Archiv der Kategorie: Deutsche Literatur

Eduard von Keyserling: Fräulein Rosa Herz. Eine Kleinstadtliebe.

Wolfgang Krisai: Abend in Mödling. Ölpastell, 2007.

Während einer längeren Zugfahrt las ich „Fräulein Rosa Herz“ von Eduard Graf von Keyserling. Der Roman ist der Erstling des Autors und noch völlig anders geartet als die späteren „impressionistischen“ Werke. Dieser Roman entwickelt sich von einer humorigen Karikatur seiner Heldin zu einem tragischen Werk.

Ein überspanntes Mädchen

Rosa Herz ist ein sprechender Name: für ein Mädchen, das reichlich überspannt nur dem eigenen Gefühlsleben huldigt. Sie benimmt sich, als wäre sie die Königin der ganzen Welt. Was krass mit ihrer wirklichen gesellschaftlichen Stellung kontrastiert. Rosa ist nämlich die Tochter eines ehemaligen Balletttänzers und einer Tänzerin, die bei ihrer Geburt gestorben ist. Daraufhin übersiedelte der überforderte Vater mit dem Baby zu seiner Schwester in eine Kleinstadt. Seine Lebensziele sind: selbst ein akzeptierter Bürger dieser Kleinstadt zu werden und Rosa eine Karriere als bürgerliche Tochter zu ermöglichen.

Doch Rosa macht ihm da einen Strich durch die Rechnung. Selbstherrlich bestimmt sie, wann sie in die Schule geht und wann sie schwänzt. Mitten am Vormittag spaziert sie in den Stadtpark, wohin sie einen kürzlich selbst ausgesuchten „Verehrer“ bestellt, der sich geschmeichelt fühlt, obwohl er sich eher benutzt fühlen müsste. Rosa hat ja ohne wirkliches Gefühl für ihn einfach beschlossen, sie müsse jetzt einen Freund haben, und eben ihn, den etwas tölpelhalften Riesen aus der Nachbarschule, ausersehen, der Geliebte zu sein.

Herz im Sturm erobert

Natürlich dauert diese „Liebe“ nur so lang, bis Rosa etwas Besseres findet. Das stellt sich in Gestalt des Ambrosius Tellerat ein: Dieser Jüngling ist auf die schiefe Bahn geraten und wird nun zu seinem Onkel, Herrn Bürgermeister Lanin, und dessen Familie geschickt, um dort wieder vernünftig zu werden. Rosa steht in enger Verbindung zu dieser Familie, da Tochter Sally Lanin ihre Schulfreundin und sie häufig bei Lanins zu Gast ist. Lanin betreibt einen Kolonialwarenladen, wo der linkische Konrad Lurch Kommis ist. Er verehrt Rosa, ist sich aber der Hoffnungslosigkeit seiner Liebe bewusst. Sally und Rosa springen mit ihm wie mit einem minderbemittelten Sklaven um.

Ambrosius erobert Rosas Herz im Sturm, da braucht er sich gar nicht anzustrengen. Allein sein hochnäsiges Gehabe und seine arrogante Herablassung allem Kleinstädtischen gegenüber bewirken schon völliges Hinschmelzen des Mädchens.

Küsserei im dunklen Gwölb

Bei einem Hausball der Lanins kommt es zu einer ersten Küsserei zwischen Rosa und Lanin, und zwar im finsteren „Gwölb“ des Ladens. Erst mitten im Geschehen werden die beiden eines Beobachters gewahr: Lurch! Rosa fällt in Ohnmacht. Ambrosius stiehlt sich davon und überlässt die Ohnmächtige dem hingerissenen Lurch. Kaum erwacht, ergreift sie vor dem Kommis die Flucht.

Rosa und Ambrosius treffen sich nun häufig im Hinterzimmer des Trödlerladens gegenüber von Lanins Haus, der dem Juden Wulf gehört. Seine Tochter Ida ist eine Mitwisserin. Doch auch Sally bleibt Ambrosius’ Liebesnest nicht verborgen, und wutentbrannt – sie hat sich selbst Hoffnungen auf Ambrosius gemacht – verpetzt sie ihren Cousin bei den Eltern. Diese beschließen die sofortige Heimreise des Burschen.

Rosa will durchbrennen

Doch dem wollen Rosa und Ambrosius zuvorkommen, indem sie auf Rosas Wunsch zwecks Eheschließung nach Paris durchbrennen.

Ambrosius ist davon mäßig begeistert, lässt sich aber von Rosa immerhin so weit drängen, dass er bei Wulf einen Wucherkredit aufnimmt. Als Bürgen will er Lurch gewinnen, der aber nicht unterschreiben will. Rosa setzt ihre schärfste Waffe ein: wenn er unterschreibt, darf Lurch sie küssen. Das wirkt.

Nun ist ihr Nervenkostüm schon so angegriffen, dass sie sich auch gleich noch Ambrosius hingibt (Keyserling deutet das natürlich nur äußerst dezent an).

Mit dem Durchbrennen wird es trotzdem nichts. Rosa findet sich zwar nachts am vereinbarten Ort vor den Stadtmauern ein, doch Ambrosius kommt nicht. Stattdessen Ida, die erzählt, ihr Vater habe die Sache Herrn Lanin hinterbracht, dieser habe stante pede Ambrosius in den Zug nach Hause gesetzt, und Lurch habe den Kredit zurückzahlen müssen, mit Zinsen.

Rosa ist zerstört. Die ganze Sache ist schon längst Stadtgespräch, der Vater ist verzagt (er ist kein starker Charakter), Rosa kann hier nicht mehr bleiben. Also hofft sie, eine Stelle als Gouvernante in Russland zu bekommen.

Ein verzweifelter Liebhaber

Einmal begegnet sie Lurch, der von Lanin damals entlassen worden war und nun in einer verzweifelten finanziellen und seelischen Lage ist. Er muss seine bettlägrige Mutter betreuen und versorgen. Nun sinkt er vor Rosa in die Knie, gesteht ihr, dass er durch die Rückzahlung des Kredits samt Zinsen seine gesamten Ersparnisse verloren hatte, und hofft, da er nun Rosa auf die gleiche gesellschaftliche Stufe gesunken sieht, dass sie ihn erhört. Diese stößt ihn aber nur angewidert zurück. Daraufhin schneidet er sich die Pulsadern auf.

