Archiv der Kategorie: Englische Literatur

Charlotte Brontë: Jane Eyre

Wolfgang Krisai: Schlafendes Mädchen. 1978. Kreide auf braunem Papier.Jetzt las ich Charlotte Brontës Roman „Jane Eyre“, der mich sehr gepackt hat, nach leichten Eingewöhnungs-Schwierigkeiten. Anfangs hat mich nämlich irritiert, dass die Autorin ihre 10jährige Heldin im Stil von Sonntagspredigten ihre Alltagsgespräche führen lässt. Nimmt man das jedoch einmal als zeitbedingtes Stilmittel hin, dann wird es durchaus interessant.

Menschenverachtendes Internat

Die kleine Jane wird von ihrer Zieh-Mutter gehasst und in ein menschenverachtendes Internat gesteckt, wo sie nur zufällig oder wegen ihrer robusten Natur dem buchstäblichen Tod entgeht, dem viele der Schülerinnen wegen Unterernährung und mangelnder Widerstandskraft erliegen.

Verliebt in den Dienstherren

Danach verdingt sie sich als Gouvernante bei einem Herrn von Rochester, dessen uneheliche, aber bei ihm lebende sechsjährige Tochter sie betreuen muss. Es entsteht eine machtvolle Liebe zwischen Jane und Rochester, sie können aber nicht heiraten, weil Rochester schon verheiratet ist – mit einer verrückt gewordenen Frau, die er in einem Kammerl seines Herrenhauses weggesperrt hat.

Moralische Druckmittel

Als Rochester hofft, Jane trotzdem zu seiner Geliebten machen zu können, ergreift diese die Flucht und gerät zufällig an Verwandte, mit denen sie sich zwar sehr gut versteht, wo ihr Cousin sie aber mit moralischen und religiösen Druckmitteln zwingen will, ihn zu heiraten und mit ihm als Missionarsgattin nach Indien zu gehen.

Wieder flieht Jane, zurück zu Rochester, über dessen Schicksal sie Klarheit haben will. Der ist inzwischen nicht mehr verheiratet, weil seine irre Frau das Haus in Brand gesteckt hat und dabei selbst umgekommen ist. Rochester hat beim vergeblichen Versuch, sie aus dem brennenden Haus zu retten, sein Augenlicht und eine Hand eingebüßt. Doch das hält Jane nicht ab, nun bei ihm zu bleiben. Happy End. Glückliche Ehe.

Was ist nun das Faszinierende an diesem Roman?

Die Handlung allein kann es ja nicht sein, dazu ist sie zu skurril – obwohl sie zum Teil auf autobiographischem Fundament stehen soll. Um das genauer zu prüfen, müsste ich ein besserer Brontë-Kenner sein.

Der romantische Stil kann es auch nicht sein, der ist ja eher abschreckend.

Janes Selbstbehauptungswille

Faszinierend ist aber die Persönlichkeit Janes, die förmlich platzt vor Selbstbehauptungswillen. Von ihrer hasserfüllten Ziehmutter lässt sie sich eines Tages nichts mehr gefallen und sagt ihr ins Gesicht, dass sie sie hasst. Das ist der Grund, warum sie in das Internat gesteckt wird, wo sie sich schnell nach oben arbeitet, trotz der Verleumdung von Mr. Brocklehurst, der der Ziehmutter versprochen hat, das Mädchen vor allen anderen zu demütigen. Und das auch wirklich tut.

Angesichts der an den Tag gekommenen Vorkommnisse in geistlich wie weltlich geführten Internaten in den letzten Jahrzehnten wird wohl die Schilderung des unmenschlichen Internatslebens in Mr. Brocklehursts Institut „Lowood“ gar nicht weit von der Realität entfernt sein.

Liebe wider Willen

Dann kommt die schwierige Liebesgeschichte mit Mr. Rochester, deren Entwicklung die Leserin bzw. der Leser mit Spannung folgt. Interessant daran finde ich, dass Jane sozusagen gegen ihren Willen ihrem Dienstherren verfällt. Sie sträubt sich mit allen Mitteln dagegen, und Rochester ist auch keineswegs ein zuvorkommender Mann, sondern benimmt sich seinerseits lange Zeit abstoßend. Als Jane ihm jedoch unerschrocken das Leben rettet, schlägt es bei ihm ein. Fast macht er ihr eine Liebeserklärung.

Rochester trägt die Last seiner bestehenden Ehe mit der geistesgestörten Südamerikanerin. Von der Existenz dieser Frau im Herrenhaus ahnt man nichts, sondern man verdächtigt wie Jane die Irrenwärterin, die Rochester angestellt hat, sie habe einen Mordanschlag auf Rochester vollführt.

Die Autorin erzeugt Spannung und nützt diese Episoden zu satirischer Darstellung, indem sie Rochester allerlei Spielchen treiben lässt: Er macht einer eleganten Dame den Hof, um Jane auf die Folter zu spannen; er verkleidet sich als Wahrsagerin, um in Janes Seele zu lesen; und er glänzt immer wieder durch unangekündigte Abwesenheit.

Kritik an Scheinheiligkeit

Ein wichtiger Aspekt des Romans ist die implizite Kritik an Scheinheiligkeit und Bigotterie. Besonders das Internatskapitel und die Diskussionen mit dem angehenden Missionar zeigen das. Im 19. Jahrhundert muss das skandalös geklungen haben.

