundschaft zwischen den beiden. Die allerdings auch etwas aushalten muss, da Wapnewski große Vorbehalte gegen den Essay Rühmkorfs anmeldet und Rühmkorf darauf sehr empfindlich reagiert. Geglättet wurde das wieder durch sehr positive gegenseitige Rezensionen: Rühmkorf rezensiert Wapnewskis Buch über den Minnesang, Wapnewski „Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich“.

Die Briefe mitsamt den beiden Rezensionen reichen von Seite 161 bis 228.

Schließlich folgt ein ausführliches Nachwort des Herausgebers Stephan Opitz, an das sich die Lebensdaten von Walther, Peter und Peter anschließen.

Ein überaus interessantes Buch, das einem Walther tatsächlich lebendig macht und zudem Einblick in die spannende Entstehungsgeschichte von Rühmkorfs Übertragungen und Essay gibt.

Peter Rühmkorf: Des Reiches genialste Schandschnauze. Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide. Hg. v. Stephan Optiz unter Mitarb. v. Christoph Hilse. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung in Verbindung mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach. Wallstein, Göttingen, 2017. 279 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Schausteller beim Mittelalterfest in Eggenburg 2017. Tuschestift.

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Jakob Wassermann: Faber oder Die verlorenen Jahre

Wolfgang Krisai: Mann im Restaurant. 2013. Bleistift.

„Faber oder Die verlorenen Jahre“, erstmals veröffentlicht 1924 bei S. Fischer, ist ein Roman über schwierige Menschen, die mit ihrem Leben kaum zurechtkommen. Diese Menschen sind Eugen Faber, seine Frau Martina und deren Haushälterin und Freundin Fides.

Flucht aus Sibirien

Eugen Faber kehrt zu Beginn des Romans nach sechs Jahren Gefangenschaft und Flucht im Jahr 1920 nach Hause zurück. Er war bereits ganz am Anfang des 1. Weltkriegs in russische Kriegsgefangenschaft geraten und nach Sibirien verschleppt worden, von wo ihm eine abenteuerliche Flucht nach China gelang, von wo er nun endlich nach Hause zurückkehren konnte. Seit Längerem schon steht er aber mit seiner Frau in brieflichem Kontakt. Allerdings ist seine Frau keine große Briefschreiberin, sondern berichtet nur trockene Fakten.

An eine Sekte verloren

Diese haben aber schon genügt, um Eugen das Schlimmste fürchten zu lassen: dass er seine Frau an eine Art Sekte verloren habe.

Deshalb geht er zu Beginn auch nicht zu ihr, sondern zu seinem ehemaligen Lehrer und Freund Fleming und danach zu seiner Mutter Anna. Diese Mutter ist ein spezieller Fall: Sie war eine Feministin der ersten Stunde, militante Vertreterin der antiautoritären Erziehung ante litteram und ist nun eine schwierige Pensionistin, die im Haus ihrer Tochter Maria, die einen reichen Konservativen geheiratet hat, eine gerade noch geduldete Person ist.

Der diebische Neffe

In diesem Haus gibt es auch noch den Sohn von Eugens Bruder Roderich, Valentin, der etwa in der Mitte des Romans aus dem engen Leben ausbricht und verschwindet, später auftaucht und ein Diamantencollier aus der Schmucklade Marias stiehlt, das dieser von ihrer Schwiegermutter geliehen worden war. Valentin wird allerdings schnell überführt und dann von Fides, die ihn geschickt beredet, zur Herausgabe des Schmuckes überredet. Diese Szene ist ein entscheidender Punkt im Leben Eugens, der bei der Ausforschung und Überführung des Diebes mitgewirkt hat.

Entfremdung

Eugen ist nämlich inzwischen natürlich doch nach Hause zu seiner Frau Martina zurückgekehrt, doch er muss feststellen, dass ihm seine Frau entfremdet ist. Da sie aber nichts erzählt, bleibt ihm völlig schleierhaft, was ihn an ihre neue Aufgabe bindet: Sie ist zuständig für die Auswahl jener obdachlosen Kinder, die in ein von einer „Fürstin“ geleitetes Kinderdorf aufgenommen werden. Die Fürstin übt auf ihre Umgebung eine Wirkung aus, die jener eines Sektengurus ähnlich ist. Man traut ihr geradezu Wunder zu, jedenfalls aber die Kraft, jeden Menschen allein durch ihre Gegenwart und ihre Worte grundlegend zu verändern. So hat sie nicht nur Martina, sondern auch Fides in ihren Bann gezogen. Fides allerdings hat die Fürstin die Stelle bei Martina verschafft, die für ihren Sohn Christoph während ihrer Abwesenheit eine Betreuungsperson braucht.

Eugen beachtet Fides zunächst kaum. Er widmet sich eher seinem kleinen, kaum mehr als sechsjährigen Sohn, der manchmal mit unglaublich altklugen Reden irritiert. Seine Mutter hat Eugen auch eine Stelle als Beamter verschafft, in der er für irgendwelche baulichen Angelegenheiten zuständig ist, was seinem Beruf als Architekt immerhin ungefähr entspricht.

Offenheit – Nähe – Kuss

Nach einigen Monaten fährt Martina mit der Fürstin nach London, wo sie mit Geldgebern verhandeln. Während dieser zwei Wochen kommt es – wenig überraschend – zu immer tieferen und intimeren Gesprächen zwischen Fides und Eugen. Fides erzählt ihm ihre unglückliche Lebensgeschichte, Eugen eröffnet ihr Einblicke in seine gegenwärtigen Beziehungsprobleme mit Martina. Diese Offenheit stellt eine solche Nähe her, dass es kein Wunder ist, dass Eugen in der angespannten Situation nach Valentins Diebstahl so froh ist, dass Fides diesen zur Vernunft bringen konnte, dass er sie schließlich umarmt und küsst.

Am nächsten Tag kommt Martina verfrüht aus London zurück. Sie merkt sofort, dass hier irgendetwas geschehen ist. Fides wiederum sucht bei der Fürstin Rat, die nun Eugen zu sich bittet.

Flucht vor der Entscheidung

Fides schlägt Eugen vor, Martina solle entscheiden, ob Eugen bei ihr oder bei Fides bleiben solle. Die Fürstin rät Eugen überraschender Weise dazu, die Beziehung zu Fides bis zu Neige durchzuleben, jetzt, wo sie schon einmal angefangen sei.

Völlig aufgewühlt verlässt Eugen die Fürstin und quartiert sich vorläufig bei Fleming ein. Als er seine Sachen von zu Hause holen will, trifft er dort die beiden Frauen an. Er sagt, dass er hier nicht bleiben könne, sondern dass Fides bei Martina bleiben müsse.

Martina reagiert „mit einem Ton zwischen Schmerz und Jubel, klindlichem Schmerz und strahlendem, geheimnisvollem Jubel: ‚Fides, wach auf! Fides, wach auf! Weißt du es denn? Hast du’s gehört? Er ist fort, der Liebste! Der Aller-Allerliebste ist von mir fortgegangen…‘ / Und sie küsste Fides und lachte und schluchzte dabei. Es war wie Verrücktheit. / Fides sah sie mit schwerem Blick verwundert an und senkte das Haupt.“ (S. 394)

Sehr offenes Ende

Das ist das Ende des Romans. Der seltene Fall eines sehr offenen Roman-Endes. Denn Fides kann doch wohl nicht bei Martina bleiben, wie sich Eugen das vorgestellt hat. Aber kann sie zu Eugen ziehen? Das verbietet ihr der Respekt vor Martina. Und diese? Ist sie nun froh, Eugen los zu sein, oder wird sie gerade vor Schmerz verrückt?

Der Roman ist in einer gut lesbaren Sprache geschrieben, kein Wunder, dass Wassermann zu seiner Zeit zu den meistgelesenen Schriftstellern deutscher Sprache gehörte.

Jakob Wassermann: Faber oder Die verlorenen Jahre. Roman. Nachwort von Insa Wilke. Manesse, Zürich, 2016. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. 411 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Mann im Restaurant. 2013. Bleistift.

 

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Eduard von Keyserling: Schwüle Tage. Erzählungen

Wolfgang Krisai: Schloss Leesdorf, Baden bei Wien. Tuschestift, Buntstift, 2017.

Schwüle Tage

„Schwüle Tage“ ist die erste Erzählung in dem gleichnamigen Sammelband von längeren Erzählungen Eduard Graf von Keyserlings aus dem Manesse-Verlag.

