Archiv der Kategorie: Deutsche Literatur

Michael Krüger: Umstellung der Zeit. Gedichte

Wolfgang Krisai: Michael Krüger liest in der Alten Schmiede aus "Umstellung der Zeit". Feder-Skizze, 2015.Im Literarischen Quartier der Alten Schmiede in Wien war wieder einmal Michael Krüger zu Gast. Er stellte die Gedichte des Österreichischen Autors Albert Drach vor und las in einer zweiten Veranstaltung aus seinem neuesten Gedichtband „Umstellung der Zeit“, der allerdings auch schon vor zwei Jahren erschienen ist und jetzt, man staune, bereits in der dritten Auflage vorliegt.

Krüger schreibt eigentlich eine rhythmisierte Prosa, die in Kurzzeilen gesetzt ist. Inhaltlich dreht es sich bei diesen Gedichten häufig um die Natur, wie Krüger sie im Umfeld seines Hauses am Starnberger See erleben kann. Zum Beispiel:

„Ein spitzbübischer Wind / schaukelt in den Vorhängen, / ein anderer liest mein Buch / in rasender Eile.“ (S. 12) So etwas ist schön beobachtet und knapp in Worte gefasst.

Aber wäre es nicht gescheiter, angesichts der Welt zu schweigen? „Ich könnte von Kriegen erzählen, / von Göttern, die sich aus Langeweile / das Leben ausdachten, von Igeln / […] / Aber lieber die Klappe halten, / die Stille ist laut genug.“ (S. 30).

Das Problem ist, dass die Erkenntnis oft ein Rätsel ist: „Wie ich so stehe, / gibt mir das Meer / ein Licht, / das mich entzündet, und mit den Füßen / lese ich / die Blindenschrift der Kiesel.“ (S. 40) Da spürt man förmlich das Stechen der Steinchen in der Fußsohle. Als Botschaft der Natur oder des Meeres hat man es bisher freilich noch nicht aufgefasst.

Während die Natur positiv erlebt wird, ist die Technik eher negativ besetzt: „trübselige Autos, / die sich durch den Tag schleppen / wie Kamele auf Wanderschaft“. (S. 47) Und es ist wahr: diese langsam sich im Stau dahinschiebenden Buckel der Autodächer…

Ein Gedicht ist einem Besuch bei Botho Strauß in der Uckermark gewidmet, ein anderes einem Flug nach New York. Ein anderes schildert Flughafenatmosphäre, wo nichts recht funktionieren will. Ein Besuch in Istanbul.

Dann wieder ein Aufblitzen von Erkenntnis: „Es braucht hoffnungslos lange, bis man / so ungefähr ahnt, wer man ist.“ (S. 85) Das kann ich nur unterschrieben. Die Erkenntnis kann sich auch auf die ganze Menschheit beziehen: „Keiner erinnert sich, warum / wir so geworden sind, / wie wir sind. / Aber wir sind noch da, / wir haben uns nur kurz / aus den Augen verloren.“ (S. 92, in einem Gedicht über „Neujahr 2012“). Ja, und auch „von Gott ist nicht viel / zu sehen bei diesem Licht“. Das schreibt Krüger „Bei Boston, am Meer“, so der Titel des Gedichts (S. 105).

Man merkt: Mich begeistern mehr die originellen Formulierungen und der überraschende Blick, mit dem kleine Erlebnisse einen ungewöhnlichen Touch bekommen, als die Form dieser Gedichte. Michael Krüger seine Gedichte selbst vortragen zu hören – und seine manches noch zusätzlich erhellenden Kommentare dazu – ist darüber hinaus ein besonderer Genuss. Wer nicht in der Alten Schmiede sein konnte, hat zu Anfang eines längeren Interviews mit Denis Scheck Gelegenheit, Michael Krüger HIER beim Vorlesen eines der Gedichte aus dem Band zu erleben.

Michael Krüger: Umstellung der Zeit. Gedichte. 3. Aufl., Frankfurt, Suhrkamp, 2014. 117 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Michael Krüger liest in der Alten Schmiede aus „Umstellung der Zeit“. Feder-Skizze, 2015.

Übrigens ist sehens-, vor allem aber hörenswert, was Krüger, als er noch Hanser-Chef war, zu allerlei Themen im Zusammenhang mit Literatur zu sagen hat, und zwar auf dem youtube-Kanal des Hanser-Verlags unter „Michael Krüger spricht…“.

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Wolfgang Schmeltzl: Lobspruch auf die Stadt Wien

Wolfgang Krisai: Schottenkirche, Wien, von der Freyung aus gesehen. Tuschestift. 2013.

Im Schottenstift an der Freyung in Wien unterrichtete Wolfgang Schmeltzl im 16. Jahrhundert. Allerdings sah die Stiftskirche damals noch anders aus. Ich zeichnete die Kirche im Sommer 2013.

Durch ein Zitat im DuMont-Kunst-Reiseführer Wien von Felix Czeike kam ich auf diesen Text des Schullehrers Wolfgang Schmeltzl (1500 Kemnath in der Oberpfalz – 1561 St. Lorenzen am Steinfeld, Niederösterreich), der im 16. Jahrhundert im Wiener Schottenstift unterrichtete und neben einer Reihe anderer Werke, die ihm den Ruf eines wienerischen Hans Sachs einbrachten, 1547 einen längeren Lobspruch auf die Stadt Wien verfasste.

Lobeshymne auf die neue Heimatstadt des Autors

Man muss sich diesen Text als ein Gedicht jener Art vorstellen, wie sie gelegentlich zu Ehren eines Jubilars bei runden Geburtstagen vorgetragen werden: Die Verdienste des zu Lobenden werden breit ausgemalt, etwaige kritische Punkte geflissentlich ausgespart.

Schmeltzls Lobes-Objekt ist seine neue Heimatstadt Wien, und er schreibt ihr zu Ehren ein einige hundert Verse langes Gedicht. Das Versmaß ist stellenweise etwas holprig (Knittelverse), die Sprache Frühneuhochdeutsch (ich las allerdings eine neuhochdeutsche Version aus dem Internet).

Hang zur Genauigkeit

Das Erstaunliche an dem Gedicht ist Schmeltzls Hang zur Genauigkeit. Er beschreibt die wichtigen Bauten der Stadt wie etwa den Stephansdom ganz detailliert und schreitet seine Länge und Breite ab, damit er sogar die Maße (in Schritten) angeben kann.

Da eine Stadt nicht nur aus Gebäuden besteht, behandelt Schmeltzl auch die Menschen, die Politik, Verwaltung und das Geschäftsleben. Da wird einem bewusst, wie viele Märkte es in Wien damals gab, da ja sämtliche Frischwaren jeden Tag von den Bauern herangeschafft werden mussten, weil man sie nicht lange aufbewahren konnte.

Geschichtsquelle ersten Ranges

Viele Honoratioren der Stadtverwaltung zählt Schmeltzl namentlich und unter Nennung ihrer Verdienste auf. Sein Text ist damit sicher eine historische Quelle ersten Ranges.

Schmeltzls Lobspruch ist für Leute, die sich für die Geschichte der Stadt Wien interessieren, und überhaupt für Wien-Fans eine äußerst lohnende Lektüre. Ich frage mich, wie ich so lange brauchen konnte, um darauf zu stoßen.

Wolfgang Schmeltzl: Lobspruch auf die Stadt Wien. Wien, Kuppitsch 1849.

Das Gedicht kann bei Google-Books als Scan der Ausgabe von 1849, die ihrerseits ein Faksimile der Originalausgabe ist, abgerufen werden, außerdem gibt es den Text in der neuhochdeutschen Bearbeitung, die ich gelesen habe, bei zeno.org.

Bild: Wolfgang Krisai: Schottenkirche, Wien, von der Freyung aus gesehen. Tuschestift. 2013.

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Thomas Mann: Mario und der Zauberer. Illustriert von Kat Menschik

Illustration von Kat Menschik, © Officina Ludi 2014

Illustration von Kat Menschik, © Officina Ludi 2014

Durch den Blog „Besondersbuch“ (https://besondersbuch.wordpress.com/2015/01/30/25-jahre-officina-ludi/) wurde ich auf eine großartig illustrierte und gediegen gemachte Ausgabe der Erzählung „Mario und der Zauberer“ von Thomas Mann aufmerksam. Es ist eine von Kat Menschik mit mehrfarbigen, plakativen Illustrationen versehene Jubiläumsausgabe der Officina Ludi, Großhansdorf bei Hamburg, 2014. Von Hand im Hamburger Museum der Arbeit in 1500 Exemplaren im Buchdruckverfahren gedruckt und dennoch zu einem sehr günstigen Preis von rund 30 Euro zu erwerben. Da konnte ich nicht anders als kaufen.