Der Tod eines Babys

Bevor die Gouvernantenstelle konkret wird, stellt sich heraus, dass Rosa schwanger ist. Nun bringt sie die resolute, aber liebevolle Haushälterin der Familie Herz zu ihrer Schwester, die in dem einschichtigen Dorf Tiglau Hebamme ist. Die ganze Familie der Hebamme Böhk nimmt die Schwangere freundlich auf, schon scheint sich alles zum Besseren zu wenden, das Kind kommt zur Welt, Rosa liebt es von ganzem Herzen – ein Gefühl, das sie vorher überhaupt nicht kannte -, doch ein paar Wochen später stellen sich bei dem Baby Krämpfe ein, die der Doktor nicht bekämpfen kann, und wenige Tage später ist es tot.

Keyserlings Schilderung des Todeskampfs dieses armen kleinen Wesens ist erschütternd, und man kann gut nachfühlen, wie verstört Rosa daraufhin ist.

Unverwüstliches Naturell

Doch Rosas im Grunde unverwüstliches Naturell erholt sich schließlich von dem Schicksalsschlag, und sie fährt wieder nach Hause, wo sie den Vater jedoch nicht mehr vorfindet, weil er einige Wochen zuvor gestorben ist. Sie wendet sich an ihre ehemalige Lehrerin um Hilfe, die sich schon immer ihrer angenommen hatte, und diese vermittelt eine Gouvernantenstelle in Moskau.

Als Rosa in der Kutsche abreist, erblickt sie ihren ersten „Geliebten“, wie er nun mit einer anderen Schulkollegin durch den Ort spaziert. Sie selbst hat die Hoffnung nicht aufgegeben, irgendwann einmal doch den Richtigen zu finden:

„Der Gedanke, sie könnte noch einmal jemand recht liebhaben, machte dieses liebesdurstige Frauenherz für einen Augenblick ganz warm, und Rosa lächelte.“ (S. 545)

Kleinstadtleben meisterhaft geschildert

Keyserlings Schilderung des engstirnigen Kleinstadtlebens ist meisterhaft. Da tummeln sich Menschen aller Gesellschaftsschichten vom Bürgermeister über den sich lebemännisch gebenden Apotheker Klappekahl bis zum dubiosen Trödler Wulf (man fragt sich: Ist Keyserling da ein wenig antisemitisch?), zum Fährmann, Wirt, darüber hinaus Kinder und Jugendliche genauso wie eine „ältere Generation“. Alle überaus treffend gezeichnet.

Stilistische Wandlung

Was Rosa betrifft, so steht der Autor ihr zuerst recht distanziert gegenüber, man hat fast ein Lehrstück auktorialen Erzählens vor sich, wo der Erzähler mit seiner Figur nach Belieben schaltet und waltet. Doch je schlimmer Rosas Lebenslage wird, desto mehr schwindet diese Haltung „von oben herab“ und Keyserlings Erzählstil wird immer einfühlsamer.

Man muss hier also durchhalten, denn auch wenn der Anfang seltsam ist, so entschädigen der weitere Handlungsverlauf und die stilistische Entwicklung dafür voll und ganz.

Eduard von Keyserling: Fräulein Rosa Herz. Eine Kleinstadtliebe. Roman. Nachwort von Wiebke Porombka. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse Verlag, Zürich 2015. 573 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Abend in Mödling. Ölpastell, 2007.

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Eduard von Keyserling: Dumala

Wolfgang Krisai: Hunyadischloss in Maria Enzersdorf. 2013, Buntstift, Tuschestift.

Schon die ersten paar Seiten dieses kurzen Romans haben mich für ihn gewonnen: Pastor Erwin Werner, ein stattlicher junger Mann, singt ein schwülstiges Liebeslied, „Am Meer“ von Franz Schubert mit Text von Heinrich Heine, und seine rotbackige Frau begleitet ihn am Klavier. Sie ist von ihrem Mann hingerissen, er von der sehnsüchtigen Stimmung des Liedes. Doch kaum ist der letzte Ton verklungen, „kam der Rückschlag“ (S. 8):

„Wie Siegfried!“, kam es leise über die Lippen der kleinen Frau.

„Wer?“, fuhr Pastor Werner auf.

„Du“, sagte seine Frau.

Werner lachte spöttisch, wandte sich ab und begann, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und ab zu gehen.

So war es jedes Mal, wenn er sich im Singen hatte gehen lassen, wenn er sich mit Gefühl vollgetrunken hatte.

Dann kam der Rückschlag.

Man hat geglaubt, etwas Großes zu erleben, einen Schmerz, eine Leidenschaft, und dann war es nur ein Lied, etwas, das ein anderer erlebt hat, und die Wände des Zimmers mit ihren Photographien, die großen schwarz und rot gemusterten Möbel, all das beengte ihn, drückte auf ihn.“ 

Bei darauf folgenden Abendessen bringt Lene, die Frau, das Gespräch auf Karola, die Baronin von Dumala, die in der Nähe auf Schloss Dumala wohnt.

Lene seuftze: „Natürlich! Diese Frau ist ja so schön!“

„Was ist dabei zu seufzen?“, sagte Werner. „Lass sie doch schön sein.“

„Weil ist sie nicht mag“, fuhr Lene fort, „deshalb. Sie will alle Männer in sich verliebt machen. Aber schön ist sie.“ 

Werner lachte. „Was für Männer? Die arme Frau pflegt ihren gelähmten Mann Tag und Nacht. Die sieht ja keinen. […]“

„Dich sieht sie doch.“ Lene nahm einen herausfordernden Ton an, als suche sie Streit.

Werner zuckte nur die Achseln. „Mich!“ (S. 9f)

Doppelbödigkeit

Damit ist schon auf den ersten paar Seiten die ganze Problematik der Handlung eröffnet: Der Pastor hält es mit seiner kleinen, vergleichsweise unattraktiven Frau nicht mehr aus und spielt lieber mit dem Feuer, indem er häufig auf „Krankenbesuch“ auf Schloss Dumala erscheint, in erster Linie natürlich, um der Baronin nahe zu sein. Lene stichelt ein bisschen herum, ohne die Dramatik der Gefühlslage ihres Mannes auch nur zu erahnen.

Alle Gespräche, die geführt werden, haben – das liebe ich an Keyserlings Romanen – unter der Oberfläche eine zweite, meist konträre Bedeutung. Unter aller Höflichkeit, Christlichkeit, Moralität brodeln Leidenschaft, Unbeherrschtheit, Liebe und Hass.