Emanzipationsroman

Der Roman wird außerdem als ein frühes Manifest der Frauenemanzipation verstanden: Jane liebt Rochester zwar, ist aber nicht bereit, dafür ihre persönliche Integrität zu opfern. Deshalb will sie nicht seine Geliebte werden, sondern flieht. Da ihr Herz einem anderen gehört, will sie auch nicht die Gattin ihres Missionars-Cousins werden. Auch hier wieder besteht sie auf ihrer persönlichen Würde.

Zu Ehe kommt es erst, als sie ihrem Ehemann zumindest ebenbürtig, wenn nicht überlegen ist, da Rochester schließlich behindert ist. Doch – und das ist bezeichnend – für Jane ist Rochesters Behinderung eine Äußerlichkeit, die ihr ermöglicht, für ihn da zu sein, wo er es braucht. Ihrer Liebe und ihrem Respekt vor dem Ehemann tut das keinen Abbruch. Es braucht die Behinderung Rochesters, um ihn vom hohen Ross, auf dem ein Mann des 19. Jahrhunderts automatisch saß, herunterzustoßen, damit er mit Jane eine auf Gleichberechtigung fußende Ehe eingehen kann.

Charlotte Brontë: Jane Eyre. Roman. Aus dem Englischen von Andrea Ott. Nachwort von Elfi Bettinger. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse Verlag, Zürich, 2001. 777 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Schlafendes Mädchen. 1978. Kreide auf braunem Papier.

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Martin Walker: Germany 2064

Wolfgang Krisai: Martin Walker und Schauspielerin bei seiner Lesung in der Buchhandlung Frick, Wien, am 13. 10. 2011. Bleistift und Tuschestift-Skizze.Martin Walker ist nicht nur Autor der im französischen Périgord spielenden Krimiserie um „Bruno, Chef de police“, sondern Journalist und Mitglied des Think Tanks „Global Business Policy Council“. In seinem Zukunftsthriller „Germany 2064“ verbindet er diese Berufsfelder, wie er im Nachwort berichtet. Sein Think Tank sollte eine Studie ausarbeiten, wie Deutschland im Jahre 2064, also in 50 Jahren, aussehen werde. „Meine Kollegen hatte die schöne Idee, dass meine Fähigkeiten als Schriftsteller helfen könnten, manche der von uns erörterten Zukunftsthemen in einem Roman besser vorstellbar zu machen, als es die übliche Expertenkommunikation ermöglicht.“ (Nachwort, S. 428f).

Dem Ergebnis merkt man diese Entstehungsgeschichte durchaus an, was vielleicht vom Standpunkt des Thriller-Lesers nicht immer erfreulich ist, an Zukunftsszenarien interessierte Leser, insbesondere jene, die wissen wollen, inwieweit Roboter darin eine Rolle spielen werden, aber mit viel Stoff zum Nachdenken versorgt.

Robotik und künstliche Intelligenz

Man könnte nämlich sagen, der Roman handelt von der Zukunft der Robotik und der künstlichen Intelligenz, und die „Hauptfigur“ ist der AP (= Automatisierte Partner) Roberto des Polizisten Bernd Aguilar. Dieser Roberto ist ein Roboter, sein Name also ein Anagramm, und er wurde kürzlich bei einem Einsatz zusammengeschossen, als er sich schützend vor seinen „Herrn“ warf und ihm damit das Leben rettete. Zu Beginn des Romans kommt Roberto nun nach Reparatur und bei dieser Gelegenheit vorgenommenem Upgrade aus der Herstellerfirma „Wendt“ zurück zu Bernd, der gleich merkt, dass Roberto nun noch viel mehr kann als zuvor. Nicht nur ist er ein blitzschneller Recherchierer, sondern er denkt und handelt auch schon sehr menschlich, zumindest was detektivische Schlüsse und polizeiliche Maßnahmen betrifft. Damit es nicht gar zu unheimlich wird, hat Walker ihm aber Schwächen wie die Unfähigkeit, elegant in ein ihm noch unbekanntes Auto einzusteigen, mitgegeben. Warum sollten Roboter keine kleinen Schwächen haben, macht sie das nicht erst recht menschlich?

Selbstfahrende Vehikel

Apropos Autos: 2064 fahren natürlich auch keine Autos in unserem Sinn durch die Gegend, sondern praktisch nur noch selbstfahrende Vehikel aller Art, sei es für den Personen-, sei es für den Lastentransport.

Ein Konvoi aus hundert selbstfahrenden Containern wird im allerersten Kapitel Ziel eines Raubüberfalls: In einem der Container befinden sich überaus teure Neobiotika (also Medikamente, die gegen alle Antibiotika resistente Bakterien dennoch umbringen), und diese werden in einer filmreifen Actionszene von perfekt ausgerüsteten und trainierten Dieben aus dem fahrenden Konvoi gestohlen. Dieses Kapitel eröffnet den Roman mit großem erzählerischem Schwung, aber erst auf Seite 278 kommt die Handlung wieder auf dieses Verbrechen zurück. Inzwischen hat sich der erzählerische Impetus in der weit verzweigten Handlung, die ich hier aus Platzgründen und um nicht zuviel zu verraten nicht nachzeichne, etwas verloren.

Referate über die Zukunft

Warum? Das liegt wohl an der Herkunft des Szenarios aus oben erwähnter Studie. Das hautnah erzählte unmittelbare Geschehen, das mit vielen direkten Reden gespickt ist, driftet immer wieder in referierende Passagen von mehreren Seiten Länge ab, die, so scheint es, all das, was sich aus Gründen der Länge nicht durch Handlung vorstellen lässt, trotzdem in den Roman packen sollen. In groben Zügen wird man über die politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und historische Situation im Jahr 2064 ins Bild gesetzt.