Obwohl ich „Mario und der Zauberer“ schon mehrmals gelesen und im Unterricht behandelt habe, las ich die Erzählung jetzt wieder, um sie in dieser edlen Form genießen zu können.

Unangenehme Erlebnisse in Italien

Ein Erzähler, unverkennbar Thomas Mann selbst, erzählt von einem seltsam missglückten und dennoch faszinierenden Sommerurlaub am Strand des Tyrrhenischen Meeres im Italien der 20er-Jahre. Dort hat sich ein unangenehmer Nationalismus und „Moralismus“ breit gemacht, der der deutschen Urlauberfamilie lästige Ärgernisse bereitet.

Am Strand herrscht ein selbstbewusster Pöbel, der zum Beispiel einen kurzen, unbedachten Moment der Nacktheit der Tochter des Erzählers zum Verstoß gegen die öffentliche Moral aufbauscht. Die Polizei wird eingeschaltet, die Deutschen müssen 50 Lire Strafe zahlen.

Im Hotel werden sie Opfer einer Überängstlichkeit einer italienischen Fürstin, die die letzten Reste eines Keuchhustens der deutschen Kinder für hoch ansteckend hält. Statt sich in ein Nebengebäude umquartieren zu lassen, ziehen die Deutschen es vor, sich in der Pension Angioleri einzuquartieren, wo die Atmosphäre erfreulicher ist.

Mehrmals denkt man an Abreise, setzt sie aber nicht in die Tat um.

Ein Zauberer mit unglaublichen Fähigkeiten

Schließlich besuchen sie den Kindern zuliebe die abendliche Vorstellung eines Zauberkünstlers, eines gewissen Cipolla (zu Deutsch: Zwiebel). Die Schilderung dieser Vorstellung umfasst zwei Drittel der Erzählung.

Cipollas Veranstaltung ist denn auch wahrlich schildernswert: Der Mann ist nämlich kein normaler Zauberer, sondern ein Hypnotiseur mit unglaublichen Fähigkeiten.

Dabei stellt er eine wenig einnehmende Erscheinung dar, bucklig, mit „splitterigen“ Zähnen, ständig billige Zigaretten rauchend und einen Cognac nach dem anderen hinunterkippend. Diese Stimulantien braucht er, um die „Leiden“ durchzustehen, die ihm der Auftritt bereitet. Cipolla sieht die Sache nämlich aus seinem persönlichen Blickwinkel: Nicht die von ihm zu grotesken Taten gezwungenen Hypnose-Opfer sind die Leidenden, sondern nur er, der Zauberkünstler selbst.

Er lässt gleich zu Beginn einen vorlauten jungen Mann dem Publikum die Zunge herausstrecken. Später rekrutiert er eine ganze Truppe von „Freiwilligen“ aus dem Publikum und lässt sie unablässig auf der Bühne „tanzen“. Cipolla erweist sich als telepatisch begabter Errater von gezogenen Spielkarten oder Errechner der Summe willkürlich vom Publikum genannter Zahlen. Das errechnen wäre noch nicht erstaunlich, sehr wohl ist es aber die Tatsache, dass Cipolla das Endergebnis schon vorher verdeckt auf einer Tafel auf der Bühne notiert hat und sie am Ende aufdeckt: Er hat schon vorausgewusst, was ihm das Publikum für Zahlen nennen wird… Dergleichen Erstaunlichkeiten hat Cipolla noch eine ganze Reihe auf Lager.

Ist der Zauberer Mussolini?

Natürlich ist man versucht, die Erzählung zu deuten, z. B. als versteckte Darstellung des faschistischen Italien mit Cipolla als Mussolini, der alle hypnotisiert. Wie ich meinen Büchern über Thomas Mann entnehme, sind sich die Interpreten allerdings nicht ganz einig, inwieweit so eine Interpretation schon von Thomas Mann intendiert sein konnte. Er selbst hat jedenfalls mehrmals gesagt, die Erzählung sei nicht primär als politische Satire gedacht gewesen.

Trotzdem hat man sie natürlich als Allegorie auf den Faschismus in Italien verstanden, mit dem Zauberer als Verführer, aber auch vor allem mit einem nur allzu willigen Publikum, das sich aus allen Schichten zusammensetzt und auch Ausländer umfasst – wie die Familie des Erzählers, der aber offenbar der einzige ist, der Cipolla kritisch sieht. Andere, zum Beispiel eine Engländerin, reißen sich geradezu darum, bei Cipollas Kunststücken mitmachen zu dürfen.

Die Macht des Künstlers

Neben der politischen Interpretation gibt es auch noch jene, die Cipolla als Künstlerfigur auffasst. Der verwachsene, von der Natur benachteilgte Künstler Cipolla erlangt durch seine „Kunst“ ungeahnte Macht über sein Publikum. Diese Interpretation hat allerdings den Nachteil, auf den ersten Teil der Erzählung kaum anwendbar zu sein, wo Cipolla noch überhaupt keine Rolle spielt, sondern nur das faschistisch aufgeheizte Klima in Italien dargestellt wird.

Den Zauberer hat Mann selbst in Italien erlebt, nicht aber den Paukenschlag am Schluss der Vorstellung – der zugleich das Ende der Erzählung ist. Cipolla holt sich den Kellner Mario auf die Bühne, suggeriert ihm, er sei dessen Geliebte, und bringt ihn dazu, ihn auf die Wange zu küssen. Als Mario, aus der Trance entlassen und völlig lächerlich gemacht, wieder ins Publikum zurückgeht, dreht er sich plötzlich um und schießt Cipolla nieder. (Man darf sich nicht fragen, wieso ein schlichter italienischer Kellner offenbar immer eine Pistole bei sich trägt und auch noch zielsicher zu schießen versteht.)

Dieser Schluss ist Manns Erfindung. Auch er schreit nach Interpretation: Ist er ein Aufruf, sich mit Gewalt gegen einen Diktator zur Wehr zu setzen? Wie soll man das Ende aber mit der Künstler-Interpretation in Einklang bringen? Da sehe ich keine Möglichkeit, wenn man nicht sagen will, der Künstler werde sozusagen das Opfer unverständigen Ignorantentums. Also dominiert doch eindeutig die politisch-ethische Aussage.

Patriotische Überschätzung seiner Nation

Thomas Mann sagte einmal, er habe damals nicht ahnen können, dass ausgerechnet das kultivierte deutsche Volk sich zu Unglaublichem verführen lassen würde: „Als ich [die Erzählung] schrieb, glaubte ich nicht, dass Cipolla in Deutschland möglich sei. Es war eine patriotische Überschätzung meiner Nation. Schon die gereizte Art, in der die Kritik die Erzählung aufnahm, hätte mir zeigen sollen, wohin die Reise ging, und was alles auch in dem ‚gebildetsten‘ Volk – gerade ihm – möglich sein werde.“ (zit. nach: Wilhelm Große: Textanalyse und Interpretation zu Thomas Mann Tonio Kröger / Mario und der Zauberer, Königs Erläuterungen 288, Bange-Verlag, Hollfeld 2010, S. 114)

Großartige Illustrationen

Die Illustrationen von Kat Menschik fangen die Atmosphäre der Erzählung treffend ein. Man ist an Jugendstil-Farbholzschnitte erinnert, wie sie zur Entstehungszeit der Erzählung und kurz davor in Mode waren. Den kräftigen Farbauftrag des Drucks kann man mit den Fingern ertasten – das nur zum derzeit viel gepriesen Aspekt des Haptischen von „pBooks“ im Gegensatz zu eBooks.

Insgesamt: zauberhaft!

Thomas Mann: Mario und der Zauberer. Ein tragisches Reiseerlebnis. Illustriert von Kat Menschik. Officina Ludi, Großhansdorf bei Hamburg, 2014. 47 Seiten.

