Archiv der Kategorie: Illustriertes Buch

Uwe Tellkamp: Die Schwebebahn. Dresdner Erkundungen

Wolfgang Krisai: Blick vom Biergarten am Dach des Yenidze in Dresden, Tuchestift, Buntstift; 2015.

In Dresden kaufte ich mir 2015 dieses schön gemachte Buch, in dem der Dresdner Uwe Tellkamp über seine Heimatstadt schreibt und zu dem der Dresdner Fotograf Werner Lieberknecht eine Menge Schwarzweißfotos beisteuerte.

Mühsam zu lesen

Das Buch hält aber leider nicht, was es auf den ersten Blick verspricht. Tellkamps Text ist – ganz im Gegensatz zu seinem wunderbar geschriebenen Roman „Der Turm“ – unsäglich mühsam zu lesen, und die Fotos sehen zwar gut aus, mehr als fast beliebige Impressionen aus Dresden sind sie aber auch nicht.

Was ist nun das Ärgerliche an Tellkamps Stil?

Er reiht und reiht und reiht Satzfetzen, fast wie Notizen und Stichwörter, aneinander, streut gelegentlich ein paar vollständige Sätze ein, und bald geht es wieder weiter in diesem Notizbuchstil. Oder es kommen gewaltige Satzmonster daher, ohne Rhythmus und Schwung, holprig, mit sperrigen Begriffen und nur Dresdnern geläufigen Bezeichnungen.

Ein beliebig herausgegriffenes Beispiel:

„Die Ostdeutschen hatten Hunger, kaum zu beängstigenden Freßgelagehunger nach Leben, nach Reisen. Sie wollten alles sehen, alles begreifen, alles nachholen, was sie versäumt hatten, alle Träume, und sofort, die in Hermann Haacks geographischen Atlanten eingesperrt gewesen waren. Ich hatte meinen Winkel auf dem Dachboden mit Landkarten tapeziert, dort hockte ich und reiste die schönsten Reisen der Welt, vor mir ein Lederkoffer, aus seinem Exil hinter den Tontöpfen gefischt, über und über bedeckt mit Hotelaufklebern in den musikalischen Farben der Belle Époque: Karl-May-Grün, das Ocker von Kairo, Wüstenblau, Weiß wie die Mauern der Souks, Indisch und Nanking-Gelb, Pompejanisch Rot, Amazonasfalter-Violett … Auf der Prager Straße lud ein Kran Container ab, Vorposten der Deutschen, Dresdner, Commerzbank. Begegnungen. Anna. Wir tanzen wie die Steptänzer, Fred Astaire ist gut, sehr gut sogar, dieser Kerl mit dem Heuschreckenleib und dem allzu bescheidenen Grinsen. Faunpalast, Parklichtspiele, Schauburg, der Fabelname eines längst geschlossenen Nickelodeons: Alabastra, Filmbühne Wölfnitz, die während einer Vorstellung abbrannte, die U. T.-Lichtspiele in der Waisenhausstraße, Dedrophon-Theater und Institut Kosmographia, Hansa-Lichtspiele … die Namen, die farbigen Traumschneisen, die die tschechischen und Ernemann-Projektoren ins erwartungsvolle Kinodunkel schlugen; Schwarzweißfilme im Hauptbahnhofkino, wo es orangefarbene Tapete gibt und eine Bommelmütze ein Heizungsleck abdichtet.“ (S. 97f)

Worum geht es inhaltlich?

Uwe Tellkamp präsentiert uns seine kunterbunt durcheinandergewürfelten Erinnerungen an das Dresden vor und kurz nach der Wende, die unverständlicher Weise „Erkundungen“ genannt werden. Er setzt dabei gewissermaßen voraus, dass wir seine engen Verwandten sind und daher ohnehin wissen, wie das so war, und uns daher mit ein paar andeutenden Stichwörtern zufriedener geben, als wenn er ausführlich schildern würde. Es tauchen alte Verwandte, Freunde, Lehrer, aber auch die Klavierlehrerin auf, daneben Dresdner Originale wie jene russische Matrone, die im Winter vor dem Heizhaus der russischen Kaserne stand. Die Mängelwirtschaft der letzten Jahre der DDR wird angedeutet, doch wirklich politisch wird das Buch zum Glück nie.