Die Ich-Erzählung beginnt damit, dass Bill, der Erzähler, mit seinem Vater Gerd im Zug nach Fernow fährt, wo er sich den Sommer über auf das Abitur im zweiten Anlauf vorbereiten soll. Denn beim Haupttermin hat er gerade versagt.

Der Vater ist ein Herr alten Schlags, Gutsbesitzer, wortkarg, streng, immer auf „Tenue“ bedacht. So scheint es zumindest. Im Lauf der Erzählung blättert da allerdings gehörig der Lack ab.

Die Dienerschaft auf Fernow macht sich fast ein wenig lustig über Bills Situation; er befindet sich ja momentan genau zwischen Kind und Erwachsenem, und als „junger Graf“ hat er wohl einst mit den Bediensteten auf bestem Fuß gestanden und war fast ihresgleichen.

In der Nacht hört er vom Park her den melancholischen Gesang einer Bauerntochter, Margusch, der ihr Geliebter davongelaufen ist. Bill setzt sich zu ihr an den Schlossteich und merkt schnell, dass dieses einfache Mädchen einen erstaunlichen Scharfblick auf die Probleme der Herrschaft und der Menschen überhaupt hat.

Der Vater ermahnt am nächsten Morgen den Sohn, sich nicht mit Bauernmädchen einzulassen. Die Warnung ist beileibe nicht unbegründet, denn Bill ist, sobald sich die Gelegenheit ergibt, auf „Weibergeschichten“ aus, ohne allerdings je zum Ziel zu kommen. So etwa stöbert er gemeinsam mit einem Diener nach durchjagter Nacht zwei Mägde auf einem Heuboden auf und hätte am liebsten, dass sie sich ihm augenblicklich hingeben. Nur das Morgengrauen und die Pflicht der Mägde bewahrt diese vor weiteren Annäherungen.

Man hat das Gefühl, es sei für einen jungen baltischen Adeligen selbstverständlich, sich der Mädchen des Dorfs zu bedienen, wenn ihn die Lust anwandelt, und diese Mädchen finden das auch gar nicht unangenehm, sondern ebenfalls selbstverständlich.

Die verwandte Familie Bandag auf dem nahen Gut Warnow wird besucht. Dort gibt es neben einer steinalten Tante vor allem zwei muntere Töchter: Ellita, die ältere, und Gerda, die jüngere. Beide reizen Bills erotische Gelüste. Doch da er sich ungeschickt benimmt, kommt es zu keiner Annäherung, die über ein nächtliches Gespräch im Park hinausginge.

Einmal fühlt er sich ausgeschlossen und bleibt trotzig auf der Veranda, während die Gesellschaft sich drinnen zum Diner versammelt. Und da sieht er in der Nische des Fensters, durch das er hineinschaut, seinen Vater mit Ellita reden – und schlagartig wird ihm klar, dass die beiden ein Verhältnis haben. Doch nun soll Ellita mit dem jungen, geckenhaften Went verheiratet werden.

Ein paar Tage später sieht Bill zu Hause seinen Vater weinen. Er weint um Ellita.

Bei einem weiteren Besuch in Warnow klettert Bill auf einen Baum. Und ausgerechnet unter diesem Baum erscheinen nun Ellita und der Vater zu einem Abschiedsgespräch. Ellita sagt, sie hätte ohne weiteres das Verhältnis noch weitergeführt, aber Gerd habe es ja so wollen, dass sie den jungen Went heiraten solle.

Zu Hause kommt es zu einer Aussprache zwischen Vater und Sohn. Der Vater legt ihm nahe, nach dem Abitur Jurisprudenz zu studieren. Und dann am Haus seines Lebens vernünftig und vor allem stilvoll zu bauen. Man müsse wissen, wann das Haus fertig sei, betont er. Das Gespräch versandet dann aber in Belanglosigkeit.

Schließlich kommt es zur Abfahrt der gesamten Warnower Verwandtschaft. Bill und Gerd finden sich dazu am Bahnhof ein. Als der Zug abgefahren ist, gibt sich der bleiche Vater mit einer kleinen goldenen Spritze eine Injektion. Bill gegenüber sagt er, er brauche das gegen Migräne.

Als Bill wenige Tage später wieder einmal nachts in den Schlosspark geht, um dort Margusch zu treffen, entdecken die beiden den still an einem Baum sitzenden Vater. Als er auf Anreden nicht reagiert, stellen die beiden fest: Er ist tot. Die goldene Spritze liegt neben ihm.

Margusch sagt: „Ach Gottchen! der arme Herr, der hat nu auch nich’ mehr gewollt!“ (S. 84). Dann läuft sie ins Schloss, um Hilfe zu holen.

Der Sohn empfindet keine starke Trauer um den Vater. Der Doktor kommt und deutet dem Sohn an, dass der Vater Morphinist gewesen sei. Da wird Bill klar, was der Vater mit „Man muss wissen, wann das Haus fertig ist“ gemeint hat.

Nun ist er der Herr von Fernow. Dass er unbewusst sogleich beginnt, sein „Lebenshaus“ nach ästhetischen Gesichtspunkten zu bauen, merkt man im im letzten Absatz, wo er endlich ein paar Tränen um den Toten vergießt, vor den Augen des Dieners: „Es war gut, dass er mich weinen sah; denn ein Sohn, der nicht um seinen Vater weinen kann, ist häßlich.“ (S. 91)

An dieser Erzählung beeindruckt wie schon in anderen Werken Keyserlings die sich unvermittelt auftuende Doppelbödigkeit. Der zunächst so solide scheinende Vater wird als Mensch mit einem Doppelleben entlarvt; die scheinbar glückliche Braut Ellita trauert um den Verlust ihres Geliebten, usw. In der schwülen Sommeratmosphäre lässt sich die geheime Seite der Personen jedoch nicht mehr geheim halten, wodurch eben manches ans Licht kommt.

Für Keyserling ungewöhnlich ist die Form der Ich-Erzählung. Sie bietet hier aber die Möglichkeit, den naiven Erzähler erst nach und nach hinter die Geheimnisse seiner Verwandtschaft kommen zu lassen, was für den Leser ebenfalls Spannung erzeugt, nicht nur für den Helden selbst.

 

Bunte Herzen

Auf dem baltischen Landgut Kadullen nahe bei der russischen Grenze verbringen Graf Hamilkar von Wendl-Dux und seine Familie und Gäste den Sommer. Zu Gast ist ein Universitätsprofessor mit seiner Frau, der sich mit Träumen beschäftigt und mit dem Grafen über hohe Dinge philosophiert. Sonst gibt es noch eine Schar junger Leute, Mädchen wie Burschen, von denen drei in den Mittelpunkt treten: Hamilkars siebzehnjährige Tochter Billy, ihr Cousin Boris von Dangellô (ein Pole, der zu Gast ist) und ihr Cousin Moritz von Hohenlicht (Student). Die junge Französin Marion Bonnechose, Tochter einer Erzieherin und beste Freundin Billys, spielt eine wichtige Nebenrolle. Hamilkar ist Witwer, den Haushalt leitet seine Schwester, Komtesse Betty.

Was in so einer Situation klar ist und was der Graf auch kommen sieht: Unter den jungen Leuten entwickeln sich Beziehungen. Moritz ist still in Billy verliebt, Boris aber sozusagen „laut“, energisch. Mit seinen hohen, unbedingten Ansprüchen, die er auch an Billy stellt, fasziniert er das junge Mädchen. Alle wissen, dass sich hier ein „Roman“ anbahnt. Boris hält nichts von vorsichtigen Tändeleien und geht aufs Ganze: Er hält bei dem Grafen um die Hand von Billy an.

Der Graf weist ihn entschieden ab und fordert ihn auf, noch am Nachmittag abzureisen. Auch ein Gespräch Billys mit dem Vater fruchtet da nichts, denn dieser bleibt hart. Boris ist für ihn ein in seiner Verstiegenheit völlig unbrauchbarer Anwärter. Dieser sieht das nicht ein, reist zwar befehlsgemäß ab, schickt Billy jedoch ein Briefchen mit der Aufforderung, gegen Mitternacht bei einer markanten Linde am Rand des Schlossparks zu sein, damit sie mit ihm durchbrennen könne.