Bild: Kat Menschik: Illustration zu „Mario und der Zauberer“, Seite 7. Copyright: Officina Ludi, 2014, wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

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Rolf Dieter Brinkmann: Rom, Blicke

Wolfgang Krisai: Konstantinsbogen und Kolosseum in Rom, 2002, Tuschestift.Da ich keine Zeit zum Lesen und Rezensieren habe, greife ich wieder zu einer alten Rezension, diesmal aus dem Jahr 2006:

Auf dieses Buch und seinen Autor wurde ich eigentlich erst durch meine Beschäftigung mit der Popliteratur aufmerksam. Brinkmann gilt als der erste richtige Pop-Autor deutscher Sprache. Er erhielt in den 70er-Jahren ein Jahresstipendium für die Villa Massimo in Rom. „Rom, Blicke“ ist ein Kompendium seiner Aufzeichnung aus diesem Jahr.

Ein Jahr in der Villa Massimo in Rom

Brinkmann macht sich, ziemlich mittellos, per Bahn nach Italien auf. Seine Aufzeichnungen beginnen mit der Bahnfahrt. In Rom findet er sich halbwegs zurecht, auf eine nähere Einlassung verzichtet er ohnehin von vornherein, er will nicht einmal das notwendigste Italienisch lernen. In der Villa Massimo kann er ein „Atelier“ beziehen, das in einem Atelierhaus etwas abseits der eigentlichen Villa liegt. Neben ihm gibt es noch weitere Stipendiaten, mit denen er sich immer wieder trifft: unter anderem den greisen Pastor Albrecht Goes, für den er nur abfällige Worte übrig hat, und Nicolas Born, glaube ich, der ihm ebenfalls auf die Nerven geht.

Die Texte sind zum Teil Briefe an die in Deutschland zurückgelassene Freundin Maleen und an einen Freund namens Henning. Das sind elendslange Suaden, in denen der Autor seinen vereingenommenen, schwarzbebrillten Blick auf alles richtet, was in seiner Umgebung auch nur irgendwie negativ aufgefasst werden kann. Kein Mensch, kein Tier, kein Platz, kein Raum kann es ihm recht machen, alles findet er heruntergekommen, widerlich, beschissen, etc. Er schimpft regelmäßig über die Italiener, die er als Spaghettifresser tituliert, die sich ungeniert „den Sack kratzen“ und den Weibern nachpfeifen, deren Chaos ihm nicht passt und deren Hauptstadt er verdreckt findet. So weit, so ungut: Auch mir ist das Italien der 70er-Jahre dreckiger und exotischer erschienen als das heutige, und die Züge waren tatsächlich unpünktlich und überfüllt, die Leute laut und ungeniert, und was sonst noch einen etepeteten Deutschen in Angst und Schrecken versetzen konnte.

Das Kuriose ist nun aber, dass Brinkmann ja gar kein etepeter Deutscher sein will. Er geriert sich als der kaltschnäuzige Typ, der die Welt aus der Perspektive des Drop-Outs einer schonungslosen Betrachtung unterzieht. Seine Sprache ist nicht weniger dreckig als die italienischen Hinterhöfe, insbesondere die Frauen sind ihm sprachlich nur abfällige Ausdrücke wert: jede ist gleich eine „Nuss“ (Brinkmanns höchsteigener Jargon?) oder gar eine „Fotze“ – na, wenn das nicht verbales „Sackkratzen“ ist, was dann? Da wirft also einer den Italienern Unmoral vor und praktiziert selbst das gleiche!

Lesereise nach Graz

Kaum ist Brinkmann in Rom etabliert, darf er auch schon wieder verreisen, diesmal nach Graz zu einer Lesung im Forum Stadtpark, das ihm eine Bahnfahrt erster Klasse und einen Hotelaufenthalt zahlt. Offenbar hatte er vor dieser Reise aus unerfindlichen Gründen einen Heidenrespekt vor den rotzigen österreichischen Autoren à la Wolfi Bauer oder Ossi Wiener. Nun erlebt er sie in natura, und der Respekt blättert augenblicklich ab, was mich gar nicht wundert. Selbstverständlich werden nun die solchermaßen abgetakelten Österreicher zum Objekt des Spotts, wie auch die Stadt Graz und die österreichischen Verhältnisse von der Bundesbahn bis zum Greißler ums Eck (der Laden an der Ecke). Gut, dass er wieder erster Klasse nach Rom abdampft.

Collagen

Das Buch (von der Aufmachung her einer der letzten Überlebenden der einst avantgardistischen Reihe „das neue buch“) hat mich rein optisch angesprochen, weil es eine Mischung aus Texten und Bildern ist. Brinkmann kollagiert in seinen Text Ansichtskarten, Fahrkarten, Informationsblätter, Stadtpläne, Fotos und Mindmaps (ante litteram) hinein, dass es eine Lust ist. Der Plan der Villa Massimo ist in Volksschullehrer-Handschrift mit winzigen Notizen bedeckt, die davon zeugen, wie intensiv Brinkmann seinen Lokalaugenschein betrieben hat.

Schade nur, dass das alles irgendwie nichts Brauchbares ergibt. Ein dermaßen selbstgefälliger Negativismus läuft sich ja nach 100 Seiten spätestens tot, auch wenn 30 davon mit Bildern gefüllt sind. Ich habe die Lektüre dann beschleunigt und schließlich ganz aufgegeben. Es wird mir keine wesentliche Sinneswandlung des Rompilgers entgangen sein.

Brinkmann, Rolf Dieter: Rom, Blicke. Rowohlt, Reinbek 1997. Reihe: das neue buch. Erstmals erschienen 1979. 448 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Konstantinsbogen und Kolosseum in Rom, 2002, Tuschestift.

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Eduard von Keyserling: Wellen

Wolfgang Krisai: Cap Ferret. Buntstiftzeichnung, 2014.Nach Eduard von Keyserlings Erzählungsband „Feiertagsgeschichten“ wollte ich mehr von diesem Autor lesen und kaufte mir das Manesse-Bändchen „Wellen“. Nach dessen Lektüre weiß ich: Noch mehr Keyserling muss her.

Ein Meister der Doppelbödigkeit

Warum? Weil Keyserling ein Meister der Darstellung der Doppelbödigkeit menschlicher Kommunikation und menschlicher Beziehungen überhaupt ist. Ich vermute, jeder Mensch kennt das aus eigener Erfahrung: Man macht in Beziehungen oft Äußerungen, die mit dem, was man wirklich denkt oder empfindet, nicht übereinstimmen. Eher sind sie strategischer Natur: Man will etwas erreichen oder etwas verhindern. Und oft geht das daneben. Zumal erschwerend hinzukommt, dass das Gegenüber unausgesprochene Erwartungen hat, was der Partner nun sagen solle. Der aber weiß davon natürlich nichts Konkretes. Also fällt ein Satz, der etwas anderes sagt, als der „Sender“ wirklich meint und als der „Empfänger“ erhofft – und rumms, ist die Stimmung im Keller. Und die ganze Strategie war umsonst. Es herrscht dicke Luft. Je nach Charakter gehen die Gesprächspartner dann aufeinander los oder doch bemüht gutwillig aufeinander zu.

In „Wellen“ hat Keyserling sozusagen eine kleine Experimental-Anordnung gewählt: Eine Handvoll Personen in einem abgeschiedenen Ort, wo sie keiner ernsthaften Arbeit nachgehen müssen und folglich die Gefühle allmählich überkochen.

Der Ort ist ein winziges Ostsee-Dorf, wo sich die handelnden Figuren für den Sommer in Strandhäuser eingemietet haben.

Die Personen:

Im „Bullenkrug“ wohnt die Generalin von Palikow mit ihrer Gesellschafterin Malwine Bork, mit ihrer Tochter Bella, Baronin von Buttlär, und deren Töchtern Lolo (plus deren Verlobten, Leutnant Hilmar von dem Hamm) und Nini und Sohn Wedig, samt einigen Dienstboten. Frau von Buttlärs Gatte, Baron von Buttlär, kommt einige Tage später nach.

In Sichtweite hat sich das Ehepaar Grill im Haus der alten Fischer Wardein eingemietet. Hans Grill ist ein junger, bodenständiger Maler aus einfacheren Verhältnissen, doch seine Frau Doralice ist die ehemalige Gräfin von Köhne, die mit ihm, in den sie sich anlässlich zahlreicher Portraitsitzungen verliebt hat, durchgebrannt ist. In London haben sie geheiratet. Für die Generalin ist Doralice immer noch „die Köhne“ und selbstverständlich gesellschaftlich geächtet.