Durch die Andeutungstechnik ist es für den nun doch nicht mit Tellkamp verwandten Leser sehr schwer, in dem Wust den Durchblick zu behalten. Ich habe ihn jedenfalls verloren, weshalb mir weder das Figurenarsenal noch die Schauplätze, die ich von unserer kurzen Dresden-Reise zumindest oberflächlich kenne, lebendig geworden sind.

Tellkamp zuliebe und wegen der schönen Gestaltung des Buches – und aus Prinzip – biss ich mich bis zum Ende durch.

Uwe Tellkamp: Die Schwebebahn. Dresdner Erkundungen. Mit Fotografien von Werner Liederknecht. Insel-Verlag, Berlin, 4. Auflage, 2011. 165 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Blick vom Biergarten am Dach des Yenidze in Dresden, Tuchestift, Buntstift; 2015.

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Janne Teller: Krieg

Wolfgang Krisai: Umschlag von Janne Teller, Krieg, dtv. Feder, Buntstift, 2016.
Die dänische Autorin Janne Teller, bekannt durch aufrüttelnde Jugendbücher wie „Nichts“, hat in diesem schmalen Bändchen von 56 Seiten versucht, dem Leser die Lage von Flüchtlingen vor Augen zu führen. Damit das eindringlich wird, dreht sie die gegenwärtigen Verhältnisse um: Nicht anderswo ist Krieg und die Flüchtlinge kommen zu uns, sondern hier – konkret in Deutschland – ist Krieg und die Deutschen müssen nach Ägypten und Arabien flüchten.

Der Grund für den Krieg, ein Zerwürfnis innerhalb der EU, spielt keine wesentliche Rolle. Der Krieg bewirkt aber, dass es den Leuten in Deutschland so schlecht geht, dass sie ihr letztes Hemd hergeben, um fliehen zu können.

Integration?

Eine Familie mit Kindern steht im Mittelpunkt. Diese erreicht nach abenteuerlicher Flucht schließlich Ägypten und wird dort mit derselben halbherzigen Aufnahmebereitschaft empfangen, wie dies die Europäer mit den Flüchtlingen aus Asien und Afrika derzeit machen. Es kommt daher zu keiner wirklichen Integration der Flüchtlinge in die ägyptische Gesellschaft, aber an eine Rückkehr in das völlig veränderte Deutschland nach dem Krieg denkt eigentlich auch kaum jemand.

Mitgefühl?

Um beim Leser wirkliches Mitgefühl mit Flüchtlingen zu erzeugen, ist das Buch zu kurz. Allerdings macht es sehr wohl nachdenklich. Zum Beispiel hinsichtlich der Frage, wie man auf einen Krieg in Mitteleuropa vorbereitet ist, der uns zwar derzeit völlig undenkbar erscheint, aber im Grunde innerhalb kürzester Zeit auch bei uns ausbrechen könnte. Was dann? Man will sich das gar nicht vorstellen.

Originell illustriert

Einen großen Teil der vorhandenen Seitenfläche nehmen die originellen Illustrationen von Helle Vibeke Jensen ein, sodass der ohnehin schon kurze und in großer Schrift gesetzte Text noch einmal kürzer wird. Daher braucht man keine Stunde, um das Buch gelesen zu haben. Ursprünglich war das auch gar kein Buch, sondern ein Aufsatz in einer pädagogischen Zeitschrift. Für die deutsche Ausgabe wurde der Text an deutsche Verhältnisse angepasst.

Janne Teller: Krieg. Stell dir vor, er wäre hier. Aus dem Dänischen von Sigrid C. Engeler. Mit Illustrationen von Helle Vibeke Jensen. Reihe Hanser. dtv, München, 5. Aufl., 2015. 56 Seiten.

Bild: Wolfgang Krisai: Umschlag von Janne Teller, Krieg, dtv. Feder, Buntstift, 2016.

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Goldene Zeiten. Meisterwerke der Buchkunst von der Gotik bis zur Renaissance.

Nationalbibliothek

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Durch eine Zusendung des Luzerner Quaternio-Verlags, der auf Faksimiles mittelalterlicher Codices spezialisiert ist, wurde ich auf ein großes Ausstellungsprojekt aufmerksam, das derzeit in zwölf Bibliotheken des deutschen Sprachraums läuft und die Buchkunst am Übergang von der Gotik zur Renaissance dokumentiert. Zu allen Ausstellungen bringt der Quaternio-Verlag die Kataloge heraus.