Schule 2064

Sogar das Schulwesen bekommt einige Seiten zugestanden, auf denen Walker einer romantischen Reformschule das Wort redet, wo die Schüler ihre Zeit mit Musikmachen, Theaterspielen, Kochen und Feste-Feiern verbringen, in Werkstätten Radioempfänger basteln, im Schulgarten Kräuter ernten und im angegliederten Stall Schweine füttern. Ja, Computer programmieren gehört auch dazu. Genauso wie Wandern und Zelten auf mehrtägigen Klassenfahrten. Das alles unter reger Elternbeteiligung und gecoacht von „vorzüglich ausgebildeten“ und „angemessen bezahlten“ Lehrern (S. 307ff).

Zwei Welten

Auffällig ist, dass die Zeit zwischen 2014 und 2064 nur durch ein paar markante Ereignisse wie die Revolution von 2048 gefüllt wird. 2048 ist natürlich kein zufälliges Datum, sondern ein Jubiläumsjahr, hat es doch schon 1848 Revolutionen gegeben. Die Revolution von 2048 hat zur Zweiteilung Deutschlands in übertechnisierte Wohlstandszonen und „Freie Gebiete“ geführt, wo die Menschen bewusst alle nach 1980 erfundenen technischen Neuerungen ablehnen und im Stil von Landkommunen dem Biobauerntum und einem naturnahen Lebensstil frönen. Das sieht auf den ersten Blick nach der typischen dystopischen Situation aus: Wohlstandsinseln unterm Glassturz, umzingelt von revolutionär gärenden Armutsgebieten. Doch so einfach machte es sich Walker nicht, denn er stellt beide Lebensstile positiv dar, wenn auch nach konträren Idealen ausgerichtet.

Der Großindustrielle und Roboterhersteller Wendt, ein über hundert Jahre alter Magnat, gerät zwischen die beiden Welten, da seine Urenkel, denen er demnächst seine Firmen vererben will, in die „Freien Gebiete“ abgewandert sind und dort lieber Dokumentarfilme drehen oder Songs zur Gitarre komponieren.

Mit Musik hat der Plot des Romans zu tun, denn es geht zunächst darum, eine in der Pause eines ihrer Konzerte spurlos verschwundene Sängerin aus den „Freien Gebieten“ wiederzufinden. Polizist Bernd und sein AP Roberto werden auf den Fall angesetzt, entdecken aber schnell, dass sich dahinter ein weitläufiges System krimineller Machenschaften auftut, zu dem eben zum Beispiel auch der Überfall auf den Containerkonvoi vom Romanbeginn zählt.

Stil

Dem Leser werden ziemliche Gedächtnisleistungen abverlangt, wenn er über die zahlreichen wichtigeren Romanfiguren, die abwechselnd in den an unterschiedlichen Schauplätzen angesiedelten Kapiteln auftreten, nicht den Überblick verlieren will. Stilistisch hingegen läuft alles angenehm glatt und elegant, wie es einem Szenario entspricht, in dem die Polizei ihre Gegner nicht mehr durch tödliche Schüsse, sondern mittels blitzartig aushärtenden Immobilisierungs-Schaums handlungsunfähig macht.

Martin Walker: Germany 2064. Ein Zukunftsthriller. Zürich, Diogenes, 2015. 430 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Martin Walker und Schauspielerin bei seiner Lesung in der Buchhandlung Frick, Wien, am 13. 10. 2011. Bleistift und Tuschestift-Skizze.

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James Joyce: Ulysses

Wolfgang Krisai: "The Coast", Irland 1981. Aquarellierte Federzeichnung.Gipfelsieg! „Der Ulysses“ von James Joyce liegt hinter mir, immerhin schlappe 1015 Seiten in meiner Edition-Suhrkamp-Ausgabe. Ich bin ja gerade dabei, der lektüremäßigen Aufschieberitis den Kampf anzusagen, und der „Ulysses“ war so ein Riesenprojekt, das ich seit Jahren vor mir herschob.

Üblicherweise gebe ich einem Buch 10 Prozent seiner Seitenzahl, und wenn es mich dann immer noch nicht packt, dann darf ich es auch sein lassen. Für das Ulysses-Projekt hätte ich diese Regel allerdings nicht anwenden dürfen, denn da brauchte es die Hälfte des Buchs, bis ich ihm endlich etwas abgewinnen konnte. Erst dann begann sich Leopold Bloom, die Hauptfigur des Romans, auf den ich zunächst verächtlich herabschauen zu können glaubte, für mich als ein Mensch der Gegenwart zu entpuppen, wie er auch heute noch, 110 Jahre nach dem Handlungstag des Romans, existiert – und im Grunde einem wie mir selbst gar nicht so unähnlich ist…

„Introibo ad altare Dei“

Gleich der erste Satz, der im Roman gesprochen wird, schlägt eines der Hauptthemen an. Buck Mulligan, eine der eher wichtigen Nebenfiguren, kommt zur Morgenrasur auf die Dachterrasse und intoniert ironisch: „Introibo ad altare Dei.“ Als Ministrant habe ich den Satz vom Priester sicher hundertmal gehört: „Zum Altare Gottes will ich treten.“  Gleich wird deutlich: Hier macht sich einer über die katholische Kirche lustig. Nach 1000 Seiten weiß man: Es ist nicht nur die Figur des Buck Mulligan, sondern es ist der Autor James Joyce selbst, der von der Kirche nichts hält. Ich bin zwar kein Fan kirchenkritischer Zynismen, die meist aus einer Unkenntnis des Entwicklungsstandes der gegenwärtigen Theologie resultieren, hier aber muss ich doch Verständnis haben: Ein halbwegs selbständig denkender Mensch wird anno 1904, wo der Roman spielt, oder 1914-21, wo er verfasst wurde, die Atmosphäre im erzkatholischen Irland kaum ertragen haben. Was lag näher, als sich a) zu besaufen und b) in antiklerikale Zynismen zu flüchten. Joyce tat beides ausgiebig.