Eine wichtige Rolle spielt der bucklige Geheimrat Knospelius, der ebenfalls hier den Sommer verbringt und als scharfer Beobachter und listiger Beziehungs-Zündler nicht ganz unschuldig am Geschehen der nächsten Wochen ist.

Gesellschaftliche Ächtung

Sehr schnell stellt sich nämlich heraus, dass es bei dieser räumlichen Nähe unmöglich ist, die gesellschaftliche Ächtung Frau Grills und ihres Manns aufrecht zu erhalten. Zumal Doralice erstens verteufelt schön ist und zweitens gleich einmal die sich überschätzt habende Schwimmerin Lolo vor dem Ertrinken bewahrt. Seither ist sie Lolos Abgöttin, und die Kinder schleichen nachts ans Fenster des Wardeinschen Hauses, um Doralice sehen zu können.

Baron von Buttlär sieht sich veranlasst, sich bei Doralice für die Rettung der Tochter zu bedanken. Als dann Knospelius der Generalin sagt, in der ländlichen Situation müsse man nicht so genau auf die gesellschaftlichen Schranken achten, ist der Bann gebrochen.

Unwiderstehliche Schönheit

Natürlich wirkt die Schönheit und Freundlichkeit von Doralice auf die anwesenden Herren unwiderstehlich. Dazu trägt ein Geburtstagsfest, das Knospelius ausrichtet und wozu er alle einlädt, nicht wenig bei. Man sitzt im Garten einer Waldschenke, schmaust, singt, tanzt, steigt im Mondschein einen Hügel hinauf und in wechselnder Paarung wieder herunter, singt neuerlich und spaziert zu früher Stunde nach Hause. Während Knospelius zwar in Doralice verliebt ist, sich seines Buckels wegen aber nicht die geringsten Chancen ausrechnet, hat es Leutnant Hilmar voll erwischt. In den nächsten Tagen nützt er jede Gelegenheit, um mit Doralice möglichst allein zusammen zu sein. Er macht nicht einmal den Versuch, diese Annäherungen geheim zu halten, daher sind sowohl seine Verlobte, ja die ganze Familie, wie auch Hans Grill mehr oder weniger im Bilde.

Freiheits-Pathos

Warum lässt Hans Grill sich so etwas bieten? Ihm kommt seine eigene Weltanschauung in die Quere. Er vertritt den Standpunkt, in der Liebe müsse völlige Freiheit herrschen; wenn jemand seinen Partner überwachen müsse, weil er um dessen Treue bangt, sei es um diese Liebe schon geschehen. Mit genau dieser Einstellung hat er sein eigenes Handeln dem Grafen von Köhne gegenüber gerechtfertigt, und obwohl er jetzt in genau dessen Lage ist, schafft er es nicht, eine ideologische Kehrtwende zu vollführen. Insgeheim würde sich Doralice aber so etwas wünschen, denn die pathetischen Worte ihres Mannes gehen ihr auf die Nerven. Während es ihr wohltut, von den anderen Männern, die dies eigentlich gar nicht dürften, verehrt zu werden.

Dramatischer Höhepunkt

Schließlich spitzt sich die Lage dramatisch zu: Hans Grill fährt in der Nacht mit den Fischern aufs Meer, was er oft tut. Das nützt Hilmar aus, um sich Doralice zu erklären. Er will mit ihr durchbrennen. Zufällig kommt aber Lolo am Fenster vorbei, sieht ihren Verlobten vor Doralice knien und macht nun wahr, woran sie schon einige Tage gedacht hat: sich zugunsten der verehrten Doralice zu opfern. Sie geht ins Wasser, schwimmt enorm weit hinaus – wird aber in letzter Minute von Fischern aufgegriffen und gerettet. Sie bringen die Bewusstlose ausgerechnet zu Doralice. Diese hat inzwischen Hilmar einen Korb gegeben. Die Generalin kommt, lässt die erwachte Lolo abtransportieren und liest Doralice die Leviten, ohne sie auch nur einmal zu Wort kommen zu lassen. Am nächsten Tag sind alle abgereist, auch Hilmar.

Trotzdem will sich zwischen Doralice und Hans kein gutes Verhältnis mehr entwickeln. Hans malt besessen und erfolglos seine Vision vom Meer. Um das Meer wirklich zu begreifen, fährt er, so oft es geht, mit den Fischern hinaus. Einmal schätzt ein waghalsiger Fischer die Gefahr, die von einem drohenden Gewitter ausgeht, falsch ein. Hans fährt mit ihm hinaus, das Gewitter kommt schneller als erwartet und mit furchtbarer Gewalt, Hans und der Fischer kommen nicht mehr zurück, nur das leere Boot wird irgendwo an Land getrieben.

Am Ende sitzen Doralice und Knospelius auf der Düne, starren ins Meer, und Knospelius sagt, er wäre gern bereit, mit Doralice irgendwoanders hinzufahren, wenn ihr das guttäte, und dort sozusagen ein wenig den Liebhaber zu spielen, der er im Grunde ja sei, wenn auch ohne Hoffnung… Doralice lehnt ab. Das Meer, das ihren Mann verschlungen hat, gibt auch sie nicht mehr frei.

Eduard von Keyserling: Wellen. Roman. Nachwort von Florian Illies. Manesse Verlag, Zürich, 2011. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. 253 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Cap Ferret. Buntstiftzeichnung, 2014. – Das Cap Ferret ist zwar nicht an der Ostsee, sondern an der französischen Atlantikküste, und graffitibesprühte Bunker gab es um 1900 an der Ostsee auch nicht, aber die zwei Mädchen im Vordergrund könnte gut Lolo und Nini auf dem Weg zum Strand sein…

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Eduard von Keyserling: Feiertagsgeschichten

Wolfgang Krisai: Christbaum. Buntstift, 2014.Der schmale Band besteht zu zwei Dritteln aus kurzen Erzählungen, die gut zur Einschätzung Eduard Graf von Keyserlings als einen der wenigen impressionistischen Autoren der deutschen Literatur passen; das letzte Drittel füllen Betrachtungen in essayistischer Form. Im Nachwort des Herausgebers Klaus Gräbner erfährt man, dass es sich durchwegs um Wiederentdeckungen handelt, die in den Wochenend- und Feiertagsbeilagen großer Zeitungen, nämlich der Neuen Freien Presse und des Berliner Blattes „Der Tag“ aus den Jahren 1905 bis 1916, erschienen sind.

Der vollkommene Diener

In den Geschichten erweist sich Keyserling als subtiler Humorist, der menschliche Schwächen mit leiser Ironie darstellt, während die Essays sich um ungewöhnliche Blickwinkel auf Phänomene wie die Liebe, den Hass, das Kranksein, aber auch den Komfort bemühen. Zum Komfort der damaligen Zeit gehörte ganz selbstverständlich die Dienerschaft, und der Autor raisonniert darüber nach, was einen Diener vollkommen mache: sein Bestreben, sich in seinen Herrn einzufühlen, sodass er ihm gewissermaßen die Wünsche von den Augen ablesen könne und diese auch sofort auf eine Weise erfülle, wie sie dem Herrn angenehm ist; dabei müsse der Diener bei aller Präsenz absolut unauffällig im Hintergrund agieren. Aus heutiger Sicht mutet es seltsam an, wie ein Berufsstand, der verschwunden ist, vor hundert Jahren noch als das Selbstverständlichste der Welt betrachtet wird.

Aber zu den Geschichten:

„Die sentimentale Forderung“

Da ist zum Beispiel „Die sentimentale Forderung“ (S. 25 – 32): Magdalene stellt ihren Gatten Botho zur Rede, weil er ein Verhältnis mit der Schauspielerin Ada hat. Sie will abreisen, ohne Botho, zu ihrer Mutter. Botho wundert sich scheinbar, dann setzt er seiner Frau auseinander, dass das bei Männern eben so sei: Man sei einerseits fest verheiratet und liebe seine Frau, brauche und habe daneben aber auch noch manches Verhältnis laufen, das sei eine „sentimentale Forderung“ des männlichen Gemüts, habe aber für die Ehe überhaupt nichts zu bedeuten. Das überzeugt Magdalene nicht, sie besteht auf der Trennung.