Ausstellung im Prunksaal der Nationalbibliothek

Eine der Hauptausstellungen läuft unter dem Titel „Goldene Zeiten“ bis 21. Februar 2016 im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Sie bietet in gerade noch überschaubarem Umfang einen interessanten Einblick in die Buchkunst des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts, der Zeit Herzog Albrechts. III.,  Kaiser Friedrichs III. und Maximilians I., des „letzten Ritters“.

Der Katalog in auffälligem Überformat ermöglichte mir, das Gesehene zu Hause nochmals Revue passieren zu lassen und besser zu verstehen.

Buchkunst und Sammelleidenschaft

Bemerkenswert finde ich an Ausstellung und Katalog, dass sie normalerweise getrennt behandelte Aspekte, die mit der Buchkunst verbunden sind, zusammenführen. Nicht nur die künstlerischen Leistungen selbst (etwa das mit prachtvollem Einband versehene Evangeliar des Johann von Troppau von ca. 1368), sondern zum Beispiel auch die Frage, wie die Fürsten damals ihre Bibliotheken zusammensammelten (nämlich neben gezielten Aufträgen an Scriptorien und Buchkünstler durch Geschenke, Brautgaben, aber auch niemals zurückgegebene, aus anderen Bibliotheken entlehnte Werke). Neben den „bedeutenden“ Buchtypen vor allem religiösen Charakters, wo neben dem Evangeliar vor allem die große Zahl eigens für die Fürsten geschaffener Gebetbücher auffällt, zeigt die Ausstellung auch Gebrauchsliteratur, vor allem Lehrbücher. Dabei handelt es sich um ABCdarien, Grammatiken und Ähnliches, die alle auch buchkünstlerisch anspruchsvoll ausgeschmückt sind. Der Buchschmuck erfüllt dabei über den Inhalt hinausgehende Aufgaben, da über die Bilder den Fürstenkindern zum Beispiel die Wappen der Verwandtschaft vermittelt wurden.

Jedem Österreicher ist die Buchstabenfolge AEIOU bekannt, die in der Ausstellung als Eigentumsvermerk in einigen Büchern auftaucht – eine Funktion, die mir bisher nicht bekannt war.

Umbruch von der Handschrift zum Druck

Interessant ist auch, mitzuverfolgen, wie in dieser Zeit die handschriftliche und handgemalte Buchkunst allmählich von der gedruckten Buchkunst abgelöst wird. Während unter Friedrich III. (gestorben 1493) noch die Manuskripte klar die Oberhand haben, zumal es in Wien noch gar keinen nennenswerten Drucker gab, interessierte sich sein Sohn und Nachfolger Maximilian I. (gestorben 1519) bereits für das neue Medium und dessen Verbreitungsmöglichkeiten. Bekannt und in der Ausstellung natürlich vertreten sind Maximilians persönlich vorangetriebene Projekte, der „Triumphzug“ und die beiden autobiographischen Werke „Theuerdank“ und „Weißkunig“. Vom Theuerdank gibt es einige Ausgaben, die eine Art „Probedruck“ darstellen. Diese Drucke wurden vom Kaiser und den verantwortlichen Buchgestaltern, vor allem dem Sekretär Marx Treitzsaurwein, begutachtet, kommentiert und ergänzt. Der Theuerdank kam noch zu Lebzeiten des Kaisers heraus, während der Weißkunig über die Probedrucke nicht hinauskam und erst 1775 im Druck erschien (auch diese Ausgabe gibt es in der Ausstellung zu sehen).

Die „Zeughausbücher“

Neben diesen bekannten Werken werden auch weitere Projekte Maximilians dokumentiert, etwa die „Zeughausbücher“, die einen schriftlichen und bildlichen Überblick über die Waffenbestände in den Zeughäusern im Reich Maximilians bieten. Die Exemplare stehen in unmittelbarer Abhängigkeit, da die Bilder zum Großteil abgepaust wurden. Im Katalog ist eine interessante Darstellung von „Armbrost und Pfeyl“ in mehreren Fassungen wiedergegeben, auf der unter fünf Armbrüsten unterschiedlichen Typs (mit Stahl- oder Holzbogen) die Munition gezeigt wird: Mannshoch sind die Bolzen aufgestapelt, es müssen Tausende sein, die der Schütze zur Verfügung hatte, und neben dem sorgsam aufgeschichteten Stapel stehen ein Fass und eine Spezialkiste, in denen die zugehörigen metallenen Bolzenspitzen gelagert wurden. Zu Füßen eines ebenfalls abgebildeten Armbrustschützen liegen schließlich zwei Reserve-Stahlbogen (wenn die Spannkraft eines Bogens nachließ, wechselte man ihn wohl gegen einen neuen aus, ohne die ganze Armbrust wechseln zu müssen) und einige Dutzend schon schussfertig zusammengesteckt Bolzen mit Metallspitzen.