Pastor Werner spielt den wortgewaltigen Hirten seiner Gemeinde, wenn er von der Kanzel „herabdonnert“, wie seine Frau halb spöttisch, halb bewundernd sagt. Doch in Wirklichkeit überfallen ihn, kaum ist er irgendwo allein, die Bilder der angebeteten Baronin, und oft verlässt er dann überstürzt das Haus und marschiert wie ferngesteuert nach Dumala.

Nach dem Bild des Autors geformt

Dort amüsiert sich Schlossherr Baron von Werland schon über den eifrig Nächstenliebe übenden Geistlichen. Ich vermute, Werland ist nach dem Bilde des Autors gemodelt: Auch Keyserling war 1907, im Erscheinungsjahr des Romans, nicht mehr gehfähig, da ihn ein Rückmarksleiden als Folge der Syphilis befallen hatte. Außerdem war er drauf und dran zu erblinden oder schon erblindet. Aber er soll sein Leiden mit bissigem Humor ertragen haben, genau wie Baron Werland, der den Pastor mit kritischen Bemerkungen über Religion und insbesondere das Jenseits sekkiert:

Aber der Baron wurde eifrig: „Ich weiß, der Glaube. Nein, Ihr Glaube ist ein Kunststück, zu dem ich kein Talent habe. […] Natürlich! Ihr seid gesund. Ihr denkt so nebenbei einmal: Unsterblichkeit – wie schön! Leben nach dem Tode – entzückend! Und damit ist’s gut. Aber ich – mich geht das jetzt was an. Sehn Sie, Pastor, wenn Sie zu Hause bleiben wollen, nun, dann ist’s Ihnen gleich, wann der Schnellzug nach Paris geht und ob er Anschluss hat. […] Aber wenn die Koffer gepackt sind, ja dann blättern Sie im Kursbuch, dann kommt es auf Genauigkeit an. Nach – also – ich – ich seh mir das Kursbuch an, und, Pastor, ich sag Ihnen, es gibt keinen Anschluss. Wir bleiben liegen.“ (S. 30)

In dem Sekretär des Hauses, den jungen Pichwit, den der Baron als „Pagen“ und „Troubadour“ bezeichnet (S. 33), hat Werner einen Konkurrenten in der Liebe zu Karola. Pichwits Situation ist genauso hoffnungslos wie die Werners, da Karola ihn nicht ernst nimmt, sondern eben nur wie einen Pagen behandelt.

Die Galgenbrücke

Man könnte fast sagen, der Roman sei eine Novelle, weil darin ein Ding eine symbolhafte, wichtige Rolle spielt: die Galgenbrücke. Das ist eine alte, morsche Holzbrücke über eine Schlucht, über die man lieber nicht mehr geht, geschweige den fährt. Doch eines Nachts rast Werner auf seinem von einem braven Schecken gezogenen Schlitten auf die Brücke zu, nachdem er nach einem besonders enttäuschenden Besuch bei Werlands im Wirtshaus einen steifen Grog getrunken hat. Er hat beim Wirt den Dorfschullehrer und den Küster aufgegabelt, und diesen beiden fällt das Herz in die Hosen, als sie merken, worauf sie zurasen. Fast bricht das Pferd ein, es kann sich gerade noch hochrappeln – und drüben ist man.

So wird diese wichtige Brücke mit einer höchst eindrucksvollen Szene in die Handlung eingeführt.

Ein Frauenheld

Wenig später – alles spielt sich ja in ein paar tief verschneiten Wintermonaten ab – taucht auf Dumala der Baron Behrendt von Rast als Besucher auf, der im Ruf steht, ein großer Frauenheld, ja Frauenverbraucher zu sein. Und tatsächlich, schnell wird er zum täglichen Gast, der Karola unverhohlen den Hof macht. Karola genießt das, während Pichwit, Werner und Werland, jeder auf seine Weise, vor Eifersucht vergehen.

Bald ist Rast am Ziel seiner Werbung und kommt jetzt nur noch spät nachts über die Galgenbrücke gefahren. Werner wird das von einem Förster hinterbracht, und obwohl er den Förster barsch zurechtweist, dass er seine Herrin nicht verleumden solle, ist er alarmiert und macht sich nachts, als Lene schläft, auf den Weg zur Brücke. Dort beobachtet er den vorbeisausenden Schlitten, geht ihm nach bis zum Schloss und starrt hinauf zum Fenster. Er wundert sich nicht, dass sich plötzlich Pichwit zu ihm gesellt und ihm genau erzählt, wann Rast immer kommt. Nachdem Rast zurückgefahren ist, stapft Werner innerlich kochend nach Hause.

Mordphantasien

Seine ohnmächtige Lage bringt Werner zur Weißglut. Ständig sieht er das Bild des über die Brücke setzenden Rast vor sich, jede Nacht schleicht er hinaus zu Brücke und Schloss und beobachtet. Mordphantasien überfallen ihn. Bei einem Pastor ist das besonders verwerflich, aber Werner kann’s nicht ändern.

Bei einem Gang durch den Wald stößt Werner einmal auf Rast und Karola, die einander umarmen. Am Höhepunkt seiner Eifersucht schleicht Werner in einer der nächsten Nächte nicht ins Schloss nach, sondern geht auf die Brücke und reißt ein morsches Brett nach dem anderen los und wirft es in die Tiefe. Soll Rast doch da hinunterkrachen!

Auf einem versteckten Beobachtungsposten wartet Werner auf die Rückkehr des Verführers. Als er schließlich den Schlitten herannahmen hört, springt er doch auf, läuft ihm entgegen, schreit halt und stoppt ihn. Rast geht zum Loch in der Brücke:

Rast kam zurück. „Seltsam!“, sagte er. „Wie das geschehen konnte! Sie wissen das natürlich nicht? Nein, wie sollten sie.“ (S. 143)

Rast lädt seinen „Lebensretter“ auf ein Gläschen Sekt ein, um die Rettung zu feiern, und bekommt im Nu heraus, dass sein Retter eigentlich sein Mörder sein wollte.

„Prosit Pastor! Prosit Lebensretter! Natürlich wusst’ ich’s. Auf Ihr Wohl! Hier in der Gegend sind Sie der Einzige, das so was kann. Teufel noch einmal, so was! Eine Fall wie für einen Wolf. Herr, Sie müssen ordentlich hassen können. Aber gekonnt, bis zu Ende gekonnt haben Sie’s auch nicht.“ (S. 150)

Wenige Tage darauf brennt Karola mit Rast nach Florenz durch. Und wenig später liegt Baron Werland, der nun völlig vereinsamt ist, im Sterben. Ein letztes Mal lässt er sich frisieren, stirbt jedoch dabei vor den Augen Werners und Pichwits, der als Betreuer die Stelle Karolas eingenommen hatte.