Literarische Innovationen

Doch nicht für seine kirchenkritische Haltung ist der „Ulysses“ berühmt, sondern für seine literarischen Innovationen.

Angesichts der Leistungen der großen Erzähler des 19. Jahrhunderts noch etwas Eigenständiges und Hervorragendes schaffen zu wollen, war ja fast vermessen. Joyce hat es dennoch versucht, und eine Sammlung der Ergebnisse haben wir auf diesen 1000 Seiten vor uns. Berühmt und wohl allgemein bekannt ist das letzte, 18., Kapitel: der 70 Seiten lange innere Monolog von Molly Bloom, der Gattin Leopold Blooms. 70 Seiten ohne Punkt und Komma – wie kann man das lesen? Problemlos, muss ich sagen, denn Mollys Gedankenstrom mag zwar ziemlich herummäandern, aber halbwegs in vollständigen Sätzen zu denken ist sie immer noch in der Lage, obwohl es drei Uhr in der Früh ist und sie eigentlich schlafen sollte. Aber eben nicht kann, weil Leopold nach einer nächtlichen Sauftour endlich zu ihr ins eheliche Bett gekrochen ist, übrigens andersrum orientiert: neben ihrem Kopf seine Füße. Eine Praxis, die a) einiges über die Innigkeit der Ehe der Blooms sagt, aber b) bei einem relativ schmalen Bett und relativ beleibten Schläfern gar nicht so dumm ist und c) aus des Autors eigener Schlafpraxis stammt!

Da könnte man doch glatt meinen, Joyce habe sich in Bloom selbst portraitiert. Um das beurteilen zu können, bin ich nicht Kenner genug, aber eins ist klar: Im Ulysses gibt es ja noch eine zweite „Hauptperson“, den jungen Lehrer Stephen Dedalus, Sohn von Leopolds Freund Simon Dedalus. Und Stephen wird wohl genauso viel mit Joyce zu tun haben wie Bloom.

Das Problem mit dem Erzählen

Zurück zu den literarischen Experimenten: Das Problem in der Literatur um 1900 war die Rolle des Erzählers und der Sprache überhaupt. Hofmannsthal behauptete, die Worte zerfielen ihm im Mund „wie modrige Pilze“. Man hatte das Vertrauen auf die schiere Möglichkeit des simplen Erzählens verloren. Was macht einer, wenn er erzählt? Macht er den Zuhörern bzw. Lesern nicht einfach einen sprachlichen Hokuspokus vor, entwirft ein Lügengespinst, das mit der angeblich erzählten „Wirklichkeit“ nichts zu tun hat? Ok, mag sich jemand wie Joyce gesagt haben: Dann weg mit dem Erzähler! Wir sammeln nur noch Fakten! Wir notieren, was auf uns einstürzt, aber wir überlassen es dem Leser, draus etwas zu basteln. Literarisches Brainstorming, sozusagen. Der Roman als Stichwortliste der Wirklichkeit. Über weite Strecken wirkt der „Ulysses“ tatsächlich wie eine Notizensammlung eines Menschen, der durch Dublin flaniert und schlicht alles festhält, was er sieht, hört, riecht und sonstwie wahrnimmt. Der Autor schaut dabei gewissermaßen seinem jeweiligen Protagonisten, sei es Stephen oder Leopold, über die Schulter oder ins Gehirn und notiert, was dieser eine Mensch gerade wahrnehmen könnte. Fragmentarisch, denn alles vollständig notieren, dazu bräuchte es zehntausend Seiten, nicht bloße tausend. Daher werden häufig wirklich nur Stichwörter oder Satzfragmente geboten.

Wenn man sich gegen übermächtige Vorbilder absetzen will, kann man das aber nicht nur durch ganz was Neues, sondern auch durch eine Parodie machen. Daher gibt es auch Kapitel, wo Joyce den Erzählton des 19. Jahrhunderts verulkt, indem er ihn ins Sentimental-Pathetische übertreibt.

Weitere Möglichkeit der Innovation: Man erzählt nicht, sondern wechselt in eine ganz andere Gattung, in diesem Fall ins Theater: Das 15. Kapitel ist wie ein Theaterstück geschrieben, mit seinen 150 Seiten ein abendfüllendes noch dazu. Wer aber glaubt, dieses Kapitel ließe sich so leicht auf die Bühne bringen, irrt gewaltig. Es spielt, muss man wissen, in Dublins nächtlicher Halbwelt, wo sowohl Bloom wie auch Stephen, vom Alkohol enthemmt, ihr Glück suchen, aber nicht finden. Joyce macht daraus eine wahre Walpurgisnacht, ein surrealistisches Stück, das bestenfalls mit den Mitteln moderner Filmtechnik zur „Aufführung“ gelangen könnte. Das zu lesen macht aber Spaß.