Botho ist ratlos, dann fällt ihm als Rettung nur Ada ein, an die er sich wendet und die die Sache in die Hand nimmt: Sie lässt sich bei Magdalene melden und erhebt kurzerhand die Forderung, diese solle ihr Botho abtreten. Das kommt für Magdalene aber nicht in Frage, obwohl sie sich eben noch von Botho trennen wollte. Magdalene macht Ada klar, dass Bothos Liebe zu ihr nur „eine sentimentale Forderung“ sei, aber keine ernstzunehmende Sache. Ada gibt sich enttäuscht und fährt ab. Draußen trifft sie Botho, der neugierig fragt, wie das Gespräch verlaufen sei. „‚Gehen Sie nur nach Hause. Man hat wieder ganz von Ihnen Besitz ergriffen. […] Nur eins, Kleiner, glaube ich, Sie werden es aufgeben müssen, sentimentale Forderungen zu stellen.‘“, sagt Ada dem verdatterten Botho und lässt ihn stehen.

„Geschlossene Weihnachtstüren“

Die nächste Geschichte, „Geschlossene Weihnachtstüren“ (S. 33 – 44), widmet sich auf ganz andere Weise dem Thema der halbherzigen Beziehungen: Der Dandy Helmar von Alderkaß unterhält erotisch angehauchte Beziehungen zu verschiedenen Damen. Einer von ihnen, Helene, will er nun zu Weihnachten ein kleines Geschenk vorbeibringen und mit ihr mit unverbindlicher Plauderei und gemütlichem Flirten den Weihnachtsabend verbringen, an dem ihm sonst mangels Familie etwas einsam zumute wäre. Doch als Alderkaß bei ihr vorspricht, eröffnet sie ihm, dass ihr Mann auf ihn eifersüchtig sei und sie ihn ihrer Ehe aufopfere, was sie auch für Alderkaß, der ihr vom hohen Wert des Opfers gesprochen habe, tue. Alderkaß muss gehen und verflucht sich für seine pathetischen Sprüche. Immerhin, da wäre eine andere, Verena, bei der er nun auftaucht, doch auch hier wird er überraschend abserviert, denn Verena hat sich für einen jungen Mann entschieden, der eine weniger unverbindliche Beziehung mit ihr anstrebt. Schließlich sucht Alderkaß Zuflucht bei einem einfachen Schankmädchen, das sich seiner sentimentalen Feiertagslaune sicher nicht verweigern wird. Wie viele trübe Tage hat er nicht schon in der Gaststube verbracht, mit „Nachdenken“, wie er Marie erzählt hat. Nun würde er gerne nicht nur nachdenken und bittet Marie zu sich an den Tisch. Doch diese stellt ihm Oskar vor, ihren neuen Verlobten, mit dem sie nun in dessen Familie den Weihnachtsabend verbringen werde.

Auch in den übrigen Geschichten geht es um fragile Beziehungen, um sich anbahnende Seitensprünge, die dann doch nicht geschehen, weil sich im letzten Augenblick etwas ereignet, das die Ehe wieder einrenkt.

„Verwundet“

Aus dem Rahmen fällt die Geschichte „Verwundet“ (S. 89 – 98), am 25. Dezember 1915 in der Neuen Freien Presse erschienen: Sie beschreibt eine Nacht eines angeschossenen deutschen Soldaten an der französischen Front. Mit letzter Kraft hat er sich aus der Feuerlinie unter einen Busch in Sicherheit gebracht. Dort liegt ein toter Franzose. Im Schutz der Dunkelheit schleicht dessen Verlobte heran, merkt, dass er tot ist, aber da noch ein lebender Deutscher liegt, der mit ihr ein Gespräch beginnt und sich gar nicht als ein unmenschlicher Franzosenfresser, sondern ein trauriger, schwacher, genauso „unschuldig“ in die Kriegsmaschinerie geratener Mensch erweist wie ihr toter Geliebter. Der Deutsche wird ohnmächtig. Am nächsten Morgen finden ihn seine Kameraden noch lebend, zugedeckt mit dem schwarzen Tuch der Französin…

Ich vermute, während des Zweiten Weltkriegs hätte eine Geschichte wie diese in keiner Tageszeitung erscheinen können, aber mitten im ersten Weltkrieg konnte eine solche Geschichte im wichtigsten Presseorgan der Monarchie veröffentlicht werden.

Keyserling und Wedekind – eine Anekdote

Das Nachwort wartet mit bisher unbekannten Informationen zum Autor auf. Keyserling müsse bereits 1906 und nicht wie allgemein angenommen 1908 erblindet sein (im Klappentext steht trotzdem 1908). Außerdem erzählt der Herausgeber einige nette Anekdoten über Keyserling, dessen Hässlichkeit legendär war (und von der man sich in Lovis Corinths berühmtem Portrait überzeugen kann), u. a. folgende:

„Einst stellte ihn Frank Wedekind vor die Alternative ‚Ich oder Halbe. – Wer Halbes Freund [ist], gilt mir als Feind‘ und zerriß ihn in der Luft. Keyserling lauschte diesem Redestrom ergeben und schwieg sich selber völlig aus, bis die Droschke dann vor seinem Hause hielt. ‚Hast du geschlafen?‘, fragte Wedekind. – ‚Nein, lieber Frank, wie stellst du dir das vor?‘ – ‚Wie ist es also, Keyserling? Entscheide dich, ich oder er?‘ Keyserling, der inzwischen mühselig ausgestiegen war, reichte dem stürmischen Frager ruhig die Hand: ‚Ich schätze es im Grund mehr, wenn man mich nich vor solche Alternativen stellt. Und Halbe hat es nich jetan. Sagen wir also: er! Und nun, mein lieber Frank: auf ewig lebe wohl.‘ Mit leisem Lächeln wendete er sich ab – er wußte ja, daß eine Ewigkeit in Schwabing ihre Grenzen hat. Wedekind rief wütend nach: ‚Ist mir sehr recht! Es ist immer eine Überwindung, mit Leuten zu verkehren, die so häßlich sind!‘ Keyserling erwiderte in ruhigem Ton: ‚Ich habe mir dich natürlich nach der – Schönheit ausjesucht.‘“ (S. 171f)

Eduard von Keyserling: Feiertagsgeschichten. Erzählungen und Betrachtungen. Hg. u. m. e. Nachw. vers. v. Klaus Gräbner. Steidl-Verlag, Göttingen 2008. 173 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Christbaum. Buntstift, 2014.

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Heinrich Steinfest: Der Nibelungen Untergang

Wolfgang Krisai: Drachenkopf. Kunststoff, Dispersionsfarbe; 2012.Dass Reclam so ein peinliches Machwerk herausbringt, ist verwunderlich. Dass der hochgelobte Krimi-Autor Heinrich Steinfest so ein Machwerk schreibt, verwundert ebenso.

Dabei sieht das Buch zunächst sehr interessant aus: Ein „Storyboard von Robert de Rijn“ läuft im unteren Drittel jeder Seite mit, darüber steht der Text.

Man könnte allerdings schon beim Begriff „Storyboard“ stutzig werden, denn die Illustrationen sind kein Storyboard, wie man es aus der Filmbranche kennt. Es sind schlicht Illustrationen, wenn auch sehr viele. Sieht man sich die Illustrationen genauer an, so überzeugen sie nicht: Im Stil brutal hingehämmerter Computerspiel-Fanart werden da Nahaufnahmen der agierenden Personen des Nibelungenlieds vorgeführt. Für die Männer mag das ja noch angehen, die Frauen missraten dem Zeichner leider völlig, denn sie sind schablonenhafte junge Mädchen im Stil des 21. Jahrhunderts.

Schlimmer noch als die Illustrationen ist allerdings der Text. Warum?