Das „Wiener Heiltumsbuch“

Den Abschluss der Ausstellung und des Katalogs bildet ein Abschnitt über das „Wiener Heiltumsbuch“, dessen Darstellung des Stephansdoms bekannt ist. Das Büchlein war ein Produkt der ersten Wiener Druckerei von Bedeutung, jener von Johannes Winterburger (um 1460 – 1519). Es handelt sich dabei im Grunde um einen der ersten Ausstellungskataloge der Druckgeschichte. Es zeigt nämlich in Wort und Bild alle jährlich am Sonntag nach Ostern in den Fenstern eines speziell dafür errichteten Ausstellungsgebäudes, des „Heiltumsstuhls“, dem Volk gezeigten Reliquien (in ihren kostbaren Reliquiaren). Zum Schmunzeln bringen einen die frühneuhochdeutschen Bildlegenden. Bei Stephansdom heißt es: „Aller heylign Thuemkirchen Sand Steffan Mit dem Turn und ander schigligkait. Abgunnderveht.“ Wer den Dom hier so treffend samt Baukran auf dem unfertigen Nordturm „abgunnderveht“ (= abkonterfeit = abgebildet) hat, ist leider nicht bekannt.

Bewundernswerte Akribie der Buchmalerei

Das große Format des Katalogs ermöglicht große Abbildungen höchster Qualität, sodass der Katalog auch eine Einladung ist, sich noch intensiver, als es in der Ausstellung möglich ist, mit diesen Meisterwerken der Buchmalerei und Druckkunst zu befassen. Was da an Figuren und Figürchen, Vögeln, Insekten, Blumen und Ranken, floralen und abstrakten Ornamenten mit geradezu übermenschlicher Akribie gemalt wurde, nötigt einem den größten Respekt ab.

Goldene Zeiten. Meisterwerke der Buchkunst von der Gotik bis zur Renaissance. Katalogband zur Ausstellung in der Österreichischen Nationalbibliothek vom 20. November 2015 bis 21. Februar 2016. Mit Beiträgen von Regina Cermann, Andreas Fingernagel, Alois Haidinger, Maria Theisen und Caroline Zöhl. Redaktion Andreas Fingernagel, Ute Schmidthaler. Hg. v. Andreas Fingernagel. Quaternio-Verlage Luzern, 2015. 152 Seiten.

Das Wiener Heiltumsbuch kann man in hochauflösenden Scans auf der Website der Österreichischen Nationalbibliothek abrufen.

Zu den 12 Ausstellungen gibt es Informationen auf der Website des Quaternio-Verlags.

Bild: Wolfgang Krisai: Prunksaal der österreichischen Nationalbibliothek, Wien. 2015. Tuschestift, Farbstift.

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Buchumschläge der Weimarer Republik

Buchumschläge der Weimarer Republik. TASCHEN, 2015. - Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des TASCHEN-Verlags.

Buchumschläge der Weimarer Republik. TASCHEN, 2015. – Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des TASCHEN-Verlags.

Üppiger Ziegel

Mit einem üppigen „Ziegel“ würdigt der Taschen-Verlag die Kunst des Buchumschlags aus der Zeit der Weimarer Republik. Der Band versteht sich als „Coffeetable-Book“, den man nicht – wie ich es nun dennoch tat – von vorn bis hinten durchlesen sollte, sondern der – an passender Stelle platziert – zum Blättern und Schauen einladen soll.

In diesem Fall ist dieses Ziel offenbar auch als Freibrief für einen etwas heterogenen Buchaufbau verstanden worden, der meine Lust am Systematischen etwas irritiert, andererseits einer anarchischen Blätterlust sozusagen auch auf inhaltlicher Ebene entgegenkommt.