Billy findet sich tatsächlich dort ein, Boris erwartet sie, in der Nähe steht ein Wagen bereit, man fährt einige Stunden durch die verregnete Nacht, bis der Kutscher aufgehalten wird. Die Brücke, über die der Weg führe, sei einsturzgefährdet. Daher wird bei einer von einer jüdischen Familie betriebenen Spelunke Halt gemacht. Ein Freund von Boris, der ihm bei der Organisation der Flucht geholfen hat, findet sich sein und macht auf Billy einen dubiosen Eindruck. Ihre noch während der Kutschfahrt verliebte Stimmung sinkt von Minute zu Minute. Die jungen Männer spielen Karten und trinken Sekt.

Schließlich zieht Billy sich in ein Nebenzimmer zurück, wo sie sich auf ein Bett legt. Angst überkommt sie, es wird ihr klar, dass das Leben mit Boris nicht schön werden würde, sondern das alles irgendwie finster und bedrohlich ist.

Boris erscheint, betrunken, und sagt, das Beste wäre, miteinander Selbstmord zu begehen. Er habe ein Pistole dabei. Da wird Billy endgültig Angst und Bang. Nachdem sich Boris entfernt und in der Gaststube hingelegt hat, sein Freund nach Hause geritten ist und es im Haus still wird, nimmt Billy ihren Mantel und klettert aus dem Fenster. Nach Hause, nichts als nach Hause, ist ihr Wunsch. Wie ferngesteuert läuft sie durch den nächtlichen Regen, stundenlang. Als es endlich dämmert, erreicht sie ein kleines Dorf, wo sie sich beim erstbesten Haus erkundigt, wie weit es noch nach Kadullen sei. Ein alter Mann gibt ihr Auskunft: drei Stunden zu Fuß. Aber er kenne das Gut, verkaufe dort immer seinen Honig, und werde sie mit dem Pferdewagen hinbringen. Seine Tochter solle ihr trockene Kleider geben.

Diese Tochter er- und verkennt Billys Lage und glaubt, ein gefallenes Mädchen vor sich zu haben, dem es gehe, wie ihr selbst, die von einem treulosen Burschen geschwängert wurde. Sie redet wie eine Komplizin mit Billy und schimpft auf die Männer. Billy verteidigt den ihren halbherzig.

Im Schloss, wo Billy einen kurzen Abschiedsbrief hinterlassen hatte, herrscht inzwischen helle Aufregung. Junge Männer sind Billy suchen geritten. Da trifft sie ein, schleicht über die Hintertreppe in ihr Zimmer und will den ganzen Tag in Ruhe gelassen werden. Diese Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer.

Erst am Abend erzählt Billy Marion alles. Was Billy nicht ahnt, ist, dass Boris’ Freund an den Grafen einen Brief geschrieben hat, in dem er mitteilt, Boris habe sich erschossen. Als Billy in der Abenddämmerung mit Moritz, den sie draußen zufällig trifft, redet, erfährt sie von ihm die Todesnachricht und bricht ohnmächtig zusammen.

Nach Wochen ist ihr Nervenzusammenbruch auskuriert und sie kann wieder in den Garten gehen.

Graf Hamilkar hat das alles ziemlich mitgenommen, immer wieder grübelt er über das Schicksal nach. Er fragt sich, ob diese ganze Geschichte, die sein Leben ist, überhaupt einen Sinn hat: „Bin ich eine Zahl in der großen Rechnung, so habe ich zwar einen Sinn, aber das Resultat unter dem Strich braucht mir deshalb noch lange nichts zu bedeuten.“ (S. 229) Über diesen Gedanken sinkt er plötzlich auf seiner Parkbank zur Seite und ist tot. „Drüben aber, unter dem Birnbaum, saß Billy, schaute mit fieberblanken Augen in die Abendsonne und lächelte noch immer ihr erwartungsvolles, verlangendes Lächeln.“ (S. 230) Damit endet die Erzählung.

Die Geschichte der gemeinsamen Flucht ist überaus spannend erzählt, das würde man bei Keyserling gar nicht vermuten. Die Erzählung lebt inhaltlich von dem Kontrast zwischen der „aufrechten“ Haltung Graf Hamilkars, der genau weiß, dass er Billy kurzfristig unglücklich machen muss, um ihr dauerndes Glück zu sichern, und der naiven Romantik Billys. Dass Hamilkars gute Absicht aber von der Verrücktheit des Liebespaars, das die Konventionen bricht und gemeinsam flieht, durchkreuzt wird, verursacht das eigentliche Unglück. Billy realisiert in ihrer Naivität gar nicht, dass sie sich gesellschaftlich unmöglich macht. Dass in der Liebe heutzutage nicht mehr alles so rund läuft, macht schon Billys wesentlich ältere Schwester Lisa deutlich, die als tragische Figur im Schloss herumgeistert, weil sie einen treulosen Griechen geheiratet hat, der sie wieder verlassen hat. Nun ist sie gesellschaftlich im Out und zu nichts mehr zu gebrauchen. Das nächste Opfer absurder Liebesvorstellungen ist nun Billy.

Dem Grafen wird aber bewusst, dass seine Welt der alten adeligen Konventionen auch nicht mehr trägt, daran stirbt er schließlich. Für Billy darf man hoffen: Vielleicht gibt es wirklich einen Weg für sie, auf dem sie glücklich wird.

Keyserling schrieb diese Geschichte 1909, während die folgende aus dem Jahr 1914 stammt.

Nicky

Diese Geschichte zeigt, dass Keyserling sich nicht in den Taumel der Kriegsbegeisterung von 1914 hineinreißen ließ. Er sieht schon 1914, dass der Krieg vor allem eine Sterben, ein sinnloses Sterben der Soldaten ist.

Zunächst scheint noch alles friedlich: Baron Oskar von Reichel schickt seine Frau Nicky wie jedes Jahr von der Stadt (vielleicht darf man sich München vorstellen) in ein Bergdorf auf Sommerfrische. Nicky ist irgendwie unbefriedigt von ihrem vorbildlichen Eheleben, das bisher kinderlos ist. Oskar leitet sie sanft, aber bestimmt, und sie hat keinerlei „eigenes“ Leben.

Auch im Bergdorf kennt sie alle Leute, die wie sie dort jedes Jahr auf Sommerfrische sind.

Dieses Jahr jedoch taucht ein neues Gesicht auf: der brasilianisch-deutsche Pianist Fanoni, berühmt, aber schwindsüchtig. Nicky kommt bei einem längeren Spaziergang zu einer Bank, von der aus sie Fanonis Klavierspiel, das aus dessen nahe gelegenen Häuschen tönt, zuhören kann. Sie ist davon so berührt, dass sie jeden Tag wiederkommt. Das bleibt dem Pianisten nicht verborgen. Bald kommt er aus dem Häuschen und verwickelt Nicky in ein tiefsinniges Gespräch, wie es noch nie jemand mit ihr geführt hat. Sie sieht sich in höhere Sphären gehoben und kann in den nächsten Tagen an nichts anderes mehr denken als an Fanoni.

Kurz darauf treffen sie auf einer Waldlichtung aufeinander und kommen in ein Gespräch, im Laufe dessen Fanoni ein Märchen erzählt: von einer Insel, auf der nur Puppen existierten, die wie Menschen aussehen, aber an einem unangenehmen Schnarren in der Stimme als Puppen zu erkennen sind. Es sind kalte, unangenehme Existenzen.

Sie treffen sich ab nun täglich, einmal gehen sie sogar in einen Nachbarort tanzen, doch das erweist sich als Fehler, da Fanoni einen schrecklichen Hustenanfall erleidet. Nicky fürchtet schon, er werde sterben. Doch er erholt sich wieder, und diese Stunde gemeinsam durchlebter Todesangst bindet die beiden noch mehr aneinander.

Am Wochenende kommt Oskar aus der Stadt und verkündet, die Armee sei in Alarmbereitschaft versetzt, auch er werde einrücken müssen. Er will auch, denn er müsse natürlich sein Vaterland verteidigen. Am nächsten Tag fährt Oskar wieder zurück, und Nicky hat ein schlechtes Gewissen, dass sie während seines Besuches mehr an Fanoni als an ihren Ehemann gedacht habe. Abends trifft sie Fanoni – und es kommt zu einem Kuss.

Wenig später wird der Krieg erklärt, Oskar kommt in Uniform zu Nicky, holt sie in die Stadt, damit sie bei seinem Abrücken ins Feld dabei sein könne. In der Stadt wird Nicky von der allgemeinen Kriegsbegeisterung ergriffen, doch eine Begegnung mit einem Mädchen, das rundheraus fragt, ob die vielen Soldaten alle sterben müssten, bringt einen Riss in die Begeisterung. Als sie dann gleich wieder in die Sommerfrische zurückfährt, sitzt sie mit einem heulenden Mädchen im Abteil, das verzweifelt ist, weil sein erst junges Eheglück vom Krieg zerstört wird.