Allein sein – meine Bestimmung

Beim Begräbnis ist die Verwandtschaft entsetzt, dass Werland sein Testament nicht geändert und Karola als Erbin eingesetzt hat. Diese erscheint und lebt nun – von allen gemieden und geächtet – als einsame Schlossherrin auf Dumala.

Zu Werner sagt sie: „Allein sein, das ist wohl meine Bestimmung. Für das Zusammengehen muss ich kein Talent haben. Entweder tu ich den anderen weh oder sie tun mir weh.“ (S. 198)

Zu einer Annäherung Werners an die Schlossherrin kommt es nun nicht mehr, sie igelt sich in ihre Einsamkeit ein. Die letzten Worte des Romans sind Gedanken Werners:

„Seltsam!“, dachte Werner. „Da glaubt man, man sei mit einem anderen schmerzhaft fest verbunden, sei ihm ganz nah, und dann geht ein jeder seinen Weg und weiß nicht, was in dem andern vorgegangen ist. Höchstens grüßt einer den anderen aus seiner Einsamkeit heraus!“ (S. 199f)

Aus den Zitaten wird Keyserlings Stil deutlich, der in einfachem Parlando von den Schrecklichkeiten des Lebens erzählt. Das ist die gleiche Doppelbödigkeit wie in den Dialogen und im Leben der Figuren.

Impressionistisch

Impressionistisch sei das, liest man: „Keyserling ist neben Schnitzler sicher der bedeutendste impressionistische Erzähler“ (Wolfgang Nehring: Eduard von Keyserling. In: Deutsche Dichter, Bd. 6, Reclam, Stuttgart, 1989, S. 292), und: „Die Erzählkunst Keyserlings besteht darin, den Gehalt seiner Werke völlig in Sprache umzusetzen.“ (ebd.) Ja, genau.

Eduard von Keyserling: Dumala. Roman. Nachwort von Philipp Haibach. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse Verlag, Zürich, 2014. 221 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Hunyadischloss in Maria Enzersdorf. 2013, Buntstift, Tuschestift.

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Eduard von Keyserling: Beate und Mareile. Eine Schlossgeschichte

Wolfgang Krisai: Altes Schloss Laxenburg. 2015. Tuschestift, Buntstift.

Weder Beate noch Mareile ist die Hauptfigur dieser Erzählung, sondern Günther von Tarniff, ein junger baltischer Graf, der sich auf sein Landgut in Lettland zurückgezogen hat und dort ein ruhiges Leben mit seiner Frau Beate und seinen Kindern leben will. Abendgesellschaften, Schlittenfahrten, Jagden… damit vertreibt man sich in diesen Kreisen die Zeit. Die ältere Generation beobachtet die jüngere und misst sie an engstirnigen Maßstäben. Das ganze hat etwas vom Leben in einem winzigen Bergdorf, jeder kennt jeden, jeder überwacht jeden, niemand ist frei und glücklich.

Das spürt auch Günther, dessen Frau bieder und unzugänglich ist, sodass er sexuelle Entspannung bei der Bauerntochter Eve sucht und zunächst auch findet. Beate merkt nichts, bis sie eine ungewollt schwanger gewordene Dienstbotin ungnädig entlässt und diese ihr brieflich reinen Wein über ihren Gatten einschenkt.

Eine spannendere Frau

Dieser hat allerdings Eve schon hinter sich gelassen und sich einer spannenderen Frau genähert: der Verwalterstochter Mareile, die eine gefeierte Sängerin ist. Warum sie nun aber monatelang Zeit hat, sich in ihrem baltischen Heimatdorf aufzuhalten, habe ich entweder überlesen oder erfährt man nicht. Genug: Sie ist da, und alle Männer haben nur noch Augen für sie. Das geschieht schon zu Beginn der Erzählung, doch zu diesem Zeitpunkt lässt sie Günther noch nicht an sich heran, sondern heiratet den Kunstmaler Hans Berkow.

Dieser erweist sich aber als zu banale Gestalt, sie verlässt ihn und kehrt nach Lantin zurück in ihr Elternhaus.

Nun schlägt Günthers Stunde: Er reitet mit Mareile aus, sie kommen sich näher, und da es weit und breit keine bessere Partie gibt, muss es kommen, wie es kommt. In einem abgelegenen Gartenpavillon schlagen sie ihr Liebesnest auf – unbemerkt beobachtet von der zähneknirschend resignierenden Eve.

Unvorsichtig

Beate merkt lange nichts. Doch die Liebenden werden unvorsichtig, und eines Tages sieht Beate vom Fenster aus zuerst Mareile in den Wald verschwinden und dann Günther – und zieht ihre Schlüsse. Und fasst ihren Beschluss: Mareile muss weg. Sie stellt Günther vor die Wahl: entweder Mareile geht oder sie.

Günther, der zum radikalen Bruch mit seiner engelgleichen Gattin nicht bereit ist, trennt sich also von Mareile, die nach Berlin geht.

Einige Wochen später hält Günther es jedoch nicht mehr aus und fährt ihr nach. In Berlin wird die Liaison stürmisch erneuert. Bis es bei einer Abendgesellschaft zum Eklat kommt: Ein Adeliger verurteilt Günthers Verhalten in ziemlich eindeutigen Worten, weshalb dieser ihn zum Duell fordert.

Duell

Sekundanten. Morgenstunde. Wald. Man misst die Entfernung, die Duellanten treten einander gegenüber, ein Schuss: Günther ist getroffen, wenn auch nicht tödlich.

Nach langwieriger Genesung kehrt er als gebrochener Mann nach Hause zurück und wird von Beate mit Genugtuung empfangen. Eine sterbende Tante hatte ihr gesagt: „Sie kommen zurück“, man müsse nur lange genug warten können. Nun ist Günther wiedergekommen.

Letzte Szene: Mareile ist ebenfalls heimgekehrt, schreibt Günther einen Brief und lädt ihn zu einem Rendezvous im Gartenpavillon ein. Er gibt ihr eine abschlägige Antwort. An seiner Stelle taucht dort Eve auf, und die beiden Frauen reden übers Verlassenwerden. Eve habe sich in einem Waldtümpel ertränken wollen, es aber nicht geschafft. Und Mareile weiß: Auch sie könnte sich nicht umbringen. Schon gar nicht wegen eine Mannes vom Schloss dort oben. Als letzte Geste ballt sie die Faust in Richtung Schloss.