Typographie: Die Kunst, Blicke zu fangen

So findet sich der in meinen Augen interessanteste Text erst auf den Seiten 317-335: „Die Kunst, Blicke zu fangen. Über die Typographie auf Buchumschlägen und Einbänden“ von Peter Nils Dorén (wie alle Texte übrigens in Paralleldruck auf Englisch und auf Deutsch). Allerdings geht es darin nur um den Teilaspekt Typographie auf Buchumschlägen, dieser allerdings wird informativ und interessant abgehandelt. Allerdings zwingt dieser Abschnitt auch dazu, ständig im ganzen Buch hin und her zu blättern, weil auf Bildbeispiele verwiesen wird, die in diesem Kapitel nur ausschnitthaft wiederholt sind (eine originelle Form der Bebilderung, die allerdings nicht ganz befriedigt).

Rückseite – Rücken – Vorderseite

Das Wesentliche an diesem Buch sind jedoch nicht die Texte, die etwas heterogen ausgefallen sind, sondern die den bei weitem größeren Raum einnehmenden Abbildungen von Buchumschlägen. Hier wird das gesamte Panorama der Buchgestaltungskunst der Weimarer Republik aufgeboten, mit einem Schwerpunkt auf dem fortschrittlichen Design etwa des Malik-Verlags, wo der Bruder des Verlegers Wieland Herzfelde, John Heartfield, der Chefgestalter war.

Wenn möglich, sind die abgebildeten Buchumschläge ganz, also von Rückseite über Rücken bis zur Vorderseite, abgebildet, vor allem dort, wo Vorder- und Rückseite eine gestalterische Einheit oder einen bewussten Kontrast bilden.

Die Bandbreite der Gestaltungskunst, die sich vor dem Betrachter auftut, ist äußerst vielfältig.  Es gibt Umschläge, die rein typographisch gestaltet sind, andere mit Zeichnungen, mit Fotos, mit Fotomontagen, mit Gemälden oder mit abstrakten Formelementen.

Themenvielfalt, Gattungsvildfalt

Geordnet sind die Beispiele nach unterschiedlichen, einander überlagernden Prinzipien: So gibt es Abschnitte über wichtige Verlegerpersönlichkeiten (von Samuel Fischer bis zu Leopold Ullstein), wichtige Buchgestalter (wie Jan Tschichold), über Künstler, die sich in der Buchgestaltung betätigten (z. B. Rudolf Schlichter), über inhaltliche Aspekte („Autos – gestern“, „Amerika“), über die „Jewish Book Culture“ (was seltsamer Weise im Deutschen mit „Jüdisches“ betitelt ist), natürlich über Kinderbücher oder humoristische Bücher, aber auch Abschnitte über Bücher zum Thema „Gefängnis“ oder das Blut als „heikles Gestaltungsmotiv“. Einige Verlage werden besonders herausgestrichen, neben dem schon genannten Malik-Verlag etwa der Verlag „Die Schmiede Berlin 1921 – 1929“ in einem umfangreicheren Kapitel von Frank Hermann (S. 283-293).

Keineswegs beschränkt sich die Darstellung auf literarische Werke, im Gegenteil, politische Bücher und Sachbücher aller Art werden genauso vorgestellt, sofern ihre Umschläge über die elementarste Nüchternheit hinausgehen.

Der Umschlag – ein Kleinplakat

Der Band deckt die erste Epoche der Buchkunst ab, in der der Buchumschlag sich vom lediglich schützenden Papier zu einem „Kleinplakat“ für das Buch entwickelt hat, das in den Auslagen der Buchhandlungen für das, worum es gewickelt ist, werben musste. Kein Wunder, dass die Gestalter oft zu aufdringlichen Mitteln gegriffen haben und Eleganz nicht immer oberstes Ziel war. Da aber damals weder die Wiedergabe von Farbfotos vernünftig möglich war, noch die heutigen typographischen und gestalterischen Möglichkeiten des Computers zur Verfügung standen, spielte die Hand des Künstlers noch eine viel direktere Rolle, da sowohl die Bildmotive wie auch häufig die Buchstaben von Hand gezeichnet und gemalt waren.