Ins Dorf zurückgekehrt, bemerkt Nicky eine völlige Veränderung der Stimmung. Auf der abgelegenen Bank trifft sie sich mit Fanoni, der vom Krieg nichts hält. Nicky hingegen spricht zu ihm mit den gängigen Phrasen, und er wirft ihr vor, wie eine Puppe zu sprechen. Fanoni verabschiedet sich enttäuscht und geht. Nicky bleibt weinend zurück. Auf dem Heimweg begegnet ihr die Stallmagd Resei, die ihr prophezeit: „Die Männer sind alle fort; die kommen nicht wieder“ (S. 298).

Während die Geschichte zunächst um die unerfüllte Lebenssituation Nickys kreist, der die geheime Annäherung an Fanoni endlich eine nicht gekannte Würze gibt, wechselt das Thema dann zur Rolle der Frau angesichts des Krieges. Am Schluss steht eine gewisse Stärke und Entschlossenheit der Frauen, die zwar nicht selbst in den Krieg ziehen können, jetzt aber stark bleiben müssen.

Am Südhang

In dieser längsten Erzählung des Bandes steht ein junger Leutnant im Mittelpunkt, Karl Erdmann von West-Wallbaum, der kurz nach der Ernennung zum Leutnant auf das väterliche Landgut kommt, um dort den Sommer zu verbringen. Als „Hypothek“ hat er eine Duellforderung mitgebracht, der er im Lauf der Ferien stattgeben muss. Ein Referendar hat ihn irgendwie beleidigt, jetzt muss das mit der Waffe ausgehandelt werden.

Auf dem Landgut ist im Sommer, wie sich das so gehört, die ganze Familie von West-Wallbaum versammelt, Karls Bruder Otho, seine Schwester Oda samt Verlobtem Graf Ottomar von Lynck, sein jüngerer Bruder Leo, seine Mutter und sein Vater. Weiters gibt es einen Hauslehrer namens Aristides Dorn (der notorische Eiferer, wie sie in Keyserling-Geschichten vorkommen) und, als gesellschaftlichen Mittelpunkt: die geschiedene, aber hocherotische Frau Daniela von Bardow, deren Verwandtschafts- oder Bekanntschaftsverhältnis zur Familie nicht aufgeklärt wird, die aber schon seit Jahren zu den Sommergästen gehört. Alle Männer sind von ihr bezaubert, gegen einige benimmt sie sich kokett (insbesondere gegen Dorn), nur Karl gegenüber bleibt sie kühl schwesterlich, obwohl auch er in sie verliebt ist.

Auch in diesem Sommer ist es so, doch die Tatsache, dass Karl bei dem Duell, das sich ganz gegen seinen Willen herumgesprochen hat, erschossen werden könnte, berührt auch Daniela. Zuerst hält sie Karl auf Distanz. Als dieser jedoch sieht, dass ausgerechnet der Hauslehrer ihn bei Daniela ausstechen könnte (er gibt ihr täglich Griechischstunden), greift er zu einem drastischen Mittel: Er schreibt Daniela einen glühenden Liebesbrief.

Daniela will zwar nach außen hin von diesem Brief nicht Notiz nehmen (gelesen hat sie ihn natürlich trotzdem, gibt ihn aber wieder an den Absender zurück), als jedoch die letzte Nacht, die Karl vor dem Duell im Haus verbringen wird, anbricht, bestellt sie ihn diskret in eine versteckte Ecke des Gartens und gibt sich ihm dort hin. Aristides Dorn belauscht die beiden dabei…

Am nächsten Morgen brechen alle Männer zum Duell auf, das in einem entfernten Wald am übernächsten Morgen stattfinden soll. Unterwegs nehmen sie einen Arzt mit, der so eine Situation noch nie erlebt hat und vor Aufregung ganz gesprächig und philosophisch wird. Zu Gesprächen bieten die Wagenfahrt und der Abend genug Gelegenheit. Sogar vom Tod redet der indiskrete Arzt.

Dann das Duell: beide Kontrahenten verfehlen einander, vermutlich absichtlich, man versöhnt sich, alle, insbesondere der Arzt, sind erleichtert.

Als man am Abend wieder im Schloss ist und alle Frauen höchst erleichtert sind, Karl lebend zurück zu haben, hört man plötzlich vom Garten her einen Schuss. Aristides Dorn hat sich erschossen. Der alte Graf versteht überhaupt nicht, warum.

Daniela ist verstört und reist ab. Für immer. Karl Erdmann, der vielleicht auf eine Fortsetzung der Romanze gehofft hat, versteht, dass dies unter den gegebenen Umständen nicht möglich ist und fährt zu seinem Regiment zurück.

Eduard von Keyserling: Schwüle Tage. Erzählungen. Nachwort von Martin Mosebach. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse-Verlag, Zürich, 2005. 439 Seiten. Darin: 

Schwüle Tage, S. 5 – 91,

Bunte Herzen, S. 92-230,

Nicky, S. 231-299, 

Am Südhang, S. 300-422.

Bild: Wolfgang Krisai: Schloss Leesdorf, Baden bei Wien. Tuschestift, Buntstift, 2017.

 

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Eduard von Keyserling: Fräulein Rosa Herz. Eine Kleinstadtliebe.

Wolfgang Krisai: Abend in Mödling. Ölpastell, 2007.

Während einer längeren Zugfahrt las ich „Fräulein Rosa Herz“ von Eduard Graf von Keyserling. Der Roman ist der Erstling des Autors und noch völlig anders geartet als die späteren „impressionistischen“ Werke. Dieser Roman entwickelt sich von einer humorigen Karikatur seiner Heldin zu einem tragischen Werk.

Ein überspanntes Mädchen

Rosa Herz ist ein sprechender Name: für ein Mädchen, das reichlich überspannt nur dem eigenen Gefühlsleben huldigt. Sie benimmt sich, als wäre sie die Königin der ganzen Welt. Was krass mit ihrer wirklichen gesellschaftlichen Stellung kontrastiert. Rosa ist nämlich die Tochter eines ehemaligen Balletttänzers und einer Tänzerin, die bei ihrer Geburt gestorben ist. Daraufhin übersiedelte der überforderte Vater mit dem Baby zu seiner Schwester in eine Kleinstadt. Seine Lebensziele sind: selbst ein akzeptierter Bürger dieser Kleinstadt zu werden und Rosa eine Karriere als bürgerliche Tochter zu ermöglichen.

Doch Rosa macht ihm da einen Strich durch die Rechnung. Selbstherrlich bestimmt sie, wann sie in die Schule geht und wann sie schwänzt. Mitten am Vormittag spaziert sie in den Stadtpark, wohin sie einen kürzlich selbst ausgesuchten „Verehrer“ bestellt, der sich geschmeichelt fühlt, obwohl er sich eher benutzt fühlen müsste. Rosa hat ja ohne wirkliches Gefühl für ihn einfach beschlossen, sie müsse jetzt einen Freund haben, und eben ihn, den etwas tölpelhalften Riesen aus der Nachbarschule, ausersehen, der Geliebte zu sein.

Herz im Sturm erobert

Natürlich dauert diese „Liebe“ nur so lang, bis Rosa etwas Besseres findet. Das stellt sich in Gestalt des Ambrosius Tellerat ein: Dieser Jüngling ist auf die schiefe Bahn geraten und wird nun zu seinem Onkel, Herrn Bürgermeister Lanin, und dessen Familie geschickt, um dort wieder vernünftig zu werden. Rosa steht in enger Verbindung zu dieser Familie, da Tochter Sally Lanin ihre Schulfreundin und sie häufig bei Lanins zu Gast ist. Lanin betreibt einen Kolonialwarenladen, wo der linkische Konrad Lurch Kommis ist. Er verehrt Rosa, ist sich aber der Hoffnungslosigkeit seiner Liebe bewusst. Sally und Rosa springen mit ihm wie mit einem minderbemittelten Sklaven um.

Ambrosius erobert Rosas Herz im Sturm, da braucht er sich gar nicht anzustrengen. Allein sein hochnäsiges Gehabe und seine arrogante Herablassung allem Kleinstädtischen gegenüber bewirken schon völliges Hinschmelzen des Mädchens.