Ein Leben der Mittelmäßigkeit

Die Erzählung stellt dar, wie sich aus einem Leben der Mittelmäßigkeit einmal eine halbwegs starke Leidenschaft emporringt und schließlich wieder in die Mediokrität zurücksinkt. Günther von Tarniff – schon der Name signalisiert Schwäche und Durchschnittlichkeit. Ein Graf, nicht mehr ganz jung, auch noch nicht alt, der im Grunde nichts zu tun hat, weil er sich nicht ernsthaft um sein Landgut kümmern will – eigentlich eine schreckliche Metapher auf den „normalen Mann“, dessen Leben so dahindümpelt und höchstens einmal von einer Affäre aufgewühlt wird, aus der sich aber nichts Außergewöhnliches entwickelt, sondern die irgendwann in sich zusammenfällt.

Eduard von Keyserling: Beate und Mareile. Eine Schlossgeschichte. Nachwort von Uwe Timm. Zürich, Manesse, 2013. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. 218 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Altes Schloss Laxenburg. 2015. Tuschestift, Buntstift.

 

 

 

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Martin Burckhardt: Score

Gratzen RadarturmMartin Burckhardts Zukunftsroman „Score“ fängt mit einem Paukenschlag an: In der Firma Nollet muss Damian Christie, ein Angestellter, einen anderen Angestellten namens Castoriadis befragen, warum dessen „Score“, also seine gesellschaftliche Wertigkeit, in den letzten Tagen plötzlich so tief gefallen sei. Doch der Mann stiert nur vor sich hin, bittet um ein Glas Wasser, stürzt es hinunter, und wenige Minuten später treten ihm aus den Augen und aus allen Poren Blutstropfen und er sinkt tot zu Boden.

Eigentlich sollte Damian den Vorfall möglichst rasch vergessen, damit keine posttraumatischen Störungen auftreten, befindet die Firma, daher soll er eine Vergessenspille schlucken. Doch Damian, der bisher bedingungslos an die Firma geglaubt hat, beschleichen Zweifel und er nimmt die Pille nicht.

Das Szenario: typische Dystopie

Was ist da los? Nach und nach erfährt der Leser die Situation, in der der Roman spielt: Man schreibt das Jahr 2039, Hauptschauplatz ist Berlin, wo sich die Firma Nollet angesiedelt hat, die mit ihrer Idee, alle Menschen glücklich zu machen, indem man sie dauerhaft in eine Art Computerspiel versetzt, alle jene Teile der Welt beherrscht, die dem „ECO-System“ angehören. Das sind Städte und Gegenden, in denen alles computerisiert läuft und von Nollet gesteuert wird. Der größere Teil der Welt, auch Deutschlands, ist allerdings draußen und heißt „Zone“, dort leben die Menschen in primitiver Anarchie, ohne funktionierendes Rechtssystem und ohne die Annehmlichkeiten der Nollet-Zivilisation. Die Idee, die Welt in zwei diametral entgegengesetzte Lager zu teilen, ist nicht gerade originell, sondern schon fast ein Topos von dystopischen Zukunftsromanen. Gerade habe ich Martin Walkers Roman „Germany 2064“ gelesen, wo das auch so ist.

Damit das ECO-System reibungslos funktioniert, müssen Menschen, die abweichlerische Tendenzen zeigen, entweder kuriert oder ausgeschaltet werden. Dazu ist der Geheimdienst von Nollet da, der alles und jeden vollautomatisch überwacht und gegebenenfalls bestraft. Eine mögliche Strafe ist der Abzug von Gutpunkten vom persönlichen Score der betroffenen Person.

Offiziell gilt das Computerprogramm, das diesen Score reguliert, als absolut sicher, daher vertrauen ihm die Menschen so sehr, dass die Score-Punkte zu einer Art Währung geworden sind. Wenn man von jemandem etwas will oder kauft, sinkt der Score, wenn man zu jemandem nett ist, steigt er wieder. Schon ein begehrlicher Blick auf eine Frau führt, sofern er nicht willkommen ist, zu einer Abbuchung.

Damit das Computerprogramm den Score gerecht vergeben kann, registriert es alles, was die Menschen denken, tun und fühlen. Diese Daten sind in einem ebenso manipulationssicheren „Lifestream“ gespeichert – glaubt man.

Damian, der Mitglied der „Social Design Planning Group“ von Nollet ist, kann von Berufs wegen die Lifestreams anderer Menschen bei Bedarf ansehen.

Eigentlich unmögliche Manipulationen

Als er sich den Lifestream des verstorbenen Castoriadis noch einmal ganz genau durchsieht, entdeckt er, dass dieser manipuliert wurde und nun eine geheime „Botschaft“ eincodiert hat, das Wort „Assassin“. Wenn der Lifestream gehackt ist, ist es auch kein Wunder, dass auch Castoriadis’ Score manipuliert wurde, weshalb er so ins Bodenlose gefallen ist.

Als Damian dies klar wird, kann er es aber der Firma nicht mehr mitteilen, denn er wurde für einige Zeit zur Erholung vom Dienst suspendiert und kann nun nicht mehr ins Büro und hat keinen Datenzugang mehr.

Es entwickelt sich nun nach und nach ein Schreckensszenario rund um Damian: Er wird verfolgt, bedroht, von Nollet-Feinden vereinnahmt und dazu gezwungen, der Firma zu schaden.

Ein weiterer Handlungsstrang dreht sich um das Vorhaben Nollets, die Menschen zumindest virtuell unsterblich zu machen, indem man von ihnen eine Art Avatar erzeugt. Vorgeführt wird das an dem elektronischen „Nachbild“ des Firmengründers Cheng.

Nach dessen Tod ist nun Khan der Chef von Nollet. Er ist ein Alphatyp ersten Ranges: wuchtige Gestalt, unglaubliche Willenskraft, aber auch berserkerhafte Wutausbrüche. Khan steht über dem Gesetz des ECO-Systems, unterhält gute Kontakte zur „Zone“, offenbar in zweierlei Absicht: um dort Leute für dubiose Vorhaben von Nollet rekrutieren zu können und andererseits die Menschen in der „Zone“ nach und nach für das ECO-System zu gewinnen.

Khan ist Damians Gönner und lädt ihn ein, mit ihm in die Zone zu fahren. Damian unterhält außerdem eine nicht allzu innige Liebesbeziehung zu Khans Tochter Justine, die ein labiles, verwöhntes Wesen ist.