  1. Steinfest erzählt das Nibelungenlied einfach nach, hölzern, ohne Dialoge, eher berichtend oder zusammenfassend als wirklich erzählend. Das ist aber leider langweilig.
  2. Es gibt ganz, ganz wenige Anspielungen darauf, dass das Nibelungenlied eine komplexe Entstehungsgeschichte hat und ein nicht immer ganz glatt zusammengefügtes Komglomerat aus mehreren Sagenquellen ist. Nur der Eingeweihte kann diese Anspielungen (z. B. S. 24) verstehen. Warum macht Steinfest, der doch alles und jedes so gern kommentiert, diese spannende Entstehungsgeschichte nicht zum Thema? Und wenn wir schon beim Thematisieren sind: Warum thematisiert er seine – hoffentlich nur scheinbar – unreflektierte Nacherzählungsmethode nie? Wäre nicht ein Vor- oder Nachwort dafür der richtige Ort gewesen?
  3. Stattdessen die Kommentare zum Geschehen aus Steinfests persönlicher Sicht. Meist in salopper Sprache vorgetragen, inhaltlich aber manchmal erschreckend unzeitgemäß:
    • Etwa, wenn er zweimal auf Handy-Besitzer hinhackt: Siegfried sei mit seinem Schwert so „symbiotisch“ verbunden wie heutzutage ein „Handybenutzer“ mit seinem Handy (S.10). Seite 74 kann man nur noch den Kopf schütteln: „dass so viel später die Menschen die Existenz von Drachen zu bezweifeln beginnen, muss nicht viel heißen, denn der Zweifel ist die Religion dieser neuen Menschen, die alles mögliche in Frage stellen, Gott, die Realität, die Magie, sich andererseits aber ständig ganz kleine Schachteln ans Ohr halten und mit Leuten reden, die gar nicht da sind“. Vielleicht sollte diese Stelle ironisch gemeint sein; denn wenn nicht, wäre sie eine verquere Äußerung eines Menschen, der sowohl die Errungenschaften der Aufklärung zugunsten des Glaubens an die Magie, ja, an Drachen ablehnt und der außerdem als eingefleischter Vertreter der „Wählscheiben-Generation“ sich über Handynutzer lustig zu machen versucht. Solch ein zeitgebundenes Ressentiment hätte sich der Autor verkneifen sollen, allein schon um der bleibenden Wirkung des Textes willen. Sehr schnell kann es gehen, dass etwas Schnee von gestern wird: Inzwischen haben die „Handys“ bereits den Smartphones Platz gemacht, die ihre Besitzer weitaus seltener „ans Ohr“, sondern vor allem vor sich halten.
    • Gelegentlicher zeitkritischer Rundumschlag: „Man redet von einer unabhängigen Justiz und einer unabhängigen Presse. Aber es ist der Betrug, der die Realität prägt“ (S. 27).
    • Über das Wesen der Jagd erfahren wir: „Keine Frage, dass Siegfried sich nach der Jagd sehnt, bei der ja gleichfalls der Mord in etwas Unmörderisches veredelt wird. Anlässlich der Jagd opfert die Natur einige ihrer Kreaturen, um den Menschen mit sich und seiner Unausgeglichenheit zu versöhnen. Auf dass er nicht die gesamte Natur zerstört.“ (S. 53). Vom holprigen Ton einmal abgesehen, ist das eine höchst merkwürdige Willenszuschreibung an Mutter Natur.
  4. Steinfest bemüht sich, in Sachen Erotik auf dem neuesten Stand zu sein:
    • Auf Seite 23 betont er: „Brünhild ist keine Lesbe, sondern sie macht sich nichts aus Sex.“ Aha.
    • Und die Tarnkappe enttarnt er als einschlägiges Utensil: „Siegfried in seinem schwarzen, mit einer Kopfmaske versehenen Gummikleid – das schon sehr an einen der heutigen Fetischanzüge erinnert, technisch gesehen aber große Ähnlichkeit mit den Gummimatten besitzt, mit denen die deutsche Wehrmacht ihr Tarnkappen-U-Boot U 480 ausstatten ließ“ (S. 34). Wie er zu dieser intimen Kenntnis der Beschaffenheit der „Tarnkappe“ kommt, verrät uns Steinfest leider nicht.
  5. Das Bestreben, irgendwie modern zu sein, führt auf Seite 56f sogar zu dem witzig sein wollenden Einfall, Siegfried kurz vor seiner Ermordung an der Quelle eine Langnese-Eisverpackung entdecken zu lassen, „die vielleicht ein Zeitreisender hier achtlos wegwarf.“ Satte 20 Zeilen lang wird diese Pointe entwickelt, doch dann verpufft sie einfach: „Doch [Siegfried] wirft das Papier einfach weg“. (Dass Langnese-Verpackungen nicht aus Papier sind und und auch dann, wenn sie es wären, zu Siegfrieds Zeiten ein unbekanntes Material gewesen wären, das er wahrscheinlich nicht so einfach weggeworfen hätte, sei nur nebenbei erwähnt.)
  6. Zahlreiche Formulierungen sind missraten. Schiefe Vergleiche, verunglückte Pointen:
    • Die immer wieder vorkommende Zahl 12 vergleicht er mit „einem über die Bühne laufenden Hofnarr“ (S. 13, mit der Grammatik hapert’s auch).
    • Über Kriemhild heißt es seltsam antiquiert auf Seite 20: „Sie ist entschieden kein Backfisch oder so.“ Dies zu betonen ist völlig unnötig, da ohnehin wohl niemand in der Gefahr wäre, sie für einen „Backfisch“ zu halten. Und was meint dann der umgangssprachliche Ausdruck „oder so“?
    • Es geht gleich ähnlich peinlich weiter: „Aber das Licht, das über ihr schwebt, sowie jenes, das Siegfried illuminiert, vereinen sich in unverkennbarer Weise, gleich Galaxien, die ineinandergleiten.“ Dass „illuminiert“ eine hier unpassende Nebenbedeutung hat, scheint Steinfest entgangen zu sein; ob der astronomische Vergleich der wissenschaftlichen Betrachtung standhalten würde, wage ich auch zu bezweifeln. Steinfest setzt gleich noch eins drauf, indem er fortfährt: „Später wird man sagen: Wie im Kino.“ Die Zeiten, als man das sagte, sind inzwischen schon Vergangenheit.
    • Auf Seite 38 kommt das journalistische Unwort „zögerlich“ vor.
    • Auf Kriemhilds Lippen spielt ein „toxisches Lächeln“, als sie mit Brünhild aneinandergerät.
    • Eine Kombination mehrerer Peinlichkeiten ist folgender auf ein Spottlied Volkers gemünzter Vergleich: „Eine eloquente Gegnerverarschung im Stile des Muhammad Ali“ (S. 97): Hier werden Sprachebenen gemischt (konservativ klingendes Dativ-e gleich nach derber Umgangssprache, davor gehobene Eloquenz), ohne dass dies wirklich witzig zu nennen wäre. Und Muhammad Ali? Den hat man doch eher als trauriges Opfer einer schweren Krankheit in Erinnerung, denn als harten Verbal-Kritiker seiner Gegner.
    • S. 101: „Was Kriemhild im Sinn hat, ist, eine Bombe zu schmeißen. Auch wenn es Bomben noch nicht gibt.“ Wer hat je eine Bombe „geschmissen“? Das macht man bestenfalls mit Granaten oder Molotowcocktails. Bomben hingegen werden abgeworfen oder gelegt.
  7. Solch ein krasser Orthographie-Fehler sollte auch nicht vorkommen: Viele stürben den „Heldentot“ (S. 18).
  8. Befremdlich ist, dass auf Seite 106 und 107 der „Erzähler“ plötzlich „ich“ sagt, zuerst, als wäre er Augenzeuge des Kampfes der Hunnen gegen die Burgunden gewesen: „doch was ich sah, war, wie einer in den anderen stürzte“ (106), danach als Erzählerkommentar, der von Steinfest selbst geäußert sein könnte: „Dietrich […] schaut weg oder versteckt sich oder gibt vor, Wichtigeres zu tun zu haben. Ich weiß es nicht.“ Dieses „Ich“: Warum tritt es nur hier in Erscheinung? Noch dazu mit so unklarer Identität.

Wenn sich in einem Buch die Ärgerlichkeiten so häufen, dann nützen die vereinzelten guten Stellen auch nichts mehr. Steinfest macht nämlich auf einige Merkwürdigkeiten des Nibelungenlieds aufmerksam:

Etwa, dass man den Namen der Tochter Rüdiger von Bechelarens, die mit Volker verlobt wird, nie erfährt.

Fast schon witzig ist die Frage, wie denn die Geschichte von der Drachentötung „in die Welt kam“ (S. 11) – wo es doch außer Siegfried selbst dafür keinen Zeugen gibt. Also muss die Kunde von Siegfried selbst verbreitet worden sein. „Nicht auszuschließen, dass der Drachenkampf nie stattgefunden hat“. Allerdings ist die Sache nicht so einfach, denn im Nibelungenlied wird der Drachenkampf ja nur in einem einzigen Vers erwähnt, und zwar von Hagen. Die ausführlichere Kenntnis haben wir aus anderen Sagen (etwa dem „Hürnen Seyfried“). Steinfest erzählt aber eigentlich das Nibelungenlied nach. Weshalb also diese Auslassungen über den Drachenkampf?