Küsserei im dunklen Gwölb

Bei einem Hausball der Lanins kommt es zu einer ersten Küsserei zwischen Rosa und Lanin, und zwar im finsteren „Gwölb“ des Ladens. Erst mitten im Geschehen werden die beiden eines Beobachters gewahr: Lurch! Rosa fällt in Ohnmacht. Ambrosius stiehlt sich davon und überlässt die Ohnmächtige dem hingerissenen Lurch. Kaum erwacht, ergreift sie vor dem Kommis die Flucht.

Rosa und Ambrosius treffen sich nun häufig im Hinterzimmer des Trödlerladens gegenüber von Lanins Haus, der dem Juden Wulf gehört. Seine Tochter Ida ist eine Mitwisserin. Doch auch Sally bleibt Ambrosius’ Liebesnest nicht verborgen, und wutentbrannt – sie hat sich selbst Hoffnungen auf Ambrosius gemacht – verpetzt sie ihren Cousin bei den Eltern. Diese beschließen die sofortige Heimreise des Burschen.

Rosa will durchbrennen

Doch dem wollen Rosa und Ambrosius zuvorkommen, indem sie auf Rosas Wunsch zwecks Eheschließung nach Paris durchbrennen.

Ambrosius ist davon mäßig begeistert, lässt sich aber von Rosa immerhin so weit drängen, dass er bei Wulf einen Wucherkredit aufnimmt. Als Bürgen will er Lurch gewinnen, der aber nicht unterschreiben will. Rosa setzt ihre schärfste Waffe ein: wenn er unterschreibt, darf Lurch sie küssen. Das wirkt.

Nun ist ihr Nervenkostüm schon so angegriffen, dass sie sich auch gleich noch Ambrosius hingibt (Keyserling deutet das natürlich nur äußerst dezent an).

Mit dem Durchbrennen wird es trotzdem nichts. Rosa findet sich zwar nachts am vereinbarten Ort vor den Stadtmauern ein, doch Ambrosius kommt nicht. Stattdessen Ida, die erzählt, ihr Vater habe die Sache Herrn Lanin hinterbracht, dieser habe stante pede Ambrosius in den Zug nach Hause gesetzt, und Lurch habe den Kredit zurückzahlen müssen, mit Zinsen.

Rosa ist zerstört. Die ganze Sache ist schon längst Stadtgespräch, der Vater ist verzagt (er ist kein starker Charakter), Rosa kann hier nicht mehr bleiben. Also hofft sie, eine Stelle als Gouvernante in Russland zu bekommen.

Ein verzweifelter Liebhaber

Einmal begegnet sie Lurch, der von Lanin damals entlassen worden war und nun in einer verzweifelten finanziellen und seelischen Lage ist. Er muss seine bettlägrige Mutter betreuen und versorgen. Nun sinkt er vor Rosa in die Knie, gesteht ihr, dass er durch die Rückzahlung des Kredits samt Zinsen seine gesamten Ersparnisse verloren hatte, und hofft, da er nun Rosa auf die gleiche gesellschaftliche Stufe gesunken sieht, dass sie ihn erhört. Diese stößt ihn aber nur angewidert zurück. Daraufhin schneidet er sich die Pulsadern auf.

Der Tod eines Babys

Bevor die Gouvernantenstelle konkret wird, stellt sich heraus, dass Rosa schwanger ist. Nun bringt sie die resolute, aber liebevolle Haushälterin der Familie Herz zu ihrer Schwester, die in dem einschichtigen Dorf Tiglau Hebamme ist. Die ganze Familie der Hebamme Böhk nimmt die Schwangere freundlich auf, schon scheint sich alles zum Besseren zu wenden, das Kind kommt zur Welt, Rosa liebt es von ganzem Herzen – ein Gefühl, das sie vorher überhaupt nicht kannte -, doch ein paar Wochen später stellen sich bei dem Baby Krämpfe ein, die der Doktor nicht bekämpfen kann, und wenige Tage später ist es tot.

Keyserlings Schilderung des Todeskampfs dieses armen kleinen Wesens ist erschütternd, und man kann gut nachfühlen, wie verstört Rosa daraufhin ist.

Unverwüstliches Naturell

Doch Rosas im Grunde unverwüstliches Naturell erholt sich schließlich von dem Schicksalsschlag, und sie fährt wieder nach Hause, wo sie den Vater jedoch nicht mehr vorfindet, weil er einige Wochen zuvor gestorben ist. Sie wendet sich an ihre ehemalige Lehrerin um Hilfe, die sich schon immer ihrer angenommen hatte, und diese vermittelt eine Gouvernantenstelle in Moskau.

Als Rosa in der Kutsche abreist, erblickt sie ihren ersten „Geliebten“, wie er nun mit einer anderen Schulkollegin durch den Ort spaziert. Sie selbst hat die Hoffnung nicht aufgegeben, irgendwann einmal doch den Richtigen zu finden:

„Der Gedanke, sie könnte noch einmal jemand recht liebhaben, machte dieses liebesdurstige Frauenherz für einen Augenblick ganz warm, und Rosa lächelte.“ (S. 545)

Kleinstadtleben meisterhaft geschildert

Keyserlings Schilderung des engstirnigen Kleinstadtlebens ist meisterhaft. Da tummeln sich Menschen aller Gesellschaftsschichten vom Bürgermeister über den sich lebemännisch gebenden Apotheker Klappekahl bis zum dubiosen Trödler Wulf (man fragt sich: Ist Keyserling da ein wenig antisemitisch?), zum Fährmann, Wirt, darüber hinaus Kinder und Jugendliche genauso wie eine „ältere Generation“. Alle überaus treffend gezeichnet.

Stilistische Wandlung

Was Rosa betrifft, so steht der Autor ihr zuerst recht distanziert gegenüber, man hat fast ein Lehrstück auktorialen Erzählens vor sich, wo der Erzähler mit seiner Figur nach Belieben schaltet und waltet. Doch je schlimmer Rosas Lebenslage wird, desto mehr schwindet diese Haltung „von oben herab“ und Keyserlings Erzählstil wird immer einfühlsamer.

Man muss hier also durchhalten, denn auch wenn der Anfang seltsam ist, so entschädigen der weitere Handlungsverlauf und die stilistische Entwicklung dafür voll und ganz.

Eduard von Keyserling: Fräulein Rosa Herz. Eine Kleinstadtliebe. Roman. Nachwort von Wiebke Porombka. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse Verlag, Zürich 2015. 573 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Abend in Mödling. Ölpastell, 2007.

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Eduard von Keyserling: Dumala

Wolfgang Krisai: Hunyadischloss in Maria Enzersdorf. 2013, Buntstift, Tuschestift.

Schon die ersten paar Seiten dieses kurzen Romans haben mich für ihn gewonnen: Pastor Erwin Werner, ein stattlicher junger Mann, singt ein schwülstiges Liebeslied, „Am Meer“ von Franz Schubert mit Text von Heinrich Heine, und seine rotbackige Frau begleitet ihn am Klavier. Sie ist von ihrem Mann hingerissen, er von der sehnsüchtigen Stimmung des Liedes. Doch kaum ist der letzte Ton verklungen, „kam der Rückschlag“ (S. 8):

„Wie Siegfried!“, kam es leise über die Lippen der kleinen Frau.

„Wer?“, fuhr Pastor Werner auf.

„Du“, sagte seine Frau.

Werner lachte spöttisch, wandte sich ab und begann, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und ab zu gehen.

So war es jedes Mal, wenn er sich im Singen hatte gehen lassen, wenn er sich mit Gefühl vollgetrunken hatte.

Dann kam der Rückschlag.

Man hat geglaubt, etwas Großes zu erleben, einen Schmerz, eine Leidenschaft, und dann war es nur ein Lied, etwas, das ein anderer erlebt hat, und die Wände des Zimmers mit ihren Photographien, die großen schwarz und rot gemusterten Möbel, all das beengte ihn, drückte auf ihn.“ 

Bei darauf folgenden Abendessen bringt Lene, die Frau, das Gespräch auf Karola, die Baronin von Dumala, die in der Nähe auf Schloss Dumala wohnt.

Lene seuftze: „Natürlich! Diese Frau ist ja so schön!“

„Was ist dabei zu seufzen?“, sagte Werner. „Lass sie doch schön sein.“

„Weil ist sie nicht mag“, fuhr Lene fort, „deshalb. Sie will alle Männer in sich verliebt machen. Aber schön ist sie.“ 

Werner lachte. „Was für Männer? Die arme Frau pflegt ihren gelähmten Mann Tag und Nacht. Die sieht ja keinen. […]“

„Dich sieht sie doch.“ Lene nahm einen herausfordernden Ton an, als suche sie Streit.