Inzwischen ist das eine längst vergangene Epoche der Buchkunst. Dazu mögen auch die Verluste an Bibliotheken im Zweiten Weltkrieg beigetragen haben. Ich treibe mich nicht selten auf Bücherflohmärkten oder in Antiquariaten herum, und dennoch waren mir fast alle der hier abgebildeten Buchumschläge unbekannt. Eine untergegangene Epoche…

The Book Cover in the Weimar Republic / Buchumschläge in der Weimarer Republik. Hg. v. Jürgen Holstein, mit Beiträgen v. Jürgen Holstein, Peter Nils Dorèn, Frank Hermann, Christoph Stölzl. Taschen-Verlag, Köln, 2015. 451 Seiten.

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Goethes Venedig

Wolfgang Krisai: Piazza San Marco, Venezia. Tuschestift. 2003.Auf dem Umschlag dieses Insel-Bücherei-Bändchens sieht man die von Canaletto gemalte Kirche Santa Maria della Salute, meine Lieblingskirche in Venedig. Ich las es als Vorbereitung für eine kurze sommerliche Venedigreise.

Der Band enthält lauter kurze Texte bzw. Textausschnitte Goethes, die sich mit Venedig befassen, dazu Abbildungen von Zeichnungen Goethes und Veduten, Gemälden und Kupferstichen anderer Meister.

Ein Sehnsuchtsort Goethes

Goethe ist von Venedig begeistert, da die Stadt seit seiner Jugend, wo er vom Vater ein Modell einer Gondel geschenkt bekommen hat, einer seiner Sehnsuchtsorte war. Zweimal ist es ihm vergönnt, die Stadt mit eigenen Augen zu sehen: zu Beginn seiner Italienischen Reise im Jahr 1786 und vier Jahre später noch einmal.

Goethe schreibt über die Stadt nicht nur Briefe und Tagebucheinträge, sondern auch die witzigen Venezianischen Epigramme, von denen eine Reihe in den Band aufgenommen sind. In einem davon vergleicht er die venezianischen Mädchen mit Eidechsen, die, kaum hat man sie erblickt, blitzschnell wieder verschwinden. Und, eilt man ihnen nach, einen vielleicht in eine dubiose Spelunke locken.

Theater und Literatur

Goethe interessiert nicht nur die Kunst der Stadt, sondern auch das Theater. Er sieht sich eine Aufführung einer Goldoni-Komödie an, in der das einfache Volk von Chioggia aufs Treffendste erfasst ist. Seine Sprachkenntnisse reichen aus, um das Stück genießen zu könne, auch wenn er, wie er zugibt, nicht jede Pointe mitbekommt.

Er engagiert zwei Gondolieri, die ihm auf charakteristische Weise den „Orlando furioso“ des Ariost vorsingen sollen und das auch tun: in einem Wechsel-Singsang, von einem Kanal-Ufer zum anderen hin und her.

Er beobachtet den Dogen, der an einem feierlichen Ritual teilnehmen muss und für Goethe, im Gegensatz zum typischen Habitus deutscher Fürsten, als ein ganz friedlicher Herrscher auftritt.

Müllentsorgung und Hochwasserschutz

Er wundert sich über den lässigen Umgang der Venetianer mit ihrem Müll. In die Kanäle dürfen sie nichts werfen, aber sie werfen den Müll auf die Gassen, und sobald ein Regen kommt, landet doch alles in den Kanälen…

Er interessiert sich für die Hochwasserschutzbauten am Lido, zeichnet und erklärt einen Querschnitt durch den Schutzdamm und beobachtet den auf dem Damm stattfindenden Wettlauf der Taschenkrebse mit den Muscheln, die sich immer im letzten Augenblick noch am Stein festsaugen, bevor die Krebsscheren zubeißen können.

Ein nettes Bändchen, das man schnell gelesen hat und das einem die Vielseitigkeit von Goethes Interessen wieder einmal vor Augen führt.

Goethes Venedig. Hg. v. Mathias Mayer. Mit zahlreichen Abbildungen. Insel-Verlag, Berlin 2015. Insel-Bücherei Nr. 1404. 86 Seiten.

Wolfgang Krisai: Piazza San Marco, Venezia. Tuschestift. 2003.