Da Bloom mit der Zeitung zu tun hat – er ist ein Annoncen-Aquisiteur – liegt es natürlich nahe, auch journalistische Schreibweisen einzubeziehen. Ein Kapitel besteht aus „Zeitungsartikeln“, sprich: Schlagzeilen mit darauf folgendem Artikeltext, nur dass diese Artikel dann eben doch wieder keine Zeitungsberichte sind. Ja, und am Ende, im 17. Kapitel, besinnt Joyce sich gar der Gestaltungsweise des Katechismus: Frage und Antwort, genau 100 Seiten lang, und mit deutlicher Tendenz, das Unwichtige (etwa, wie der Bart eines Schlüssels sich im Schloss dreht) mit der gleichen Akribie zu beschreiben wie das Wichtigere. Möge doch der Leser die unterschiedliche Wichtigkeit erkennen!

Bloomsday

So viel zum formalen Aspekt des Romans. Hat er auch einen Inhalt?

Nicht mehr der Autor ist der „Macher“ des Kunstwerks, sondern der Leser. Dieser muss aus all den Daten, die ihm dieser denkwürdige 16. Juni 1904, an dem der Roman spielt, liefert, „etwas machen“. Was dabei herauskommt, wird wohl äußerst unterschiedlich sein.

Genau genommen umfasst der Roman die Zeit vom 16. Juni 1904 morgens bis zum nächsten Tag in den frühen Morgenstunden, als es schon hell zu werden beginnt. Das ist der berühmte „Bloomsday“, wie er heute von Joyce-Fans jährlich gefeiert wird.

Wen interessiert das?

Ich habe mich über weite Strecken über die Zumutung, der ich hier als Leser ausgesetzt werde, geärgert. Weil ich schlicht nichts Interessantes entdeckt habe. Es geht eigentlich vor allem um zwei Handlungsweisen: entweder geht der Protagonist durch Dublin oder er sitzt im Wirtshaus und palavert über Unbedeutendes und trinkt bedeutende Mengen. Ausnahmen sind zum Beispiel ein Begräbnis-Kapitel, wo man nicht geht, sondern in der Kutsche im Trauerkondukt mitführt und palavert und anschließend am eigentlichen Begräbnis teilnimmt, oder der erwähnte Monolog der Molly Bloom, der sich im Bett „abspielt“. Was interessiert mich, wer wen auf Dublins Straßen im Jahre 1904 sieht oder übersieht, grüßt oder nicht grüßt? Hier wird viele Seiten lang Alltag pur aufgetischt.

Geld und Sex

Was beschäftigt einen vierzigjährigen Anzeigenkeiler denn so im Alltag? Der 16. Juni 1904 ist ja kein besonderer Tag, sondern ein ganz normaler Wochentag. Bloom beschäftigen zwei Dinge: Geld und Sex.

Ständig überlegt er, wieviel irgendetwas kostet, wieviel er noch in der Tasche hat, wieviel er womit verdienen könnte, usw. Auch mit Molly, die eine begabte Sängerin ist, möchte er Geld machen, weshalb er eine Konzerttournee organisiert hat. Geld ist also das eine.

Das andere ist das Liebesleben, mit dem es nicht so glatt gehen will. Molly betrügt ihn, scheint’s. Das macht Bloom aber gar nicht so viel, denn es gibt ihm den Freibrief, seinerseits ein Verhältnis anzufangen, das gerade bis zum Stadium geheimen Briefwechsels gediehen ist. Unter falschem Namen holt Bloom zum Beispiel einen Brief seiner Geliebten vom Postamt ab. Und den ganzen Tag geistern dieser Brief bzw. Blooms Reaktionen darauf im Roman herum. Als er – in der Mitte des Romans – grübelnd am Strand sitzt und dort ein Mädchen mit ihm flirtet, übermannt es ihn und er masturbiert  heimlich, was aber keine wirkliche Befriedigung, sondern vor allem eine nasse Unterhose nach sich zieht. Dass er außerdem nachts im Rotlichtviertel ins Bordell geht, vervollständigt das Bild sexuellen Jammers, das Bloom abgibt. Ein Mann in der Midlife-Crisis, im Grunde ein Mensch, der von mehr träumt, als er hat, und dadurch nicht gerade glücklicher wird. Die Misere wird, wie sich’s in Dublin gehört, in Bier ersäuft.

Freunde und Philosophie

Stephen wiederum ist der prototypische junge Mann, der sich vor allem mit Freunden und mit Philosophie beschäftigt. Mit beiden ist’s nicht weit her. Freundschaften unter jungen Männern können leicht durch ein Konkurrenzdenken getrübt werden, und so ist es auch hier. Stephens Mitbewohner Buck Mulligan und Haines – zu dritt leben sie in einer Art WG in einem alten Leuchtturm am Strand – gehen ihre eigenen Wege, die den Stephens höchstens beiläufig kreuzen.

In der Nacht werden die beiden Hauptfiguren dann kurzzeitig vereint, weil Bloom den stockbetrunkenen Stephen vom Bordellviertel zuerst in ein Temperenzler-Lokal, wo sie Milch und Kaffee trinken, und schließlich sogar zu sich nach Hause bringt, mit dem Angebot, ihn bei sich auf der Couch übernachten zu lassen. Da das Couchsurfen noch nicht erfunden war, lehnt Stephen dieses Ansinnen allerdings ab und entschwindet torkelnd in die Morgendämmerung, und Bloom legt sich schweren Herzens verkehrt herum zu Molly ins Bett.