Werner zuckte nur die Achseln. „Mich!“ (S. 9f)

Doppelbödigkeit

Damit ist schon auf den ersten paar Seiten die ganze Problematik der Handlung eröffnet: Der Pastor hält es mit seiner kleinen, vergleichsweise unattraktiven Frau nicht mehr aus und spielt lieber mit dem Feuer, indem er häufig auf „Krankenbesuch“ auf Schloss Dumala erscheint, in erster Linie natürlich, um der Baronin nahe zu sein. Lene stichelt ein bisschen herum, ohne die Dramatik der Gefühlslage ihres Mannes auch nur zu erahnen.

Alle Gespräche, die geführt werden, haben – das liebe ich an Keyserlings Romanen – unter der Oberfläche eine zweite, meist konträre Bedeutung. Unter aller Höflichkeit, Christlichkeit, Moralität brodeln Leidenschaft, Unbeherrschtheit, Liebe und Hass.

Pastor Werner spielt den wortgewaltigen Hirten seiner Gemeinde, wenn er von der Kanzel „herabdonnert“, wie seine Frau halb spöttisch, halb bewundernd sagt. Doch in Wirklichkeit überfallen ihn, kaum ist er irgendwo allein, die Bilder der angebeteten Baronin, und oft verlässt er dann überstürzt das Haus und marschiert wie ferngesteuert nach Dumala.

Nach dem Bild des Autors geformt

Dort amüsiert sich Schlossherr Baron von Werland schon über den eifrig Nächstenliebe übenden Geistlichen. Ich vermute, Werland ist nach dem Bilde des Autors gemodelt: Auch Keyserling war 1907, im Erscheinungsjahr des Romans, nicht mehr gehfähig, da ihn ein Rückmarksleiden als Folge der Syphilis befallen hatte. Außerdem war er drauf und dran zu erblinden oder schon erblindet. Aber er soll sein Leiden mit bissigem Humor ertragen haben, genau wie Baron Werland, der den Pastor mit kritischen Bemerkungen über Religion und insbesondere das Jenseits sekkiert:

Aber der Baron wurde eifrig: „Ich weiß, der Glaube. Nein, Ihr Glaube ist ein Kunststück, zu dem ich kein Talent habe. […] Natürlich! Ihr seid gesund. Ihr denkt so nebenbei einmal: Unsterblichkeit – wie schön! Leben nach dem Tode – entzückend! Und damit ist’s gut. Aber ich – mich geht das jetzt was an. Sehn Sie, Pastor, wenn Sie zu Hause bleiben wollen, nun, dann ist’s Ihnen gleich, wann der Schnellzug nach Paris geht und ob er Anschluss hat. […] Aber wenn die Koffer gepackt sind, ja dann blättern Sie im Kursbuch, dann kommt es auf Genauigkeit an. Nach – also – ich – ich seh mir das Kursbuch an, und, Pastor, ich sag Ihnen, es gibt keinen Anschluss. Wir bleiben liegen.“ (S. 30)

In dem Sekretär des Hauses, den jungen Pichwit, den der Baron als „Pagen“ und „Troubadour“ bezeichnet (S. 33), hat Werner einen Konkurrenten in der Liebe zu Karola. Pichwits Situation ist genauso hoffnungslos wie die Werners, da Karola ihn nicht ernst nimmt, sondern eben nur wie einen Pagen behandelt.

Die Galgenbrücke

Man könnte fast sagen, der Roman sei eine Novelle, weil darin ein Ding eine symbolhafte, wichtige Rolle spielt: die Galgenbrücke. Das ist eine alte, morsche Holzbrücke über eine Schlucht, über die man lieber nicht mehr geht, geschweige den fährt. Doch eines Nachts rast Werner auf seinem von einem braven Schecken gezogenen Schlitten auf die Brücke zu, nachdem er nach einem besonders enttäuschenden Besuch bei Werlands im Wirtshaus einen steifen Grog getrunken hat. Er hat beim Wirt den Dorfschullehrer und den Küster aufgegabelt, und diesen beiden fällt das Herz in die Hosen, als sie merken, worauf sie zurasen. Fast bricht das Pferd ein, es kann sich gerade noch hochrappeln – und drüben ist man.

So wird diese wichtige Brücke mit einer höchst eindrucksvollen Szene in die Handlung eingeführt.

Ein Frauenheld

Wenig später – alles spielt sich ja in ein paar tief verschneiten Wintermonaten ab – taucht auf Dumala der Baron Behrendt von Rast als Besucher auf, der im Ruf steht, ein großer Frauenheld, ja Frauenverbraucher zu sein. Und tatsächlich, schnell wird er zum täglichen Gast, der Karola unverhohlen den Hof macht. Karola genießt das, während Pichwit, Werner und Werland, jeder auf seine Weise, vor Eifersucht vergehen.

Bald ist Rast am Ziel seiner Werbung und kommt jetzt nur noch spät nachts über die Galgenbrücke gefahren. Werner wird das von einem Förster hinterbracht, und obwohl er den Förster barsch zurechtweist, dass er seine Herrin nicht verleumden solle, ist er alarmiert und macht sich nachts, als Lene schläft, auf den Weg zur Brücke. Dort beobachtet er den vorbeisausenden Schlitten, geht ihm nach bis zum Schloss und starrt hinauf zum Fenster. Er wundert sich nicht, dass sich plötzlich Pichwit zu ihm gesellt und ihm genau erzählt, wann Rast immer kommt. Nachdem Rast zurückgefahren ist, stapft Werner innerlich kochend nach Hause.

Mordphantasien

Seine ohnmächtige Lage bringt Werner zur Weißglut. Ständig sieht er das Bild des über die Brücke setzenden Rast vor sich, jede Nacht schleicht er hinaus zu Brücke und Schloss und beobachtet. Mordphantasien überfallen ihn. Bei einem Pastor ist das besonders verwerflich, aber Werner kann’s nicht ändern.

Bei einem Gang durch den Wald stößt Werner einmal auf Rast und Karola, die einander umarmen. Am Höhepunkt seiner Eifersucht schleicht Werner in einer der nächsten Nächte nicht ins Schloss nach, sondern geht auf die Brücke und reißt ein morsches Brett nach dem anderen los und wirft es in die Tiefe. Soll Rast doch da hinunterkrachen!

Auf einem versteckten Beobachtungsposten wartet Werner auf die Rückkehr des Verführers. Als er schließlich den Schlitten herannahmen hört, springt er doch auf, läuft ihm entgegen, schreit halt und stoppt ihn. Rast geht zum Loch in der Brücke:

Rast kam zurück. „Seltsam!“, sagte er. „Wie das geschehen konnte! Sie wissen das natürlich nicht? Nein, wie sollten sie.“ (S. 143)

Rast lädt seinen „Lebensretter“ auf ein Gläschen Sekt ein, um die Rettung zu feiern, und bekommt im Nu heraus, dass sein Retter eigentlich sein Mörder sein wollte.

„Prosit Pastor! Prosit Lebensretter! Natürlich wusst’ ich’s. Auf Ihr Wohl! Hier in der Gegend sind Sie der Einzige, das so was kann. Teufel noch einmal, so was! Eine Fall wie für einen Wolf. Herr, Sie müssen ordentlich hassen können. Aber gekonnt, bis zu Ende gekonnt haben Sie’s auch nicht.“ (S. 150)

Wenige Tage darauf brennt Karola mit Rast nach Florenz durch. Und wenig später liegt Baron Werland, der nun völlig vereinsamt ist, im Sterben. Ein letztes Mal lässt er sich frisieren, stirbt jedoch dabei vor den Augen Werners und Pichwits, der als Betreuer die Stelle Karolas eingenommen hatte.

Allein sein – meine Bestimmung

Beim Begräbnis ist die Verwandtschaft entsetzt, dass Werland sein Testament nicht geändert und Karola als Erbin eingesetzt hat. Diese erscheint und lebt nun – von allen gemieden und geächtet – als einsame Schlossherrin auf Dumala.