Der gemeinsame Aufenthalt in der Zone muss vorzeitig abgebrochen werden, da Khan mit einem Attentat gedroht wird.

Auch ein zweiter, allerdings von dem Nollet-Feind Munro erzwungene Besuch in der Zone endet schlimm: einer der mit Damian hinübergereist seienden Leute wird bei der Rückkehr von einer winzigen Drohne getötet.

Einer einzigen Person in der Firma traut Damian noch zu, dort für Recht und Ordnung sorgen zu können, das ist Carlotta di Broca, die er seit vielen Jahren kennt und der er absolut vertraut. Auch Khan vertraut ihr, was beiden zum Schluss zum Verhängnis wird. (Ich erzähle ausnahmsweise nicht, wie es weitergeht.)

Der redselige Heimroboter

Neben der Haupthandlung gibt es diverse weitere Handlungsstränge und Figuren. Ein nettes Beispiel ist Damians Home-Bot, ein Heimroboter, der als praktische, aber leider redselige Haushaltshilfe fungiert. Und schließlich von einem brutalen Eindringling kaputtgeschlagen wird, weil er den Mund nicht halten kann. Der Kerl schlägt übrigens gleich darauf auch den nach Hause kommenden Damian krankenhausreif, um ihn gefügig zu machen. Als er wieder halbwegs hergestellt ist, bestellt Damian dann einen neuen Homebot, der kurz darauf per Drohne geliefert wird und sich als nützlich, aber viel schweigsamer erweist.

Ehrgeiziger Erstlingsroman

Das Buch ist der ehrgeizige Erstlingsroman seines Autors, der eigentlich Verleger, Audio-Künstler, Essayist, Kulturtheoretiker und Programmierer ist, wie man aus seiner Vita erfährt. Vielleicht ist das der Grund, warum er mit philosophischem Ballast … Pardon: Gedankengut ziemlich überladen ist. Dabei ist der Grundgedanke, auf dem Nollets Geschäftsidee fußt, doch für einen Schiller-Fan attraktiv: „Der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er spielt“ (sinngemäß nach Schiller, „Die Erziehung des Menschengeschlechts“). Nollet macht gerade das möglich: Das ganze Leben ist ein Spiel.

Als Medientheoretiker denkt Burckhardt in diesem Roman weiter, was sich an Möglichkeiten der digitalen Welt heute schon abzeichnet. Zu allererst die totale Überwachung, der aber, das ist das Erstaunliche, die Menschen unreflektiert zustimmen, sozusagen unter dem Motto: Warum soll ich Google / Nollet nicht alle meine Daten zeigen, dann bekomme ich wenigstens Werbung bzw. Glücksangebote, die genau zu mir passen? Durch die totale Digitalisierung der Welt spielen sich natürlich auch die Verbrechen zu einem nicht geringen Teil – wenn man vom immer noch gängigen realen Mord mal absieht – im Cyberspace ab. 2039 ist es auch nicht anders als heute und früher: Das Glück ist nicht für alle, sondern nur für wenige, und der Rest der Menschheit muss darben.

Stilistische Eigenheit

Stilistisch hat der Roman eine Eigenheit, die das Lesen ein wenig erschwert: Burckhardt liebt Satzkonstruktionen wie: „Hatten sich diese Stimmen zu Anfang mit Gewalt und Terroranschlägen Gehör verschafft, so waren auch die ärgsten Kritiker weitgehend verstummt.“ (S. 37f) Das ist dank des „so“ noch leicht zu durchschauen. Burckhardt lässt das „so“ aber gern weg: „Fand jemand ein besondere Befriedigung darin, andere Menschen zu unterrichten, durchlief er die entsprechenden Levels und war ab einem bestimmten Grad tatsächlich als Lehrer einsetzbar.“ (S. 38) Oder: „Mochten die Bewegungen des Körpers auch selbstverliebt scheinen, begriff Damian schnell, dass sie allein ihm galten.“ (S. 39) Das sind Satzkonstruktionen, die im Normalfall in dieser Form eher selten, bei Burckhardt jedoch gehäuft auftreten (nicht nur auf den Seiten 37-39, wo ich jetzt willkürlich nach Beispielen gesucht habe und gleich fündig geworden bin).

Abgesehen davon ist Burckhardts Stil aber gut lesbar und lebendig.

Martin Burckhardt: Score. Roman. Knaus-Verlag, München, 2015. 351 Seiten.

Martin Burckhardt äußert sich in seinem Blog in einem Frage- und Antwort-Spiel zum Roman und zu dessen gedanklichen Hintergründen: http://burckhardt.ludicmedia.de/#blog_54b4f381c9c751342e505c32

Bild: Wolfgang Krisai: Überwachungsturm in Tschechien. Aquarell, 2008.

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Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes

Wolfgang Krisai: Portalschmuck am Kügelgen-Haus in Dresden. Tuschestift und Buntstift, 2015.Als Maler ist Wilhelm von Kügelgen (1802-1867) nicht allzu berühmt, aber seine Autobiographie ist bis heute lesenswert. Warum?

Kügelgen ist ein Meister der anekdotischen Schilderung von Kindheit und Jugend. Eine amüsante Episode reiht sich an die andere. Der Unterhaltungswert ergibt sich dabei weniger aus den geschilderten Geschehnissen, die nicht selten traurig oder gar tragisch sind, sondern vor allem aus der pointierten Sprache des Autors.

Kleine Kostprobe: „Als ein sehr unzulänglicher Ersatz für dieses Himmelskind [seine früh verstorbene ältere Schwester] ward ich am 20. November des Jahres 1802 in Petersburg geboren, und zwar zu Unzeit, indem ich dem Programme meiner Mutter um zwei Monate zuvorkam: ein Umstand, der auf meine spätere Entwicklung nur nachteilig influieren konnte.“ (S. 8)

Dabei bleibt er aber stets liebenswürdig und es liegt ihm fern, irgendjemanden zynisch an den Pranger zu stellen. Im Gegenteil, noch bei den seltsamsten Käuzen, die im Leben kennenzulernen ihm vergönnt war, sieht er das Gute und Positive.