Die Homer-Connection

Ich habe kürzlich Homers „Odyssee“ gelesen, unter anderem auch mit dem Hintergedanken, damit das Rüstzeug für den „Ulysses“ zu haben. Joyce soll seinen Roman nach der Odyssee gestaltet haben. Wer aber glaubt, die Odyssee werde viel zur Erhellung des „Ulysses“ beitragen, sieht sich getäuscht. Joyce selbst scheint schon erkannt zu haben, dass es mit den Beziehungen zur Odyssee eine vertrackte Sache ist. Im Manuskript sollen die Kapitel noch mit Überschriften à la „Telemach“, „Calypso“ oder „Ithaka“ versehen sein, doch in der Buchausgabe ließ Joyce diese verschwinden. Mit Recht, wie mir scheint. Ich habe zwar brav die Einleitungen meiner kommentierten „Ulysses“-Ausgabe gelesen, wo immer genau vermerkt ist, welches Kapitel der Odyssee nun dran ist und was darin passiert, aber nicht einmal dieser Kommentar konnte zwischen der Odyssee und dem „Ulysses“ mehr als nur oberflächliche Beziehungen herstellen. Ich habe das Gefühl, Joyce habe mit dem ganzen Odyssee-Klimbim der literarischen Welt einen Streich gespielt: Die wollen doch immer irgendwelche literaturhistorischen Geheimnisse lüften! Geben wir ihnen eine Nuss zum Knacken, an der sie sich die Zähne ausbeißen werden!

Man kann jedenfalls den „Ulysses“ getrost ohne Homerkenntnisse lesen und wird keine nennenswerten Einbußen erleben. Vielleicht sogar das Gegenteil.

Auch der umfangreiche Kommentar der kommentierten Ausgabe erwies sich für mich keineswegs als hilfreich, denn das, was man weiß, wird oft erklärt, und was man wissen will, bleibt meist unkommentiert. Ich habe also bald die Lektüre in der armmuskelschonenderen Edition-Suhrkamp-Ausgabe fortgesetzt, und das hat ausgereicht. Übrigens hat mir auch der Wikipedia-Artikel über den „Ulysses“ einige Verstädnishilfen geboten.

James Joyce: Ulysses. Übersetzt von Hans Wollschläger. edition suhrkamp Neue Folge 100, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt 1981. 1015 Seiten.

James Joyce: Ulysses. Übersetzt von Hans Wollschläger. Hg. u. kommentiert v. Dirk Vanderbeke u. a., Suhrkamp-Verlag, Frankfurt, 2004. 1122 Seiten.

P.S.:

Gerade habe ich in einen Bildband über Stefan Zweig hineingeblättert und dort Stefans Zweigs Rezension des Ulysses von 1928 entdeckt. Erstaunlich, wie treffend Zweig, der nun wahrlich nicht gerade ein Vertreter erzählkritischen Literatentums ist, die Leistung von Joyce darstellt:

„Gattung: ein Roman? Nein, durchaus nicht: ein Hexensabbat des Geistes, ein gigantisches Capriccio, eine phänomenale zerebrale Walpurgisnacht. Ein Film psychischer Situationen, sausend und flirrend im Expreßtempo, dabei ungeheure Seelenlandschaft voll genialer und genialistischer Details taumelig vorüberreißend, ein Doppeldenken, ein Tripledenken, ein Übereinander-, Durcheinander- und Quernebeneinanderfühlen aller Gefühle, eine Orgie der Psychologie, mit einer neutechnischen Zeitlupe begabt, die jede Bewegung und Regung in ihre Atome auflöst. Eine Tarantella des Unbewußten, rasende und rauschende Ideenflucht, die quirlend wahllos mit sich schwemmt, was ihr gerade in den Weg kommt, Subtilstes und Banalstes, Phantastisches und Freudisches, Theologie und Pornographie, Lyrismen und Kutschergrobschlächtigkeiten – ein Chaos also, aber nicht dumpf geträumt […], sondern von einem schneidend geistigen, ironisch zynischen Intellektuellen kühn und absichtsvoll instrumentiert.“ (Stefan Zweig: „Anmerkung zu Joyce’s ‚Ulysses‘“, in: Stefan Zweig. Bilder. Texte. Dokumente. Hg. v. Klemens Renoldner u. a., Residenz Verlag, Salzburg und Wien, 1993, S. 88. Der Text kann hier online gelesen werden.)

Bild: „The Coast“

Ich war erst einmal in Irland, und da nur an der Westküste. Von dort stammt mein Bild: „The Coast“, Irland 1981. Aquarellierte Federzeichnung.

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Ken Follett: Die Säulen der Erde

Wolfgang Krisai: Das Münster von Konstanz. Aus meinem Skizzenbuch der Bodensee-Radtour 2009.

Wolfgang Krisai: Das Münster von Konstanz. Aus meinem Skizzenbuch der Bodensee-Radtour 2009.

Seit Anfang August las ich – mit einer zweiwöchigen Reiseunterbrechung – an diesem 1300-Seiten-Ziegel: „Die Säulen der Erde“ von Ken Follett. Als Kunstlehrer sollte ich das Buch ja längst gelesen haben. Nun ist diese Bildunglücke also geschlossen.

Kathedralenbau in Kingsbridge

Der Roman erzählt eine ausgedehnte mehrsträngige Handlung rund um den Bau der ersten gotischen Kathedrale Englands im fiktiven Ort Kingsbridge irgendwo im Süden des Landes unweit von Winchester und Salisbury (der dortigen Kathedrale ist jene im Roman in manchen Teilen nachempfunden). Die Zeit der Handlung gibt der Autor aufs Jahr genau an: 1123 bis 1174.