Zu Werner sagt sie: „Allein sein, das ist wohl meine Bestimmung. Für das Zusammengehen muss ich kein Talent haben. Entweder tu ich den anderen weh oder sie tun mir weh.“ (S. 198)

Zu einer Annäherung Werners an die Schlossherrin kommt es nun nicht mehr, sie igelt sich in ihre Einsamkeit ein. Die letzten Worte des Romans sind Gedanken Werners:

„Seltsam!“, dachte Werner. „Da glaubt man, man sei mit einem anderen schmerzhaft fest verbunden, sei ihm ganz nah, und dann geht ein jeder seinen Weg und weiß nicht, was in dem andern vorgegangen ist. Höchstens grüßt einer den anderen aus seiner Einsamkeit heraus!“ (S. 199f)

Aus den Zitaten wird Keyserlings Stil deutlich, der in einfachem Parlando von den Schrecklichkeiten des Lebens erzählt. Das ist die gleiche Doppelbödigkeit wie in den Dialogen und im Leben der Figuren.

Impressionistisch

Impressionistisch sei das, liest man: „Keyserling ist neben Schnitzler sicher der bedeutendste impressionistische Erzähler“ (Wolfgang Nehring: Eduard von Keyserling. In: Deutsche Dichter, Bd. 6, Reclam, Stuttgart, 1989, S. 292), und: „Die Erzählkunst Keyserlings besteht darin, den Gehalt seiner Werke völlig in Sprache umzusetzen.“ (ebd.) Ja, genau.

Eduard von Keyserling: Dumala. Roman. Nachwort von Philipp Haibach. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse Verlag, Zürich, 2014. 221 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Hunyadischloss in Maria Enzersdorf. 2013, Buntstift, Tuschestift.

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Eduard von Keyserling: Beate und Mareile. Eine Schlossgeschichte

Wolfgang Krisai: Altes Schloss Laxenburg. 2015. Tuschestift, Buntstift.

Weder Beate noch Mareile ist die Hauptfigur dieser Erzählung, sondern Günther von Tarniff, ein junger baltischer Graf, der sich auf sein Landgut in Lettland zurückgezogen hat und dort ein ruhiges Leben mit seiner Frau Beate und seinen Kindern leben will. Abendgesellschaften, Schlittenfahrten, Jagden… damit vertreibt man sich in diesen Kreisen die Zeit. Die ältere Generation beobachtet die jüngere und misst sie an engstirnigen Maßstäben. Das ganze hat etwas vom Leben in einem winzigen Bergdorf, jeder kennt jeden, jeder überwacht jeden, niemand ist frei und glücklich.

Das spürt auch Günther, dessen Frau bieder und unzugänglich ist, sodass er sexuelle Entspannung bei der Bauerntochter Eve sucht und zunächst auch findet. Beate merkt nichts, bis sie eine ungewollt schwanger gewordene Dienstbotin ungnädig entlässt und diese ihr brieflich reinen Wein über ihren Gatten einschenkt.

Eine spannendere Frau

Dieser hat allerdings Eve schon hinter sich gelassen und sich einer spannenderen Frau genähert: der Verwalterstochter Mareile, die eine gefeierte Sängerin ist. Warum sie nun aber monatelang Zeit hat, sich in ihrem baltischen Heimatdorf aufzuhalten, habe ich entweder überlesen oder erfährt man nicht. Genug: Sie ist da, und alle Männer haben nur noch Augen für sie. Das geschieht schon zu Beginn der Erzählung, doch zu diesem Zeitpunkt lässt sie Günther noch nicht an sich heran, sondern heiratet den Kunstmaler Hans Berkow.

Dieser erweist sich aber als zu banale Gestalt, sie verlässt ihn und kehrt nach Lantin zurück in ihr Elternhaus.

Nun schlägt Günthers Stunde: Er reitet mit Mareile aus, sie kommen sich näher, und da es weit und breit keine bessere Partie gibt, muss es kommen, wie es kommt. In einem abgelegenen Gartenpavillon schlagen sie ihr Liebesnest auf – unbemerkt beobachtet von der zähneknirschend resignierenden Eve.

Unvorsichtig

Beate merkt lange nichts. Doch die Liebenden werden unvorsichtig, und eines Tages sieht Beate vom Fenster aus zuerst Mareile in den Wald verschwinden und dann Günther – und zieht ihre Schlüsse. Und fasst ihren Beschluss: Mareile muss weg. Sie stellt Günther vor die Wahl: entweder Mareile geht oder sie.

Günther, der zum radikalen Bruch mit seiner engelgleichen Gattin nicht bereit ist, trennt sich also von Mareile, die nach Berlin geht.

Einige Wochen später hält Günther es jedoch nicht mehr aus und fährt ihr nach. In Berlin wird die Liaison stürmisch erneuert. Bis es bei einer Abendgesellschaft zum Eklat kommt: Ein Adeliger verurteilt Günthers Verhalten in ziemlich eindeutigen Worten, weshalb dieser ihn zum Duell fordert.

Duell

Sekundanten. Morgenstunde. Wald. Man misst die Entfernung, die Duellanten treten einander gegenüber, ein Schuss: Günther ist getroffen, wenn auch nicht tödlich.

Nach langwieriger Genesung kehrt er als gebrochener Mann nach Hause zurück und wird von Beate mit Genugtuung empfangen. Eine sterbende Tante hatte ihr gesagt: „Sie kommen zurück“, man müsse nur lange genug warten können. Nun ist Günther wiedergekommen.

Letzte Szene: Mareile ist ebenfalls heimgekehrt, schreibt Günther einen Brief und lädt ihn zu einem Rendezvous im Gartenpavillon ein. Er gibt ihr eine abschlägige Antwort. An seiner Stelle taucht dort Eve auf, und die beiden Frauen reden übers Verlassenwerden. Eve habe sich in einem Waldtümpel ertränken wollen, es aber nicht geschafft. Und Mareile weiß: Auch sie könnte sich nicht umbringen. Schon gar nicht wegen eine Mannes vom Schloss dort oben. Als letzte Geste ballt sie die Faust in Richtung Schloss.

Ein Leben der Mittelmäßigkeit

Die Erzählung stellt dar, wie sich aus einem Leben der Mittelmäßigkeit einmal eine halbwegs starke Leidenschaft emporringt und schließlich wieder in die Mediokrität zurücksinkt. Günther von Tarniff – schon der Name signalisiert Schwäche und Durchschnittlichkeit. Ein Graf, nicht mehr ganz jung, auch noch nicht alt, der im Grunde nichts zu tun hat, weil er sich nicht ernsthaft um sein Landgut kümmern will – eigentlich eine schreckliche Metapher auf den „normalen Mann“, dessen Leben so dahindümpelt und höchstens einmal von einer Affäre aufgewühlt wird, aus der sich aber nichts Außergewöhnliches entwickelt, sondern die irgendwann in sich zusammenfällt.

Eduard von Keyserling: Beate und Mareile. Eine Schlossgeschichte. Nachwort von Uwe Timm. Zürich, Manesse, 2013. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. 218 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Altes Schloss Laxenburg. 2015. Tuschestift, Buntstift.

 

 

 

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Martin Burckhardt: Score

Gratzen RadarturmMartin Burckhardts Zukunftsroman „Score“ fängt mit einem Paukenschlag an: In der Firma Nollet muss Damian Christie, ein Angestellter, einen anderen Angestellten namens Castoriadis befragen, warum dessen „Score“, also seine gesellschaftliche Wertigkeit, in den letzten Tagen plötzlich so tief gefallen sei. Doch der Mann stiert nur vor sich hin, bittet um ein Glas Wasser, stürzt es hinunter, und wenige Minuten später treten ihm aus den Augen und aus allen Poren Blutstropfen und er sinkt tot zu Boden.

Eigentlich sollte Damian den Vorfall möglichst rasch vergessen, damit keine posttraumatischen Störungen auftreten, befindet die Firma, daher soll er eine Vergessenspille schlucken. Doch Damian, der bisher bedingungslos an die Firma geglaubt hat, beschleichen Zweifel und er nimmt die Pille nicht.

Das Szenario: typische Dystopie

Was ist da los? Nach und nach erfährt der Leser die Situation, in der der Roman spielt: Man schreibt das Jahr 2039, Hauptschauplatz ist Berlin, wo sich die Firma Nollet angesiedelt hat, die mit ihrer Idee, alle Menschen glücklich zu machen, indem man sie dauerhaft in eine Art Computerspiel versetzt, alle jene Teile der Welt beherrscht, die dem „ECO-System“ angehören. Das sind Städte und Gegenden, in denen alles computerisiert läuft und von Nollet gesteuert wird. Der größere Teil der Welt, auch Deutschlands, ist allerdings draußen und heißt „Zone“, dort leben die Menschen in primitiver Anarchie, ohne funktionierendes Rechtssystem und ohne die Annehmlichkeiten der Nollet-Zivilisation. Die Idee, die Welt in zwei diametral entgegengesetzte Lager zu teilen, ist nicht gerade originell, sondern schon fast ein Topos von dystopischen Zukunftsromanen. Gerade habe ich Martin Walkers Roman „Germany 2064“ gelesen, wo das auch so ist.