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Thomas Mann: Mario und der Zauberer. Illustriert von Kat Menschik

Illustration von Kat Menschik, © Officina Ludi 2014

Illustration von Kat Menschik, © Officina Ludi 2014

Durch den Blog „Besondersbuch“ (https://besondersbuch.wordpress.com/2015/01/30/25-jahre-officina-ludi/) wurde ich auf eine großartig illustrierte und gediegen gemachte Ausgabe der Erzählung „Mario und der Zauberer“ von Thomas Mann aufmerksam. Es ist eine von Kat Menschik mit mehrfarbigen, plakativen Illustrationen versehene Jubiläumsausgabe der Officina Ludi, Großhansdorf bei Hamburg, 2014. Von Hand im Hamburger Museum der Arbeit in 1500 Exemplaren im Buchdruckverfahren gedruckt und dennoch zu einem sehr günstigen Preis von rund 30 Euro zu erwerben. Da konnte ich nicht anders als kaufen.

Obwohl ich „Mario und der Zauberer“ schon mehrmals gelesen und im Unterricht behandelt habe, las ich die Erzählung jetzt wieder, um sie in dieser edlen Form genießen zu können.

Unangenehme Erlebnisse in Italien

Ein Erzähler, unverkennbar Thomas Mann selbst, erzählt von einem seltsam missglückten und dennoch faszinierenden Sommerurlaub am Strand des Tyrrhenischen Meeres im Italien der 20er-Jahre. Dort hat sich ein unangenehmer Nationalismus und „Moralismus“ breit gemacht, der der deutschen Urlauberfamilie lästige Ärgernisse bereitet.

Am Strand herrscht ein selbstbewusster Pöbel, der zum Beispiel einen kurzen, unbedachten Moment der Nacktheit der Tochter des Erzählers zum Verstoß gegen die öffentliche Moral aufbauscht. Die Polizei wird eingeschaltet, die Deutschen müssen 50 Lire Strafe zahlen.

Im Hotel werden sie Opfer einer Überängstlichkeit einer italienischen Fürstin, die die letzten Reste eines Keuchhustens der deutschen Kinder für hoch ansteckend hält. Statt sich in ein Nebengebäude umquartieren zu lassen, ziehen die Deutschen es vor, sich in der Pension Angioleri einzuquartieren, wo die Atmosphäre erfreulicher ist.

Mehrmals denkt man an Abreise, setzt sie aber nicht in die Tat um.

Ein Zauberer mit unglaublichen Fähigkeiten

Schließlich besuchen sie den Kindern zuliebe die abendliche Vorstellung eines Zauberkünstlers, eines gewissen Cipolla (zu Deutsch: Zwiebel). Die Schilderung dieser Vorstellung umfasst zwei Drittel der Erzählung.

Cipollas Veranstaltung ist denn auch wahrlich schildernswert: Der Mann ist nämlich kein normaler Zauberer, sondern ein Hypnotiseur mit unglaublichen Fähigkeiten.

Dabei stellt er eine wenig einnehmende Erscheinung dar, bucklig, mit „splitterigen“ Zähnen, ständig billige Zigaretten rauchend und einen Cognac nach dem anderen hinunterkippend. Diese Stimulantien braucht er, um die „Leiden“ durchzustehen, die ihm der Auftritt bereitet. Cipolla sieht die Sache nämlich aus seinem persönlichen Blickwinkel: Nicht die von ihm zu grotesken Taten gezwungenen Hypnose-Opfer sind die Leidenden, sondern nur er, der Zauberkünstler selbst.

Er lässt gleich zu Beginn einen vorlauten jungen Mann dem Publikum die Zunge herausstrecken. Später rekrutiert er eine ganze Truppe von „Freiwilligen“ aus dem Publikum und lässt sie unablässig auf der Bühne „tanzen“. Cipolla erweist sich als telepatisch begabter Errater von gezogenen Spielkarten oder Errechner der Summe willkürlich vom Publikum genannter Zahlen. Das errechnen wäre noch nicht erstaunlich, sehr wohl ist es aber die Tatsache, dass Cipolla das Endergebnis schon vorher verdeckt auf einer Tafel auf der Bühne notiert hat und sie am Ende aufdeckt: Er hat schon vorausgewusst, was ihm das Publikum für Zahlen nennen wird… Dergleichen Erstaunlichkeiten hat Cipolla noch eine ganze Reihe auf Lager.

Ist der Zauberer Mussolini?