Paukenschlag am Anfang

Am Anfang steht gleich einmal ein Paukenschlag, damit der Leser gepackt wird: ein Dieb wird aufgehängt. Das wäre noch nichts Besonderes, aber als der Mann schon fast am Strang baumelt, taucht eine junge Frau auf und verflucht lauthals jene drei Männer, die ihn an den Galgen gebracht haben: einen Mönch, einen Weltpriester und einen Ritter. So schnell, wie sie aufgetaucht ist, verschwindet die Frau auch wieder. Nun will man natürlich wissen, weshalb es zu diesem Geschehen kam – und muss fast 1300 Seiten darauf warten. Denn erst ganz am Ende kommt Follett wieder auf diese Hinrichtung zurück.

Die Handlung entwickelt sich

Dazwischen erstreckt sich der eigentliche Roman:

Zunächst die Geschichte des Steinmetzen und Baumeisters Tom Builder, der an einem Wohnhaus für William Hamleigh und seine Braut Aliena baut. Doch da Aliena William auf schmähliche Weise abblitzen lässt, entlässt dieser Tom, der daraufhin mit seiner schwangeren Frau Agnes und zwei Kindern – Alfred und Martha – vergeblich Arbeit suchend von Ort zu Ort zieht. Sein Traum: eine Kathedrale bauen. Aber nicht einmal einen kleine Hütte will ihn jemand bauen lassen.

In einem ausgedehnten, wilden Waldgebiet in der Nähe eines kleinen Klosters bringt die ausgemergelte Agnes einen Sohn zur Welt und stirbt gleich nach der Geburt. Da er keinen anderen Ausweg sieht, lässt Tom das Baby auf dem Grab der Frau zurück. Bald packen ihn aber Gewissensbisse und er eilt zurück, doch das Baby ist weg. Stattdessen begegnet ihm eine junge Frau, die mit ihrem Sohn Jack, einem sich seltsam benehmenden Buben (wir würden wohl sagen, er ist leicht autistisch), im Wald lebt. Sie holt Tom in ihre Höhle – und die beiden sind noch am selben Abend ein von Sinnlichkeit überwältigtes Liebespaar.

Toms Baby hingegen wurde von einem Priester entdeckt und in das nahe Kloster gebracht, wo es auf den Namen Jonathan getauft und als Klosterkind großgezogen wird. Der junge Prior des Klosters, Philip, nimmt Jonathan mit, als er zum Prior des Hauptklosters in Kingsbridge bestellt wird. Dies geht allerdings nur mit Hilfe eines ehrgeizigen Geistlichen am Bischofshof, Waleran Bigod, der dafür seinerseits Unterstützung von Philip fordert, falls es zu einer neuen Bischofswahl kommt. Zu spät merkt Philip, dass er übertölpelt wurde: Der Bischof ist nämlich schon tot, die Wahl des Nachfolgers steht unmittelbar bevor. Und Waleran wird Bischof.

Das ganze spielt sich vor dem Hintergrund politischer Wirren ab: zwei Anwärter auf den englischen Königsthron liefern sich einen jahrzehntelangen Krieg, und die unsicheren Herrschaftsverhältnisse machen sich sowohl William Hamleigh wie auch Waleran Bigod zunutze: Waleran baut sich eine Bischofsburg und will Philip ausschalten und selbst eine Kathedrale bauen, während William sich an Aliena grausam rächt, indem er die Burg ihres Vaters stürmt, den Vater seinem politischen Gegner ausliefert und Aliena vergewaltigt.

Prior Philip wiederum will sein Kloster, das unter seinem Vorgänger einen Niedergang erlebte, wieder zu Macht, Reichtum und Ansehen verhelfen und deshalb eine neue Kirche bauen. Da kommt es ihm sehr zupass, dass just in der Nacht, nachdem er Tom Builder samt Familie im Kloster aufgenommen hat, die alte Kirche niederbrennt. Niemand außer dem Leser und Tom Builder erfährt je, wie das zugegangen ist: Der kleine Jack hat sie angezündet, um dem Stiefvater Arbeit zu verschaffen. Tom wird Dombaumeister.

Verfeindete Protagonisten

Damit sind die Fronten abgesteckt: Auf der „guten Seite“ befinden sich Prior Philip, Tom Builder mit seinen Kindern und seiner neuen Geliebten und deren Sohn Jack, und Aliena und ihr Bruder Richard (denen der sterbende Vater im Gefängnis den Schwur abgenommen hat, dass sie nicht ruhen würden, bis sie die Grafschaft zurückerobert hätten).

Auf der „bösen Seite“ stehen Bischof Waleran Bigod und der überaus grausame William Hamleigh. Den ganzen Roman über geraten die beiden Seiten in immer neuen Konflikten aneinander. Das kann ich hier nicht ausbreiten, es ist jedenfalls spannend, mitreißend und aufregend, wie es sich für einen guten Roman dieses Genres gehört.

Meisterwerk des historischen Romans

Da Follett ein Meister seines Faches ist, wird der Roman nie langweilig, das versteht sich. Aber er überragt durchschnittliche historische Romane durch seine einprägsamen, interessanten Figuren, mit denen der Leser wirklich mitfühlen und -leben kann. Damit das überzeugend gelingt, braucht es auch eine entsprechende Länge, und die hat der Roman auch. Außerdem schafft es Follett ohne Schwierigkeiten, einem lebendig vor Augen zu führen, wie es bei einem Kathedralenbau so zuging und welche Innvationen der gotische Baustil brachte.