In Dresden hängengeblieben

Wilhelms Vater Gerhard von Kügelgen verschlug es früh als Maler nach St. Petersburg, wo Wilhelm auch geboren wurde. Um seine Karriere zu fördern, beschließt die junge Familie jedoch, über Estland, woher die Mutter stammte, ins Rheinland zur Mutter des Vaters zu ziehen, um dort künstlerisch besser voranzukommen und später wieder nach St. Petersburg zurückzuziehen oder in Estland ein Landgut zu erwerben. Dazu kommt es allerdings nie. Die Familie strandet gewissermaßen in Dresden, der Vater etabliert sich dort nolens volens als Portraitmaler, obwohl er dieses Genre nicht liebt, und schiebt die Rückkehr in den Osten Jahr für Jahr hinaus. Schließlich kauft er im Dresdner Vorort Loschwitz einen Weinberg mit Sommerhaus – was ihm zum Verhängnis werden sollte.

Gesellschaftlicher Mittelpunkt der Frühromantik

Das Haus der Kügelgens in Dresden – heute als Kügelgen-Haus mit einem „Museum der deutschen Frühromantik“ ein wichtiger Teil des musealen Angebots der Stadt – wurde schnell zu einem Zentrum des gesellschaftlichen Lebens und der Kunstwelt der Stadt. Caspar David Friedrich etwa verkehrte dort, aber auch Goethe stellte sich ein. Eines Tages tauchte er unangemeldet bei Kügelgens auf, als der Vater gerade ausgegangen war, um vom Fenster aus unbemerkt den Einzug eines siegreichen Feldherrn anzusehen, doch noch bevor der vorbeiritt, platze eine zudringliche Verehrerin herein, die den Dichter am Fenster entdeckt hatte, und erging sich in Huldigungen, während derer Goethe jedoch unbemerkt entwischen konnte.

Kriegswirren

Der kriegerische Hintergrund färbt nicht nur diese Szene, sondern einen Großteil des Buches, fallen die geschilderten Jahre doch in die napoleonische Zeit, wo Dresden vom wechselnden Kriegsverlauf mitgenommen wurde. Der sächsische König war treuer Gefolgsmann Napoleons bis zu dessen Ende, was Sachsen insgesamt nicht gut tat. Wenn das Kriegsgetümmel der Stadt zu nahe rückte, suchte die Familie oder zumindest die Frau mit den Kindern in Ballenstedt bei Freunden Zuflucht, jener Stadt, in der Kügelgen seinen Lebensabend verbringen sollte.

Innere Turbulenzen

Als Napoleon von der Geschichte hinweggefegt war, machte sich unter den Studenten der Dresdner Kunstakademie eine Begeisterung fürs „Altdeutsche“ breit, die auch den Studenten Wilhelm erfasste, der nach langem Schwanken doch  in der Malerei seine Zukunft zu sehen glaubte. Dem Vater war diese Deutschtümelei mit Vollbart und mittelalterlicher Tracht gar nicht recht. Und der Sohn legte sie, nachdem der Mord des Studenten Sand an August von Kotzebue deutlich gemacht hatte, wozu deutschtümelnde Studenten fähig waren, von einem Tag auf den anderen wieder ab.

Ein junger Mann verliebt sich natürlich auch, in Kügelgens Fall war das die Liebe zu einer entfernten Verwandten, die im Hause Zuflucht gefunden hatte und dem jungen Mann vollkommen den Kopf verdrehte. Die Sache hatte keine Zukunft, das war klar, und die Rettung brachte der Vater, der den Sohn für einige Monate zu einem befreundeten Pastor schickte (einem dieser ausgeprägten Originale) und die junge Verwandte anderswo unterbrachte.

Donnerschlag

Kügelgens künstlerische Entwicklung wird im Zusammenhang mit der Ausbildung an der Akademie zu schildern begonnen. Ein umfassendes Bild vom Künstler Wilhelm von Kügelgen erhält man durch diese „Jugenderinnerungen“ allerdings nicht, denn sie brechen mit einem Donnerschlag plötzlich ab:

Auf dem Heimweg vom Sommerhaus in Loschwitz, wo er Frau und Kinder besucht hat, wird der Vater von einem Raubmörder umgebracht. Wilhelm, der in der Stadt geblieben ist und auf den Vater wartet, meldet die Abgängigkeit bei der Polizei, als er erfahren hat, dass der Vater noch am Abend von Loschwitz losmarschiert sei. Er beteiligt sich selbst an der Suchaktion und entdeckt die nackte Leiche des Vaters in einer Ackerfurche. Die letzten Sätze lauten:

„Über mich aber und die Meinigen ‚ging der Grimm des Höchsten, und seine Schrecken drückten uns, sie umgaben uns wie Wasser und umringten uns miteinander‘. Und hiermit mag ein Schleier auf mein weiteres Ergehen fallen.“ (S. 666)

Man hat den Eindruck, noch im Alter erschüttere die Erinnerung an das schreckliche Ende seines Vaters den Schreibenden so sehr, dass es ihm die Sprache verschlägt. Deshalb dieses abrupte Ende.

Es gibt zwar einen Fortsetzungsband, der aus Notizen und Briefen aus dem Nachlass zusammengestellt, aber bei weitem nicht so ein Lesegenuss sein soll wie die „Jugenderinnerungen“.

Ein sehr informatives Nachwort von Detlef Droese schließt den Band aus der „Manesse Bibliothek der Weltliteratur“ ab.

Wilhelm von Kügelgen: Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Manesse-Verlag, Zürich, 1970. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. 701 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Portalschmuck am Kügelgen-Haus in Dresden. Tuschestift und Buntstift, 2015.

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Goethes Venedig

Wolfgang Krisai: Piazza San Marco, Venezia. Tuschestift. 2003.Auf dem Umschlag dieses Insel-Bücherei-Bändchens sieht man die von Canaletto gemalte Kirche Santa Maria della Salute, meine Lieblingskirche in Venedig. Ich las es als Vorbereitung für eine kurze sommerliche Venedigreise.

Der Band enthält lauter kurze Texte bzw. Textausschnitte Goethes, die sich mit Venedig befassen, dazu Abbildungen von Zeichnungen Goethes und Veduten, Gemälden und Kupferstichen anderer Meister.

Ein Sehnsuchtsort Goethes

Goethe ist von Venedig begeistert, da die Stadt seit seiner Jugend, wo er vom Vater ein Modell einer Gondel geschenkt bekommen hat, einer seiner Sehnsuchtsorte war. Zweimal ist es ihm vergönnt, die Stadt mit eigenen Augen zu sehen: zu Beginn seiner Italienischen Reise im Jahr 1786 und vier Jahre später noch einmal.

Goethe schreibt über die Stadt nicht nur Briefe und Tagebucheinträge, sondern auch die witzigen Venezianischen Epigramme, von denen eine Reihe in den Band aufgenommen sind. In einem davon vergleicht er die venezianischen Mädchen mit Eidechsen, die, kaum hat man sie erblickt, blitzschnell wieder verschwinden. Und, eilt man ihnen nach, einen vielleicht in eine dubiose Spelunke locken.