Damit das ECO-System reibungslos funktioniert, müssen Menschen, die abweichlerische Tendenzen zeigen, entweder kuriert oder ausgeschaltet werden. Dazu ist der Geheimdienst von Nollet da, der alles und jeden vollautomatisch überwacht und gegebenenfalls bestraft. Eine mögliche Strafe ist der Abzug von Gutpunkten vom persönlichen Score der betroffenen Person.

Offiziell gilt das Computerprogramm, das diesen Score reguliert, als absolut sicher, daher vertrauen ihm die Menschen so sehr, dass die Score-Punkte zu einer Art Währung geworden sind. Wenn man von jemandem etwas will oder kauft, sinkt der Score, wenn man zu jemandem nett ist, steigt er wieder. Schon ein begehrlicher Blick auf eine Frau führt, sofern er nicht willkommen ist, zu einer Abbuchung.

Damit das Computerprogramm den Score gerecht vergeben kann, registriert es alles, was die Menschen denken, tun und fühlen. Diese Daten sind in einem ebenso manipulationssicheren „Lifestream“ gespeichert – glaubt man.

Damian, der Mitglied der „Social Design Planning Group“ von Nollet ist, kann von Berufs wegen die Lifestreams anderer Menschen bei Bedarf ansehen.

Eigentlich unmögliche Manipulationen

Als er sich den Lifestream des verstorbenen Castoriadis noch einmal ganz genau durchsieht, entdeckt er, dass dieser manipuliert wurde und nun eine geheime „Botschaft“ eincodiert hat, das Wort „Assassin“. Wenn der Lifestream gehackt ist, ist es auch kein Wunder, dass auch Castoriadis’ Score manipuliert wurde, weshalb er so ins Bodenlose gefallen ist.

Als Damian dies klar wird, kann er es aber der Firma nicht mehr mitteilen, denn er wurde für einige Zeit zur Erholung vom Dienst suspendiert und kann nun nicht mehr ins Büro und hat keinen Datenzugang mehr.

Es entwickelt sich nun nach und nach ein Schreckensszenario rund um Damian: Er wird verfolgt, bedroht, von Nollet-Feinden vereinnahmt und dazu gezwungen, der Firma zu schaden.

Ein weiterer Handlungsstrang dreht sich um das Vorhaben Nollets, die Menschen zumindest virtuell unsterblich zu machen, indem man von ihnen eine Art Avatar erzeugt. Vorgeführt wird das an dem elektronischen „Nachbild“ des Firmengründers Cheng.

Nach dessen Tod ist nun Khan der Chef von Nollet. Er ist ein Alphatyp ersten Ranges: wuchtige Gestalt, unglaubliche Willenskraft, aber auch berserkerhafte Wutausbrüche. Khan steht über dem Gesetz des ECO-Systems, unterhält gute Kontakte zur „Zone“, offenbar in zweierlei Absicht: um dort Leute für dubiose Vorhaben von Nollet rekrutieren zu können und andererseits die Menschen in der „Zone“ nach und nach für das ECO-System zu gewinnen.

Khan ist Damians Gönner und lädt ihn ein, mit ihm in die Zone zu fahren. Damian unterhält außerdem eine nicht allzu innige Liebesbeziehung zu Khans Tochter Justine, die ein labiles, verwöhntes Wesen ist.

Der gemeinsame Aufenthalt in der Zone muss vorzeitig abgebrochen werden, da Khan mit einem Attentat gedroht wird.

Auch ein zweiter, allerdings von dem Nollet-Feind Munro erzwungene Besuch in der Zone endet schlimm: einer der mit Damian hinübergereist seienden Leute wird bei der Rückkehr von einer winzigen Drohne getötet.

Einer einzigen Person in der Firma traut Damian noch zu, dort für Recht und Ordnung sorgen zu können, das ist Carlotta di Broca, die er seit vielen Jahren kennt und der er absolut vertraut. Auch Khan vertraut ihr, was beiden zum Schluss zum Verhängnis wird. (Ich erzähle ausnahmsweise nicht, wie es weitergeht.)

Der redselige Heimroboter

Neben der Haupthandlung gibt es diverse weitere Handlungsstränge und Figuren. Ein nettes Beispiel ist Damians Home-Bot, ein Heimroboter, der als praktische, aber leider redselige Haushaltshilfe fungiert. Und schließlich von einem brutalen Eindringling kaputtgeschlagen wird, weil er den Mund nicht halten kann. Der Kerl schlägt übrigens gleich darauf auch den nach Hause kommenden Damian krankenhausreif, um ihn gefügig zu machen. Als er wieder halbwegs hergestellt ist, bestellt Damian dann einen neuen Homebot, der kurz darauf per Drohne geliefert wird und sich als nützlich, aber viel schweigsamer erweist.

Ehrgeiziger Erstlingsroman

Das Buch ist der ehrgeizige Erstlingsroman seines Autors, der eigentlich Verleger, Audio-Künstler, Essayist, Kulturtheoretiker und Programmierer ist, wie man aus seiner Vita erfährt. Vielleicht ist das der Grund, warum er mit philosophischem Ballast … Pardon: Gedankengut ziemlich überladen ist. Dabei ist der Grundgedanke, auf dem Nollets Geschäftsidee fußt, doch für einen Schiller-Fan attraktiv: „Der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er spielt“ (sinngemäß nach Schiller, „Die Erziehung des Menschengeschlechts“). Nollet macht gerade das möglich: Das ganze Leben ist ein Spiel.

Als Medientheoretiker denkt Burckhardt in diesem Roman weiter, was sich an Möglichkeiten der digitalen Welt heute schon abzeichnet. Zu allererst die totale Überwachung, der aber, das ist das Erstaunliche, die Menschen unreflektiert zustimmen, sozusagen unter dem Motto: Warum soll ich Google / Nollet nicht alle meine Daten zeigen, dann bekomme ich wenigstens Werbung bzw. Glücksangebote, die genau zu mir passen? Durch die totale Digitalisierung der Welt spielen sich natürlich auch die Verbrechen zu einem nicht geringen Teil – wenn man vom immer noch gängigen realen Mord mal absieht – im Cyberspace ab. 2039 ist es auch nicht anders als heute und früher: Das Glück ist nicht für alle, sondern nur für wenige, und der Rest der Menschheit muss darben.

Stilistische Eigenheit

Stilistisch hat der Roman eine Eigenheit, die das Lesen ein wenig erschwert: Burckhardt liebt Satzkonstruktionen wie: „Hatten sich diese Stimmen zu Anfang mit Gewalt und Terroranschlägen Gehör verschafft, so waren auch die ärgsten Kritiker weitgehend verstummt.“ (S. 37f) Das ist dank des „so“ noch leicht zu durchschauen. Burckhardt lässt das „so“ aber gern weg: „Fand jemand ein besondere Befriedigung darin, andere Menschen zu unterrichten, durchlief er die entsprechenden Levels und war ab einem bestimmten Grad tatsächlich als Lehrer einsetzbar.“ (S. 38) Oder: „Mochten die Bewegungen des Körpers auch selbstverliebt scheinen, begriff Damian schnell, dass sie allein ihm galten.“ (S. 39) Das sind Satzkonstruktionen, die im Normalfall in dieser Form eher selten, bei Burckhardt jedoch gehäuft auftreten (nicht nur auf den Seiten 37-39, wo ich jetzt willkürlich nach Beispielen gesucht habe und gleich fündig geworden bin).

Abgesehen davon ist Burckhardts Stil aber gut lesbar und lebendig.

Martin Burckhardt: Score. Roman. Knaus-Verlag, München, 2015. 351 Seiten.

Martin Burckhardt äußert sich in seinem Blog in einem Frage- und Antwort-Spiel zum Roman und zu dessen gedanklichen Hintergründen: http://burckhardt.ludicmedia.de/#blog_54b4f381c9c751342e505c32

Bild: Wolfgang Krisai: Überwachungsturm in Tschechien. Aquarell, 2008.

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