Übersetzt wurde er von gleich drei Übersetzern, darunter Till Lohmeyer, einem Bekannten meiner Mutter.

Der Roman wurde als achtteilige Fernseh-Miniserie verfilmt, die ich mir unbedingt kaufen muss.

Ken Follett: Die Säulen der Erde. Roman. Köln: Bastei-Lübbe-Taschenbuch, 2010. 1325 Seiten (incl. Nachwort und Leseprobe von „Sturz der Titanen“). Mit Farbabbildungen aus der Verfilmung.

Englische Originalausgabe „The Pillars of the Earth“ erstmals erschienen 1989.

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Follett: Fall of Giants

Wolfgang Krisai: Explosion. Aquarell.

Wolfgang Krisai: Explosion. Aquarell.

Eigentlich war es verrückt, ausgerechnet knapp vor der Matura zu diesem riesigen Wälzer mit 850 großen, eng bedruckten, englischsprachigen Seiten zu greifen. Ich wollte auch nur ein bisschen hineinschnuppern. Vergeblich. Ich kam nicht mehr los und fraß mich innerhalb weniger, aber extrem leseintensiver Tage (die Pfingstferien kamen mir da sehr zugute) durch das gewaltige Werk. Zum Glück erwies sich mein schon lange nicht mehr trainiertes Englisch als ausreichend sattelfest, sodass ich nicht ständig im Wörterbuch nachsehen musste.

Follett schreibt dermaßen spannend und interessant, dass man dieses Buch als ein Meisterbeispiel für das berühmte „delectare et prodesse“ bezeichnen kann. Dabei bedient er sich nicht etwa so dämlicher Spannungstricks wie der berühmte Dan Brown, sondern er erzeugt die Spannung durch abwechslungsreiche und vor allem inhaltliche Mittel.

Worum geht’s?

Laut Ken Follett, den ich auf der Buch Wien 2010 erlebte, wo er mir den Band auf signierte, ist das der erste Band einer „Quintologie“ über das Zwanzigste Jahrhundert, und im Großteil des Buches geht es um die zeit des Ersten Weltkriegs. Man erlebt den Krieg aus dem Blickwinkel verschiedenster Betroffener: des Walisischen Adeligen Fitzherbert, der als Offizier mitkämpft; des aus dem gleichen Waliser Ort stammenden Bergarbeiters Johnny, der als Korporal im Schützengraben kämpft und sich bewährt; dessen Schwester Ethel, die von Fitzherbert geschwängert wurde und gemeinsam mit dessen Schwester Maud für Frauenrechte und Frieden kämpft; der von Walter von Ulrich, eines deutschen Diplomaten, der kurz vor dem Krieg im Geheimen Maud geheiratet hat und nun gegen die Nation seiner Gattin sein Gewehr richten muss; der des amerikanischen Präsidentenberaters, der zur Waffe greifen muss, als Amerika schließlich in den Krieg eintritt; der des einfachen russischen Arbeiters Grigorij, der eigentlich nach Amerika auswandern wollte (aber seinem Filou von Bruder den Vortritt ließ, um diesen vor einer Verfolgung wegen Mordes zu retten), nun aber an die desorganisierte russische Front geschickt wird und später eine wichtige Rolle bei der bolschewistischen Revolution spielt; der seines Bruders Lew, der in Amerika die Verlobte des Präsidentenberaters schwängert und diese heiraten muss und damit Mitglied eines mafiösen Familienimperiums russischer Einwanderer wird, aber schließlich auch in den Krieg ziehen muss.

Die Handlung im Detail wiederzugeben würde jetzt zu viel Zeit brauchen. Sie war jedenfalls so packend, dass ich unbedingt gleich den passenden Band der Fischer Weltgeschichte nachschieben musste.

Buchdaten:

Follett, Ken: Fall of Giants.

Roman.

850 Seiten.

Deutsche Ausgabe: Sturz der Titanen.

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Popshot Issue 6

Wolfgang Krisai: Liebespaar. Bleistift. 2008.

Gestern kaufte ich am Westbahnhof – wo immer noch der beste Zeitschriften-Shop Wiens ist – das neueste Heft der britischen Poetry-Zeitschrift „Popshot“: The Love Issue.
Heute bereits durchgelesen, einige Websites der Illustratoren studiert und Unterrichtsideen entwickelt. Die Zeitschrift enthält 20 Liebesgedichte unterschiedlichster Art, und zu jedem Gedicht gibt es eine ganzseitige, originelle Illustration eines modernen Illustrators.
Die Zeitschrift erscheint halbjährlich. Und gefällt mir so gut, dass ich alle noch lieferbaren älteren Ausgaben bestellt und die zukünftigen Hefte abonniert habe.

Besonderes Highlight:
Jigsaw. Poem by Luke Wright

A marriage ist a boxless jigsaw puzzle
no guiding image and no guarantee
that pieces aren’t astray, no warranty.
Some soon decide it isn’t worth the trouble
when slotting parts together is no longer
enough. Some never see the bigger picture.
But patient couples, willing just to sit there
until at last they know which fragments fit
and which to lay aside for later on.
They help each other find the missing parts,
piece dreams together; side by side they sit.
And if there’s rules, they follow only one:
complete the frame, then work towards the heart.

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