Na ja. Lassen wir’s. Ein unerfreuliches Buch. Das beste daran ist, dass es nur 116 Seiten hat.

Heinrich Steinfest: Der Nibelungen Untergang. Storyboard von Robert de Rijn. Stuttgart, Reclam, 2014. 116 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Drachenkopf. Kunststoff, Dispersionsfarbe; 2012.

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Dezember. Gedichte

Wolfgang Krisai: Baum im winterlichen Schlosspark Laxenburg. Ölkreide.Mit folgendem Gedicht aus der Reclam-Anthologie „Dezember“ wünsche ich allen meinen Leserinnen und Lesern ein Gutes Neues Jahr!

Erich Kästner

Spruch für die Silvesternacht

Man soll das Jahr nicht mit Programmen

beladen wie ein krankes Pferd.

Wenn man es allzu sehr beschwert,

bricht es zu guter Letzt zusammen.

Je üppiger die Pläne blühen,

um so verzwickter wird die Tat.

Man nimmt sich vor, sich zu bemühen,

und schließlich hat man den Salat!

Es nützt nicht viel, sich rotzuschämen.

Es nützt nichts, und es schadet bloß,

sich tausend Dinge vorzunehmen.

Laßt das Programm! Und bessert euch drauflos!

(S. 73)

Der kleine, mit schönem Einband von Nikolaus Heidelbach gestaltete Gedichtband ist einer von zwölf, die je einem Monat gewidmet sind, und die ich in einer putzigen Kassette zu Weihnachten geschenkt bekommen habe. Als erstes nahm ich mir den Dezember vor. Das ist ja ein besonders „gedicht-trächtiger“ Monat, mit Nikolaus, Weihnachten, Silvester, Schnee, Rauhreif und vielem mehr, was sich poetisch auswerten lässt.

Allerdings mag es für eine Herausgeberin schwer sein, hier noch Neues bieten zu können, gibt es doch vor allem Weihnachts-Anthologien wie Sand am…, nein, Schneeflocken im Gestöber. Den Herausgeberinnen dieses Bändchens, Eveline Polt-Heinzl und Christine Schmidjell, ist es gelungen, dennoch originelle und interessante Gedichte zu finden.

Besonders angesprochen haben mich Peter Huchels „Dezember“ (S. 27) oder Theodor Fontanes „Weihnachtsbrief“ (S. 36f), den er am 19. Dezember um halb vier Uhr morgens in einem Londoner Café dichtete, als er 1855 fern von der Familie weilte. Eugen Roth kommt mehrmals zu Wort, u. a. mit dem schönen Gedicht „Vor Weihnachten“ (S. 39), wo der Dichter die als Weihnachtsgeschenke gekauften Bücher bei Pfeife, Tabak und nicht wenig Kaffee schnell mal anblättert und bald in einem Gedichtband versinkt…

Weihnachten wird natürlich in zustimmenden bis ablehnenden, in hymnischen bis kritischen Gedichten besungen.

Schließlich kommt Silvester, wo mich z. B. die düstere Feen-Ballade von Annette von Droste-Hülshoff „Silvesterfei“ überrascht hat – durch ihre treffende Sprache:

Der morsche Tag ist eingesunken;

Sein Auge, gläsern, kalt und leer […].

Wie’s draußen schauert! – längs der Wand

Ruschelt das Mäuslein unterm Halme,

Und langsam sprießt des Eises Palme

Am Scheibenrand.

(S.64)

Das letzte Gedicht ist dann das anfangs zitierte von Erich Kästner. Soll ich mir nun vornehmen, die restlichen elf Bände brav Monat für Monat zu lesen?

Dezember. Gedichte. Ausgewählt von Eveline Polt-Heinzl und Christine Schmidjell. Reclam, Stuttgart, 2013. RUB 19122. 80 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Baum im winterlichen Schlosspark Laxenburg. Ölkreide.

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Helmut Krausser: Verstand & Kürzungen. Gedichte

Wolfgang Krisai: Gesine Cukrowksi und Ulrich Mühe in einer Folge von "Der letzte Zeuge". Bleistift. Ca. 2007.Ein Freund schenkte mir dieses Buch zu Weihnachten. Da ich heuer die Geschenke gleich lesen will, schob ich die Lektüre also nicht zugunsten schon länger anstehender Lesevorhaben hinaus – und tat gut daran. Denn einen originelleren und witzigeren Gedichtband als diesen habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Man fragt sich, wie Krausser bisher an mir vorbeigehen konnte.

Der Band besteht aus drei Abschnitten:

  1. neue Gedichte aller Art,
  2. „Coverversionen“, also Abwandlungen, bekannter Gedichte deutschsprachiger und nichtdeutschsprachiger Autoren,
  3. 33 Sonette Shakespeares, im englischen Original und in Kraussers Übersetzung.

Entstaubter Shakespeare

Beginnen wir mit Punkt 3: Kraussers Übersetzungen „entstauben“ Shakespeares Sonette auf perfekte Weise. Ich bin ja sonst kein Fan solcher Reinigungsaktionen, aber Krausser macht es in einer Weise, die mich überzeugt. Meine Lektüre der Sonette in einer klassischen Übersetzung liegt schon so weit zurück, dass ich mich an nichts erinnern kann, außer dass sie keinen nennenswerten Eindruck bei mir hinterlassen haben. Krausser setzt einem aber deftige, ungenierte Kost vor, in fast flapsigem Ton, dabei in souveräner Beherrschung von Reim und Versmaß. Das soll Shakespeare sein?? Man liest gleich daneben im Original nach. Tatsächlich! Da stehen ja, wenn man’s zu lesen weiß, die wildesten Sachen. Das ist ähnlich wie bei Goethe: Man glaubt, der Olympier habe nur erhabene Verse geschmiedet, liest man aber erst mal hinein, dann entdeckt man den pointenstreuenden, erotischen, lockeren Johann Wolfgang. Sollte Krausser mit seiner Shakespeare-Übersetzung mein einziges diesen Großen der Literatur betreffendes Lese-Erlebnis des Jubeljahres 2014 gewesen sein: Das allein ist schon genug an literarischem Profit.

Coverversionen

Ad 2: Krausser „covert“ auf witzige Weise so unterschiedliche Autoren wie William Blake, Catull, Pavese, vor allem aber deutsche Autoren wie Georg Trakl, Rainer Maria Rilke („Der Panther“, natürlich, und „Liebes-Lied“), Brecht, C. F. Meyer („Der römische Brunnen“), Eichendorff, Busch, Goethe, Benn, Heine… Manche der Krausserschen Versionen sind irgendwie kritisch gemeint, andere eine Geste der Verehrung, alle aber originell und witzig. Manche fast reine Übersetzungen, andere ganz freie Neuarrangements.

Überraschen mag, dass Krausser auch Paul Celans „Todesfuge“ aufgenommen hat. Ist es nicht ein Sakrileg, so ein Gedicht auf ein Drittel einzudampfen? Krausser scheint selbst gespürt zu haben, dass dieser Umgang mit fremden Werken erklärungsbedürftig ist, und hat diesem Abschnitt einige Seiten „Anmerkungen“ folgen lassen, wo er z. B. über die „Todesfuge“ schreibt: „Einzig zu befragen ist seine [des Gedichtes] Länge. Gekürzt um alle vielleicht rhetorisch sinnvollen Redundanzen, stellt sich die Frage, ob es in der abgespeckten Version nicht ebenso erfolgreich gewesen sein könnte. Ich glaube, dass dem so ist, endgültig sicher bin ich mir nicht.“ (S. 150)

Kausser himself

Nun zu den eigenen Gedichten Kraussers: Die sind ein wahres Vergnügen. Es sind keine bloßen Kurzprosatextchen in untereinander gedruckten Kurzzeilen, sondern fast alle haben Versmaß und Reim, das ist schon einmal eine sehr positive Sache, zumal Krausser beides witzig und scheinbar völlig locker handhabt. Da wird der Reim zur Pointe und das trotz scheinbarer Schwierigkeiten doch noch eingehaltene Versmaß zum Ahh!-Effekt.

Doch nicht nur der formale Witz überzeugt, sondern auch der inhaltliche. Obwohl immer wieder ernste Sachen abgehandelt werden, geschieht das nie in jenem bedeutungsschweren Ton, der einen sonst oft bei „Lyrik“ nervt.