Natürlich ist man versucht, die Erzählung zu deuten, z. B. als versteckte Darstellung des faschistischen Italien mit Cipolla als Mussolini, der alle hypnotisiert. Wie ich meinen Büchern über Thomas Mann entnehme, sind sich die Interpreten allerdings nicht ganz einig, inwieweit so eine Interpretation schon von Thomas Mann intendiert sein konnte. Er selbst hat jedenfalls mehrmals gesagt, die Erzählung sei nicht primär als politische Satire gedacht gewesen.

Trotzdem hat man sie natürlich als Allegorie auf den Faschismus in Italien verstanden, mit dem Zauberer als Verführer, aber auch vor allem mit einem nur allzu willigen Publikum, das sich aus allen Schichten zusammensetzt und auch Ausländer umfasst – wie die Familie des Erzählers, der aber offenbar der einzige ist, der Cipolla kritisch sieht. Andere, zum Beispiel eine Engländerin, reißen sich geradezu darum, bei Cipollas Kunststücken mitmachen zu dürfen.

Die Macht des Künstlers

Neben der politischen Interpretation gibt es auch noch jene, die Cipolla als Künstlerfigur auffasst. Der verwachsene, von der Natur benachteilgte Künstler Cipolla erlangt durch seine „Kunst“ ungeahnte Macht über sein Publikum. Diese Interpretation hat allerdings den Nachteil, auf den ersten Teil der Erzählung kaum anwendbar zu sein, wo Cipolla noch überhaupt keine Rolle spielt, sondern nur das faschistisch aufgeheizte Klima in Italien dargestellt wird.

Den Zauberer hat Mann selbst in Italien erlebt, nicht aber den Paukenschlag am Schluss der Vorstellung – der zugleich das Ende der Erzählung ist. Cipolla holt sich den Kellner Mario auf die Bühne, suggeriert ihm, er sei dessen Geliebte, und bringt ihn dazu, ihn auf die Wange zu küssen. Als Mario, aus der Trance entlassen und völlig lächerlich gemacht, wieder ins Publikum zurückgeht, dreht er sich plötzlich um und schießt Cipolla nieder. (Man darf sich nicht fragen, wieso ein schlichter italienischer Kellner offenbar immer eine Pistole bei sich trägt und auch noch zielsicher zu schießen versteht.)

Dieser Schluss ist Manns Erfindung. Auch er schreit nach Interpretation: Ist er ein Aufruf, sich mit Gewalt gegen einen Diktator zur Wehr zu setzen? Wie soll man das Ende aber mit der Künstler-Interpretation in Einklang bringen? Da sehe ich keine Möglichkeit, wenn man nicht sagen will, der Künstler werde sozusagen das Opfer unverständigen Ignorantentums. Also dominiert doch eindeutig die politisch-ethische Aussage.

Patriotische Überschätzung seiner Nation

Thomas Mann sagte einmal, er habe damals nicht ahnen können, dass ausgerechnet das kultivierte deutsche Volk sich zu Unglaublichem verführen lassen würde: „Als ich [die Erzählung] schrieb, glaubte ich nicht, dass Cipolla in Deutschland möglich sei. Es war eine patriotische Überschätzung meiner Nation. Schon die gereizte Art, in der die Kritik die Erzählung aufnahm, hätte mir zeigen sollen, wohin die Reise ging, und was alles auch in dem ‚gebildetsten‘ Volk – gerade ihm – möglich sein werde.“ (zit. nach: Wilhelm Große: Textanalyse und Interpretation zu Thomas Mann Tonio Kröger / Mario und der Zauberer, Königs Erläuterungen 288, Bange-Verlag, Hollfeld 2010, S. 114)

Großartige Illustrationen

Die Illustrationen von Kat Menschik fangen die Atmosphäre der Erzählung treffend ein. Man ist an Jugendstil-Farbholzschnitte erinnert, wie sie zur Entstehungszeit der Erzählung und kurz davor in Mode waren. Den kräftigen Farbauftrag des Drucks kann man mit den Fingern ertasten – das nur zum derzeit viel gepriesen Aspekt des Haptischen von „pBooks“ im Gegensatz zu eBooks.

Insgesamt: zauberhaft!

Thomas Mann: Mario und der Zauberer. Ein tragisches Reiseerlebnis. Illustriert von Kat Menschik. Officina Ludi, Großhansdorf bei Hamburg, 2014. 47 Seiten.

Bild: Kat Menschik: Illustration zu „Mario und der Zauberer“, Seite 7. Copyright: Officina Ludi, 2014, wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

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