Theater und Literatur

Goethe interessiert nicht nur die Kunst der Stadt, sondern auch das Theater. Er sieht sich eine Aufführung einer Goldoni-Komödie an, in der das einfache Volk von Chioggia aufs Treffendste erfasst ist. Seine Sprachkenntnisse reichen aus, um das Stück genießen zu könne, auch wenn er, wie er zugibt, nicht jede Pointe mitbekommt.

Er engagiert zwei Gondolieri, die ihm auf charakteristische Weise den „Orlando furioso“ des Ariost vorsingen sollen und das auch tun: in einem Wechsel-Singsang, von einem Kanal-Ufer zum anderen hin und her.

Er beobachtet den Dogen, der an einem feierlichen Ritual teilnehmen muss und für Goethe, im Gegensatz zum typischen Habitus deutscher Fürsten, als ein ganz friedlicher Herrscher auftritt.

Müllentsorgung und Hochwasserschutz

Er wundert sich über den lässigen Umgang der Venetianer mit ihrem Müll. In die Kanäle dürfen sie nichts werfen, aber sie werfen den Müll auf die Gassen, und sobald ein Regen kommt, landet doch alles in den Kanälen…

Er interessiert sich für die Hochwasserschutzbauten am Lido, zeichnet und erklärt einen Querschnitt durch den Schutzdamm und beobachtet den auf dem Damm stattfindenden Wettlauf der Taschenkrebse mit den Muscheln, die sich immer im letzten Augenblick noch am Stein festsaugen, bevor die Krebsscheren zubeißen können.

Ein nettes Bändchen, das man schnell gelesen hat und das einem die Vielseitigkeit von Goethes Interessen wieder einmal vor Augen führt.

Goethes Venedig. Hg. v. Mathias Mayer. Mit zahlreichen Abbildungen. Insel-Verlag, Berlin 2015. Insel-Bücherei Nr. 1404. 86 Seiten.

Wolfgang Krisai: Piazza San Marco, Venezia. Tuschestift. 2003.

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Michael Krüger: Umstellung der Zeit. Gedichte

Wolfgang Krisai: Michael Krüger liest in der Alten Schmiede aus "Umstellung der Zeit". Feder-Skizze, 2015.Im Literarischen Quartier der Alten Schmiede in Wien war wieder einmal Michael Krüger zu Gast. Er stellte die Gedichte des Österreichischen Autors Albert Drach vor und las in einer zweiten Veranstaltung aus seinem neuesten Gedichtband „Umstellung der Zeit“, der allerdings auch schon vor zwei Jahren erschienen ist und jetzt, man staune, bereits in der dritten Auflage vorliegt.

Krüger schreibt eigentlich eine rhythmisierte Prosa, die in Kurzzeilen gesetzt ist. Inhaltlich dreht es sich bei diesen Gedichten häufig um die Natur, wie Krüger sie im Umfeld seines Hauses am Starnberger See erleben kann. Zum Beispiel:

„Ein spitzbübischer Wind / schaukelt in den Vorhängen, / ein anderer liest mein Buch / in rasender Eile.“ (S. 12) So etwas ist schön beobachtet und knapp in Worte gefasst.

Aber wäre es nicht gescheiter, angesichts der Welt zu schweigen? „Ich könnte von Kriegen erzählen, / von Göttern, die sich aus Langeweile / das Leben ausdachten, von Igeln / […] / Aber lieber die Klappe halten, / die Stille ist laut genug.“ (S. 30).

Das Problem ist, dass die Erkenntnis oft ein Rätsel ist: „Wie ich so stehe, / gibt mir das Meer / ein Licht, / das mich entzündet, und mit den Füßen / lese ich / die Blindenschrift der Kiesel.“ (S. 40) Da spürt man förmlich das Stechen der Steinchen in der Fußsohle. Als Botschaft der Natur oder des Meeres hat man es bisher freilich noch nicht aufgefasst.

Während die Natur positiv erlebt wird, ist die Technik eher negativ besetzt: „trübselige Autos, / die sich durch den Tag schleppen / wie Kamele auf Wanderschaft“. (S. 47) Und es ist wahr: diese langsam sich im Stau dahinschiebenden Buckel der Autodächer…

Ein Gedicht ist einem Besuch bei Botho Strauß in der Uckermark gewidmet, ein anderes einem Flug nach New York. Ein anderes schildert Flughafenatmosphäre, wo nichts recht funktionieren will. Ein Besuch in Istanbul.

Dann wieder ein Aufblitzen von Erkenntnis: „Es braucht hoffnungslos lange, bis man / so ungefähr ahnt, wer man ist.“ (S. 85) Das kann ich nur unterschrieben. Die Erkenntnis kann sich auch auf die ganze Menschheit beziehen: „Keiner erinnert sich, warum / wir so geworden sind, / wie wir sind. / Aber wir sind noch da, / wir haben uns nur kurz / aus den Augen verloren.“ (S. 92, in einem Gedicht über „Neujahr 2012“). Ja, und auch „von Gott ist nicht viel / zu sehen bei diesem Licht“. Das schreibt Krüger „Bei Boston, am Meer“, so der Titel des Gedichts (S. 105).

Man merkt: Mich begeistern mehr die originellen Formulierungen und der überraschende Blick, mit dem kleine Erlebnisse einen ungewöhnlichen Touch bekommen, als die Form dieser Gedichte. Michael Krüger seine Gedichte selbst vortragen zu hören – und seine manches noch zusätzlich erhellenden Kommentare dazu – ist darüber hinaus ein besonderer Genuss. Wer nicht in der Alten Schmiede sein konnte, hat zu Anfang eines längeren Interviews mit Denis Scheck Gelegenheit, Michael Krüger HIER beim Vorlesen eines der Gedichte aus dem Band zu erleben.

Michael Krüger: Umstellung der Zeit. Gedichte. 3. Aufl., Frankfurt, Suhrkamp, 2014. 117 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Michael Krüger liest in der Alten Schmiede aus „Umstellung der Zeit“. Feder-Skizze, 2015.

Übrigens ist sehens-, vor allem aber hörenswert, was Krüger, als er noch Hanser-Chef war, zu allerlei Themen im Zusammenhang mit Literatur zu sagen hat, und zwar auf dem youtube-Kanal des Hanser-Verlags unter „Michael Krüger spricht…“.

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