Auch vom Hermetismus modernen Dichtertums ist Krausser weit entfernt, sodass es mich nicht wundert, dass er in kaum eine meiner nicht gerade wenigen Gedicht-Anthologien, die die Lyrik der Gegenwart in Auswahl vermitteln wollen, aufgenommen ist. Aus der Sicht der Gralshüter der modernen Dichtkunst ist Krausser wohl kein Großer. Egal.

Worum geht’s in den Gedichten? Um die Liebe und ihre Schwierigkeiten, um Literatur, um das Leben, usw.

Beispiele:

Wie es einem Autor nach vollbrachter Dichterlesung geht (S. 50):

lange schangen schlanker blondinen blockierten den gang

vor meiner penthousesuite im besten hotel von paris,

entrückt und verzaubert von meiner verse ätherischem klang –

nett – doch mühsam und wohl auch zu logisch wäre denn dies.

stattdessen hock ich einsam in einer germanischen klitsche

ohne wanne noch kühlschrank oder balkon, seh fern,

allein nach der lesung mit lauwarmem weißwein, switche

vierzig kanäle rauf oder runter. und lebte mal gern.

Oder zu Germany’s Next Top-Model (eigentlich auch eine Coverversion von Rilkes „Panther“; S. 20):

klum-selektion

ihr blick ist vom vorüberziehn an linsen

so leer, als wäre zwischen kinn und stirn

nur werbefläche – mittendrin ein grinsen –

und hinter allen stirnen kein gehirn.

der fohlengang auf hohen schuhen wühlt,

derweil man noch berät, wer besser ging

und besser geht, in meinem mitgefühl,

der anlaß, zugegeben, scheint gering.

gören gieren nach viel geld, viel näher

kommen sie der kohle nie. die eine

mit persönlichkeit, die kam ja eher

nicht so weit. bin fassungslos. ich meine –

statt ein sonett zu schreiben, will ich wissen

wer heut ein foto hat und wer verschissen.

Zuletzt noch eine wunderbar treffende Charakteristik des Schauspielers Ulrich Mühe (S. 65):

mühe (1953-2007)

als habe man ihn aus versehen bestellt,

agiert er vom rand her, vorsichtig, schüchtern.

einer, der sich der tänzchen enthält,

fürs erste zuseher bleibt. und nüchtern.

fremd im sonderbar möglichsten traum,

läßt er ihn langsam erwachen, geht hin,

erobert sein spielfeld, nimmt jeden raum

erst wahr, dann ein – und befiehlt darin.

prüft alle sätze, bevor er sie spricht.

getrocknet, entfettet, schickt er sie los,

sieht nie hinterher, verfällt ihnen nicht.

sein blick, oft sanft und grausam zugleich,

nach außen wie innen, legt wunden bloß,

oasen der sprache im grenzbereich.

Ja. Krausser: eine Entdeckung.

Helmut Krausser: Verstand & Kürzungen. Gedichte. DuMont Buchverlag, Köln, 2014. 223 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Gesine Cukrowksi und Ulrich Mühe in einer Folge von „Der letzte Zeuge“. Bleistift. Ca. 2007.

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Bidermann: Philemon Martyr

Wolfgang Krisai: Kanzel in der Jesuitenkirche von Venedig. Farbstift. 2014.Dass ich für abgelegene Literatur auch früher schon ein faible hatte, belegt die folgende Rezension von 1983:

Jacob Bidermanns „Philemon Martyr“ ist ein barockes Jesuitendrama, das zu Beginn der Ausbreitung des Christentums im alten Rom in der Stadt Antinos spielt. Fünf Personengruppen treten auf: die römischen Götter unter Jupiter; christliche Engel; Philemon, ein mittelloser, dem Weine zugetaner Flötenspieler, und seine Freunde; die Christen, angeführt von Apollonius, einem jungen Herrn in Philemons Alter; Vertreter der römischen Staatsmacht, geführt von dem strengen Präses Arrianus.

Die Handlung des Stückes ist schnell erzählt:

Um die Ausbreitung des Christentums einzudämmen, befiehlt Arrianus, dass jeder Bürger der Stadt dem Jupiter ein Opfer darzubringen habe. Wer sich weigert, wir hingerichtet. Viele Christen sind bereit, in den Tod zu gehen, doch Apollonius bekommt es mit der Angst zu tun. Mit einer List will er sich aus der Schlinge ziehen: Er dingt Philemon, der für ein paar Taler alles zu tun bereit ist, als Apollonius verkleidet an seiner Stelle das Opfer auszuführen. Doch Philemon spürt plötzlich, „daß er nicht nur das Kleid, sondern auch den Geist eines Christen angezogen hat“, und weigert sich zu opfern. Arrianus und seine Leute, die Philemon inzwischen erkannt haben, halten sein Weigern zuerst für einen Scherz, sehen jedoch bald ein, dass es ihm ernst ist. Deshalb muss er hingerichtet werden. Doch die Pfeile, die man auf ihn schießt, irren ab – einer sogar in das Auge des Präses. Philemon verspricht ihm Heilung, wenn er von seinem Grab etwas Erde auf seine Augen streue und dazu den Namen Christi ausspreche. Nachdem Philemon geköpft und begraben ist, führt Arrianus den Rat aus und wird geheilt und zum Christen. Damit endet das Stück.

Zur Komödie ausgestaltet

Diese recht einfache Geschichte wird von Bidermann auf das Ergötzlichste zu einer Komödie ausgestaltet. Gleich zu Anfang treten die von den Christen hinausgeworfenen römischen Götter auf und geben ein klägliches Bild ab. Philemon wird ebenfalls durch eine Reihe komischer Szenen eingeführt, die ihn aufs Beste charkaterisieren. Dennoch ist das Stück keine Komödie in unserem Sinne, denn es wird ab dem dritten Akt trotz äußerlicher Komik bitter ernst.

Herausforderung für Regie und Schauspieler

Entscheidend ist die im Text nur kurze Szene zwei des vierten Akts, in der Philemon allein ist und sich seine Bekehrung abspielt. Die Szene muss zweifellos sehr intensiv gespielt werden, der Text dient nur als spärliches Gerüst für innere Vorgänge, die der Schauspieler darzustellen hat. Gleich darauf folgt die interessanteste Szenenfolge des ganzen Stücks, jene Partie, die Regie und Schauspielkunst das Äußerste abverlangt: Wie Arrianus nach und nach begreift, dass Philemon nun nicht mehr einen seiner gewohnten Späße macht, sondern ernsthaft zum Christen geworden ist. Arrianus begrieft dies nämlich bereits, als alle Umstehenden immer noch glauben, Philemon spaße (4. Akt, 7. Szene: Arrianus wird ernst ab der Stelle: „Machst du Spaß, Philemon, dann / Doch so, daß keine Gotteslästerung draus wird!“). Auch Apollonius, der durch seine Feigheit schon sein Heil verspielt zu haben glaubt, gewinnt es wieder, da er plötzlich vom Beispiel des Philemon zu neuem Mut angestachelt wird.

Vor der Scheidung der Gattungen

Ich hätte große Lust, dieses Stück auf der Bühne zu sehen. Denn es verdient wahrlich nicht, vergessen zu werden, da es einen sehr interessanten und bühnenwirksamen Typ des Dramas repräsentiert. Die Mischung aus Ernst und Scherz erinnert – wen wundert’s? – sehr an Shakespeare. In der Barockzeit scheint dieser Dramenstil allenthalben verbreitet gewesen zu sein und für jede Thematik Anwendung gefunden zu haben. Die Scheidung in Gattungen ist erst eine spätere (Un-)Tat, die nur leider deshalb noch nicht gänzlich überwunden ist, weil die gesamte spätere Literaturgeschichte sich an ihr orientiert hat. Gattungssprengende Texte wurden da von vornherein abgewertet, und dieser Makel hängt ihnen leider bis heute nach!

Jacob Bidermann (1578-1639): Philemon Martyr. Lat. Comoedia in fünf Akten, zwischen 1610 und 1620 entstanden. Hg. u. übers. v. Max Wehrli. Köln, Hegner, 1960.

Bild: Wolfgang Krisai: Kanzel in der Jesuitenkirche von Venedig. Farbstift. 2014. – Das Jesuitendrama des Barock war eine Form der „Predigt“, da passt diese Kanzel mit ihren unglaublich kunstvollen Einlegearbeiten (die ich in den fünf Minuten, die mir vor der Mittagssperre der Kirche blieben, nur skizzenhaft einfangen konnte) perfekt dazu. Fotos davon HIER.

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